_Jedes_ wahre Kunstwerk wird sich in irgendeine Beziehung zu

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VOM MUSIKALISCH-SCHÖNEN

EIN BEITRAG ZUR REVISION

DER ÄSTHETIK DER TONKUNST

VON

Dr. EDUARD HANSLICK

WEILAND PROF. AN DER WIENER UNIVERSITÄT

13.-15. AUFLAGE

LEIPZIG

DRUCK UND VERLAG VON BREITKOPF & HÄRTEL

1922

Inhalt.

Seite

Kapitel I.

Die Gefühlsästhetik 1

Kapitel II.

Die »Darstellung von Gefühlen« ist nicht Inhalt der Musik 20

Kapitel III.

Das Musikalisch-Schöne 58

Kapitel IV.

Analyse des subjektiven Eindruckes der Musik 93

Kapitel V.

Das ästhetische Aufnehmen der Musik gegenüber dem pathologischen 120

Kapitel VI.

Die Beziehungen der Tonkunst zur Natur 141

Kapitel VII.

Die Begriffe »Inhalt« und »Form« in der Musik 160

Vorwort.

An der achten Auflage (1891) dieser zuerst im Jahre 1854 erschienenen

Schrift war nichts weiter neu, als das passendere Format und die

geschmackvollere Ausstattung. Dasselbe gilt von der hier vorliegenden

_neuen_ Auflage. Auch dieser darf ich die Worte anpassen, welche _Fr.

Th. Vischer_ dem Wiederabdruck einer älteren Abhandlung (»der Traum«)

vorausschickte.[1] »Ich nehme«, sagt Vischer, »diese Studie in die

gegenwärtige Sammlung auf, ohne sie gegen Angriffe, die sie erfahren

hat, zu schützen. Auch verbessernden Überarbeitens habe ich mich

enthalten, ausgenommen kleine unwichtige Nachhilfen. Ich würde jetzt

manches vielleicht anders sagen, mehr auseinandersetzen, gedeckter,

beschirmter hinstellen; wem gefällt eine Arbeit ganz, wenn er sie nach

Jahren wieder liest? Allein man weiß auch, wie leicht mit nachbesserndem

Eingreifen mehr verderbt als besser gemacht wird.«

[1] »Altes und Neues« von Fr. Th. Vischer (Stuttgart 1881) S. 187.

Wollte ich hier in Polemik eingehen, auf alle Kritiken antwortend,

welche meine Schrift hervorgerufen hat, so würde dies Büchlein zu einem

erschreckend starken Band anschwellen. Meine Überzeugungen sind

dieselben geblieben, desgleichen die Positionen und schroff sich

gegenüberstehenden Musikparteien der Gegenwart. Der Leser wird mir daher

wohl auch die Wiederholung einiger Bemerkungen gestatten, mit welchen

ich das Erscheinen der dritten Auflage begleitet habe. Der Mängel dieser

Abhandlung bin ich mir sehr lebhaft bewußt. Demungeachtet hat das weit

über Erwarten günstige Schicksal der früheren Auflagen und der mich

hocherfreuende Anteil, mit welchem bedeutende Fachmänner philosophischer

wie musikalischer Disziplin davon Akt nahmen, mich überzeugt, daß meine

Ideen, auch in der etwas scharfen und rhapsodischen Weise ihres

ursprünglichen Auftretens, auf gutes Erdreich gefallen sind. Eine

merkwürdige Übereinstimmung mit diesen Anschauungen fand ich, aufs

freudigste überrascht, in den erst nach dem Tode des Dichters

erschienenen kleinen Aufsätzen und Aphorismen über Musik von

_Grillparzer_. Einige der wertvollsten dieser Aussprüche habe ich in

dieser neuen Auflage zu zitieren mir nicht versagen können;

ausführlicher davon ist in meinem Essay: »_Grillparzer und die Musik_«

gehandelt.[2]

[2] »Musikalische Stationen« von Ed. Hanslick. Berlin, Verein f. dt.

Lit. 1885. 5. Aufl.

Leidenschaftliche Gegner haben mir mitunter eine vollständige Polemik

gegen alles, was Gefühl heißt, aufgedichtet, während jeder unbefangene

und aufmerksame Leser doch unschwer erkennt, daß ich nur gegen die

falsche Einmischung der Gefühle in die _Wissenschaft_ protestiere, also

gegen jene ästhetischen Schwärmer kämpfe, die mit der Prätension, den

Musiker zu belehren, nur ihre klingenden Opiumträume auslegen. Ich teile

vollkommen die Ansicht, daß der letzte Wert des Schönen immer auf

unmittelbarer Evidenz des Gefühls beruhen wird. Aber ebenso fest halte

ich an der Überzeugung, daß man aus all den üblichen Appellationen an

das Gefühl nicht ein einziges musikalisches Gesetz ableiten kann.

Diese Überzeugung bildet den einen, den _negativen Hauptsatz_ dieser

Untersuchung. Er wendet sich zuerst und vornehmlich gegen die allgemein

verbreitete Ansicht, die Musik habe »Gefühle darzustellen«. Es ist nicht

einzusehen, wie man daraus die »Forderung einer absoluten

Gefühllosigkeit der Musik« herleiten will. Die Rose duftet, aber ihr

»Inhalt« ist doch nicht »die Darstellung des Duftes«; der Wald

verbreitet schattige Kühle, allein er _stellt_ doch nicht »das Gefühl

schattiger Kühle _dar_«. Es ist kein müßiges Wortgefecht, wenn

ausdrücklich gegen den Begriff »darstellen« vorgegangen wird; denn aus

ihm sind die größten Irrtümer der musikalischen Ästhetik entsprungen.

Etwas »darstellen« involviert immer die Vorstellung von zwei getrennten,

verschiedenen Dingen, deren eines erst ausdrücklich durch einen

besonderen Akt auf das andere bezogen wird.

_Emanuel Geibel_ hat durch ein glückliches Bild dies Verhältnis

anschaulicher und erfreulicher ausgedrückt, als philosophische Analyse

es vermochte, und zwar in den Distichen:[3]

»Warum glückt es dir nie, Musik mit Worten zu schildern?

Weil sie, ein rein Element, Bild und Gedanken verschmäht.

Selbst das Gefühl ist nur wie ein sanft durchscheinender Flußgrund,

Drauf ihr klingender Strom schwellend und sinkend entrollt.«

[3] Neue Gedichte.

