die Weltanschauung des ersten Kapitels der Bibel beruhte, längst
aufgegeben. Die Erde ist nur noch ein Pünktchen im unendlichen Weltall,
das auch als Himmel bezeichnet wird, und von dessen entferntesten
bekannten Punkten sogar das blitzschnelle Licht, das in einer Sekunde
dreihunderttausend Kilometer zurücklegt, vieler tausend Jahre bedarf,
um auf der Erde sichtbar zu werden.
Und doch ist unsere liebe Erde im Vergleiche zu den auf ihr lebenden
Geschöpfen ein ungeheurer Körper, dessen Umfang 5395 geogr. Meilen
(zu 7420,4 Meter), dessen Durchmesser 12741 Kilometer, und dessen
Oberfläche rund 510 Millionen Quadratkilometer beträgt.
In der Freimaurerei gilt die Loge als ein kleines Bild der Erde, auf
das zu beiden Seiten des Altars +Sonne+ und +Mond+ freundlich leuchtend
herabblicken. Die Heimat der Freimaurerei aber ist die gesamte
+Oberfläche der Erde+, die alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens,
der Rasse und des Standes wie eine Familie verbindet. An der Tafelloge
wird aller Brüder auf der ganzen Oberfläche der Erde gedacht, und
Fragestück 23 des Lehrlings-Katechismus sagt auch, die Loge reiche von
der Oberfläche bis zum Mittelpunkte der Erde.
Auf den beiden Säulen der Abendseite ruhen als Knäufe in vielen,
besonders englischen Logen auf der einen ein +Himmels-+ und auf der
andern ein +Erdglobus+, oder sie werden wenigstens so benannt, um
die Brüder beständig an die weltbürgerliche Eigenschaft des Bundes zu
mahnen.
Bildet der Freimaurer-Bund auch keine einheitliche Gesellschaft, hat
er auch keine gemeinsame Behörde, wissen auch vielfach oder meistens
die Brüder eines Landes nichts von den freimaurerischen Einrichtungen
entfernter Gegenden, ja anerkennen sogar manche Bundesbehörden andere
solche gar nicht, so besteht doch über die ganze Erde eine Gemeinschaft
der Brüder durch die Erkennungszeichen, sowie durch gemeinsame
brüderliche Gesinnung und durch freundliche Aufnahme fremder und
reisender Brr., die sich als rechtmäßige Logenmitglieder ausweisen. Und
so wird es auch bleiben!
Die Erde kann als Sinnbild gelten: der +Schönheit+, die wir nur auf
+ihr+ kennen, der (oben S. 71 abgegrenzten) +Vergangenheit+, die außer
ihr von keinem andern Weltkörper näheres wußte, und des +Lehrlings+,
der erst zum Lichte zugelassen ist, ohne es noch recht erfaßt zu haben.
Lehrlinge waren aber in den älteren Zeiten die gescheitesten Leute in
ihrem Wissen noch immer.
~b~) Der Mond.
Wenn wir einfach vom kleinern und abhängigern zum größern und
unabhängigen Gestirn vorschreiten wollten, müßten wir eigentlich den
Mond voransetzen und ihm die Erde, wie dieser die Sonne folgen lassen.
Da uns jedoch die Erde am nächsten liegt und diese für uns lichtlos
ist, der Mond aber sowohl beleuchtet wird, als infolge dessen selbst
leuchtet, mußte zwischen ihm und der Erde die richtigere Reihenfolge
vertauscht werden. Für Bewohner des Mondes würde die Erde die Stelle
einnehmen, die er bei uns einnimmt; nur erscheint sie dort weit größer.
Der Mond unserer Erde, vorzugsweise so genannt, obschon auch andere
Planeten Monde (Trabanten oder Satelliten), aber meist kleinere
besitzen, ist von der Erde, seiner Mutter, 60,27 Erdhalbmesser entfernt
und umkreist sie in 27,32 Tagen. Da er dieses tut, während die Erde
sich weiter um die Sonne bewegt, so beschreibt er seine Bahn in
Spirallinien. Sein Durchmesser ist so groß wie die Länge und zugleich
wie die Breite Europas und gleich drei Elfteln desjenigen der Erde.
