der Freimaurer werden bezeichnet: der rohe Stein, das des Lehrlings,
der behauene oder kubische Stein, das des Gesellen, und das
Reißbrett, das des Meisters. Die Arbeit an rohen Steinen bedeutet
die Selbsterkenntnis, die Selbstbeherrschung und die Selbstveredlung.
Ihr Zweck ist die Entfernung aller Rauheiten und Unebenheiten des
Verstandes, Herzens und Charakters, die Befreiung von Vorurteilen
und Irrtümern, das Emporheben zum Schönen, Guten und Wahren; um ein
würdiges Glied der Bruderkette und Menschheit zu werden. Geschieht
dies, so wird der rohe Stein zum +Quaderstein+, der sich zur Einfügung
in den Bau, in den Tempel der Humanität eignet. Es geht dies nicht
nur den Freimaurerlehrling und Gesellen an, sondern den Menschen
überhaupt; er bedarf einer solchen Vervollkommnung und wäre er auch
Meister. Auch am behauenen Steine ist noch Arbeit notwendig. Es gilt
die ausgearbeiteten Flächen noch zu glätten, d. h. in der Selbstzucht
Fortschritte zu machen, zur Kenntnis der Künste und Wissenschaften
vorzudringen. Meister sein und auf dem +Reißbrette+ arbeiten kann nur,
wer, gleich einem geglätteten Steine, sich als fähig erwiesen hat, ein
tüchtiger Bestandteil des Baues zu sein. Auf dem Reißbrett entwerfen
die Meister „mit dem Maßstabe der Wahrheit, dem Winkelmaß des Rechts
und dem Zirkel der Pflicht“ den Plan, dem der Bau folgen muß, um
sicher zu stehen und Wohlgefallen hervorzurufen. Wie der A. B. d. W.
den Plan zum Weltgebäude entwarf, so soll der Mensch den Plan zu einem
wohltätigen und fruchtbaren Leben entwerfen. --
+Übersicht+:
Ideale: +Weisheit.+ +Stärke.+ +Schönheit.+
Grade: +Meister.+ +Geselle.+ +Lehrling.+
Hauptwerkz.: Hammer. Winkelmaß. Zirkel.
Nebenwerkz.: Pickel, Wasserwage, Zollstab.
Meißel. Senkblei.
----------------------v--------------------
Arbeit = Kelle = Maurerei.
----------------------Λ--------------------
Arbeitsfelder: Reißbrett. Quaderstein. Roher Stein.
Tugenden: Selbstver- Selbstbe- Selbst-
edlung. herrschung. erkenntnis.
8. Die weiteren Sinnbilder.
Komm, hebe dich zu höhern Sphären!
Wenn er dich ahnet, folgt er nach.
+Goethe+, Faust II.
Zu höheren Sphären erheben uns jene freimaurerischen Sinnbilder, die
nicht bloß Zeichen, Zieraten oder Werkzeuge, wenn auch von noch so
sinnvoller und tiefer Bedeutung, sind, sondern Werke, Begriffe und
Ideen vertreten, die in der Geschichte und den Idealen der Menschheit
begründet sind, die aber tief geahnt und richtig verstanden werden
müssen, um den strebenden Menschen zur Nachfolge anzufeuern. Diese
Sinnbilder sind nicht der Baukunst, nicht der Freimaurerei selbst
entnommen, sondern beruhen teils auf großartigen Tatsachen der
Kulturgeschichte, teils auf erhabenen Idealen der Menschheit. Es sind
teils längst ihres Zweckes enthobene, wenn auch noch vorhandene,
teils noch heute in Kraft und Blüte bestehende, teils endlich hehren
Erwartungen künftiger Zeiten entsprechende Erscheinungen oder Gedanken.
~a~) Sinnbilder der Vergangenheit.
