Das ist nur keine _Musik_. Daß Musik mit jenen so heftig auf die Nerven

wirkenden Erscheinungen dasselbe Substrat, den Schall, teilt, wird uns

für spätere Folgerungen wichtig genug werden, hier ist -- einer

materialistischen Ansicht gegenüber -- lediglich hervorzuheben, daß die

Tonkunst erst da anfange, wo jene isolierten Klangwirkungen aufhören,

übrigens auch die Wehmut, in welche ein Adagio den Hörer versetzen kann,

mit der körperlichen Empfindung eines schrillen Mißklangs gar nicht zu

vergleichen ist.

Die andere Hälfte unserer Autoren (unter ihnen _Kausch_ und die meisten

Ästhetiker) erklärt die heilkräftigen Wirkungen der Musik von der

_psychologischen_ Seite aus. Musik -- so argumentieren sie -- erzeugt

Affekte und Leidenschaften in der Seele, Affekte haben heftige

Bewegungen im Nervensystem zur Folge, heftige Bewegungen im Nervensystem

verursachen eine heilsame Reaktion im kranken Organismus. Dieses

Raisonnement, auf dessen Sprünge gar nicht erst hingedeutet zu werden

braucht, wird von der genannten idealen »psychologischen« Schule gegen

die frühere materielle so standhaft verfochten, daß sie, unter der

Autorität des Engländers _Whytt_, sogar aller Physiologie zu Trotz den

Zusammenhang des Gehörnervs mit den übrigen Nerven leugnet, wonach eine

_körperliche_ Übertragung des durch das Ohr empfangenen Reizes auf den

Gesamtorganismus freilich unmöglich wird.

Der Gedanke, durch Musik bestimmte Affekte als Liebe, Wehmut, Zorn,

Entzücken, in der Seele zu erregen, welche den Körper durch wohltätige

Aufregung heilen, klingt so übel nicht. Uns fällt dabei stets das

köstliche Parere ein, welches einer unserer berühmtesten Naturforscher

über die sogenannten »_Goldberger_schen elektromagnetischen Ketten«

abgab. Er sagte: es sei nicht ausgemacht, ob ein elektrischer Strom

gewisse Krankheiten zu heilen vermöge, -- das aber sei ausgemacht, daß

die »_Goldberger_schen Ketten« keinen elektrischen Strom zu erzeugen

imstande sind. Auf unsere Tondoktoren angewandt, heißt dies: Es ist

_möglich_, daß bestimmte Gemütsaffekte eine glückliche Krisis in

leiblichen Krankheiten herbeiführen, -- allein es ist nicht möglich,

durch Musik jederzeit beliebige Gemütsaffekte hervorzubringen.

Darin kommen beide Theorien, die psychologische und die physiologische,

überein, daß sie aus bedenklichen Voraussetzungen noch bedenklichere

Ableitungen folgern und endlich die bedenklichste _praktische_

Schlußfolgerung daraus ziehen. Logische Ausstellungen mag sich eine

Heilmethode etwa gefallen lassen, aber daß sich bis jetzt noch immer

kein Arzt bewogen findet, seine Typhuskranken in Meyerbeers »Propheten«

zu schicken, oder statt der Lanzette ein Waldhorn herauszuziehen, ist

unangenehm.

Die körperliche Wirkung der Musik ist weder an sich so stark, noch so

sicher, noch von psychischen und ästhetischen Voraussetzungen so

unabhängig, noch endlich so willkürlich behandelbar, daß sie als

wirkliches Heilmittel in Betracht kommen könnte.

