[14] Zu welchen Absurditäten das falsche Prinzip führt, in jedem

Musikstück die Darstellung eines bestimmten Gefühles zu finden, und

das noch falschere: für jede Gattung musikalischer Kunstformen ein

spezielles _Gefühl_ als notwendigen Inhalt zu diktieren, -- ersieht

man aus den Werken geistreicher Männer wie _Mattheson_. Getreu seinem

Grundsatz: »Wir müssen bei jeder Melodie uns eine Gemütsbewegung zum

Hauptzweck setzen«, lehrt er in seinem »Vollkommenen Kapellmeister«

(S. 230 ff.): »Die Leidenschaft, welche in einer Kurrende vorgetragen

werden soll, ist die Hoffnung.« »Die Sarabande hat keine andere

Leidenschaft auszudrücken, als die _Ehrsucht_.« »Im Concerto grosso

führt die _Wollust_ das Regiment.« Die _Chaconne_ habe »Ersättigung«

auszudrücken, die _Ouvertüre_ »Edelmut«.

Unser Resultat ließe vielleicht noch der Meinung Raum, daß die

Darstellung bestimmter Gefühle für die Musik zwar ein Ideal sei, das

sie niemals ganz erreichen, dem sie sich aber immer mehr nähern könne

und solle. Die vielen großsprechenden Redensarten von der Tendenz der

Musik, die Schranken ihrer Unbestimmtheit zu durchbrechen und konkrete

Sprache zu werden, die beliebten Lobpreisungen solcher Kompositionen, an

welchen man dies Bestreben wahrnimmt oder wahrzunehmen vermeint, zeugen

von der wirklichen Verbreitung solcher Ansicht.

Allein noch entschiedener, als wir die Möglichkeit musikalischer

Gefühlsdarstellung bekämpften, haben wir die Meinung abzuwehren, als

könne diese jemals das _ästhetische Prinzip_ der Tonkunst abgeben.

Das _Schöne_ in der Musik würde mit der Genauigkeit der

Gefühlsdarstellung auch dann nicht kongruieren, wenn diese _möglich_

wäre. Nehmen wir diese Möglichkeit für einen Moment an, um uns praktisch

zu überzeugen.

Offenbar können wir diese Fiktion nicht an der _Instrumentalmusik_

versuchen, welche die Nachweisung bestimmter Affekte von selbst

verwehrt, sondern nur an der _Vokalmusik_, der das Betonen

vorgezeichneter Seelenzustände zukommt.[15]

[15] In Kritiken von Vokalmusik hat der Verfasser (und andere seinen

Grundsätzen beistimmende Kritiker) der Kürze und Bequemlichkeit halber

häufig die Worte »Ausdrücken«, »Schildern«, »Darstellen« von den Tönen

u. dgl. arglos gebraucht, und man darf sie wohl gebrauchen, wenn man

sich ihrer Uneigentlichkeit streng bewußt bleibt, d. h. ihrer

Beschränktheit auf symbolischen und dynamischen Ausdruck.

