In ähnlicher Weise sind uns die elementaren Stoffe der Musik: Tonarten,

Akkorde und Klangfarben schon an sich _Charaktere_. Wir haben auch eine

nur zu geschäftige Auslegekunst für die Bedeutung musikalischer

Elemente; _Schubarts_ Symbolik der Tonarten bietet in ihrer Art ein

Seitenstück zu _Goethes_ Deutung der Farben. Es folgen jedoch diese

Elemente (Töne, Farben) in ihrer künstlerischen Verwendung ganz andern

Gesetzen, als jene Wirkung ihrer isolierten Erscheinung. So wenig auf

einem Historienbild jedes Rot uns Freude, jedes Weiß Unschuld bedeutet,

ebensowenig wird in einer Symphonie alles As-dur uns eine schwärmerische,

alles H-moll eine menschenfeindliche Stimmung erwecken, oder jeder

Dreiklang Befriedigung, jeder verminderte Septakkord Verzweiflung. Auf

ästhetischem Boden neutralisieren sich derlei elementare Selbständigkeiten

unter der Gemeinsamkeit höherer Gesetze. Von einem _Ausdrücken_ oder

_Darstellen_ ist solche Naturbeziehung weit entfernt. »Symbolisch«

nannten wir sie, indem sie den Inhalt keineswegs unmittelbar darstellt,

sondern eine von diesem wesentlich verschiedene Form bleibt. Wenn wir im

Gelben Eifersucht, in G-dur Heiterkeit, in der Zypresse Trauer sehen, so

hat diese Deutung einen physiologisch-psychologischen Zusammenhang mit

Bestimmtheiten dieser Gefühle, allein es hat ihn eben nur unsere

Deutung, nicht die Farbe, der Ton, die Pflanze an und für sich. Man kann

daher weder von einem Akkord an sich sagen, er stelle ein bestimmtes

Gefühl dar, noch weniger tut er das im Zusammenhang des Kunstwerkes.

Ein anderes Mittel für den angeblichen Zweck, außer der Analogie der

Bewegung und der Symbolik der Töne, hat die Musik nicht.

Läßt sich somit ihr Unvermögen, bestimmte Gefühle darzustellen, leicht

aus der Natur der Töne ableiten, so scheint es fast unbegreiflich, daß

es auf dem Erfahrungswege nicht noch viel schneller ins allgemeine

Bewußtsein gedrungen ist. Versuche jemand, dem noch so viele

Gefühlssaiten aus einem Instrumentalstück anklingen, mit klaren Gründen

nachzuweisen, _welcher_ Affekt den Inhalt desselben bilde. Die Probe ist

unerläßlich. -- Hören wir z. B. Beethovens Ouvertüre zu »Prometheus«.

Was das aufmerksame Ohr des Kunstfreundes in stetiger Folge aus ihr

vernimmt, ist ungefähr folgendes: Die Töne des ersten Taktes perlen nach

einem Fall in die Unterquarte rasch und leise aufwärts, wiederholen sich

genau im zweiten; der dritte und vierte Takt führen denselben Gang in

größerem Umfang weiter, die Tropfen des in die Höhe getriebenen

Springbrunnens perlen herab, um in den nächsten vier Takten dieselbe

Figur und dasselbe Figurenbild auszuführen. Vor dem geistigen Sinn des

Hörers erbaut sich also in der _Melodie_ die Symmetrie zwischen dem

ersten und dem zweiten Takte, dann dieser beiden Takte zu den zwei

folgenden, endlich der vier ersten Takte als eines großen Bogens gegen

den gleich großen korrespondierenden der folgenden vier Takte. Der den

_Rhythmus_ markierende Baß bezeichnet den Anfang der ersten drei Takte

mit je einem Schlag, den vierten mit zwei Schlägen; in gleicher Weise

bei den folgenden vier Takten. Hier ist also der vierte Takt gegen die

drei ersten eine Verschiedenheit, welche durch die Wiederholung in den

nächsten vier Takten symmetrisch wird und das Ohr als ein Zug der

Neuheit im alten Gleichgewicht erfreut. Die _Harmonie_ in dem Thema

zeigt uns wieder das Korrespondieren eines großen und zweier kleinen

Bogen: dem C-dur-Dreiklang in den vier ersten Takten entspricht der

Sekundakkord im fünften und sechsten, dann der Quintsextakkord im

siebenten und achten Takt. Dieses wechselseitige Korrespondieren

zwischen Melodie, Rhythmus und Harmonie erzeugt ein symmetrisches und

doch abwechslungsvolles Bild, welches durch die Klangfarben der

verschiedenen Instrumente und den Wechsel der Tonstärke noch reichere

Lichter und Schatten erhält.