Wenn dies schöne Sinngedicht obendrein unter dem nachhallenden Eindruck

dieser Schrift entstand, wie ich zu vermuten Anlaß habe, so muß sich

meine, von poetischen Gemütern zumeist verketzerte, Anschauung doch auch

mit wahrer Poesie leidlich vertragen.

Jenem _negativen_ Hauptsatz steht korrespondierend der _positive_

gegenüber: die Schönheit eines Tonstücks ist _spezifisch musikalisch_,

d. h. den Tonverbindungen ohne Bezug auf einen fremden,

außermusikalischen Gedankenkreis innewohnend. Es lag in der redlichen

Absicht des Verfassers, das »Musikalisch-Schöne« als Lebensfrage unserer

Kunst und oberste Norm ihrer Ästhetik vollständig zu beleuchten. Wenn

trotzdem das polemische, negierende Element in der Ausführung ein

Übergewicht erlangt, so wird man dieses in Erwägung der besonderen

Zeitumstände hoffentlich entschuldigen. Als ich diese Abhandlung

schrieb, waren die Wortführer der Zukunftsmusik eben am lautesten bei

Stimme und mußten wohl Leute von meinem Glaubensbekenntnis zur Reaktion

reizen. Als ich die zweite Auflage veranstaltete, waren eben _Liszts_

Programm-Symphonien hinzugekommen, welche vollständiger, als es bisher

gelungen ist, die selbständige Bedeutung der Musik abdanken, und diese

dem Hörer nur mehr als gestaltentreibendes Mittel eingeben. Seither

besitzen wir nun auch _Richard Wagners_ »Tristan«, »Nibelungenring« und

seine Lehre von der »_unendlichen Melodie_«, d. h. die zum Prinzip

erhobene Formlosigkeit, den gesungenen und gegeigten Opiumrausch, für

dessen Kultus ja in Bayreuth ein eigener Tempel eröffnet worden ist.

Man möge es mir zugute halten, wenn ich angesichts solcher Zeichen keine

Neigung fühlte, den polemischen Teil meiner Schrift zu kürzen oder

abzuschwächen, sondern im Gegenteil noch dringender auf das Eine und

Unvergängliche in der Tonkunst, auf die _musikalische Schönheit_ hinwies,

wie sie unsere großen Meister verkörperten und echt musikalische Erfinder

auch in aller Zukunft pflegen werden.

Ed. H.

I.

Die Gefühlsästhetik.

Die bisherige Behandlungsweise der musikalischen Ästhetik leidet fast

durchaus an dem empfindlichen Mißgriff, daß sie sich nicht sowohl mit

der Ergründung dessen, was in der Musik schön ist, als vielmehr mit der

Schilderung der Gefühle abgibt, die sich unser dabei bemächtigen. Diese

Untersuchungen entsprechen vollständig dem Standpunkt jener älteren

ästhetischen Systeme, welche das Schöne nur in bezug auf die dadurch

wachgerufenen Empfindungen betrachteten und bekanntlich auch die

Philosophie des _Schönen_ als eine Tochter der Empfindung (aisthêsis)

aus der Taufe hoben.

An und für sich unphilosophisch, bekommen solche Ästhetiken in ihrer

Anwendung auf die ätherischeste aller Künste geradezu etwas

Sentimentales; das, so erquickend als möglich für schöne Seelen, dem

Lernbegierigen äußerst wenig Aufklärung bietet. Wer über das Wesen der

Tonkunst Belehrung sucht, der wünscht eben aus der dunklen Herrschaft

des Gefühls herauszukommen, und nicht -- wie ihm in den meisten

Handbüchern geschieht -- fortwährend auf das Gefühl verwiesen zu

werden.

Der Drang nach einer möglichst objektiven Erkenntnis der Dinge, wie er

in unserer Zeit alle Gebiete des Wissens bewegt, muß notwendig auch an

die Erforschung des _Schönen_ rühren. Diese wird ihm nur dadurch genügen

können, daß sie mit einer Methode bricht, welche vom subjektiven Gefühl

ausgeht, um nach einem poetischen Spaziergang über die ganze Peripherie

des Gegenstandes wieder zum Gefühl zurückzukehren. Sie wird, will sie

nicht ganz illusorisch werden, sich der naturwissenschaftlichen Methode

wenigstens so weit nähern müssen, daß sie versucht, den Dingen selbst an

den Leib zu rücken, und zu forschen, was in diesen, losgelöst von den

tausendfältig wechselnden Eindrücken, das Bleibende, Objektive sei.

Die Poesie und die bildenden Künste sind in ihrer ästhetischen

Erforschung und Begründung dem gleichen Erwerb der Tonkunst weit voraus.

Ihre Gelehrten haben größtenteils den Wahn abgelegt, es könne die

Ästhetik einer bestimmten Kunst durch bloßes Anpassen des allgemeinen,

metaphysischen Schönheitsbegriffs (der doch in jeder Kunst eine Reihe

neuer Unterschiede eingeht) gewonnen werden. Die knechtische

Abhängigkeit der Spezial-Ästhetiken von dem obersten metaphysischen

Prinzip einer allgemeinen Ästhetik weicht immer mehr der Überzeugung,

daß jede Kunst in ihren eigenen technischen Bestimmungen gekannt, aus

sich selbst heraus begriffen sein will. Das »System« macht allmählich

der »Forschung« Platz, und diese hält fest an dem Grundsatz, daß die

Schönheitsgesetze jeder Kunst untrennbar sind von den Eigentümlichkeiten

ihres Materials, ihrer Technik.[4]

[4] R. Schumann hat viel Unheil angestiftet mit seinem Satz (I, 43 der

Gesammelten Schriften): »Die Ästhetik der einen Kunst ist die der

andern, nur das Material ist verschieden.«

Ganz anders urteilt Grillparzer und trifft das Richtige mit folgendem

Ausspruch (IX, 142 der sämtl. Werke): »Der übelste Dienst, den man in

Deutschland den Künsten erweisen konnte, war wohl der, sie sämtlich

unter den Namen der Kunst zusammenzufassen. So viel Berührungspunkte

sie unter sich allerdings wohl haben, so unendlich verschieden sind

sie in den Mitteln, ja in den Grundbedingungen ihrer Ausübung. Wenn

man den Grundunterschied der Musik und der Dichtkunst schlagend

charakterisieren wollte, so müßte man darauf aufmerksam machen, wie

die Wirkung der Musik vom Sinnenreiz, vom Nervenspiel beginnt und,

nachdem das Gefühl angeregt worden, höchstens in letzter Instanz an

das Geistige gelangt, indes die Dichtkunst zuerst den Begriff erweckt,

nur durch ihn auf das Gefühl wirkt und als äußerste Stufe der

Vollendung oder der Erniedrigung erst das Sinnliche teilnehmen läßt;

der Weg beider ist daher gerade der umgekehrte. Die eine Vergeistigung

des Körperlichen, die andere Verkörperung des Geistigen.«

Sodann pflegen die Ästhetiken der redenden und der bildenden Künste,

sowie ihre praktischen Ausläufer, die Kunstkritiken, bereits die Regel

festzuhalten, daß in ästhetischen Untersuchungen vorerst das schöne

Objekt und nicht das empfindende Subjekt zu erforschen ist.