Hier bestimmen die dem Komponisten vorliegenden _Worte_ das zu

schildernde Objekt; die Musik hat die Macht, es zu beleben, zu

kommentieren, ihm in mehr oder weniger hohem Grade den Ausdruck

individueller Innerlichkeit zu verleihen. Sie tut dies durch möglichste

Charakteristik der Bewegung und durch Verwertung der den Tönen

innewohnenden Symbolik. Faßt sie als Hauptgesichtspunkt den Text ins

Auge, und nicht die eigene ausgeprägte Schönheit, so kann sie es zu

hoher Individualisierung, ja zu dem Scheine bringen, sie allein stelle

wirklich das Gefühl dar, welches in den Worten bereits unverrückbar,

wenngleich steigerungsfähig vorlag. Diese Tendenz erreicht in der

Wirkung etwas Ähnliches mit dem vorgeblichen »_Darstellen_ eines

Affektes als Inhalt des bestimmten Musikstücks«. Gesetzt den Fall, jene

wirkliche und diese angebliche Kraft der Tonkunst wären kongruent, die

Gefühlsdarstellung möglich und Inhalt der Musik, so würden wir

folgerichtig solche Kompositionen die vollkommensten nennen, welche die

Aufgabe _am bestimmtesten lösen_. Allein wer kennt nicht Tonwerke von

höchster Schönheit _ohne_ solchen Inhalt? (Wir erinnern an Bachs Fugen

und Präludien.) Umgekehrt gibt es Vokalkompositionen, welche ein

bestimmtes Gefühl aufs genauste, innerhalb der eben erklärten Grenzen,

abzukonterfeien suchen, und welchen die _Wahrheit_ dieses Schilderns

über jedes andere Prinzip geht. Bei näherer Betrachtung gelangen wir zu

dem Ergebnis, daß das rücksichtslose Anschmiegen solcher musikalischen

Schilderung meist in umgekehrtem Verhältnis steht zu ihrer selbständigen

Schönheit, daß also die deklamatorisch-_dramatische Genauigkeit_ und die

_musikalische Vollendung_ nur die Hälfte Weges miteinander

fortschreiten, dann aber sich trennen.

Am deutlichsten zeigt dies das _Rezitativ_, als diejenige Form, welche

am unmittelbarsten und bis auf den Akzent des einzelnen Wortes sich dem

deklamatorischen Ausdruck anschmiegt, nicht mehr anstrebend, als einen

getreuen Abguß bestimmter, meist rasch wechselnder Gemütszustände. Dies

müßte, als wahre Verkörperung jener Lehre, die höchste, vollkommenste

Musik sein; in der Tat aber sinkt diese im Rezitativ ganz zur Dienerin

herab und verliert ihre selbständige Bedeutung. Ein Beweis, daß der

Ausdruck bestimmter Seelenvorgänge mit der Aufgabe der Musik nicht

kongruiert, sondern in letzter Konsequenz derselben hemmend

entgegensteht. Man spiele ein längeres Rezitativ mit Hinweglassung der

Worte und frage dann nach seinem musikalischen Wert und Bedeuten. Diese

Probe aber muß _jede Musik_ aushalten, welcher _allein_ wir die

hervorgebrachte Wirkung zuschreiben sollen.

Keineswegs auf das Rezitativ beschränkt, können wir vielmehr an den

höchsten und erfülltesten Kunstformen dieselbe Bestätigung finden, wie

die _musikalische Schönheit_ stets geneigt sei, dem _speziell

Ausdrückenden_ zu weichen, weil jene ein selbständiges Entfalten, dieses

ein dienendes Verleugnen erheischt.

Steigen wir empor vom deklamatorischen Prinzip im Rezitativ zum

dramatischen in der Oper. Die Musikstücke in _Mozarts_ Opern stehen im

vollen Einklang mit ihrem Text. Hört man selbst die kompliziertesten,

die Finales, ohne Text, so werden Mittelglieder etwa unklar bleiben, die

Hauptpartien und deren Ganzes aber an sich schöne Musik sein. Das

gleichmäßige Genügen an die musikalischen und die dramatischen

Anforderungen gilt bekanntlich darum mit Recht für das Ideal der Oper.

Daß jedoch das Wesen derselben eben dadurch ein steter _Kampf_ ist

zwischen dem Prinzip der dramatischen Genauigkeit und dem der

musikalischen Schönheit, ein unaufhörliches Konzedieren des einen an das

andere, dies ist meines Wissens nie erschöpfend entwickelt worden. Nicht

die Unwahrheit, daß sämtliche handelnde Personen _singen_, macht das

Prinzip der Oper schwankend und schwierig -- solche Illusionen geht die

Phantasie mit großer Leichtigkeit ein -- die unfreie Stellung aber,

welche Musik und Text zu einem fortwährenden Überschreiten oder

Nachgeben zwingt, macht, daß die Oper wie ein konstitutioneller Staat

auf einem steten Kampfe zweier berechtigter Gewalten beruht. Dieser

Kampf, in dem der Künstler bald das eine, bald das andere Prinzip muß

siegen lassen, ist der Punkt, aus welchem alle Unzulänglichkeiten der

Oper entspringen und alle Kunstregeln auszugehen haben, welche eben für

die _Oper_ Entscheidendes sagen wollen. In ihre Konsequenzen verfolgt,

müssen das musikalische und das dramatische Prinzip einander notwendig

durchschneiden. Nur sind die beiden Linien lang genug, um dem

menschlichen Auge eine beträchtliche Strecke hindurch _parallel_ zu

scheinen.

