Das Verhältnis zur Natur ist für jedes Ding das Erste, das Ehrwürdigste

und das Einflußreichste. Wer auch nur flüchtig an den Puls der Zeit

gefühlt, der weiß, wie die Herrschaft dieser Erkenntnis in mächtigem

Anwachsen begriffen ist. Durch die moderne Forschung geht ein so starker

Zug nach der Naturseite aller Erscheinungen, daß selbst die

abstraktesten Untersuchungen merklich gegen die Methode der

Naturwissenschaften gravitieren. Auch die _Ästhetik_, will sie kein

bloßes Scheinleben führen, muß die knorrige Wurzel kennen, wie die zarte

Faser, an welcher jede einzelne Kunst mit dem Naturgrunde zusammenhängt.

Und gerade für die musikalische Ästhetik erschließt das Verhältnis der

Tonkunst zur Natur die wichtigsten Folgerungen. Die Stellung ihrer

schwierigsten Materien, die Lösung ihrer kontroversesten Fragen hängt

von der richtigen Würdigung dieses Zusammenhanges ab.

Die Künste, -- vorerst als empfangend, noch nicht als rückwirkend

betrachtet -- stehen zu der umgebenden Natur in einer doppelten

Beziehung. Erstens durch das rohe, körperliche Material, aus welchem

sie schaffen, dann durch den schönen Inhalt, den sie für künstlerische

Behandlung vorfinden. In beiden Punkten verhält sich die Natur zu den

Künsten als mütterliche Spenderin der ersten und wichtigsten Mitgift. Es

gilt den Versuch, diese Ausstattung im Interesse der musikalischen

Ästhetik rasch zu besichtigen und zu prüfen, was die vernünftig und

darum ungleich schenkende Natur für die Tonkunst getan hat.

Untersucht man, inwiefern die Natur _Stoff_ für die Musik biete, so

ergibt sich, daß sie dies nur in dem Sinn des rohen Materials tut,

welches der Mensch zum Tönen zwingt. Das stumme Erz der Berge, das Holz

des Waldes, der Tiere Fell und Gedärm sind alles, was wir vorfinden, um

den eigentlichen Baustoff für die Musik, den _reinen_ Ton, zu bereiten.

Wir erhalten also vorerst nur Material zum Material, dies letztere ist

der reine, nach Höhe und Tiefe bestimmte, d. i. meßbare Ton. Er ist

erste und unumgängliche Bedingung jeder Musik. Diese gestaltet ihn zu

_Melodie_ und _Harmonie_, den zwei Hauptfaktoren der Tonkunst. Beide

finden sich in der Natur nicht vor, sie sind Schöpfungen des

Menschengeistes.

Das geordnete Nacheinanderfolgen meßbarer Töne, welches wir _Melodie_

nennen, vernehmen wir in der Natur auch nicht in den dürftigsten

Anfängen; ihre sukzessiven Schallerscheinungen entbehren der

verständlichen Proportion und entziehen sich der Reduktion auf unsere

Skala. Die Melodie aber ist »der springende Punkt«, das Leben, die

erste Kunstgestalt des Tonreichs, an sie ist jede weitere Bestimmtheit,

alle Erfassung des Inhalts geknüpft.

Ebensowenig wie Melodie kennt die Natur, diese großartige Harmonie aller

Erscheinungen, _Harmonie_ im musikalischen Sinn, als Zusammenklingen

bestimmter Töne. Hat jemand in der Natur einen Dreiklang gehört, einen

Sext- oder Septimakkord? Wie die Melodie, so war auch (nur in viel

langsamerem Fortschreiten) die Harmonie ein Erzeugnis menschlichen

Geistes.