Jede mit Beihilfe von Musik vollführte Kur trägt den Charakter eines

Ausnahmefalles, dessen Gelingen niemals der Musik allein zuzuschreiben

war, sondern zugleich von speziellen, vielleicht von ganz individuellen

körperlichen und geistigen Bedingungen abhing. Es ist sehr

bemerkenswert, daß die einzige Anwendung von Musik, welche wirklich in

der Medizin vorkommt, nämlich in der Behandlung von Irrsinnigen,

vorzugsweise auf die geistige Seite der musikalischen Wirkung

reflektiert. Die moderne Psychiatrie verwendet bekanntlich Musik in

vielen Fällen und mit glücklichem Erfolge. Dieser beruht aber weder auf

der materiellen Erschütterung des Nervensystems, noch auf der Erregung

der Leidenschaften, sondern auf dem besänftigend aufheiternden Einfluß,

welchen das halb zerstreuende, halb fesselnde Tonspiel auf ein

verdüstertes oder überreiztes Gemüt auszuüben vermag. Lauscht der

Geisteskranke auch dem Sinnlichen, nicht dem Künstlerischen des

Tonstücks, so steht er doch, wenn er mit Aufmerksamkeit hört, schon auf

einer, wenngleich untergeordneten Stufe ästhetischer Auffassung.

Was nun alle diese musikalisch-medizinischen Werke für die richtige

Erkenntnis der Tonkunst beitragen? Die Bestätigung einer von jeher

beobachteten starken physischen Erregung bei allen durch Musik

hervorgerufenen »Affekten« und »Leidenschaften«. Steht einmal fest, daß

ein integrierender Teil der durch Musik erzeugten Gemütsbewegung

_physisch_ ist, so folgt weiter, daß dies Phänomen, als wesentlich in

unserm Nervenleben vorkommend, auch von dieser seiner körperlichen Seite

erforscht werden müsse. Es kann demnach der Musiker über dies Problem

sich keine wissenschaftliche Überzeugung bilden, ohne sich mit den

Ergebnissen bekannt zu machen, bei welchen der gegenwärtige Standpunkt

der _Physiologie_ in Untersuchung des Zusammenhangs der Musik mit den

Gefühlen hält.

