Man pflegt oft anzuführen, daß Beethoven beim Entwurf mancher seiner

Kompositionen sich bestimmte Ereignisse oder Seelenzustände gedacht

haben soll. Wo Beethoven oder irgend ein anderer Tonsetzer diesen

Vorgang beobachtet hat, benützte er ihn bloß als Hilfsmittel, sich durch

den Zusammenhang eines objektiven Ereignisses das Festhalten der

musikalischen Einheit zu erleichtern. Wenn Berlioz, Liszt u. a. _mehr_

als dies an der Dichtung, dem Titel oder dem Erlebnis zu haben glaubten,

so ist es eine Selbsttäuschung. Die Einheit der _musikalischen

Stimmung_ ist's, was die vier Sätze einer Sonate als organisch verbunden

charakterisiert, nicht aber der Zusammenhang mit dem vom Komponisten

gedachten _Objekte_. Wo sich dieser solch poetisches Gängelband versagte

und rein musikalisch erfand, da wird man keine andere Einheit der Teile

finden, als eine musikalische. Es ist ästhetisch gleichgültig, ob sich

Beethoven allenfalls bei seinen sämtlichen Kompositionen bestimmte

Vorwürfe gewählt; wir kennen sie nicht, sie sind daher für das Werk

nicht existierend. Dieses selbst, ohne allen Kommentar, ist's, was

vorliegt, und wie der Jurist aus der Welt hinausfingiert, was nicht in

den Akten liegt, so ist für die ästhetische Beurteilung nicht vorhanden,

was außerhalb des Kunstwerks lebt. Erscheinen uns die Sätze einer

Komposition als einheitlich, so muß diese Zusammengehörigkeit in

_musikalischen_ Bestimmungen ihren Grund haben.[20]

[20] Diese Zeilen haben Beethoven-Auguren wie Herrn _Lobe_ u. a. sehr

entsetzt. Wir können ihnen nicht besser antworten als mit folgender,

unserer Ansicht vollkommen zustimmenden Ausführung _Otto Jahns_ in

seinem Aufsatz über die neue Beethoven-Ausgabe von Breitkopf & Härtel

(»Ges. Aufsätze über Musik«). Jahn knüpft an _Schindlers_ bekannte

Mitteilung an, Beethoven habe, um die Bedeutung seiner D-moll- und

F-moll-Sonate befragt, geantwortet: »Lesen Sie nur Shakespeares

_Sturm_.« Vermutlich, sagt _Jahn_, wird der Frager von seiner Lektüre

die sichere Überzeugung mitbringen, daß Shakespeares Sturm auf ihn

anders wirke, als auf Beethoven und keine D-moll- und F-moll-Sonaten

in ihm erzeuge. Daß gerade dieses Drama Beethoven zu solchen

Schöpfungen anregen konnte, ist freilich nicht ohne Interesse zu

erfahren; aus dem Shakespeare das Verständnis derselben herholen

wollen, hieße nur die Unfähigkeit der musikalischen Auffassung

bezeugen. Bei dem Adagio des F-dur-Quartetts (op. 18 Nr. 1) _soll_

Beethoven die Grabesszene aus Romeo und Julie vorgeschwebt haben; wer

nun etwa diese in seinem Shakespeare aufmerksam nachliest und dann

beim Anhören des Adagio sich zu vergegenwärtigen sucht, wird der sich

den wahren Genuß des Musikstücks erhöhen oder stören? Überschriften

und Notizen, auch authentische, von Beethoven selbst herrührende,

würden das Eindringen in Sinn und Bedeutung des Kunstwerks nicht

wesentlich fördern, es ist vielmehr zu fürchten, daß sie ebensowohl

Mißverständnisse und Verkehrtheiten hervorrufen würden, wie die,

welche Beethoven veröffentlicht hat. Die schöne Sonate in Es-dur

(op. 81) trägt bekanntlich die Überschriften »Les adieux, l'absence,

le retour« und wird daher als zuverlässiges Beispiel von Programm-Musik

mit Sicherheit interpretiert. »Daß es Momente aus dem Leben eines

liebenden Paares sind«, sagt _Marx_, der es dahingestellt sein läßt,

ob die Liebenden verheiratet sind, oder nicht, »setzt man schon

voraus, aber die Komposition bringt auch den _Beweis_.« »Die Liebenden

öffnen ihre Arme, wie Zugvögel ihre Flügel«, sagt _Lenz_ vom Schluß

der Sonate. Nun hat Beethoven auf das Original der ersten Abteilung

geschrieben: »Das Lebewohl bei der Abreise Sr. Kais. Hoheit des

_Erzherzogs Rudolf_, d. 4. Mai 1809« und auf den Titel der zweiten:

»Die Ankunft Sr. Kais. Hoheit des _Erzherzogs Rudolf_, d. 30. Januar

1810.« Wie würde er protestiert haben, daß er dem Erzherzoge gegenüber

diese »in schmeichelndem Kosen beseligter Lust« flügelschlagende Sie

vorstellen sollte! -- »Darum können wir zufrieden sein«, schließt

_Jahn_, »daß Beethoven (in der Regel) solche Worte nicht ausgesprochen

hat, welche nur zu viele zu dem Irrtum verleitet haben würden, wer die

Überschrift verstehe, der verstehe auch das Kunstwerk. Seine _Musik

sagt alles, was er sagen wollte_«.

Einem möglichen Mißverstehen wollen wir schließlich dadurch begegnen,

daß wir unsern Begriff des »Musikalisch-Schönen« nach drei Seiten

feststellen. Das »Musikalisch-Schöne« in dem von uns angenommenen

spezifischen Sinn beschränkt sich nicht auf das »Klassische«, noch

enthält es eine Bevorzugung desselben vor dem »Romantischen«. Es gilt

sowohl in der einen als der andern Richtung, beherrscht Bach so gut wie

Beethoven, Mozart so gut wie Schumann. Unsere Thesis also enthält auch

nicht die Andeutung einer Parteinahme. Der ganze Verlauf der

gegenwärtigen Untersuchung spricht überhaupt kein _Sollen_ aus, sondern

betrachtet nur ein _Sein_; kein bestimmtes musikalisches Ideal läßt sich

daraus als das wahrhaft Schöne deduzieren, sondern bloß nachweisen, was

in jeder, auch in den entgegengesetztesten Schulen in gleicher Weise das

Schöne ist.

Es ist nicht lange her, seit man angefangen hat, Kunstwerke im

Zusammenhang mit den Ideen und Ereignissen der Zeit zu betrachten,

welche sie erzeugte. Dieser unleugbare Zusammenhang besteht wohl auch

für die Musik. Eine Manifestation des menschlichen Geistes, muß sie wohl

auch in Wechselbeziehung zu dessen übrigen Tätigkeiten stehen: zu den

gleichzeitigen Schöpfungen der dichtenden und bildenden Kunst, den

poetischen, sozialen, wissenschaftlichen Zuständen ihrer Zeit, endlich

den individuellen Erlebnissen und Überzeugungen des Autors. Die

Betrachtung und Nachweisung dieses Zusammenhangs an einzelnen

Tonkünstlern und Tonwerken ist demnach wohl berechtigt und dankenswert.

