Noch einen Einwand wird man aus der musikalischen Literatur herholen, um

der Musik ein Naturschönes zu vindizieren. Beispiele nämlich, daß

Tonsetzer aus der Natur nicht bloß den poetischen Anlaß geschöpft (wie

in obigen Historien), sondern wirklich hörbare Äußerungen ihres

Tonlebens direkt nachgebildet haben: der Hahnenruf in _Haydns_

Jahreszeiten, Kuckuck, Nachtigall- und Wachtelschlag in _Spohrs_ »Weihe

der Töne« und in _Beethovens_ Pastoralsymphonie. Allein wenn wir gleich

diese Nachahmung _hören_ und in einem _musikalischen_ Kunstwerk hören,

so haben sie doch darin keine musikalische Bedeutung, sondern eine

poetische. Es soll uns der Hahnenschrei alsdann nicht als _schöne_ Musik

oder überhaupt als Musik vorgeführt, sondern nur der Eindruck

zurückgerufen werden, welcher mit jener Naturerscheinung zusammenhängt.

»Ich habe Haydns Schöpfung -- gesehen beinahe«, schreibt _Jean Paul_

nach einer Aufführung dieses Tonwerks an _Thieriot_. Allgemein bekannte

Stichwörter, Zitate sind es, welche uns erinnern: es ist früher Morgen,

laue Sommernacht, Frühling. Ohne diese bloß beschreibende Tendenz hat

nie ein Komponist Naturstimmen direkt zu wirklichen musikalischen

Zwecken verwenden können. Ein _Thema_ können alle Naturstimmen der Erde

zusammen nicht hervorbringen, eben weil sie _keine Musik_ sind,[48] und

bedeutungsvoll erscheint es, daß die Tonkunst von der Natur nur Gebrauch

machen kann, wenn sie in die Malerei pfuscht.

[48] Von diesem Mißverständnis, den Naturlaut unmittelbar realistisch

in das Kunstwerk zu übertragen -- was, wie O. Jahn treffend bemerkt,

nur in seltenen Fällen als Scherz zugestanden werden kann, ist es ja

gänzlich verschieden und sollte eigentlich nicht Malerei genannt

werden, wenn gewisse in der Natur gegebene, durch ihren rhythmischen

oder klanglichen Charakter halb musikalisch wirkende Elemente, wie sie

im Rauschen und Plätschern des Wassers, im Vogelgesang, in Wind und

Wetter, im Schwirren der Pfeile, im Schnurren des Spinnrads u. dgl.

enthalten sind, von den Komponisten -- nicht etwa »nachgeahmt« werden,

sondern ihnen Impulse zu Motiven von selbständiger Schönheit hergeben,

welche sie künstlerisch frei konzipieren und durchführen. »Dieses

Rechts bedient sich der Dichter in der Sprache wie im Rhythmus; in der

Musik greift es aber noch viel weiter, weil der musikalischen Elemente

viele durch die ganze Natur zerstreut sind«, und herrliche Beispiele

aus unseren klassischen nicht minder wie aus unseren modernen

Komponisten (die nur ungleich raffinierter verfahren als jene) sind

jedem in Fülle gegenwärtig.

VII.

Die Begriffe »Inhalt« und »Form« in der Musik.

_Hat die Musik einen Inhalt?_

So lautet, seit man gewohnt ist, über unsere Kunst nachzudenken, ihre

hitzigste Streitfrage. Sie wurde für und wider entschieden. Gewichtige

Stimmen behaupten die Inhaltslosigkeit der Musik, sie gehören beinahe

durchaus den _Philosophen_: _Rousseau_, _Kant_, _Hegel_, _Herbart_,[49]

_Kahlert_ u. a. Von den zahlreichen Physiologen, welche diese

Überzeugungen unterstützen, sind uns die durch musikalische Bildung

hervorragenden Denker _Lotze_ und _Helmholtz_ die wichtigsten. Die

ungleich zahlreicheren Kämpfer fechten für den _Inhalt_ der Tonkunst! es

sind die eigentlichen _Musiker_ unter den Schriftstellern, und das Gros

der allgemeinen Überzeugung steht zu ihnen.

