Das vergessen auch unsere Sänger, welche in Momenten größten Affekts

Worte, ja Sätze _sprechend_ herausstoßen und damit die höchste

Steigerung der Musik gegeben zu haben glauben. Sie übersehen, daß der

Übergang vom Singen zum Sprechen stets ein Sinken ist, so wie der

höchste normale Sprechton noch immer tiefer klingt als selbst die

tieferen Gesangstöne desselben Organes. Ebenso schlimm als diese

praktischen Folgen, ja noch schlimmer, weil nicht allsogleich durch das

Experiment geschlagen, sind die _Theorien_, welche der Musik die

Entwickelungs- und Konstruktionsgesetze der Sprache aufdringen wollen,

wie es in älterer Zeit zum Teil von _Rousseau_ und _Rameau_, in neuerer

Zeit von den Jüngern _R. Wagners_ versucht wird. Es wird dabei das

wahrhafte Herz der Musik, die in sich selbst befriedigte Formschönheit,

durchstoßen und dem Phantom der »Bedeutung« nachgejagt. Eine Ästhetik

der Tonkunst müßte es daher zu ihren wichtigsten Aufgaben zählen, die

Grundverschiedenheit zwischen dem Wesen der Musik und dem der Sprache

unerbittlich darzulegen, und in allen Folgerungen das Prinzip

festzuhalten, daß, wo es sich um Spezifisch-Musikalisches handelt, die

Analogien mit der Sprache jede Anwendung verlieren.

IV.

Analyse des subjektiven Eindruckes der Musik.

Erachten wir es auch als Prinzip und erste Aufgabe der musikalischen

Ästhetik, daß sie die usurpierte Herrschaft des Gefühls unter die

berechtigte der Schönheit stelle -- da nicht das Gefühl, sondern die

Phantasie, als Tätigkeit des reinen Schauens, das Organ ist, aus welchem

und für welches alles Kunstschöne zunächst entsteht -- so behaupten doch

die affirmativen Äußerungen des Fühlens im praktischen Musikleben eine

zu auffallende und wichtige Rolle, um durch bloße Unterordnung abgetan

zu werden.

So sehr die ästhetische Betrachtung sich nur an das Kunstwerk selbst zu

halten hat, so erweist sich doch in der Wirklichkeit dieses selbständige

Kunstwerk als wirksame Mitte zwischen zwei lebendigen Kräften: seinem

_Woher_ und seinem _Wohin_, d. i. dem Komponisten und dem Hörer. In dem

Seelenleben dieser beiden kann die künstlerische Tätigkeit der

_Phantasie_ nicht so zu reinem Metall ausgeschieden sein, wie sie in dem

fertigen, unpersönlichen Kunstwerk vorliegt -- vielmehr wirkt sie dort

stets in enger Wechselbeziehung mit Gefühlen und Empfindungen. Das

Fühlen wird somit _vor_ und _nach_ dem fertigen Kunstwerk, vorerst im

Tondichter, dann im Hörer, eine Bedeutung behaupten, der wir unsere

Aufmerksamkeit nicht entziehen dürfen.

