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Abb. 1. Haupt der h. Christina von Stommeln.
Die selige Christina
von Stommeln.
Von
Dr. Arnold Steffens,
Domkapitular.
1912.
Druck und Kommissionsverlag der Fuldaer Actiendruckerei
in Fulda.
_Imprimatur_.
_=Fuldae=, 29. Okt. 1912._
_Dr. =Arenhold=_,
_Vic. gen._
Vorwort.
Die selige Christina von Stommeln, die vielgenannte und vielfach
verkannte hervorragendste Vertreterin des beschaulichen Lebens im
Cölner Erzbistum aus dem dreizehnten Jahrhundert, ist in letzter
Zeit infolge der seitens des h. apostolischen Stuhles erfolgten
Bestätigung ihrer unvordenklichen Verehrung Gegenstand besonderer
Aufmerksamkeit geworden. Die Nachfragen nach einer eingehenden
Darstellung ihres Lebens mehrten sich. Das im Jahre 1859 über
sie erschienene Buch von Pfarrer Theodor Wollersheim ist längst
im Buchhandel vergriffen. Eine Neuauflage desselben empfahl
sich nicht, weil es mehr eine Uebersetzung der Materialien zur
Geschichte Christinas ist, und zudem noch eine vielfach ungenaue und
irrtümliche, als eine durchgearbeitete Darstellung ihres Lebens.
Da der Verfasser gegenwärtiger Arbeit im kirchlichen Prozeß
der Bestätigung der Verehrung Christinas als Antragsteller das
Beweismaterial beizubringen hatte und sich deshalb mit allem, was
auf die Dienerin Gottes Bezug hatte, vertraut machen mußte, wurde
er von verschiedenen Seiten ersucht, eine neue Darstellung ihres
Lebens zu bearbeiten, zumal am 6. November dieses Jahres die sechste
Jahrhundertfeier ihres Todes eintrifft.
Die Aufgabe hat ihr Verlockendes, aber auch ihr Schwieriges.
Verlockend ist sie, weil es sich darum handelt, eine innige,
gottliebende, durch das Feuer der Trübsale erprobte starkmütige
Frauengestalt der an Heiligen jederzeit fruchtbaren Cölner Kirche zu
schildern.
Schwierig ist sie, weil Christina zu jenen zählt, die auf dem
Wege der innigsten Gottvereinigung, die ein Ausfluß der Gaben
des h. Geistes ist und gewöhnlich als mystische bezeichnet wird,
zur beseligenden Anschauung Gottes im himmlischen Vaterlande
geführt wurde. Solche Seelen aber sind regelmäßig durch Gottes
Zulassung Gegenstand außergewöhnlicher Anfechtungen und Quälereien
seitens der bösen Geister. Auch in Christinas Leben treten sie
in die Erscheinung, sind jedoch beschränkt auf die Bußzeiten des
Kirchenjahres und finden sich auch nur in den beiden mittleren
Jahrzehnten ihrer siebenzigjährigen Lebensdauer. Da alles Dämonische
stets seine dunklen Seiten hat, eine eingehende Nachprüfung der
vielgestaltigen, stets neuen Arten der angeblichen teuflischen
Quälereien, die über sechshundert Jahre zurückliegen, im Einzelnen
kaum möglich ist, auch ermüdend wirken würde, erschien es dem
Verfasser am zweckmäßigsten, Christina so zu schildern, wie sie sich
selbst gibt, und den Ideenkreis ihrer Zeit getreu wiederzugeben.
Einzelne der berichteten Vorgänge lassen sich freilich als
Krankheitserscheinungen erklären; allein die meisten haben mit
Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang, sie
sind einfach körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer Hand
ausgeführt wurden.
Selbstverständlich bleibt es einem jeden überlassen, sich über diese
Vorgänge sein Urteil zu bilden. Die Verehrungswürdigkeit Christinas
hängt nicht davon ab, ob ihre Leiden natürlichen oder teuflischen
Ursprunges waren. Sie hat dieselben mit heldenmütiger Geduld
ertragen. Auch für solche, die geneigt sind, Christinas Leiden und
Anfechtungen auf natürliche Gründe zurückzuführen, gilt sie als eine
fromme und heilige Person.
Quelle der Darstellung ist vor allem der handschriftliche Kodex des
Pfarrarchivs zu Jülich, der den Titel führt: _Legenda et passio
sancte christine virginis_.Er ist auf Pergament geschrieben, in Holz
und Leder gebunden und besteht aus drei Büchern. Das erste Buch
hat die Ueberschrift: _Incipit liber primus de virtutibus sponsae
Cristi Cristinae compilatus a fratre Petro de ordine predicatorum_.
Es zählte 39 Blätter, von denen jedoch 22 fehlen. Im Anschluß an
43 Hexameter handelt es von den Tugenden, die Christina besonders
zierten, ohne daß jedoch ihr Name genannt wird. Abgesehen von den
Hexametern ist dasselbe noch nicht veröffentlicht. Das zweite Buch
hat die Aufschrift: _Incipit liber secundus de vita benedicte
virginis Cristi Cristine_. Es zählt 55 Blätter. Dasselbe wurde
auf Kosten der schwedischen Staatsregierung in mustergültiger
Weise herausgegeben im Jahre 1896 durch Professor Johannes
Paulson in Gotenburg (Wettergren und Kerber). Das dritte Buch ist
überschrieben: _Incipit liber tertius de passionibus sepe benedicte
virginis cristi cristine, quem compilavit magister Johannes
capellanus virginis_. Es zählte gleichfalls 55 Blätter; die Zählung
schließt sich jedoch an die des zweiten Buches an. Das vorletzte
Blatt fehlt. Es ist veröffentlicht bei den Bollandisten unter dem
22. Juni, und auch Professor Paulson hat im Appendix seiner Schrift:
_In tertiam partem libri Juliacensis annotationes_, Blatt 66-72 und
110 aus demselben abgedruckt. Verfaßt ist der Kodex zur Zeit, als
Christina und Petrus noch lebten, also noch vor 1288. Der Kodex, wie
er jetzt ist, wurde zusammengestellt und geschrieben um das Jahr
1340, wahrscheinlich auf Veranlassung des Grafen Dietrich von Cleve.
Das dritte Buch enthält ausgesprochenermaßen Berichte über Vorgänge
visionärer Natur und kommt daher für die Geschichte wenig in
Betracht.