Ähnliches gilt vom _Tanze_, wie wir in jedem Ballett beobachten können.

Je mehr er die schöne Rhythmik seiner Formen verläßt, um mit

Gestikulation und Mimik _sprechend_ zu werden, bestimmte Gedanken und

Gefühle auszudrücken, desto mehr nähert er sich der formlosen

Bedeutsamkeit der bloßen Pantomime. Die Steigerung des dramatischen

Prinzips im Tanze wird im selben Maß eine Verletzung seiner

plastisch-rhythmischen Schönheit. _Ganz_ wie ein gesprochenes Drama oder

ein reines Instrumentalwerk vermag eine Oper nicht dazustehen. Darum

wird das Augenmerk des echten Opernkomponisten wenigstens ein stetes

Verbinden und Vermitteln sein, niemals ein prinzipielles

verhältnismäßiges Vorherrschen des einen oder des andern Moments. Im

Zweifel wird er sich aber für die Bevorzugung der _musikalischen_

Forderung entscheiden; denn die Oper ist vorerst Musik, nicht Drama. Man

kann dies leicht an der eigenen, sehr verschiedenen Intention ermessen,

mit der man ein Drama besucht, oder aber eine Oper derselben Handlung.

Die Vernachlässigung des musikalischen Teils wird uns immer weit

empfindlicher treffen.[16]

[16] Ungemein charakteristisch ist, was Mozart _über die Stellung der

Musik zur Poesie_ in der Oper sagt. Ganz im Gegensatz zu _Gluck_, der

die Musik der Poesie untergeordnet wissen will, meint Mozart, daß die

Poesie der Musik gehorsame Tochter sein solle. Er weist in der Oper

der Musik, wo sie zum Ausdruck der Stimmung verwandt wird, entschieden

die Herrschaft zu. Er beruft sich auf das Faktum, daß gute Musik die

elendesten Texte vergessen lasse, -- ein Fall, wo das Umgekehrte

stattfand, dürfte kaum anzuführen sein --; es folgt aber auch

unwidersprechlich aus dem Wesen und der _Natur der Musik_. Schon

dadurch, daß sie unmittelbar und mächtiger als jede andere Kunst die

Sinne ergreift und ganz in Anspruch nimmt, macht sie den Eindruck,

welchen die poetische Darstellung durch die Sprache hervorbringen

kann, für den Augenblick zurücktreten; sie wirkt ferner durch den Sinn

des Gehörs in einer, wie es scheint, noch nicht aufgeklärten Weise

unmittelbar auf die Phantasie und das Gefühl mit einer erregenden

Kraft ein, welche ebenfalls die der Poesie momentan überflügelt (O.

Jahn, »Mozart«, III. 91).

Die größte kunstgeschichtliche Bedeutung des berühmten Streites zwischen

den _Gluckisten_ und den _Piccinisten_ liegt für uns darin, daß dabei

der innere Konflikt der _Oper_ durch den Widerstreit ihrer beiden

Faktoren, des musikalischen und des dramatischen, zum erstenmal

ausführlich zur Sprache kam. Freilich geschah dies ohne ein

wissenschaftliches Bewußtsein von der unermeßlichen prinzipiellen

Bedeutung des Entscheides. Wer sich die lohnende Mühe nicht gereuen

läßt, auf die Quellen jenes Musikstreites selbst zurückzugehen,[17]

wird wahrnehmen, wie darin auf der reichen Skala zwischen Grobheit und

Schmeichelei die ganze witzige Fechtergewandtheit französischer Polemik

herrscht, zugleich aber eine solche Unmündigkeit in der Auffassung des

prinzipiellen Teiles, ein solcher Mangel an tieferem Wissen, daß für die

musikalische Ästhetik _ein Resultat_ aus diesen langjährigen Debatten

nicht zutage steht. -- Die bevorzugtesten Köpfe: _Suard_ und _Abbé

Arnaud_ auf Glucks Seite, _Marmontel_ und _La Harpe_ wider ihn, gingen

zwar wiederholt über die Kritik Glucks hinaus zu einer Beleuchtung des

_dramatischen_ Prinzips in der Oper und seines Verhältnisses zum

_musikalischen_; allein sie behandelten dieses Verhältnis wie eine

Eigenschaft der Oper unter vielen, nicht aber als das innerste

Lebensprinzip derselben. Sie hatten keine Ahnung, daß von der

Entscheidung dieses Verhältnisses die ganze Existenz der Oper abhänge.