Betrachten wir den _Komponisten_. Ihn wird während des Schaffens eine

gehobene Stimmung erfüllen, wie sie zur Befreiung des Schönen aus dem

Schacht der Phantasie kaum entbehrlich gedacht werden kann. Daß diese

gehobene Stimmung, nach der Individualität des Künstlers, mehr oder

minder die Färbung des werdenden Kunstwerkes annehmen, daß sie bald

hoch, bald mäßiger fluten wird, nie aber bis zum überwältigenden

Affekte, der das künstlerische Hervorbringen vereitelt, daß die klare

Besinnung hierbei wenigstens gleiche Wichtigkeit behauptet mit der

Begeisterung, -- das sind bekannte, der allgemeinen Kunstlehre

angehörige Bestimmungen. Was speziell das Schaffen des _Tonsetzers_

betrifft, so muß festgehalten werden, daß es ein stetes _Bilden_ ist,

ein Formen in Tonverhältnissen. Nirgend erscheint die Souveränität des

Gefühls, welche man so gern der Musik andichtet, schlimmer angebracht,

als wenn man sie im Komponisten während des Schaffens voraussetzt und

dieses als ein begeistertes Extemporieren auffaßt. Die schrittweis

vorgehende Arbeit, durch welche ein Musikstück, das dem Tondichter

anfangs nur in Umrissen vorschwebte, bis in die einzelnen Takte zur

bestimmten Gestalt ausgemeißelt wird, allenfalls gleich in der

empfindlichen vielgestaltigen Form des Orchesters, ist so besonnen und

kompliziert, daß sie kaum verstehen kann, wer nicht selbst einmal Hand

daran gelegt. Nicht bloß etwa fugierte oder kontrapunktische Sätze, in

welchen wir abmessend Note gegen Note halten, auch das fließendste

Rondo, die melodiöseste Arie erfordert, wie es unsere Sprache bedeutsam

nennt, ein »Ausarbeiten« ins kleinste. Die Tätigkeit des Komponisten ist

eine in ihrer Art _plastische_ und jener des bildenden Künstlers

vergleichbar. Ebensowenig als dieser darf der Tondichter seinem Stoff

unfrei verwachsen sein; denn gleich ihm hat er ja sein (musikalisches)

Ideal objektiv hinzustellen, zur reinen Form zu gestalten.

Das dürfte von _Rosenkranz_ vielleicht übersehen worden sein, wenn er

den Widerspruch bemerkt, aber ungelöst läßt, warum die _Frauen_, welche

doch von Natur vorzugsweise auf das Gefühl angewiesen sind, in der

Komposition nichts leisten?[25] Der Grund liegt -- außer den allgemeinen

Bedingungen, welche Frauen von geistigen Hervorbringungen ferner halten

-- eben in dem plastischen Moment des Komponierens, das eine

_Entäußerung_ der Subjektivität nicht minder, wenngleich in

verschiedener Richtung erheischt, als die bildenden Künste. Wenn die

Stärke und Lebendigkeit des Fühlens wirklich maßgebend für das

Tondichten wäre, so würde der gänzliche Mangel an Komponistinnen neben

so zahlreichen Schriftstellerinnen und Malerinnen schwer zu erklären

sein. Nicht das Gefühl komponiert, sondern die speziell musikalische,

künstlerisch geschulte Begabung. Ergötzlich klingt es daher, wenn _F. L.

Schubart_ die »meisterhaften Andantes« des Komponisten _Stamitz_ ganz

ernsthaft als eine natürliche »Folge seines gefühlvollen Herzens«

hinstellt,[26] oder Christian _Rolle_ uns versichert, »ein leutseliger,

zärtlicher Charakter mache uns geschickt, langsame Sätze zu

Meisterstücken zu bilden«.[27]

[25] _Rosenkranz_, Psychologie. 2. Aufl. S. 60.

[26] _Schubart_, »Ideen zur Ästhetik der Tonkunst«. 1806.

[27] »Neue Wahrnehmungen zur Aufnahme der Musik.« Berlin 1784. S. 102.

Ohne innere Wärme ist nichts Großes noch Schönes im Leben vollbracht

worden. Das Gefühl wird beim Tondichter, wie bei jedem Poeten, sich

reich entwickelt vorfinden, nur ist es nicht der schaffende Faktor in

ihm. Selbst wenn ein starkes, bestimmtes Pathos ihn gänzlich erfüllt, so

wird dasselbe Anlaß und Weihe manches Kunstwerks werden, allein -- wie

wir aus der Natur der Tonkunst wissen, welche einen bestimmten Affekt

darzustellen weder die Fähigkeit noch den Beruf hat -- niemals dessen

Gegenstand.

Ein inneres _Singen_, nicht ein bloßes inneres Fühlen treibt den

musikalisch Talentierten zur Erfindung eines Tonstücks.

