Ja, was sie eben Ohr nennen -- für das »Labyrinth« oder »Trommelfell«

dichtet kein Beethoven. Aber die _Phantasie_, die auf Gehörsempfindungen

organisiert ist, und welcher der _Sinn_ etwas ganz anderes bedeutet, als

ein bloßer Trichter an die Oberfläche der Erscheinungen, _sie_ genießt

in bewußter Sinnlichkeit die klingenden Figuren, die sich aufbauenden

Töne, und lebt frei und unmittelbar in deren Anschauung.

Es ist von außerordentlicher Schwierigkeit, dies selbständige Schöne in

der Tonkunst, dies spezifisch Musikalische zu schildern. Da die Musik

kein Vorbild in der Natur besitzt und keinen begrifflichen Inhalt

ausspricht, so läßt sich von ihr nur mit trocknen technischen

Bestimmungen, oder mit poetischen Fiktionen erzählen. Ihr Reich ist in

der Tat »nicht von dieser Welt«. All die phantasiereichen Schilderungen,

Charakteristiken, Umschreibungen eines Tonwerks sind bildlich oder

irrig. Was bei jeder andern Kunst noch Beschreibung, ist bei der

Tonkunst schon Metapher. Die Musik will nun einmal als Musik aufgefaßt

sein und kann nur aus sich selbst verstanden, in sich selbst genossen

werden.

Keineswegs ist das »Spezifisch-Musikalische« als bloß akustische

Schönheit oder proportionale Symmetrie zu verstehen, -- Zweige, die es

als untergeordnet in sich begreift, -- noch weniger kann von einem

»ohrenkitzelnden Spiel in Tönen« die Rede sein und ähnlichen

Bezeichnungen, womit der Mangel an geistiger Beseelung hervorgehoben zu

werden pflegt. Dadurch, daß wir auf musikalische Schönheit dringen,

haben wir den geistigen Gehalt nicht ausgeschlossen, sondern ihn

vielmehr bedingt. Denn wir anerkennen keine Schönheit ohne jeglichen

Anteil von Geist. Indem wir aber das Schöne in der Musik wesentlich in

_Formen_ verlegt haben, ist schon angedeutet, daß der geistige Gehalt in

engstem Zusammenhange mit diesen Tonformen steht. Der Begriff der »Form«

findet in der Musik eine ganz eigentümliche Verwirklichung. Die Formen,

welche sich aus _Tönen_ bilden, sind nicht leer, sondern erfüllte, nicht

bloße Linienbegrenzung eines Vakuums, sondern sich von innen heraus

gestaltender Geist. Der Arabeske gegenüber ist demnach die Musik in der

Tat ein _Bild_, allein ein solches, dessen Gegenstand wir nicht in Worte

fassen und unsern Begriffen unterordnen können. In der Musik ist Sinn

und Folge, aber _musikalische_; sie ist eine Sprache, die wir sprechen

und verstehen, jedoch zu _übersetzen_ nicht imstande sind. Es liegt eine

tiefsinnige Erkenntnis darin, daß man auch in Tonwerken von »Gedanken«

spricht, und wie in der Rede unterscheidet da das geübte Urteil leicht

echte Gedanken von bloßen Redensarten. Ebenso erkennen wir das

vernünftig Abgeschlossene einer Tongruppe, indem wir sie einen »_Satz_«

nennen. Fühlen wir doch so genau wie bei jeder logischen Periode, wo ihr

Sinn zu Ende ist, obgleich die Wahrheit beider ganz inkommensurabel

dasteht.

Das befriedigend Vernünftige, das an und für sich in musikalischen

Formbildungen liegen kann, beruht in gewissen primitiven Grundgesetzen,

welche die Natur in die Organisation des Menschen und in die äußeren

Lauterscheinungen gelegt hat. Das Urgesetz der »harmonischen

Progression« ist es vorzugsweise, welches, analog der Kreisform bei den

bildenden Künsten, den Keim der wichtigsten Weiterbildung und die --

leider fast unerklärte -- Erklärung der verschiedenen musikalischen

Verhältnisse in sich trägt.