Steht der Mond zwischen Erde und Sonne, so ist er für uns unsichtbar,
es ist Neumond; sind Erde und Sonne auf derselben Seite des Mondes, so
ist er für uns vollbeleuchtet (Vollmond). Die Zwischenerscheinungen
heißen: im Zunehmen der Lichtfläche erstes und im Abnehmen letztes
Viertel. Diese Unbeständigkeit seines Anblicks lehrt uns, sein Licht
besser zu schätzen, wenn es wieder erscheint, nachdem es uns ganz
fehlte oder uns nur teilweise erfreute. Es ist ein Wechselspiel, dessen
Mannigfaltigkeit einst die Grundlage der menschlichen Zeitrechnung
bildete, die sich aber bei uns längst nach der Sonne richtet (nur
die Mohammedaner hängen am Mondjahr, dessen Anfang in etwa 33 Jahren
durch alle Jahreszeiten wandert). Der Mondwechsel ist daher für uns
sehr belehrend und übt auch seinen Einfluß, wie auf die Ebbe und Flut
unserer Meere, so auf Dichten und Trachten der Menschen. Namentlich in
der Dichtkunst spielt er eine große Rolle.
Der Mond ist seit mehr als Menschengedenken ein erstarrter Körper, was
er einst nicht war. Er besitzt weder eine merkliche Atmosphäre, noch
Wasser und daher auch keinen Pflanzenwuchs und beherbergt überhaupt
kein lebendes Wesen. Infolge dieser Erstarrung kehrt er, weil er sich
während seines Umlaufs nur einmal um seine Achse dreht, was früher
nicht der Fall war (denn er drehte sich einst viel schneller um), was
aber hier zu erklären nicht der Ort ist, der Erde stets +dieselbe
Seite+ zu, während die andere für uns ewig unsichtbar sein wird.
Obschon dies nicht beabsichtigt ist, können wir darin ein Sinnbild der
Treue gegen seine Mutter, die Erde, erblicken, wie in der unsichtbaren
Seite ein solches des Geheimnisses und der Verschwiegenheit. In
ungezählten Millionen Jahren wird, so hat man berechnet, die Erde
dasselbe Schicksal erleiden; die Erstarrung des Mondes belehrt uns also
auch über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Da der Mond 13-14 Tage
Nacht hat, ist er auch in dieser Zeit ein ungemein kalter und bei dem
ebenso langen Tage ein sehr heißer Körper, dessen Temperatur um 280
Grad schwankt, der uns daher die gleichmäßigen Wärmen der Erde um so
kostbarer erscheinen läßt.
Für die Freimaurerei ist das milde Licht des Mondes ein wohltätiger
Gegensatz zu dem verzehrenden und blendenden Lichte der Sonne.
Unter den Idealtugenden entspricht, wie der Erde die Schönheit,
dem Monde die +Stärke+; denn die „Stärke des Maurers vollbringt,
gleich der des Mondes, in nächtlicher geheimnisvoller Stille ihre
segensvollen Werke; in stiller, geräuschloser Wirksamkeit findet die
Freimaurerei ihre Freude und ihren Lohn.“ Unter den Graden ähnelt dem
Monde der +Geselle+, der das geistige Licht vom Meister erhält und dem
Lehrling weiter reicht. Unsere +Gegenwart+ gleicht dem Monde, weil
die ungeheuere Mehrheit der Menschen noch blind ist für Kunst und
Wissenschaft, daher kein Licht zu geben weiß und das der Sonne, d. h.
des höheren Wissens, noch nicht versteht, was bisher nur einer geringen
Minderheit erleuchteter Geister verliehen ist, so daß die Meisten noch
Gesellen sind, ja auch viele, die sich schon Meister wähnen.
~c~) Die Sonne.