Wir haben die Tätigkeit des Komponierens als ein _Bilden_ aufgefaßt; als

solches ist sie durchaus _objektiv_. Der Tonsetzer formt ein

selbständiges Schöne. Der unendlich ausdrucksfähige, geistige Stoff der

Töne läßt es zu, daß die Subjektivität des in ihnen Bildenden sich in

der Art seines Formens auspräge. Da schon den einzelnen musikalischen

Elementen ein charakteristischer Ausdruck eignet, so werden

vorherrschende Charakterzüge des Komponisten: Sentimentalität, Energie,

Heiterkeit usw. sich durch die konsequente Bevorzugung gewisser

Tonarten, Rhythmen, Übergänge recht wohl nach den _allgemeinen_ Momenten

ausdrücken, welche die Musik wiederzugeben fähig ist. Einmal vom

Kunstwerk aufgesogen, interessieren aber diese Charakterzüge nunmehr als

musikalische Bestimmtheiten, als Charakter der Komposition, nicht des

Komponisten.[28] Was der gefühlvolle und was der geistreiche Komponist

bringt, der graziöse oder der erhabene, ist zuerst und vor allem

_Musik_, objektives Gebilde. Ihre Werke werden sich voneinander durch

unverkennbare Eigentümlichkeiten unterscheiden und als Gesamtbild die

Individualität ihrer Schöpfer abspiegeln; doch wurden sie alle, die

einen wie die andern, als selbständiges Schöne rein musikalisch um

ihretwillen erschaffen.

[28] Welche Vorsicht bei Rückschlüssen von den Kompositionen auf den

menschlichen Charakter des Komponisten notwendig ist, und wie groß

dabei die Gefahr, daß die Phantasie die nüchterne Untersuchung zum

Nachteil der Wahrheit beeinflußt, das hat neuerdings u. a. die

Beethoven-Biographie von _A. B. Marx_ gezeigt, deren musikalisch

voreingenommene Panegyrik einer sorgfältigen Untersuchung der

Tatsachen überhoben zu sein glaubte und daher durch _Thayers_ genaue

Quellenforschungen in vielen Punkten drastisch berichtigt worden ist.

Nicht das tatsächliche Gefühl des Komponisten, als eine bloß subjektive

Affektion, ist es, was die gleiche Stimmung in den Hörern wachruft.

Räumt man der Musik solch eine zwingende Macht ein, so anerkennt man

dadurch deren Ursache als etwas Objektives in ihr; denn nur dieses

_zwingt_ in allem Schönen. Dies Objektive sind hier die _musikalischen_

Bestimmtheiten eines Tonstücks. Streng ästhetisch können wir von

irgendeinem Thema sagen, es _klinge_ stolz oder trübe, nicht aber, es

sei ein Ausdruck der stolzen oder der trüben Gefühle des Komponisten.

Noch ferner liegen dem Charakter eines Tonwerkes als solchem die

sozialen und politischen Verhältnisse, welche seine Zeit beherrschen.

Jener _musikalische_ Ausdruck des Themas ist notwendige Folge seiner so

und nicht anders gewählten Tonfaktoren; daß diese Wahl aus

psychologischen oder kulturgeschichtlichen Ursachen hervorging, müßte an

dem bestimmten Werke (nicht bloß aus Jahreszahl und Geburtsort)

nachgewiesen werden, und nachgewiesen wäre dieser Zusammenhang, wie

interessant auch immer, zunächst eine lediglich historische oder

biographische Tatsache. Die _ästhetische_ Betrachtung kann sich auf

keine Umstände stützen, die außerhalb des Kunstwerks selbst liegen.

So gewiß die Individualität des Komponisten in seinen Schöpfungen einen

symbolischen Ausdruck finden wird, so irrig wäre es, aus diesem

persönlichen Moment Begriffe ableiten zu wollen, die ihre wahrhafte

Begründung nur in der Objektivität des künstlerischen Bildens finden.

Dahin gehört der Begriff des _Stils_.[29]

[29] Irrig ist deshalb _Forkels_ Ableitung der verschiedenen

musikalischen Schreibarten aus »den Verschiedenheiten zu denken«,

wonach der Stil jedes Komponisten darin seinen Grund hat, daß »der

schwärmerische, der aufgeblasene, der kalte, kindische und pedantische

Mann in den Zusammenhang seiner Gedanken Schwulst und unerträgliche

Emphasis bringt, oder frostig und affektiert ist«. (Theorie der Musik.

