Wiederkehr der Sonne am Morgen und der des Mondes und der Sterne am
Abend, des Aufkeimens der Pflanzenwelt im Frühling, der Verwandlung
der Insekten aus mühsam kriechenden in lustig fliegende Wesen hat seit
den ältesten Zeiten und bei fast allen Völkern die Menschen dahin
geleitet, wie für die gesamte Natur, so auch für das Leben jedes
Einzelnen eine Auferstehung nach dem Tode zu erwarten. Nicht zu leugnen
ist, daß neben diesen Beobachtungen zuerst auch die Selbstliebe des
Menschen, später die große, gar zu oft übertriebene Ansicht von der
Wichtigkeit seines Ich bestimmend auf sein Verlangen, nach dem Tode
fortzuleben, eingewirkt hat, während in edler entwickelten Naturen
an die Stelle dieser Stimmungen eine uneigennützige Hoffnung auf ein
Wiedersehen mit den vorangegangenen Lieben und ein besseres Dasein der
Geister überhaupt nach dem Willen Gottes trat. Träume im Schlafe vom
Wiedersehen mit Verstorbenen trugen ebenfalls das ihrige dazu bei.
Alle diese Umstände zusammen genommen erklären es, warum sämtliche
Religionen ihren Vorstellungen vom Fortleben nach dem Tode, oder, wie
es kurz ausgedrückt wird, ihrem +Jenseits+ ein durchaus +sinnliches+
Gepräge geben, als ob es sich von selbst verstände, daß die Seele nach
ihrer Trennung vom Körper einen neuen, wenn auch leichtern und zartern
Leib erhielte, wodurch? wird niemals erklärt werden, weil es nicht
erklärt werden kann.
Der Begriff des „Wiedersehens“ schließt offenbar ein Sehen und das
Sehen Augen in sich. Mit einem bloß geistigen Sehen würde sich
schwerlich ein Jenseitsgläubiger befriedigt fühlen, abgesehen von
der Unklarheit dieses Begriffes. Damit ist auch die Religion nicht
zufrieden, indem sie sogar eine „Auferstehung des Fleisches“ lehrt.
Wo die Seele zwischen dem Tode und dieser Auferstehung weile, ist
ein -- Geheimnis. Es ist auch unklar, von wem bis dahin die Orte
des Jenseits bevölkert würden. Die römische Kirche füllt diese
Lücke mit dem Fegfeuer aus, ohne zu erklären, wie körperlose Seelen
von einem Feuer gebrannt werden können. Diese Bedenken hielten
aber den großen, mit riesenhafter Phantasie begabten Dante und
andere Jenseitsschilderer nicht ab, schon zu ihren Lebzeiten Hölle,
Reinigungsort und Himmel (Paradies) bereits ziemlich angefüllt
darzustellen. Manche Völker suchten sich den Zwiespalt zwischen der
Trennung von Seele und Körper und sinnlichem Jenseits dadurch zu
erklären, daß sie als das Fortlebende den Atem oder Schatten des
Menschen betrachteten; manche auch ließen Pflanzen und Tiere nach ihrem
Absterben im Jenseits fortleben, andere wieder nahmen im Menschen
2, 3, 4 Seelen an, deren jede eine besondere Bestimmung habe. Nicht
selten ist der Glaube an eine zeitweilige Abwesenheit der Seele vom
Leibe, eine öfter wiederholte Trennung beider. Dieser Glaube hat als
Aberglaube die bizarrsten Auswüchse krankhafter Phantastik erzeugt,
wie die Sagen von Doppelgängern, vom „zweiten Gesicht“, Fernwirkungen,
Todesverkündigungen, Ekstasen, Verzückungen und anderes. Der
Widerspruch, daß ein Leben zwar einen Anfang, aber kein Ende haben,
also zugleich endlich und unendlich sein soll, sucht die in Indien
besonders lebhaft ausgeschmückte Lehre von der +Seelenwanderung+ zu
lösen, nach der die Seele nach dem Tode unbekannt wo weilen und nach
geraumer Zeit in einem neuen je nach ihrem Verdiente tierischen oder
menschlichen Körper wieder geboren werde und so ohne Anfang und Ende.
