Nun ist der bisher Außenstehende ein Eingeweihter geworden, -- doch

noch nicht vollständig. Er ist erst +Exoteriker+, -- das Höhere,

+Esoteriker+, wird er erst nach seiner Erhebung zum Meister. Diese

beiden Bezeichnungen führten die „außer- und innerhalb des Vorhangs“,

der den Meister verhüllte, stehenden, die neu eingetretenen und

die vorgeschritteneren Schüler des Pythagoras und anderer griech.

Philosophen, und man gebraucht sie auch von den in die Geheimnisse

anderer Lehren mehr oder weniger Eingeweihten. Das Exoterische der

Freimaurerei besteht in der äußeren Form; es umfaßt die Gebräuche und

Sinnbilder und die sittlichen, auf geistige Erhebung abzielenden Lehren

der Loge. Esoterisch dagegen ist der tiefere Sinn, der innere Grund der

freimaurerischen Übungen und die genaue Kenntnis der Geschichte ihrer

Entwicklung.

Man hat sich gefragt, ob +Blinde+, weil sie das Licht nicht sehen, und

+Taubstumme+, weil sie die Lehren bei der Aufnahme nicht hören und das

Gelübde nicht ablegen können, fähig seien, in den Bund aufgenommen zu

werden. Es sind aber wiederholt Unglückliche beider Arten aufgenommen

worden; denn es wäre offenbar ungerecht, sie wegen dieses Mangels von

einem Ziele, dem sie bewußt zustreben, auszuschließen. Die Wissenschaft

ist so weit vorgeschritten, daß es Mittel gibt, nicht nur Blinden und

Tauben, sondern sogar solchen, die beides sind, alle Kenntnisse zu

erschließen. Ebenso unmaurerisch wäre es, Suchenden, die mit irgend

welchen anderweitigen, weniger störenden körperlichen Mängeln behaftet

sind, die Pforten der Loge nicht öffnen zu wollen. Ihr Licht ist nicht

nur ein sichtbares, ihre Lehren sind nicht nur hörbare; beides ist

für den Geist bestimmt, der sich über das rein Leibliche zu erheben

versteht.

[3] In vielen Religionen durfte oder darf kein Schuh den heiligen

Boden des Tempels betreten.

[4] Beispiel der Earl von +Ripon+, Großmeister der englischen

Großloge, der sein Amt niederlegte und sich dem Papsttum

unterwarf.

4. Die Grade.

Wer soll Meister sein?

Der was ersann.

Wer soll Geselle sein?

Der was kann.

Wer soll Lehrling sein?

Jedermann.

+Handwerkerspruch.+

~a~) Die alten Grade.

Die drei Grade der Lehrlinge, Gesellen und Meister sind die einzigen,

die von der großen Gesamtheit +aller+ Freimaurer übereinstimmend

gepflegt und anerkannt werden und auch überall dieselben sind; alle

anderen kommen nur vereinzelt vor und stimmen unter sich weder in Zahl

noch Namen überein. Diese 3 Grade, auch nach der Farbe ihrer Abzeichen

blaue oder nach dem Schutzheiligen der alten Steinmetzen Johannisgrade

genannt, sind sehr alt.

Die Werkmaurer und nach ihnen die meisten Handwerker kannten sie von

alters her, und die Freimaurer, die sie in der ersten Zeit nach der

Entstehung des Bundes nicht übten, wohl weil sie nicht mehr bloß

aus Handwerkern (wohl gar nur noch zum geringen Teile) bestanden,

nahmen sie aber bald nach der Gründung des Bundes an. Diese Grade

sind die Stärke und bilden die Einheit des Bundes; in ihnen liegt die

Möglichkeit seines Bestandes, weil das Streben nach Emporsteigen, nach

tieferen Erkenntnissen und nach fruchtbarerem Wirken der begabteren

Menschenseele angeboren ist. Die Grade haben, wie ihr Name (Stufen)

sagt, den Zweck, zu höherer Erkenntnis vorzuschreiten. Es ist sehr

zweckmäßig, daß nur ältere, erfahrenere Männer die Leitung eines Bundes

in Händen haben, und daß die jüngeren, noch unerfahrenen Brr. sich

besserem Wissen fügen lernen, ehe sie ebenfalls die höheren Stufen

erreichen. Diese älteren Brr. sind die Meister, die unmittelbar vor

dieser Stufe stehenden die Gesellen und die erst noch zu lernen haben,

was ein Maurer ist, die Lehrlinge.

