Die gerügte Art des Musikhörens ist übrigens nicht etwa identisch mit

der in jeder Kunst vorkommenden Freude des naiven Publikums an dem bloß

sinnlichen Teil derselben, während der ideale Gehalt nur von dem

gebildeten Verständnis erkannt wird. Diese unkünstlerische Auffassung

eines Musikstückes zieht nicht den eigentlich sinnlichen Teil, die

reiche Mannigfaltigkeit der Tonreihen an sich, sondern deren abstrakte,

als bloßes Gefühl empfundene Totalidee. Dadurch wird die höchst

eigentümliche Stellung ersichtlich, welche in der Musik der geistige

_Gehalt_ zu den Kategorien der _Form_ und des _Inhalts_ einnimmt. Man

pflegt nämlich das ein Tonstück durchwehende Gefühl als den Inhalt, die

Idee, den geistigen Gehalt desselben anzusehen; die künstlerisch

geschaffenen, bestimmten _Tonfolgen_ hingegen als die bloße Form, das

Bild, die sinnliche Einkleidung jenes Übersinnlichen. Allein gerade der

»spezifisch-musikalische« Teil ist die Schöpfung des künstlerischen

Geistes, mit welchem der anschauende Geist sich verständnisvoll

vereinigt. In diesen konkreten Tonbildungen liegt der geistige Gehalt

der Komposition, nicht in dem vagen Totaleindruck eines abstrahierten

Gefühls. Die dem Gefühl, als vermeintlichem Inhalt, gegenübergestellte

bloße Form (das Tongebilde) ist gerade der wahre _Inhalt_ der Musik, ist

die Musik selbst, während das erzeugte Gefühl weder Inhalt noch Form

heißen kann, sondern faktische Wirkung. Ebenso ist das vermeintliche

_Materielle_, Darstellende, gerade das vom Geiste Gebildete, während das

angeblich Dargestellte, die Gefühlswirkung, der _Materie_ des Tons

innewohnt und zur guten Hälfte _physiologischen_ Gesetzen folgt.

Aus den obigen Betrachtungen ergibt sich leicht die richtige

Wertschätzung für die sogenannten »_moralischen Wirkungen_« der Musik,

die als glänzendes Seitenstück zu den vorher erwähnten »physischen« von

älteren Autoren mit so viel Vorliebe herausgestrichen werden. Da hierbei

die Musik nicht im entferntesten als ein Schönes genossen, sondern als

rohe Naturgewalt empfunden wird, die bis zu besinnungslosem Handeln

treibt, so stehen wir an dem geraden Widerspiel alles Ästhetischen.

Überdies liegt das Gemeinschaftliche dieser angeblich »moralischen«

Wirkungen mit den anerkannt physischen zutage.

Der drängende Gläubiger, der durch die Töne seines Schuldners bewogen

wird, ihm die ganze Summe zu schenken,[39] ist dazu nicht anders

angetrieben als der Ruhende, den ein Walzermotiv plötzlich zum Tanz

begeistert. Der erstere wird mehr durch die geistigeren Elemente:

Harmonie und Melodie, der zweite durch den sinnlicheren Rhythmus bewegt.

Keiner von beiden handelt aber aus freier Selbstbestimmung, keiner

überwältigt durch geistige Überlegenheit oder ethische Schönheit,

sondern infolge befördernder Nervenreize. Die Musik löst ihm die Füße

oder das Herz, geradeso wie der Wein die Zunge. Solche Siege predigen

nur die Schwäche des Besiegten. Ein Erleiden unmotivierter ziel- und

stoffloser Affekte durch eine Macht, die in keinem Rapport zu unserem

Wollen und Denken steht, ist des Menschengeistes unwürdig. Wenn vollends

Menschen in so hohem Grade von dem Elementarischen einer Kunst sich

hinreißen lassen, daß sie ihres freien Handelns nicht mehr mächtig sind,

so scheint uns dies weder ein Ruhm für die Kunst, noch viel weniger für

die Helden selbst.

[39] Wird von dem neapolitanischen Sänger _Palma_ und von anderen

erzählt (Anecdotes on music, by A. Burgh, 1814).

