Mit dem flammenden Stern zusammen wird gern der +Spiegel+ als Sinnbild

der Selbsterkenntnis und damit auch der Welterkenntnis in Verbindung

gebracht. Nicht der Spiegel, den die Eitelkeit liebt, in dem sich

die Selbstsucht gefällt, sondern derjenige, in dem der Mensch seine

Fehler erblickt, so daß er ihn befähigt, sie zu beseitigen und in allen

Dingen nach Vervollkommnung seines Wesens zu streben. Damit ist viel

verbunden, mehr als man gemeiniglich ahnt. Es ist die Verbesserung in

allen Hinsichten.

Der Mensch soll sich nicht nur selbst erkennen, sondern auch selbst

heilen, sein eigener Seelenarzt sein, die Unmäßigkeit und alles

Ungesunde meiden, wie in Kunst und Wissenschaft, so auch im Leben.

Frivolität, Obscönität auf der einen, süßliche Sentimentalität und

Überzuckerung des Lasters auf der anderen Seite entstellen und

verderben die Kunst; Unwahrhaftigkeit auf der einen, Versinken

in unnützen Kram, der der Menschheit ewig fremd bleibt, auf der

andern Seite, sind der Untergang der Wissenschaft. Gleichgültigkeit

gegen Roheit und Gewalttätigkeit, Nachsicht gegen Schlechtigkeiten

untergraben die Sittlichkeit ebenso sehr wie eigene schlimme

Handlungen. Gesundheit und Reinheit sollen das Leben beherrschen,

und daher soll der Freimaurer und jeder Edelmensch sich hüten, ein

Übermensch oder ein Untermensch sein zu wollen, sich jenseits von

Gut und Böse zu stellen, das Leben als einen Kampf um das Dasein,

um das „Recht des Stärkern“ zu betrachten, sich zum Schaden Anderer

ausleben zu wollen. Aber nicht nur passiv, auch aktiv soll er

auftreten und kämpfen für alles Gute und gegen alles Böse, wie es ihm

sein Gewissen eingibt. Dazu ist ja Anlaß genug vorhanden: Kampf mit

aller Entschiedenheit gegen den Krieg, gegen den Zweikampf, gegen

das Spiel um Geld, gegen den Alkoholteufel, gegen den Mißbrauch des

weiblichen Geschlechts durch Prostitution und Mädchenhandel, gegen

den Aberglauben, gegen ungesunde und unreine Vornahme jeder Art, dann

gegen Unreinlichkeit als Quelle vieler Krankheiten, gegen unziemliches

Verhalten mancher Kreise, gegen Mißbräuche in allen Verhältnissen.

Solches und viel anderes, was uns zu weit führen würde, zu tun und

zu lassen soll das Sinnbild des Spiegels lehren, der nicht nur ein

Widerschein des ihn Betrachtenden, sondern ein solcher des ganzen

Lebens und Treibens in der Welt sein soll, in dem sich alles spiegelt,

was der Besserung bedarf und was der humane Mensch tun und lassen soll.

Als drittes Sinnbild im Bunde mit dem flammenden Stern und dem

Spiegel im Lichte der Zukunft betrachten wir das der +Akazie+, des

„heiligen Baumes“ der Freimaurerei. Sie stellt nach Schauberg „die

ewig sich verjüngende Naturkraft, den nach dem Schlafe oder Tode der

Natur stets wiederkehrenden Frühling, das unsterbliche Naturleben und

zuletzt die Unsterblichkeit des Menschen dar“. Sie lehrt, wenn wir

sie als Vertreterin der Naturkraft auffassen, was übrigens auch von

jedem andern schönen Baume gilt, deren manche vielen Völkern heilig

waren, den Menschen die Schönheit der Natur schätzen und damit für

seine eigene geistige Schönheit besorgt sein. Sie lehrt die Gestirne

und damit das unendliche Weltall, die Schönheit der Formen, die die

Natur hervorbringt, das Wunderwerk des Menschen und seines Geistes

bewundern, und damit auch über die unfaßbare Macht des A. B. d. W.