Der Stufengang der 3 alten Grade versinnbildlicht das Leben des

Menschen, und ihr Charakter läßt sich folgendermaßen kurz kennzeichnen.

+Grade+: +Lehrling+: +Geselle+: +Meister+:

+Lebens-

abschnitte+: Geburt. Leben. Tod.

+Werkzeuge+: Zirkel. Winkelmaß. Hammer.

+Arbeiten+: Roher Quaderstein. Reißbrett.

Stein.

+Tugenden+: Selbster- Selbstbe- Selbstver-

kenntnis. herrschung. edlung.

+Leitideen+: Schönheit. Stärke. Weisheit.

+Soziale

Ideen+: Brüderlichkeit. Gleichheit. Freiheit.

+Weltkörper+: Erde. Mond. Sonne.

+Weltlichter+: Menschheit. Gewissen. Gottheit.

Die Erklärung dieser drei mal drei Dreiheiten ist teils bereits

gegeben, teils wird sie hier und weiterhin folgen.

Um Freimaurer, also zunächst +Lehrling+ zu werden muß der

Aufnahmesuchende ein „freier Mann von gutem Rufe“, also in

selbständiger Stellung und ohne Makel sein. Er ist aber in diesem

untersten Grade erst ein Schüler der königl. Kunst und daher in den

verschiedenen Systemen den anderen Graden an Rechten mehr oder weniger

hintangesetzt, an Pflichten aber gleichgestellt, was ihn antreiben muß,

emporzusteigen und seine Gleichberechtigung mit den höheren Stufen zu

erringen. Die Zeit, in welcher dies geschehen kann, ist verschieden

festgesetzt und hängt auch von den an den Tag gelegten Fähigkeiten

und Leistungen des Lehrlings ab. Auch das Alter der Aufnahme und

Beförderung ist verschieden, meist aber das der Volljährigkeit, doch

können die Söhne von Meistern (Luftons genannt) früher aufgenommen

werden. Da der Lehrling neu in den Kreis der Brr. tritt, ist der

Zirkel sein Werkzeug, und woran er zu arbeiten hat, wird unter dem

Bilde eines rohen Steines dargestellt, an dem er sich zu üben hat, die

Rauheiten seines Ich zu ebnen und zu glätten, mit anderen Worten: zur

Selbsterkenntnis zu gelangen. Wie seine Aufnahme zeigt, entspricht sie

der Geburt des Menschen, daher sein Licht die Menschheit im weiteren,

die Brüderlichkeit im engeren Sinne ist. Unter den maurerischen

Tugenden ist es die Schönheit im geistigen Sinne, der seine Arbeit

gewidmet ist. Unter den uns näher stehenden Weltkörpern ist unsere

Erde, die kein Licht gibt, ein Bild des Lehrlings. Im weiteren Sinne

sind eigentlich alle Maurer Lehrlinge, da jeder Mensch noch zu lernen

hat, daher die allgemeine Versammlung der Brr. Lehrlingsloge heißt.

Der Grad des +Gesellen+ ist seinem Wesen nach eine Mittelstufe, ein

Übergang, hat daher in der Loge keine besondere Bedeutung. Es gibt

keine Gesellenloge, ausgenommen zum Zwecke der Beförderung eines

Lehrlings zum Gesellen, als welcher er keine besonderen Rechte hat,

sondern sich auf den Meistergrad vorbereitet. Desto mehr sinnbildliche

Bedeutung hat dieser Grad, als dessen besonderes Werkzeug das Winkelmaß

und als dessen Arbeit die Herstellung des rohen Steines zu einem

kubischen betrachtet wird, d. h. er hat alle Unebenheiten abzustreifen

und sich eines rechtwinkligen Verhaltens zu befleißigen, also

Selbstbeherrschung zu üben, Stärke an den Tag zu legen und zu diesem

Ende das Gewissen als sein Licht zu betrachten. Das Leben in seiner

Blüte, das Streben nach Gleichheit ist seine Sphäre. Diese Aufgaben

werden in verschiedener Weise versinnbildlicht.