Vergangenheit ist genau genommen alle Zeit, die bis auf diesen
Augenblick verflossen ist. Die Geschichte fliegt aber nicht mit
Windeseile wie der flüchtige Augenblick, sondern schreitet langsam und
bedächtig vorwärts; daher behält vieles, vielleicht sehr vieles, was im
wörtlichen Sinne vergangen ist, für uns seine Gegenwart. Was für diese
durchaus vergangen ist, liegt weit hinter uns zurück, Jahrhunderte,
ja Jahrtausende. Verschwunden bis auf steinerne Spuren, sind für uns
die einst blühenden Reiche am Nil, am Tigris und Euphrat, die einst
riesigen und prachtvollen Königsstädte Theben und Memphis, Ninive und
Babylon, und ihre, bisher von Sagen und Fabeln überwucherte Geschichte
mußte mühsam aus jenen steinernen Spuren ausgegraben und durch die
geistvolle Entzifferung der Hieroglyphen und Keilschriften aufgehellt
werden. Für die Freimaurerei kommt indessen hier nur +Ägypten+ in
Betracht, von dessen steinernen Überresten einige zu Sinnbildern des
Bundes geworden sind, denn die kurze Erwähnung des Babylonischen
Turmes in einer alten freimaurerischen Schrift hat zu keinem Sinnbild
Anlaß geboten. Hingegen ist Ägypten in mehrfacher Hinsicht für unsern
Bund von Bedeutung, nicht wegen der Phantasien, welche die Brr.
Polak, Leutbecher und Schauberg verleitet haben, den Ursprung unseres
Bundes dort oder noch weiter zurück zu suchen, sondern wegen der
Ähnlichkeiten, die der Bund mit den Mysterien der ägyptischen Priester
darbietet, die jedoch durch Verschiedenheiten zwischen beiden weit
überwogen werden.[7]
Unter den Denkmälern des Nillandes, die hier und da in freimaurerischen
Logen und Graden Verwendung gefunden haben, sind die ältesten und
großartigsten die +Pyramiden+. Die größten und berühmtesten dieser
kolossalen Bauten sind die drei in Giseh bei Kairo zum Himmel ragenden.
Sie stammen aus der Zeit der vierten Pharaonendynastie, deren
Herrschaft wahrscheinlich um das Jahr 3250 vor Chr. begann. Die größte
baute Chufu (griech. Cheops), die zweitgrößte sein Nachfolger Chafra
(Chefren), die dritte dessen Nachfolger Menkaure (Mykerinos). Nach
diesem geriet der Pyramidenbau bereits in Verfall. Neuerdings will man
entdeckt haben, daß diese Denkmäler astronomische Zwecke hatten, indem
sie genau nach den Himmelsgegenden gerichtet sind. Anderson, einer der
älteren Freimaurer, brachte sie bald nach der Entstehung des Bundes
mit diesem in Verbindung, daher ihre Gewalt noch hie und da in Logen
Verwendung findet. Sie eignen sich in der Tat zu einem Sinnbild solider
in sich festgefügter Stärke des Willens.
Jünger und kunstvoller als die Pyramiden sind die +Obelisken+ (d. h.
„kleine Spieße“), vierkantige, langgestreckte, aus +einem+ Stein
gehauene, von unten nach oben schmäler werdende und auf dem Gipfel eine
kleine Pyramide tragende, zum Schmucke der Tempelhöfe dienende Säulen.
Auch diese erscheinen bisweilen als Sinnbilder schönen, harmonisch
geordneten Bauens.
Ebenfalls jünger, aber durch Nachbildung des Lebens und
bedeutungsvollen Charakter hervorragend sind die Denkmäler des
Nillandes und, von dort her eingeführt, auch anderer Länder, die
den Namen +Sphinx+ tragen, aber in Ägypten männlich, in Asien und
Griechenland und daher auch anderswo weiblich gebildet sind. Ein
Männer- oder Frauenkopf mit Brust gleicher Art ruht auf einem bisweilen
geflügelten Löwenleibe. In Ägypten bildeten die Sphingen ganze Alleen,
die zu den Tempeln führten; das bekannteste und am besten erhaltene,
wenn auch stark beschädigte Bild dieser Art ist das bei der zweiten
Pyramide ausgegrabene, aus dem Felsengrund gehauene Bild des Gottes
Harmachis, einer Gestalt des Sonnengottes. Es war dort Sinnbild der
Stärke und Weisheit, wozu in Hellas noch das der Schönheit kam -- aber
auch des Geheimnisvollen und Rätselhaften. Diesen Charakter hat die
Sphinx auch in Europa behalten, wo sie überall weibliche Gestalt hat.