Alle musikalischen Elemente stehen unter sich in geheimen, auf

Naturgesetze gegründeten Verbindungen und Wahlverwandtschaften. Diese

den Rhythmus, die Melodie und Harmonie unsichtbar beherrschenden

Wahlverwandtschaften verlangen in der menschlichen Musik ihre Befolgung

und stempeln jede ihnen widersprechende Verbindung zu Willkür und

Häßlichkeit. Sie leben, wenngleich nicht in der Form wissenschaftlichen

Bewußtseins, instinktiv in jedem gebildeten Ohr, welches demnach das

Organische, Vernunftgemäße einer Tongruppe, oder das Widersinnige,

Unnatürliche derselben durch bloße Anschauung empfindet, ohne daß ein

logischer Begriff den Maßstab oder das tertium comparationis hierzu

abgäbe.[19]

[19] »Die Poesie darf das Häßliche (Unschöne) schon einigermaßen

freigebig anwenden. Denn da die Wirkung der Poesie nur durch das

Medium der unmittelbar von ihr erweckten Begriffe an das Gefühl

gelangt, so wird die Vorstellung der Zweckmäßigkeit den Eindruck des

Häßlichen (Unschönen) von vornherein insoweit mildern, daß es als

Reizmittel und Gegensatz sogar die höchste Wirkung hervorbringen kann.

Der Eindruck der Musik aber wird unmittelbar vom Sinn empfangen und

genossen, die Billigung des Verstandes kommt zu spät, um die Störungen

des Mißfälligen wieder auszugleichen. Daher darf Shakespeare bis zum

Gräßlichen gehen, Mozarts Grenze war das Schöne.« (_Grillparzer_, IX.

142.)

In dieser negativen, inneren Vernünftigkeit, welche dem Tonsystem durch

Naturgesetze innewohnt, wurzelt dessen weitere Fähigkeit zur Aufnahme

_positiven_ Schönheitsgehalts.

Das Komponieren ist ein Arbeiten des Geistes in geistfähigem Material.

So reichhaltig wir dies musikalische Material befunden haben, so

elastisch und durchdringbar erweist es sich für die künstlerische

Phantasie. Diese baut nicht wie der Architekt aus rohem, schwerfälligem

Gestein, sondern auf der Nachwirkung vorher verklungener Töne.

Geistigerer, feinerer Natur als jeder andere Kunststoff, nehmen die Töne

willig jedwede Idee des Künstlers in sich auf. Da nun die

Tonverbindungen, in deren Verhältnissen das musikalisch Schöne ruht,

nicht durch mechanisches Aneinanderreihen, sondern durch freies Schaffen

der Phantasie gewonnen werden, so prägt sich die geistige Kraft und

Eigentümlichkeit dieser bestimmten Phantasie dem Erzeugnis als

_Charakter_ auf. Als Schöpfung eines denkenden und fühlenden Geistes hat

demnach eine musikalische Komposition in hohem Grade die Fähigkeit,

selbst geist- und gefühlvoll zu sein. Diesen geistigen Gehalt werden wir

in jedem musikalischen Kunstwerk fordern, doch darf er in kein anderes

Moment desselben verlegt werden, als in die _Tonbildungen selbst_.

Unsere Ansicht über den Sitz des Geistes und Gefühls einer Komposition

verhält sich zu der gewöhnlichen Meinung wie die Begriffe _Immanenz_

und _Transscendenz_. Jede Kunst hat zum Ziel, eine in der Phantasie des

Künstlers lebendig gewordene Idee zur äußeren Erscheinung zu bringen.