staunend nachdenken. Sie lehrt also auch die Natur genießen, an ihr

nicht gleichgültig vorübergehen, sie nicht verachten, vielmehr in

den Schönheiten von Wald und Feld, von Blumen und Früchten, von Berg

und Tal, von Seen und Meer schwelgen, und sie, wenn es die Anlagen

gestatten, besingen, zeichnen und malen, jedenfalls aber preisen und

dem Schöpfer dafür danken. Sie lehrt, Sonne, Mond und Sterne lieben,

sich auch in deren Verdunkelung schicken und auf ihr Wiedererscheinen

hoffen. Sie lehrt ferner die wahre Schönheit überall erkennen, edle

Menschen nach ihrem Äußeren ergründen und schätzen, aus dem andern

Geschlechte +die+ zu finden, die fähig ist, glücklich zu machen und

Liebe mit Treue zu vergelten.

Durch alles was sie, richtig verstanden, oder was, wenn man will,

irgend ein anderes Naturgebilde lehrt, wird die Erde zum Garten und der

Mensch zum fröhlichen Gärtner, der die Seinigen freudig pflegt, für ihr

Bestes sorgt und auch anderen Menschen ein treuer Freund wird.

So tragen fl. St., Sp. und Akazie bei richtigem Verständnis zum Glücke

der Menschheit und zu einer besseren Zukunft bei.

Sie entsprechen zugleich den 3 freimaurerischen Idealen, der fl. St.

der Weisheit, der Sp. der Stärke und die Akazie der Schönheit, sowie

den edelsten Tätigkeiten des Menschen, die aus dessen Wesensseiten

hervorgehen, die Wissenschaft aus dem Geiste, die Moral aus der Seele,

die Kunst aus der Natur.

* * * * *

Übersicht der wichtigsten freimaurerischen Sinnbilder siehe folgende

Seite.

Übersicht der wichtigsten freimaurerischen Sinnbilder.

Licht

|

-------------------------------------------

+um+ uns: +in+ uns: +über+ uns:

+Menschheit.+ +Gewissen.+ +Gottheit.+

Sinnbild: Zirkel (Men- Winkelmaß Hammer (Macht

schenliebe) (Rechttun) zum Guten)

Zeitraum: Vergangenheit Gegenwart Zukunft

Mystizismus Mystik Mysterium

(Aberglaube) (Religion) (Humanität)

Weisheit Sphingen Bibel Flammender Geist --

Stern Wissenschaft.

Stärke Pyramiden Altar Spiegel Seele -- Moral.

Schönheit Obelisken. Säulen. Akazie. Natur -- Kunst.

Tempel der Menschheit

|

-------------------------------------------

Entspre- | Vorhof Inneres Allerhei-

chend | ligstes

Graden | (+Lehrlinge+) (+Gesellen+) (+Meister+)

(in ei- | +Erde+ +Mond+ +Sonne+

nem hö- |

hern < (Lichtloses, (Beleuchte- (Selbst-

Sinne) | beleuchtetes tes und leuchten-

und den | Gestirn) leuchten- des Gestirn

Gestir- | des Gestirn)

nen:[12] |

[7] Wir verweisen bezüglich des nähern Nachweises auf unser „Buch der

Mysterien“, 3. Aufl., Leipzig 1890, S. 10-26.

[8] Über diesen handelt des Verf. Buch „Aus Loge und Welt“. Berlin

(Franz Wunder) 1905, S. 66-102.

[9] Angeregt in des Verf. Buch „Kulturgeschichtliche Skizzen“. Berlin

1889. S. 239-260.

[10] Für das Nähere siehe Handb. der Freimaurerei, Art. Salomos

Tempel und Schauberg, Symbolik II. S. 125 ff.

[11] Des Sängers Fluch von Uhland.

[12] Nähere Erklärung folgt im 10. Kapitel.

Dritter Abschnitt.

~Die Höhen der Symbolik (Weisheit).~

9. Die Meister.

Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann,

bei der Verehrung dieser Menge haben!

+Goethe+, Faust I.

~a~) Die Meister der Legende.