Merkwürdig ist, wie ganz nahe insbesondere Glucks Gegner einigemal dem

Punkte sind, von dem aus der Irrtum des dramatischen Prinzips vollkommen

erschaut und besiegt werden mag. So sagt _de la Harpe_ im Journal de

Politique et de Littérature vom 5. Oktober 1777: »On objecte, qu'il

n'est pas naturel, de chanter un air de cette nature dans une situation

passionée, que c'est un moyen d'arrêter la scène et de nuir à l'effet.

Je trouve ces objections absolument illusoires. D'abord dès qu'on admet

le chant, il faut l'admettre le plus beau possible, et il n'est pas plus

naturel de chanter mal, que de chanter bien. Tous les arts sont fondées

sur des conventions, sur des données. Quand je viens à l'opéra, c'est

pour entendre la musique. Je n'ignore pas, qu'_Alceste_ ne faisait ses

Adieux à _Admète_ en chantant un air; mais comme Alceste est sur le

théâtre pour chanter, si je retrouve sa douleur et son amour dans un air

bien melodieux, je jouirai de son chant en m'intéressant à son

infortune.« Sollte man glauben, daß de la Harpe selbst nicht erkannte,

wie prächtig er da auf festem Boden stand? Denn bald darauf läßt er sich

beikommen, das Duo zwischen Agamemnon und Achilles in der »Iphigenia«

aus dem Grunde zu bekämpfen, »weil es sich durchaus nicht mit der Würde

dieser beiden Helden vertrage, daß sie zu gleicher Zeit redeten«. Damit

hatte er jenen festen Boden, das Prinzip der _musikalischen_ Schönheit,

verlassen und verraten, das Prinzip des Gegners stillschweigend,

unbewußt anerkennend.

[17] Die wichtigsten dieser Streitschriften finden sich in der

Sammlung: »Mémoires pour servir à l'histoire de la Révolution opérée

dans la musique par Mr. le chevalier _Gluck_.« Naples et Paris 1781.

Je konsequenter man das _dramatische_ Prinzip in der Oper rein halten

will, ihr die Lebensluft der musikalischen Schönheit entziehend, desto

siecher schwindet sie dahin, wie ein Vogel unter der Luftpumpe. Man muß

notwendig bis zum rein _gesprochenen_ Drama zurückkommen, womit man

wenigstens den Beweis hat, daß die Oper wirklich _unmöglich_ ist, wenn

man nicht dem _musikalischen_ Prinzip (mit vollem Bewußtsein seiner

realitätfeindlichen Natur) die Oberherrschaft in der Oper einräumt. In

der wirklichen künstlerischen Ausübung ist diese Wahrheit auch niemals

geleugnet worden, und selbst der strengste Dramatiker, Gluck, stellt

zwar die falsche Theorie auf, die Opernmusik habe nichts anderes zu sein

als eine gesteigerte Deklamation -- in der Ausübung bricht aber die

_musikalische_ Natur des Mannes oft genug durch, und stets zum großen

Vorteil seines Werkes. Dasselbe gilt von _Richard Wagner_. Für unseren

Zusammenhang ist nur scharf hervorzuheben, daß der Hauptgrundsatz

_Wagners_, wie er ihn im ersten Band von »Oper und Drama« ausspricht:

»Der Irrtum der Oper als Kunstgenre besteht darin, daß ein Mittel (die

Musik) zum Zweck, der Zweck (das Drama) aber zum Mittel gemacht wird«,

-- auf falschem Boden steht. Denn eine Oper, in der die Musik immer und

wirklich _nur als Mittel_ zum dramatischen Ausdruck gebracht wird, ist

ein musikalisches Unding.[18]

[18] Ich kann mir nicht versagen, hier einige treffende Aussprüche von

Grillparzer und M. Hauptmann zu zitieren:

»Unsinnig« nennt es Grillparzer, »die Musik bei der Oper zur bloßen

Sklavin der Poesie zu machen«, und fährt weiter fort: »_wäre die Musik

in der Oper nur da, um das noch einmal auszudrücken, was der Dichter

schon ausgedrückt hat, dann laßt mir die Töne weg_... Wer deine Kraft

kennt, Melodie! die du, ohne der Worterklärung eines Begriffes zu

bedürfen, unmittelbar aus dem Himmel durch die Brust wieder zum Himmel

zurückziehst, wer deine Kraft kennt, wird die Musik nicht zur

Nachtreterin der Poesie machen: er mag der letzteren den Vorrang geben

(und ich glaube, sie verdient ihn auch, wie ihn das Mannesalter verdient

vor der Kindheit), aber er wird auch der ersteren ihr eigenes,

unabhängiges Reich zugestehen, beide wie Geschwister betrachten, und

nicht wie Herrn und Knecht oder auch nur wie Vormund und Mündel.« Als

Grundsatz will er festgehalten wissen: »Keine Oper soll vom

Gesichtspunkte der Poesie betrachtet werden -- von diesem aus ist jede

_dramatisch_-musikalische Komposition Unsinn --, sondern vom

Gesichtspunkte der Musik.«

Eine andere Stelle bei Grillparzer lautet: »Es wird keinem

Opernkompositeur leichter sein, genau auf die Worte des Textes zu

setzen, als dem, der seine Musik mechanisch zusammensetzt; da hingegen

der, dessen Musik ein organisches Leben, eine in sich selbst gegründete

Notwendigkeit hat, leicht mit den Worten in Kollision kommt. Jedes

eigentlich melodische Thema hat nämlich sein inneres Gesetz der Bildung

und Entwicklung, das dem eigentlich musikalischen Genie heilig und

unantastbar ist, und das er den Worten zu Gefallen nicht aufgeben kann.

Der musikalische Prosaist kann überall anfangen und überall aufhören,

weil Stücke und Teile sich leicht versetzen und anders ordnen lassen;

wer aber Sinn für ein Ganzes hat, kann es nur entweder ganz geben oder

ganz bleiben lassen. Das soll nicht der Vernachlässigung des Textes das

Wort reden, sondern sie nur in einzelnen Fällen entschuldigen, ja

rechtfertigen. Daher ist _Rossinis_ kindisches Getändel doch mehr wert,

als _Mosels_ prosaische Verstandesnachäffung, welche das Wesen der Musik

zerreißt, um den hohlen Worten des Dichters nachzustottern, daher kann

man _Mozarten_ häufig Verstöße gegen den Text vorwerfen, _Glucken_ nie;

daher ist das so gepriesene Charakteristische der Musik häufig ein sehr

negatives Verdienst, das sich meistens darauf beschränkt, daß die Freude

durch Nicht-Traurigkeit, der Schmerz durch Nicht-Lustigkeit, die Milde

durch Nicht-Härte, der Zorn durch Nicht-Milde, die Liebe durch Flöten

und die Verzweiflung durch Trompeten und Pauken mit Kontrabässen

ausgedrückt wird. Der _Situation_ muß der Tonsetzer treu bleiben, den

_Worten_ nicht; wenn er bessere in seiner Musik findet, so mag er immer

die des Textes übergehen.« Klingt nicht vieles in diesen, vor Dezennien

geschriebenen Aphorismen wie eine Polemik gegen Wagners Theorien und den

Walkürenstil? Einen tiefen Blick in die Natur des Publikums wirft

Grillparzer mit dem Ausspruch: »Die von einer _Oper_ eine _rein

dramatische_ Wirkung fordern, sind gewöhnlich jene, die dagegen auch von

einem _dramatischen_ Gedicht eine _musikalische_ Wirkung begehren, d. i.

Wirkung mit blinder Gewalt.« IX, 144 ff.

Ähnlich _M. Hauptmann_ an O. Jahn: »Mir war's (beim Hören Gluckscher

Opern) so oft wie Absicht des Komponisten wahr zu sein, _aber nicht

musikwahr, nur wortwahr_, und dadurch wird's nicht selten musikunwahr;

das Wort schließt kurz ab, die Musik will ausklingen. Die Musik bleibt

doch immer der Vokal, zu dem das Wort nur der Konsonant ist, und den

Akzent wird hier wie sonst immer nur der Vokal haben können, das

Lautende, nicht das Mitlautende. _Man hört doch immer die Musik, wenn

sie noch so wortgetreu ist, auch für sich; so muß sie also auch für sich

zu hören sein._« (Briefe an Spohr usw. ed. F. Hiller. Leipzig 1867.