[Musikbeispiel]

Einen weiteren _Inhalt_ als den eben angedeuteten vermögen wir durchaus

nicht in dem Thema zu erkennen, am wenigsten ein _Gefühl_ zu nennen,

welches es darstellte oder im Hörer erwecken müßte. Solche Zergliederung

macht freilich ein Gerippe aus blühendem Körper, geeignet, alle

Schönheit, aber auch alle falsche Deutelei zu zerstören.

Wie mit diesem ganz zufällig gewählten Motiv geht es mit jedem andern

Instrumentalthema. Eine große Klasse von Musikfreunden hält es bloß für

ein Charakteristikum der älteren »klassischen« Musik, den Affekten

abhold zu sein, und gibt von vornherein zu, daß niemand in einer der 48

Fugen und Präludien aus J. S. Bachs »wohltemperiertem Klavier« ein

Gefühl werde nachweisen können, das den Inhalt derselben bilde. So

dilettantisch und willkürlich diese Unterscheidung auch ist, welche in

dem Umstand, daß in der älteren Musik der Selbstzweck noch

unverkennbarer, die Deutbarkeit schwieriger und weniger verlockend

erscheint, ihre Erklärung findet, -- der Beweis wäre dadurch schon

hergestellt, daß die Musik nicht Gefühle erwecken und zum Gegenstand

haben _muß_. Das ganze Gebiet der Figuralmusik fiele hinweg. Müssen aber

große, historisch wie ästhetisch begründete Kunstgattungen ignoriert

werden, um einer Theorie Haltbarkeit zu erschleichen,[10] dann ist diese

falsch. Ein Schiff muß untergehen, sobald es auch nur _ein_ Leck hat.

Wem dies nicht genügt, der mag ihr immerhin den ganzen Boden

ausschlagen. Er spiele das Thema irgend einer Mozartschen oder

Haydnschen Symphonie, eines Beethovenschen Adagios, eines

Mendelssohnschen Scherzos, eines Schumannschen oder Chopinschen

Klavierstückes, den Stamm unserer gehaltvollsten Musik; oder auch die

populärsten Ouvertürenmotive von Auber, Donizetti, Flotow. Wer tritt

hinzu und getraut sich, ein bestimmtes Gefühl als Inhalt dieser Themen

aufzuzeigen? Der eine wird »Liebe« sagen. Möglich. Der andere meint

»Sehnsucht«. Vielleicht. Der dritte fühlt »Andacht«. Niemand kann das

widerlegen. Und so fort. Heißt dies nun ein bestimmtes Gefühl

_darstellen_, wenn niemand weiß, _was_ eigentlich dargestellt wird? Über

die Schönheit und Schönheiten des Musikstückes werden wahrscheinlich

alle übereinstimmend denken, von dem Inhalt jeder verschieden.

_Darstellen_ heißt aber einen Inhalt klar, anschaulich produzieren, ihn

uns vor Augen »daher stellen«. Wie mag man nun dasjenige als das von

einer Kunst _Dargestellte_ bezeichnen, welches, das ungewisseste,

vieldeutigste Element derselben, einem ewigen Streit unterworfen ist?

[10] Bachianer wie _Spitta_ freilich erstreben dies umgekehrt, indem

sie, statt zugunsten ihres Meisters die Theorie selbst zu bestreiten,

die Fugen und Suiten desselben mit ebenso beredten und positiven

Gefühlsergüssen interpretieren, wie nur ein subtiler Beethovenianer

seines Meisters Sonaten.