Doch muß man dabei sich stets in Erinnerung halten, daß ein solches

Parallelisieren künstlerischer Spezialitäten mit bestimmten historischen

Zuständen ein _kunstgeschichtlicher_, keineswegs ein rein _ästhetischer_

Vorgang ist. So notwendig die Verbindung der Kunstgeschichte mit der

Ästhetik von methodologischem Standpunkt erscheint, so muß doch jede

dieser beiden Wissenschaften ihr eigenstes Wesen von einer unfreien

Verwechselung mit der andern rein erhalten. Mag der Historiker, eine

künstlerische Erscheinung im großen und ganzen auffassend, in _Spontini_

den »Ausdruck des französischen Kaiserreichs«, in _Rossini_ die

»politische Restauration« erblicken, -- der Ästhetiker hat sich

lediglich an die Werke dieser Männer zu halten, zu untersuchen, was

daran schön sei und warum. Die ästhetische Untersuchung weiß nichts und

mag nichts wissen von den persönlichen Verhältnissen und der

geschichtlichen Umgebung des Komponisten; nur was das Kunstwerk selbst

ausspricht, wird sie hören und glauben. Sie wird demnach in _Beethovens_

Symphonien, auch ohne Namen und Biographie des Autors zu kennen, ein

Stürmen, Ringen, unbefriedigtes Sehnen, kraftbewußtes Trotzen

herausfinden, allein daß der Komponist republikanisch gesinnt,

unverheiratet, taub gewesen, und all die andern Züge, welche der

Kunsthistoriker beleuchtend hinzuhält, wird jene nimmermehr aus den

Werken lesen und zur Würdigung derselben verwerten dürfen. Die

Verschiedenheit der Weltanschauung eines _Bach_, _Mozart_, _Haydn_ zu

vergleichen und den Kontrast ihrer Kompositionen darauf zurückzuführen,

mag für eine höchst anziehende, verdienstliche Unternehmung gelten, doch

sie ist unendlich kompliziert und wird Fehlschlüssen um so ausgesetzter

sein, je strenger sie den Kausalnexus darlegen will. Die Gefahr der

Übertreibung ist bei Annahme dieses Prinzips außerordentlich groß. Man

kann da leicht den losesten Einfluß der Gleichzeitigkeit als eine innere

Notwendigkeit darstellen und die ewig unübersetzbare Tonsprache deuten,

wie man's eben braucht. Es wird rein auf die schlagfertige Durchführung

desselben Paradoxons ankommen, daß es im Munde des geistreichen Mannes

eine Weisheit, in jenem des schlichten ein Unsinn erscheint.

Auch _Hegel_ hat in Besprechung der Tonkunst oft irregeführt, indem er

seinen vorwiegend _kunstgeschichtlichen_ Standpunkt unmerklich mit dem

rein ästhetischen verwechselt und in der Musik Bestimmtheiten nachweist,

die sie an sich niemals hatte. »Einen Zusammenhang« hat der Charakter

jedes Tonstückes mit dem seines Autors gewiß, allein er steht für den

Ästhetiker nicht zutage; -- die Idee des notwendigen Zusammenhangs

_aller_ Erscheinungen kann in ihrer konkreten Nachweisung bis zur

Karikatur übertrieben werden. Es gehört heutzutage ein wahrer Heroismus

dazu, dieser pikanten, geistreich repräsentierten Richtung

entgegenzutreten und auszusprechen, daß das »historische Begreifen« und

das »ästhetische Beurteilen« verschiedene Dinge sind.[21] Objektiv aber

steht fest: _erstens_, daß die Verschiedenartigkeit des Ausdrucks der

verschiedenen Werke und Schulen auf einer durchgreifend verschiedenen

Stellung der _musikalischen_ Elemente beruhe, und _zweitens_, daß, was

an einer Komposition, sei es die strengste _Bach_sche Fuge, oder das

träumerischste Notturno von _Chopin_, mit Recht gefällt, _musikalisch_

schön ist.

[21] Wenn wir hier die »Musikalischen Charakterköpfe« von _Riehl_

nennen, so geschieht dies gleichwohl mit dankbarer Anerkennung dieses

geistreich anregenden Buches.

Noch weniger als mit dem Klassischen kann das »Musikalisch-Schöne« mit

dem _Architektonischen_ zusammenfallen, das jenes als Zweig in sich

faßt. Die starre Erhabenheit übereinander getürmter Figuration, die

kunstreiche Verschlingung vieler Stimmen, von denen _keine_ frei und

selbständig ist, weil es _alle_ sind, haben ihre unvergängliche

Berechtigung. Doch sind jene großartig düstern Stimmpyramiden der alten

Italiener und Niederländer ebensosehr nur ein kleiner Bezirk auf dem

Gebiete der musikalischen Schönheit, als die vielen zierlich

ausgearbeiteten Gestalten in den Suiten und Konzerten von Sebastian

Bach.