S. 106.)

Eine Konsequenz des _Wagner_schen Satzes (von Mittel und Zweck) wäre

u. a. auch, daß alle Komponisten schweres Unrecht getan haben, wenn sie

zu mittelmäßigen Texten und Situationen mehr als mittelmäßige Musik zu

machen suchten, und wir ebenso schweres Unrecht begehen, jene Musik zu

lieben.

Die Verbindung der Poesie mit der Musik und der Oper ist eine Ehe zur

linken Hand. Je näher wir diese morganatische Ehe betrachten, welche die

musikalische Schönheit mit dem ihr bestimmt vorgeschriebenen Inhalt

eingeht, desto trügerischer dünkt uns ihre Unauflöslichkeit.

Wie kommt es, daß wir in jedem Gesangstück manche kleine Änderung

vornehmen können, welche, die Richtigkeit des Gefühlsausdrucks nicht im

mindesten schwächend, doch die Schönheit des Motivs sogleich vernichtet?

Das wäre unmöglich, wenn die letztere in der ersten läge. Wie kommt es,

daß manches Gesangstück, welches seinen Text tadellos ausdrückt, uns

unleidlich schlecht erscheint? Vom Standpunkt des Gefühlsprinzips kann

man ihm nicht beikommen. Was bleibt also das Prinzip des Schönen in der

Tonkunst, nachdem wir die Gefühle, als dafür unzureichend, abgelehnt?

Ein ganz anderes selbständiges Element, das wir sogleich näher

betrachten wollen.

III.

Das Musikalisch-Schöne.

Wir sind bisher negativ zu Werke gegangen und haben lediglich die irrige

Voraussetzung abzuwehren gesucht, daß das Schöne der Musik in dem

Darstellen von Gefühlen bestehen könne.

Nun haben wir den positiven Gehalt zu jenem Umriß hinzuzubringen, indem

wir die Frage beantworten, welcher Natur das Schöne der Tondichtung sei.

_Es ist ein spezifisch Musikalisches._ Darunter verstehen wir ein

Schönes, das unabhängig und unbedürftig eines von außen her kommenden

Inhalts, einzig in den Tönen und ihrer künstlerischen Verbindung liegt.

Die sinnvollen Beziehungen in sich reizvoller Klänge, ihr

Zusammenstimmen und Widerstreben, ihr Fliehen und sich Erreichen, ihr

Aufschwingen und Ersterben, -- dies ist, was in freien Formen vor unser

geistiges Anschauen tritt und als schön gefällt.

Das Urelement der Musik ist _Wohllaut_, ihr Wesen _Rhythmus_. Rhythmus

im Großen, als die Übereinstimmung eines symmetrischen Baues, und

Rhythmus im Kleinen, als die wechselnd-gesetzmäßige Bewegung einzelner

Glieder im Zeitmaß. Das Material, aus dem der Tondichter schafft, und

dessen Reichtum nicht verschwenderisch genug gedacht werden kann, sind

die gesamten _Töne_, mit der in ihnen ruhenden Möglichkeit zu

verschiedener Melodie, Harmonie und Rhythmisierung. Unausgeschöpft und

unerschöpflich waltet vor allem die _Melodie_, als Grundgestalt

musikalischer Schönheit; mit tausendfachem Verwandeln, Umkehren,

Verstärken bietet die _Harmonie_ immer neue Grundlagen; beide vereint

bewegt der _Rhythmus_, die Pulsader musikalischen Lebens, und färbt der

Reiz mannigfaltiger _Klangfarben_.

Fragt es sich nun, was mit diesem Tonmaterial ausgedrückt werden soll,

so lautet die Antwort: _Musikalische Ideen_. Eine vollständig zur

Erscheinung gebrachte musikalische Idee aber ist bereits selbständiges

Schöne, ist Selbstzweck und keineswegs erst wieder Mittel oder Material

der Darstellung von Gefühlen und Gedanken.