1777. S. 23.)

Wir möchten den Stil in der Tonkunst von seiten seiner _musikalischen_

Bestimmtheiten aufgefaßt wissen, als die vollendete Technik, wie sie im

Ausdruck des schöpferischen Gedankens als Gewöhnung erscheint. Der

Meister bewährt »Stil«, indem er, die klar erfaßte Idee verwirklichend,

alles Kleinliche, Unpassende, Triviale wegläßt und so in jeder

technischen Einzelheit die künstlerische Haltung des Ganzen

übereinstimmend wahrt. Mit Vischer (Ästhetik § 527) würden wir das Wort

»Stil« auch in der Musik absolut gebrauchen und, absehend von den

historischen oder individuellen Einteilungen, sagen: dieser Komponist

_hat Stil_, in dem Sinne wie man von jemand sagt: er hat _Charakter_.

Die _architektonische_ Seite des Musikalisch-Schönen tritt bei der

Stilfrage recht deutlich in den Vordergrund. Eine höhere Gesetzlichkeit,

als die der bloßen Proportion, wird der _Stil_ eines Tonstücks durch

einen einzigen Takt verletzt, der, an sich untadelhaft, nicht zum

Ausdruck des Ganzen stimmt. Genau so wie eine unpassende Arabeske im

Bauwerk, nennen wir stillos eine Kadenz oder Modulation, welche als

Inkonsequenz aus der einheitlichen Durchführung des Grundgedankens

abspringt. Natürlich ist diese Einheit im weiteren, höheren Sinne zu

nehmen, wonach sie unter Umständen den Kontrast, die Episode und manche

Freiheiten in sich begreift.

In der _Komposition_ eines Musikstückes findet daher eine Entäußerung

des eigenen persönlichen Affektes nur insoweit statt, als es die Grenzen

einer vorherrschend objektiven, formenden Tätigkeit zulassen.

Der Akt, in welchem die unmittelbare Ausströmung eines Gefühls in Tönen

vor sich gehen kann, ist nicht sowohl die _Erfindung_ eines Tonwerkes,

als vielmehr die _Reproduktion_, die Aufführung, desselben. Daß für den

philosophischen Begriff das komponierte Tonstück, ohne Rücksicht auf

dessen Aufführung, das _fertige_ Kunstwerk ist, darf uns nicht hindern,

die Spaltung der Musik in Komposition und Reproduktion, eine der

folgenreichsten Spezialitäten unserer Kunst, überall zu beachten, wo sie

zur Erklärung eines Phänomens beiträgt.