Die Musik hat diese Bestimmung keineswegs, allein ihr intensives

Gefühlsmoment macht es möglich, daß sie in solcher Tendenz genossen

werde. Dies ist der Punkt, in welchem die ältesten Anklagen gegen die

Tonkunst ihre Wurzel haben; daß sie entnerve, verweichliche,

erschlaffe.

Wo man Musik macht als ein Erregungsmittel »unbestimmter Affekte«, als

Nahrung des »Fühlens« an sich, da wird jener Vorwurf nur zu wahr.

_Beethoven_ verlangte, die Musik solle dem Mann »Feuer aus dem Geiste

schlagen«. Wohlgemerkt: »soll«. Ob aber nicht selbst ein Feuer, das

durch _Musik_ erzeugt und genährt wird, die willensstarke, denkkräftige

Entwickelung des Mannes hemmend zurückhält?

Jedenfalls scheint uns diese Anklage des musikalischen Einflusses

würdiger als dessen übermäßige Lobpreisung. Sowie die _physischen_

Wirkungen der Musik im geraden Verhältnis stehen zu der krankhaften

Gereiztheit des ihnen entgegenkommenden Nervensystems, so wächst der

_moralische_ Einfluß der Töne mit der Unkultur des Geistes und

Charakters. Je kleiner der Widerhall der Bildung, desto gewaltiger das

Dreinschlagen solcher Macht. Die stärkste Wirkung übt Musik bekanntlich

auf Wilde.

Das schreckt unsere Musik-Ethiker nicht ab. Sie beginnen, gleichsam

präludierend, am liebsten mit zahlreichen Beispielen, »wie sogar die

Tiere« sich der Macht der Tonkunst beugen. Es ist wahr, der Ruf der

Trompete erfüllt das Pferd mit Mut und Schlachtbegier, die Geige

begeistert den Bären zu Ballettversuchen, die zarte Spinne und der

plumpe Elefant bewegen sich horchend bei den geliebten Klängen. Ist es

denn aber wirklich so ehrenvoll, in _solcher_ Gesellschaft

Musikenthusiast zu sein?

Auf die Tierproduktionen folgen die menschlichen Kabinettstücke. Sie

sind meist im Geschmack Alexanders des Großen, welcher durch das

Flötenspiel des _Timotheus_ zuerst wütend gemacht, hierauf durch Gesang

wieder besänftigt wurde. So ließ der minder bekannte König von Dänemark

Ericus bonus, um sich von der gepriesenen Gewalt der Musik zu

überzeugen, einen berühmten Musikus spielen und zuvor alles Gewehr

entfernen. Der Künstler versetzte durch die Wahl seiner Modulationen

alle Gemüter zuerst in Traurigkeit, dann in Frohsinn. Letzteren wußte er

bis zur Raserei zu steigern. »Selbst der König brach durch die Tür,

griff zum Degen und brachte von den Umstehenden _vier_ ums Leben.«

(Albert Krantzius, Dan. lib. V., cap. 3.) Und das war noch der »_gute

Erich_«.

Wären solche »moralische _Wirkungen_« der Musik noch an der

Tagesordnung, so käme man wahrscheinlich vor innerer Empörung gar nicht

dazu, sich über die Hexenmacht vernünftig auszusprechen, welche in

souveräner Exterritorialität den Menschengeist unbekümmert um dessen

Gedanken und Entschlüsse bezwingt und verwirrt.

Die Betrachtung jedoch, daß die berühmtesten dieser musikalischen

Trophäen dem grauen Altertum angehören, macht wohl geneigt, der Sache

einen historischen Standpunkt abzugewinnen.