Viele Ästhetiker halten den musikalischen Genuß durch das Wohlgefallen

am _Regelmäßigen_ und _Symmetrischen_ für ausreichend erklärt, worin

doch niemals ein Schönes, vollends ein Musikalisch-Schönes bestand. Das

abgeschmackteste Thema kann vollkommen symmetrisch gebaut sein.

»Symmetrie« ist ja nur ein Verhältnisbegriff und läßt die Frage offen:

_Was_ ist es denn, das hier symmetrisch erscheint? -- Die regelmäßige

Anordnung geistloser, abgenützter Teilchen wird sich gerade in den

allerschlechtesten Kompositionen nachweisen lassen. Der musikalische

Sinn verlangt immer _neue_ symmetrische Bildungen.[22]

[22] Ich erlaube mir, zur Erläuterung hier eine Stelle aus meinem Buch

»_Die Moderne Oper_« (Vorwort S. VI) anzuführen:

»Das berühmte Axiom, es könne das 'wahrhaft Schöne' (-- wer ist

Richter über diese Eigenschaft? --) niemals, auch nach längstem

Zeitverlauf, seinen Zauber einbüßen, ist für die Musik wenig mehr, als

eine schöne Redensart. Die Tonkunst macht es wie die Natur, welche mit

jedem Herbst eine Welt voll Blumen zu Moder werden läßt, aus dem neue

Blüten entstehen. Alle Tondichtung ist Menschenwerk, Produkt einer

bestimmten Individualität, Zeit, Kultur und darum stets durchzogen von

Elementen schnellerer oder langsamerer Sterblichkeit. Unter den großen

Musikformen ist wieder die Oper die zusammengesetzteste,

konventionellste und daher vergänglichste. Es mag traurig stimmen, daß

selbst neuere Opern von edelster und glänzender Bildung (Spohr,

Spontini) schon vom Theater zu verschwinden beginnen. Aber die

Tatsache ist unanfechtbar und der Prozeß nicht aufzuhalten durch das

in allen Perioden stereotype Schelten auf den bösen 'Zeitgeist'. Die

Zeit ist auch ein Geist und schafft ihren Körper. Die Bühne

repräsentiert das Forum für die tatsächlichen Bedürfnisse des

Publikums, im Gegensatz zu der Studierstube des stillen

Partiturenlesers. Die Bühne bedeutet das Leben des Dramas, der Kampf

um ihren Besitz den Kampf um sein Dasein. In diesem Kampf siegt gar

häufig ein geringeres Kunstwerk über seine besseren Vorfahren, wenn

dasselbe den Atem der Gegenwart, den Pulsschlag _unseres_ Empfindens

und Begehrens uns entgegenbringt. Publikum wie Künstler fühlen einen

berechtigten Trieb nach Neuem in der Musik, und eine Kritik, welche

nur Bewunderung für das Alte hat und nicht auch den Mut der

Anerkennung für das Neue, untergräbt die Produktion. Dem schönen

Unsterblichkeitsglauben müssen wir entsagen, -- hat doch jede Zeit mit

demselben getäuschten Vertrauen die Unvergänglichkeit _ihrer_ besten

Opern proklamiert. Noch Adam Hiller in Leipzig behauptete, daß, wenn

jemals die Opern _Hasses_ nicht mehr entzücken sollten, die allgemeine

Barbarei hereinbrechen müßte. Noch _Schubart_, der Musikästhetiker vom

Hohenasperg, versicherte von _Jomelli_, es sei gar nicht denkbar, daß

dieser Tondichter jemals in Vergessenheit geraten könne. Und was sind

uns heute Hasse und Jomelli?«

Zuletzt hat für die Musik die Platonische Ansicht _Oerstedt_ an dem

Beispiel des Kreises entwickelt, dem er positive Schönheit vindiziert.

Sollte er niemals die Entsetzlichkeit einer ganz kreisrunden Komposition

an sich erlebt haben?

Vorsichtiger vielleicht als notwendig, sei endlich noch hinzugefügt, daß

die musikalische Schönheit mit dem _Mathematischen_ nichts zu tun hat.