Wir haben absichtlich _Instrumentalsätze_ zu Beispielen gewählt. Denn

nur was von der Instrumentalmusik behauptet werden kann, gilt von der

Tonkunst als solcher. Wenn irgendeine allgemeine Bestimmtheit der Musik

untersucht wird, etwas so ihr Wesen und ihre Natur kennzeichnen, ihre

Grenzen und Richtung feststellen soll, so kann nur von der

Instrumentalmusik die Rede sein. Was die _Instrumentalmusik_ nicht kann,

von dem darf nie gesagt werden, die _Musik_ könne es; denn nur sie ist

reine, absolute _Tonkunst_. Ob man nun die Vokal- oder die

Instrumentalmusik an Wert und Wirkung vorziehen wolle, -- eine

unwissenschaftliche Prozedur, bei der meist dilettantische Einseitigkeit

das Wort führt, -- man wird stets einräumen müssen, daß der Begriff

»Tonkunst« in einem auf Textworte komponierten Musikstück nicht rein

aufgehe. In einer Vokalkomposition kann die Wirksamkeit der Töne nie so

genau von jener der Worte, der Handlung, der Dekoration getrennt werden,

daß die Rechnung der verschiedenen Künste sich streng sondern ließe.

Sogar Tonstücke mit bestimmten Überschriften oder Programmen müssen wir

ablehnen, wo es sich um den »Inhalt« der Musik handelt. Die Vereinigung

mit der Dichtkunst erweitert die Macht der Musik, aber nicht ihre

Grenzen.[11]

[11] _Gervinus_ hat den Rangstreit zwischen der Vokal- und

Instrumentalmusik in seinem »Händel und Shakespeare« (1868) wieder

aufgenommen; aber indem er die »Sangkunst« für echte und wahre Musik,

die »Spielkunst« für »ein von allem Innerlichen auf das Äußerliche

herabgekommenes Kunstwerk«, für ein physikalisches Mittel zu

physiologischen Reizen erklärt, beweist er mit allem Aufwand seines

Scharfsinnes doch nur, daß man ein gelehrter Händel-Enthusiast und

dennoch in wunderlichen Irrtümern über das Wesen der Musik befangen

sein kann. Niemand hat diese Irrtümer schlagender widerlegt, als

_Ferdinand Hiller_, dessen Kritik des Buches von Gervinus wir

nachstehende treffende Stellen entnehmen: »Die Verbindungen des Wortes

mit dem Tone sind von der mannigfachsten Art. Von dem einfachsten, in

Tönen noch halb gesprochenen Rezitativ bis zu einem Chore von Bach

oder einem Opernfinale von Mozart -- welch eine Reihe von

Zusammensetzungen! Aber nur im Rezitativischen, mag es selbständig

auftreten oder den Gang eines Gesangstückes auch nur durch einen

Ausruf unterbrechen, kann der Text mit der Musik in _gleicher_ Kraft

den Hörer ergreifen. Sobald die Musik in ihrer vollständigen Wesenheit

auftritt, läßt sie das Wort, das sonst omnipotente Wort, weit hinter

sich zurück. Der Beweis liegt, _leider_ möchte man sagen, allzu nahe.