Die bei den Bollandisten unter dem 22. Juni abgedruckte _Vita
anonyma_ ist eine bald nach Christinas Tode aus dem im Jülicher
Kodex vorhandenen Material zusammengestellte Lebensbeschreibung
Christinas, die wohl zur Einleitung ihrer Heiligsprechung dienen
sollte. Sie kommt nebst einer Nachschrift zum zweiten Buch der
Jülicher Handschrift in Betracht für das Lebensende Christinas und
den Beginn ihrer kirchlichen Verehrung.
Unsere Darstellung fußt, was Christinas Leben anbelangt, im
Wesentlichen auf dem zweiten Buch der Jülicher Handschrift, das
Petrus von Dazien als Augenzeuge der Vorgänge geschrieben und sein
Landsmann, Professor Johannes Paulson im Jahre 1896 herausgegeben
hat.
Petrus von Dazien war ein gewissenhafter Schriftsteller, der
außerordentlich sorgfältig arbeitete. Die ungemein zahlreichen,
in dem Buch vorkommenden Orts- und Zeitangaben, desgleichen die
Angaben über Persönlichkeiten und Zeitverhältnisse, überhaupt alle
Angaben, die eben nachgeprüft werden können, erweisen sich als
zutreffend, sodaß kein Grund, Dingen, die sich der Nachprüfung
entziehen, die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Er berichtet getreulich
und umständlich, was er gesehen und gehört. Ob er die Natur der
außergewöhnlichen Vorgänge im Leben Christinas richtig erfaßt und
beurteilt hat, bleibt dahingestellt. Man tut ihm jedoch Unrecht,
wenn man sagt, er habe alles Außergewöhnliche gleich für Teufelswerk
gehalten. Im Gegenteil forschte er mitunter nach, ob nicht äußere
Ursachen, etwa mutwillige Menschen, die Vorgänge bewirkt hätten. Daß
auch innere Ursachen im Spiel sein konnten und einzelne Vorgänge als
Krankheitserscheinungen sich deuten lassen, scheint ihm freilich
nicht in den Sinn gekommen zu sein, weil eben Christina nicht
krankhaft veranlagt war.
=Der Verfasser dieser Schrift hat seinen persönlichen Anschauungen
rückhaltlos Ausdruck gegeben. Er will aber dadurch andere nicht
verpflichten und unterwirft dieselben ebenso rückhaltlos dem Urteile
der Kirche.=
=Cöln=, den 24. Juli 1912.
$Dr. Arnold Steffens.$
Literatur.
I. =Vollständige Bücher.=
1. _Petri de Dacia vita Christinae Stumbelensis. Johannes
Paulson, Gotoburgi 1896. Fasc. II secundum de vita Christinae
librum continens._
2. _In tertiam partem libri Juliacensis annotationes._ Johannes
Paulson, Göteburg 1896.
3. _Jülicher-handskriften till Petrus de Dacia._ Johannes
Paulson, Göteburg 1894.
4. _Lilium inter spinas_ (deutsch geschrieben). Kaspar Peter
Lull, Cöln 1689.
5. Leben und Leiden der sogenannten wunderbarlichen Christinae
von Stommeln im Herzogtum Jülich, Prediger Ordens der dritten
Regel des h. Dominici, durch einen Prediger des Prediger
Ordens. _F. L. F. O. P._ Cöln. 2. Aufl. 1744.
6. Das Leben der ekstatischen und stigmatischen Jungfrau
Christina von Stommeln. Theodor Wollersheim, Köln 1859.
II. =Ausführliche Abhandlungen in größeren Werken.=
1. _Acta Sanctorum Junii tom. IV pag. 270-454. Antwerpiae 1707._
2. _Novale Sanctorum. Joannes Gillemannus, canonicus in
Rougecloître 1487._
3. Die Legend deren Heiligen. _P. Dionysius de Luxemburg_ (†
1703).
4. Legende der Heiligen. Martin von Kochem. Augsburg 1705.
5. Die christliche Mystik. Johann Josef von Görres. 4 Bde.
Regensburg und Landshut 1836-1842 (2. Bd. S. 249 ff. S. 416;
3. Bd. S. 416).
6. Legende oder der christliche Sternhimmel. Alban Stolz, Freiburg
1851-1860 (unter dem 22. Juni).
7. _Histoire littéraire de la France XXVIII (1881). Ernest Renan.
La bienheureuse Christine de Stommeln._ S. 1-16.
8. Der Marien-Psalter. Dülmen 1891/1892 S. 33 und 222; 1896/1897
S. 41-47.
9. Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein. Heft 68
(1892). Die Verlegung des Kollegiatkapitels von Stommeln nach
Nideggen und von Nideggen nach Jülich. Dr. Arnold Steffens
(S. 109-132).
10. Geschichte des deutschen Volkes vom 13. Jahrh. bis zum Ausgang
des Mittelalters. Emil Michael, Freiburg i. B. 1903. 3. Bd.
S. 165-167.
III. =Kürzere Notizen in größeren Werken.=
1. Martyrologium des Usuard, Greven'sche Ausgabe v. J. 1515.
2. Martyrologium des Kanisius. Dillingen 1570.
3. _De Archiepiscoporum ac episcoporum Coloniensium origine et
successu. Petrus Merssaeus. Coloniae 1580 (S. 115)._
4. _Annales Novesienses_ von Werner aus Titz bei Martène _„Veterum
scriptorum amplissima collectio“ tom. IV pag. 584._
5. _De admiranda ... magnitudine Coloniae. Aegidius Gelenius,
Coloniae 1645 sub 23. Junii u. 6. Nov._
6. Von den Wunden Christi. Petrus de Wael S. J. Antwerpen 1649.
7. _Annales Juliae. Wernerius Perarius_ (Teschenmacher).
8. _Animae illustres Juliae etc. Theodorus Ray S. J. Neoburgi
1663_ (unter dem 22. Juni).
9. _Theses de gratia. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1734._
10. _Bibliotheca Coloniensis. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1747._
11. _Repertoire des sources historiques du moyen âge, Ulysse
Chevalier. Paris 1857 (col. 450)._
12. _Trésor de chronologie etc. De Mas Latrie. Paris 1889. Table
alphabétique générale des Saints col. 700; classément des
principaux Saints. Allemagne occidentale col. 903._
13. Geschichte der alten Jülich'schen Residenz Nideggen. Martin
Aschenbroich, Bochum 1867 (S. 132).
14. Alte und neue Erzdiözese Cöln. 4 Bde. Binterim und Mooren
1828-1831. Neubearbeitet von Mooren 1892 (I S. 177).
15. Beiträge zur Geschichte der Stadt Cleve. Dr. Scholten. S.
127-127, 134-135.
16. Geschichte des früheren Gymnasiums zu Jülich. Prof. Dr. Kuhl,
Jülich 1891 (I S. 26-27; 253-254).