Die Griechen kannten keine Harmonie, sondern sangen in der Oktave oder

im Einklang, wie noch heutzutage jene asiatischen Völkerschaften, bei

welchen überhaupt Gesang angetroffen wird. Der Gebrauch der

_Dissonanzen_ (wozu auch _Terz_ und _Sext_ gehörten) begann allmählich

vom 12. Jahrhundert an, und bis ins 15. beschränkte man sich bei

Ausweichungen auf die Oktave. Jedes der Intervalle, die jetzt unserer

Harmonie dienstbar sind, mußte einzeln gewonnen werden, und oft reichte

ein Jahrhundert nicht hin für solch kleine Errungenschaft. Das

kunstgebildetste Volk des Altertums sowie die gelehrtesten Tonsetzer des

früheren Mittelalters konnten nicht, was unsere Hirtinnen auf der

entlegensten Alp: in Terzen singen. Durch die Harmonie aber ist der

Tonkunst nicht etwa ein neues Licht aufgegangen, sondern es ist zum

erstenmal Tag geworden. »Die ganze Tonschöpfung wurde von dieser Zeit an

erst ausgeboren.« (Nägeli.)

Harmonie und Melodie fehlen also in der Natur. Nur ein drittes Element

in der Musik, dasjenige, von dem die beiden ersten getragen werden,

existiert schon vor und außer dem Menschen: der _Rhythmus_. Im Galopp

des Pferdes, dem Klappern der Mühle, dem Gesang der Amsel und Wachtel

äußert sich eine Einheit, zu welcher aufeinander folgende Zeitteilchen

sich zusammenfassen und ein anschauliches Ganze bilden. Nicht alle, aber

viele Lautäußerungen der Natur sind rhythmisch. Und zwar herrscht in ihr

das Gesetz des _zweiteiligen_ Rhythmus, als Hebung und Senkung, Anlauf

und Auslauf. Was diesen Naturrhythmus von der menschlichen Musik trennt,

muß alsbald auffallen. In der _Musik_ gibt es nämlich keinen isolierten

Rhythmus als solchen, sondern nur Melodie und Harmonie, welche

rhythmisch sich äußert. In der Natur dagegen trägt der Rhythmus weder

Melodie noch Harmonie, sondern nur unmeßbare Luftschwingungen. Der

Rhythmus, das einzige musikalische Urelement in der Natur, ist auch das

erste, so im Menschen erwacht, im Kinde, im Wilden am frühesten sich

entwickelt. Wenn die Südsee-Insulaner mit Metallstücken und Holzstäben

rhythmisch klappern und dazu ein unfaßliches Geheul ausstoßen, so ist

das _natürliche_ Musik; denn es ist eben _keine Musik_. Was wir aber

einen Tiroler Bauer singen hören, zu welchem anscheinend keine Spur von

Kunst gedrungen, ist durchaus _künstliche Musik_. Der Mann meint

freilich, er singe, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: aber damit dies

möglich wurde, mußte die Saat von Jahrhunderten wachsen.

Wir hätten somit die notwendigen Elementarbestandteile unserer Musik

betrachtet und gefunden, daß der Mensch von der ihn umgebenden Natur

nicht musizieren lernte. In welcher Art und Folge sich unser heutiges

Tonsystem ausgebildet hat, lehrt die Geschichte der Tonkunst. Wir haben

diese Nachweisung vorauszusetzen und nur ihr Ergebnis festzuhalten, daß

Melodie und Harmonie, daß unsere Intervallenverhältnisse und Tonleiter,

die Teilung von Dur und Moll nach der verschiedenen Stellung des

Halbtons, endlich die schwebende Temperatur, ohne welche unsere

(europäisch-abendländische) Musik unmöglich wäre, langsam und allmählich

entstandene Schöpfungen des menschlichen Geistes sind. Die Natur hat dem

Menschen nur die Organe und die Lust zum Singen mitgegeben, dazu die

Fähigkeit, sich auf Grundlage der einfachsten Verhältnisse nach und nach

ein Tonsystem zu bilden. Nur diese einfachsten Verhältnisse (Dreiklang,

harmonische Progression) werden als unwandelbare Grundpfeiler jedem

künftigen Weiterbau bleiben. -- Man hüte sich vor der Verwechselung, als

_ob dieses_ (gegenwärtige) _Tonsystem selbst_ notwendig in der Natur

läge. Die Erfahrung, daß selbst Naturalisten heutzutage mit den

musikalischen Verhältnissen unbewußt und leicht hantieren wie mit

angeborenen Kräften, die sich von selbst verstehen, stempelt die

herrschenden Tongesetze keineswegs zu Naturgesetzen; es ist dies

bereits Folge der unendlich verbreiteten musikalischen Kultur. _Hand_

bemerkt ganz richtig, daß darum auch unsere Kinder in der Wiege schon

besser singen als erwachsene Wilde. »Läge die Tonfolge der Musik in der

Natur fertig vor, so sänge auch jeder Mensch immer rein.«[43]