Nur das seligen Geistern vorbehaltene +Nirvana+ (wörtlich: Auslöschen)
befreit davon.
Der Aberglaube an Geistererscheinungen fußt natürlich auf dem Glauben,
daß der Abgeschiedene seine Gestalt behalte, der an Spuk darauf, daß
ihm auch seine physischen Kräfte gewahrt bleiben, beide darauf, daß die
Seele an oder nahe bei ihrem Aufenthalte im Leben verweilen müsse, bis
sie erlöst würde.
Der +Ort+ des Jenseits macht die buntesten Phantasien durch. Man
kennt Eingangstore zum Totenreiche, so zum griechischen Tartaros, zum
römischen Orkus; im deutschen Volksglauben führen verschiedene Stellen
durch Sümpfe, Höhlen u. s. w. dahin. Naturvölker fabeln von Abenteuern,
die der Tote auf seiner Reise ins Jenseits zu bestehen habe; er muß
steile und schlüpfrige Berge, haarschmale Brücken, Abgründe, reißende
Ströme, Meere u. s. w. überwinden. Es wird auch erzählt, daß Seher,
Häuptlinge u. dergl. dort gewesen und auf die Erde zurückgekommen
seien. Das Jenseits liegt je nach dem Volksglauben in hohlen Bergen,
unter der Erde, auf entfernten Inseln, über Meeren, natürlich meist
im Westen, weil die Sonne dort untergeht, daher auch eine Unterwelt
besonders oft angenommen wird. Unser Zeitgenosse, Prof. Bautz in
Münster versichert, die Hölle liege unter der Erdoberfläche und die
Vulkane seien ihre Schlote. Weit poetischer verlegen Naturvölker ihr
Jenseits auf Sonne, Mond oder Gestirne; Wilmershof (1866) suchte das
für die Erdbewohner auf der Venus! Der Himmel ist vielfach bevorzugt,
natürlich soweit man an ein Himmelsgewölbe glaubt. Manche Völker sind
auch mit den Wolken zufrieden. Fischervölker wünschen ein Land mit
viel Wasser, Jägervölker ein solches mit viel Wild, Nomaden eines mit
herdenreichen Fluren oder Steppen, also einfach eine Fortsetzung des
irdischen Lebens.
Allgemein erwartet man im Jenseits eine +Belohnung+ der guten und
eine +Bestrafung+ der bösen Taten. Darüber soll das +Weltgericht+
entscheiden, -- eine Übertragung menschlicher Verhältnisse auf das
Jenseits; wie aber über diejenigen entschieden werde, die sich
nach dem Glauben ihrer Bekannten schon jetzt in Himmel oder Hölle
befinden, weiß niemand! Natürlich beruht diese Vorstellung auf der
Ansicht, daß die Erde die Welt sei, die Erwartung von Lohn und Strafe
aber auf selbstsüchtigen oder mißgünstigen Meinungen, oder etwa auf
Gerechtigkeitssinn? Bei wem ist denn etwa dieser unfehlbar?
Im Gegensatze zu diesen mannigfachen Vorstellungen vom Jenseits gab es
eines der höher zivilisierten Völker, das +keine Fortdauer+ der Seele
nach dem Tode annahm. Es waren dies dieselben +Israeliten+, bei denen
der Glaube an Einen, alleinigen Gott seinen Ursprung hatte. Selbst
orthodoxe Theologen geben zu, daß im A. T. bis zur Wegführung der Juden
nach Babylon sich keine Lehre über eine Fortdauer nach dem Tode finden
lasse. Der Grund davon kann kein anderer sein als der, daß sich zu
diesem Glauben kein Bedürfnis zeigte. Das Wort +Scheol+, worin man eine
Art Jenseits, eine Unterwelt suchte, zeigt in allen Zusammenhängen, daß
damit +das Grab+ gemeint ist. Nach der Rückkehr aus Babylonien erst,
ohne Zweifel durch Einwirkung der +persisch-zoroastrischen Lehre+,
nahmen die Juden eine Vorstellung vom Jenseits und zwar gleich eine
recht ausgeschmückte an.