[49] Auf _Herbart_schen Grundlagen hat in neuester Zeit _Robert

Zimmermann_ in seiner »_Allgemeinen Ästhetik als Formwissenschaft_«

(Wien 1865) das formale Prinzip in strenger Konsequenz in allen

Künsten, somit auch in der Musik, durchgeführt.

Fast mag es seltsam erscheinen, daß gerade diejenigen, welchen die

technischen Bestimmungen der Musik vertraut sind, sich nicht von dem

Irrtum einer diesen Bedingungen widersprechenden Ansicht lossagen

mögen, die man eher den abstrakten Philosophen verzeihen könnte. Das

kommt daher, weil es vielen Musikschriftstellern in diesem Punkt mehr um

die vermeintliche Ehre ihrer Kunst, als um die Wahrheit zu tun ist. Sie

befehden die Lehre von der Inhaltlosigkeit der Musik nicht wie Meinung

gegen Meinung, sondern wie Ketzerei gegen Dogma. Die gegnerische Ansicht

erscheint ihnen als unwürdiges Mißverstehen, als grober, frevelnder

Materialismus. »Wie, die Kunst, die uns hoch erhebt und begeistert, der

so viele edle Geister ihr Leben gewidmet, die den höchsten Ideen

dienstbar werden kann, sie sollte mit dem Fluch der Inhaltlosigkeit

beladen sein, bloßes Spielwerk der Sinne, leeres Geklingel!?« Mit derlei

vielgehörten Ausrufungen, wie sie meist koppelweise losgelassen werden,

obwohl ein Satz zum andern nicht gehört, wird nichts widerlegt noch

bewiesen. Es handelt sich hier um keinen Ehrenpunkt, kein Parteizeichen,

sondern einfach um die Erkenntnis des Wahren, und zu dieser zu gelangen,

muß man sich vor allem über die Begriffe klar sein, die man bestreitet.

Die Verwechslung der Begriffe: _Inhalt_, _Gegenstand_, _Stoff_ ist es,

was in der Materie so viel Unklarheit verursacht hat und noch immer

veranlaßt, da jeder für denselben Begriff eine andere Bezeichnung

gebraucht, oder mit dem gleichen Wort verschiedene Vorstellungen

verbindet. »_Inhalt_« im ursprünglichen und eigentlichen Sinne ist: was

ein Ding _enthält_, in sich hält. In dieser Bedeutung sind die _Töne_,

aus welchen ein Musikstück besteht, welche als dessen Teile es zum

Ganzen bilden, der Inhalt desselben. Daß sich mit dieser Antwort niemand

zufriedenstellen mag, sie als etwas ganz Selbstverständliches

abfertigend, hat seinen Grund darin, daß man gemeiniglich den »Inhalt«

mit »Gegenstand« verwechselt. Bei der Frage nach dem »Inhalt« der Musik

hat man die Vorstellung von »_Gegenstand_« (Stoff, Sujet) im Sinne,

welchen man als die Idee, das Ideale, den Tönen als »materiellen

Bestandteilen« geradezu entgegengesetzt. Einen Inhalt in dieser

Bedeutung, einen _Stoff_ im Sinne des behandelten Gegenstandes hat die

Tonkunst in der Tat nicht. _Kahlert_ stützt sich mit Recht nachdrücklich

darauf, daß sich von der Musik nicht, wie vom Gemälde, eine

»Wortbeschreibung« liefern läßt (Ästh. 380), wenngleich seine weitere

Annahme irrig ist, daß solche Wortbeschreibung jemals eine »Abhilfe für

den fehlenden Kunstgenuß« bieten könne. Aber eine erklärende

Verständigung, um was es sich handelt, kann sie bieten. Die Frage nach

dem »Was« des musikalischen Inhaltes müßte sich notwendig in Worten

beantworten lassen, wenn das Musikstück wirklich einen »Inhalt« (einen

_Gegenstand_) hätte. Denn ein »unbestimmter Inhalt«, den sich jedermann

als etwas anderes denken kann, der sich nur fühlen, nicht in Worten

wiedergeben läßt, ist eben kein Inhalt in der genannten Bedeutung.