Verfolgen wir den Gang, welchen eine Melodie nehmen muß, um auf unsere

Gemütsstimmung zu wirken, so finden wir ihren Weg vom vibrierenden

Instrument bis zum Gehörnerv, besonders nach den epochemachenden

Bereicherungen dieses Gebiets durch _Helmholtz_' »_Lehre von den

Tonempfindungen_« hinreichend aufgeklärt. Die Akustik weist genau die

äußeren Bedingungen nach, unter welchen wir einen Ton überhaupt, unter

welchen wir diesen oder jenen bestimmten Ton vernehmen; die Anatomie

deckt uns unter Mithilfe des Mikroskops den Bau des Gehörorgans bis ins

Innerste und Feinste auf; die Physiologie endlich kann zwar an diesem

überaus kleinen und zarten, tief verborgenen Wunderbau keine direkten

Versuche anstellen, hat aber doch dessen Wirkungsweise zum Teil mit

Sicherheit ermittelt, zum Teil durch eine, von Helmholtz aufgestellte

Hypothese so klargelegt, daß uns jetzt der ganze Vorgang der

Tonempfindung physiologisch verständlich ist. Selbst darüber hinaus, auf

dem Gebiete, in dem sich bereits die Naturwissenschaft eng mit der

Ästhetik berührt, haben uns die Forschungen von Helmholtz über die

Konsonanz und die Verwandtschaft der Töne viel Licht gegeben, wo noch

bis vor kurzem viel Dunkel herrschte. Aber damit freilich stehen wir

auch am Ende unserer Kenntnis. Das für uns Wichtigste ist und bleibt

unerklärt: der Nervenprozeß, durch welchen nun die _Empfindung_ des

Tones zum _Gefühl_, zur _Gemütsstimmung_ wird. Die Physiologie weiß, daß

das, was wir als Ton empfinden, eine Molekularbewegung in der

Nervensubstanz ist, und zwar wenigstens ebensogut als im Akustikus in

den Centralorganen. Sie weiß, daß die Fasern des Gehörnervs mit den

anderen Nerven zusammenhängen und seine Reize auf sie übertragen, daß

das Gehör namentlich mit dem kleinen und großen Gehirn, dem Kehlkopf,

der Lunge, dem Herzen in Verbindung steht. Unbekannt ist ihr aber die

spezifische Art, wie Musik auf diese Nerven wirkt, noch mehr die

Verschiedenheit, mit welcher bestimmte musikalische Faktoren, Akkorde,

Rhythmen, Instrumente auf verschiedene Nerven wirken. Verteilt sich

eine musikalische Gehörsempfindung auf alle mit dem Akustikus

zusammenhängende Nerven oder nur auf einige? Mit welcher Intensität? Von

welchen musikalischen Elementen wird das Gehirn, von welchen werden die

zum Herzen oder zur Lunge führenden Nerven am meisten affiziert?

Unleugbar ist, daß Tanzmusik in jungen Leuten, deren natürliches

Temperament nicht durch die Zivilisation ganz zurückgehalten wird, ein

Zucken im Körper, namentlich in den Füßen, hervorruft. Es wäre

einseitig, den _physiologischen_ Einfluß von Marsch- und Tanzmusik zu

leugnen; und ihn lediglich auf _psychologische_ Ideenassoziation

reduzieren zu wollen. Was daran psychologisch ist, -- die wachgerufene

Erinnerung an das schon bekannte Vergnügen des Tanzes, -- entbehrt nicht

der Erklärung, allein diese reicht für sich keineswegs aus. Nicht weil

sie Tanzmusik ist, hebt sie die Füße, sondern sie ist Tanzmusik, weil

sie die Füße hebt. Wer in der Oper ein wenig um sich blickt, wird bald

bemerken, wie bei lebhaften, faßlichen Melodien die Damen unwillkürlich

mit dem Kopfe hin- und herschaukeln, nie wird man dies aber bei einem

Adagio sehen, sei es noch so ergreifend oder melodisch. Läßt sich daraus

schließen, daß gewisse musikalische, namentlich rhythmische Verhältnisse

auf motorische Nerven wirken, andere nur auf Empfindungsnerven? Wann

ist das erstere, wann das letztere der Fall?[33] Erleidet das

Solargeflecht, welches traditionell für einen vorzugsweisen Sitz des

Empfindens gilt, bei der Musik eine besondere Affektion? Erleiden sie

etwa die »sympathischen Nerven« -- an denen, wie _Purkinje_ mir einst

bemerkte, ihr Name das Schönste ist --? Warum ein Klang schrillend,

widerwärtig, ein anderer rein und wohllautend erscheine, das wird auf

akustischem Wege durch die Gleichförmigkeit und Ungleichförmigkeit der

aufeinanderfolgenden Luftstöße -- warum mehrere zusammenklingende Töne

konsonieren oder dissonieren, wird durch ihren ungestörten, gleichmäßigen

oder gestörten, ungleichmäßigen Abfluß erklärt.[34] Diese Erklärungen

mehr oder minder einfacher _Gehörsempfindungen_ können aber dem

Ästhetiker nicht genügen; er verlangt nach der Erklärung des _Gefühls_

und fragt: wie kommt es, daß die eine Reihe von wohlklingenden Tönen

den Eindruck der Trauer, eine zweite von gleichfalls wohlklingenden den

Eindruck der Freude macht? Woher die entgegengesetzten, oft mit

zwingender Kraft auftretenden Stimmungen, welche verschiedene Akkorde

oder Instrumente von gleich reinem, wohlklingendem Ton dem Hörer

unmittelbar einflößen?

[33] Wenn _Carus_ den Reiz zur Bewegung damit erklärt, daß er den

Hörnerv im kleinen Gehirn entspringen läßt, in dieses den Sitz des

Willens verlegt und aus beiden die eigentümlichen Wirkungen der

Gehörseindrücke auf Handlungen des Mutes u. a. ableitet, so ist das

eine sehr unsichere Hypothese; denn nicht einmal die Abstammung des

Gehörnervs aus dem _kleinen_ Gehirn ist eine wissenschaftlich

ausgemachte Tatsache.