Dies Ideelle in der Musik ist ein _tonliches_, nicht ein begriffliches,

welches erst in Töne zu übersetzen wäre. Nicht der Vorsatz, eine

bestimmte Leidenschaft musikalisch zu schildern, sondern die Erfindung

einer bestimmten Melodie ist der springende Punkt, aus welchem jedes

weitere Schaffen des Komponisten seinen Ausgang nimmt. Durch jene

primitive, geheimnisvolle Macht, in deren Werkstätte das Menschenauge

nun und nimmermehr dringen wird, erklingt in dem Geist des Komponisten

ein Thema, ein Motiv. Hinter die Entstehung dieses _ersten_ Samenkorns

können wir nicht zurückgehen, wir müssen es als einfache Tatsache

hinnehmen. Ist es einmal in die Phantasie des Künstlers gefallen, so

beginnt sein Schaffen, welches, von diesem Hauptthema ausgehend und sich

stets darauf beziehend, das Ziel verfolgt, es in allen seinen

Beziehungen darzustellen. Das Schöne eines selbständigen einfachen

Themas kündigt sich in dem ästhetischen Gefühl mit jener Unmittelbarkeit

an, welche keine andere Erklärung duldet, als höchstens die innere

Zweckmäßigkeit der Erscheinung, die Harmonie ihrer Teile, ohne Beziehung

auf ein außerhalb existierendes Drittes. Es gefällt uns an sich, wie die

Arabeske, die Säule, oder wie Produkte des Naturschönen, wie Blatt und

Blume.

Nichts irriger und häufiger, als die Anschauung, welche »schöne Musik«

mit und ohne geistigen Gehalt unterscheidet. Sie faßt den Begriff des

Schönen in der Musik viel zu eng und stellt sich die kunstreich

zusammengefügte Form als etwas für sich selbst Bestehendes, die

hineingegossene Seele gleichfalls als etwas Selbständiges vor und teilt

nun konsequent die Kompositionen in gefüllte und leere Champagnerflaschen.

Der musikalische Champagner hat aber das Eigentümliche, er wächst _mit_

der Flasche.

Ein bestimmter musikalischer Gedanke ist ohne weiteres durch sich

geistvoll, der andere gemein; diese abschließende Kadenz klingt würdig,

durch Veränderung von zwei Noten wird sie platt. Mit voller Richtigkeit

bezeichnen wir ein musikalisches Thema als großartig, graziös, innig,

geistlos, trivial; all diese Ausdrücke bezeichnen aber den

_musikalischen_ Charakter der Stelle. Zur Charakterisierung dieses

musikalischen Ausdrucks eines Motivs wählen wir häufig Begriffe aus

unserem _Gemütsleben_, als »stolz, mißmutig, zärtlich, beherzt,

sehnend«. Wir können die Bezeichnungen aber auch aus anderen

Erscheinungskreisen nehmen und eine Musik: »duftig, frühlingsfrisch,

nebelhaft, frostig« nennen, Gefühle sind also zur Bezeichnung

musikalischen Charakters nur _Phänomene_ wie andere, welche

Ähnlichkeiten dafür bieten. Derlei Epitheta mag man im Bewußtsein ihrer

Bildlichkeit brauchen, ja man kann ihrer nicht entraten, nur hüte man

sich zu sagen: diese Musik _schildert_ Stolz usf.

Die genaue Betrachtung aller musikalischen Bestimmtheiten eines Themas

überzeugt uns aber, daß es -- bei aller Unerforschlichkeit der letzten,

ontologischen Gründe -- doch eine Anzahl näherliegender Ursachen gibt,

mit welchen der geistige Ausdruck einer Musik in genauem Zusammenhang

steht. Jedes einzelne musikalische Element (d. h. jedes Intervall, jede

Klangfarbe, jeder Akkord, jeder Rhythmus usf.) hat seine eigentümliche

Physiognomie, seine bestimmte Art zu wirken. Unerforschlich ist der

Künstler, erforschlich das Kunstwerk.