Die Vorstellung, welche Laien (darunter auch gefühlvolle Schriftsteller)

von der Rolle hegen, welche die Mathematik in der musikalischen

Komposition spielt, ist eine merkwürdig vage. Nicht zufrieden damit, daß

die Schwingungen der Töne, der Abstand der Intervalle, das Konsonieren

und Dissonieren sich auf mathematische Verhältnisse zurückführen lassen,

sind sie überzeugt, auch das _Schöne_ einer Tondichtung gründe sich auf

Zahlen. Das Studium der Harmonielehre und des Kontrapunkts gilt für eine

Art Kabbala, welche die »Berechnung« der Komposition lehre.

Wenn für die Erforschung des physikalischen Teils der Tonkunst die

Mathematik einen unentbehrlichen Schlüssel liefert, so möge im fertigen

Tonwerk hingegen ihre Bedeutung nicht überschätzt werden. In einer

Tondichtung, sei sie die schönste oder die schlechteste, ist gar nichts

mathematisch berechnet. Schöpfungen der Phantasie sind keine

Rechenexempel. Alle Monochordexperimente, Klangfiguren,

Intervallproportionen u. dgl. gehören nicht hierher, der _ästhetische_

Bereich fängt erst an, wo jene Elementarverhältnisse in ihrer Bedeutung

aufgehört haben. Die Mathematik regelt bloß den elementaren Stoff zu

geistfähiger Behandlung und spielt verborgen in den einfachsten

Verhältnissen, aber der musikalische Gedanke kommt ohne sie ans Licht.

Wenn _Oerstedt_ fragt: »Sollte wohl die Lebenszeit mehrerer Mathematiker

hinreichen, alle Schönheiten einer _Mozart_schen Symphonie zu

berechnen?«[23], so bekenne ich, daß ich das nicht verstehe. _Was_ soll

denn oder kann berechnet werden? Etwa das Schwingungsverhältnis jedes

Tones zum nächstfolgenden, oder die Längen der einzelnen Perioden

gegeneinander? Was eine Musik zur Tondichtung macht und sie aus der

Reihe physikalischer Experimente hebt, ist ein Freies, Geistiges, daher

unberechenbar. Am musikalischen _Kunstwerk_ hat die Mathematik einen

ebenso kleinen oder ebenso großen Anteil wie an den Hervorbringungen

der übrigen Künste. Denn Mathematik muß am Ende auch die Hand des Malers

und Bildhauers führen, Mathematik webt im Gleichmaß der Vers- und

Strophenlängen, Mathematik im Bau des Architekten, in den Figuren des

Tänzers. In jeder genauen Kenntnis muß die Anwendung der Mathematik, als

Vernunfttätigkeit, eine Stelle finden. Nur eine wirklich positive,

schaffende Kraft muß man ihr nicht einräumen wollen, wie dies manche

Musiker, diese Konservativen der Ästhetik, gern möchten. Es ist mit der

Mathematik ähnlich, wie mit der Erzeugung der Gefühle im Zuhörer, -- sie

findet bei allen Künsten statt, aber großer Lärm darüber ist bloß bei

der Musik.

[23] »Geist in der Natur«, 3. Band, deutsch von Kannegießer. S. 32.

