des 19. Jahrh. durch den jüdischen Armeelieferanten Michel +Badarride+
aus Avignon und seine zwei Brüder in Frankreich eingeführt und
verbreitet. Die Sage von seinem hohen Alter ist zu lächerlich, um
erwähnt zu werden. Die Lehre des „Orientalischen Ordens“, wie er sich
auch nennt, ist eine Art mystischer Naturphilosophie und wird in 4
Serien, 17 Klassen und 90 Graden mit äußerst hochtrabenden Titeln
„mitgeteilt“. Er behauptet, über seinem sichtbaren Oberhaupt, dem
„souveränen Fürsten“, noch ein unbekanntes, den souveränen Großmeister
zu besitzen. Seine Bemühungen, vom französischen Großorient anerkannt
zu werden, blieben ohne Erfolg. Er brachte es bis 1898 auf 10 Logen.
2. Der ganz ähnliche Ritus von +Memphis+, der sich ebenfalls
orientalischer Freimaurer-Orden nennt und eine ebenso keck erfundene
Sage von uraltem Ursprunge behauptet, wurde in Wirklichkeit erst 1814
von Samuel +Honis+ aus Kairo nach Frankreich gebracht und hatte 1816 in
Montauban in einem gewissen +Marconis+ sein „Groß-Hierophant“ genanntes
Oberhaupt. Er schlief bald ein, erwachte aber 1838 unter Marconis
dem Jüngern und verbreitete sich nach Belgien, England, dem Orient
und Amerika. Seine von der Polizei nicht sehr geachteten Geheimnisse
verteilte er in 7 Klassen und 90 Graden, deren oberer „Souveränes
Sanktuarium“ (Heiligtum) genannt wurde. Die Lehre des Ordens ist
ein Wandelgang durch alle Mysterien und Geheimbünde der Geschichte.
Im Jahre 1860 schränkte er seine Grade auf die Zahl 33 ein. Vom
Großorient erhielt er 1862 die Anerkennung, worauf sich jenem seine
Pariser Logen anschlossen, während die auswärtigen unabhängig blieben,
sich aber mit dem Misraim-Orden (1898) verschmolzen; neuerdings hat der
vereinigte Orden auch in Deutschland Eingang gefunden.
~c~) Die schwedische Lehrart.[17]
Die Freimaurerei wurde in Schweden 1735 eingeführt und erhielt dort
sieben aus Frankreich stammende Grade. Gründer des schwedischen Systems
aber wurde 1756 der spätere Kanzleirat Karl Friedrich +Eckleff+
(1726-1789), indem er auf Grund eines Freibriefes unbekannter Herkunft
in Stockholm ein Kapitel errichtete, das er als „Vikar Salomos“
leitete. Es folgte 1760 durch ihn die Gründung der Großen Landesloge
von Schweden, der sieben Logen unterstanden und in der er das Amt
des zugeordneten Landesgroßmeisters bekleidete. Die Logen vermehrten
sich, König Gustav III. trat selbst bei und übernahm den Schutz der
Landeslogen. Die aus Frankreich stammende Fabel von einem Zusammenhange
mit den Johannitern der Kreuzzüge wurde angenommen; auch die Legende
vom Fortleben der Tempelritter kam dazu und veranlaßte die Errichtung
drei weiterer Grade. Nachdem Eckleff seine Rechte dem spätern König
Karl XIII. verkauft hatte, ging die Leitung des Ordens ganz an den
jeweiligen König über und so blieb es bis heute, indem stets der König
Ordensmeister und der Kronprinz Landesgroßmeister ist.
Schon 1766 wurde die schwedische Lehrart in Deutschland eingeführt,
1814 in Norwegen und 1855 in Dänemark; und 1891 erhielt Norwegen eine
eigene Große Landesloge. In allen drei skandinavischen Staaten steht
die Ordensleitung beim König.[18]
Von der Lehrart der drei nordischen Reiche weicht die in Preußen
eingeführte in manchen Dingen ab. Eingeführt wurde hier das
schwedische System durch den Feldarzt Joh. Wilhelm Ellenberger
(1731-1782), der durch Adoption den Namen +v. Zinnendorf+ erhielt.