17. Die Hubertusschlacht bei Linnich. Der hohe Orden vom h.
Hubertus. Dr. Heinrich Oidtmann. Jülich 1904. S. 67 und 69.
18. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz von Paul Clemen. VIII.
Bd. Kreis Jülich, von K. Frank, Oberaspach und Edmund Renard,
Düsseldorf.
IX. Bd. Kreis Düren, von Paul Hartmann und Edmund Renard,
Düsseldorf 1910 (S. 234-235).
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Kapitel: Christinas Herkunft und Kindheit 1
2. Kapitel: Christina bei den Beginen in Cöln 9
3. Kapitel: Christina in Stommeln bis zum ersten 19
Besuch des Petrus von Dazien (1259-1277)
4. Kapitel: Zur Beurteilung des Dämonischen 24
5. Kapitel: Erster Besuch des Petrus von Dazien bei 39
Christina im Advent 1267
6. Kapitel: Zweiter Besuch des Petrus. Christinas 45
Entrückung und Seelenjubel
7. Kapitel: Dritter und vierter Besuch des Petrus. 49
Christina empfängt die Wundmale des
Herrn
8. Kapitel: Drei weitere Besuche des Petrus an den 56
Festen Kreuzauffindung, Pfingsten u.
Maria Magdalena
9. Kapitel: Achter, neunter und zehnter Besuch des 64
Petrus zu Allerheiligen, im Advent und
zu Weihnachten 1268. -- Seelenjubel,
Besudelung
10. Kapitel: Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche 74
Versuchung. Elfter und zwölfter Besuch
des Petrus
11. Kapitel: Christinas Briefwechsel mit Petrus 84
während dessen Aufenthalt in Paris (Mai
1269 bis Juli 1270)
12. Kapitel: Besuche des Petrus in Stommeln bei 97
seiner Rückkehr von Paris.
13. Kapitel: Briefwechsel nach des Petrus Rückreise 101
nach Schweden. Christinas Eltern und
Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279
14. Kapitel: Bruder Petrus kommt aus Schweden nach 113
Stommeln, um Christina zu besuchen. 1279
15. Kapitel: Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280 118
16. Kapitel: Christina bewirkt die Bekehrung der 135
Sünder und die Befreiung der armen
Seelen aus dem Fegfeuer
17. Kapitel: Christinas letzte Prüfungen, 149
friedevoller Lebensabend und seliges
Ende.
18. Kapitel: Christinas Verehrung nach dem Tode und 162
deren Bestätigung durch Papst Pius X.
Verzeichnis der Abbildungen.
1. Haupt der h. Christina von Stommeln.
2. Kirchhügel zu Stommeln.
3. Beginenfigur (14. Jahrh.).
4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639).
5. Handschuh und Buchtäschchen Christinas.
6. Gebetstäfelchen Christinas.
7. Bild Christinas am Cölner Dom.
8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.
9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.
10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.
12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.
13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.
Erstes Kapitel.
Christinas Herkunft und Kindheit.
Eine Passionsblume erblühte im alten Jülicherland, viele hundert Jahre
sind es her. Gar lieblich war ihr Duft und tief purpurn ihre Farbe.
Entzückt neigten sich Gottes Enkel über sie und gute Menschen staunten
sie bewundernd an. Auch heute noch ist ihr Duft nicht verweht und ihre
Farbenglut nicht verblaßt. Im Gegenteil, köstlicher als je weht uns in
diesem Jahre der Wohlgeruch ihrer Tugenden entgegen, herrlicher als je
prangt heuer ihr verehrungswürdiger Name. Am 6. November dieses Jahres
werden nämlich sechshundert Jahre verflossen sein, seitdem diese Blume
aus dem Garten der Cölner Kirche ins himmlische Paradies verpflanzt
wurde. Die selige Christina von Stommeln meine ich, die im Jahre 1242
zu Stommeln geboren wurde, dort am 6. November 1312 starb, seit dem
22. Juni 1586 in einem Hochgrabe in der Hauptkirche zu Jülich ruht und
deren unvordenkliche Verehrung durch Papst Pius X. am 12. August 1908
die höchste Bestätigung erhielt.
In eine gewaltig bewegte Zeit fiel das Leben Christinas. Ein
jugendfrisches Geschlecht bevölkerte damals unsere heimischen Gauen,
das zwar mit Begeisterung dem christlichen Glauben anhing, aber die
angestammte heidnische Wildheit noch nicht vollständig überwunden
hatte. Christlicher Heldensinn und lasterhafter Frevelmut, zarte
Gottinnigkeit und leidenschaftliche Roheit, grausige Verbrechen und
strenge Bußübung gedeihen nebeneinander. Es ist das Zeitalter, in dem
Papst und Kaiser in Fehde lagen, es ist das Zeitalter der letzten
Kreuzzüge, aber auch die kaiserlose, schreckliche Zeit, in der
Räuberhorden sich allerorts breitmachten, eine Zeit, die an Kampf und
Streit ihre Freude hatte, eine Zeit großen Wohlstandes und mächtigen
Aufblühens in Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, eine Zeit,
wo der ungestüme Freiheitsdrang der Bürger erfolgreich ankämpfte gegen
die Macht des Adels und der Geistlichkeit, es ist die Zeit, in der
Konradin, der letzte Hohenstaufe, auf dem Blutgerüste zu Neapel sein
junges Leben lassen mußte, die Zeit, die den Cölner Dom gebaut, aber
auch die streitbaren, herrschgewaltigen Cölner Erzbischöfe im Kerker
geschaut.
Das alte Stumbelo, etwa 3½ Stunden nordwestlich von Cöln gelegen, dort,
wo die von Cöln über München-Gladbach nach Venlo führende Straße sich
kreuzt mit dem von Worringen nach Bergheim gehenden Wege, gehörte zur
Grafschaft Jülich, die 1336 zur Markgrafschaft und 1356 zum Herzogtum
erhoben wurde.