In der Untersuchung des subjektiven Eindrucks der Musik macht sie sich

ganz vorzugsweise geltend. Dem _Spieler_ ist es gegönnt, sich von dem

Gefühl, das ihn eben beherrscht, unmittelbar durch sein Instrument zu

befreien und in seinen Vortrag das wilde Stürmen, das sehnliche Glühen,

die heitere Kraft und Freude seines Innern zu hauchen. Schon das

_körperlich_ Innige, das durch meine Fingerspitzen die innere Bebung

unvermittelt an die Saite drückt oder den Bogen reißt oder gar im

Gesange selbsttönend wird, macht den persönlichsten Erguß der Stimmung

im Musizieren recht eigentlich möglich. Eine Subjektivität wird hier

unmittelbar in Tönen _tönend_ wirksam, nicht bloß stumm in ihnen

formend. Der Komponist schafft langsam, unterbrochen, der Spieler in

unaufhaltsamem Flug; der Komponist für das Bleiben, der Spieler für den

erfüllten Augenblick. Das Tonwerk wird geformt, die Aufführung _erleben_

wir. So liegt denn das gefühlsentäußernde und erregende Moment der Musik

im Reproduktionsakt, welcher den elektrischen Funken aus dunkelm

Geheimnis lockt und in das Herz der Zuhörer überspringen macht. Freilich

kann der Spieler nur das bringen, was die Komposition enthält, allein

diese erzwingt wenig mehr als die Richtigkeit der Noten. »Der Geist des

_Tondichters_ sei es ja nur, den der Spieler errate und offenbare« --

wohl, aber eben diese Aneignung im Moment des Wiederschaffens ist sein,

des Spielers, Geist. Dasselbe Stück belästigt oder entzückt, je nachdem

es zu tönender Wirklichkeit belebt wird. Es ist, wie derselbe Mensch,

einmal in seiner verklärendsten Begeisterung, das andere Mal in

mißmutiger Alltäglichkeit aufgefaßt. Die künstliche Spieluhr kann das

Gefühl des Hörers nicht bewegen, doch der einfachste Musikant wird es,

wenn er mit voller Seele bei seinem Liede ist.

Zur höchsten Unmittelbarkeit befreit sich die Offenbarung eines

Seelenzustandes durch Musik, wo Schöpfung und Ausführung in einen Akt

zusammenfallen. Dies geschieht in der _freien Phantasie_. Wo diese nicht

mit formell künstlerischer, sondern mit vorwiegend subjektiver Tendenz

(pathologisch in höherem Sinn) auftritt, da kann der Ausdruck, welchen

der Spieler den Tasten entlockt, ein wahres Sprechen werden. Wer dies

zensurfreie Sprechen, dies entfesselte Sichselbstgeben mitten in

strengem Bannkreise je an sich selbst erlebt hat, der wird ohne weiteres

wissen, wie da Liebe, Eifersucht, Wonne und Leid unverhüllt und doch

unfahndbar hinausrauschen aus ihrer Nacht, ihre Feste feiern, ihre Sagen

singen, ihre Schlachten schlagen, bis der Meister sie zurückruft,

beruhigt, beunruhigend.

Durch die entbundene Bewegung des Spielens teilt sich der Ausdruck des

Gespielten dem _Hörer_ mit. Wenden wir uns zu diesem.

Wir sehen ihn oft von einer Musik ergriffen, froh oder wehmütig bewegt,

weit über das bloß ästhetische Wohlgefallen hinaus im Innersten

emporgetragen oder erschüttert. Die Existenz dieser Wirkungen ist

unleugbar, wahrhaft und echt, oft die höchsten Grade erreichend, zu

bekannt endlich, als daß wir ihr ein beschreibendes Verweilen zu widmen

brauchten. Es handelt sich hier nur um zweierlei: -- worin im

Unterschied von andern Gefühlsbewegungen der spezifische Charakter

dieser Gefühlserregung durch _Musik_ liege, und wieviel von dieser

Wirkung _ästhetisch_ sei.

Müssen wir auch das Vermögen, auf die Gefühle zu wirken, _allen_ Künsten

ausnahmslos zuerkennen, so ist doch der Art und Weise, wie die _Musik_

es ausübt, etwas Spezifisches, nur _ihr_ Eigentümliches nicht

abzusprechen. Musik wirkt auf den Gemütszustand rascher und intensiver

als irgend ein anderes Kunstschöne. Mit wenigen Akkorden können wir

einer Stimmung überliefert sein, welche ein Gedicht erst durch längere

Exposition, ein Bild durch anhaltendes Hineindenken erreichen würde,

obgleich diesen beiden, im Vorteil gegen die Tonkunst, der ganze Kreis

der Vorstellungen dienstbar ist, von welchen unser Denken die Gefühle

von Lust und Schmerz abhängig weiß. Nicht nur rascher, auch

unmittelbarer und intensiver ist die Einwirkung der Töne. Die andern

Künste überreden, die Musik überfällt uns. Diese ihre eigentümliche

Gewalt auf unser Gemüt erfahren wir am stärksten, wenn wir uns in einem

Zustand größerer Aufregung oder Herabstimmung befinden.