Der Inhalt der Musik sind _tönend bewegte Formen_.

In welcher Weise uns die Musik _schöne Formen_ ohne den Inhalt eines

bestimmten Affektes bringen kann, zeigt uns entfernt bereits ein Zweig

der Ornamentik in der bildenden Kunst: _die Arabeske_. Wir erblicken

geschwungene Linien, hier sanft sich neigend, dort kühn emporstrebend,

sich findend und loslassend, in kleinen und großen Bogen

korrespondierend, scheinbar inkommensurabel, doch immer wohlgegliedert,

überall ein Gegen- oder Seitenstück begrüßend, eine Sammlung kleiner

Einzelheiten und doch ein Ganzes. Denken wir uns nun eine Arabeske

nicht tot und ruhend, sondern in fortwährender Selbstbildung vor unsern

Augen entstehend. Wie die starken und feinen Linien einander verfolgen,

aus kleiner Biegung zu prächtiger Höhe sich heben, dann wieder senken,

sich erweitern, zusammenziehen und in sinnigem Wechsel von Ruhe und

Anspannung das Auge stets neu überraschen! Da wird das Bild schon höher

und würdiger. Denken wir uns vollends diese lebendige Arabeske als

tätige Ausströmung eines künstlerischen Geistes, der die ganze Fülle

seiner Phantasie unablässig in die Adern dieser Bewegung ergießt, --

wird dieser Eindruck dem _musikalischen_ nicht einigermaßen nahekommend

sein?

Jeder von uns hat als Kind sich wohl an dem wechselnden Farben- und

Formenspiel eines _Kaleidoskops_ ergötzt. Ein solches Kaleidoskop,

jedoch auf unmeßbar höherer idealer Erscheinungsstufe, ist Musik. Sie

bringt in stets sich entwickelnder Abwechselung schöne Formen und Farben,

sanft übergehend, scharf kontrastierend, immer zusammenhängend und doch

immer neu, in sich abgeschlossen und von sich selbst erfüllt. Der

Hauptunterschied ist, daß solch unserm Ohr vorgeführtes _Ton_kaleidoskop

sich als unmittelbare Emanation eines künstlerisch schaffenden Geistes

gibt, jenes sichtbare aber als ein sinnreich-mechanisches Spielzeug.

Will man nicht bloß in Gedanken, sondern in Wirklichkeit die Erhebung

der Farbe zur Musik vollziehen, und die Mittel der einen Kunst in die

Wirkungen der andern einbetten, so gerät man auf die abgeschmackte

Spielerei des »Farbenklaviers« oder der »Augenorgel«, deren Erfindung

jedoch beweist, wie die formelle Seite beider Erscheinungen auf gleicher

Basis ruht.

Sollte irgend ein gefühlvoller Musikfreund unsere Kunst durch Analogien

wie die obige herabgewürdigt finden, so entgegnen wir, es handle sich

bloß darum, ob die Analogien _richtig_ seien oder nicht. Herabgewürdigt

wird nichts dadurch, daß man es besser kennen lernt. Will man auf die

Eigenschaft der Bewegung, der zeitlichen Entwicklung, wodurch das

Beispiel vom Kaleidoskop besonders treffend wird, verzichten, so kann

man allerdings für das Musikalisch-Schöne eine höhere Analogie etwa in

der Architektur, dem menschlichen Körper, oder einer Landschaft finden,

die auch eine primitive Schönheit der Umrisse und Farben (abgesehen von

der Seele, dem geistigen Ausdruck) haben.

Wenn man die Fülle von Schönheit nicht zu erkennen verstand, die im rein

Musikalischen lebt, so trägt die _Unterschätzung des Sinnlichen_ viel

Schuld, welcher wir in älteren Ästhetiken zugunsten der Moral und des

Gemüts, in Hegel zugunsten der »Idee« begegnen. Jede Kunst geht vom

Sinnlichen aus und webt darin. Die »Gefühlstheorie« verkennt dies, sie

übersieht das _Hören_ gänzlich und geht unmittelbar ans _Fühlen_. Die

Musik schaffe für das Herz, meinen sie, das Ohr sei ein triviales Ding.

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 3 / 11 段