Es leidet gar keinen Zweifel, daß die Musik bei den alten Völkern eine

weit unmittelbarere Wirkung äußerte als gegenwärtig; weil die Menschheit

eben in ihren primitiven Bildungsstufen dem _Elementarischen_ viel

verwandter und preisgegebener ist als später, wo Bewußtsein und

Selbstbestimmung in ihr Recht treten. Dieser natürlichen Empfänglichkeit

kam der eigentümliche Zustand der Musik im griechischen Altertum

hilfreich entgegen. Sie war nicht _Kunst_ in unserem Sinn. _Klang_ und

_Rhythmus_ wirkten in fast vereinzelter Selbständigkeit und vertraten in

dürftigem Vordrängen die Stelle der reichen, geisterfüllten Formen,

welche die gegenwärtige Tonkunst bilden. Alles, was von der Musik jener

Zeiten bekannt ist, läßt mit Gewißheit auf ein bloß sinnliches, dafür

aber in dieser Beschränkung verfeinertes Wirken derselben schließen.

Musik in der modernen, künstlerischen Bedeutung gab's nicht im

klassischen Altertum, sonst hätte sie für die spätere Entwickelung

ebensowenig verloren gehen können, als die klassische Dichtkunst,

Plastik und Architektur verloren gegangen sind. Die Vorliebe der

Griechen für ein gründliches Studium ihrer ins Subtilste zugespitzten

Tonverhältnisse gehört als rein wissenschaftliche nicht hierher.

Der Mangel an Harmonie, die Befangenheit der Melodie in den engsten

Grenzen rezitativischen Ausdrucks, endlich die Entwickelungsunfähigkeit

des alten Tonsystems zu wahrhaft musikalischem Gestaltenreichtum machten

eine absolute Bedeutung der Musik als Tonkunst im musikalischen Sinne

unmöglich; sie ward auch fast niemals selbständig, sondern stets in

Verbindung mit Poesie, Tanz und Mimik angewendet, mithin als eine

Ergänzung der andern Künste. Musik hatte nur den Beruf, durch

rhythmischen Pulsschlag und Verschiedenheit der Klangfarben zu beleben;

endlich als intensive Steigerung rezitierender _Deklamation_ Worte und

Gefühle zu kommentieren. Die Tonkunst wirkte daher hauptsächlich nach

ihrer _sinnlichen_ und ihrer _symbolischen_ Seite. Auf diese Faktoren

hingedrängt, mußte sie dieselben durch solche Konzentration zu großer,

ja raffinierter Wirksamkeit ausbilden. Die Zuspitzung des melodischen

Materials bis zur Anwendung der Vierteltöne und des »enharmonischen

Tongeschlechts« hat die heutige Tonkunst ebensowenig mehr aufzuweisen,

als den charakteristischen Sonderausdruck der Tonarten und ihr enges

Anschmiegen an das gesprochene oder gesungene Wort.

Diese gesteigerten tonlichen Verhältnisse fanden für ihren engen Kreis

überdies eine viel größere Empfänglichkeit in den _Hörern_ vor. Wie das

griechische Ohr unendlich feinere Intervallenunterschiede zu fassen

fähig war, als es das unsere in der schwebenden Temperatur auferzogene

ist, so war auch das Gemüt jener Völker der wechselnden Umstimmung durch

Musik weit zugänglicher und begehrlicher als wir, die an dem

künstlerischen Bilden der Tonkunst ein kontemplatives Gefallen hegen,

das deren elementarischen Einfluß paralysiert. So erscheint denn eine

intensivere Wirkung der Musik im Altertum wohl begreiflich.