Im rektif. schott. System wird das Hauptgewicht auf die

Selbstbeherrschung gelegt; der zur Beförderung zugelassene Geselle sagt

sich von eigensüchtigen Gelüsten los; er wirft daher bei seinen Reisen

die Zeichen der Habsucht (Goldmünze), der Ruhmsucht (Bronzemedaille)

und der Rachsucht (Dolch) von sich. Im englischen System ist die Blüte

des Lebens der leitende Gedanke; der Geselle wird daher unter Musik

und Blumenkränzen umgeführt. Da er Licht nur empfängt, aber noch

kein eigenes, sondern nur entlehntes ausstrahlt, ist er dem Monde zu

vergleichen.

Der +Meister+ ist zur Regierung der Loge im Vereine mit der Meisterloge

berufen. In allen Dingen hat er das erste Wort, in manchen, sofern

der Lehrlingsloge nicht Bestätigung zusteht, auch das letzte. Er

sieht auf das Leben zurück und zugleich auf dessen Ende und auf die

Unsterblichkeit voraus, daher Selbstveredlung seine Bestimmung ist. Der

Hammer als oberstes Werkzeug kommt ihm allein zu; er versinnbildlicht

die Macht im Bruderkreise. Die Weisheit, die seine Tugend sein soll,

lehrt ihn, der rauher Arbeit nicht mehr bedarf, auf dem Reißbrett zu

zeichnen, d. h. den unter ihm stehenden Brrn. ihre Arbeiten anzuweisen

und ihnen in allen Dingen voranzuleuchten. Sinnbildlich also kann er,

ohne sich selbst zu überschätzen, Freiheit in Anspruch nehmen, die

leuchtende Sonne als sein Vorbild und den a. B. a. W. als sein großes

Licht zu verehren. In Übereinstimmung mit diesen Zügen hat die Erhebung

zum Meister einen hochernsten, ja düsteren Charakter und wird von dem

Gedanken an den Tod und der Vorbereitung auf diesen beherrscht, mit der

vorwiegenden Rücksicht darauf, daß es ein schönes, ein heldenhaftes

Ende des Lebens sein möge, wobei die Hoffnung auf die Unsterblichkeit

nicht außer acht gelassen, vielmehr betont wird. Die Verknüpfungen des

Meistergrades mit den indischen Brahmanen, den persischen Magiern, den

Priestern der ägyptischen und griechischen Mysterien, dem Salomonischen

Tempel, den Tempelrittern u. s. w. sind natürlich wohlmeinende, aber

grundlose Phantasien. --

~b~) Die Hochgrade.

Die Entstehung der über den Meistergrad hinausgehenden sog. Hochgrade,

die eine den Meistern angeblich noch unbekannte höhere Kenntnis der

Freimaurerei bieten sollten, ist mit der Geschichte der Lehrarten

(Systeme), die uns weiterhin beschäftigen werden, innig verknüpft. Die

Hochgrade haben eine verschiedene Stellung in den germanischen und

in den romanischen Ländern. Dort sind sie (allerdings mit Ausnahme

des sog. schwedischen Systems) von den alten Graden (soweit sie

nämlich überhaupt dort bestehen) getrennt, ohne Einfluß auf sie und

eine Sache der Freiwilligkeit, beziehungsweise Eitelkeit. In den

romanischen Ländern dagegen beanspruchen sie eine höhere Fortsetzung

der Johannisgrade und beherrschen diese vollständig.

Gewissermaßen ein Embryo der Hochgrade sind gewisse Abteilungen des

Meistergrades nach den Systemen Feßlers und Schröders, die sich als

+Engbünde+ und +Erkenntnisstufen+ bezeichnen, eine gründlichere

Kenntnis der freimaurerischen Geschichte und Lehre bezwecken und auch

über die Hochgrade anderer Systeme ihre Mitglieder belehren, aber keine

Vorrechte vor den übrigen Meistern erstreben.