_Harleß_ (in _R. Wagners_ Handwörterbuch der Physiologie, Artikel

»Hören«) vindiziert der bloßen _Wahrnehmung_ des Rhythmus, ohne allen

Gehörseindruck, denselben Trieb zu Bewegungen wie der rhythmischen

Musik.

[34] Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen. 2. Aufl. 1870. S. 319.

Dies alles kann -- soweit unser Wissen und Urteil reicht -- die

Physiologie nicht beantworten. Wie sollte sie auch? Weiß sie doch nicht,

wie der Schmerz die Träne erzeugt, wie die Freude das Lachen, -- weiß

sie doch nicht, was Schmerz und Freude _sind_! Hüte sich deshalb jeder,

von einer Wissenschaft Aufschlüsse zu verlangen, die sie nicht geben

kann.[35]

[35] Einer unserer geistvollsten Physiologen, _Lotze_, sagt in seiner

»medizinischen Psychologie« (S. 237): »Die Betrachtungen der

_Melodien_ würde zu dem Geständnis führen, daß _wir gar nichts über

die Bedingungen_ wissen, unter denen ein Übergang der Nerven aus einer

Form der Erregung in die andere eine physische Grundlage für die

kraftvollen ästhetischen Gefühle bietet, die der Abwechslung der Töne

folgen.« Ferner über den Eindruck von Lust und Unlust, den selbst ein

einfacher Ton auf das Gefühl ausüben kann (S. 236): »Es ist uns völlig

unmöglich, gerade für diese Eindrücke einfacher Empfindungen einen

physiologischen Grund anzugeben, da uns die Richtung, in welcher sie

die Nerventätigkeit verändern, zu unbekannt ist, als daß wir aus ihr

die Größe der Begünstigung oder Störung, die sie erfährt, abzuleiten

vermöchten.«

Freilich muß der Grund jedes durch Musik hervorgerufenen Gefühls vorerst

in einer bestimmten Affektionsweise der Nerven durch einen

Gehörseindruck liegen. Wie aber eine Reizung des Gehörnervs, die wir

nicht einmal bis zu dessen Ursprungsstelle verfolgen können, als

bestimmte Empfindungsqualität ins Bewußtsein fällt, wie der körperliche

Eindruck zum Seelenzustand, die Empfindung endlich zum Gefühle wird, --

das liegt jenseits der dunkeln Brücke, die von keinem Forscher

überschritten ward. Es sind tausendfältige Umschreibungen des einen

Urrätsels: vom Zusammenhang des Leibes mit der Seele. Diese Sphinx wird

sich niemals vom Felsen stürzen.[36]

[36] Eine neue wertvolle Bestätigung dieser Ansicht enthält _Du

Bois-Reymonds_ Rede auf der Naturforscherversammlung in Leipzig 1872:

»Über die Grenzen des Naturerkennens.«

Was die Physiologie der Musikwissenschaft bietet, ist von höchster

Wichtigkeit für unsere Erkenntnis der Gehörseindrücke als solcher; in

dieser Beziehung kann durch sie noch mancher Fortschritt geschehen: in

der musikalischen Hauptfrage wird dies kaum je der Fall sein.