Die Mutter aller Planeten und ihrer Trabanten, die Erzeugerin und
Ernährerin alles Lebens auf ihnen, das sie selbst nur von der Allmacht
erhielt, ist ein so riesenhafter Weltkörper, daß in ihrem Innern,
wenn es hohl wäre, nicht nur alle Planeten Platz hätten, sondern
verschwinden würden, ja darin der Mond bequem um die Erde kreisen
könnte. Die Sonne ist ein Licht, dem kein Auge ohne angemessene
Bewaffnung Stand halten kann, ein brennendes Feuer, dem nichts
widersteht, für uns eine Offenbarung über alle Offenbarungen und die
dafür gehalten werden. Wohl gibt es im Weltall noch weit mächtigere
Sonnen, wie Sirius und viele andere, die aber bei ihrer unfaßbaren
Entfernung für uns nur Lichtpunkte sind.
Die Sonne war, so sehr dies von gewisser Seite bestritten wird, der
älteste Gott der höherstehenden alten Völker, denen ihre Kraft männlich
erschien, wie der sanfte Mond weiblich; Helios und seine Schwester und
Gattin Selene waren das erste Götterpaar der Hellenen, dem erst später
der abstrakte „Himmel“ und sein Donner (Zeus) übergeordnet wurden. Nur
den in kälterem Klima lebenden Germanen galt das umgekehrte Verhältnis
(„Herr Mond und Frau Sonne“, dagegen +der+ Tag und +die+ Nacht). Helios
mußte heiß kämpfen, bis er, lange genug ein Planet geschimpft, durch
den Domherrn von Thorn sein Recht als Herrscher im Planetensystem
eroberte, das aber noch lange brauchte, bis es allgemein anerkannt
war. Herr des Jahres war er schon früher geworden; diese Krone konnte
ihm von der Erde und dem Monde nicht mehr bestritten werden; denn
schon lange war das Jahr seine Lebensgeschichte, die sich jährlich
erneuert und auf das scheinbare Erlöschen die Wiedergeburt folgen
läßt. Auf seinen heidnischen Geburtstag (25. Dez.), in dessen Zeit
die Tage wieder wachsen, verlegten die Christen den unbekannten ihres
Gottessohnes.
Die Entfernung zwischen der Sonne und ihrem von uns bewohnten Kinde,
der Erde, beträgt zwanzig Millionen und hundertundzwanzigtausend
geogr. Meilen oder 149 Millionen Kilometer, die Lichtwirkung dauert
acht Minuten, die des Schalles 14 Jahre! Die für einen mittelschnellen
Eisenbahnzug erforderliche Zeit würde für jene Strecke über zwei
Jahrhunderte betragen. Der Durchmesser der Sonnenkugel ist 110
Erddurchmesser oder 1400000 Kilometer lang; ihr Körperinhalt übertrifft
den der Erde um mehr als das Millionenfache. Die Hitze dieses glühenden
Körpers, von dessen Glut ja unser Leben abhängt, wird verschieden
angegeben; die Berechnungen drehen sich um etwa hunderttausend Grad!
Ein fester Körper scheint die Sonne nicht zu sein, eher ein gasförmiger.
In der Freimaurerei ist die Sonne bisher als „kleines Licht“ bezeichnet
worden. Man könnte es für Hohn halten, wenn man nicht wüßte, daß der
Ausdruck von ehrlichen Leuten herrührt. Wenn auch nicht als das größte,
darf sie doch als Sinnbild des +größten+ Lichtes, der +Gottheit+
betrachtet werden. In ihr kommt die +Weisheit+ zur höchsten Geltung.
Sie ist eine unleugbare Offenbarung, gegenüber der das bisher für das
erste „große Licht“ gehaltene Buch nicht aufkommen kann. Ein solches
Werk wie die Sonne (und die Sonnen des Weltalls überhaupt) kann von
den allerinspiriertesten Menschen nicht geschrieben werden. Es spricht
Millionen Bände und bringt unermeßliches Leben an das Tageslicht.