Der Name „Meister“ (~master~, ~maître~, ~maestro~) war zu allen

Zeiten und bei allen Völkern, seitdem er besteht, ein hoher und

geachteter und zierte die größten Gelehrten und Künstler, während das

lateinische Wort, aus dem er entstand (~magister~) eine Bezeichnung

für untergeordnete Schullehrer blieb. Doch wurde davon stets auch der

bescheidene Handwerksmeister unterschieden. In der Freimaurerei kam

er erst nach, doch bald nach der Gründung des Bundes (um 1723-25)

in Gebrauch. Doch erhielt er auch hier einen höhern Rang durch die

Bezeichnung der Vorsitzenden einzelner Logen (Meister vom Stuhl)

und der Großlogen (Großmeister in Annahme des obersten Titels der

Ritterorden).

Es ist nicht zu verwundern, daß die freimaurerischen Schriftsteller

der ersten Zeit des Bundes, die keine Geschichtforscher waren, einem

damals noch seit einigen Jahrhunderten beliebten Gebrauche huldigten,

Geschlechtern und Gesellschaften einen Ursprung aus grauer Vorzeit

anzudichten. Kaiser und Könige erhielten damals künstliche Stammbäume

aus dem trojanischen Kriege und anderswoher, sogar mit Bildnissen von

Ahnen, die nie gelebt haben, worin man damals durchaus keine Lüge

oder Aufschneiderei, sondern lediglich eine angemessene Huldigung

erblickte. Da wollten denn die freimaurerischen Schriftsteller nicht

zurückbleiben und ernannten aus eigener Machtvollkommenheit um das

Jahr 1730 den vor bald 3 Jahrtausenden gestorbenen König +Salomo+

(s. oben S. 79 ff.) zu ihrem ersten Großmeister. So entstand damals,

ähnlich wie ein Vierteljahrtausend vorher in der Schweiz die Tellsage,

die maurerische +Hiramlegende+. Sie knüpfte sich an den Tempelbau

Salomos, von dem man nach der Erzählung der Bibel eine übertriebene

Vorstellung hatte, während er sich mit neueren Bauten, wie dem Dom von

Köln, der Paulskirche in London und gar der Peterskathedrale in Rom bei

weitem nicht vergleichen ließ. Die bekannte Prachtliebe Salomos bot

dazu willkommene Handhaben. Welche Quellen zur Schöpfung dieser Mythe

gedient haben ist unbekannt.

Die Bibel kennt im ersten Buche der Könige zwei Männer Namens +Hiram+;

der eine war König der phönikischen Stadt Tyros (1. Kön. 5, 1 ff.) zur

Zeit Davids und Salomos, dem er Holz der Zedern aus dem Libanon zum

Baue des Tempels gegen Öl und Weizen überließ, der andere (1. Kön.

7,13 ff.) Sohn eines Tyriers und einer Witwe aus dem Stamme Naphthali,

ein Erzarbeiter und als solche Verfertiger der zwei berühmten Säulen

(oben S. 81 f.), des großen Wasserbeckens, das bei Luther „gegossenes

Meer“ heißt, und anderer eherner Geräte des Tempels. Auf diesen

Grundlagen bauten schon die älteren Maurer, vor der Entstehung des

Freimaurer-Bundes, ihre Handwerkssagen seit dem 15. Jahrh., indem sie

die Namen verwirrten und im 16. Jahrh. glücklich einen gleichnamigen

Sohn des Königs Hiram von Tyros herausbrachten, der Oberbaumeister

beim Tempelbau gewesen wäre, und nannten ihn Hiram Abif, nach der

späteren Bearbeitung der Königsgeschichte, der sog. Chronik, II. Buch,

2. Kap., 11 ff., wo er Huram Abi heißt, Sohn einer Frau aus dem Stamme

Dan und außer in Erz, auch in Bearbeitung von Steinen und Holz gewandt

ist. Andersons Konstitutionenbuch (1723) legte den Namen fest, und

seitdem nannten sich die Freimaurer gern „Söhne der Witwe“. In einem

französischen Freimaurer-Werke heißt der Baumeister Adoniram (Adon

Hiram) oder Adoram.