Aus diesem Resultate ergibt sich für die Ästhetik der Tonkunst die

Betrachtung, daß diejenigen Theoretiker, welche das Prinzip des Schönen

in der Musik auf Gefühlswirkungen bauen, wissenschaftlich verloren sind,

weil sie über das Wesen dieses Zusammenhanges nichts wissen können, also

bestenfalls nur darüber zu raten oder zu phantasieren vermögen. Vom

Standpunkte des Gefühls wird eine künstlerische oder wissenschaftliche

Bestimmung der Musik niemals ausgehen können. Mit der Schilderung der

subjektiven Bewegungen, welche den Kritiker bei Anhörung einer

Symphonie überkommen, wird er deren Wert und Bedeutung nicht begründen,

ebensowenig kann er von den Affekten ausgehend den Kunstjünger etwas

lehren. Letzteres ist wichtig. Denn stünde der Zusammenhang bestimmter

Gefühle mit gewissen musikalischen Ausdrucksweisen so zuverlässig da,

als man geneigt ist zu glauben, und als er dastehen müßte, um die ihm

vindizierte Bedeutung zu behaupten, so wäre es ein leichtes, den

angehenden Komponisten bald zur Höhe ergreifendster Kunstwirkung zu

leiten. Man wollte dies auch wirklich. _Mattheson_ lehrt im dritten

Kapitel seines »vollkommenen Kapellmeisters«, wie Stolz, Demut und alle

Leidenschaften zu komponieren seien, indem er z. B. sagt, die

»Erfindungen zur _Eifersucht_ müssen alle was Verdrießliches, Grimmiges

und Klägliches haben«. Ein anderer Meister des vorigen Jahrhunderts,

_Heinchen_, gibt in seinem »Generalbaß« acht Bogen Notenbeispiele, wie

die Musik »rasende, zankende, prächtige, ängstliche oder verliebte

Empfindungen« ausdrücken sollte.[37] Es fehlt nur noch, daß derlei

Vorschriften mit der Kochbuchformel »Man nehme« anhüben, oder mit der

medizinischen Signatur m. d. s. endigten. Es holt sich aus solchen

Bestrebungen die lehrreichste Überzeugung, wie spezielle Kunstregeln

immer zugleich zu eng und zu weit sind.

[37] Köstlich sind die Belehrungen des Herrn geheimen Rats und Doktors

der Philosophie _v. Böcklin_, welcher S. 34 seiner »Fragmente zur

höheren Musik« (1811) unter anderem sagt: »Angenommen, der Komponist

wollte einen _Beleidigten_ darstellen, so muß in dieser Musik ganz

ästhetische Wärme auf Wärme, Schlag auf Schlag, ein _erhabener_ Gesang

mit äußerster Lebhaftigkeit hervorspringen, die Mittelstimmen _rasen_

und schaudervolle Stöße den erwartungsvollen Zuhörer schrecken.«

Diese an sich bodenlosen Regeln für die musikalische Erweckung

bestimmter Gefühle gehören aber um so weniger in die Ästhetik, als die

erstrebte Wirkung keine rein ästhetische, sondern ein unausscheidbarer

Anteil daran _körperlich_ ist. Das _ästhetische_ Rezept müßte lehren,

wie der Tonkünstler das Schöne in der Musik erzeuge, nicht aber

beliebige Affekte im Auditorium. Wie ganz ohnmächtig diese Regeln

wirklich _sind_, das zeigt am schönsten die Erwägung, wie zaubermächtig

sie sein _müßten_. Denn wäre die Gefühlswirkung jedes musikalischen

Elements eine notwendige und erforschbare, so könnte man auf dem Gemüt

des Hörers, wie auf einer Klaviatur, spielen. Und falls man es vermöchte

-- würde die Aufgabe der Kunst dadurch gelöst? So nur lautet die

berechtigte Frage und verneint sich von selbst. _Musikalische Schönheit_

allein ist die wahre Kraft des Tonkünstlers. Auf ihren Schultern

schreitet er sicher durch die reißenden Wogen der Zeit, in denen das

Gefühlsmoment ihm keinen Strohhalm bietet vor dem Ertrinken.

Man sieht, unsere beiden Fragen -- nämlich, welches spezifische Moment

die Gefühlswirkung durch _Musik_ auszeichne, und ob dies Moment

wesentlich ästhetischer Natur sei -- erledigen sich durch die Erkenntnis

ein und desselben Faktors: der intensiven Einwirkung auf das

_Nervensystem_. Auf dieser beruht die eigentümliche Stärke und

Unmittelbarkeit, mit welcher die Musik im Vergleich mit jeder andern

nicht durch _Töne_ wirkenden Kunst Affekte aufzuregen vermag.