Dasselbe Thema klingt anders über dem Dreiklang, als über einem

Sextakkord; ein Melodienschritt in die Septime trägt ganz anderen

Charakter als in die Sexte, der Rhythmus, der ein Motiv begleitet, ob

laut oder leise, von dieser oder jener Klanggattung, ändert dessen

spezifische Färbung: kurz jeder einzelne Faktor einer Stelle trägt dazu

mit Notwendigkeit bei, daß sie gerade _diesen_ geistigen Ausdruck

annimmt, so und nicht anders auf den Hörer wirkt. Was die _Halévy_sche

Musik bizarr, die _Auber_sche graziös macht, was die Eigentümlichkeit

bewirkt, an der wir sogleich _Mendelssohn_, _Spohr_ erkennen, dies alles

läßt sich auf rein _musikalische_ Bestimmungen zurückführen, ohne

Berufung auf das rätselhafte _Gefühl_.

_Warum_ die häufigen Quintsext-Akkorde, die engen, diatonischen Themen

bei _Mendelssohn_, die Chromatik und Enharmonik bei _Spohr_, die kurzen,

zweiteiligen Rhythmen bei _Auber_ usw. gerade diesen bestimmten,

unvermischbaren Eindruck erzeugen -- dies kann freilich weder die

Psychologie noch die Physiologie beantworten.

Wenn man jedoch nach der _nächsten_ bestimmenden Ursache fragt, -- und

darauf kommt es ja in der Kunst vorzüglich an, -- so liegt die

leidenschaftliche Einwirkung eines Themas nicht in dem vermeintlich

übermäßigen Schmerz des Komponisten, sondern in dessen übermäßigen

Intervallen, nicht in dem Zittern seiner Seele, sondern im Tremolo der

Pauken, nicht in seiner Sehnsucht, sondern in der Chromatik. Der

_Zusammenhang_ beider soll keineswegs ignoriert, vielmehr bald näher

betrachtet werden; festzuhalten ist aber, daß der wissenschaftlichen

Untersuchung über die Wirkung eines Themas nur jene _musikalischen_

Faktoren unwandelbar und objektiv vorliegen, niemals die vermutliche

Stimmung, welche den Komponisten dabei erfüllte. Will man von dieser

unmittelbar auf die Wirkung des Werkes folgern, oder diese aus jener

erklären, so kann der Schlußsatz _vielleicht_ richtig ausfallen, aber

das wichtigste Mittelglied der Deduktion, nämlich die _Musik_ selbst,

wurde übersprungen.

Die _praktische_ Kenntnis des Charakters jedes musikalischen Elements

hat der tüchtige Komponist, sei es in mehr instinktiver oder bewußter

Weise, inne. Zur wissenschaftlichen Erklärung der verschiedenen

musikalischen Wirkungen und Eindrücke gehört jedoch eine _theoretische_

Kenntnis der genannten Charaktere, von ihrer reichsten Zusammensetzung

bis in das letzte unterscheidbare Element. Der bestimmte Eindruck, mit

welchem eine Melodie Macht über uns gewinnt, ist nicht schlechthin

»rätselhaftes, geheimnisvolles Wunder«, das wir nur »fühlen und ahnen«

dürfen, sondern unausbleibliche Konsequenz der musikalischen Faktoren,

welche in dieser bestimmten Verbindung wirken. Ein knapper oder weiter

Rhythmus, diatonische oder chromatische Fortschreitung, -- alles hat

seine charakteristische Physiognomie und besondere Art uns anzusprechen;

darum wird es dem gebildeten Musiker eine ungleich deutlichere

Vorstellung von dem Ausdruck eines ihm fremden Tonstückes geben, daß

z. B. zuviel verminderte Septakkorde und Tremolo darin vorherrschen, als

die poetischeste Schilderung der Gefühlskrisen, welche der Referent

dabei durchgemacht.

Die Erforschung der Natur jedes einzelnen musikalischen Elementes,

seines Zusammenhanges mit einem bestimmten Eindruck, -- nur der

Tatsache, nicht des letzten Grundes, -- endlich die Zurückführung dieser

speziellen Beobachtungen auf allgemeine Gesetze: das wäre jene

»philosophische Begründung der Musik«, welche so viele Autoren ersehnen,

ohne uns nebenbei mitzuteilen, was sie darunter eigentlich verstehen.