Die _Tonkunst_ allein scheint diesen sachlichen Standpunkt noch immer nicht

erringen zu können. Sie scheidet streng ihre theoretisch-grammatikalischen

Regeln von den ästhetischen Untersuchungen und liebt es, erstere so

trocken verständig, letztere so lyrisch-sentimental als möglich zu

halten. Sich ihren Inhalt als eine selbständige Art des Schönen klar und

scharf gegenüberzustellen, war der musikalischen Ästhetik bisher eine

unerschwingliche Anstrengung. Statt dessen treiben da die »Empfindungen«

den alten Spuk bei hellichtem Tage fort. Das musikalisch Schöne wird

nach wie vor nur von Seite seines subjektiven Eindrucks angesehen, und

in Büchern, Kritiken und Gesprächen täglich bekräftigt, daß die

_Affekte_ die einzige ästhetische Grundlage der Tonkunst und allein

berechtigt seien, die Grenzen des Urteils über dieselbe abzustecken.

Die Musik -- so wird uns gelehrt -- kann nicht durch Begriffe den

Verstand unterhalten, wie die Dichtkunst, ebensowenig durch sichtbare

Formen das Auge, wie die bildenden Künste, also muß sie den Beruf haben,

auf die _Gefühle_ des Menschen zu wirken. »Die Musik hat es mit den

Gefühlen zu tun.« Dieses »zu tun haben« ist einer der charakteristischen

Ausdrücke der bisherigen musikalischen Ästhetik. _Worin_ der

Zusammenhang der Musik mit den Gefühlen, bestimmter Musikstücke mit

bestimmten Gefühlen bestehe, nach welchen Naturgesetzen er wirke, nach

welchen Kunstgesetzen er zu gestalten sei, darüber ließen uns diejenigen

vollkommen im Dunkeln, die eben damit »zu tun« hatten. Erst wenn man

sein Auge ein wenig an dieses Dunkel gewöhnt hat, gelangt man dahin, zu

entdecken, daß in der herrschenden musikalischen Anschauung die Gefühle

eine doppelte Rolle spielen.

Fürs erste wird als _Zweck_ und _Bestimmung_ der Musik aufgestellt, sie

solle Gefühle oder »schöne Gefühle« erwecken. Fürs zweite bezeichnet man

die Gefühle als den _Inhalt_, welchen die Tonkunst in ihren Werken

darstellt.

Beide Sätze haben das Ähnliche, daß der eine genau so falsch ist, wie

der andere.

Die Widerlegung des ersteren, die meisten musikalischen Handbücher

einleitenden Satzes darf uns nicht lange aufhalten. Das Schöne hat

überhaupt keinen _Zweck_; denn es ist bloße _Form_, welche zwar nach dem

_Inhalt_, mit dem sie erfüllt wird, zu den verschiedensten Zwecken

verwandt werden kann, aber selbst keinen andern hat, als sich selbst.

Wenn aus der Betrachtung des Schönen angenehme Gefühle für den

Betrachter entstehen, so gehen diese das Schöne als solches nichts an.

Ich kann wohl dem Betrachter Schönes vorführen in der bestimmten

Absicht, daß er daran Vergnügen finde, allein diese Absicht hat mit der

Schönheit des Vorgeführten selbst nichts zu schaffen. Das Schöne ist und

bleibt schön, auch wenn es keine Gefühle erzeugt, ja wenn es weder

geschaut noch betrachtet wird; also zwar nur _für_ das Wohlgefallen

eines anschauenden Subjekts, aber nicht _durch_ dasselbe.

Von einem _Zweck_ kann also in diesem Sinn auch bei der Musik nicht

gesprochen werden, und die Tatsache, daß diese Kunst in einem lebhaften

Zusammenhang mit unseren Gefühlen steht, rechtfertigt keineswegs die

Behauptung, es liege in diesem Zusammenhange ihre ästhetische Bedeutung.

Um dieses Verhältnis näher zu untersuchen, müssen wir vorerst die

Begriffe »Gefühl« und »Empfindung« -- gegen deren Verwechselung im

gewöhnlichen Sprachgebrauch nichts einzuwenden ist -- hier streng

unterscheiden.

_Empfindung_ ist das Wahrnehmen einer bestimmten Sinnesqualität: eines

Tons, einer Farbe. _Gefühl_ das Bewußtwerden einer Förderung oder

Hemmung unseres Seelenzustandes, also eines Wohlseins oder Mißbehagens.

Wenn ich den Geruch oder Geschmack eines Dinges, dessen Form, Farbe oder

Ton mit meinen Sinnen einfach wahrnehme (perzipiere), so _empfinde_ ich

diese Qualitäten; wenn Wehmut, Hoffnung, Frohsinn oder Haß mich

bemerkbar über den gewöhnlichen Seelenzustand emporheben oder unter

denselben herabdrücken, _so fühle ich_.[5]

[5] In dieser Begriffsbezeichnung stimmen die älteren Philosophen mit

den neueren Physiologen überein, und wir mußten sie unbedingt den

Benennungen der _Hegel_schen Schule vorziehen, welche bekanntlich

innere und äußere Empfindung unterscheidet.

Das Schöne trifft zuerst unsere Sinne. Dieser Weg ist ihm nicht

eigentümlich, es teilt ihn mit allem überhaupt Erscheinenden. Die

Empfindung ist Anfang und Bedingung des ästhetischen Gefallens und

bildet erst die Basis des _Gefühls_, welches stets ein Verhältnis und

oft die kompliziertesten Verhältnisse voraussetzt. _Empfindungen_ zu

erregen bedarf es nicht der Kunst; ein einzelner Ton, eine einzelne

Farbe kann das. Wie gesagt, werden beide Ausdrücke willkürlich

vertauscht, meistens aber in älteren Werken »Empfindung« genannt, was

wir als »Gefühl« bezeichnen. Unsere _Gefühle_ also, meinen jene

Schriftsteller, solle die Musik erregen und uns abwechselnd mit Andacht,

Liebe, Jubel, Wehmut erfüllen.