Die Legende von Hiram kam 1724 im Meistergrade zur Anwendung, erhielt

aber erst 1738, in welchem Jahre dies Anderson erwähnt, durch den Tod

Hirams ihren Abschluß. Danach hatte sie nun folgenden Verlauf:

Als oberster Meister des Bundes der Bauleute, nach dem Könige Salomo,

erteilte Hiram das geheime Meisterwort nur jenen Gesellen, die sich

dieser Ehre würdig erwiesen. Unter den Gesellen befanden sich aber

drei, die nach dieser Ehre begierig waren, aber, da sie ihrer nicht

teilhaftig wurden, sie sich durch Gewalt zu verschaffen beschlossen.

Sie besetzten, als Hiram im Tempel war, die drei Tore im O., S. und W.,

und einer nach dem andern verlangte von Hiram, als er sich entfernen

wollte, das ersehnte Wort. Da dieser sich weigerte, es mitzuteilen,

wurde er im O. von dem ersten der Verbrecher mit einem Maßstabe, dann,

da er gegen S. floh, vom zweiten mit einem Winkelmaß verwundet und

endlich im W. vom dritten mit einem Hammer erschlagen. Die Verbrecher

verscharrten den Leichnam heimlich und verbargen sich in einer

Felsenhöhle. Der ergrimmte König aber ließ nach ihnen fahnden. Die

Späher gelangten endlich an die Höhle, aus der sie Stimmen vernahmen,

die klagten, die erste: „o wäre mir der Hals durchschnitten“, die

zweite: „o wäre mir das Herz aus der Brust gerissen“, und die dritte:

„o wäre mein Leib entzwei gehauen“. Da wurden sie ergriffen, und jedem

geschah, wie sein böses Gewissen es gewünscht hatte. Salomo ließ nun

auch nach dem Leichnam suchen; endlich entdeckten die Ausgesandten ihn,

und von da an wurde das Wort des Entsetzens, das sie beim Anblicke des

Opfers seiner Pflichttreue äußerten, an Stelle des seit seinem Tode

vergessenen zum neuen Meisterworte angenommen. Auf das Grab Hirams aber

und auf das eines verdienstvollen Meisters wird (in einigen Lehrarten)

der heilige Baum, die +Akazie+ gepflanzt. (s. oben S. 87 f.).

Welche Rolle diese Sage im III. Grade spielt, wissen die Meister. Sie

ist aber je nach System und Ritual verschieden und dürfte noch mehr

vereinfacht werden, als sie dies in +unserer+ Loge bereits ist.

Wenn auch der spät vorkommende Name Adoniram unleugbar eine Verbindung

des Namens Hiram mit dem hebräischen Adonai (der Herr) oder dem

phönikischen Halbgotte (Sonnenheros) +Adonis+ ist, so kann daraus doch

nicht eine Ableitung der noch nicht 200 Jahre alten Sage vom Tode

Hirams aus der antiken Mythe gefolgert werden, die den Sonnengott

auf verschiedene Weise, wie er es ja scheinbar tut, untergehen und

wieder auferstehen läßt, wie es Schauberg am Schlusse seines Werkes

mit erstaunlicher, aber zu weit hergeholter Gelehrsamkeit tat. Die

Hiramsage ist einfach eine in die Vergangenheit zurück versetzte

Erklärung des Meisterwortes und der Erkennungszeichen aller 3 Grade und

zugleich eine Feier der Pflichttreue und eine Äußerung des Abscheues

und der Empörung gegen Verräterei und Untreue. Allerdings wünscht der

Freimaurer-Bund selbst dem Verräter keine barbarischen Strafen, sondern

überläßt ihn seinem Gewissen.

~b~) Die Meister der Wirklichkeit.

In den Fragestücken 19 bis 21 des Lehrlings-Katechismus wird gesagt,

die 3 „kleinen Lichter“ der Freimaurerei seien die 3 Kerzen im Umrisse

des länglichen Vierecks im O., W. und S. Sie stellen die Sonne, den

Mond und den Meister vom Stuhl vor, und zwar deshalb, weil die Sonne

den Tag, der Mond die Nacht und der M. v. St. die Loge regiere. Der

altenglische Kat. fügt bei: „oder sollte es tun,“ und gibt damit

dem M. v. St. eine Lehre, seine Pflicht zu erfüllen. Im System der

Gr. L. L. von Deutschland (in Berlin) wird neben das Regieren noch

das „Erleuchten“ gesetzt. Hier haben wir also zwei gegensätzliche

Auffassungen, dort ein Mißtrauen in den M. v. St., hier dessen

Überhebung, als erleuchte er allein die Loge „durch seinen weisen Rat“.