[43] _Hand_, Ästh. d. T. I. 50. Ebendaselbst wird passend angeführt,

daß die Gälen in Schottland mit den indischen Völkerstämmen den Mangel

der Quart und Septime teilen, die Folge ihrer Töne also _cdegac_

lautet. Bei den körperlich sehr ausgebildeten Patagoniern im südlichen

Amerika findet sich keine Spur von Musik oder Gesang. -- Sehr

gründlich und im Resultat ganz übereinstimmend mit dem Obigen ist die

Entwickelung unseres Tonsystems neuerdings von _Helmholtz_ (»Lehre von

den Tonempfindungen«) dargelegt worden.

Wenn man unser Tonsystem ein »künstliches« nennt, so gebraucht man dies

Wort nicht in dem raffinierten Sinn einer willkürlichen konventionellen

Erfindung. Es bezeichnet bloß ein Gewordenes im Gegensatz zum

Erschaffenen.

Dies übersieht _Hauptmann_, wenn er den Begriff eines künstlichen

Tonsystems einen »durchaus nichtigen« nennt, »indem die Musiker

ebensowenig haben Intervalle bestimmen und ein Tonsystem erfinden

können, als die Sprachgelehrten die Worte der Sprache und die

Sprachfügung erfunden haben«.[44] Gerade die Sprache ist in demselben

Sinne wie die Musik ein künstliches Erzeugnis, indem beide nicht in der

äußeren Natur vorgebildet liegen, sondern allmählich geworden sind und

erlernt werden müssen. Nicht die Sprachgelehrten, aber die Nationen

bilden sich ihre Sprache nach ihrem Charakter und ändern sie

vervollkommnend immerfort. So haben auch die »Tongelehrten« unsere Musik

nicht »errichtet«, sondern lediglich das fixiert und begründet, was der

allgemeine, musikalisch befähigte Geist mit Vernünftigkeit, aber nicht

mit Notwendigkeit unbewußt ersonnen hatte.[45] Aus diesem Prozeß ergibt

sich, daß auch unser Tonsystem im Zeitverlauf neue Bereicherungen und

Veränderungen erfahren wird. Doch sind innerhalb der gegenwärtigen

Gesetze noch so vielfache und große Evolutionen möglich, daß eine

Änderung im _Wesen_ des Systems sehr fernliegend erscheinen dürfte.

Bestände z. B. die Bereicherung in der »Emanzipation der Vierteltöne«,

wovon eine moderne Schriftstellerin schon Andeutungen bei _Chopin_

finden will,[46] so würden Theorie, Kompositionslehre und Ästhetik der

Musik eine total andere. Der musikalische Theoretiker kann daher

gegenwärtig den Ausblick auf diese Zukunft noch kaum anders frei lassen,

als durch die einfache Anerkennung ihrer Möglichkeit.

[44] _M. Hauptmann_, Die Natur der Harmonik und Metrik. 1853. S. 7.

[45] Unsere Ansicht stimmt mit den Forschungen _Jacob Grimms_ überein,

welcher u. a. andeutet: »Wer nun die Überzeugung gewonnen hat, daß die

Sprache freie Menschenerfindung war, wird auch nicht zweifeln über die

Quelle der Poesie und _Tonkunst_.« (Ursprung der Sprache. 1852.)

[46] _Johanna Kinkel_, Acht Briefe über Klavierunterricht. 1852,

Cotta.