Es ist wirklich Zeit, in dieser Hinsicht Wandel zu schaffen in der
Logensprache einer naiven Zeit, die noch keine blasse Ahnung von dem
hatte, was seither im Reiche der Geister geschaffen worden und in
+Zukunft+ noch geschaffen werden kann. Die Sonne ist daher auch ein
Bild einer erleuchtetern +Zukunft+, von der sogar die heutige Gegenwart
nur in einer beschränkten Zahl auserlesener Geister einen kleinen
Begriff hat. Es sind Geister, die (s. oben S. 97 ff.) die +wahren
Meister+ sind und denen nachzustreben, statt auf ausgetretenen Pfaden
zu wandeln, der höchste Ehrgeiz der freimaurerischen Meister werden
sollte.
Man vergißt viel zu viel, daß es ohne die Sonne keine Erde, also
auch keine Menschen, keine Kultur, keine Kunst, keine Wissenschaft,
keine Religion, keine Bibel und keine Freimaurerei geben könnte. Und
sie sollte ein „kleines Licht“ genannt werden dürfen und die Bibel
ein großes? Warum? Weil sie mit Sinnen wahrnehmbar und nur zeitweise
sichtbar ist? Ist etwa die Bibel nicht mit Sinnen wahrnehmbar, ist
sie nicht großenteils dunkel? Selbst wenn man annähme, daß die Bibel
von Gott geoffenbart sei, welcher Begriff übrigens sehr unklar und
bestritten ist, so müssen wir fragen: Ist die Sonne nicht viel sicherer
und unendlich viel früher von Gott geoffenbart, und erleuchtet sie
nicht eine Welt von Planeten, während die Bibel nur Juden und Christen,
soweit sie gläubig genug sind, erleuchtet? Und dennoch nennen wir
die Sonne nicht das größte Licht, sondern nur +ein+ Licht, oder ein
Sinnbild, ein Abzeichen des größten Lichtes, des a. B. d. W. Welche
Auffassung ist wohl die höhere? --
Eine ebenfalls sehr naive freimaurerische Zusammenstellung, aber immer
noch weit anmutender als die der gr. und kl. Lichter ist die des M. v.
St. mit der Sonne, der beiden Aufseher mit dem Monde und der übrigen
Brüder mit den Sternen. Es ist doch ein +poetisches+ Bild statt einer
trockenen +dogmatischen+ Lehre. Man findet daher auch in Logen außer
Sonne und Mond eine Darstellung des Sternenhimmels an der Decke.
Damit geht doch die Freimaurerei in schöner Weise über das Alltägliche
hinaus. Dahin gehört auch das Bild des +Siebengestirns+ (den Namen
tragen die Plejaden und der große Bär) auf freimaurerischen Denkmünzen
und Büchern unter dem Auge Gottes, als Hinweisung auf die Ewigkeit und
die Hoffnungen der Menschen, die sich an sie knüpfen.
Übersicht:
Erde. Mond. Sonne.
Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft.
Schönheit. Stärke. Weisheit.
Lehrlinge. Gesellen. Meister.
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im weitern und höhern Sinne.
11. Die Welträtsel.
Wer darf sagen:
Ich glaub’ an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
und ihre Antwort scheint nur Spott
über den Frager zu sein.
+Goethe+, Faust I.
~a~) Der a. B. d. W.
„Weh! Wo ist Gott“ ruft klagend der junge Parsifal (Parzival) in
Wolfram von Eschilbachs (Eschenbachs) unsterblicher, christlich frommer
Heldendichtung. Ja, wo ist +Er+? Schnell ist die Antwort bereit:
„+Überall+!“ Ganz richtig! Er ist überall. Aber war er es für die
Menschen stets? Die Geschichte der Religion antwortet darauf (natürlich
vom subjektiv-menschlichen Standpunkte) mit Nein. Es bedurfte einer
langen, an Irrwegen und Straucheln reichen, überreichen Entwicklung des
Gottesgedankens, bis der Mensch bei der Allgegenwart Gottes angelangt
war.
Den Anfang einer Verehrung von Dingen außer sich machte der noch
lallende Mensch mit dem noch heute bei den Naturvölkern nicht
ausgestorbenen Fetischdienste (lat. ~facticius~, portug. ~feitiço~,
Amulett, Talisman, Zauberding), d. h. der Anbetung eines Geistes
wie einem Dinge. Heilige Steine und heilige Bäume, wir wissen nicht,
ob zugleich oder nacheinander, waren die ersten Gegenstände dieser
ursprünglichen Religion; wir finden ihre Spuren auf der ganzen Erde.