Schön komponiert, kann das schlechteste Gedicht die Freude an der

Komposition kaum schmälern, das größte poetische Meisterwerk aber kann

eine langweilige Musik nicht einmal stützen. Welch geringes Interesse

erregt der Text eines Oratoriums bei der Lektüre; man begreift es

kaum, daß er dem genialen Tondichter den Stoff geben konnte zu einer

stundenlangen, Ohr, Herz und Seele erfüllenden Musik. Ja, mehr noch,

es ist in den meisten Fällen dem Hörer gar nicht möglich, Worte und

Melodie gleichzeitig zu erfassen. Die konventionellen Klänge, aus

welchen sich ein Satz in der Sprache zusammensetzt, müssen ziemlich

rasch miteinander verbunden werden, damit sie, vom Gedächtnisse

zusammengehalten, im Geiste zum Verständnisse gelangen. Die Musik aber

erfaßt den Hörer mit dem ersten Tone und führt ihn mit sich fort, ohne

ihm die Zeit, ja nur die Möglichkeit zu lassen, auf das Gehörte

zurückzukommen.... Mögen wir«, fährt Hiller weiter fort, »dem naivsten

Volksliede lauschen, mag uns Händels Halleluja, von tausend Stimmen

getragen, entgegenklingen, so wird es im ersteren Falle der Reiz einer

kaum entfalteten Melodienknospe, im letzteren die Kraft und Pracht der

vereinigten Elemente der ganzen Tonwelt sein, was uns reizt oder

begeistert. Das dort vom Feinsliebchen, hier vom Himmelreich die Rede,

trägt zu jener ersteren, unmittelbaren Wirkung nichts bei; diese ist

rein musikalischer Natur und würde nicht ausbleiben, auch wenn man die

Worte weder verstände, noch verstehen könnte.« (Aus dem Tonleben

unserer Zeit. Neue Folge. Leipzig 1871. S. 40 ff.)

Wir haben in der Vokalkomposition ein untrennbar verschmolzenes Produkt

vor uns, aus dem es nicht mehr möglich ist, die Größe der einzelnen

Faktoren zu bestimmen. Wenn es sich um die Wirkung der _Dichtkunst_

handelt, so wird es niemand einfallen, die _Oper_ als Beleg

hervorzuheben; es braucht größerer Verleugnung, aber nur derselben

Einsicht, um bei den Grundbestimmungen _musikalischer_ Ästhetik ein

Gleiches zu tun.

Die Vokalmusik illuminiert die Zeichnung des Gedichtes.[12] Wir haben in

den musikalischen Elementen Farben von größter Pracht und Zartheit

erkannt, von symbolischer Bedeutsamkeit obendrein. Sie werden vielleicht

ein mittelmäßiges Gedicht zur innigsten Offenbarung des Herzens

umwandeln. Trotzdem sind es die Töne nicht, welche in einem Gesangstücke

_darstellen_, sondern der Text. Die Zeichnung, nicht das Kolorit,

bestimmt den dargestellten Gegenstand. Wir appellieren an das

Abstraktionsvermögen des Hörers, das sich irgendeine dramatisch wirksame

Melodie _abgelöst_ von aller dichterischen Bestimmung rein musikalisch

vorstellen wolle. Man wird z. B. in einer sehr wirksamen dramatischen

Melodie, welche _Zorn_ auszudrücken hat, an und für sich keinen weiteren

psychischen Ausdruck finden, als den einer raschen, leidenschaftlichen

Bewegung. Worte einer leidenschaftlich bewegten _Liebe_, also das gerade

Gegenteil, werden vielleicht gleich richtig durch dieselbe Melodie

interpretiert sein.