Unserem Ausspruch, es gebe keine Musik in der Natur, wird man den

Reichtum mannigfaltiger Stimmen einwenden, welche die Natur so wunderbar

beleben. Sollte das Rieseln des Baches, das Klatschen der Meereswellen,

der Donner der Lawinen, das Stürmen der Windsbraut nicht Anlaß und

Vorbild der menschlichen Musik gewesen sein? Hatten all' die lispelnden,

pfeifenden, schmetternden Laute mit unserem Musikwesen nichts zu

schaffen? Wir müssen in der Tat mit Nein antworten. Alle diese

Äußerungen der Natur sind lediglich _Schall_ und _Klang_, d. h. in

ungleichen Zeitteilen aufeinander folgende Luftschwingungen. Höchst

selten und dann nur isoliert bringt die Natur einen _Ton_ hervor, d. i.

einen Klang von bestimmter, meßbarer Höhe und Tiefe. Töne sind aber die

Grundbedingungen aller Musik. Mögen diese Klangäußerungen der Musik noch

so mächtig oder reizend das Gemüt anregen, sie sind keine Stufe zur

menschlichen Musik, sondern lediglich elementarische Andeutungen einer

solchen, welche allerdings später für die ausgebildete menschliche Musik

oft sehr kräftige Anregungen bieten. Selbst die reinste Erscheinung des

natürlichen Tonlebens, der Vogelgesang, steht zur menschlichen Musik in

keinem Bezug, da er unserer Skala nicht angepaßt werden kann. Auch das

Phänomen der Naturharmonie -- jedenfalls die einzige und unumstößliche

Naturgrundlage, auf welcher die Hauptverhältnisse unserer Musik beruhen

-- ist auf seine richtige Bedeutung zurückzuführen. Die harmonische

Progression erzeugt sich auf der gleichbesaiteten Äolsharfe von selbst,

gründet also auf einem Naturgesetz, allein das Phänomen selbst hört man

nirgend von der Natur unmittelbar erzeugt. Sobald nicht auf einem

musikalischen Instrument ein bestimmter, meßbarer Grundton angeschlagen

wird, erscheinen auch keine sympathischen Nebentöne, keine harmonische

Progression. Der Mensch muß also fragen, damit die Natur Antwort gebe.

Die Erscheinung des Echo erklärt sich noch einfacher. Es ist merkwürdig,

wie selbst tüchtige Schriftsteller sich von dem Gedanken einer

eigentlichen »Musik« in der Natur nicht losmachen können. Selbst _Hand_,

von dem wir absichtlich früher Beispiele zitierten, welche seine

richtige Einsicht in das inkommensurable, kunstunfähige Wesen der

natürlichen Schallerscheinungen dartun, bringt ein eigenes Kapitel »von

der Musik der Natur«, deren Schallerscheinungen »gewissermaßen« auch

Musik genannt werden müssen. Ebenso Krüger.[47] Wo es sich aber um

Prinzipienfragen handelt, da gibt es kein »gewissermaßen«; was wir in

der Natur vernehmen, _ist_ entweder Musik, oder es ist _keine_ Musik.

Das entscheidende Moment kann nur in die Meßbarkeit des Tons gelegt

werden. _Hand_ legt den Nachdruck überall auf die »geistige Beseelung«,

»den Ausdruck inneren Lebens, innerer Empfindung«, »die Kraft der

Selbsttätigkeit, wodurch unmittelbar ein Inneres zur Aussprache

gelangt«. Nach diesem Prinzip müßte der Vogelgesang Musik genannt

werden, die mechanische Spieluhr hingegen nicht; während gerade das

Entgegengesetzte wahr ist.

[47] Beiträge für Leben und Wissenschaft der Tonkunst, S. 149 ff.

Die »Musik« der Natur und die Tonkunst des Menschen sind zwei

verschiedene Gebiete. Der Übergang von der ersten zur zweiten geht durch

die _Mathematik_. Ein wichtiger, folgenreicher Satz. Freilich darf man

ihn nicht so denken, als hätte der Mensch seine Töne durch absichtlich

angestellte Berechnungen geordnet; es geschah dies vielmehr durch

unbewußte Anwendung ursprünglicher Größen- und Verhältnisvorstellungen

durch ein verborgenes Messen und Zählen, dessen Gesetzmäßigkeit erst

später die Wissenschaft konstatierte.