Desgleichen ein bescheidener Teil der Historien, die uns von der

spezifischen Wirkung der verschiedenen _Tonarten_ bei den Alten

überliefert sind. Sie gewinnen einen Erklärungsgrund in der strengen

Scheidung, mit welcher die einzelnen Tonarten zu bestimmten Zwecken

gewählt und unvermischt erhalten wurden. Die dorische Tonart brauchten

die Alten für ernste, namentlich religiöse Anlässe; mit der phrygischen

feuerten sie die Heere an; die lydische bedeutete Trauer und Wehmut, und

die äolische erklang, wo es in Liebe oder Wein lustig herging. Durch

diese strenge, bewußte Trennung von vier Haupttonarten für ebensoviele

Klassen von Seelenzuständen, sowie durch ihre konsequente Verbindung

_mit nur zu dieser Tonart_ passenden Gedichten mußten Ohr und Gemüt

unwillkürlich eine entschiedene Tendenz gewinnen, beim Erklingen einer

Musik gleich das ihrer Tonart entsprechende Gefühl zu reproduzieren. Auf

der Grundlage dieser einseitigen Ausbildung war nun die Musik

unentbehrliche, fügsame Begleiterin aller Künste, war Mittel zu

pädagogischen, politischen und anderen Zwecken, sie war alles, nur keine

selbständige _Kunst_. Wenn es bloß einiger phrygischen Klänge bedurfte,

um den Soldaten mutig gegen den Feind zu treiben, und die Treue der

Strohwitwen durch dorische Lieder gesichert war, so mag der Untergang

des griechischen Tonsystems von Feldherren und Ehegatten betrauert

werden, -- der Ästhetiker und der Komponist werden es sich nicht

zurückwünschen.

Wir setzen jenem pathologischen Ergriffenwerden das _bewußte_ reine

Anschauen eines Tonwerks entgegen. Diese kontemplative ist die einzig

künstlerische, wahre Form des Hörens; ihr gegenüber fällt der rohe

Affekt des Wilden und der schwärmende des Musik-Enthusiasten in Eine

Klasse. Dem Schönen entspricht ein _Genießen, kein Erleiden_, wie ja das

Wort »Kunstgenuß« sinnig ausdrückt. Die Gefühlvollen halten es freilich

für Ketzerei gegen die Allmacht der Musik, wenn jemand von den

Herzens-Revolutionen und -Krawallen Umgang nimmt, welche sie in jedem

Tonstück antreffen und redlich mitmachen. Man ist dann offenbar »kalt«,

»gemütlos«, »Verstandesnatur«. Immerhin. Edel und bedeutend wirkt es,

dem schaffenden Geist zu folgen, wie er zauberisch eine neue Welt von

Elementen vor uns aufschließt, diese in alle denkbaren Beziehungen

zueinander lockt, und so fortan aufbaut, niederreißt, hervorbringt und

vernichtet, den ganzen Reichtum eines Gebietes beherrschend, welches das

Ohr zum feinsten und ausgebildetsten Sinneswerkzeug adelt. Nicht eine

angeblich geschilderte Leidenschaft reißt uns in Mitleidenschaft.

Freudigen Geistes, in affektlosem, doch innig-hingebendem Genießen sehen

wir das Kunstwerk an uns vorüberziehen und feiner erkennend, was

_Schelling_ so schön »die erhabene Gleichgültigkeit des Schönen«

nennt.[40] Dieses Sich-Erfreuen mit wachem Geiste ist die würdigste,

heilvollste und nicht die leichteste Art, Musik zu hören.

[40] »Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur.«

Der wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines

Tonwerks begleitet und zum Genusse macht, wird am häufigsten übersehen.

Es ist die geistige Befriedigung, die der Hörer darin findet, den

Absichten des Komponisten fortwährend zu folgen und voranzueilen, sich

in seinen Vermutungen hier bestätigt, dort angenehm getäuscht zu finden.

Es versteht sich, daß dieses intellektuelle Hinüber- und Herüberströmen,

dieses fortwährende Geben und Empfangen, unbewußt und blitzschnell vor

sich geht. Nur solche Musik wird vollen künstlerischen Genuß bieten,

welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein _Nachdenken

der Phantasie_ genannt werden könnte, hervorruft und lohnt. Ohne

geistige Tätigkeit gibt es überhaupt keinen ästhetischen Genuß. Der

_Musik_ aber ist _diese_ Form von Geistestätigkeit darum vorzüglich

eigen, weil ihre Werke nicht unverrückbar und mit Einem Schlag dastehen,

sondern sich sukzessiv am Hörer abspinnen, daher sie von diesem kein,

ein beliebiges Verweilen und Unterbrechen zulassendes _Betrachten_,

sondern ein in schärfster Wachsamkeit unermüdliches _Begleiten_ fordern.