Diese widersprechenden Äußerungen zeigen nach unserer Ansicht, wie

ungeschickt die Zusammenstellung zweier Gestirne und eines Menschen

ist; so „sinnig“ man sie auf den ersten Blick auch finden mag. Sonne

und Mond sind Weltkörper, die so sind, wie sie ihrer Natur nach

sein müssen, sie sind den Menschen der Erde gegenüber unabänderlich

und könnten eine Änderung nur durch die Allmacht erleiden. Während

sie sich sonach aller Kritik entziehen, ist der M. v. St., den ja

die Loge wählt, von vornherein der Kritik unterworfen, tritt sein

Amt an und wieder ab, während die Gestirne das ihrige in Ewigkeiten

fortführen, -- Ewigkeiten wenigstens für unsern Verstand. Sonne und

Mond sind keine kleinen Lichter, sondern für unsere Erde geradezu

die größten mit Sinnen wahrnehmbaren, denen zwar die idealen Lichter

überlegen sind, die aber ohne die wahrnehmbaren nicht da wären,

weil die Menschheit ohne sie in Dunkel und Kälte versunken wäre und

daher auch keine geistigen Lichter erfassen könnte. Seien wir daher

aufrichtig, bekennen wir unsere Unvollkommenheit, setzen wir uns nicht

großartigen Erscheinungen der Natur gleich und nennen wir Sonne und

Mond schlichtweg Gestirne und den M. v. St. schlichtweg einen Menschen.

Einen Menschen zumal, dem es nicht +allein+ zusteht, die Loge zu

regieren, oder gar zu erleuchten; dazu sind auch die anderen Brr. da,

aus denen er hervorging und in deren Mitte er wieder zurückkehrt.

Ohnehin passen die sog. 3 kleinen Lichter nicht in die Bildersprache

der Freimaurerei. Diese setzt Bilder, wie z. B. Hammer, Winkelmaß und

Zirkel, an die Stelle von Ideen; Sonne und Mond aber werden nicht als

Bilder für Ideen, sondern einfach als leuchtende Gestirne behandelt,

ebenso der M. v. St. lediglich als einer unserer Brüder, dem wir ein

besonderes Vertrauen entgegenbringen.

Demgemäß erscheint es natürlicher, menschlicher und daher auch

maurerischer, wenn der M. v. St. sein Vorbild nicht in Sonne und

Mond, sondern in großen Männern erblickt, die für ihre Zeit ebenfalls

Meister, wenn auch nicht vom Stuhl, doch vom Segen der Menschheit

begleitete waren. Als Nacheiferer solcher großen Menschen und Meister

ihrer Zeit hat der M. v. St. wahrhaftig einen höheren Beruf als wenn er

sich mit Sonne und Mond zusammenstellen läßt.

Führen wir einige dieser Lichter der Menschheit als Beispiele an.

Der große chinesische Philosoph +Kongfutse+ (genannt Confucius) 551-476

vor Chr., schon in seiner Jugend ein Wunder von Weisheit, zeichnete

sich auch durch seine Bescheidenheit aus. Nachdem er den 50 Jahre

älteren Weisen +Laotse+, der in seiner Einsamkeit ein Genügen fand,

kennen gelernt, sagte er zu seinen Schülern. „Gedanken so hoch wie der

Vogel in der Luft erreicht Laotse gleich dem Pfeile, solche so schnell

wie der Hirsch holt er ein gleich dem Jagdhunde, solche so tief wie

der Fisch im Meere bringt er gleich der Angel ans Licht.“ Und doch ist

Laotse beinahe vergessen, und Kongfutse ist noch heute der gefeierte

Lehrer seines Landes und der geistige Führer aller Gebildeten, und

seine Nachkommen genießen besondere Vorrechte. Seine Moral ist im

wesentlichen auch die des echten Christentums und die der Freimaurerei.