Die Grafen von Jülich waren kühne Haudegen, die, wiewohl sie in
ihrem Lande die Frömmigkeit pflegten, doch vor keiner Gewalttat
zurückschreckten, wenn es galt, ihren Machtbereich auf Unkosten des
Reiches und besonders der Cölner Kirche zu erweitern. Wilhelm II., der
Große genannt, war ein höchst lasterhafter Mensch, der im Kriege der
Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig aus Wut
darüber, daß sein Land mit dem Interdikt belegt worden war, die dem
h. Stuhl ergebene Geistlichkeit plünderte, mißhandelte und wegjagte
und dafür seine Kreaturen eindrängte. Er war verrufen weit und breit
wegen seiner Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Wollust. Sein Ende
entsprach seinem gottlosen Leben. Nicht weit von Stommeln führte die
alte Heerstraße, die von Jülich nach Cöln geht, vorbei. Sie ging damals
über Brauweiler. Auf dieser wohl ritt i. J. 1207 der Große Wilhelm
gen Cöln. Plötzlich wurde er von einer Herzschwäche befallen und sank
zu Boden mit den Worten: „Cöln werde ich nicht wiedersehen.“ Sein
Kaplan eilte herzu und sprach zu ihm: „Herr und Gebieter, entlaß die
Buhlerin und nimm Dein Weib zu Dir.“ Er hatte nämlich seine rechtmäßige
Gemahlin verstoßen. „Nimmermehr,“ erwiderte der Sterbende. Zur Buhlerin
aber, die gleichfalls herbeigeeilt war und unter Tränen ihn fragte,
was aus ihr werden solle, wenn er tot sei, sprach er: „Heirate einen
jungen Soldaten.“ Und so starb der trotzige Sünder. Sein Nachfolger
Wilhelm III. nahm das Kreuz und starb 1219 auf dem Kreuzzuge in
Aegypten. Wilhelm IV. war gleich seinen Vorgängern ein rauflustiger
Held, der in seiner langen Regierungszeit namentlich mit den Cölner
Erzbischöfen scharfe Fehde führte. Im Geburtsjahre Christinas fand
zwischen Lechenich und Brühl ein Treffen statt, bei dem Erzbischof
Konrad von Hochstaden in die Hände des Jülicher Grafen fiel, der ihn
neun Monate lang auf Schloß Nideggen in Haft hielt. Im Gefechte bei
Marienholz zwischen Zülpich und Lechenich, das im Jahre 1267 stattfand,
nahm er Erzbischof Engelbert von Falkenburg gefangen und hielt ihn bis
1271 zu Nideggen in Gewahrsam. Ein tragisches Ende jedoch ereilte ihn
in der Gertrudisnacht (16. März) des Jahres 1278 beim Ueberfall der
Stadt Aachen. Im Handgemenge wurde er nebst seinem Erstgeborenen, der
gleichfalls Wilhelm hieß, von einem Grobschmiede erschlagen.
Zur selben Zeit lagen die Cölner Erzbischöfe in schwerem Streite mit
der Stadt Cöln. Bei Frechen kämpften im Jahre 1257 die beiden Heere
mit großer Erbitterung gegeneinander. Erzbischof Konrad von Hochstaden
behauptete zwar das Schlachtfeld, erlitt jedoch große Verluste.
Konrads Nachfolger, Erzbischof Engelbert von Falkenburg, wurde, als
er inmitten seiner Würdenträger und Dienstmannen im Bischofssaale
saß, am 28. November 1263 von den Cölnern verräterischer Weise
überfallen und im Hause „zum Roß“ in der Rheingasse eingekerkert,
woraufhin die Stadt vom Papste mit dem Interdikt belegt wurde. Immer
größer wurde der Hader, immer höher stieg die Erbitterung auch unter
Engelberts Nachfolger, dem Erzbischofe Sigfrid von Westerburg, bis
schließlich auf dem Schlachtfelde bei Worringen, wo die Heeresmächte
des ganzen Niederrheins aufeinanderstießen, die Jahrzehnte hindurch
aufgespeicherte Wut am 5. Juni 1288 zur Entladung kam und die
Entscheidung fiel. Sigfrid wurde gefangen und Cöln wurde freie
Reichsstadt.
In dieser gährenden, wildbewegten Zeit lebte Christina. Ihr Heimatsort
Stommeln lag mitten auf dem Gebiete des Kampfes, wiewohl er nie
unmittelbar in denselben hineingezogen wurde. Gegenwärtig zählt der
Ort, der schon im 10. Jahrhundert ein ansehnliches Pfarrdorf war, rund
2500 Einwohner, die fast ausschließlich sich zur katholischen Religion
bekennen und Ackerbau treiben. In den ältesten Urkunden wurde der Ort
Stumbelo, in der Jülicher Handschrift jedoch Stumbele genannt. Der
Name, der soviel besagt als „Wald der Baumstümpfe“ (Stumbe = Stumpf und
lô = Wald) weist darauf hin, daß der Ort eine fränkische Siedelung ist
und auf abgeholztem Waldgebiete angelegt wurde. Die trotzige und treue
Art der salischen Franken, der alles Gezierte und Unechte widerstrebt,
die in ihrer Natürlichkeit und Geradheit selbst vor Derbheit und
Rücksichtslosigkeit nicht zurückschreckt, ist auch heute noch in der
Einwohnerschaft Stommelns unverwischt erhalten. Der gute Kriegsmann St.
Martin, der Lieblingsheilige der Franken, ist denn auch von jeher dort
Kirchenpatron. Der Bruder Kaiser Otto des Großen, Erzbischof Bruno, der
Heilige, von Cöln, der als Herzog von Lothringen zugleich Landesfürst
war, hat sich um Stommeln besonders verdient gemacht. Er schenkte
der Gemeinde einen ansehnlichen Wald, der jetzt teils Ackerland,
teils Weidengelände ist und der eingesessenen Bewohnerschaft, der
Realgemeinde Stommeln, zugehört. Die Pfarrkirche samt dem neben ihr
gelegenen Fronhofe wurde von demselben Erzbischofe im Jahre 961 dem
hochadeligen Damenstifte zur h. Cäcilia in Cöln einverleibt. Da der
Ackerboden der Stommeler Flur zu den gesegnetsten Gefilden Deutschlands
zählt, so herrschte von jeher Wohlstand unter den Bewohnern, aber
auch das kirchliche Leben stand dort im 13. Jahrhundert in schönster
Blüte. Ganz besonders aber wurde die Andacht zum bittern Leiden unseres
Heilandes in der Pfarrgemeinde gepflegt und an den Freitagen wurde
der Gottesdienst wie an den Sonn- und Feiertagen besucht. Eifrige
und angesehene Seelsorger standen an der Spitze der Pfarre und die
Dominikaner von Cöln leisteten häufig Aushülfe in der Seelsorge.