In Gemütszuständen, wo weder Gemälde noch Gedichte, weder Statuen noch

Bauten mehr imstande sind, uns zu teilnehmender Aufmerksamkeit zu

reizen, wird _Musik_ noch Macht über uns haben, ja gerade heftiger als

sonst. Wer in schmerzhaft aufgeregter Stimmung Musik hören oder machen

muß, dem schwingt sie wie Essig in der Wunde. Keine Kunst kann da so

tief und scharf in unsere Seele schneiden. Form und Charakter des

Gehörten verlieren dann ganz ihre Bedeutung, sei es nächtigtrübes

Adagio oder ein hellfunkelnder Walzer, wir können uns nicht loswinden

von seinen Klängen, -- nicht mehr das Tonstück fühlen wir, sondern die

Töne selbst, die Musik als gestaltlos dämonische Gewalt, wie sie glühend

an die Nerven unseres ganzen Leibes rückt.

Als _Goethe_ in hohem Alter noch einmal die Gewalt der Liebe erfuhr, da

erwachte in ihm zugleich eine nie gekannte Empfänglichkeit für Musik. Er

schreibt über jene wunderbaren Marienbader Tage (1823) an _Zelter_: »Die

ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen! Die Stimme der

Milder, das Klangreiche der Szymanowska, ja sogar die öffentliche

Exhibition des hiesigen Jägerkorps falten mich auseinander, wie man eine

geballte Faust freundlich flach läßt. Ich bin völlig überzeugt, daß ich

im ersten Takte Deiner Singakademie den Saal verlassen müßte.« Zu

einsichtsvoll, um nicht den großen Anteil _nervöser_ Aufregung in dieser

Erscheinung zu erkennen, schließt Goethe mit den Worten: »Du würdest

mich von einer krankhaften Reizbarkeit heilen, die denn doch eigentlich

als die Ursache jenes Phänomens anzusehen ist.«[30] Diese Beobachtungen

müssen uns schon aufmerksam machen, daß in den musikalischen Wirkungen

auf das Gefühl häufig ein fremdes, nicht rein ästhetisches Element mit

im Spiele sei. Eine rein ästhetische Wirkung wendet sich an die volle

Gesundheit des Nervenlebens und zählt auf kein krankhaftes Mehr oder

Weniger desselben.

[30] Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter. 3. Band, S. 332.

Die intensivere Einwirkung der Musik auf unser Nervensystem vindiziert

ihr in der Tat einen Machtüberschuß vor den anderen Künsten. Wenn wir

aber die Natur dieses Machtüberschusses untersuchen, so erkennen wir,

daß er ein _qualitativer sei_, und daß die eigentümliche Qualität auf

_physiologischen_ Bedingungen ruhe. Der sinnliche Faktor, der bei jedem

Schönheitsgenuß den geistigen trägt, ist bei der Tonkunst größer als in

den andern Künsten. Die Musik, durch ihr körperloses Material die

geistigste, von seiten ihres gegenstandlosen Formspiels die sinnlichste

Kunst, zeigt in dieser geheimnisvollen Vereinigung zweier Gegensätze ein

lebhaftes Assimilationsbestreben mit den _Nerven_, diesen nicht minder

rätselhaften Organen des unsichtbaren Telegraphendienstes zwischen Leib

und Seele.

Die intensive Wirkung der Musik auf das Nervenleben ist als Tatsache von

der Psychologie wie von der Physiologie vollständig anerkannt. Leider

fehlt noch eine ausreichende Erklärung derselben. Es vermag die

_Psychologie_ nimmermehr das Magnetisch-Zwingende des Eindrucks zu

ergründen, den gewisse Akkorde, Klangfarben und Melodien auf den ganzen

Organismus des Menschen üben, weil es dabei zuvörderst auf eine

spezifische Reizung der Nerven ankommt. Ebensowenig hat die im Triumph

fortschreitende Wissenschaft der _Physiologie_ etwas Entscheidendes über

unser Problem gebracht.