Zwar bereits der „strikten Observanz“ angehörend, aber nach höheren
Geheimnissen begierig, ließ er sich aus Schweden von Eckleff die
Akten seiner Grade und einen Freibrief senden, gründete Logen und
1770 die Große Landesloge von Deutschland, und 1773 erhielt er für
diese eine Anerkennung aus England und im nächsten Jahre diejenige
als Landesgroßmeister von Preußen. Nicht so günstig gestaltete sich
das Verhältnis zu Schweden, von wo der Freibrief Eckleffs widerrufen
wurde, worauf Zinnendorf 1777 seine Schöpfung von Schweden trennte.
Auch mit England erfolgte ein Bruch, mit Schweden aber 1819 Versöhnung.
Seit 1860 bekleidete der König von Preußen das Protektorat der Gr. L.
L., seit 1895 führt es Prinz Friedrich Leopold. Kronprinz Friedrich
Wilhelm, der spätere König und Kaiser +Friedrich+ III. verlangte als
Ordensmeister 1870 eine genaue Prüfung der geschichtlichen Ansprüche
der Gr. L. L. und Reformen in ihrer Einrichtung, im Sinne einer
Vereinfachung des Gebrauchtums, wie im Geiste der Zeit.
Der Gr. L. L. war dies unbequem; sie schloß den mit den Forschungen
beauftragten Archidiakon Schiffmann und die Logen in Stettin und
Stralsund aus; 1880 ließ sie sich aber wenigstens dazu herbei, die
Templerfabel aufzugeben.
Die Gr. L. L. von Deutschland (deren Grade oben S. 40 angegeben
sind) und die übrigen des schwedischen Systems huldigen einer
strammen protestantischen (doch unbekannt ob streng dogmatischen)
Orthodoxie und nehmen Nichtchristen nicht auf. Für sie ist die Bibel
kein bloßes Sinnbild, sondern eine Art Gesetzbuch. Die 3 alten
Grade sind zur Unbedeutendheit herabgedrückt und den höheren Graden
unbedingt unterworfen. Doch soll dieses Regiment (wohl infolge von
Unzufriedenheit der Unterdrückten) in neuester Zeit milder geworden
sein. Immerhin besteht ein scharfer Unterschied zwischen der Gr.
L. L. und den dem englischen System zugetanen Logen. Einigermaßen
wird diese Kluft notdürftig überbrückt durch die einem gemischten
System huldigende, weil Hochgrade (vier an der Zahl) besitzende,
Gr. National-Mutterloge +zu den 3 Weltkugeln+ in Berlin (1740 von
Friedrich dem Großen gegründet), eine deutsche Reform des schottischen
Systems, die zwar dem schwedischen System formell nähersteht, als dem
englischen, deren Mitglieder aber mit diesem mehr sympathisieren, wie
auch die christliche Ausschließlichkeit in ihr nur noch auf schwachen
Füßen steht.
* * * * *
Werfen wir einen Blick auf die drei Hauptlehrarten der Freimaurerei
zurück, so gestaltet sich ihr geographisches Gebiet, wenn nach der
Großzahl, die sie in diesem einnehmen, gerechnet wird, die Minderheiten
anderer Systeme aber außer Berücksichtigung fallen, folgendermaßen:
I. +Englisches System.+ Dieses umfaßt Großbritannien, die Niederlande,
Deutschland westlich der Elbe[19], die Schweiz, Ungarn, die britischen
Kolonien und die Vereinigten Staaten von Nordamerika.
II. +Schottisches+ (eigentlich französisches) +System+. Dieses umfaßt
Frankreich, Belgien, Italien, Griechenland, Rumänien, Spanien,
Portugal, Mittel- und Südamerika.
III. +Schwedisches System+ nebst den drei Weltkugeln, obschon diese
ihm keineswegs angehören: Deutschland östlich der Elbe[20], Dänemark,
Norwegen und Schweden.
Die herrschenden Richtungen sind folgende:
I. Aufgeklärter Theismus, ohne konfessionelle Färbung.
II. Früher Katholizismus, doch ohne Abhängigkeit vom Papsttum; jetzt
entschiedenes Freidenkertum.
III. Protestantische Orthodoxie, doch mit Hoffnung auf Entwicklung im
Sinne größerer Geistesfreiheit. --
Nachwort.