Die Hochgrade werden auch +rote Grade+, im Gegensatz zu den blauen,

nach der vorherrschenden Farbe ihrer Abzeichen genannt. Was sie

bieten, geht durchweg über die Freimaurerei hinaus und stammt aus den

traurigen Zeiten ihrer Verirrungen. Den Inhalt ihrer Lehren bilden

Entlehnungen, meist entstellte, aus den verschiedensten Religionen

und Philosophien und aus einfachen Erdichtungen, die zum Teil von

Aberglauben und geschichtlicher Unwissenheit nicht frei sind. Ihre

Selbstüberschätzung zeichnet sich am besten durch die Anmaßung, die 3

alten Grade nur als Vorschule für ihren Gallimathias gelten zu lassen.

Sie nennen sich „+Orden+“, +nicht Bund+.

Wir geben nun ein Verzeichnis aller Grade der beiden am weitesten

verbreiteten Hochgradsysteme.

~A.~ Das +Schwedische System+, in Schweden, Norwegen, Dänemark und

Preußen, in jedem dieser Länder von einer Großen Landesloge geleitet,

hat folgende Abteilungen.

I. Die St. Johannisloge mit den 3 Graden: 1. Lehrling. 2. Geselle.

3. Meister.

II. Die St. Andreas- oder Schottenloge, mit 3 Graden: 4.

Andreas-Lehrling.[5] 5. Andreas-Geselle. 6. Andreas-Meister.

III. Die Stewards- (d. h. Verwalter-, mißverständlich Stuarts-) Loge

oder das Kapitel (so heißen die Oberbehörden der Hochgrade), mit

4 Graden: 7. Stewardsbrüder. 8. Vertraute Brr. Salomos. 9. St.

Johannis-Vertraute. 10. St. Andreas-Vertraute.

IV. oder 11. Grad: Höchsterleuchtete Brr. Architekten (Ritter und

Kommandeure vom roten Kreuz), die Regierung des Ordens. Der

oberste Beamte nennt sich ~Vicarius Salomonis~ oder weisester

Ordensmeister.

~B.~ Das +Schottische System+, an der Spitze der Großlogen (oder

Großoriente) von Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und der mittel-

und südamerikanischen Länder, -- +neben+ den Großlogen von Belgien,

Ungarn, England, Schottland, Irland und Nordamerika, hat 33 Grade (wir

beginnen gleich mit dem vierten):

4. Geheimer Meister (beschäftigt sich mit dem Tempel Salomos).

5. Vollkommener Meister (Beschäftigung: Die Bestattung des

Baumeisters Hiram in Jerusalem und die Rache für seinen Mord).

6. Vertrauter Sekretär (weiteres von Hiram).

7. Vorsteher und Richter (Aufsicht Salomos über den Tempelbau).

8. Intendant der Gebäude (die Ersetzung des ermordeten Hiram).

9. Erwählter der Neun (Bestrafung derjenigen, die sich einen Grad

unberechtigterweise anmaßen).

10. Erwählter der Fünfzehn (Fortsetzung).

11. Erhabener Auserwählter (die Belohnung der treuen Arbeiter

Salomos).

12. Großmeister-Architekt (höhere Regeln der Baukunst).

13. Royal-Arch (königliches Gewölbe; Auslegung des apokryph. Buches

Henoch und Astrologie).

14. Großer schottischer Ritter oder Erhabener Maurer (die Fabel,

daß Nachkommen der salomonischen Maurer die Kreuzfahrer

unterstützt hätten).

15. Ritter vom Osten (Wiederaufbau des Tempels unter Serubabel).

16. Großfürst von Jerusalem (Fortsetzung).

17. Ritter vom Westen (handelt von den Tempelrittern).

18. Souveräner +Fürst vom Rosenkreuz+ (Verbindung der Freimaurerei

mit christlicher Orthodoxie, mit Feier des Abendmahls).

19. Großer Oberpriester oder Erhabener Schotte (grübelt über die

Offenbarung des Johannes und baut am Neuen Jerusalem).