Ze Choln und ze Parîs
da sint die pfaffen harte wîs
di besten vor allen rîchen
so singt ein Dichter des 13. Jahrhunderts. Der selige Albert der Große,
der hervorragendste Gelehrte seines Zeitalters, stand damals an der
Spitze des Hauptstudiums der Dominikaner zu Cöln, wo Thomas von Aquin
sein Schüler war. Nicht bloß aus Deutschland, sondern auch von auswärts
strömten die wißbegierigen jungen Leute, vor allem aber die von ihren
Provinzialen als die talentvollsten befundenen Dominikaner nach Cöln,
das als Sitz der Gelehrsamkeit mit Paris wetteiferte. Stommeln war
der Erholungsort, wo an den schulfreien Tagen die Cölner Dominikaner
gerne verweilten. Sie fanden dort gastliche Aufnahme nicht bloß auf
dem Hofe des St. Cäcilienstiftes, sondern auch im Pfarrhause und bei
Gutsbesitzern. Bruder Mauritius sehnte sich, als er in Paris studierte,
nach Cöln zurück und seinem „Stommeler Aegypten“, wie er sich in
einem Briefe an Christina vom 15. Juni 1271 scherzhaft ausdrückt.[1]
Dort hätten sie frische Eier bekommen und schmackhaftes Gemüse zum
Fleische. In Paris jedoch seien die Eier verderbt und kleiner als die
Eifler Eier, die sie zu Cöln gegessen. Christina solle jedoch den Brief
niemanden zeigen, damit er nicht etwa eine üble Note erhalte, der Frau
Beatrix aber sagen, daß sie für die vom Kapitel heimkehrenden Brüder
frische Eier und Zulage frischen Käses bereite. Auch Bruder Folkwin
in Gotland erinnerte sich später noch mit Dankbarkeit der in Stommeln
zugebrachten Tage und schickte zur Bekundung dieser Dankbarkeit
der Christina einen größeren schwarzen Löffel aus Horn, Christinas
Schwester Hilla einen kleinen schwarzen Löffel, der Hilla vom Berge
einen weißen mit schwarzem Griffe und der Tochter des Vogtes ebenfalls
einen schwarzen Löffel aus Horn.[2]
[1] _Vita Christinae_ 243.
[2] A. a. O. 250.
Auch für den Schulunterricht der Knaben sowohl wie der Mädchen war in
Stommeln gesorgt. Die Knaben unterrichtete der Magister Johannes, der
entfernt mit Christina verwandt war und später Priester wurde.
Die Gerichtsbarkeit wurde ausgeübt durch einen im Orte ansäßigen Vogt,
der in der Nachbarschaft Christinas wohnte und mit ihrer Familie
befreundet war. In dieser wohlgeordneten, frommen und wohlhabenden
Pfarrgemeinde erblickte Christina das Licht der Welt im Jahre 1242.
Der Tag ihrer Geburt ist nicht näher bekannt. Daß sie am 24. Juli,
dem Feste der h. Jungfrau und Martyrin Christina, geboren sein soll,
ist nur eine Vermutung. Ihr Vater war ein vermögender Ackerwirt. Er
hieß Heinrich Bruso und seine Frau Hilla. Vom Geburtshause Christinas
sind noch Mauerreste erhalten geblieben. Es lag inmitten des Ortes an
der Hauptstraße, dort, wo gegenüber die Eschgasse zu der auf einer
ziemlichen Anhöhe gelegenen alten Pfarrkirche abbiegt. Es war ein
Gehöfte mit einem Doppelhause, einem ältern großen Hause und einem
kleinern Anbau. Noch immer führen die dort befindlichen Baulichkeiten
den Namen Brusohaus, und früher, als Stommeln noch zum Herzogtum Jülich
gehörte, war dort auch der Wohnsitz des Amtsverwalters.
Christina war nicht das einzige Kind ihrer Eltern. Sie hatte einen
ältern Bruder namens Heinrich, der etwas weltlich gesinnt war, wohl den
Versuch gemacht hatte, ins Kloster Kamp einzutreten, es aber wieder
verlassen hatte und nach Cöln übergesiedelt war. Außerdem hatte sie
einen jüngern Bruder, Sigwin genannt, für den sie in mütterlicher Liebe
besorgt war. Dieser trat als Laienbruder in den Dominikanerorden ein
und zwar in der Provinz Dazien, erhielt den Namen Gerhard, weil der
Name Sigwin in Schweden nicht gebräuchlich war, und führte zur größten
Zufriedenheit die Geschäfte eines Prokurators, da alle Einnahmen und
Ausgaben des Klosters durch seine Hand gingen. Wie Christina zwei
Brüder hatte, so hatte sie auch zwei Schwestern. Eine hieß Hilla und
die andere Gertrud. Beide scheinen älter gewesen zu sein als Christina.
Eine von ihnen wohnte später in Cöln; die andere heiratete und blieb
anfänglich in Stommeln. In Poulheim wohnten nahe Blutsverwandte
Christinas, zwei Schwestern nämlich und deren Brüder.
Schon in der Kindheit stand Christina, die ein gewecktes Mädchen war,
unter besonderer Einwirkung der göttlichen Gnade. In dem freilich erst
nach ihrem Tode von einem Ungenannten verfaßten Bericht über ihr Leben
lesen wir, daß der Jesusknabe dem fünfjährigen Kinde öfters erschien,
es im Glauben unterrichtete, es beten lehrte und ihm zum frommen Leben
Anleitung erteilte. Christina zeigte denn auch viel früher als andere
Kinder Verständnis für göttliche Dinge, ging gerne in die Kirche
und wohnte dort täglich mit kindlich frommer Andacht dem h. Meßopfer
bei. Als sie sechs Jahre alt war, schaute sie bei der Wandlung das
Jesukind in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Siehe, ich
bin hier zugegen, stets bereit, Barmherzigkeit zu erweisen. Wer also
um Barmherzigkeit fleht, wird Barmherzigkeit erlangen.“ Als sie sieben
Jahre zählte, wurde sie von einem Engel im Geiste ins Paradies geführt,
wo sie himmlische Geheimnisse schaute und mit unaussprechlicher
Wonne erfüllt wurde. Ein Seraph kam dort zu ihr, begrüßte sie als
die Auserlesene Jesu Christi und machte ihr kund, daß durch sie viele
Sünder bekehrt, viele Gerechte gestärkt und getröstet und viele Seelen
aus dem Fegfeuer würden befreit werden. Als der Engel sie dann wieder
zur Erde zurückgeführt und sie zu sich gekommen war, hub sie an zu
singen ein Lied, das so anfing:
Rosen und Lilien auf grünenden Auen
Ueberall prächtig und lieblich zu schauen,
Wie mein Brüderlein Jesu Christ,
Wenn man seiner Liebe genießt.