Wenn auch nicht gerade als anerkanntes freimaurerisches Symbol, so wird
sie doch in Logen, am Eingange solcher, auf Siegeln und Denkmünzen
vielfach dargestellt und trägt einen schönen, aber ernsten und
geheimnisvoll blickenden Frauenkopf.
Wir verlassen diese Vergangenheit als ein Reich der Mysterien und des
Rätsels.
~b~) Sinnbilder der Gegenwart.
Die Gegenwart im kulturgeschichtlichen Sinne, d. h. der Inbegriff der
Kulturschöpfungen, die für uns jetzt noch Wert und Bedeutung haben, ist
wie gesagt kein flüchtiger Augenblick, ja nicht nur die sog. neuere
oder neueste Zeit, sondern ein mehr als zweitausendjähriger Zeitraum.
Er beginnt mit dem Verfalle jener Reiche, die für uns Vergangenheit
sind, weil wir von ihnen keine Kulturschätze bewahrt haben, und mit dem
Beginne neuer Ideen, die althergebrachten abergläubigen Vorstellungen
zuleibe gingen. Das geschah um die Zeit von 500 vor Chr., als Ägypten
und Babylon ihre Selbständigkeit und ihren alten Charakter verloren,
und wie auf einen Schlag in den verschiedensten Ländern Geister wie
Kongfutse, Buddha, Zarathustra und Pythagoras neue Wege einschlugen und
die Götzen der alten Versunkenheit in dumpfen Wahn niederwarfen. Eine
Periode von vier bis fünf Jahrtausenden endete, und eine neue begann.
Wie lange wird sie dauern?
Etwa ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt ist die +Bibel+
(d. h. vorläufig die Hauptteile des A. T.) in ihrer heutigen Gestalt
abgeschlossen worden. Ihre noch heute fortdauernde Hochschätzung
berechtigt uns, mit diesem Zeitpunkte die Gegenwart im weitesten
Sinne zu beginnen. Allerdings ist diese Hochschätzung nicht immer
die gleiche geblieben. In sehr vielen Kreisen zwar wohl; aber in den
ebenfalls weiten der unabhängig Denkenden ist die Bibel von „Gottes
Wort“, das früher ihre allgemeine Bezeichnung war, zu einer durchaus
menschlichen Büchersammlung zurückgegangen. Dazu haben zweierlei
Umstände beigetragen, einerseits der Widerspruch gegen den Zwang, mit
dem das Ansehen der Bibel den Menschen aufgedrängt wurde (und jeder
Zwang erzeugt in nicht sklavischen Seelen Widerspruch), und anderseits
die Tätigkeit der historisch-kritischen Wissenschaft im Laufe des
19. Jahrhunderts, deren Träger über jedem Verdacht einer schlimmen
Absicht erhaben sind und deren Charakter makellos dasteht. Wem diese
Vorgänge Schmerz verursachen, der vergißt, daß die +ganze+ Bibel auch
dem Gläubigsten nicht mehr absolute Autorität ist. Für den Christen
hat die mosaische Gesetzgebung im 3. bis 5. Buche des Pentateuch
schlechterdings nicht mehr Gewicht als für den Juden das Neue
Testament. Aber noch mehr! In jüngster Zeit haben die orthodoxesten
Theologen und ihr Anhang in vielen Punkten des Bibelglaubens
Zugeständnisse an die Kritik gemacht, so daß ihnen Stellen, die mit der
Wissenschaft unvereinbar sind, nicht mehr als Wahrheit, sondern nur
noch als bildliche Einkleidung religiöser Gefühle erscheinen, -- sogar
auf katholischer Seite.
Der Begriff der wörtlichen Offenbarung ist ohnehin stets streitig
gewesen, und es wird auch auf bibelgläubiger Seite vielfach zugegeben,
daß Abschriften, Übersetzungen, streitige Lesarten und Mißverständnisse
im Laufe der Zeit viele Änderungen des ursprünglichen Textes
herbeigeführt haben. Der Verfasser verwahrt sich übrigens ausdrücklich
gegen den Verdacht, als wisse er die Bibel nicht zu schätzen. Von
mehreren Teilen ist dies in hohem Maß der Fall, von anderen freilich
nicht, und zwar aus guten Gründen.