Was die musikalischen Monographien dieses Zwittergegenstandes betrifft,

so ziehen sie es fast durchgängig vor, die Tonkunst durch Ausbreitung

glänzender Schaustücke in einen imposanten Nimbus von Wundertätigkeit zu

bringen, als in wissenschaftlicher Forschung den Zusammenhang der Musik

mit unserm Nervenleben auf sein Wahres und Notwendiges zurückzuführen.

Dies allein aber tut uns not, und weder die Überzeugungstreue eines

Doktor _Albrecht_, welcher seinen Patienten Musik als schweißtreibendes

Mittel verschrieb, noch der Unglaube _Oerstedts_, der das Heulen eines

Hundes bei gewissen Tonarten durch rationelle Prügel erklärt, mittelst

welcher derselbe zum Heulen abgerichtet worden sei.[31]

[31] »Der Geist der Natur.« III, 9.

Manchem Musikfreunde dürfte es unbekannt sein, daß wir eine ganze

Literatur über die körperlichen Wirkungen der Musik und deren Anwendung

zu Heilzwecken besitzen. An interessanten Kuriositäten reich, doch in

der Beobachtung unzuverlässig, in der Erklärung unwissenschaftlich,

suchen die meisten dieser Musiko-Mediziner eine sehr zusammengesetzte

und beiläufige Eigenschaft der Tonkunst zu selbständiger Wirksamkeit

aufzustelzen.

Von _Pythagoras_, der zuerst Wunderkuren durch Musik verrichtet haben

soll, bis auf unsere Tage taucht zeitweilig immer wieder, mehr durch

neue Beispiele als durch neue Ideen bereichert, die Lehre auf, man könne

die aufregende oder lindernde Wirkung der Töne auf den körperlichen

Organismus als Heilmittel gegen zahlreiche Krankheiten in Anwendung

bringen. Peter _Lichtenthal_ erzählt uns ausführlich in seinem

»Musikalischen Arzt«, wie durch die Macht der Töne _Gicht_, _Hüftweh_,

_Epilepsie_, _Starrsucht_, _Pest_, _Fieberwahnsinn_, _Konvulsionen_,

_Nervenfieber_, ja sogar »_Dummheit_« (stupiditas) geheilt worden

sei.[32]

[32] Die höchste Konfusion erreichte diese Lehre bei dem berühmten

Arzt _Baptista Porta_, welcher die Begriffe von Medizinalpflanze und

Musikinstrument kombinierte und die Wassersucht mit einer Flöte

heilte, die aus den Stengeln des _Helleborus_ verfertigt war. Ein aus

dem _populus_ verfertigtes Musikinstrument sollte Hüftschmerzen, ein

aus _Zimtrohr_ geschnitztes Ohnmachten heilen. (Encyclopédie, article

»musique«.)

Rücksichtlich der _Begründung_ dieser Theorie lassen sich diese

Schriftsteller in zwei Klassen teilen.

Die einen argumentieren vom _Körper_ aus und gründen die Heilkraft der

Musik auf die physische Einwirkung der Schallwellen, welche sich durch

den Gehörnerv den übrigen Nerven mitteile und durch solch allgemeine

Erschütterung eine heilsame Reaktion des gestörten Organismus

hervorrufe. Die Affekte, welche zugleich sich bemerkbar machten, seien

nur eine Folge dieser nervösen Erschütterung, indem Leidenschaften nicht

bloß gewisse körperliche Veränderungen hervorrufen, sondern diese auch

ihrerseits die ihnen entsprechenden Leidenschaften zu erzeugen vermögen.

Nach dieser Theorie, welcher (unter dem Vortritt des Engländers _Webb_)

_Nikolai_, _Schneider_, _Lichtenthal_, _J. J. Engel_, _Sulzer_ u. a.

anhängen, würden wir durch die Tonkunst nicht anders bewegt, als etwa

unsere Fenster und Türen, die bei einer starken Musik zu zittern

beginnen. Als unterstützend werden Beispiele angeführt, wie der Bediente

_Boyles_, dem die Zähne zu bluten anfingen, sobald er eine Säge wetzen

hörte, oder viele Personen, welche beim Kratzen einer Messerspitze auf

Glas Konvulsionen bekommen.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 6 / 11 段