Solche Bestimmung hat aber in Wahrheit weder diese noch eine andere

Kunst. Die Kunst hat vorerst ein _Schönes_ darzustellen. Das Organ,

womit das Schöne aufgenommen wird, ist nicht das Gefühl,[6] sondern die

_Phantasie_, als die Tätigkeit des reinen Schauens.

[6] _Hegel_ hat gezeigt, wie die Untersuchung der »Empfindungen« (nach

unserer Terminologie: der Gefühle), welche eine Kunst erweckt, ganz im

Unbestimmten stehen bleibt und gerade vom eigentlichen konkreten

Inhalt absieht. »Was empfunden wird«, sagt er, »bleibt eingehüllt in

der Form abstraktester, einzelner Subjektivität, und deshalb sind auch

die Unterschiede der Empfindung ganz abstrakte, keine Unterschiede der

Sache selbst« (Ästhetik I, 42).

Merkwürdig ist es, wie die Musiker und älteren Ästhetiker sich nur in

dem Kontrast von »Gefühl« und »Verstand« bewegen, als läge nicht die

Hauptsache gerade _inmitten_ dieses angeblichen Dilemmas. Aus der

Phantasie des Künstlers entsteigt das Tonstück für die Phantasie des

Hörers. Freilich ist die Phantasie gegenüber dem Schönen nicht bloß ein

_Schauen_, sondern ein Schauen mit _Verstand_, d. i. Vorstellen und

Urteilen, letzteres natürlich mit solcher Schnelligkeit, daß die

einzelnen Vorgänge uns gar nicht zum Bewußtsein kommen, und die

Täuschung entsteht, es geschehe _unmittelbar_, was doch in Wahrheit von

vielfach vermittelnden Geistesprozessen abhängt. Das Wort »Anschauung«,

längst von den Gesichtsvorstellungen auf alle Sinneserscheinungen

übertragen, entspricht überdies trefflich dem Akte des aufmerksamen

Hörens, welches ja in einem sukzessiven Betrachten der Tonformen

besteht. Die Phantasie ist dabei keineswegs ein abgeschlossenes Gebiet:

so wie sie ihren Lebensfunken aus den Sinnesempfindungen zog, sendet sie

wiederum ihre Radien schnell an die Tätigkeit des Verstandes und des

Gefühls aus. Dies sind für die echte Auffassung des Schönen jedoch nur

Grenzgebiete.

In reiner Anschauung genießt der Hörer das erklingende Tonstück, jedes

stoffliche Interesse muß ihm fern liegen. Ein solches ist aber die

Tendenz, Affekte in sich erregen zu lassen. Ausschließliche Betätigung

des _Verstandes_ durch das Schöne verhält sich _logisch_ anstatt

ästhetisch, eine vorherrschende Wirkung auf das _Gefühl_ ist noch

bedenklicher, nämlich gerade _pathologisch_.

Alles das, von der allgemeinen Ästhetik längst entwickelt, gilt

gleichmäßig für das Schöne aller Künste. Behandelt man also die _Musik_

als _Kunst_, so muß man die Phantasie und nicht das Gefühl als die

ästhetische Instanz derselben erkennen. Der bescheidene Vordersatz

scheint uns darum rätlich, weil bei dem wichtigen Nachdruck, welcher

unermüdlich auf die durch Musik zu erzielende Sänftigung der

menschlichen Leidenschaften gelegt wird, man in der Tat oft nicht weiß,

ob von der Tonkunst als von einer polizeilichen, einer pädagogischen

oder medizinischen Maßregel die Rede ist.

Die Musiker sind aber weniger in dem Irrtume befangen, _alle_ Künste

gleichmäßig den Gefühlen vindizieren zu wollen, als sie darin vielmehr

etwas spezifisch der _Tonkunst_ Eigentümliches sehen. Die Macht und

Tendenz, beliebige Affekte im Hörer zu erwecken, sei es eben, was die

_Musik_ vor den übrigen Künsten charakterisiere.[7]

[7] Wo »Gefühl« nicht einmal von »Empfindung« getrennt wurde, da kann

von einem tieferen Eingehen in die Unterschiede des ersteren um so

weniger die Rede sein; sinnliche und intellektuelle Gefühle, die

chronische Form der _Stimmung_, die akute des _Affektes_, Neigung und

Leidenschaft, sowie die eigentümlichen Färbungen dieser als »pathos«

der Griechen und »passio« der neueren Lateiner wurden in bunter

Mischung nivelliert, und von der Musik lediglich ausgesagt, sie sei

speziell die Kunst, Gefühle zu erregen.

Allein so wenig wir diese Wirkung als die Aufgabe der Künste überhaupt

anerkannten, so wenig können wir in ihr das spezifische Wesen der

_Musik_ erblicken. Einmal festgehalten, daß die _Phantasie_ das

eigentliche Organ des Schönen ist, wird eine sekundäre Wirkung auf das

Gefühl in _jeder_ Kunst vorkommen. Bewegt uns nicht ein großes

Geschichtsbild mit der Kraft eines Erlebnisses? Stimmen uns Raphaels

Madonnen nicht zur Andacht, Poussins Landschaften nicht zu sehnsüchtiger

Wanderlust? Bleibt etwa der Anblick des Straßburger Doms ohne Wirkung

auf unser Gemüt? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Sie gilt

ebenso von der Poesie, ja von mancher außerästhetischen Tätigkeit, z. B.

religiöser Erbauung, Eloquenz u. a. Wir sehen, daß die übrigen Künste

ebenfalls stark genug auf das Gefühl einwirken. Den angeblichen

prinzipiellen Unterschied derselben von der Musik müßte man daher auf

ein Mehr oder Weniger dieser Wirkung basieren. Ganz unwissenschaftlich

an sich, hätte dieser Ausweg obendrein die Entscheidung, ob man stärker

und tiefer fühle bei einer Mozartschen Symphonie oder bei einem

Trauerspiele Shakespeares, bei einem Gedicht von Uhland oder einem

Hummelschen Rondo, füglich jedermann selbst zu überlassen. Meint man

aber, die Musik wirke »unmittelbar« auf das Gefühl, die andern Künste

erst durch die Vermittlung von Begriffen, so fehlt man nur mit andern

Worten, weil, wie wir gesehen, die Gefühle auch von dem

Musikalisch-Schönen nur in zweiter Linie beschäftigt werden sollen,

_unmittelbar_ nur die Phantasie. Unzähligemal wird in musikalischen

Abhandlungen die Analogie herbeigerufen, die zweifellos zwischen der

Musik und der _Baukunst_ besteht. Ist aber je einem vernünftigen

Architekten beigefallen, die Baukunst habe den _Zweck_, Gefühle zu

erregen, oder es seien diese der _Inhalt_ derselben?