Die Musik besteht aus Tonreihen, Tonformen, diese haben keinen andern

Inhalt als sich selbst. Sie erinnern abermals an die Baukunst und den

Tanz, die uns gleichfalls schöne Verhältnisse ohne bestimmten Inhalt

entgegenbringen. Mag nun die Wirkung eines Tonstücks jeder nach seiner

Individualität anschlagen und benennen, der _Inhalt_ desselben ist

keiner, als eben die gehörten Tonformen; denn die Musik spricht nicht

bloß _durch_ Töne, sie spricht auch _nur_ Töne.

_Krüger_, wohl der kenntnisreichste Verfechter des musikalischen

»Inhalts« gegen Hegel und Kahlert, behauptet, die Musik gebe bloß eine

andere _Seite_ desselben Inhalts, welcher den übrigen Künsten, z. B. der

Malerei, zusteht. »Jede plastische Gestalt«, sagt er (Beiträge, 131),

»ist eine ruhende: sie gibt nicht die Handlung, sondern die gewesene

Handlung oder das Seiende. Also nicht: Apollo überwindet, sagt das

Gemälde aus, sondern es zeigt den Überwinder, den zornigen Kämpfer« usw.

Hingegen »die Musik gibt zu jenen stillstehenden plastischen

Substantiven das Verbum, die Tätigkeit, das innere Wogen hinzu, und wenn

wir dort als den wahren ruhenden Inhalt erkannt haben: zürnend, liebend,

so erkennen wir hier nicht minder den wahren bewegenden Inhalt: zürnt,

liebt, rauscht, wogt, stürmt.« Letzteres ist nur bis zur Hälfte richtig:

»rauschen, wogen und stürmen« kann die Musik, aber »zürnen« und »lieben«

kann sie nicht. Das sind schon hineingefühlte Leidenschaften. Wir müssen

hier auf unser zweites Kapitel zurückweisen. _Krüger_ fährt fort, der

Bestimmtheit des _gemalten_ Inhalts die des _musizierten_ an die Seite

zu stellen. Er sagt: »Der _Bildner_ stellt Orest von Furien verfolgt

dar: es erscheint auf der Außenfläche seines Leibes, in Auge, Mund,

Stirn und Haltung der Ausdruck des Flüchtigen, Düstern, Verzweifelten,

neben ihm die Gestalten des Fluchs, die ihn beherrschen, in gebietender,

furchtbarer Hoheit, ebenfalls äußerlich in verharrenden Umrissen,

Gesichtszügen, Stellungen. Der _Tondichter_ stellt Orest den Verfolgten

nicht im beruhenden Umriß hin, sondern nach der Seite, die dem Bildner

fehlt: er singt das Grausen und Beben seiner Seele, die fliehend

kämpfende Regung« usf. Dies ist meines Erachtens ganz falsch. Der

Tonkünstler kann den _Orestes_ weder so noch so, er kann ihn _gar nicht_

darstellen.

Man wende nicht ein, daß ja auch die bildenden Künste uns die bestimmte,

historische Person nicht zu geben vermögen, und wir die gemalte Gestalt

nicht als _dieses_ Individuum erkennen würden, brächten wir nicht die

Kenntnis des Historisch-Tatsächlichen hinzu. Freilich ist es nicht

_Orest_, der Mann mit _diesen_ Erlebnissen und bestimmten biographischen

Momenten; diesen kann nur der _Dichter_ darstellen, weil nur er zu

erzählen vermag. Allein das _Bild_ »Orest« zeigt uns doch unverkennbar

einen Jüngling mit edlen Zügen, in griechischem Gewand, Angst und

Seelenpein in den Mienen und Bewegungen, es zeigt uns die furchtbaren

Gestalten der Rachegöttinnen, ihn verfolgend und quälend. Dies alles

ist klar, unzweifelhaft, sichtlich erzählbar -- ob nun der Mann Orest

heiße oder anders. Nur die Motive: daß der Jüngling einen Muttermord

begangen usw., sind nicht ausdrückbar. Was kann die Tonkunst jenem

sichtbaren (vom Historischen abstrahierten) Inhalt des Gemäldes an

Bestimmtheit entgegensetzen? Verminderte Septimakkorde, Mollthemen,

wogende Bässe u. dgl., kurz musikalische Formen, welche ebensogut ein

Weib, anstatt eines Jünglings, einen von Häschern anstatt von Furien

Verfolgten, einen Eifersüchtigen, Rachesinnenden, einen von körperlichem

Schmerz Gequälten, kurz alles Erdenkliche bedeuten können, wenn man

schon das Tonstück etwas will bedeuten lassen.