20. Großmeister auf Lebenszeit (angebliche Auswanderung der

christlichen Maurer unter Titus nach Schottland).

21. Noachit oder Preußischer Ritter (verhandelt nur bei Vollmond ohne

anderes Licht und zwar über -- die Zerstörung des babylonischen

Turmes!)

22. Fürst vom Libanon oder Ritter der königlichen Axt (Fällung der

Zedern im Libanon zum Bau der Arche Noahs und der beiden Tempel

von Jerusalem).

23. Haupt des Tabernakels (Einsetzung des jüdischen Hohenpriestertums

durch Aron).

24. Fürst des Tabernakels (Bau der Stiftshütte).

25. Ritter der ehernen Schlange (aus Anlaß des Schlangendienstes in

der Wüste: über die Krankenpflege durch die geistlichen

Ritterorden).

26. Fürst der Gnade (über die Bünde Gottes mit den Juden und

Christen).

27. Souveräner Großkommandeur des Tempels (befaßt sich abermals mit

den Tempelrittern).

28. Ritter der Sonne (Betrachtung über die Wohltaten Gottes).

29. St. Andreas-Ritter oder Patriarch der Kreuzzüge (bezieht sich

angeblich auf die schottisch-stuartistischen Umtriebe).

30. +Ritter Kadosch+ oder Ritter des weißen und schwarzen Adlers

(über den Untergang der Tempelritter und Zusammenfassung des

ganzen Systems, angeblich mit Bekämpfung des Aberglaubens).

31. Groß-Inquisitor-Kommandeur.

32. Erhabener Fürst des königl. Geheimnisses.

33. Souveräner General-Groß-Inspektor.

Dieser ganze Pomp ist indessen trotz seiner hochtrabenden Namen nur

+Schein+; denn zwei einzige Grade, der 18. und der 30., haben wirkliche

Gebräuche; das System hat also tatsächlich mit den 3 alten nur 5 Grade.

Die drei obersten beziehen sich bloß auf die Leitung des Ordens.

[5] Nach dem Apostel Andreas, der von Johannes dem Täufer zuerst zu

Jesus übergegangen sein soll.

Zweiter Abschnitt.

~Die Bestandteile der Symbolik (Schönheit).~

5. Die Zeichen.

Umsonst, daß trocknes Sinnen hier

die heil’gen Zeichen dir erklärt.

+Goethe+ Faust I.

~a~) Die Erkennungszeichen.

Zeichen zur Erkennung gewisser Eigenschaften von Orten und Personen,

zur Mitteilung von Gedanken und zur Aufbewahrung von Dingen

verschiedenster Art hatten die Menschen schon seit grauester Urzeit im

Gebrauche. Die Tatuierungen bei Völkern geringer Kultur verkündeten

den Stamm und die Taten der Leute, auf deren Haut sie eingeätzt waren.