Im Alter von neun Jahren wurde sie um das Fest Mariä Verkündigung
drei Nächte nacheinander im Geiste von einem Engel der allerseligsten
Jungfrau Maria vorgestellt und in jeder dieser Nächte sang sie dreimal
nacheinander zuerst die Sequenz vom h. Geiste, die zu Pfingsten beim
Hochamt gesungen wird:
_Veni sancte spiritus,
Et emitte caelitus
Lucis tuae radium_
Komm, o Geist der Heiligkeit,
Aus des Himmels Herrlichkeit
Sende Deines Lichtes Strahl,
und sodann die von der allerseligsten Jungfrau, welche anfängt mit den
Worten:
_Ave rosa generosa
Salve candens lilium_,
Sei gegrüßt Du edle Rose
Gruß Dir Lilie blendendweiß,
und wenn sie diese Gebete beendet, so warf sie sich nieder vor der h.
Gottesmutter und sprach folgendes Gebet:
_Deprecor vos, mater
misericordiae, per amorem
dilectissimi filii vestri,
ut mihi apud ipsum peccatorum
meorum veniam impetretis necnon
et amicitiam et favorem eiusdem
filii vestri mihi procuretis._
Mutter der Barmherzigkeit, ich
bitte Dich bei der herzlichen
Minne, die Dein vielgeliebter
Sohn zu Dir getragen hat, Du
wollest mir bei ihm Verzeihung
meiner Sünden erlangen sowie
auch die Freundschaft und die
Huld dieses Deines Sohnes mir
erwirken.
Die h. Gottesmutter aber beantwortete jedesmal dieses Gebet mit den
Worten: „Freue dich, teuerste Tochter, und frohlocke; denn du wirst die
Braut und Freundin meines vielgeliebten Sohnes sein.“ Seit jener Zeit
wußte Christina diese beiden lateinischen Sequenzen auswendig, obschon
sie den Psalter noch nicht gelernt hatte, und wurde jedesmal, wenn sie
dieselben singen hörte, mit großer Wonne erfüllt.
Im Jahre 1252, als sie zehn Jahre zählte, erschien ihr in einer Nacht
Jesus Christus selbst im Traumgesichte in Jünglingsgestalt. Christina
erschrak. Christus aber sprach zu ihr: „Vielgeliebte Tochter, siehe,
ich bin Jesus Christus. Gelobe mir Treue, und zwar so, daß du mir
immerwährend dienest. Sollte dich übrigens jemand um ein anderes
Verlöbnis angehen, so sage ihm, daß du dich Jesu Christo selbst in
seine Hände verlobt habest“ -- dabei ergriff er ihre rechte Hand und
legte sie in die seine. -- „Bei den Beginen,“ so schloß der Herr,
„sollst du bleiben.“ Als Petrus von Dazien sie siebenundzwanzig Jahre
später über diese Erscheinung befragte, sagte sie: „Ich sah den lieben
Heiland im Glanze solcher Herrlichkeit und in solcher Schönheit, daß
ein menschliches Auge es nicht zu ertragen vermag. Deshalb kam ich
von Sinnen und drei Tage und drei Nächte hindurch war ich für alle
körperlichen Wahrnehmungen unempfänglich.“ Von diesem Tage an hatte
ihr Geist keine Ruhe mehr, sondern immerdar quälte sie sich mit dem
Gedanken, wie sie zu den Beginen kommen könnte.
Wie sie elf Jahre alt war und nach Weise der Schulkinder den Psalter
lernte, kam es ihr, wenn sie die Psalmen las, vor, als ob sie zu
demjenigen rede, dem sie Treue gelobt hatte. Und dann konnte sie nicht
anders als weinen vor seliger Freude.
Zweites Kapitel.
Christina bei den Beginen in Cöln.
Das engelgleiche Töchterlein des Heinrich Bruso wuchs inzwischen zur
blühenden Maid heran. Sie war mit allen Vorzügen ausgestattet, die ihre
Hand auch für die erlesensten aus der Schar der Jünglinge begehrenswert
machten. Sie war das Kind wohlhabender und angesehener Eltern. Schlank
von Wuchs und kräftig von Gestalt, machte sie mit ihrem frischen,
edelgeformten und von goldblondem Haar umwallten Gesichte den Eindruck
jungfräulicher Anmut. Kein Wunder, daß die Eltern daran dachten, sie
zu verloben; denn sie hatten keine Kenntnis von dem Traumleben ihres
Kindes. Doch Christina widerstrebte diesem Vorhaben. „Bei den Beginen
sollst du bleiben,“ so hatte der Herr ihr gesagt, und dieser Weisung
wollte sie folgen. Ohne Vorwissen der Eltern begab sie sich deshalb am
St. Katharinentage des Jahres 1255, als sie dreizehn Jahre alt war,
nach Cöln. Es schneite und stürmte und sehr kalt schnitt der Wind.
Nichts hatte sie von Hause mitgenommen, als ein leinenes Tuch, das sie
über den Kopf geworfen hatte. Eine Frau, die sie mitgenommen, zeigte
ihr den Weg. Die Freude, bald zu den Beginen zu kommen, beflügelte ihre
Schritte. Die einzige Besorgnis, die sie auf diesem Wege hatte, war
die, jene Frau könne sie möglicherweise verraten oder in Cöln, wo sie
unbekannt war, in ein Haus führen, wo ihre Ehre und Unschuld Gefahr
leiden könnte. Sie langte jedoch glücklich in Cöln an und ging sofort
zu den Beginen, wo sie auch aufgenommen wurde.
Die Beginen bildeten einen nach Art einer Ordensgemeinschaft
organisierten Stand weiblicher Personen, die als Jungfrauen, Ehefrauen
und Witwen sich zu einem enthaltsamen Leben entschlossen hatten. In
Folge der Kreuzzüge war damals die männliche Bevölkerung in unseren
Gegenden bedeutend verringert, und für einen erheblichen Teil der
weiblichen war mithin die Ehelosigkeit der gewiesene Weg. Es war
natürlich, daß diese weibliche Bevölkerung Anschluß an die bestehenden
Ordensgenossenschaften suchte. Die Prämonstratenser waren es, die
zuerst dieser Frauenbewegung sich annahmen, dann ihr aber, als sie
ihnen zur Plage wurde, wieder den Rücken kehrten. Darauf versuchten
die Zisterzienser die Lösung derselben Frage, die aber auch ihnen
ebenso wenig wie den Prämonstratensern gelingen sollte. Notgedrungen
bildete sich nun diese der Enthaltsamkeit geweihte Frauenwelt zu einer
selbständigen Eigenart des Ordenswesens aus, zum Beginentum. Ohne
Gründer und ohne Gründerin aus dem Drange der Verhältnisse geboren,
entwickelte es sich vorzugsweise in den belgischen und rheinischen
Landen zu großer Blüte. Seine Wiege ist die Stadt Nivelles in Brabant,
wo im Jahre 1207 das erste selbständige derartige Kloster entstand.