Aus dem Überblicke der freimaurerischen Systeme oder Lehrarten ist
zu ersehen, daß der Freimaurer-Bund viele Mannigfaltigkeit und ein
reiches Maß von Entwickelung und Gewissensfreiheit besitzt. Nicht wenig
günstig ist für ihn, daß diese seine Eigenschaften noch lange nicht
vollkommen sind (welche menschliche Einrichtung wäre dies?) und daher
große Hoffnung auf Verbesserungen gehegt werden darf, ohne die ja eine
Versumpfung unvermeidlich wäre. Daß er stetsfort an Zahl der Mitglieder
zunimmt, und zwar vorzugsweise an jüngeren Kräften, berechtigt schon an
sich zu Hoffnungen. Wie unser dem unerreichbaren Br. Goethe entnommenes
Motto sagt:
Immer höher muß ich steigen,
immer weiter muß ich schaun,
so soll sich auch der Bund verhalten. Er soll mit der Zeit alles
Kindliche und Naive, das wir bereits oben getadelt haben, weil es
einem überwundenen Standpunkt angehört, abstreifen und an dessen
Stelle Höheres und Weiteres setzen. Dazu besitzt er Keime genug,
namentlich in dem von ihm beobachteten richtigen Maße von Gefühl für
das Allgemeine und das Besondere, für Menschheit und Vaterland. Mit
allgemeiner Menschenliebe, mit Humanitätsstreben verbindet er, bei
der völligen Abwesenheit gemeinsamer Oberhäupter, Begeisterung für
die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Organisationen in den
einzelnen Ländern. Er ist die einzige +Internationale+ auf der Erde
(allerdings neben einer Anzahl ähnlicher, ihm nachgeahmter Verbände,
wie die Oddfellows, Druiden, Guttempler und viele andere), die mit
ihrem Kosmopolitismus auch Patriotismus verbindet. Alle übrigen
Internationalen sind vaterlandslos.
1. die +schwarze+, d. h. der +Ultramontanismus+, der für Rom und sein
Papsttum und dessen geträumte Weltherrschaft willig das Vaterland
preisgeben würde und dessen willenlose Schafe auf jedes eigene Denken
verzichten, nicht aus Treue, nur aus Sklavensinn,
2. die +goldene+, d. h. die +Börsokratie+, der für Gold, Ehre,
Gewissen, Familie, Heimat feil sind und die sogar nicht davor
zurückschrecken würde, dem Feinde ihres Vaterlandes gegen gute
Bezahlung Waffen zu liefern,
3. die +rote+, d. h. die +Sozialdemokratie+ mit ihrem Vetter, dem
+Anarchismus+, der das Vaterland „Wurst“ ist und die den Umsturz
aller Ordnung und Kultur anstrebt, um die Menschheit in ein
charakterloses Proletariat zu verwandeln, in dem jedes Hervorragen
begabter Geister verpönt wäre und unterdrückt würde.
Diesen drei gewaltigen, aber unter sich feindseligen, ja einander
glühend hassenden Heeren, für deren erste es nur den Klerus und seinen
Anhang, für deren zweite es nur den Mammon und für deren dritte es nur
ein Proletariat gibt -- diesen Heeren gegenüber steht
die +blaue+ internationale, die unter dem Banner der +Treue+ kämpft,
bestehend aus der Freimaurerei und den ihr ähnlichen Bünden.
Sind diese Bünde auch nicht unter sich zu einer Einheit verbunden, so
beseelt sie doch ein gemeinsames Streben. Für sie +allein+ gibt es eine
Menschheit und ein Vaterland und wenn man will (nach Nietzsche) auch
ein Kinderland, und es steht zum Glücke überdies auf ihrer Seite der
unter allen Völkern waltende Geist der Freiheit, des Fortschrittes,
der Menschen- und Vaterlandsliebe. Von ihm unterstützt ist es unsere
Pflicht, unentwegt für die hohen Güter der menschlichen Kultur zu
kämpfen, ohne Furcht und Zagen +immer höher zu steigen und weiter zu
schauen+!
[Illustration]
[15] Wir beschränken uns hier auf die +jetzt noch bestehenden+
Lehrarten der Freimaurerei. Diejenigen früherer Zeit gehören in
die +Geschichte+ des Bundes.
[16] Nach Rob. Fischers „Darstellung der hauptsächlichsten freimaur.
Systeme“. 9. Aufl. Leipzig 1906.
[17] Ebenfalls nach Fischer oben S. 127.
[18] In Dänemark besteht eine Loge, in Norwegen 5 sogar unter
deutscher Großloge englischen Systems.
[19] 136 Logen gegen 92 nicht englischen aber darunter nur 26 schwed.
Systems.
[20] 152 (darunter 85 schwedische) Logen gegen 40 englischen Systems.
Druck von Julius Beltz, Hoflieferant, Langensalza.