Diese Begleitung kann bei verwickelten Kompositionen sich bis zur

geistigen Arbeit steigern. Wie viele einzelne _Individuen_, so können

auch manche _Nationen_ sich ihr nur sehr schwer unterziehen. Die

singende Alleinherrschaft der Oberstimme bei den Italienern hat einen

Hauptgrund in der geistigen Bequemlichkeit dieses Volkes, welchem das

ausdauernde Durchdringen unerreichbar ist, womit der Nordländer einem

künstlichen Gewebe von harmonischen und kontrapunktischen

Verschlingungen zu folgen liebt. Dafür wird Hörern, deren geistige

Tätigkeit gering ist, der Genuß _leichter_, und solche Musikbolde können

Massen von Musik verzehren, vor welchen der künstlerische Geist

zurückbebt.

Das bei jedem Kunstgenuß notwendige _geistige_ Moment wird sich bei

Zuhörern desselben Tonwerks in sehr verschiedener Abstufung tätig

erweisen; es kann in sinnlichen und gefühlvollen Naturen auf ein Minimum

sinken, in vorherrschend geistigen Persönlichkeiten das geradezu

Entscheidende werden. Die wahre »_rechte_ Mitte« muß sich, nach unserer

Meinung, hier eher etwas nach rechts neigen. Zum Berauschtwerden

braucht's nur der Schwäche, aber wirklich ästhetisches _Hören_ ist eine

_Kunst_.[41]

[41] _W. Heinses_ schwärmerisch-dissolutem Temperament mußte es

vollkommen entsprechen, von der bestimmten musikalischen Schönheit

zugunsten des vagen Gefühlseindruckes abzusehen. Er geht (in der

»Hildegard von Hohenthal«) so weit, zu sagen: »Die wahre Musik ...

geht überall auf den Zweck los, den Sinn der Worte und der Empfindung

in die Zuhörer zu übertragen, so leicht und angenehm, daß man sie (die

Musik) nicht merkt. Solche Musik dauert ewig, sie ist gerade so

natürlich, daß man _sie nicht merkt_, sondern nur der Sinn der Worte

übergeht.«

Ein ästhetisches Aufnehmen der Musik findet aber gerade im Gegenteil

da statt, wo man sie vollkommen »_merkt_«, ihr _aufmerkt_ und jeder

ihrer Schönheiten sich unmittelbar bewußt wird. _Heinse_, dessen

genialem Naturalismus wir den Zoll einer angemessenen Bewunderung

nicht versagen, ist in poetischer, noch mehr in musikalischer Hinsicht

sehr überschätzt worden. Bei der Armut an geistreichen Schriften über

Musik hat man sich gewöhnt, Heinse als einen vorzüglichen

musikalischen Ästhetiker zu behandeln und zu zitieren. Konnte man

dabei wirklich übersehen, wie nach einigen treffenden Aperçus meist

eine Flut von Plattheiten und offenbaren Irrtümern hereinstürzt, daß

man über solche Unbildung geradezu erschrickt? Überdies geht Hand in

Hand mit technischer Unkenntnis Heinses schiefes ästhetisches Urteil,

wie seine Analysen der Opern von _Gluck_, _Jomelli_, _Traëtta_ u. a.

dartun, in welchen man anstatt künstlerischer Belehrung fast nur

enthusiastische Ausrufungen erhält.

Das Gefühlsschwelgen ist meist Sache jener Hörer, welche für die

künstlerische Auffassung des _Musikalisch-Schönen_ keine Ausbildung

besitzen. Der Laie »fühlt« bei Musik am meisten, der gebildete Künstler

am wenigsten. Je bedeutender nämlich das _ästhetische_ Moment im Hörer

(gerade wie im Kunstwerk), desto mehr nivelliert es das bloß

elementarische. Darum ist das ehrwürdige Axiom der Theoretiker: »Eine

düstere Musik erregt Gefühle der Trauer in uns, eine heitere erweckt

Fröhlichkeit« -- in dieser Ausdehnung nicht immer richtig. Wenn jedes

hohle Requiem, jeder lärmende Trauermarsch, jedes winselnde Adagio die

Macht haben sollte, uns traurig zu machen -- wer möchte dann länger so

leben? Blickt eine Tondichtung uns an mit klaren Augen der Schönheit, so

erfreuen wir uns inniglich daran, und wenn sie alle Schmerzen des

Jahrhunderts zum Gegenstand hätte. Der lauteste Jubel aber eines

Verdischen Finales oder einer Musardschen Quadrille hat uns nicht immer

froh gemacht.