Es läßt sich nachweisen, daß die Lehren vom letzten Gerichte, von der
Auferstehung der Leiber, von den Engeln und Teufeln und selbst vom
+Messias+ (pers. Sosiosch) von den Persern zu den Juden und von diesen
zu den Christen gewandert sind. Seitdem bevölkerten sich der +Himmel+
(Abrahams Schoß genannt) und die +Hölle+ (Gehenna) außer jenen guten
und bösen Geistern mit den Seelen der guten und bösen Menschen, welche
Vorstellung die Masse des Volkes noch heute beherrscht.[14]
Die Freimaurerei hat sich niemals über Einzelheiten des
Unsterblichkeitsglaubens ausgesprochen, sondern die Ansichten über
diesen Begriff, der ja an soviel Unklarheit und Widersprüchen leidet,
den Brüdern freigegeben. Man kann ebensogut ein wackerer Mensch und
treuer Bruder sein, wenn man unter Unsterblichkeit das Andenken bei den
lieben Hinterlassenen und den Ruhm bei der Mit- und Nachwelt versteht,
wie wenn man an Himmel und Hölle, Engel und Teufel glaubt (doch dürfte
der Glaube an die bösen Geister und ihr Reich unter den Brrn. sehr dünn
gesät sein, trotz der Freundschaft zu Satan, die uns unsere Feinde
lächerlicherweise andichten); denn es bedarf zu dem Verzicht auf ein
„ewiges“ Leben einer starken Seele und eines unabhängigen Geistes.
Dessenungeachtet ehrt die Freimaurerei den Begriff der Unsterblichkeit
hoch und nimmt dies auch von den Brrn. an. Mit der Außenwelt teilt
sie daher auch das Sinnbild der Ewigkeit (Gottes und der Welt) in der
Gestalt des eine sich in den Schweif beißende Schlange vorstellenden
+Ringes+, ohne es bei besonderem Anlasse anzuwenden. In diesem
Sinnbilde liegen zugleich Weisheit, Stärke und Schönheit, nämlich
Weisheit im Glauben an die Ewigkeit des Allgemeinen, des Wahren,
Stärke in dem an die Ewigkeit des Guten und Schönheit in der Form des
Ringes selbst, der schönsten, die es gibt. Das Sinnbild ist in der Tat
sehr alt und bei allen höher strebenden und tiefer fühlenden Menschen
geehrt. Weil es ohne Anfang und Ende ist, liegt darin alles enthalten,
was es Wahres, Gutes und Schönes gibt.
Und so schließen wir mit diesem Ringe der Ewigkeit unsere kurz gefaßten
Betrachtungen über die Sinnbilder der Freimaurerei, indem wir hoffen,
daß unsere Abweichung von einigen bisher geläufigen, aber nach unserer
Überzeugung veralteten Anschauungen, als im Interesse der Freimaurerei
selbst vorgebracht, mit brüderlicher Nachsicht beurteilt werden möchte.
Es folgt noch, der Vollständigkeit wegen, ohne einzelne Sinnbilder zu
berühren, eine kurze Darstellung der verschiedenen freimaurerischen
Systeme oder Lehrarten.
[13] +Breysig+, Die Entstehung des Gottesgedankens und der
Heilbringer. Berlin 1905. +Gunkel+, Schöpfung und Chaos.
Göttingen 1895.
[14] Über diese Gegenstände handelt ausführlicher des Verf. Buch „Das
Jenseits“. Leipzig 1881. S. 1 ff. und 80 ff.
12. Die Lehrarten.
Immer höher muß ich steigen,
immer weiter muß ich schaun.
+Goethe+, Faust II.
~a~) Die englischen Lehrarten.