_Jedes_ wahre Kunstwerk wird sich in irgendeine Beziehung zu unserm

Fühlen setzen, _keines_ in eine ausschließliche. Man sagt also gar

nichts für das ästhetische Prinzip der Musik Entscheidendes, wenn man

sie nur ganz allgemein durch ihre Wirkung auf das Gefühl

charakterisiert. Ebensowenig etwa, als man das Wesen des Weins

ergründet, indem man sich betrinkt. Es wird einzig auf die _spezifische_

Art ankommen, wie solche Affekte _durch Musik_ hervorgerufen werden.

Statt also an der sekundären und unbestimmten Gefühlswirkung

musikalischer Erscheinungen zu kleben, gilt es, in das Innere der Werke

zu dringen und die spezifische Kraft ihres Eindrucks aus den Gesetzen

ihres eigenen Organismus zu erklären. Ein Maler oder ein Poet überredet

sich kaum mehr, Rechenschaft von dem Schönen seiner Kunst abgelegt zu

haben, wenn er untersuchte, welche »Gefühle« seine Landschaft oder sein

Drama hervorruft: er wird der zwingenden Macht nachspüren, _warum_ das

Werk gefällt und weshalb gerade in dieser und keiner andern Weise. Daß

diese Untersuchung, wie wir später sehen werden, in der Tonkunst viel

schwieriger ist als in den andern Künsten, ja daß das Erforschliche in

ihr nur bis zu einer gewissen Tiefe hinabreicht, berechtigt ihre

Kritiker noch lange nicht, Gefühlsaffektionen und musikalische Schönheit

unmittelbar zu vermengen, statt sie in wissenschaftlicher Methode

möglichst getrennt darzustellen.

Kann überhaupt das Gefühl keine Basis für ästhetische Gesetze sein, so

ist obendrein gegen die Sicherheit des musikalischen Fühlens

Wesentliches zu bemerken. Wir meinen hier nicht bloß die konventionelle

Befangenheit, die es ermöglicht, daß unser Fühlen und Vorstellen oft

durch Texte, Überschriften und andere bloß gelegentliche

Gedankenverbindungen, besonders in Kirchen-, Kriegs- und

Theaterkompositionen eine Richtung erhält, welche wir fälschlich dem

Charakter der Musik an sich zuzuschreiben geneigt sind. Vielmehr ist

überhaupt der Zusammenhang eines Tonstückes mit der dadurch

hervorgerufenen Gefühlsbewegung kein unbedingt kausaler, sondern es

wechselt diese Stimmung mit dem wechselnden Standpunkt unserer

musikalischen Erfahrungen und Eindrücke. Wir begreifen heute oft kaum,

wie unsere Großeltern _diese_ Tonreihe für einen entsprechenden Ausdruck

gerade _dieses_ Affekts ansehen konnten. Dafür ist z. B. die

außerordentliche Verschiedenheit ein Beweis, mit der viele Mozartsche,

Beethovensche und Webersche Kompositionen zur Zeit ihrer Neuheit im

Gegensatz zu heute auf die Herzen der Hörer wirkten. Wie viele Werke von

Mozart erklärte man zu ihrer Zeit für das Leidenschaftlichste, Feurigste

und Kühnste, was überhaupt an musikalischen Stimmungsbildern möglich

schien. Der Behaglichkeit und dem reinen Wohlsein, welches aus Haydns

Symphonien ausströme, stellte man die Ausbrüche heftiger Leidenschaft,

ernstester Kämpfe, bitterer, schneidender Schmerzen in Mozarts[8] Musik

gegenüber. Zwanzig bis dreißig Jahre später entschied man genau so

zwischen Beethoven und Mozart. Die Stelle Mozarts als Repräsentanten der

heftigen, hinreißenden Leidenschaft nahm Beethoven ein, und Mozart war

zu der olympischen Klassizität Haydns avanciert. Ähnliche Wandlungen

seiner Anschauung erfährt jeder aufmerksame Musiker im Laufe eines

längeren Lebens an sich selbst. Durch diese Verschiedenheit der

Gefühlswirkung ist jedoch die _musikalische_ Schätzung vieler einst so

aufregend wirkender Werke, der ästhetische Genuß, den ihre Originalität

und _Schönheit_ uns heute noch bereitet, an und für sich nicht

alteriert. Der Zusammenhang musikalischer Werke mit gewissen Stimmungen

besteht also nicht immer, überall, notwendig, als ein absolut

Zwingendes, er ist vielmehr unvergleichlich wandelbarer als in jeder

andern Kunst.

[8] Namentlich von _Rochlitz_ existieren manche solcher für uns heute

sehr verwunderlichen Aussprüche über Mozarts Instrumentalmusiken.

Derselbe Rochlitz bezeichnet das reizende Menuetto capriccio in Webers

As-dur-Sonate als einen »ununterbrochen fortströmenden Erguß einer

leidenschaftlichen, heftig aufgeregten Seele, und doch mit

bewunderungswürdiger Festigkeit zusammengehalten«.

So besitzt denn die Wirkung der Musik auf das Gefühl weder die

Notwendigkeit, noch die Ausschließlichkeit, noch die Stetigkeit, welche

eine Erscheinung aufweisen müßte, um ein ästhetisches Prinzip begründen

zu können.