Verschiedenfarbige, in Kerben geknüpfte Schnüre hielten im alten Peru

die Erinnerung an Tatsachen wach. Krause, Zeichnungen und Malereien an

Felsen findet man in allen Erdteilen. Bilder von Gegenständen oder die

solche vorstellen sollten, in Ägypten die Hieroglyphen, in Babylonien

die Keilzeichen, in China die sonderbaren Silbenzeichen, waren die

ältesten Schriften. Diese vereinfachten sich nach und nach, so daß

keine Bilder mehr zu erkennen waren. Solche für den Uneingeweihten

rätselhafte Zeichen waren die germanischen Runen und sind noch die

heute gebräuchlichen Buchstaben aller Sprachen. Zeichen, die nicht

zur Gedankenmitteilung dienen, sind die Hausmarken, die das Eigentum

an einer Sache, die Künstlerzeichen, die den Verfertiger eines Werkes

anzeigen, wohin auch die Steinmetzzeichen an den Arbeiten der Bauleute

gehören, sowie die Fabrikzeichen und anderes. Die Logenzeichen erfüllen

denselben Zweck, nur daß die Angehörigen sie bloß in den Versammlungen

tragen. Die Freimaurerei verfügt aber auch über Erkennungszeichen,

die keine Dauer haben und nur zum augenblicklichen Eindruck auf

die Sinne des Gesichts, Gehörs und Gefühls bestimmt sind, wie sie

schon bei den alten Steinmetzen gebräuchlich waren. Die einfachen

dieser Erkennungsmerkmale sind die mit der +Hand+ gegebenen, das

Freimaurerzeichen und der Griff oder Händedruck. Die Hand ist überhaupt

derjenige Körperteil, der in der Freimaurerei die meiste Anwendung

findet. Sie ist das Organ des Schaffens, Gestaltens, Wirkens und

Ordnens. Das maurerische Zeichen für das Gesicht besteht in einer

Bewegung der Hand am Körper, das für das Gefühl im herzlichen Drucke

zweier rechten Brüderhände. Beides verändert sich in gewissem Maße

mit dem Übertritt in die oberen Grade. Der Handschlag besiegelt auch

außerhalb des Bundes eine Freundschaft, ein Geschäft, einen Vertrag;

unter Brrn. ist er ebenfalls eine Bekräftigung der Zusammengehörigkeit.

Ja man spricht figürlich von der Hand Gottes, des Schicksals u. s. w.

Man bietet die Hand zur Hilfe, ohne daß dies wörtlich gemeint ist. Die

offene Hand bedeutet den Frieden, die als Faust geballte den Kampf.

Bei den Römern bedeutete ~Manus~ die väterliche Gewalt über die Kinder

und die des Gatten über die Frau. Noch eine andere Bestimmung hat in

der Freimaurerei die Hand, die des Anklopfens, das wieder je nach dem

Zwecke und nach dem Grade verschieden ist und das Nahen brüderlichen

Besuchs versinnbildlicht.

Umständlicher sind schon die maurerischen Erkennungszeichen für das

Gehör, und zwar gibt es da wieder einfachere und verwickeltere. Das

einfachere ist das +Wort+, das ebenfalls mit dem Grade wechselt und

unter Umständen buchstabiert wird, um die Eigenschaft als Freimaurer zu

beurkunden.

Diese Worte sind alle dem Hebräischen entnommen und haben eine auf das

Maurertum übertragene Bedeutung. Wichtiger ist das Wort, das ein Br.

als Beteurung oder Versprechen abgibt; es ist so bindend wie irgend

eines, das von einem Ehrenmanne gegeben wird, ja noch bindender, weil

es unter Brüdern lebt. Ausführlicher sind die als Mittel der Erkennung

von Brrn. durch Fragen und Antworten gegebenen Sätze, die den Inhalt

der +Katechismen+ aller Grade ausmachen und eine Zusammenfassung aller

in diesen erteilten Lehren enthalten. Jedenfalls aber steht über dem

Wortlaute der +Geist+, der durch selbes zum Ausdrucke kommt.

+Übersicht:+

+Leitende +der +Soziale

Idee:+ Erkennungszeichen:+ Bedeutung:+

Weisheit. Wort. Freiheit.

Schönheit. Handzeichen. Gleichheit.

Stärke. Händedruck. Brüderlichkeit.

~b~) Das Not- und Hilfszeichen.

Einzig und allein den Meistern wird ein gewisses Zeichen mitgeteilt,

durch das sie in Notfällen von solchen, die es verstehen, Hilfe

verlangen können.