Religiöse Streitigkeiten sind im Schoße der Freimaurerei
ausgeschlossen; da nun aber tatsächlich die Bibel mit der Loge in
Zusammenhang gebracht worden ist, war dieser Gegenstand hier nicht zu
umgehen.[8]
Und wie verhält es sich nun mit diesem Zusammenhange?
Die Fragestücke 17 und 18 des Lehrlings-Katechismus lauten:
17. Welches sind die 3 großen Lichter der Freimaurerei? -- Bibel,
Zirkel und Winkelmaß.
18. Wie erklären Sie solches? -- Die B. +ordnet und richtet unsern
Glauben+, das W. unsere Handlungen, und der Z. bestimmt unser
Verhältnis gegen alle Menschen, insbesondere gegen unsere Brüder.
Diese Fassung und Zusammenstellung ist schlechterdings +unhaltbar+. B.,
W. und Z. können unmöglich in ihrer Wirkung zusammengestellt werden;
denn die B. hat einen bestimmten Wortinhalt, W. und Z. aber nicht. Es
wird nicht +genau+ gesagt werden können, +wie+ unsere Handlungen und
unser Verhältnis gegen die Menschen und Brr. beschaffen sein sollen;
es ist dies dem Gefühl und Gewissen der Einzelnen zu überlassen. Kommt
aber die Bibel dazu, so hat dies ein anderes Gesicht. Die B. sagt
+genau+ (Mißverständnisse vorbehalten), +was+ geglaubt werden soll.
Nach den Grundsätzen der Freimaurerei können von den Brüdern gute
Handlungen und ein treues Verhältnis zu den Brrn. verlangt werden,
+ein bestimmter Glaube aber nicht+. Der Freimaurer-Bund ist +keine
Glaubensgenossenschaft+, am wenigsten eine solche zur Pflege eines
wörtlich festgelegten Glaubens. Es herrscht daher gegenwärtig die
Auffassung vor (Handb. der Freimaurerei, Art. Bibel): da die B. mit W.
und Z. zusammengestellt und diese beiden der Freimaurerei nur bildlich
zugeeignet sein können, so könne auch die B. nur vorwiegend symbolische
Bedeutung haben. Sie sei das Sinnbild wahrer Religiosität und
Frömmigkeit, einer Religion, in der alle Menschen übereinkommen, wenn
sie auch verschiedenen Bekenntnissen angehören. Wenn nun aber weiterhin
zugestanden wird, daß der Jude an ihrer Stelle als Sinnbild das bloße
A. T., der Mohammedaner den Koran, der Hindu die Vedas u. s. w.
setzen könne, was alles entschiedene Glaubensbücher sind, wie ist da
derjenige Christ, der den Glauben an viele oder die meisten Teile der
B. verloren hat, oder vollends der Freidenker, dem sie nur ein Teil der
Weltliteratur ist, gestellt? Es ist damit wieder gesagt, daß eben doch
der Freimaurer verpflichtet sei, einen bestimmten religiösen Glauben zu
haben. +Das ist er aber nicht+; sein +Gewissen+ ist seine Religion, und
+wie+ diese beschaffen sei, darüber ist er keine Rechenschaft schuldig.
Das Ritual +unserer+ Loge +verbietet+ sogar, den Aufzunehmenden bei
Angabe seiner Personalien nach seiner Konfession zu fragen. Ein freier
Mann von gutem Rufe kann keine schlechte Religion haben, kann auch
keinem rohen und frivolen Atheismus huldigen. Wie er sich den A. B.
d. W. vorstellt, ist seine eigene Sache. +Unsere+ Loge hat daher auch
das Gelübde auf die Bibel aufgegeben und nur ein solches auf Ehre,
Tugend und Bruderliebe beibehalten. Daß dagegen eine andere Loge an
die Stelle der B. ein +weißes Buch+, mit der Aufschrift „Gott“ gesetzt
hat, entzieht sich unserem Urteil, da es ausschließlich Sache ihrer
Brüderschaft ist.
Wir haben oben als höchste Lichter der Freimaurerei, wie es auch
+unsere+ Loge getan, die Gottheit, das Gewissen und die Menschheit
mit den Sinnbildern des Hammers, des Winkelmaßes und des Zirkels
vorgeschlagen. Und die +Bibel+? Sie soll nicht ignoriert werden.