Die starken Gefühle selbst, welche die Musik aus ihrem Schlummer

wachsingt, und all die süßen wie schmerzlichen Stimmungen, in die sie

uns Halbträumende einlullt: wir möchten sie nicht durchaus

unterschätzen. Zu den schönsten, heilsamsten Mysterien gehört es ja, daß

die Kunst solche Bewegungen ohne irdischen Anlaß, recht von Gottes

Gnaden hervorzurufen vermag. Nur gegen die unwissenschaftliche

Verwertung dieser Tatsachen für _ästhetische Prinzipien_ legen wir

Verwahrung ein. Lust und Trauer können durch Musik in hohem Grade

erweckt werden; das ist richtig. Nicht in noch höherem vielleicht durch

den Gewinnst des großen Treffers, oder durch die Todeskrankheit eines

Freundes? Solange man Anstand nimmt, deshalb ein Lotterielos den

Symphonien, oder ein ärztliches Bulletin den Ouvertüren beizuzählen, so

lange darf man auch faktisch erzeugte Affekte nicht als eine ästhetische

Spezialität der Tonkunst oder eines bestimmten Tonstücks behandeln. Es

wird einzig auf die _spezifische Art_ ankommen, _wie_ solche Affekte

_durch Musik_ hervorgerufen werden. Wir werden im IV. und V. Kapitel den

Einwirkungen der Musik auf das Gefühl die aufmerksamste Betrachtung

widmen, und die _positiven_ Seiten dieses merkwürdigen Verhältnisses

untersuchen. Hier, am Eingang unserer Schrift, konnte die negative

Seite, als Protest gegen ein unwissenschaftliches Prinzip, nicht zu

scharf hervorgekehrt werden.

Der erste, der meines Wissens diese Gefühlsästhetik in der Musik

angegriffen hat, ist _Herbart_ (im 9. Kapitel seiner Enzyklopädie).

Nachdem er sich gegen die »Deutelei« von Kunstwerken erklärt hat, sagt

er: »Die Traumdeuter und Astrologen haben sich Jahrtausende nicht wollen

sagen lassen, daß ein Mensch träume, weil er schläft, und daß die

Gestirne sich bald da, bald dort zeigen, weil sie sich bewegen. So

wiederholen bis auf den heutigen Tag selbst gute Musikkenner den Satz,

die Musik drücke Gefühle aus, als ob das Gefühl, das etwa durch sie

erregt wird, und zu dessen Ausdruck sie eben deshalb, wenn man will,

sich gebrauchen läßt, den allgemeinen Regeln des einfachen und doppelten

Kontrapunktes zugrunde läge, auf denen ihr wahres Wesen beruht. Was

mögen doch die alten Künstler, welche die möglichen Formen der Fuge

entwickelten, auszudrücken beabsichtigt haben? Gar nichts wollen sie

_ausdrücken_; ihre Gedanken gingen nicht hinaus, sondern in das innere

Wesen der Kunst hinein; diejenigen aber, die sich auf Bedeutungen

_legen_, verraten ihre Scheu vor dem innern und ihre Vorliebe für den

äußern Schein.« Leider hat Herbart diese gelegentliche Opposition im

einzelnen nicht näher begründet, und neben dieser glänzenden finden sich

bei ihm auch manche schiefe Bemerkungen über Musik. Jedenfalls haben

seine obigen Worte, wie wir sogleich sehen werden, nicht die verdiente

Beachtung gefunden.

_Anmerkung._ Es dünkt uns für den vorliegenden Zweck kaum notwendig,

den Ansichten, deren Bekämpfung uns beschäftigt, die Namen ihrer

Autoren beizusetzen, da diese Ansichten weniger die Blüte

eigentümlicher Überzeugungen, als vielmehr der Ausdruck einer

allgemein gewordenen traditionellen Denkweise sind. Nur um einen

Einblick in die ausgebreitete Herrschaft dieser Grundsätze zu

gewähren, mögen einige Zitate älterer und neuerer Musikschriftsteller

aus der großen Menge derer, welche dafür zu Gebote stehen, hier

Platz finden.

_Mattheson_: »Wir müssen bei jeder Melodie uns eine _Gemütsbewegung_

(wo nicht mehr als eine) zum Hauptzweck setzen.« (Vollkomm.

Kapellmeister. S. 143.)

_Neidhardt_: »Der Musik Endzweck ist, _alle Affekte_ durch die

bloßen Töne und deren Rhythmum, trotz dem besten Redner, rege zu

machen.« (Vorrede zur »Temperatur«.)

_J. N. Forkel_ versteht unter den »Figuren in der Musik« »dasselbe,

was sie in der Dichtkunst und Redekunst sind, nämlich der Ausdruck

der unterschiedenen Arten, nach welchen sich _Empfindungen_ und

_Leidenschaften_ äußern«. (Über die Theorie der Musik. Göttingen

1777. S. 26.)

_J. Mosel_ definiert die Musik als »die Kunst, _bestimmte

Empfindungen_ durch geregelte Töne auszudrücken«.

_C. F. Michaelis_: »Musik ist die Kunst des Ausdrucks von

_Empfindungen_ durch Modulation der Töne. Sie ist die Sprache der

Affekte« usw. (Über den Geist der Tonkunst, 2. Versuch. 1800.

S. 29.)

_Marburg_: »Der Zweck, den der Komponist sich in seiner Arbeit

vorsetzen soll, ist, die Natur nachzuahmen ... die Leidenschaften

nach seinem Willen zu regen ... die Bewegungen der Seele, die

Neigungen des Herzens nach dem Leben zu schildern.« (Krit. Musikus,

1. Band. 1750. 40. Stück.)

_W. Heinse_: »Der Hauptendzweck der Musik ist die Nachahmung oder

vielmehr Erregung von _Leidenschaften_.« (Musikal. Dialoge. 1805.

S. 30.)

_J. J. Engel_: »Eine Sinfonie, eine Sonate usw. muß die Ausführung

einer Leidenschaft, die aber in mannigfaltige Empfindungen ausbeugt,

enthalten.« (Über musikal. Malerei. 1780. S. 29.)

_J. Ph. Kirnberger_: »Ein melodischer Satz (Thema) ist ein

verständlicher Satz aus der Sprache der Empfindung, der einen

empfindsamen Zuhörer die Gemütslage, die ihn hervorgebracht hat,

fühlen läßt.« (Kunst des reinen Satzes, II. Teil, S. 152.)

_Pierers_ Universallexikon (2. Auflage): »_Musik_ ist die Kunst,

durch schöne Töne Empfindungen und Seelenzustände auszudrücken. Sie

steht höher als die _Dichtkunst_, welche nur (!) mit dem Verstande

erkennbare Stimmungen darzustellen vermag, da die Musik ganz

unerklärliche Empfindungen und Ahnungen ausdrückt.«

_G. Schillings_ Universallexikon der Tonkunst bringt unter dem

Artikel »Musik« die gleiche Erklärung.

_Koch_ definiert die Musik als die »Kunst, ein angenehmes Spiel der

Empfindungen durch Töne auszudrücken«. (Musik. Lexikon: »Musik«.)