Unter Lehrarten oder Systemen versteht man in der Freimaurerei die
Art und Weise, wie in einem Lande oder an einem Orte die Freimaurerei
gelehrt und durch Sinnbilder dargestellt wird.[15] Da die Freimaurerei
(wie in unserer Schrift „~Adhuc stat~“, eingehender in den Geschichten
der Freimaurerei gezeigt wird) ihre Heimat in England hat, so ist
natürlich die +englische+ Lehrart die älteste.[16] Ihre erste
Einrichtung beruht auf dem von dem Prediger ~Dr.~ James +Anderson+ im
Jahre 1723 verfaßten Gesetzbuche, „Konstitutionenbuch“ genannt. Es war
gerade die Zeit, in welcher die Werkmaurer, die die englische Großloge
1717 gegründet hatten, aus den leitenden Beamtenstellen verschwanden
und durch Adelige und Gelehrte ersetzt wurden. Die Londoner Brüder
waren jedoch nicht die einzigen im Lande; schon 1725 entstand in
+York+ eine eigene Großloge, die beinahe das ganze 18. Jahrhundert
hindurch eigene Logen leitete, doch ohne die von London aus gestifteten
zu behelligen. In demselben Jahre erscheinen hier die +drei Grade+
zum ersten Male, und im Jahre 1730 trat der erste freimaurerische
Katechismus an das Tageslicht. Es wurden bald darauf an der Stelle
der bisherigen weißen Gleichförmigkeit in der maurerischen Kleidung
für die Großbeamten farbige Unterschiede im Besatze der Schurze und
in den Bändern eingeführt. Auch der Einheit des Bundes drohte in der
nächsten Zeit eine Gefahr, nicht von der Großloge in York, sondern von
einer neuen, die sich 1751 vorzüglich aus Irländern bildete und deren
Mitglieder sich ~Ancient Masons~, Alte Maurer, nannten, weil sie die
alte echte Freimaurerei herzustellen beabsichtigten. Seitdem nannte man
die früher entstandene Großloge die der Neuen Maurer (~Modern Masons~).
Die sog. Alten Maurer hatten bis 1756 keinen adeligen Großmeister,
wählten sich aber dann ebenfalls einen solchen. Beide Körperschaften
lebten indessen im Frieden miteinander. Beide auch führten in den
vierziger Jahren eine neue Abweichung vom alten Freimaurertum ein,
nämlich den über den ersten 3 Graden stehenden „Royal Arch-Grad“
(Grad des königlichen Gewölbes), den ersten Keim des unseligen
Hochgradwesens. Erst in den Jahren 1809 bis 1813 vereinigten sich die
beiden Großlogen zu einer einzigen auf der Grundlage der +vier Grade+,
mit Ausschluß aller „höheren“ oder der sog. Ritterorden. Dagegen
setzte die 1736 gestiftete Großloge von Schottland an die Stelle des
Royal Arch die beiden „Markgrade“ (die später in einen verschmolzen),
und die von Irland (1731) anerkannte gleich eine ganze Menge von
Hochgraden, sogar von Tempelrittergraden, doch ohne ihnen als solchen
den Zutritt in die Logen der 3 alten Grade zu gestatten.
Schon früh, jedoch ohne alle diese Zutaten, fand sowohl das alt-
als das neuenglische System Eingang in +Deutschland+, und zwar in
dreierlei Gestalt: 1. in +Frankfurt+ am Main 1742, wo die dortige
englische Gründung (die spätere Loge zur Einigkeit) wacker gegen die
damaligen ritterlichen und hochgradigen Verirrungen Stand hielt und
sich 1783 zum +Eklektischen Bunde+ entwickelte, der sich erst 1822
von der englischen Großloge trennte und zur selbständigen Großloge
wurde. Seit 1844 ist hier die seit 1811 bestandene Ausschließung der
Nichtchristen wieder aufgehoben, aber 1846 trennten sich vom Bunde die
hessischen Logen und errichteten eine eigene Großloge in +Darmstadt+.
2. In +Berlin+ arbeitete Ignaz Aurelius +Feßler+ (1756-1839), der
frühere österreichische Kapuziner, das Ritual der Loge „+Royal York+“
um 1800 in englischer Weise um, wobei an die Stelle höherer Grade ein
Innerer Orient mit „Erkenntnisstufen“ höheren moralischen Gehaltes
trat. Nach der Erhebung jener Loge zur Großloge verbreitete sich
deren Ritual nicht nur über ihr Gebiet, sondern auch über andere
Orte Deutschlands; doch fanden mehrfache Abänderungen statt, und
an die Spitze der Inneren Oriente trat ein Innerster Orient; 3. In
+Hamburg+ wurde 1801 durch Friedrich Ludwig +Schröder+ (1744-1816) das
Gebrauchtum der dortigen Großen Loge durch Abschaffung aller Hochgrade
verbessert und alles, was über den 3. Grad hinausging, in dem +Engbund+
mit kritisch-historischem Charakter vereinigt. Dieses dem englischen
nachgebildete System ist das der Großlogen von Hamburg und Sachsen
und auch außerdem mehrfach verbreitet. Der Engbund hat jedoch seine
Bedeutung längst eingebüßt, und sein Inhalt gehört der öffentlichen
wissenschaftlichen Forschung an.