Als kirchliche Organisation wurde das Beginentum anerkannt durch Papst
Gregor IX., der ihm am 30. Mai 1233 einen Schutzbrief ausstellte. Den
Anforderungen, die der Völkerapostel an die gottgeweihten Frauen und
Jungfrauen stellt, nacheifernd, bemühten sich diese frommen Frauen,
nicht bloß ein keusches, enthaltsames Leben zu führen, sondern auch
den Geist des Gebetes zu pflegen, die hh. Sakramente häufiger zu
empfangen, ein Leben der Entsagung zu führen und sich in den Werken
der christlichen Barmherzigkeit zu üben. Sie trugen einfache, eigene
Kleidung von schwarzer Farbe, verrichteten das kirchliche Stundengebet,
pflegten aber auch mit besonderer Vorliebe das Rosenkranzgebet[3];
wohnten gewöhnlich in nächster Nähe der Pfarrkirche, trugen Sorge
für die hh. Gewande, die Reinheit und den Schmuck des Gotteshauses,
unterrichteten die Mädchen, pflegten die Kranken und beherbergten die
durchreisenden Fremden. Ihr Reformeifer erweckte jedoch vielfachen
Widerspruch. Man warf sie zusammen mit der Sekte der Apostoliker und
Albigenser, und weil in jenem Zeitalter ein Lütticher Priester namens
Lambert, zubenannt _le bègue_, d. h. der Stammler († 26. März 1187),
viel von sich hatte reden machen wegen seines Reformeifers, der ihn
in einen Streit mit seinem Bischof verwickelt hatte, in Folge dessen
er zensuriert und eingekerkert wurde, so nannte man sie Beginen, womit
der Begriff der Ueberkirchlichkeit und Widersetzlichkeit verbunden war.
Doch der Priester Lambert war mit Unrecht bekämpft worden; in der Tat
war er ein Mann Gottes. Papst Luzius III. hob das Urteil des Lütticher
Bischofes auf und gab dem unschuldig Gemaßregelten die Vollmacht zu
predigen wieder. Die neuen Ordensfrauen brauchten deshalb den ihnen in
kränkender Absicht zugelegten Beinamen nicht zurückzuweisen und er ist
ihnen in der Folge verblieben, wiewohl Lambert _le bègue_ geschichtlich
mit ihnen keinerlei Zusammenhang hat.[4] Als die beiden Bettelorden der
Dominikaner und Franziskaner sich hierzulande auszubreiten begannen,
kamen die Beginen wie von selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu
ihnen. Mit diesen beiden Ordensfamilien, die im ersten und zweiten
Orden das eigentliche Ordensleben für das männliche und weibliche
Geschlecht organisiert hatten, war nämlich ein dritter Orden planmäßig
verbunden, der eine losere Form des Ordenslebens für Weltleute
darstellte. Dieses Tertiarierwesen war aber seiner Idee nach der Grund
zur Bildung des Beginentums gewesen. Es ist deshalb auch nicht zu
verwundern, daß die Beginenhäuser sich um die Klöster der Dominikaner
und Franziskaner zu gruppieren pflegten. Im 15. Jahrhundert sind die
Beginen durch die kirchlichen Behörden veranlaßt worden, eine bestimmte
Ordensregel anzunehmen. Sie entschieden sich für die Augustinerregel.
Die noch heute blühenden Klöster der Zellitinnen in Cöln, Düren, Neuß
und Aachen sind dem Ursprunge nach Beginenklausen.
[3] Am Grabmal des Erzbischofs Engelbert III. († 1368) im Cölner
Dom sind auf der nördlichen Langseite die Schreibrüder, auf
der südlichen aber Beginen und sonstige Ordensfrauen in ihren
eigentümlichen Trachten, meistens mit Rosenkränzen verschiedenen
Formates in den Händen, dargestellt.
[4] Vgl. Die Anfänge der Beginen. Dr. Jos. Greven, Münster,
Aschendorf, 1912.
Das älteste Beginenhaus in Cöln ist der Konvent „_ver Selen_“,
der 1230 gegründet wurde, sich in der Stolkgasse befand und dem
Dominikanerkloster, dessen Stelle jetzt die Hauptpost einnimmt,
gegenüberlag. Allem Anschein nach war es dieses Haus, in das Christina
eintrat. Denn wir lesen von ihr, daß sie die Dominikanerkirche fleißig
besuchte. Im Kloster erhielt Christina jedoch bald Besuch. Ihre
Mutter hatte erfahren, wo sie sich hinbegeben. Sie kam nach Cöln, und
unter Tränen bat sie ihre Tochter, doch wieder mit ihr nach Stommeln
zurückzukehren. Christina indes war nicht hierzu zu bewegen. Zum
Entgelt versagte die Mutter ihr jegliche Aussteuer. Ein ganzes Jahr
hindurch ließ sie ihr nicht die mindeste Unterstützung zukommen, sodaß
Christina darben mußte und an manchen Tagen nicht einmal Brot zum Essen
hatte. Einige Beginen redeten ihr deshalb zu, sie sollte doch wieder
zu ihren Eltern zurückkehren. Sie aber lehnte dies ab, da sie lieber
dem Willen Gottes gemäß im Kloster in Armut, als bei den Eltern im
Ueberfluß leben wollte. Sie blieb ungefähr vier Jahre bei den Beginen
in Cöln und übte sich dort eifrig in der Schule der Vollkommenheit. Sie
liebte die Einsamkeit, um dem Gebete obliegen zu können; auf Erholung
und Unterhaltung nahm sie nicht Bedacht. An jedem Samstage und an allen
Vorabenden der Heiligenfeste fastete sie bei Wasser und Brot. Sie trug
ein einfaches, wollenes Kleid, aber kein leinenes Unterzeug. Ein fest
anliegender Gürtel umschlang ihre Lenden. Sie schlief allein. Holz
und Stein bildeten ihr Ruhelager, damit sie desto eher erwache und zum
Gebete sich erhebe. Zweihundertmal beugte sie das Knie in jeder Nacht
und tagsüber flehte sie zu allen Heiligen, deren Namen sie kannte,
sie möchten ihr die h. Liebe erwirken. Ihr Stundengebet verrichtete
sie gewöhnlich mit dem ganzen Körper seitwärts zur Erde hingestreckt,
Freitags dagegen streckte sie dabei die Arme in Kreuzesform aus und so
legte sie sich dann auch auf ihr Ruhelager. Strümpfe trug sie nicht;
sie hatte nur Sohlen unter den bloßen Füßen. Die Hälfte des Jahres
fastete sie, ohne irgendwelche Fleischnahrung zu sich zu nehmen. Ihr
gewöhnliches Getränk war Wasser, sehr selten nahm sie etwas Bier.