Rührende Geschichten werden von Zeit zu Zeit in maurerischen

Zeitschriften erzählt, wie dieses Zeichen gewirkt habe und wie schön

es sei, so einem Br. helfen zu können! Es liegt dieser Auffassung

aber ein Irrtum zu Grunde, der tiefer sitzt als nur im Not- und

Hilfszeichen, ein Irrtum, der leider in vielen, wo nicht in den meisten

Logen großgezogen wird. Dieser Irrtum besteht darin, daß Freimaurerei

und Humanität miteinander verwechselt werden, also Form und Inhalt,

gerade wie bei den kirchlich Gläubigen, welche ebenfalls Kirche und

Religion verwechseln. Dies bringt die Letzteren dahin, außerhalb ihrer

Kirche keine Religion anzuerkennen, so daß sie die Menschen, die nicht

ihres Glaubens sind, verachten und sie von Glück und Seligkeit, ja

von allen Menschenrechten ausschließen. Gerade so denken und handeln

traurigerweise auch die meisten Freimaurer. Alles was die Füße nicht in

den r. W. stellt, ist ihnen „profan“. Dieses häßliche und abscheuliche

Wort, welches die aufgeblasenste Selbstvergötterung und die empörendste

Menschenverachtung bei denen kundgibt, welche die Priester und

Apostel der Humanität sein sollen, ist aus unseren Schriften längst

verbannt. Wir haben auch dahin zu wirken versucht, daß die deutschen

Maurer es überhaupt aufgeben, aber umsonst. Sogar die freisinnigsten

Maurerzeitschriften, welche jeden Zopf in der Maurerei unbarmherzig

bekämpfen, hängen fortwährend an der Bezeichnung „profan“ für die

untergeordnete Menschenklasse, welche die Logen nicht besucht, -- mit

einem Eifer, der einer besseren Sache würdig wäre. Man sieht daraus,

daß diese Maurer die Nichtmaurer gründlich verachten und auf sie mit

demselben mitleidigen Hochmut herabsehen, wie die Gläubigen irgend

einer Religion auf die Ungläubigen, Ketzer und Schismatiker. Und dies

ist wahrlich kein Wunder. Der in den Logen gewöhnlich herrschende Ton

erzieht die Brr. förmlich dazu, in den „Aufgenommenen“ eine Art höherer

Menschheit anzustaunen. In den meisten freimaurerischen Reden und

Vorträgen, die man liest und hört, ist nur von den Pflichten der Brr.

gegen Brr. und selten oder nie von denjenigen gegen alle Menschen die

Rede. Man hört nur von der Erziehung der Brr. zur Selbsterkenntnis und

Selbstveredlung, niemals von derjenigen anderer Menschen. Und so kommt

es denn auch, daß in freimaurerischen Kreisen meist allgemein geglaubt

wird, der Begriff der Humanität bestehe lediglich in demjenigen der

Freimaurerei, diese beide seien identisch oder es gebe keine Humanität

außerhalb der Freimaurerei, und die nichtmaurerische Menschheit wisse

daher nichts von Humanität. Denn letztere ist eben den hier gemeinten

Brrn. nur unter dem Namen der Freimaurerei bekannt und diese haben

keine Ahnung, daß sie schon Jahrtausende vor der Existenz des Bundes

gelehrt wurde und heutzutage außerhalb desselben viel ausgebildeter

ist, viel folgerichtiger und allseitiger geübt wird als innerhalb

der Logen. Denn in welcher andern Gesellschaft der zivilisierten

Welt werden noch Nichtchristen oder Farbige oder Uneheliche (wie in

England) oder Freidenker von der Aufnahme ausgeschlossen? Ja in dem

freigesinnten Teile der nichtmaurerischen Welt ist die Humanität

bereits eine so selbstverständliche Sache, daß ihrer kaum gedacht

wird. Ja sogar ganz dieselben moralischen Lehren, welche die Maurer

in Schule und Kirche, wie in nichtmaurerischen Büchern tausend und

abertausendmal gehört und gelesen haben, -- ganz dieselben einfach

menschlichen Regeln, Gebote und Vorschriften halten sie allen Ernstes

in der ▭ für etwas ganz Neues, dem Freimaurerbunde Eigentümliches! Es

wäre wirklich unglaublich, wenn es nicht erwiesenermaßen wahr wäre! Mit

heiligem Ernste muß man zu hunderten von Malen wiederholen hören, die ▭

allein sei der heilige Boden, auf welchem sich Männer aller Religionen,

Nationen und Stände treffen; man muß es sogar von solchen begeistert

ausrufen hören, welche einzelne dieser Menschenklassen vom Bunde

ausschließen, -- und die große Menge der Brr. denkt nicht daran, daß

dasselbe in nichtmaurerischen Gesellschaften in noch viel weitherzigerm

Maße der Fall ist!

Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei. · 第 2 / 8 段