Im Hergange der Gebräuche unterscheiden sich die beiden englischen
Systeme wesentlich nur durch die Stellung der beiden Aufseher (s. oben
S. 6). Das neuenglische anerkennt 3 große Grundsätze: Bruderliebe,
Hilfe und Treue, als die 3 großen Lichter die sonstigen 3 kleinen, und
die sonstigen 3 großen L. bloß als die Logengeräte. Die 3 Umführungen
werden nicht als Reisen (da ja Lehrlinge noch nicht reisen), sondern
nur als Vorbereitungen zur Aufnahme betrachtet. England kennt weder die
Elementarproben, noch Hut und Handschuhe in der Loge, auch die Kette
nicht mehr, was alles aber in den deutschen Übernahmen der englischen
Systeme gebräuchlich ist. -- Dagegen blieben in England noch andere
Sinnbilder, die in Deutschland nicht Aufnahme fanden. Ebenso verhält
es sich mit den Royal Arch- und Merkgraden, die übrigens in England
unter besonderen Behörden (Kapiteln) stehen. Die englische Lehrart hat
gegenüber dem aristokratischen Wesen der Hochgrade einen wesentlich
demokratischeren Charakter.
In einzelnen Logen haben sich neuerdings Ableger der englischen Systeme
gebildet, so 1865 und 70 in +Freiburg+ im Breisgau durch Gottfr. Aug.
+Ficke+ aus Hamburg (1808-1887), der mit dem Polen +Twenlowski+ eine
eigenartige religiös-moralische Reform durchführte. In +St. Gallen+
wurde 1868 das bis dahin geltende rektifizierte schottische System in
altenglischem Geiste mit einigen neuen Gedanken umgearbeitet, was auch
in andern deutsch-schweizerischen Logen Annahme fand. Die Großloge
zur Sonne in +Baireuth+ einigte sich 1873 auf das vom Professor
+J. K. Bluntschli+ in Heidelberg (1808-1881) verfaßte Gebrauchtum
auf englischer Grundlage, diejenigen von Marbach und Findel fanden
ebenfalls Beifall. Überall, wo die englische Lehrart in Deutschland
Fuß faßte, huldigen die Logen dem humanitären Prinzip ohne religiöse
Ausschließlichkeit. In den +drei alten Graden+ ist auch unter der
Oberherrschaft der zwei folgenden Systeme das Gebrauchtum der
englischen Lehrart im wesentlichen erhalten geblieben.
~b~) Die französischen Hochgradsysteme.
Wenn auch nicht die ersten, wie vorhin gezeigt, so schreiben sich
doch die schwersten und schädlichsten Abweichungen der Freimaurerei
von ihren alten und echten, einfachen und prunklosen Grundsätzen
von ihrer Einführung in +Frankreich+ her. Hier entstanden in Mitte
des 18. Jahrhunderts die sog. +Schottengrade+ und +Schottenlogen+.
Mit Schottland haben diese nichts zu tun, wie die dortige Großloge
wiederholt erklärt hat. Woher also der Name kam, ist nicht sicher
nachzuweisen, doch wohl von irgend welchen Verbindungen mit dem in
Frankreich flüchtigen Hause Stuart oder von Sagen über alten Bestand
der Freimaurerei in Schottland. Viel liegt nicht daran; denn der
Inhalt dieser Grade, deren es etwa 50 an der Zahl gab oder noch gibt,
bezieht sich auf ganz andere Dinge, so daß der Name willkürlich
und unzutreffend erscheint. Es ist nicht hier, sondern in der
Geschichte der Freimaurerei der Ort, zu erzählen, wie sich dieses
Unwesen in Frankreich und zeitweise als „strikte Observanz“ auch in
Deutschland verbreitet hat, in welcher Verbindung es mit Schwärmern
und Schwindlern, sowie mit der römischen Kirche und den Jesuiten stand
und welche Wahnideen von einer Fortdauer des Tempelritterordens in der
Freimaurerei es nährte und pflegte.