Sie soll ein Sinnbild bleiben, aber nicht das unseres Glaubens, der
unabhängig sein soll, sondern das Sinnbild einer kulturgeschichtlichen
Periode, derjenigen, in der auch wir leben, aber mit der Hoffnung,
daß nach und nach an die Stelle der bisherigen Bibel, die ja neben
viel wunderbar Schönem auch viel Schwaches und Anfechtbares enthält,
eine neue treten werde, nicht als Organ einer Kirche, sondern der
Menschheit, und diese neue Bibel müßte das beste und schönste aus der
+gesamten Weltliteratur+, mit Einschluß des besten und schönsten aus
der bisherigen Bibel enthalten,[9] und zwar nicht nur religiöses (das
Hohe Lied ist dies ja auch nicht), sofern auch alles was würdig ist,
der Menschheit zur Richtschnur zu dienen. --
In den Hochgraden gibt es, wie schon die Titel der schottischen
Grade und ihr sog. Arbeitsfeld (oben S. 41 ff.) zeigen, eine Menge
Erinnerungen an das A. T., so besonders an die Stiftshütte in der
Wüste, die aber von der Rolle, die der +Tempel Salomos+ schon in der
älteren Freimaurerei spielt, weit überragt wird, wie überhaupt viel
auf den König Salomo bezügliches in den Logen vorkommt. So Salomos
+Siegel+, als Sinnbild der Verschwiegenheit, nach einer Stelle
der seinen Namen tragenden Sprüche, die ermahnt, Mund und Zunge
zu bewahren. Salomos +Siegelring+ gilt als ein Zaubermittel, sich
die Geister dienstbar zu machen und als ein Sinnbild der Weisheit.
Salomos +Thron+ kommt im Konstitutionenbuche Andersons als Stuhl des
Großmeisters vor. In demselben Buche wird Salomos +Tempel+ als der
Ausgangspunkt der Freimaurerei bezeichnet; denn er habe, sagt die
altfreimaurerische Sage, unter seinen Aufsehern und Arbeitern die
ersten Logen gestiftet und selbst als Großmeister gewirkt, wie der
Baumeister Hiram Abif als zugeordneter Großmeister, was natürlich reine
Erdichtung ist. Schon im 17. Jahrhundert wurde die Kirche unter dem
Bilde des salomonischen Tempels gedacht, und +Comenius+, der Vorläufer
der Freimaurerei, kleidete unter diesem Bilde seine Idee einer
allgemein menschlichen (zugleich christlichen) Gesellschaft ein, die
jedoch, da es sich um einen israelitischen, von einem Heiden (Hiram
aus Tyros) gebauten Tempel handelte, nicht ausschließlich christlich
sein konnte, sondern als Vorbild einer konfessionslosen, rein humanen
Freimaurerei verstanden sein muß. Die drei Teile des Tempels, der
Vorhof, das Innere und das Allerheiligste, konnten als Vorbedeutungen
der drei Grade, die länglich viereckige Gestalt des Tempels als Vorbild
der Loge gelten, und so gibt es noch viele Analogien, besonders in den
Zahlenverhältnissen, so daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß die
Gründer der ersten Großloge (der von England) den Tempel Salomos als
Vorbild für die Loge benutzten.[10]
Der +Räucheraltar+ im Innern des salomonischen Tempels hat ohne Zweifel
mit seinen Leuchtern als Vorbild der christlichen +Altäre+ gedient.
In der Freimaurerei kommt erst in den Anfängen der sog. schottischen
Hochgrade (Mitte des 18. Jahrh.) an Stelle des Tisches des Meisters vom
St. (der anfangs ebenfalls nicht vorhanden war) ein +Altar+ vor, der
diesen Namen aber erst gegen Ende des 18. Jahrh. allgemein erhielt.
Einen gottesdienstlichen Charakter trägt er nicht, wohl aber einen
dreiarmigen Leuchter und wo diese gebraucht wird, die Bibel und andere
Sinnbilder, und dient zum Gebete und zur Ablegung des Gelübdes. Hier
und da breitet sich über ihm ein Baldachin als Sinnbild des Himmels.
Hauptsächlich aber bezeichnet er, zu dem 3 Stufen emporführen, den
Ort, von dem aus die Loge geleitet wird.
Mit der Bibel und dem Altar bilden die +Säulen+ eine Dreizahl heiliger
Dinge in der Loge und kommen selbst wieder in dreierlei Zahl vor.