Auch mit der _Sprache_ hat man die Musik häufig zu parallelisieren und

die Gesetze der ersteren für die letztere aufzustellen versucht. Die

Verwandtschaft des _Gesanges_ mit der Sprache lag nahe genug, mochte man

sich nun an die Gleichheit der physiologischen Bedingungen halten oder

an den gemeinsamen Charakter als Entäußerung des Innern durch die

menschliche Stimme. Die analogen Beziehungen sind zu auffällig, als daß

wir hier darauf einzugehen hätten; es sei demnach nur ausdrücklich

eingeräumt, daß, wo es sich bei der Musik wirklich bloß um die

subjektive Entäußerung eines inneren Dranges handelt, in der Tat die

Gesetzlichkeit des _sprechenden_ Menschen teilweise maßgebend für den

_singenden_ sein wird. Daß der in Leidenschaft Geratende mit der Stimme

steigt, während die Stimme des sich beruhigenden Redners fällt; daß

Sätze besonderen Gewichtes langsam, gleichgültige Nebensachen schnell

gesprochen werden: dies und ähnliches wird der Gesangskomponist,

insbesondere der _dramatische_, nicht unbeachtet lassen dürfen. Allein

man hat sich mit diesen begrenzten Analogien nicht begnügt, _sondern_

die _Musik selbst_ als eine (unbestimmtere oder feinere) _Sprache_

aufgefaßt und nun ihre Schönheitsgesetze aus der Natur der Sprache

abstrahieren wollen. Jede Eigenschaft und Wirkung der Musik wurde auf

Ähnlichkeiten mit der Sprache zurückgeführt. Wir sind der Ansicht, daß,

wo es sich um das Spezifische einer Kunst handelt, ihre Unterschiede von

verwandten Gebieten wichtiger sind als die Ähnlichkeiten. Unbeirrt durch

diese oft verlockenden, aber das eigentliche Wesen der Musik gar nicht

treffenden Analogien muß die ästhetische Untersuchung unablässig zu dem

Punkte vordringen, wo Sprache und Musik sich unversöhnlich scheiden. Nur

aus diesem Punkte werden der Tonkunst wahrhaft fruchtbringende

Bestimmungen sprießen können. Der wesentliche Grundunterschied besteht

aber darin, daß in der Sprache der _Ton_ nur ein Zeichen, d. h. _Mittel_

zum Zweck eines diesem Mittel ganz fremden Auszudrückenden ist, während

in der _Musik_ der _Ton_ eine Sache ist, d. h. als _Selbstzweck_

auftritt. Die selbständige Schönheit der Tonformen hier und die absolute

Herrschaft des Gedankens über den Ton als bloßes Ausdrucksmittel dort

stehen sich so ausschließend gegenüber, daß eine Vermischung der beiden

Prinzipe eine logische Unmöglichkeit ist.

Der Schwerpunkt des Wesens liegt also ganz wo anders bei der Sprache und

bei der Musik, und um diesen Schwerpunkt gruppieren sich alle übrigen

Eigentümlichkeiten. Alle spezifisch _musikalischen_ Gesetze werden sich

um die selbständige Bedeutung und Schönheit der Töne drehen, alle

_sprachlichen_ Gesetze um die korrekte Verwendung des Lautes zum Zweck

des Ausdrucks.

Die schädlichsten und verwirrendsten Anschauungen sind aus dem Bestreben

hervorgegangen, die Musik als eine Art Sprache aufzufassen; sie weisen

uns täglich praktische Folgen auf. So mußte es hauptsächlich Komponisten

von schwacher Schöpferkraft geeignet erscheinen, die ihnen unerreichbare

selbständige musikalische Schönheit als ein falsches, sinnliches Prinzip

anzusehen, und die charakteristische Bedeutsamkeit der Musik dafür auf

den Schild zu heben. Ganz abgesehen von Richard Wagners Opern, findet

man in den kleinsten Instrumentalsächelchen oft Unterbrechungen des

melodischen Flusses durch abgerissene Kadenzen, rezitativische Sätze

u. dgl., welche, den Hörer befremdend, sich anstellen, als _bedeuteten_

sie etwas Besonderes, während sie in der Tat nichts bedeuten als

Unschönheit. Von modernen Kompositionen, welche fortwährend den großen

Rhythmus durchbrechen, um mysteriöse Zusätze oder gehäufte Kontraste

vorzudrängen, pflegt man zu rühmen, es strebe darin die Musik, ihre

engen Grenzen zu durchbrechen und zur _Sprache_ sich zu erheben. Uns

ist ein solches Lob immer sehr zweideutig erschienen. Die Grenzen der

Musik sind durchaus nicht eng, aber recht genau festgesteckt. Die Musik

kann sich niemals »zur Sprache erheben« -- herablassen müßte man

eigentlich vom musikalischen Standpunkt sagen --, indem die Musik ja

offenbar eine _gesteigerte_ Sprache sein müßte.[24]

[24] Es darf nicht verschwiegen werden, daß eines der genialsten,

großartigsten Werke aller Zeiten durch seinen Glanz beitrug zu dieser

Lieblingslüge der modernen Musikkritik von dem »inneren Drängen der

Musik zur Bestimmtheit der Wortsprache« und »zur Abwerfung der

eurhythmischen Fesseln«. Wir meinen _Beethovens_ »_Neunte_«. Sie ist

eine jener geistigen Wasserscheiden, die weithin sichtbar und

unübersteiglich sich zwischen die Strömung entgegengesetzter

Überzeugungen legen.