Je stärker aber eine Kunstwirkung körperlich überwältigend, also

pathologisch auftritt, desto geringer ist ihr _ästhetischer_ Anteil; ein

Satz, der sich freilich nicht umkehren läßt. Es muß darum in der

musikalischen Hervorbringung und Auffassung ein anderes Element

hervorgehoben werden, welches das unvermischt Ästhetische dieser Kunst

repräsentiert und als Gegenbild zu der spezifisch musikalischen

Gefühlserregung sich den allgemeinen Schönheitsbedingungen der übrigen

Künste annähert. Dies ist die _reine Anschauung_. Ihre besondere

Erscheinungsform in der Tonkunst, sowie die vielgestaltigen

Verhältnisse, welche sie in der Wirklichkeit zum Gefühlsleben eingeht,

wollen wir im folgenden Abschnitt betrachten.

V.

Das ästhetische Aufnehmen der Musik gegenüber dem pathologischen.

Nichts hat die wissenschaftliche Entwicklung der musikalischen Ästhetik

so empfindlich gehemmt als der übermäßige Wert, welchen man den

Wirkungen der Musik auf die Gefühle beilegte. Je auffallender sich diese

Wirkungen zeigten, desto höher pries man sie als Herolde musikalischer

Schönheit. Wir haben im Gegenteil gesehen, daß gerade den

überwältigendsten Eindrücken der Musik ein stärkster Anteil

_körperlicher_ Erregung von seiten des Hörers beigemischt ist. Von

seiten der Musik liegt diese heftige Eindringlichkeit in das

Nervensystem nicht sowohl in ihrem _künstlerischen_ Moment, das ja aus

dem Geiste kommt und an den Geist sich wendet, als vielmehr in ihrem

_Material_, dem die Natur jene unergründliche physiologische

Wahlverwandtschaft eingeboren hat. Das _Elementarische_ der Musik, der

_Klang_ und die _Bewegung_ ist es, was die wehrlosen Gefühle so vieler

Musikfreunde in Ketten schlägt, mit denen sie gar gerne klirren. Weit

sei es von uns, die Rechte des Gefühls an die Musik verkürzen zu wollen.

Allein dies Gefühl, welches sich tatsächlich mehr oder minder mit der

reinen Anschauung paart, kann nur dann als künstlerisch gelten, wenn es

sich seiner ästhetischen Herkunft bewußt bleibt, d. h. der Freude an

einem und zwar gerade diesem bestimmten _Schönen_.

Fehlt dies Bewußtsein, fehlt die freie Anschauung des bestimmten

Kunstschönen, und fühlt das Gemüt sich nur von der Naturgewalt der Töne

befangen, so kann die _Kunst_ sich solchen Eindruck um so weniger zugute

schreiben, je stärker er auftritt. Die Zahl derer, welche auf solche Art

Musik hören oder eigentlich fühlen, ist sehr bedeutend. Indem sie das

Elementarische der Musik in passiver Empfänglichkeit auf sich wirken

lassen, geraten sie in eine vage, nur durch den ganz allgemeinen

Charakter des Tonstücks bestimmte übersinnlich sinnliche Erregung. Ihr

Verhalten gegen die Musik ist nicht anschauend, sondern _pathologisch_;

ein stetes Dämmern, Fühlen, Schwärmen, ein Hangen und Bangen in

klingendem Nichts. Lassen wir an dem Gefühlsmusiker mehrere Tonstücke

gleichen, etwa rauschend fröhlichen Charakters, vorbeiziehen, so wird er

in dem Banne desselben Eindrucks verbleiben. Nur was diesen Stücken

gleichartig ist, also die Bewegung des rauschend Fröhlichen, assimiliert

sich seinem Fühlen, während das Besondere jeder Tondichtung, das

künstlerisch Individuelle, seiner Auffassung entschwindet. Gerade

umgekehrt wird der musikalische Zuhörer verfahren. Die eigentümliche

künstlerische Gestaltung einer Komposition, das, was sie unter einem

Dutzend ähnlich wirkender zum selbständigen Kunstwerk stempelt, erfüllt

sein Aufmerken so vorherrschend, daß er ihrem gleichen oder

verschiedenen Gefühlsausdruck nur geringes Gewicht beilegt. Das

isolierte Aufnehmen eines abstrakten Gefühlsinhalts anstatt der

konkreten Kunsterscheinung ist in solcher Ausbildung der Musik ganz

eigentümlich. Nur die Gewalt einer besonderen Beleuchtung erscheint ihr

nicht selten analog, wenn sie manchen so ergreift, daß er über die

beleuchtete Landschaft selbst sich gar keine Rechenschaft zu geben

vermag. Eine unmotivierte und darum desto eindringlichere

Totalempfindung wird in Bausch und Bogen eingesaugt.[38]