Der schwarze Stein der Kaaba in Mekka ist den Mohammedaner noch jetzt
heilig. Aus den Baumgeistern wurden bei den Griechen die reizenden
Dryaden (Waldnymphen). Von den unbeweglichen Dingen schritt der Mensch
zur Verehrung der Tiere. Im alten Ägypten blühte dieser so unwürdig
erscheinende Dienst unter den zivilisierten Völkern wohl am längsten;
aber schon neben ihm tauchen die sonst menschlich geformten Gottwesen
mit Tierköpfen, endlich auch mit voller Menschengestalt auf. Aber auch,
wo wir nur menschlich geformte Götter finden, wie bei den Griechen,
verrät sich ihre frühere Tiergestalt noch in den Tieren, die ihnen
beigesellt werden, so dem Zeus der Adler, der Aphrodite die Taube,
dem Apollon der Wolf u. s. w., während untergeordnete mythische Wesen
noch aus Tier und Mensch gemischt sind, wie die Kentauren, Harpyien,
Nereiden u. s. w.
Daß die verehrten Wesen zur Menschengestalt gelangten, dazu hat
wahrscheinlich das Auftreten bedeutender Menschen, „Übermenschen“
beigetragen, die Völkern Gutes taten wie Prometheus, der ihnen das
Feuer brachte, oder sie von gefährlichen Tieren, Riesen, Ungeheuern
und dergl. befreiten, wie Herakles (Herkules). Diese wurden später zu
Heroen, Halbgöttern.
In weiten oder sehr verzweigten Ländern, wie Ägypten, Babylonien,
Hellas hatte ursprünglich jeder Stamm, Ort oder Gau seinen eigenen
Gott oder Halbgott. Dieser Henotheismus wurde durch Zusammenfassung der
Gaue zu Staaten oder Bünden zum Polytheismus; die Götter wurden zur
Vielgötterei versammelt.
Bei den +Israeliten+, die uns hier als Vorläufer des Christentums
am meisten interessieren müssen, fällt die Stufe der Vielgötterei
weg, weil ihre Stämme schon früh einen gemeinsamen Gott hatten,
Jahve, (Jehova). Aber auch dieser Gott trug, wie die neuere Forschung
zur Gewißheit erhoben hat, „alle entscheidendsten Merkmale des
+Heilbringers+ an sich.“ So nennt Prof. Breysig in Berlin „eine Gestalt
der Überlieferung, von der man menschen-, oder teils menschen-, teils
tierhaftes Auftreten auf der Erde erzählt, der man schon während ihres
irdischen Lebens übermenschliche Kräfte beimißt und die zumeist nach
ihrem Entschwinden in die Gestalt eines Geistes von sehr hohen Kräften
übergeht.“ -- „Die Umschaffung der Erde ist eine der bezeichnendsten
Eigenschaften des Heilbringers schon bei den Urvölkern.“ Die
wahrscheinlich ältesten Bestandteile der hebräischen Überlieferung
von Jahve feiern ihn als den siegreichen Drachentöter (so im zweiten
Jesaias, ähnlich im 89. Psalm, sogar in dem später entstandenen Hiob).
Der Drache ist sonst überall die Nacht, die vom Sonnengotte überwunden
wird, hier ist er das Urmeer, nach anderer Ansicht ein wirkliches
Ungeheuer. Mag es der streng Gläubige nun gern hören oder nicht, --
Zeugnisse der Bibel selbst beweisen den Ursprung Jahves aus einer
Naturgottheit,[13] in ältester Gestalt eines Sturm- und Windgottes
(Jahve = er weht oder er vernichtet). Seine wichtigsten Taten,
Schöpfung und Flut, haben ihr Vorbild im heidnischen Babylon und sind
nur ethisch und monotheistisch umgearbeitet, wodurch sie eine höhere,
edlere Auffassung erhielten. Die Erzählung genau betrachtet, erscheint
die Schöpfung der Genesis keineswegs als eine Erschaffung aus Nichts.