Der Indier +Siddhartha+, ein Sohn edelsten Geschlechts (um 560-480

vor Chr.) verließ infolge einer Erleuchtung über die Nichtigkeit

des menschlichen Treibens, nach der Sitte der Weisen seines Volkes

(allerdings nicht nach heutigem Geschmacke) die Pracht seines

Vaterhauses und lehrte, durch den Beinamen +Buddha+ (der Erwachte)

ausgezeichnet, als Bettelmönch zahllose Schüler das Geheimnis von der

Entstehung und Überwindung des Leidens, neben einer hohen sittlichen

Veredlung, und seine Lehre eroberte weitgedehnte Länder Asiens. Obschon

sie zeitweise tief entartete und an Boden verlor, ja ihre alte Heimat

einbüßte, schwang sie sich in neuester Zeit empor und sucht sogar in

Europa und Amerika dem Christentum Wettbewerb zu machen.

Der Athener +Sokrates+ (469-399 vor Chr.) verachtete allen Reichtum und

alle Ehrenstellen, um als wandernder Lehrer das Volk und die Jugend

über die Erfordernisse eines menschenwürdigen Lebens aufzuklären und

besiegelte sein hohes Streben durch den Gifttod, dem ihn sein von

Demagogen verblendetes Volk überlieferte. Durch seinen Schüler, den

göttlichen +Platon+ und dessen Schüler, den vielseitigen +Aristoteles+

hat er auf Jahrtausende hinaus veredelnd gewirkt.

Für das heutige Europa und seine Kolonien sind diese Meister, so groß

sie für ihre Zeit und ihre Völker waren, in den Schatten gestellt durch

einen weit größeren, vor dem wir indessen seinen für unsern Bund eine

besondere Bedeutung besitzenden Vorläufer nennen müssen.

+Johannes+ der Täufer, der als Schutzheiliger der Steinmetzen von

Südengland, wo die Freimaurerei entstand, unseren Logen ihren Namen

gab, verzichtete, obschon von priesterlichem Geschlechte, auf alle

Annehmlichkeiten des Lebens, ähnlich wie Buddha und Sokrates, und

lehrte (29-31 uns. Zeitrechn.), arm gekleidet und sich ärmlich nährend,

in der Wüste am Jordan, wohin ihm das Volk zuströmte, taufend und

auf einen Höheren hinweisend, bis er aus Wahrheitsliebe unter dem

Henkerbeile verblutete.

Jener Höhere war +Jesus+ von Nazareth, dessen unerreichte und

unerreichbare sittliche Erhabenheit es uns überflüssig erscheinen

lassen, diese Idealpersönlichkeit mit weiteren Worten zu besprechen

oder sie gar gegen die Ketzer-, Hexen- und Judenmörder zu verteidigen,

die das Andenken dieses einzigen Menschen durch ihre angebliche

Anhängerschaft schändeten und deren Nachkommen ihn durch erheucheltes

Plappern, hohlen Prunk und politische Umtriebe zu ehren sich einbilden.

Was sollen wir noch von weiteren verdienstvollen Männern sagen, die

dem M. v. St. und allen Meistern, ja allen Brüdern zum Vorbilde dienen

können, von Männern, die ihre Überzeugungstreue mit dem Feuertode

besiegelten, den unwürdige und unwissende Anhänger des Urbildes der

Milde und Güte über sie verhängten (wie Arnold von Brescia, Hus,

Savonarola, Giordano Bruno und andere) oder unter Mühen und Leiden sich

der Belehrung des Volkes widmeten (wie Comenius, der Vorläufer unseres

Bundes) oder sich in Sturm und Kampf und teilweise Not als geistige

Helden bewährten (wie Luther, Zwingli, Kepler, Spinoza, Rousseau)

oder an der Spitze von Völkern für Freiheit kämpften (wie Wilhelm von

Oranien, Franklin, Washington) oder gar auf dem Throne für Aufklärung

und Menschenliebe glühten (wie Friedrich der Große und Josef II., denen

wir noch unsere verewigten Brüder, die Kaiser Wilhelm I. und Friedrich

III. anreihen dürfen), oder in geistiger Arbeit Lehrer der Menschheit

wurden (wie Milton, Newton, Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die Brüder

Humboldt, Helmholtz, Mommsen u. s. w.)? Die Weltgeschichte antwortet

hierauf.