Alles, was nach Weichlichkeit aussah, war ihr zuwider. All ihr Sinnen
und Trachten war unablässig darauf gerichtet, zu betrachten, wie vieles
und wie schmerzliches Christus für uns gelitten hat.
Christina besuchte, wie gesagt, mit Vorliebe die Dominikanerkirche. Im
Jahre 1225 waren die Dominikaner nach Cöln gekommen. Die Stiftsherrn
zum h. Andreas hatten ihnen ihr in der Stolkgasse gelegenes Hospital
zur h. Maria Magdalena geschenkt. Dieses Hospital hatten die
Dominikaner zur Kirche umgewandelt, an deren Stelle Albert der Große
1271 die zu Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte prächtige
Kirche gotischen Stiles zum h. Kreuz erbaute. In jener älteren
Magdalenenkirche war eines Tages Christina in die Betrachtung des
bitteren Leidens unseres Herrn versenkt. Da wurde sie mit einem Male
entrückt. Sie war wie entseelt und mußte aus der Kirche nach Hause
getragen werden. Drei Tage lang dauerte dieser Zustand. Die Beginen
aber, mit denen sie zusammenlebte, wußten diesen Zustand nicht zu
beurteilen. Sie meinten, das müßte ein Anfall von Geisteskrankheit oder
von Fallsucht gewesen sein, und sie hielten deshalb Christina für eine
Minderwertige.
So ergeht es ja in der Regel den von Gott besonders begnadigten
Personen. Sie werden für unsinnig gehalten und Gott läßt dies zu, um
sie vor Ueberhebung zu bewahren.
Die Entzückung ist jedoch weit davon entfernt, etwas Krankhaftes
zu sein. Es hat ja auch Männer von Ruf gegeben, die künstlerische
Begabung, zumal das Dichter- und Musikergenie, als eine Art von
Wahnsinn ansahen. Und doch ist solch' künstlerische Begabung ein
Zeichen höchster Geisteskraft und Geistesgesundheit. Noch viel mehr
sind Verzückungen Aeußerungen höchsten Geistesaufschwunges. Freilich
können gottbegnadigte Personen und desgleichen Dichter und Musiker
gerade so gut geisteskrank werden wie andere Menschen; allein an
und für sich haben mystische Zustände und künstlerische Begabung mit
Geisteskrankheit nichts zu tun. Es gehört freilich ein Kennerauge dazu,
krankhafte Erscheinungen von mystischen Zuständen zu unterscheiden,
weil gewisse äußere Aehnlichkeiten vorliegen bei aller Verschiedenheit
des Wesens. Die Kenntnisse eines auch noch so hervorragenden
Nervenarztes reichen da nicht aus; der eigentliche Fachmann ist da
der mit den Zuständen des übernatürlichen Seelenlebens entweder durch
eigene Erfahrung oder durch eindringendes Studium der Wissenschaft der
Heiligen vertraute Geistesmann.
Die h. Teresia, eine der vorzüglichsten Lehrmeisterinnen
des geistlichen Lebens, wußte wohl zu unterscheiden zwischen
Weiberohnmachten und Verzückungen. Sie kannte beide Zustände aus
Erfahrung. Auch träges, träumerisches Versunkensein beim Gebete hat
mit Verzückung nichts zu tun. Diese ist vielmehr ein machtvoller,
urplötzlicher Aufschwung der Seele zu Gott, ihrem Urheber. Es sind
nicht mehr die natürlichen, von der Gnade unterstützten Fähigkeiten
der Seele, die da tätig sind; es ist vielmehr der Geist Gottes
selbst, der h. Geist, der durch seine sieben Gaben, zumal durch die
Gabe des Verstandes, den menschlichen Geist anregt und leitet. Ein
unmittelbares Schauen der Gottheit, wie es im Zustande der Verklärung
eintritt, findet freilich nicht statt. Dazu bedarf es des Lichtes
der Herrlichkeit. Auch bei der mystischen Vereinigung wird die Seele
geleitet auf dem Wege des Glaubens, der nicht im Schauen aufgegangen
ist. Allein die Seele ist auf eine höhere Stufe des übernatürlichen
Lebens erhoben, welche die Mitte hält zwischen dem gewöhnlichen
Gnadenzustande und der Himmelsseligkeit. Vermöge der Eingießung
der Gaben des h. Geistes sind es nicht so sehr die natürlichen
Seelenkräfte, die tätig sind, es ist vielmehr der Geist Gottes, der von
der Seele Besitz ergreift und in ihr tätig ist. Da ist nun höheres,
göttliches Licht, da ist ein Vorgeschmack der Seligkeit und Wonne
des Himmels. Würde jemand aus nebelumlagerter Finsternis plötzlich in
der h. Weihnacht in den in hellster Beleuchtung prangenden Cölner Dom
eintreten und sein Ohr von den Klängen überirdischer Musik entzückt
werden, er würde sprachlos dastehen, staunen und genießen. Und wenn
dies Schauen und Genießen auch nur eine Viertelstunde währen sollte, es
würde ihm zeitlebens unauslöschlich vor der Seele stehen, und niemand
würde ihm einreden können, er habe nur ein Traumbild geschaut. Aehnlich
ist es mit der Seele, die entzückt wird. Beim Einfluten des Lichtes
der Gottheit wird sie sprachlos. „Der Atem stockt, sodaß sie, wenn
auch die Tätigkeit der anderen Sinne noch andauert, durchaus nicht
reden kann. Manchmal jedoch hört urplötzlich alles auf, es erkalten
die Hände und der ganze Körper erstarrt derart, daß es den Anschein
gewinnt, die Seele sei nicht mehr da, und mitunter kann man auch keinen
Atem wahrnehmen. Dieser empfindungslose Zustand dauert jedoch nur kurze
Zeit; denn sobald dieser gewaltige Aufschwung etwas nachläßt, scheint
der Körper wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um
aufs neue zu sterben und der Seele ein höheres Aufleben zu verschaffen.
Bei all dem dauert eine solche großartige Verzückung nie lange. Es
kommt aber auch vor, daß nach ihrem Aufhören der Wille so versenkt und
der Verstand einen ganzen Tag oder mehrere Tage so entrückt bleibt, daß
es den Anschein hat, er könne auf nichts achten als auf das, was den
Willen zur Liebe zu erwecken vermag. Hierzu ist er in vollkommen wachem
Zustande, dagegen ist er ganz eingeschlafen, wo er einem Geschöpfe
besondere Aufmerksamkeit zuwenden soll.“