Beide Formen der Schöpfungssage (Genesis 1,1 ff. u. 2,4 ff.) wissen
nichts vom Nichts. Die zweite Form ist ihrer ganzen Fassung nach die
ältere, rein menschliche, die erste aber eine jüngere priesterliche
Umarbeitung. Beide lassen durchblicken, daß die Erde (die damalige
„Welt“) bereits in Gewalt einer trockenen Wüste (nach der älteren),
einer Wasserwüste (nach der jüngeren Form) vorhanden war, daß also nur
von einer Umformung die Rede sein kann. Ebenso verhält es sich mit dem
Himmel, denn wo sonst sollte Jahves, des Ewigen Wohnung gewesen sein?
Doch gewiß nicht im Nichts! Ähnlich sind die Schöpfungssagen vieler,
selbst amerikanischer Völkerstämme.
Aber noch ein anderer Umstand ist zu beachten, der geeignet ist,
die hergebrachte Anschauung stutzig zu machen. In mehreren Stellen
des A. T. ist von Göttersöhnen die Rede, die bald mit Jahve den
Himmel, (z. B. Psalm 89,6-8 und Hiob 1,6 u. 38,6 f.), bald neben den
neugeschaffenen Menschen die Erde bewohnen, die Töchter der Menschen
ehelichen und mit ihnen Kinder, die „Helden“, zeugen (Genesis 6,1 ff.).
Ja sogar in der jüngeren Schöpfungssage (Gen. 1,26) spricht Gott von
sich in der Mehrzahl, und sein Name (Elohim) hat eine Mehrzahlform.
Er ist also ursprünglich nicht allein. Doch ist dies nicht eine
Vielgötterei im Sinne zusammengebrachter Stammesgötter, sondern eine
urzeitliche Vervielfältigung der einheitlichen Gottheit.
Die irdischen „Göttersöhne“ erscheinen völlig menschlich, und so wird
auch Jahve, das Haupt der himmlischen Göttersöhne, nach der Schöpfung
ganz menschenähnlich, nicht wie ein Gott, sondern wie ein Heilbringer
dargestellt, ja noch in dem spät entstandenen Buche Hiob, in dem er
wie ein Held und Kämpfer auftritt. Diese Menschlichkeit dauert an;
Jahve wandelt im Paradies in der Kühle des Tages, spricht mit Adam,
Eva, Kain, Noah, Abraham, Jakob, Moses u. s. w. und verkehrt noch mit
König David durch Nathan. Er ist der besondere Gott des Volkes Israel,
das ferne davon ist, die Götter anderer Völker nicht für wirklich zu
halten, ja sogar sich zeit- und teilweise diesen zuwendet (wie dem Baal
und Moloch der Phöniker).
Dies ändert sich aber um das Jahr 760 v. Chr. durch +Amos+, den ersten
der zeitlich bestimmbaren Propheten. Seitdem entwickelt sich Jahve vom
Gotte eines Volkes zum Gotte der damaligen Welt, d. h. der Erde, vom
Eingotte zum Alleingotte. An die Stelle des Namens Jahve tritt der
früher als Mehrzahl, jetzt als Einzahl geltende: Elohim. Es ist jetzt
ein Plural der Majestät. Elohim ist zwar immer noch ein Gott seines
Volkes, aber der einzige Gott, mit Ausschluß aller übrigen, die nur
noch Götzen sind.
Mit dem +Christentum+ änderte sich dieses neuerdings. Der sein Volk
bevorzugende Gott wird zu einem Gotte der Menschheit, der keinen
Unterschied der Völker mehr kennt. Aber -- er ist immer noch ein
bloßer Gott der +Erde+, der nun +diese+ vor allen übrigen Weltkörpern
bevorzugt, was darin seinen Gipfelpunkt erreicht, daß er ihr seinen
Sohn sendet. Denn es wird bei dieser Anschauung angenommen, daß
die Menschen der Erde die einzigen denkenden Wesen im Weltall und
die übrigen Weltkörper nur um der Erde zu leuchten da seien. Nach
den ungeheuern Fortschritten der Astronomie seit Kopernikus ist
diese Auffassung unhaltbar geworden. Es gibt Millionen Sonnen mit
wahrscheinlich undenkbar vielen Planeten, auf denen organisches Leben,
auch mit Steigerung zum Denken, besteht, bestand oder bestehen wird.