_A. André_: »Musik ist die Kunst, Töne hervorzubringen, welche

Empfindungen und Leidenschaften schildern, erregen und unterhalten.«

(Lehrbuch der Tonkunst I.)

_Sulzer_: »Musik ist die Kunst, durch Töne unsere Leidenschaften

auszudrücken, wie in der Sprache durch Worte.« (Theorie der schönen

Künste.)

_J. W. Böhm_: »Nicht den Verstand, nicht die Vernunft, sondern nur

das _Gefühlsvermögen_ beschäftigen der Saiten harmonische Töne.«

(Analyse des Schönen der Musik. Wien 1830. S. 62.)

_Gottfried Weber_: »Die Tonkunst ist die Kunst, durch Töne

_Empfindungen_ auszudrücken.« (Theorie der Tonsetzkunst, 2. Aufl.

I. Bd. S. 15.)

_F. Hand_: »Die Musik stellt _Gefühle_ dar. _Jedes Gefühl und jeder

Gemütszustand_ hat an sich und so auch in der Musik seinen besonderen

Ton und Rhythmus.« (Ästhetik der Tonkunst, I. Bd. 1837. § 24.)

_Amadeus Autodidaktus_: »Die Tonkunst entquillt und wurzelt nur in

der Welt der geistigen _Gefühle_ und _Empfindungen_. Musikalisch

melodische Töne (!) erklingen nicht dem Verstande, welcher

Empfindungen ja nur beschreibt und zergliedert, ... sie sprechen zu

dem _Gemüt_« usw. (Aphorismen über Musik. Leipzig 1857. S. 329.)

_Fermo Bellini_: »Musica è l'arte, che esprime i sentimenti e le

passioni col mezzo di suoni.« (Manuale di Musica. Milano, Ricordi.

1853.)

_Friedrich Thiersch_: Allgemeine Ästhetik (Berlin 1846) § 18.

S. 101: »Die Musik ist die Kunst, durch Wahl und Verbindung der Töne

Gefühle und Stimmungen des Gemütes auszudrücken oder zu erregen.«

_A. v. Dommer_: Elemente der Musik (Leipzig 1862): »_Aufgabe der

Tonkunst_: Die Tonkunst soll _Gefühle_ und durch das Gefühl

_Vorstellungen_ in uns erregen.« (S. 174.)

_Rich. Wagner_, »Das Kunstwerk der Zukunft« (1850. Gesamm.

Schr. III, 99 und ähnlich sonst): »Das Organ des _Herzens_ ist der

_Ton_, seine künstlerisch bewußte Sprache die Tonkunst.« In den

späteren Schriften freilich werden Wagners Definitionen noch

nebelhafter; da ist ihm Musik gleich »Kunst des Ausdrucks« überhaupt

(in »Oper und Drama«, Ges. Schriften III, 343), die ihm als »Idee

der Welt« befähigt scheint, »das Wesen der Dinge in seiner

unmittelbarsten Kundgebung zu erfassen« usw. (»Beethoven«. 1870.

S. 6 ff.).

II.

Die »Darstellung von Gefühlen« ist nicht der Inhalt der Musik.

Teils als Konsequenz dieser Theorie, welche die Gefühle für das

_Endziel_ musikalischer Wirkung erklärt, teils als Korrektiv derselben,

wird der Satz aufgestellt: die _Gefühle_ seien der _Inhalt_, welchen die

Tonkunst darzustellen habe.

Die philosophische Untersuchung einer Kunst drängt zu der Frage nach dem

_Inhalt_ derselben. Die Verschiedenheit des Inhalts der Künste

(untereinander) und die damit zusammenhängende Grundverschiedenheit

ihrer Gestaltung folgt mit Notwendigkeit aus der Verschiedenheit der

_Sinne_, an welche sie gebunden sind. Jeder Kunst eignet ein Kreis von

Ideen, welche sie mit ihren Ausdrucksmitteln als Ton, Wort, Farbe, Stein

darstellt. Das einzelne Kunstwerk verkörpert demnach eine bestimmte Idee

als Schönes in sinnlicher Erscheinung. Diese bestimmte Idee, die sie

verkörpernde Form, und die Einheit beider sind Bedingungen des

Schönheitsbegriffs, von welchen keine wissenschaftliche Ergründung

irgend einer Kunst sich mehr trennen kann.

_Was_ Inhalt eines Werks der dichtenden oder bildenden Kunst sei, läßt

sich mit Worten ausdrücken und auf Begriffe zurückführen. Wir sagen:

dies Bild stellt ein Blumenmädchen vor, diese Statue einen Gladiator,

jenes Gedicht eine Tat Rolands. Das mehr oder minder vollkommene

Aufgehen des so bestimmten Inhalts in der künstlerischen Erscheinung

begründet dann unser Urteil über die Schönheit des Kunstwerks.

Als _Inhalt der Musik_ hat man ziemlich einverständlich die ganze

Stufenleiter menschlicher _Gefühle_ genannt, weil man in diesen den

Gegensatz zu begrifflicher Bestimmtheit und daher die richtige

Unterscheidung von dem Ideal der bildenden und dichtenden Kunst gefunden

glaubte. Demnach seien die Töne und ihr kunstreicher Zusammenhang bloß

Material, Ausdrucksmittel, wodurch der Komponist die Liebe, den Mut, die

Andacht, das Entzücken darstellt. Diese Gefühle in ihrer reichen

Mannigfaltigkeit seien die Idee, welche den irdischen Leib des Klanges

angetan, um als musikalisches Kunstwerk auf Erden zu wandeln. Was uns an

einer reizenden Melodie, einer sinnigen Harmonie ergötzt und erhebt, sei

nicht diese selbst, sondern was sie bedeutet: das Flüstern der

Zärtlichkeit, das Stürmen der Kampflust.

Um auf festen Boden zu gelangen, müssen wir vorerst solche altverbundene

Metaphern schonungslos trennen: Das _Flüstern_? Ja; -- aber keineswegs

der »Sehnsucht«; das _Stürmen_? Allerdings, doch nicht der »Kampflust«.

In der Tat besitzt die Musik das eine oder das andere; sie kann

flüstern, stürmen, rauschen, -- das Lieben und Zürnen aber trägt nur

unser eigenes Herz in sie hinein.

Die Darstellung eines bestimmten Gefühls oder Affektes liegt gar nicht

in dem eigenen Vermögen der Tonkunst.