[38] Der verliebte Herzog in Shakespeares »Twelfth night« ist eine

poetische Personifikation solchen Musikhörens. Er sagt:

»If music be the food of love, play on

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

O, it came o'er my ear _like the sweet south_,

_That breathes upon a bank of violets_,

Stealing and giving odour.«

Und später, im 2. Akt, ruft er:

»Give me some music. -- --

Me thought _it did relieve my passion much_« etc.

Halbwach in ihren Fauteuil geschmiegt, lassen jene Enthusiasten von den

Schwingungen der Töne sich tragen und schaukeln, statt sie scharfen

Blickes zu betrachten. Wie das stark und stärker anschwillt, nachläßt,

aufjauchzt oder auszittert, das versetzt sie in einen unbestimmten

Empfindungszustand, den sie für rein geistig zu halten so unschuldig

sind. Sie bilden das »dankbarste« Publikum und dasjenige, welches

geeignet ist, die Würde der Musik am sichersten zu diskreditieren. Das

ästhetische Merkmal des _geistigen_ Genusses geht ihrem Hören ab; eine

feine Zigarre, ein pikanter Leckerbissen, ein laues Bad leistet ihnen

unbewußt, was eine Symphonie. Vom gedankenlos gemächlichen Dasitzen der

einen bis zur tollen Verzückung der andern ist das Prinzip dasselbe: die

Lust am _Elementarischen_ der Musik. Die neue Zeit hat übrigens eine

herrliche Entdeckung gebracht, welche für Hörer, die ohne alle

Geistesbetätigung nur den Gefühlsniederschlag der Musik suchen, diese

Kunst weit überbietet. Wir meinen den Schwefeläther, das Chloroform. In

der Tat zaubern uns diese Mittel einen, den ganzen Organismus

süßtraumhaft durchbebenden Rausch -- ohne die Gemeinheit des

Weintrinkens, welches auch nicht ohne musikalische Wirkung ist.

Die Werke der Tonkunst reihen sich für solche Auffassung zu den

_Naturprodukten_, deren Genuß uns entzücken, aber nicht zwingen kann zu

denken, einem bewußt schaffenden Geiste nachzudenken. Der süße Atem

eines Akazienbaumes läßt sich auch geschlossenen Auges, träumend

einsaugen. Hervorbringungen menschlichen Geistes verwehren das durchaus,

wenn sie nicht eben auf die Stufe sinnlicher Naturreize herabsinken

sollen.

In keiner andern Kunst ist dies so hohen Grades möglich, wie in der

Musik, deren sinnliche Seite einen geistlosen Genuß wenigstens zuläßt.

Schon das _Verrauschen_ derselben, während die Werke der übrigen Künste

_bleiben_, gleicht in bedenklicher Weise dem Akt des Verzehrens.

Ein Bild, eine Kirche, ein Drama lassen sich nicht schlürfen, eine Arie

sehr wohl. Darum gibt auch der Genuß keiner andern Kunst sich zu solch

akzessorischem Dienst her. Die besten Kompositionen können als

_Tafelmusik_ gespielt werden und die Verdauung der Fasane erleichtern.

Musik ist die zudringlichste und auch wieder die nachsichtigste Kunst.

Die jämmerlichste Drehorgel, so sich vor unser Haus postiert, muß man

_hören_, aber _zuhören_ braucht man selbst einer Mendelssohnschen

Symphonie nicht.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 7 / 11 段