Solche der Erde allein zuzuschreiben, ist entweder keck oder kindisch,
sonst wäre ja die ganze Sternenwelt nur wesenloser Schein!
Seitdem besteht eine unausfüllbare Kluft zwischen den Kirchen, die
immer noch an einem Gott der Erde hängen, wie das Dogma von der
Dreifaltigkeit drastisch zeigt, deren zweite Person ja nur der Erde
angehört, und der aufgeklärten Menschheit, die nach einem Gotte der
+Welt+ (im +wahren+ Sinne, nicht im Verstande von Erde) verlangt. Die
+Freimaurerei+ steht auf +diesem+ Standpunkte; denn sie nennt Gott
den +allmächtigen Baumeister der Welt+ oder auch: +aller Welten+. Sie
fragt aber keinen Bruder nach seiner persönlichen Vorstellung von Gott,
sondern überläßt dies ihm und seinem Gewissen. Sie verlangt daher
auch keinen Glauben an einen +persönlichen+ Gott, sondern läßt auch
+dem+ Gerechtigkeit widerfahren, der den Begriff „Person“ für viel
zu beschränkt und eng begrenzt hält, um ihn dem +unfaßbaren Geiste+
beizulegen, der das unendliche Weltall in seiner wunderbaren Ordnung
erhält und unzweifelhaft über jeder Vorstellung hoch erhaben ist, die
sich die kindlichen Menschen der Erde von ihm zu bilden vermögen! --
Es ist ja gar nicht anders möglich! Diejenigen Weltkörper, welche
denkende, d. h. menschenartige Wesen hervorzubringen vermögen, tun dies
ihrer Natur gemäß, und diese ist notwendig verschiedenartig. Solche
menschenartige Wesen sind daher auf den verschiedenen Weltkörpern
untereinander eher unähnlich als ähnlich. Gott anthropomorphisch,
d. h. mit Eigenschaften, wie sie die Menschen der Erde besitzen, sich
vorzustellen, ist gewiß ein Recht frommer, aber dem Weltenbau fremder
Seelen; wissenschaftlich ist es nicht. Gott ist ein Geist; eine Gestalt
und solche Eigenschaften wie die Menschen kann er nicht haben, weil
er keinen Körper hat, wenn nicht das Weltall selbst diesen bildet.
Dann ist er aber eben für Menschenverstand unfaßbar, und wir müssen
uns bescheiden zu sagen: +Er ist der Geist der Welt+; mehr können wir
nicht, wenn wir uns nicht in bodenlose Phantasien verirren wollen!
~b~) Der ewige Osten.
Von +Osten+ kommt das Licht, von Osten erhebt sich die Sonne, uns zu
erleuchten und zu wärmen, von Osten kam die Leuchte der Kultur zu
uns, von Osten wird die Loge erleuchtet und geleitet. Von Osten kommt
+Ostern+, und zu Ostern erwacht die Natur zu neuem Leben und berichtet
uns die ehrwürdige Überlieferung die Auferstehung eines der größten
Geister, für die Meisten unter uns des größten unter allen, weil des
reichsten an Liebe. Weil also von Osten das Licht, das Leben und die
Liebe kommen, nennen die Freimaurer auch den unbekannten, rätsel- und
geheimnisvollen Ort, wohin +die+ gehen, für die auf der Erde Licht,
Leben und Liebe aufgehört haben zu leuchten und zu blühen, -- +den
ewigen Osten+. Denn weil alles Leben von ihm kommt und wieder zu ihm
zurückkehrt, ist er ewig wie der keinen Anfang und kein Ende kennende
Kreis der Ewigkeit, der ewige Kreislauf des Lebens der Welt und des
Wirkens Gottes.