Der Laie und Gefühlsmensch fragt gerne, ob eine Musik lustig sei oder

traurig -- der Musiker, ob sie gut sei oder schlecht. Dieser kurze

Schlagschatten weist deutlich, auf welch verschiedener Seite beide

Parteien gegen die Sonne stehen.

Wenn wir sagten, daß unser ästhetisches Wohlgefallen an einem Tonstück

sich nach dessen künstlerischem Wert richte, so hindert dies nicht, daß

ein einfacher Hornruf, ein Jodler im Gebirg uns mitunter zu größerem

Entzücken anrufen kann, als die vortrefflichste Symphonie. In diesem

Fall _tritt aber die Musik in die Reihe des Naturschönen_. Nicht als

_dieses bestimmte Gebilde_ in Tönen, sondern als diese bestimmte Art von

_Naturwirkung_ kommt uns das Gehörte entgegen und kann übereinstimmend

mit dem landschaftlichen Charakter der Umgebung und der persönlichen

Stimmung jeden Kunstgenuß an Macht hinter sich zurücklassen. Es gibt

also ein Übergewicht an Eindruck, welches das Elementarische über das

Artistische erreichen kann, allein die Ästhetik, als Lehre vom

Kunstschönen, hat die Musik lediglich von ihrer _künstlerischen_ Seite

aufzufassen, also auch nur jene ihrer Wirkungen anzuerkennen, welche sie

als menschliches Geistesprodukt, durch eine bestimmte Gestaltung jener

elementarischen Faktoren, auf die reine Anschauung hervorbringt.

Die notwendigste Forderung einer ästhetischen Aufnahme der Musik ist

aber, daß man ein Tonstück um _seiner selbst willen höre_, welches es

nun immer sei und mit welcher Auffassung immer. Sobald die Musik nur als

Mittel angewandt wird, eine gewisse Stimmung in uns zu fördern,

akzessorisch, dekorativ, da hört sie auf, als reine Kunst zu wirken. Das

_Elementarische_ der Musik wird unendlich oft mit der _künstlerischen_

Schönheit derselben verwechselt, also ein Teil für das Ganze genommen

und dadurch namenlose Verwirrung verursacht. Hundert Aussprüche, die

über »die Tonkunst« gefällt werden, gelten nicht von dieser, sondern von

der sinnlichen Wirkung ihres Materials.

Wenn _Heinrich der Vierte_ bei Shakespeare (II. Teil. IV. 4.) sich

sterbend Musik machen läßt, so geschieht es wahrlich nicht, um die

vorgetragene Komposition anzuhören, sondern um träumend in deren

gegenstandlosem Element sich zu wiegen. Ebensowenig werden _Porzia_ und

_Bassanio_ (im »Kaufmann von Venedig«) gestimmt sein, während der

verhängnisvollen Kästchenwahl der bestellten Musik Aufmerksamkeit zu

schenken. _J. Strauß_ hat reizende, ja geistreiche Musik in seinen

bessern Walzern niedergelegt, -- sie hört auf, es zu sein, sobald man

lediglich dabei im Takt tanzen will. In allen diesen Fällen ist es ganz

gleichgültig, _welche_ Musik gemacht wird, wenn sie nur den verlangten

Grundcharakter hat. Wo aber Gleichgültigkeit gegen das Individuelle

eintritt, da herrscht _Klangwirkung_, nicht _Tonkunst_. Nur derjenige,

welcher nicht bloß die allgemeine Nachwirkung des Gefühls, sondern die

unvergeßliche, bestimmte Anschauung eben _dieses_ Tonstücks mit sich

nimmt, hat es gehört und genossen. Jene erhebenden Eindrücke auf unser

Gemüt und ihre hohe psychische wie physiologische Bedeutung dürfen nicht

hindern, daß die Kritik überall unterscheide, was bei einer vorhandenen

Wirkung künstlerisch, was elementarisch sei. Eine ästhetische Anschauung

hat Musik nicht sowohl als Ursache, denn als Wirkung aufzufassen, nicht

als Produzierendes, sondern als Produkt.