Die psychische und physische Einwirkung jedes Akkords, jedes Rhythmus,

jedes Intervalls wird aber nimmermehr erklärt, indem man sagt: dieser

ist Rot, jener Grün, oder dieser Hoffnung, jener Mißmut, sondern nur

durch Subsumierung der spezifisch musikalischen Eigenschaften unter

allgemeine ästhetische Kategorien und dieser unter Ein oberstes Prinzip.

Wären dergestalt die einzelnen Faktoren in ihrer Isolierung erklärt, so

müßte weiter gezeigt werden, wie sie einander in den verschiedensten

Kombinationen bestimmen und modifizieren. Der _Harmonie_ und der

_kontrapunktischen_ Begleitung haben die meisten Tongelehrten eine

vorzügliche Stellung zu dem geistigen _Gehalt_ der Komposition

eingeräumt. Nur ging man in dieser Vindikation viel zu oberflächlich und

atomistisch zu Werke. Man bestimmte die _Melodie_ als Eingebung des

Genies, als Trägerin der Sinnlichkeit und des Gefühls -- bei dieser

Gelegenheit erhielten die Italiener ein gnädiges Lob; im _Gegensatz_ zur

Melodie wurde die _Harmonie_ als Trägerin des gediegenen Gehalts

aufgeführt, als erlernbar und Produkt des Nachdenkens. Es ist seltsam,

wie lange man sich mit einer so dürftigen Anschauungsweise zufrieden

stellen konnte. Beiden Behauptungen liegt ein Richtiges zugrunde, doch

gelten sie weder in dieser Allgemeinheit, noch kommen sie in solcher

Isolierung vor. Der Geist ist Eins und die musikalische Erfindung eines

Künstlers gleichfalls. Melodie und Harmonie eines Themas entspringen

zugleich in _einer_ Rüstung aus dem Haupt des Tondichters. Weder das

Gesetz der Unterordnung noch des Gegensatzes trifft das _Wesen_ des

Verhältnisses der Harmonie zur Melodie. Beide können hier gleichzeitige

Entfaltungskraft ausüben, dort sich einander freiwillig unterordnen, --

in dem einen wie dem andern Fall kann die höchste geistige Schönheit

erreicht werden. Ist's etwa die (ganz fehlende) _Harmonie_ in den

Hauptmotiven zu Beethovens Coriolan- und Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre,

was ihnen den Ausdruck gedankenreichen Tiefsinns verleiht? Wird man

_Rossinis_ Thema »O, Mathilde« oder ein neapolitanisches Volkslied mit

mehr Geist erfüllen, wenn man einen basso continuo oder komplizierte

Akkordenfolgen an die Stellen des notdürftigen Harmoniegeländes setzt?

_Diese_ Melodie mußte mit _dieser_ Harmonie zugleich erdacht werden, mit

_diesem_ Rhythmus und _dieser_ Klanggattung. Der geistige Gehalt kommt

nur dem Verein _aller_ zu, und die Verstümmlung eines Gliedes verletzt

den Ausdruck auch der übrigen. Das _Vorherrschen_ der Melodie oder der

Harmonie oder des Rhythmus kommt dem Ganzen zugute, und hier allen Geist

in den Akkorden, dort alle Trivialität in deren Mangel zu finden, ist

bare Schulmeisterei. Die Kamelie kommt duftlos zutage, die Lilie

farblos, die Rose prangt für beide Sinne -- da läßt sich nichts

übertragen, und ist doch jede von ihnen schön!

So hätte die »philosophische Begründung der Musik« vorerst zu

erforschen, welche notwendigen geistigen Bestimmtheiten mit jedem

musikalischen Element verbunden sind, und wie sie miteinander

zusammenhängen. Die doppelte Forderung eines streng wissenschaftlichen

Gerippes und einer höchst reichhaltigen Kasuistik machen die Aufgabe zu

einer sehr schwierigen, aber kaum unüberwindlichen, es wäre denn, daß

man das Ideal einer »exakten« Musikwissenschaft, nach dem Muster der

Chemie oder Physiologie, erstrebte!