Dadurch, daß in der Musik alles kommensurabel sein muß, in den

Naturlauten aber nichts kommensurabel ist, stehen diese beiden

Schallreiche fast unvermittelt nebeneinander. Die Natur gibt uns nicht

das künstlerische Material eines fertigen, vorgebildeten Tonsystems,

sondern nur den rohen Stoff der Körper, die wir der Musik dienstbar

machen. Nicht die Stimmen der Tiere, sondern ihre Gedärme sind uns

wichtig, und das Tier, dem die Musik am meisten verdankt, ist nicht die

Nachtigall, sondern das Schaf.

Nach dieser Untersuchung, welche für das Verhältnis des

Musikalisch-Schönen nur ein Unterbau, aber ein notwendiger, war, heben

wir uns eine Stufe höher, auf ästhetisches Gebiet.

Der meßbare Ton und das geordnete Tonsystem sind erst, _womit_ der

Komponist schafft, nicht, _was_ er schafft. Wie Holz und Erz nur

»Stoff« waren für den Ton, so ist der Ton nur »Stoff« (Material) für die

Musik. Es gibt noch eine dritte und höhere Bedeutung von »Stoff«: Stoff

im Sinne des behandelten Gegenstandes, der dargestellten Idee, des

Sujets. Woher nimmt der Komponist _diesen_ Stoff? Woher erwächst einer

bestimmten Tondichtung der Inhalt, der Gegenstand, welcher sie als

Individuum hinstellt und von andern unterscheidet?

Die _Poesie_, die _Malerei_, die _Skulptur_ haben ihren unerschöpflichen

Quell von Stoffen in der uns umgebenden Natur. Der Künstler findet sich

durch irgendein _Naturschönes_ angeregt, es wird ihm Stoff zu eigner

Hervorbringung.

In den _bildenden_ Künsten ist das Vorschaffen der Natur am

auffallendsten. Der Maler könnte keinen Baum, keine Blume zeichnen, wenn

sie nicht schon in der äußeren Natur vorgebildet wären; der Bildhauer

keine Statue, ohne die wirkliche Menschengestalt zu kennen und zum

Muster zu nehmen. Dasselbe gilt von erfundenen Stoffen. Sie können nie

im strengen Sinn »erfunden« sein. Besteht nicht die »ideale« Landschaft

aus Felsen, Bäumen, Wasser und Wolkenzügen, lauter Dingen, die in der

Natur vorgebildet sind? Der Maler kann nichts malen, was er nicht

_gesehen_ und genau beobachtet hat. Gleichviel ob er eine Landschaft

malt oder ein Genrebild, ein Historiengemälde erfindet. Wenn uns

Zeitgenossen einen »Huß«, »Luther«, »Egmont« malen, so haben sie ihren

Gegenstand nie wirklich gesehen, aber für jeden Bestandteil desselben

müssen sie das Vorbild genau der Natur entnommen haben. Der Maler muß

nicht _diesen_ Mann, aber er muß viele Männer gesehen haben, wie sie

sich bewegen, stehen, gehen, beleuchtet werden, Schatten werfen; der

gröbste Vorwurf wäre gewiß die Unmöglichkeit oder Naturwidrigkeit seiner

Figuren.

Dasselbe gilt von der _Dichtkunst_, welche ein noch weit größeres Feld

naturschöner Vorbilder hat. Die Menschen und ihre Handlungen, Gefühle,

Schicksale, wie sie uns durch eigene Wahrnehmungen oder durch Tradition

-- denn auch diese gehört zu dem Vorgefundenen, dem Dichter Dargebotenen

-- gebracht werden, sind Stoff für das Gedicht, die Tragödie, den Roman.

Der Dichter kann keinen Sonnenaufgang, kein Schneefeld beschreiben,

keinen Gefühlszustand schildern, keinen Bauer, Soldaten, Geizigen,

Verliebten auf die Bühne bringen, wenn er nicht die Vorbilder dazu in

der Natur gesehen und studiert oder durch richtige Traditionen so in

seiner Phantasie belebt hat, daß sie die unmittelbare Anschauung

ersetzen.

Stellen wir nun diesen Künsten die _Musik_ entgegen, so erkennen wir,

daß sie ein Vorbild, einen Stoff für ihre Werke nirgend vorfindet.

_Es gibt kein Naturschönes für die Musik._

Dieser Unterschied zwischen der Musik und den übrigen Künsten (nur die

_Baukunst_ findet gleichfalls kein Vorbild in der Natur) ist tiefgehend

und folgenschwer.