„+Eine+ einzige Säule zeugt von verschwundener Pracht“,[11] d. h.
das Bild einer oben abgebrochenen Säule am Altar der Loge im
Lehrlingsgrad des rektifizierten Systems, mit der Inschrift „~Adhuc
stat~“ (noch steht sie) versinnbildlichte ursprünglich den Untergang
des Templerordens; in der Freimaurerei will sie sagen, daß ein
edles menschliches Gebilde, wenn auch zum Teile gebrochen, doch
unerschütterlich fortbestehe.
+Zwei+ Säulen stehen auf beiden Seiten des Eingangs zur Loge. Sie haben
zu Vorbildern zwei eherne Säulen vor der Vorhalle des salomonischen
Tempels; sie waren 18 Ellen hoch und trugen jede ein kupfernes Kapitell
von 5 Ellen Höhe mit Schmuck von Lilien und Granatäpfeln. Zur Stütze
dienten sie nicht, sondern nur zur Verzierung. Nach 1. Kön. 7,15-21
hießen sie, die zur Rechten +Jachin+ (der Herr wird dich aufrichten)
und die zur Linken +Boas+ (in ihm [Gott] ist es stark oder: der Herr
wird dich stärken). Dem Wortlaute gemäß ist in der Loge die erste
der ein verkleinertes Abbild ihrer Vorbilder bildenden 2 Säulen dem
Lehrlings- und die zweite dem Gesellengrade gewidmet. In vielen
Lehrarten haben bei ihnen die beiden Aufseher oder Vorsteher ihren
Platz. Die beiden Säulen stehen auch, ohne Stützen zu sein, im Dome zu
Würzburg. Ob sie auch ein Vorbild der 2 Türme vieler Dome waren, wollen
wir dahin gestellt sein lassen.
+Drei+ Säulen oder Pfeiler der Loge, die den Tempel der Humanität
stützen, werden die drei Ideen Weisheit, Stärke und Schönheit genannt.
„Weisheit entwirft, Stärke führt uns und Schönheit ziert.“ Dargestellt
werden sie einmal durch die drei obersten Beamten, den M. v. St. und
die beiden A. oder V., und sodann durch die drei Pfeiler, in der Mitte
der Loge, die drei Kerzen tragen, durch welche die Loge erleuchtet
wird, und den Teppich umstehen, indem sie einen rechten Winkel bilden.
Oft wechselt übrigens die Stellung der Pfeiler sowohl als der beiden
Ideen der Stärke und Schönheit unter sich; bald nimmt jene den zweiten,
diese den dritten Rang ein, den ersten aber immer die Weisheit.
+Dreierlei Säulen+ hatten die alten Griechen, die sich mit den
drei freimaurerischen Idealen vergleichen lassen: die dorische mit
der Stärke, die ionische mit der Weisheit und die korinthische mit
der Schönheit. Auch die neuere Zeit (vom Mittelalter an) weist
drei hauptsächliche Kunststile auf: den romanischen, den gotischen
und den der Renaissance, die sich wieder in eine Früh-, Hoch- und
Spätrenaissance gabelt.
Aus dem N. T. kommt in Hochgraden das +Kreuz+ in verschiedenen
Gestalten (Τ, +, ⧧, ×) und kommen die Namen Tabor und Golgatha vor,
deren Bedeutung keiner Erklärung bedarf.
Bibel, Altar und Säulen sind also die Sinnbilder der Gegenwart in
der Freimaurerei; mit ihnen ist der +Mystizismus+ der Vergangenheit,
d. h. deren unsicheres, dunkles Tasten nach den Geheimnissen des Lebens
(oder der Aberglaube) zur +Mystik+, d. h. zum bewußten Streben nach
ihrer Lösung (oder zur Religion) übergegangen. Weiter, höher hinauf
(~Excelsior~) muß die Zukunft führen.
~c~) Sinnbilder der Zukunft.
Aufgabe der Zukunft, deren Beginn wie bereits gesagt, nicht im nächsten
Augenblick, sondern in ungeahnten Fernen liegt, muß es sein, aus
bisherigen Dunkelheiten zur Klarheit, aus aufgedrängtem Glauben zur
+Gewissensfreiheit+ und aus dem mystischen Tasten zu bestimmteren
Vorstellungen von +dem+ zu kommen, was uns noch +Mysterium+ ist. Dann
wird das, was die Religion bisher erfolglos anstrebte, die geistige
+Einheit+ der Menschheit, unter dem Banner der +Humanität+ erfochten
werden.