Die Art, wie der Akt des Schaffens im instrumentalen Tondichter vorgeht,

gibt uns den sichersten Einblick in das Eigentümliche des musikalischen

Schönheitsprinzips. Eine _musikalische_ Idee entspringt primitiv in des

Tondichters Phantasie, er spinnt sie weiter, -- es schießen immer mehr

und mehr Kristalle an, bis unmerklich die Gestalt des ganzen Gebildes in

ihren Hauptformen vor ihm steht und nur die künstlerische Ausführung,

prüfend, messend, abändernd, hinzuzutreten hat. An die Darstellung eines

bestimmten Inhaltes denkt der instrumentale Tonsetzer nicht. Tut er es,

so stellt er sich auf einen falschen Standpunkt, mehr neben als in der

Musik. Seine Komposition wird die Übersetzung eines _Programms_ in Töne,

welche dann ohne jenes Programm unverständlich bleiben. Wir verkennen

weder, noch unterschätzen wir _Berlioz_' glänzendes Talent, wenn wir an

dieser Stelle seinen Namen nennen. Ihm ist _Liszt_ mit seinen weit

schwächeren »symphonischen Dichtungen« nachgefolgt.

Wie aus dem gleichen Marmor der eine Bildhauer bezaubernde Formen, der

andere eckiges Ungeschick heraushaut, so gestaltet sich die Tonleiter

unter verschiedenen Händen zur Beethovenschen Ouvertüre, oder zur

Verdischen. Was unterscheidet die beiden? Etwa, daß die eine höhere

Gefühle, oder dieselben Gefühle richtiger darstellt? Nein, sondern daß

sie schönere Tonformen bildet. Nur dies macht eine Musik gut oder

schlecht, daß ein Komponist ein geistsprühendes Thema einsetzt, der

andere ein gemeines, daß der erstere es nach allen Beziehungen immer neu

und bedeutend entwickelt, der letztere seines womöglich immer schlechter

macht, die Harmonie des einen wechselvoll und originell sich entfaltet,

während die zweite vor Armut nicht vom Flecke kommt, der Rhythmus hier

ein lebenswarm hüpfender Puls ist, dort ein Zapfenstreich.

Es gibt keine Kunst, welche so bald und so viele Formen verbraucht, wie

die Musik. Modulationen, Kadenzen, Intervallenfortschreitungen,

Harmonienfolgen nutzen sich in fünfzig, ja dreißig Jahren dergestalt ab,

daß der geistvolle Komponist sich deren nicht mehr bedienen kann und

fortwährend zur Erfindung neuer, rein musikalischer Züge gedrängt wird.

Man kann von einer Menge Kompositionen, die hoch über dem Alltagstand

ihrer Zeit stehen, ohne Unrichtigkeit sagen, daß sie einmal schön

_waren_. Die Phantasie des geistreichen Künstlers wird aus den

geheim-ursprünglichen Beziehungen der musikalischen Elemente und ihrer

unzählbar möglichen Kombinationen die feinsten, verborgensten entdecken,

sie wird Tonformen bilden, die aus freiester Willkür erfunden und doch

zugleich durch ein unsichtbar feines Band mit der Notwendigkeit

verknüpft erscheinen. Solche Werke oder Einzelheiten derselben werden

wir ohne Bedenken »geistreich« nennen. Hiermit berichtigt sich leicht

_Oulibicheffs_ mißverständliche Ansicht, eine Instrumentalmusik könne

nicht geistreich sein, indem »für einen Komponisten der Geist einzig und

allein in einer gewissen _Anwendung_ seiner Musik auf ein direktes oder

indirektes Programm bestehe«. Es wäre unserer Ansicht nach ganz richtig,

das berühmte dis in dem Allegro der »Don Juan«-Ouvertüre oder den

absteigenden Unisonogang darin einen geistreichen Zug zu nennen, -- nun

und nimmermehr hat aber das erstere (wie Oulibicheff meint) »die

feindliche Stellung Don Juans gegen das Menschengeschlecht«, und

letzterer die Väter, Gatten, Brüder und Liebhaber der von Don Juan

verführten Frauen vorgestellt. Sind alle diese Deutungen an sich schon

vom Übel, so werden sie es doppelt bei _Mozart_, welcher -- die

musikalischste Natur, welche die Kunstgeschichte aufweist -- alles, was

er nur berührt hat, in Musik verwandelte. _Oulibicheff_ sieht auch in

der G-moll-Symphonie die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe in