[12] Diesen bekannten bildlichen Ausdruck können wir hier als

zutreffend gebrauchen, wo es sich noch, abgesehen von jeder

_ästhetischen_ Forderung, bloß um das abstrakte Verhalten der Musik zu

Textworten überhaupt und damit um die Entscheidung handelt, von

welchem dieser beiden Faktoren die selbständige, maßgebende Bestimmung

des _Inhaltes_ (Gegenstandes) ausgehe. Sobald es sich aber nicht mehr

um das _Was_, sondern um das _Wie_ der musikalischen Leistungen

handelt, hört der Satz freilich auf, passend zu sein. Nur im

_logischen_ (wir hätten beinahe gesagt im »juristischen«) Sinn ist der

Text Hauptsache, die Musik Akzessorium, die _ästhetische_ Anforderung

an den Komponisten geht viel höher, sie verlangt selbständige

(zugleich natürlich textentsprechende) _musikalische Schönheit_. Fragt

es sich also nicht mehr abstrakt, was die Musik, indem sie Textworte

behandelt, tut, sondern wie sie es im wirklichen Falle _tun soll_, so

darf man ihre Abhängigkeit vom Gedicht nicht in gleich enge Schranken

bannen, wie sie der Zeichner dem Koloristen zieht. Seit _Gluck_ in der

großen, notwendigen Reaktion gegen die melodischen Übergriffe der

Italiener nicht _auf_, sondern _hinter_ die rechte Mitte zurückschritt

(genau wie in unsern Tagen Richard Wagner), wird der in der Dedikation

zur »Alceste« ausgesprochene Satz, es sei der Text die »richtige und

wohlangelegte Zeichnung«, welche die Musik lediglich zu kolorieren

habe, unablässig nachgebetet. Wenn die Musik nicht in viel

großartigerem, als bloß kolorierendem Sinne das Gedicht behandelt,

wenn sie nicht -- selbst Zeichnung und Farbe zugleich -- etwas ganz

Neues hinzubringt, das in ureigener Schönheitskraft blättertreibend

die Worte zum bloßen Epheuspalier umschafft: dann hat sie höchstens

die Staffel der Schülerübung oder Dilettantenfreude erklommen, die

reine Höhe der Kunst nimmermehr.

Als die Arie des Orpheus:

»J'ai perdu mon Euridice,

Rien n'égale mon malheur«

Tausende (und darunter Männer wie J. J. Rousseau) zu Tränen rührte,

bemerkte ein Zeitgenosse Glucks, _Boyé_, daß man dieser Melodie

ebensogut, ja weit richtiger die entgegengesetzten Worte unterlegen

könnte:

»J'ai trouvé mon Euridice,

Rien n'égale mon bonheur.«

Wir setzen den Anfang der Arie, der Kürze wegen mit Klavierbegleitung,

doch genau nach der italienischen Originalpartitur her:

[Musikbeispiel]

Wir sind zwar durchaus nicht der Meinung, daß in diesem Falle der

Komponist ganz freizusprechen sei, indem die Musik für den Ausdruck

schmerzlichster Traurigkeit gewiß weit bestimmtere Töne besitzt. Allein

wir wählen aus Hunderten gerade dies Beispiel, einmal weil es den

Meister trifft, dem die größte Genauigkeit im dramatischen Ausdruck

zugeschrieben wird, sodann weil mehrere Generationen an dieser _Melodie_

das Gefühl höchsten Schmerzes bewunderten, welchen die mit ihr

verbundenen _Worte_ aussprechen.

Allein auch weit bestimmtere und ausdrucksvollere Gesangsstellen werden,

losgelöst von ihrem Text, uns höchstens _raten_ lassen, welches Gefühl

sie ausdrücken. Sie gleichen Silhouetten, deren Original wir meistens

erst erkennen, wenn man uns gesagt hat, wer das sei.

Was hier an einzelnem gezeigt wurde, erweist sich ebenso an Werken von

größerem und größtem Umfang. Man hat ganzen Gesangstücken oft andere

Texte untergelegt. Wenn man in Wien Meyerbeers »Hugenotten« mit

Veränderung des Schauplatzes, der Zeit, der Personen, der Begebenheit

und der Worte als »Ghibellinen in Pisa« aufführt, so stört ohne Zweifel

die ungeschickte Mache einer solchen Umarbeitung, allein der rein

musikalische Ausdruck wird nicht im mindesten beleidigt. Und doch soll

das religiöse Gefühl, der Glaubensfanatismus geradezu die Springfeder

der »Hugenotten« bilden, welche in den »Ghibellinen« ganz entfällt. Der

Choral Luthers darf hier nicht eingewendet werden; er ist ein _Zitat_.

Als Musik paßt er zu jeder Konfession. -- Hat der Leser nie das fugierte

Allegro aus der Ouvertüre zur »Zauberflöte« als Vokalquartett sich

zankender Handelsjuden gehört? Mozarts Musik, an der nicht eine Note

geändert ist, paßt zum Entsetzen gut auf den niedrigkomischen Text, und

man kann sich in der Oper nicht herzlicher an dem Ernst der Komposition

erfreuen, als man hier über die Komik derselben lachen muß. Derlei

Belege für das weite Gewissen jedes musikalischen Motivs und jedes

menschlichen Affektes ließen sich zahllos vorbringen. Die Stimmung

religiöser Andacht gilt mit Recht für eine der musikalisch am wenigsten

vergreifbaren. Nun gibt es unzählige deutsche Dorf- oder Marktkirchen,

wo zur heiligen Wandlung das »Alphorn« von Proch oder die Schlußarie aus

der »Sonnambula« (mit dem koketten Dezimensprung »in meine Arme«) oder

ähnliches auf der Orgel vorgetragen wird. Jeder Deutsche, der nach

Italien kommt, hört mit Staunen in den Kirchen die bekanntesten

Opernmelodien von Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi. Diese und noch