Es bedarf wohl auch nicht der ausdrücklichen Berufung auf den früher

begründeten Satz, daß, wenn vom Inhalt und der Darstellungsfähigkeit der

Tonkunst die Rede ist, nur von der reinen _Instrumentalmusik_

ausgegangen werden darf. Niemand wird dies so weit vergessen, uns z. B.

den Orestes in Glucks »Iphigenia« einzuwenden. Diesen »Orestes« gibt ja

nicht der _Komponist_; die Worte des Dichters, Gestalt und Mimik des

Darstellers, Kostüm und Dekorationen des Malers -- dies ist's, was den

Orestes fertig hinstellt. Was der Musiker hinzugibt, ist vielleicht das

_Schönste_ von allem, aber es ist gerade das Einzige, was nichts mit dem

wirklichen Orest zu schaffen hat: Gesang.

_Lessing_ hat mit wunderbarer Klarheit auseinandergesetzt, was der

Dichter und was der bildende Künstler aus der Geschichte des Laokoon zu

machen vermag. Der Dichter, durch das Mittel der Sprache, gibt den

historischen, individuell bestimmten Laokoon, der Maler und Bildhauer

hingegen einen Greis mit zwei Knaben (von _diesem_ bestimmten Alter,

Aussehen, Kostüm usf.), von den furchtbaren Schlangen umwunden, in

Mienen, Stellung und Gebärden die Qual des nahenden Todes ausdrückend.

Vom _Musiker_ sagt Lessing nichts. Ganz begreiflich; denn nichts ist es

eben, was dieser aus dem Laokoon machen kann.

Wir haben bereits angedeutet, wie eng die Frage nach dem _Inhalt_ der

Tonkunst mit deren Stellung zum _Naturschönen_ zusammenhängt. Der

Musiker findet nirgend das Vorbild für seine Kunst, welches den anderen

Künsten die Bestimmtheit und Erkennbarkeit ihres Inhalts gewährleistet.

Eine Kunst, der das vorbildende Naturschöne abgeht, wird im eigentlichen

Sinne körperlos sein. Das Urbild ihrer Erscheinungsform begegnet uns

nirgend, fehlt daher in dem Kreis unserer gesammelten Begriffe. Es

wiederholt keinen bereits bekannten, benannten Gegenstand, darum hat

Musik für unser in bestimmte Begriffe gefaßtes Denken keinen nennbaren

Inhalt.

Vom _Inhalt_ eines Kunstwerkes kann eigentlich nur da die Rede sein, wo

man diesen Inhalt einer _Form_ entgegenhält. Die Begriffe »Inhalt« und

»Form« bedingen und ergänzen einander. Wo nicht eine Form von einem

Inhalt dem Denken trennbar erscheint, da existiert auch kein

selbständiger Inhalt. In der Musik aber sehen wir Inhalt und Form,

Stoff und Gestaltung, Bild und Idee in dunkler, untrennbarer Einheit

verschmolzen. Dieser Eigentümlichkeit der Tonkunst, Form und Inhalt

ungetrennt zu besitzen, stehen die dichtenden und bildenden Künste

schroff gegenüber, welche denselben Gedanken, dasselbe Ereignis in

verschiedener Form darstellen können. Aus der Geschichte des Wilhelm

Tell machte _Florian_ einen historischen Roman, _Schiller_ ein Drama,

_Goethe_ begann sie als Epos zu bearbeiten. Der Inhalt ist überall

derselbe, in Prosa aufzulösende, erzählbare, erkennbare; die Form ist

verschieden. Die dem Meer entsteigende Aphrodite ist der gleiche Inhalt

unzähliger gemalter und gemeißelter Kunstwerke, die durch die

verschiedene Form nicht zu verwechseln sind. Bei der Tonkunst gibt es

keinen Inhalt gegenüber der Form, weil sie keine Form hat außerhalb des

Inhalts. Betrachten wir dies näher.