vier verschiedenen Phasen genau ausgedrückt. Die G-moll-Symphonie ist

Musik und weiter nichts. Das ist jedenfalls genug. Man suche nicht die

Darstellung bestimmter Seelenprozesse oder Ereignisse in Tonstücken,

sondern vor allem _Musik_, und man wird rein genießen, was sie

vollständig gibt. Wo das Musikalisch-Schöne fehlt, wird das

Hineinklügeln einer großartigen Bedeutung es nie ersetzen; und dies ist

unnütz, wo jenes existiert. Auf alle Fälle bringt es die musikalische

Auffassung in eine ganz falsche Richtung. Dieselben Leute, welche der

Musik eine vorragende Stellung unter den Offenbarungen des menschlichen

Geistes vindizieren wollen, welche sie nicht hat und nie erlangen wird,

weil sie nicht imstande ist, _Überzeugungen_ mitzuteilen, -- dieselben

Leute haben auch den Ausdruck »Intention« in Schwang gebracht. In der

Tonkunst gibt's keine »Intention«, welche die fehlende »Invention«

ersetzen könnte. Was nicht zur Erscheinung kommt, ist in der Musik gar

nicht da, was aber zur Erscheinung gekommen ist, hat aufgehört, bloße

Intention zu sein. Der Ausspruch: »Er hat Intentionen«, wird meist in

lobender Absicht angewandt, -- mir scheint er eher ein Tadel, welcher in

trockenes Deutsch übersetzt etwa lauten würde: der Künstler möchte wohl,

allein er kann nicht. _Kunst_ kommt aber von _Können_; wer nichts kann,

-- hat »Intentionen«.

Wie das Schöne eines Tonstücks lediglich in dessen musikalischen

Bestimmungen wurzelt, so folgen auch die Gesetze seiner Konstruktion nur

diesen. Es herrschen darüber eine Menge schwankender, irriger Ansichten,

von welchen hier nur eine angeführt werden mag.

Dies ist nämlich die aus der Gefühlsanschauung hervorgegangene

landläufige Theorie der _Sonate_ und _Symphonie_. Der Tonsetzer, heißt

es, habe vier voneinander verschiedene _Seelenzustände_, die aber

miteinander (wie?) zusammenhängen, in den einzelnen Sätzen der Sonate

darzustellen. Um den unleugbaren Zusammenhang der Sätze zu rechtfertigen

und ihre verschiedene Wirkung zu erklären, zwingt man ordentlich den

Zuhörer, ihnen bestimmte Gefühle als Inhalt unterzulegen. Die Deutung

paßt manchmal, öfter auch nicht, niemals mit Notwendigkeit. Dies aber

wird immer mit Notwendigkeit passen, daß vier Tonsätze zu einem Ganzen

verbunden sind, welche nach _musikalisch_-ästhetischen Gesetzen sich

abzuheben und zu steigern haben.

Wir verdanken dem phantasiereichen Maler _M. v. Schwind_ eine sehr

anziehende Illustration der Klavierphantasie op. 80 von _Beethoven_,

deren einzelne Sätze der Künstler als zusammenhängende Ereignisse

derselben Hauptpersonen auffaßte und bildlich darstellte. Geradeso wie

der Maler Szenen und Gestalten aus den Tönen heraussieht, so legt der

Zuhörer Gefühle und Ereignisse hinein. Beides hat damit einen gewissen

Zusammenhang, aber keinen _notwendigen_, und nur mit diesem haben es

wissenschaftliche Gesetze zu tun.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 4 / 11 段