Dieses hehre Ziel hat nach unserer Auffassung zum Sinnbilde den
+flammenden Stern+, das höchste und herrlichste, wiewohl bisher noch
wenig verstandene Symbol der Freimaurerei. Sein Bild entwickelte sich
aus der in der königl. Kunst überall sich wiederholenden Dreizahl. Das
gleichseitige +Dreieck+ oder der Triangel, dessen Winkel zwei Rechten
gleichkommen, bedeutete in verschiedenen Religionen die Gottheit. Es
verbindet alle bereits (S. 10 ff. oben) erwähnten Dreiheiten. Da diese
überall zu finden sind, da in der ganzen Natur aus dem männlichen
und dem weiblichen Element das dritte, das Erzeugte, die Frucht,
das Kind hervorgeht, bedeutet die Drei auch die Welt und damit das
Weltbürgertum, dem die Freimaurerei entspricht.
Das Dreieck kann sich als Hexagramm verdoppeln:
[Illustration]
und als Enneagramm verdreifachen:
[Illustration]
Das +Hexagramm+, aus den verlängerten Seiten eines Sechsecks
entstanden, ist von größerer Bedeutung. Das aufsteigende (△) Dreieck
wird als Bild des Feuers, das absteigende (▽) als solches des Wassers,
wagrecht durchschnitten jenes als das der Luft, dieses als das der
Erde betrachtet, jenes auch als Bild des Männlichen, dieses als
das des Weiblichen u. s. w. Kunstvoller ist das +Pentagramm+ ober
Pentalpha, auch der Drudenfuß, das aus den Diagonalen eines oder aus
der Verlängerung der Seiten eines Fünfecks, bis sie sich treffen,
entsteht. Der zweite Name, Pentalpha, rührt daher, daß die Figur aus
fünf Alphas (Buchstaben ~A~) besteht. Bei den Pythagoreern war es ein
Gruß- und Erkennungszeichen, wobei fünf Buchstaben ὑγιέε, ~hygiée~,
sei gesund) die fünf Ecken zierten. Es wird auch mit Salomos Siegel
verknüpft, da der König es auf dem Grundsteine des Tempels angebracht
haben soll. In Goethes Faust verhindert es, nach altem Aberglauben,
auf die Schwelle gezeichnet, den Eintritt des Bösen, sofern nicht die
Spitze nach außen offen ist.
[Illustration]
Nun kann sowohl das Hexa- als das Pentagramm den +flammenden Stern+
vorstellen, wenn ein ~G~ in der Mitte steht und zwischen seinen Spitzen
Flammen hervorschießen. Er ist nach dem „Handbuch“ ein Sinnbild „des
geistigen und sittlichen Lebens des Menschen, das sich zeigt im Lichte
der Erkenntnis, in der Stärke des Willens und in der warmherzigen
Bruder- und allgemeinen Menschenliebe.“ Nach dem Ritual +unserer+ Loge
ist er ein Sinnbild für das +Ideal+. „Der Mensch, der sich in seinem
Herzen ein Ideal gebildet hat, folgt ihm als seinem Leitstern durch das
Leben; es ist ihm ein Ausfluß des göttlichen Lichtes der Wahrheit und
der Vollkommenheit.“
Der Buchstabe ~G~ wird gewöhnlich auf +Geometrie+ gedeutet, nicht auf
das trockene Fach der Meßkunst, sondern auf die Maßhaltung im Leben,
wie Schauberg sagt, auf die sittliche Meßkunst und die sittliche
Gesundheitslehre.
Der flammende Stern enthält alles, was wir von der Zukunft erhoffen,
eine herrlich ausgebildete von allen Schlacken gereinigte Kunst, eine
mit edlem Herzen erforschte Wissenschaft, eine uneigennützige, aus
reinstem Gewissen hervorgehende Sittlichkeit, die alle guten Handlungen
hervorrufen, alle bösen aber verscheuchen muß, und er ist also auch das
Sinnbild einer aus diesen drei Tätigkeiten gebildeten höheren Religion.