Die selbständige, ästhetisch nicht weiter teilbare, musikalische

Gedankeneinheit ist in jeder Komposition das _Thema_. Die primitiven

Bestimmungen, die man der _Musik_ als solcher zuschreibt, müssen sich

immer schon am _Thema_, dem musikalischen Mikrokosmus, nachweisbar

finden. Hören wir irgendein Hauptthema, z. B. zu Beethovens

B-dur-Symphonie. Was ist dessen Inhalt? Was seine Form? Wo fängt diese

an, wo hört jener auf? Daß ein bestimmtes Gefühl nicht Inhalt des Satzes

sei, hoffen wir dargetan zu haben, und wird in diesem wie in jedem

andern konkreten Fall nur immer einleuchtender erscheinen. Was also will

man den _Inhalt_ nennen? Die Töne selbst? Gewiß; allein sie sind eben

schon geformt. Was die _Form_? Wieder die Töne selbst, -- sie aber sind

schon _erfüllte_ Form.

Jeder praktische Versuch, in einem Thema Form von Inhalt trennen zu

wollen, führt auf Widerspruch oder Willkür. Zum Beispiel: wechselt ein

Motiv, das von einem andern Instrument oder in einer höheren Oktave

wiederholt wird, seinen Inhalt oder seine _Form_? Behauptet man, wie

zumeist geschieht, das letztere, so bliebe als _Inhalt_ des Motivs bloß

die Intervallenreihe als solche, als Schema der Notenköpfe, wie sie in

der Partitur dem Auge sich darstellt. Dies ist aber keine _musikalische_

Bestimmtheit, sondern ein Abstraktum. Es verhält sich damit, wie mit den

gefärbten Glasfenstern eines Pavillons, durch welche man dieselbe Gegend

rot, blau, gelb erblicken kann. Diese ändert hierdurch weder ihren

_Inhalt_, noch ihre _Form_, sondern lediglich die _Färbung_. Solch

zahlloser Farbenwechsel derselben Formen vom grellsten Kontrast bis zur

feinsten Schattierung ist der Musik ganz eigentümlich und macht eine der

reichsten und ausgebildetsten Seiten ihrer Wirksamkeit aus.

Eine für Klavier entworfene Melodie, die ein zweiter später

instrumentiert, bekommt durch ihn ebenfalls eine _neue_ Form, aber nicht

erst _Form_; sie ist schon geformter Gedanke. Noch weniger wird man

behaupten wollen, ein Thema ändere durch Transposition seinen _Inhalt_

und behalte die Form, da sich bei dieser Ansicht die Widersprüche

verdoppeln und der Hörer augenblicklich erwidern muß, er erkenne einen

ihm bekannten Inhalt, nur »klinge er verändert«.