weltlichere Stücke, wenn sie nur halbwegs sanften Charakters klingen,

sind weit entfernt, die Gemeinde in ihrer Andacht zu stören, im

Gegenteil pflegt alles aufs äußerste erbaut zu sein. Wäre die Musik an

sich imstande, religiöse Andacht als Inhalt darzustellen, so würde solch

ein quid pro quo ebenso unmöglich sein, als daß der Prediger statt

seiner Exhorte eine Tiecksche Novelle oder einen Parlamentsakt von der

Kanzel rezitierte. Unsere größten Meister geistlicher Tonkunst bieten

Beispiele in Fülle für unsern Satz. Namentlich _Händel_ verfuhr hierin

mit großartiger Ungeniertheit. _Winterfeld_ hat nachgewiesen, daß viele

der berühmtesten und ob ihres frommen Ausdrucks bewundertsten Stücke im

»Messias« aus den weltlichen, meist erotischen Duetten herübergenommen

sind, welche Händel (1711 bis 1712) für die Kurprinzessin Caroline von

Hannover auf _Madrigale_ von _Mauro Ortensio_ gesetzt hatte. Die Musik

zu dem zweiten Duett:

»Nò, di voi non uo' fidarmi,

Cieco amor, crudel beltà;

Troppo siete menzognere

Lusinghiere deità!«[13]

verwendete Händel unverändert in Tonart und Melodie für den Chor im

ersten Teil des Messias: »Denn uns ist ein Kind geboren.« -- Der dritte

Satz desselben Duetts »Sò per prova i vostri inganni« hat dieselben

Motive wie der Chor im zweiten Teil des Messias »Wie Schafe gehen«. Das

Madrigal Nr. 16 (Duett für Sopran und Alt) ist im wesentlichen ganz

übereinstimmend mit dem Duett im dritten Teil des Messias: »O Tod, wo

ist dein Stachel«; -- dort lautet der Text:

»Si tu non lasci amore

Mio cor, ti pentirai,

Lo so ben io!«

[13] »Nein, ich will euch nicht trauen, blinder Amor, grausame

Schönheit, ihr seid zu lügenhafte, schmeichlerische Gottheiten!«

Von den zahlreichen anderen Beispielen bei Seb. _Bach_ sei nur an

sämtliche madrigalische Stücke des »Weihnachts-Oratoriums« erinnert, die

bekanntlich aus ganz verschiedenen _weltlichen_ Gelegenheitskantaten

arglos herübergenommen sind. Und _Gluck_, von dem uns gelehrt wird, er

habe die hohe dramatische Wahrheit seiner Musik nur dadurch erreicht,

daß er jede Note genau der bestimmten Situation anpaßte, ja seine

Melodie aus dem Tonfall der Verse selbst zog, -- _Gluck_ hat in die

»Armida« nicht weniger als fünf Musikstücke aus seinen älteren

italienischen Opern herübergenommen. (Vgl. m. »Moderne Oper« S. 16.) Man

sieht, daß die _Vokalmusik_, deren Theorie niemals das Wesen der

Tonkunst bestimmen kann, auch praktisch nicht imstande ist, die aus dem

Begriff der Instrumentalmusik gewonnenen Grundsätze Lügen zu strafen.

Der von uns bekämpfte Satz ist übrigens so in Fleisch und Blut der

gangbaren ästhetisch-musikalischen Anschauung eingedrungen, daß auch

alle seine Deszendenten und Seitenverwandten sich gleicher

Unantastbarkeit erfreuen. Dazu gehört die Theorie von der Nachahmung

sichtbarer oder unmusikalisch hörbarer Gegenstände durch die Tonkunst.