Ebenso häufig als die elementarische Wirkung der Musik wird deren

maßhaltendes, Ruhe und Bewegung, Dissonanz und Konkordanz vermittelndes,

allgemein harmonisches Wesen mit der Tonkunst selbst verwechselt. Bei

dem gegenwärtigen Stand der Tonkunst und Philosophie dürfen wir uns im

Interesse beider die altgriechische Ausdehnung des Begriffs »Musik« auf

_alle_ Wissenschaft und Kunst, sowie auf die Bildung sämtlicher

Seelenkräfte nicht gestatten. Die berühmte Apologie der Tonkunst im

»Kaufmann von Venedig« (V. I.)[42] beruht auf solcher Verwechselung der

Tonkunst selbst mit dem sie beherrschenden Geist des Wohlklangs, der

Übereinstimmung, des Maßes. Man könnte in ähnlichen Stellen ohne viel

Änderung statt »Musik« auch »Poesie«, »Kunst«, ja »Schönheit« überhaupt

setzen. Daß aus der Reihe der Künste gerade die _Musik_ hervorgeholt zu

werden pflegt, verdankt sie der zweideutigen Macht ihrer Popularität.

Gleich die weiteren Verse der angeführten Rede bezeugen dies, wo die

zähmende Wirkung der Töne auf Bestien sehr gerühmt wird, die Musik also

wieder einmal als Tierbändiger erscheint.

[42]

»The man that has no music in himself,

Nor is not moved with concord of sweet sounds,

Is fit for treasons, stratagems and spoils;« etc.

Die lehrreichsten Beispiele bieten _Bettinas_ »musikalische

Explosionen«, wie Goethe ihre Briefe über Musik galant bezeichnete. Als

der wahrhafte Prototyp aller vagen Schwärmerei über Musik, zeigt

Bettina, wie ungebührlich man den Begriff dieser Kunst ausdehnen kann,

um sich bequem darum zu tummeln. Mit der Prätension, von der Musik

selbst zu sprechen, redet sie stets von der dunklen Einwirkung, welche

diese auf ihr Gemüt übt, und deren üppige Traumseligkeit sie absichtlich

von jedem forschenden Denken absperrt. In einer Komposition sieht sie

immer ein unerforschliches Naturerzeugnis, nicht ein menschliches

Kunstwerk, und begreift daher Musik nie anders als rein phänomenologisch.

»Musik«, »musikalisch« nennt Bettina unzählige Erscheinungen, die

lediglich ein oder das andere Element der Tonkunst: Wohlklang, Rhythmus,

Gefühlserregung mit ihr gemein haben. Auf diese Faktoren kommt es aber

gar nicht an, sondern auf die spezifische Art, wie sie in künstlerischer

Gestaltung als _Tonkunst_ erscheinen. Es versteht sich von selbst, daß

die musiktrunkene Dame in _Goethe_, ja in _Christus_ große Musiker

sieht, obwohl von letzterem niemand weiß, daß er einer, von ersterem

jedermann, daß er keiner gewesen.

Das Recht historischer Bildungen und poetischer Freiheit halten wir in

Ehren. Wir begreifen, warum _Aristophanes_ in den »Wespen« einen

feingebildeten Geist »den Weisen und Musikalischen« (sophon kai mousikon)

nennt, und finden den Ausdruck Graf _Reinhardts_ sinnig, _Oehlenschläger_

habe »musikalische Augen«. Wissenschaftliche Betrachtungen jedoch dürfen

der Musik nie einen andern Begriff beilegen oder voraussetzen, als den

_ästhetischen_, wenn nicht alle Hoffnung zur einstigen Feststellung

dieser zitternden Wissenschaft aufgegeben werden soll.

VI.

Die Beziehungen der Tonkunst zur Natur.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 8 / 11 段