Bei ganzen Kompositionen, namentlich größerer Ausdehnung, pflegt man

freilich von deren Form und Inhalt zu sprechen. Dann gebraucht man aber

diese Begriffe nicht in ihrem ursprünglichen logischen Sinne, sondern

schon in einer spezifisch _musikalischen_ Bedeutung. Die »Form« einer

Symphonie, Ouvertüre, Sonate, Arie, eines Chors usw. nennt man die

Architektonik der verbundenen Einzelteile und Gruppen, aus welchen das

Tonstück besteht, näher also: die Symmetrie dieser Teile in ihrer

Reihenfolge, Kontrastierung, Wiederkehr und Durchführung. Als den Inhalt

begreift man aber dann die zu solcher Architektonik verarbeiteten

_Themen_. Hier ist also von einem Inhalt als »Gegenstand« keine Rede

mehr, sondern lediglich von einem musikalischen. Bei ganzen Tonstücken

wird daher »Inhalt« und »Form« in einer künstlerisch angewandten, nicht

in der rein logischen Bedeutung gebraucht; wollen wir _diese_ an den

Begriff der Musik legen, so müssen wir nicht an einem ganzen, daher

zusammengesetzten Kunstwerk operieren, sondern an dessen letztem,

ästhetisch nicht weiter teilbarem Kerne. Dies ist das _Thema_ oder die

Themen. Bei diesen läßt sich in gar keinem Sinne Form und Inhalt

trennen. Will man jemand den »Inhalt« eines Motivs namhaft machen, so

muß man ihm das _Motiv selbst vorspielen_. So kann also der Inhalt

eines Tonwerks niemals gegenständlich, sondern nur musikalisch aufgefaßt

werden, nämlich als das in jedem Musikstück konkret Erklingende. Da die

Komposition formellen Schönheitsgesetzen folgt, so improvisiert sich ihr

Verlauf nicht in willkürlich planlosem Schweifen, sondern entwickelt

sich in organisch übersichtlicher Allmählichkeit wie reiche Blüten aus

Einer Knospe.

Dies ist das _Hauptthema_, -- der wahre Stoff und Inhalt (Gegenstand)

des ganzen Tongebildes. Alles darin ist freie Folge und Wirkung des

Themas, durch dieses bedingt und gestaltet, von ihm beherrscht und

erfüllt. Es ist das selbständige Axiom, das zwar augenblicklich

befriedigt, aber von unserm Geist bestritten und entwickelt gesehen

werden will, was dann in der musikalischen Durchführung, analog einer

logischen Entwickelung, stattfindet. Wie die Hauptfigur eines Romans

bringt der Komponist das Thema in die verschiedensten Lagen und

Umgebungen, in die wechselndsten Erfolge und Stimmungen, -- alles

andere, wenn noch so kontrastierend, ist in bezug darauf gedacht und

gestaltet.

_Inhaltlos_ werden wir demnach etwa jenes freieste Präludieren nennen,

bei welchem der Spieler, mehr ausruhend als schaffend, sich bloß in

Akkorden, Arpeggios, Rosalien ergeht, ohne eine selbständige Tongestalt

bestimmt hervortreten zu lassen. Solch freie Präludien werden als

Individuen nicht erkennbar oder unterscheidbar sein, wir werden sagen

dürfen, sie haben (im weiteren Sinne) keinen Inhalt, weil kein Thema.

Das Thema resp. die Themen eines Tonstückes sind also sein wesentlicher

Inhalt.

In Ästhetik und Kritik wird auf das _Hauptthema_ einer Komposition lange

nicht das gehörige Gewicht gelegt. Das Thema allein offenbart schon den

Geist, der das ganze Werk geschaffen. Wenn ein Beethoven die Ouvertüre

zur »Leonore« so anfängt, oder ein Mendelssohn die Ouvertüre zur

»Fingalshöhle« so, da wird jeder Musiker, ohne von der weiteren

Durchführung noch eine Note zu wissen, ahnen, vor welchem Palast er

steht. Klingt uns aber ein Thema entgegen, wie das zur Fausta-Ouvertüre

von Donizetti oder »Louise Miller« von Verdi, so bedarf es ebenfalls

keines weiteren Eindringens in das Innere, um uns zu überzeugen, daß wir

in der Kneipe sind. In Deutschland legt Theorie und Praxis einen

überwiegenden Wert auf die musikalische Durchführung gegenüber dem

thematischen Gehalt. Was aber nicht (offenkundig oder versteckt) im

Thema ruht, kann später nicht organisch entwickelt werden, und weniger

vielleicht in der Kunst der Entwickelung, als in der symphonischen Kraft

und Fruchtbarkeit der _Themen_ liegt es, daß unsere Zeit keine

Beethovenschen Orchesterwerke mehr aufweist.

Bei der Frage nach dem _Inhalt_ der Tonkunst muß man sich insbesondere

hüten, das Wort in lobender Bedeutung zu nehmen. Daraus, daß die Musik

keinen Inhalt (Gegenstand) hat, folgt nicht, daß sie des _Gehalts_

entbehre. »Geistigen Gehalt« meinen offenbar diejenigen, welche mit dem

Eifer einer Partei für den »Inhalt« der Musik fechten. Wir müssen hier

auf das im 3. Kapitel Gesagte verweisen. Die Musik ist ein Spiel, aber

keine Spielerei. Gedanken und Gefühle rinnen wie Blut in den Adern des

ebenmäßig schönen Tonkörpers; sie sind nicht _er_, sind auch nicht

_sichtbar_, aber sie beleben ihn. Der Komponist _dichtet_ und _denkt_.