Das Schaffen des Malers, des Dichters ist ein stetes (inneres oder

wirkliches) Nachzeichnen, Nachformen, -- etwas _nachzumusizieren_ gibt

es in der Natur nicht. Die Natur kennt keine Sonate, keine Ouvertüre,

kein Rondo. Wohl aber Landschaften, Genrebilder, Idyllen, Trauerspiele.

Der aristotelische Satz von der Naturnachahmung in der Kunst, welcher

noch bei den Philosophen des vorigen Jahrhunderts gang und gäbe war, ist

längst berichtigt und bedarf, bis zum Überdruß abgedroschen, hier keiner

weiteren Erörterung. Nicht sklavisch nachbilden soll die Kunst die

Natur, sie hat sie _umzubilden_. Der Ausdruck zeigt schon, daß _vor_ der

Kunst etwas da sein mußte, was umgebildet wird. Dies ist eben das von

der Natur dargebotene Vorbild, das Naturschöne. Der Maler findet sich

von einer reizenden Landschaft, einer Gruppe, einem Gedicht, der Dichter

von einer historischen Begebenheit, einem Erlebnis, zur künstlichen

Darstellung des Vorgefundenen veranlaßt. Bei welcher Naturbetrachtung

könnte aber der _Tonsetzer_ jemals ausrufen: das ist ein prächtiges

Vorbild für eine Ouvertüre, eine Symphonie! Der Komponist kann gar

nichts _umbilden_, er muß alles _neu erschaffen_. Was der Maler, der

Dichter in Betrachtung des Naturschönen findet, das muß der Komponist

durch Konzentration seines Innern herausarbeiten. Er muß der guten

Stunde warten, wo es in ihm anfängt zu singen und zu klingen: da wird er

sich versenken und aus sich heraus etwas schaffen, was in der Natur

nicht seinesgleichen hat und daher auch, ungleich den andern Künsten,

geradezu nicht von dieser Welt ist.

Es unterliegt keineswegs eine parteiische Begriffsbestimmung, wenn wir

zu dem »Naturschönen« für den Maler und Dichter den _Menschen_

hinzurechneten, für den Musiker hingegen den kunstvoll aus der

Menschenbrust quellenden Gesang verschwiegen. Der singende Hirt ist

nicht Objekt, sondern schon Subjekt der Kunst. Besteht sein Lied aus

meßbaren, geordneten, wenn noch so einfachen Tonfolgen, so ist's ein

Produkt des Menschengeistes, ob es nun ein Hirtenjunge erfunden hat oder

Beethoven.

Wenn daher ein Komponist wirkliche Nationalmelodien benützt, so ist dies

kein Naturschönes; denn man muß bis zu einem zurückgehen, der sie

erfunden hat, -- woher hatte sie dieser? Fand _er_ ein Vorbild dafür in

der Natur? Dies ist die berechtigte Frage. Die Antwort kann nur

verneinend lauten. Der Volksgesang ist kein Vorgefundenes, kein

Naturschönes, sondern die erste Stufe wirklicher Kunst, _naive Kunst_.

Er ist für die Tonkunst ebensowenig ein von der Natur erzeugtes Vorbild,

wie die mit Kohle an Wachtstuben und Schuttböden geschmierten Blumen und

Soldaten natürliche Vorbilder für die Malerei sind. Beides ist

menschliches Kunstprodukt. Für die Kohlenfiguren lassen die Vorbilder in

der Natur sich nachweisen, für den Volksgesang nicht; man kann nicht

_hinter_ ihn zurückgehen.

Zu einer sehr gangbaren Verwirrung gelangt man, wenn man den Begriff des

»Stoffs« für die Musik in einem angewandten, höheren Sinne nimmt und

darauf hinweist, daß Beethoven wirklich eine Ouvertüre zu Egmont, --

oder damit das Wörtchen »zu« nicht an dramatische Zwecke mahne, -- eine

Musik »Egmont« geschrieben hat, Berlioz einen »König Lear«, Mendelssohn

eine »Melusina«. Haben diese Erzählungen, fragt man, dem Tondichter

nicht ebenso den Stoff geliefert wie dem Dichter? Keineswegs. Dem

Dichter sind diese Gestalten wirkliches Vorbild, das er umbildet, dem

Komponisten bieten sie bloß _Anregung_, und zwar _poetische_ Anregung.