Der heute noch bestehende und am weitesten verbreitete Zweig
der sog. schottischen Maurerei ist das sog. altschottische oder
französisch-schottische System der 33 Grade, deren Namen und
angeblichen Inhalt wir oben (S. 41 ff.) aufgezählt haben, -- angeblich
sagen wir, weil es doch unwahrscheinlich ist, daß sich ernsthafte
Männer mit solch’ unnützen Dingen beschäftigen sollten, unter denen
wohl anderes (gewiß harmloses) verborgen steckt.
Die ersten Spuren dieses Systems finden sich in dem sog. Kapitel
von +Clermont+, welches am 24. Nov. 1754 der Chevalier de Bonneville
in Paris stiftete. Der Name Clermont war bezeichnenderweise von dem
Collège Clermont entnommen, einem Jesuiten-Kollegium in Paris, von wo
aus die Unternehmungen der Prätendenten Jakob III. und Karl Eduard
Stuart unterstützt wurden. Das System Clermont arbeitete mithin im
doppelten Interesse der Jesuiten und der Stuarts, und ist die Mutter
oder wenn man will Großmutter des „alten und angenommenen schottischen
Ritus“. Es enthält sieben Grade, nämlich über dem Meister: 4.
schottischer Meister, 5. erwählter Ritter des Adlers, 6. erhabener
Ritter oder Templer, 7. höchster erhabener Ritter. Diese Titel waren
schon nichts weniger als bescheiden; aber es kam noch stärker. Es
bildete sich auf Grundlage des genannten Systems 1757 in Paris ein
neues, dessen Bekenner sich nicht geringer benannten, als: Souveräne
Maurerfürsten, allgemeine Stellvertreter der k. K., Große Aufseher und
Beamte der großen und souveränen ▭ von St. Johannes zu Jerusalem. Neben
diesem langen Titel trugen die Oberen des Ordens noch den kürzern, aber
erhabenern der „+Kaiser vom Osten und Westen+“. Unter ihnen war der
Orden in 25 Grade eingeteilt, welche sieben Klassen bildeten. Diese
25 Grade sind in den jetzigen 33 immer noch vorhanden, und unsere
Dreiunddreißiger sind mithin die direkten Nachfolger von Leuten, welche
sich selbst in vollem Ernste „Kaiser vom Osten und Westen“ nannten. Im
gewöhnlichen Leben würden Menschen von gesundem Verstande Leute, die
sich eine Würde beilegen, die sie nicht besitzen, einfach „Narren“
nennen. Diese Titularkaiser vereinigten sich 1772 mit der französischen
Großloge; 1780 aber nahmen sie, wieder getrennt, den Titel „Souveräner
Rat und erhabene Mutterloge der Vortrefflichen“ an. Von diesem System
nun, aber als es noch den Kaisertitel führte, erhielt am 27. Aug. 1761
der Pariser Jude Etienne +Morin+ ein Patent als „Großer Erwählter,
vollkommener und alter erhabener Meister, Maurerfürst, Ritter und
erhabener Fürst aller Orden der Perfektions-Mrei“ u. s. w., die Würde
eines Deputierten Groß-Inspektors in allen Teilen der Neuen Welt, und
die Vollmacht, in Amerika die Freimaurerei durch die Mitteilung aller
von den „Kaisern“ anerkannten 25 Grade zu verbreiten u. s. w. Morin
tat dies, verbreitete das System der Kaiser des Ostens und Westens
in San-Domingo, Jamaika und Charleston, und hier war es, wo sich
dasselbe um 8 Grade erweiterte und also deren 33 erhielt (angeblich
nach den Lebensjahren Jesu, der aber von solchen Prunktiteln nichts
wußte). In Frankreich gingen unterdessen die „Kaiser des Ostens und
Westens“ und ihre Nachfolger in der Revolution unter wie die übrigen
Freimaurer auch; aber im Jahre 1804 kehrte der Graf de Grasse-Tilly mit
den französischen Truppen aus San-Domingo nach Paris zurück, versehen
mit einer Vollmacht des ~Suprème Conseil~ des schottischen Ritus zu
Charleston, laut welcher er in Europa Logen nach diesem Systeme zu
errichten das Recht besaß. Noch in demselben Jahre gründete er den
noch heute bestehenden ~Suprème Conseil~ des 33. Grades und trat an
dessen Spitze als ~Souverain Grand Commandeur~, welche Stellung er bis
1806 bekleidete, wo der Kanzler Cambacerès ihm nachfolgte, welcher
zugleich Großmeister des ~Grand Orient~ war, was er bis zum Sturze des
Kaiserreichs 1814 blieb. Mit dieser Zeit begannen die Reibungen und
Zwistigkeiten der beiden Körperschaften, welche beide die 33 Grade
besaßen und jede die allein rechtmäßige sein wollte.