Mit besonderer Wohlweisheit wird uns bei der Frage von der »Tonmalerei«

immer wieder versichert, die Musik könne keineswegs die außer ihrem

Bereich liegende _Erscheinung_ selbst malen, sondern nur das _Gefühl_,

welches dadurch in uns erzeugt wird. Gerade umgekehrt. Die Musik kann

nur die äußere Erscheinung nachzuahmen trachten, niemals aber das durch

sie bewirkte, spezifische Fühlen. Das Fallen der Schneeflocken, das

Flattern der Vögel, den Aufgang der Sonne kann ich nur dadurch

musikalisch malen, daß ich analoge, diesen Phänomenen dynamisch

verwandte Gehörseindrücke hervorbringe. In Höhe, Stärke, Schnelligkeit,

Rhythmus der Töne bietet sich dem Ohr eine _Figur_, deren Eindruck jene

Analogie mit der bestimmten Gesichtswahrnehmung hat, welche

Sinnesempfindungen verschiedener Gattung gegeneinander erreichen können.

Wie es physiologisch ein »Vikarieren« eines Sinnes für den andern bis zu

einer gewissen Grenze gibt, so auch ästhetisch ein gewisses Vikarieren

eines Sinneseindruckes für den andern. Da zwischen der Bewegung im Raume

und jener in der Zeit, zwischen der Farbe, Feinheit, Größe eines

Gegenstandes und der Höhe, Klangfarbe, Stärke eines Tones wohlbegründete

Analogie herrscht, so kann man in der Tat einen Gegenstand musikalisch

malen, das »Gefühl« aber in Tönen schildern zu wollen, das der fallende

Schnee, der krähende Hahn, der zuckende Blitz in uns hervorbringt, ist

einfach lächerlich.

Obgleich, meines Erinnerns, alle musikalischen Theoretiker auf dem

Grundsatz, die Musik könnte bestimmte Gefühle darstellen,

stillschweigend folgern und weiter bauen, so hinderte doch manche ein

richtiges Gefühl, ihn geradezu anzuerkennen. Der Mangel _begrifflicher_

Bestimmtheit in der Musik störte sie und ließ sie den Satz dahin ändern:

die Tonkunst habe nicht etwa bestimmte, wohl aber »_unbestimmte

Gefühle_« zu erwecken und darzustellen. Vernünftigerweise kann man damit

nur meinen, die Musik solle die _Bewegung_ des Fühlens, abgezogen von

dem Inhalt desselben, dem Gefühlten, enthalten; das also, was wir das

_Dynamische_ der Affekte genannt und der Musik vollständig eingeräumt

haben. Dies Element der Tonkunst ist aber kein »Darstellen unbestimmter

Gefühle«. Denn »Unbestimmtes« »darstellen« ist ein Widerspruch.

Seelenbewegungen als Bewegungen an sich, ohne Inhalt, sind kein

Gegenstand künstlerischer Verkörperung, weil diese ohne die Frage: was

bewegt sich oder wird bewegt, nirgend Hand anlegen kann. Das Richtige an

dem Satz, nämlich die involvierte Forderung, Musik solle kein

_bestimmtes_ Gefühl schildern, ist ein lediglich negatives Moment. Was

aber ist das Positive, das Schöpferische im musikalischen Kunstwerk?

Ein unbestimmtes Fühlen als solches ist kein _Inhalt_; soll eine Kunst

sich dessen bemächtigen, so kommt alles darauf an, _wie_ es _geformt_

wird. Jede Kunsttätigkeit besteht aber im _Individualisieren_, in dem

Prägen des Bestimmten aus dem Unbestimmten, des Besondern aus dem

Allgemeinen. Die Theorie der »unbestimmten Gefühle« verlangt das gerade

Gegenteil. Man ist hier noch schlimmer daran, als bei dem früheren Satz,

man soll glauben, daß die Musik etwas darstelle, und weiß doch niemals,

was. Sehr einfach ist von hier der kleine Schritt zu der Erkenntnis, daß

die Musik _gar keine_, weder bestimmte noch unbestimmte, Gefühle

schildert. Welcher Musiker hätte aber diese durch unvordenklichen Besitz

ersessene Reichsdomäne seiner Kunst aufgeben wollen?[14]

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 2 / 11 段