Das Naturschöne für den Tondichter müßte ein _Hörbares_ sein, wie es für

den Maler ein Sichtbares, für den Bildhauer ein Greifbares ist. Nicht

die Gestalt Egmonts, nicht seine Taten, Erlebnisse, Gesinnungen sind

Inhalt der Beethovenschen Ouvertüre, wie dies im _Bilde_ »Egmont«, im

_Drama_ »Egmont« der Fall ist. Der Inhalt der Ouvertüre sind

_Tonreihen_, welche der Komponist vollkommen frei nach musikalischen

Denkgesetzen aus sich erschuf. Sie sind für die ästhetische Betrachtung

ganz unabhängig und selbständig von der Vorstellung »Egmont«, mit

welcher sie lediglich die poetische Phantasie des Tonsetzers in

Zusammenhang gebracht hat, sei es, daß diese Vorstellung auf eine

unerforschliche Weise den Keim zur Erfindung jener Tonreihen gelegt hat,

sei es, daß er diese nachträglich seinem Vorwurf entsprechend fand.

Dieser Zusammenhang ist so lose und willkürlich, daß niemals ein Hörer

des Musikstückes auf dessen angeblichen Gegenstand verfallen würde, wenn

nicht der Autor durch die _ausdrückliche Benennung_ unserer Phantasie im

vorhinein die bestimmte Richtung oktroyierte. _Berlioz_' düstere

Ouvertüre hängt an und für sich mit der Vorstellung »König Lear«

ebensowenig zusammen, als ein Straußscher Walzer. Man kann das nicht

scharf genug aussprechen, da hierüber die irrigsten Ansichten allgemein

sind. Erst mit dem Augenblick erscheint der Straußsche Walzer der

Vorstellung »König Lear« widersprechend, die Berliozsche Ouvertüre

hingegen entsprechend, wo wir diese Musiken mit jener Vorstellung

_vergleichen_. Allein eben zu dieser Vergleichung existiert kein innerer

Anlaß, sondern nur eine ausdrückliche Nötigung vom Autor. Durch eine

bestimmte Überschrift werden wir zur Vergleichung des Musikstückes mit

einem außer ihm stehenden Objekt genötigt, wir müssen es mit einem

bestimmten Maßstab messen, welcher _nicht der musikalische_ ist.

Man darf dann vielleicht sagen, Beethovens Ouvertüre »Prometheus« sei zu

wenig großartig für diesen Vorwurf. Allein nirgend kann man ihr von

innen her beikommen, nirgend ihr eine musikalische Lücke oder

Mangelhaftigkeit nachweisen. Sie ist vollkommen, weil sie ihren

_musikalischen_ Inhalt vollständig ausführt; ihr _dichterisches_ Thema

analog auszuführen ist eine zweite, ganz verschiedene Forderung. Diese

entsteht und verschwindet mit dem Titel. Überdies kann ein solcher

Anspruch an ein Tonwerk mit bestimmter Überschrift nur auf gewisse

charakteristische Eigenschaften lauten: daß die Musik erhaben oder

niedlich, düster oder froh klinge, von einfacher Exposition zu betrübtem

Abschluß sich entwickle usw. An die Dichtkunst oder Malerei stellt der

Stoff die Forderung einer bestimmten konkreten _Individualität_, nicht

bloßer Eigenschaften. Darum wäre es recht wohl denkbar, daß Beethovens

Ouvertüre zu »Egmont« ebenfalls »Wilhelm Tell« oder »Jeanne d'Arc«

überschrieben sein könnte. Das _Drama_ Egmont, das _Bild_ Egmont lassen

höchstens die Verwechslung zu, daß dies ein anderes Individuum in den

gleichen Verhältnissen, nicht aber, daß es ganz andere Verhältnisse

sind.

Man sieht, wie eng das Verhältnis der Musik zum Naturschönen mit der

ganzen Frage von ihrem _Inhalt_ zusammenhängt.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 9 / 11 段