Nur dichtet und denkt er, entrückt aller gegenständlichen Realität, in

_Tönen_. Muß doch diese Trivialität hier ausdrücklich wiederholt sein,

weil sie selbst von denjenigen, die sie prinzipiell anerkennen, in den

Konsequenzen allzuhäufig verleugnet und verletzt wird. Sie denken sich

das Komponieren als Übersetzung eines gedachten Stoffs in Töne, während

doch die Töne selbst die unübersetzbare Ursprache sind. Daraus, daß der

Tondichter gezwungen ist, in Tönen zu denken, folgt ja schon die

Inhaltlosigkeit der Tonkunst, indem jeder begriffliche Inhalt in

_Worten_ müßte gedacht werden können.

So strenge wir bei der Untersuchung des _Inhalts_ alle Musik über

gegebene Texte, als dem reinen Begriff der Tonkunst widersprechend,

ausschließen mußten, so unentbehrlich sind die Meisterwerke der

Vokalmusik bei der Würdigung des _Gehaltes_ der Tonkunst. Vom einfachen

Lied bis zur gestaltenreichen Oper und der altehrwürdigen Gottesfeier

durch Kirchenmusik hat die Tonkunst nie aufgehört, die teuersten und

wichtigsten Bewegungen des Menschengeistes zu begleiten und somit

indirekt zu verherrlichen.

Nebst der Vindikation des geistigen _Gehaltes_ muß noch eine zweite

Konsequenz nachdrücklich hervorgehoben werden. Die gegenstandlose

Formschönheit der Musik hindert sie nicht, ihren Schöpfungen

_Individualität_ aufprägen zu können. Die Art der künstlerischen

Bearbeitung, sowie die Erfindung gerade dieses Themas ist in jedem Fall

eine so einzige, daß sie niemals in einer höheren Allgemeinheit

zerfließen kann, sondern als _Individuum_ dasteht. Eine Melodie von

Mozart oder Beethoven ruht so fest und unvermischt auf eigenen Füßen,

wie ein Vers _Goethes_, ein Ausspruch _Lessings_, eine Statue

_Thorwaldsens_, ein Bild _Overbecks_. Die selbständigen musikalischen

Gedanken (Themen) haben die Sicherheit eines Zitats und die

Anschaulichkeit eines Gemäldes; sie sind individuell, persönlich, ewig.

Wenn wir daher schon _Hegels_ Ansicht von der Gehaltlosigkeit der

Tonkunst nicht teilen können, so scheint es uns noch irrtümlicher, daß

er dieser Kunst nur die Aussprache des »individualitätslosen Innern«

zuweist. Selbst von _Hegels_ musikalischem Standpunkt, welcher die

wesentlich formende, objektive Tätigkeit des Komponisten übersieht, die

Musik rein als freie Entäußerung der _Subjektivität_ auffassend, folgt

nicht die »Individualitätslosigkeit« derselben, da ja der subjektiv

produzierende Geist wesentlich individuell erscheint.

Wie die Individualität sich in der Wahl und Bearbeitung der

verschiedenen musikalischen Elemente ausprägt, haben wir im 3. Kapitel

berührt. Gegenüber dem _Vorwurf_ der Inhaltlosigkeit also hat die Musik

Inhalt, allein musikalischen, welcher ein nicht geringerer Funke des

göttlichen Feuers ist, als das Schöne jeder andern Kunst. Nur dadurch

aber, daß man jeden andern »Inhalt« der Tonkunst unerbittlich negiert,

rettet man deren »Gehalt«. Denn aus dem unbestimmten Gefühle, worauf

sich jener Inhalt im besten Fall zurückführt, ist ihr eine geistige

Bedeutung nicht abzuleiten, wohl aber aus der bestimmten schönen

Tongestaltung als der freien Schöpfung des Geistes aus geistfähigem

Material.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 10 / 11 段