Die Musiker, welchen die Großartigkeit der »Intention«, die geistige

Bedeutung der abstrakten Aufgabe über alles geht, stellen die neunte

Symphonie an die Spitze aller Musik; während die kleine Schar, welche,

an dem überwundenen Standpunkt der Schönheit festhaltend, für rein

ästhetische Forderungen kämpft, ihrer Bewunderung einige

Einschränkungen setzt. Wie zu erraten, handelt es sich vorzugsweise um

das Finale, da über die hohe Schönheit der ersten drei Sätze unter

aufmerksamen und vorbereiteten Hörern kaum ein Streit entstehen wird.

In diesem letzten Satz vermochten wir nie mehr als den Riesenschatten

zu sehen, den ein Riesenkörper wirft. Die Größe der Idee, das bis zur

Verzweiflung vereinsamte Gemüt zuletzt in der Freude aller zur

Versöhnung zu bringen, kann man vollkommen verstehen und erkennen, und

dennoch die Musik des letzten Satzes (bei all' ihrer genialen

Eigentümlichkeit) unschön finden. Das allgemeine Verdammungsurteil,

dem solche Sondermeinung verfällt, kennen wir recht wohl. Einer der

geistvollsten und vielseitigsten Gelehrten Deutschlands, der 1853 in

der »A. Allgemeinen Zeitung« den formellen Grundgedanken der neunten

Symphonie anzufechten unternahm, erkannte deshalb die humoristische

Notwendigkeit, sich gleich auf dem Titel für einen »beschränkten Kopf«

zu erklären. Er beleuchtete die ästhetische Ungeheuerlichkeit, welche

das Ausmünden eines mehrsätzigen Instrumentalwerks in einen _Chor_

involviert, und vergleicht _Beethoven_ mit einem Bildhauer, der Beine,

Leib, Brust, Arme einer Figur aus farblosem Marmor fertigte, den Kopf

aber koloriert. Man sollte glauben, daß jeden feinfühlenden Hörer beim

Eintritt der Menschenstimme das gleiche Unbehagen überkommen müsse,

»weil hier das Kunstwerk mit Einem Ruck seinen Schwerpunkt verändert

und dadurch auch den Hörer umzuwerfen droht«. Fast ein Dezennium

später erlebten wir die Freude, daß der »beschränkte Kopf« sich als

_David Strauß_ demaskierte.

Hingegen nennt Dr. _Becher_, der hier als Repräsentant einer ganzen

Klasse erscheinen möge, in einer 1843 gedruckten Abhandlung über die

neunte Symphonie den _vierten Satz_ »den mit jedem andern bestehenden

Tonwerke an Eigentümlichkeit der Gestaltung wie an Großartigkeit der

Komposition und kühnstem Aufschwung der einzelnen Gedanken völlig

inkommensurabeln Ausfluß von _Beethovens_ Genialität« und versichert,

dies Werk stehe ihm »mit Shakespeares König Lear und etwa einem

Dutzend anderer Emanationen des Menschengeistes in seiner höchsten

poetischen Potenz im Himalayagebirge der Kunst als Dhawalagirispitze,

selbst seine ebenbürtigen Genossen überragend«. Wie fast alle seine

Meinungsgenossen gibt Becher eine ausführliche _Schilderung der

Bedeutung_ des »Inhalts« jedes der vier Sätze und ihrer tiefen

Symbolik, -- der _Musik_ geschieht auch nicht mit Einer Silbe

Erwähnung. Das ist höchst charakteristisch für eine ganze Schule

musikalischer Kritik, welche der Frage, ob eine _Musik_ schön sei, mit

der tiefsinnigen Erörterung auszuweichen liebt, was sie Großes

_bedeute_.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 5 / 11 段