Der Meister-Katechismus fragt in Nummer 12: „Wodurch soll sich ein

Meister von den Gesellen und Lehrlingen unterscheiden?“ und antwortet:

„Durch die genaueste Erfüllung seiner Pflichten, wodurch er nicht nur

die Liebe seiner Brr., sondern auch die Hochachtung der Welt sich

erwirbt.“

Die Meister haben in einigen Lehrarten noch besondere Sinnbilder, die

auf Sündhaftigkeit in Gefahren und auf Unerschütterlichkeit in der

Überzeugung hindeuten, so z. B. ein +Schiff+ ohne Mast und Segel, das

sich aber trotzdem aufrecht erhält, einen +Schlüssel+ von Elfenbein,

der die Gerechtigkeit bedeuten soll, ein +Denkmal+, auf dem ein

Buch liegt und das eine schwebende Jungfrau mit einem Akazienzweige

schmückt, was auf die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge hinweist

und durch das das Schicksal bedeutende Buch die Hoffnung auf

Unsterblichkeit nährt. Auch die Gesellen und Lehrlinge sind berufen,

Meister zu werden und das von diesen Gesagte zur Tat zu gestalten.

10. Die Gestirne.

Wölbt sich der Himmel nicht da droben?

Liegt die Erde nicht hier unten fest?

Und steigen, freundlich blickend

Ewige Sterne nicht herauf?

~a~) Die Erde.

Die obigen Worte, die Br. Goethe seinen Faust zu Gretchen sagen

läßt, drücken eine längst vergangene Weltanschauung aus, die aber

heute noch, durch die Bibel aufrecht erhalten, den Grundzug der

herrschenden Religionen bildet. Denn alle Dogmen, namentlich aber

die der christlichen Bekenntnisse, beruhen auf der Ansicht, daß Gott

den Planeten Erde vor allen übrigen Weltkörpern bevorzuge, ja man

darf sagen, seinen Bewohnern beinahe allein seine Fürsorge widme.

Nach dieser Auffassung, auf der allein das Dogma der Dreieinigkeit

beruht, ist die Erde die +Welt+, was auch die noch heute vorwiegenden

Ausdrücke „Weltteile“, „Weltbürgertum“ und „Weltgeschichte“ zeigen

und wovon sogar der Name einer so modernen Einrichtung wie der

des Weltpostvereins zeugt, der doch keine Sendungen nach anderen

Weltkörpern übernimmt. Und das trotzdem, daß die Ansicht von der

Stellung der Erde im Weltall so riesenhafte Umgestaltungen durchbracht

hat, wie folgende Übersicht zeigt.

1. Zeitraum, von Moses bis Ptolemäus (um 140 uns. Zeitrechn.): die

den Alten bekannte Erde ist eine +Scheibe+ (worauf sie ruhe ist

unbekannt), die der Ocean umgibt und über der sich der Himmel wie

eine Glasglocke wölbt, an dem die Sterne befestigt sind, während die

7 Planeten (Sonne Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn) sich

um eine Erhöhung im Norden bewegen.

2. Zeitraum, von Ptolemäus bis Kopernikus (geb. 1473 gest. 1543): die

Erde ist eine +Kugel+ (was indessen schon Pythagoras und die auf ihn

folgenden griechischen Philosophen wußten), um welche die 7 Planeten

und der ganze gestirnte Himmel sich im Kreise bewegen.

3. Zeitraum, seit Kopernikus: die Erde ist ein +Planet+, der zwischen

Venus und Mars, gleich den übrigen Planeten um die Sonne kreist, nur

der Mond allein um die Erde. Ohne Einfluß auf die Erde ist die seit

Kepler allmählich weitergehende Auffassung, daß unser Sonnensystem

nicht im Mittelpunkte des Weltalls schwebt, sondern nur eines unter

unzähligen ist; alle Sterne außer den Planeten und Kometen sind

Sonnen, die ihre Planetensysteme haben können und sich fortwährend

im Weltraume bewegen, in vorläufig noch unbekannten Bahnen.

Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei. · 第 5 / 8 段