Die ganze Einrichtung des schottischen Systems der 33 Grade beruht nun
auf der erdichteten Behauptung, Karl Eduard Stuart (welcher gar nie
Maurer war, sondern die Freimaurer zur Erreichung seiner dynastischen
Zwecke zu mißbrauchen suchte) habe Friedrich II., König von Preußen
(welcher mit Karl Eduard gar nie in Verbindung stand, sondern ein
beständiger Verbündeter des in England regierenden Hauses Hannover
war, welches Karl Eduard zu stürzen versuchte) zum Großmeister (welche
Würde Karl Eduard niemals zu vergeben hatte) und zu seinem Nachfolger
(in einer Würde, die er selbst nicht besaß) +ernannt+, und dieser,
Friedrich der Große, habe am 1. Mai 1786 (als er sich längst nicht mehr
um die Freimaurerei bekümmert hatte) die Hierarchie des schottischen
Ritus (der in +dieser+ Form in Deutschland +niemals+ existiert hat)
von 25 auf 33 Grade (welche Zahl erst 1801 in Amerika entstand) erhöht
und die oberste Gewalt einem ~Suprème Conseil~ (welche Behörde es in
Deutschland +niemals+ gegeben hat) übertragen. Zum Überfluß hat die von
Friedrich im Anfang seiner Regierungszeit (um 1740) gegründete Große
Mutterloge zu den 3 Weltkugeln in Berlin im Jahre 1862 jene Ordenssage
offiziell als eine +Lüge+ erklärt. Endlich hat im Jahre 1875 der
Kongreß des schottischen Ritus in Lausanne ebenfalls für gut gefunden,
die Erzählung von Friedrich dem Großen aufzugeben. Es scheint dies
jedoch mehr aus französischem Preußenhaß, als aus wissenschaftlicher
Gewissenhaftigkeit geschehen zu sein; denn wäre die letztere maßgebend
gewesen, so hätten auch die 33 Grade aufgegeben werden müssen. Es ist
jedoch an letzteren kein Jota abgelassen worden, obschon Jedermann
weiß, daß die 33 Grade in Wahrheit gar nicht existieren, sondern in
+fünf+ bis +sieben+ Einweihungen erteilt werden, -- so daß hier der
beste Anlaß gewesen wäre, die Grade auf fünf bis sieben zu vermindern,
-- wenn nicht das Bestreben, mit pomphaften Titeln und klingendem
Anhängsel an bunten Bändern zu prunken und zu prangen, alle anderen
Rücksichten überwöge. Die schottischen Brüder werden zwar darin Mangel
an brüderlicher Liebe und an Festigkeit in den maurerischen Prinzipien
finden; aber die +Wahrheit+ tut der Liebe +niemals+ Eintrag. Wer auf
Liebe Anspruch macht, muß auch die +Wahrheit+ ertragen können, ja er
muß dem Bruder, der ihm die Wahrheit sagt, sogar +dankbar+ sein!!!
Die Fabeldichtung des sog. schottischen Systems, an sich schon stark
genug der Wahrheit ins Gesicht schlagend, wurde noch weit übertroffen
durch zwei spätere französische Ordensschöpfungen, die ihren Ursprung
aus Ägypten herleiteten.