Es stehen nämlich die Gefühle in der Seele nicht isoliert da, so daß sie

sich aus ihr gleichsam herausheben ließen von einer Kunst, welcher die

Darstellung der übrigen Geistestätigkeiten verschlossen ist. Sie sind im

Gegenteil abhängig von physiologischen und pathologischen

Voraussetzungen, sind bedingt durch Vorstellungen, Urteile, kurz durch

eben das ganze Gebiet verständigen und vernünftigen Denkens, welchem man

das Gefühl so gern als ein Gegensätzliches gegenüberstellt.

Was macht denn ein Gefühl zu _diesem bestimmten_ Gefühl? Zur Sehnsucht,

Hoffnung, Liebe? Etwa die bloße Stärke oder Schwäche, das Wogen der

inneren Bewegung? Gewiß nicht. Diese kann bei verschiedenen Gefühlen

gleich sein und auch wieder bei demselben Gefühl, in mehreren

Individuen, zu andern Zeiten, verschieden. Nur auf Grundlage einer

Anzahl -- im Momente starken Fühlens vielleicht unbewußter --

Vorstellungen und Urteile kann unser Seelenzustand sich zu eben diesem

bestimmten Gefühl verdichten. Das Gefühl der Hoffnung ist untrennbar von

der Vorstellung eines glücklicheren Zustandes, welcher kommen soll und

mit dem gegenwärtigen verglichen wird. Die Wehmut vergleicht ein

vergangenes Glück mit der Gegenwart. Das sind ganz bestimmte

Vorstellungen, Begriffe, _ohne sie_, ohne diesen _Gedanken_apparat, kann

man das gegenwärtige Fühlen nicht »Hoffnung«, nicht »Wehmut« nennen, er

macht sie dazu. Abstrahiert man von ihm, so bleibt eine unbestimmte

Bewegung, allenfalls die Empfindung allgemeinen Wohlbefindens oder

Mißbehagens. Die _Liebe_ kann ohne die Vorstellung einer geliebten

Persönlichkeit, ohne den Wunsch und das Streben nach der Beglückung,

Verherrlichung, dem Besitz dieses Gegenstandes nicht gedacht werden.

Nicht die Art der bloßen Seelenbewegung, sondern ihr begrifflicher Kern,

ihr wirklicher, historischer Inhalt macht sie zur _Liebe_. Ihrer

_Dynamik_ nach kann diese ebensogut sanft als stürmisch, ebensowohl froh

als schmerzlich auftreten und bleibt doch immer Liebe. Diese Betrachtung

allein reicht hin, zu zeigen, daß Musik nur jene verschiedenen

begleitenden Adjektiva ausdrücken könne, nie das Substantivum, die Liebe

selbst. Ein bestimmtes Gefühl (eine Leidenschaft, ein Affekt) existiert

als solches niemals ohne einen wirklichen historischen Inhalt, der eben

nur in Begriffen dargelegt werden kann. Begriffe kann die Musik als

»unbestimmte Sprache« zugestandenerweise nicht wiedergeben -- ist da

nicht die Folgerung psychologisch unablehnbar, daß sie auch bestimmte

Gefühle nicht auszudrücken vermag? Die _Bestimmtheit_ der Gefühle ruht

ja gerade in deren begrifflichem Kern.

Wie es komme, daß Musik dennoch Gefühle, wie Wehmut, Frohsinn u. dgl.

_erregen kann_ (nicht _muß_), das wollen wir später, wo vom subjektiven

Eindruck der Musik die Rede sein wird, untersuchen. Hier mußte bloß

theoretisch festgestellt werden, ob die Musik fähig sei, ein bestimmtes

Gefühl _darzustellen_. Die Frage war zu verneinen, da die Bestimmtheit

der Gefühle von konkreten Vorstellungen und Begriffen nicht getrennt

werden kann, welche letztere außer dem Gestaltungsbereich der Musik

liegen. -- Einen gewissen Kreis von _Ideen_ hingegen kann die Musik mit

ihren eigensten Mitteln reichlichst darstellen. Dies sind, entsprechend

dem sie aufnehmenden Organ, unmittelbar alle diejenigen Ideen, welche

auf hörbare Veränderungen der Kraft, der Bewegung, der Proportionen sich

beziehen, also die Idee des Anschwellenden, des Absterbenden, des

Eilens, Zögerns, des künstlich Verschlungenen, des einfach

Fortschreitenden u. dgl. -- Es kann ferner der ästhetische Ausdruck

einer Musik anmutig genannt werden, sanft, heftig, kraftvoll, zierlich,

frisch: lauter Ideen, welche in Tonverbindungen eine entsprechende

sinnliche Erscheinung finden. Wir können diese Eigenschaftswörter daher

unmittelbar von _musikalischen_ Bildungen gebrauchen, ohne an die

ethische Bedeutung zu denken, welche sie für das menschliche Seelenleben

haben, und die eine geläufige Ideenverbindung so schnell zur Musik

heranbringt, ja mit den rein musikalischen Eigenschaften unter der Hand

zu verwechseln pflegt.

Die Ideen, welche der Komponist darstellt, sind vor allem und zuerst

rein _musikalische_. Seiner Phantasie erscheint eine bestimmte schöne

Melodie. Sie soll nichts anderes sein als sie selbst. Wie aber jede

konkrete Erscheinung auf ihren höheren Gattungsbegriff, auf die sie

zunächst erfüllende Idee hinweist, und so fort immer höher und höher bis

zur absoluten Idee, so geschieht es auch mit den musikalischen Ideen. So

wird z. B. _dieses_ sanfte, harmonisch ausklingende Adagio die Idee des

Sanften, Harmonischen _überhaupt_ zur schönen Erscheinung bringen. Die

allgemeine Phantasie, welche gern die Ideen der Kunst in bezug zum

eigenen, menschlichen Seelenleben setzt, wird dies Ausklingen noch

höher, z. B. als den Ausdruck milder Resignation eines in sich

versöhnten Gemütes auffassen, und _kann_ vielleicht sofort bis zur

Ahnung eines ewigen jenseitigen Friedens aufsteigen.

Auch die Poesie und bildende Kunst stellen vorerst ein Konkretes dar.

Erst mittelbar kann das Bild eines Blumenmädchens auf die allgemeinere

Idee mädchenhafter Zufriedenheit und Anspruchslosigkeit, ein beschneiter

Kirchhof auf die Idee der irdischen Vergänglichkeit hinweisen. Geradeso,

nur mit ungleich unsicherer und willkürlicher Deutung, kann der Hörer in

diesem Musikstück die Idee jugendlichen Genügens, in jenem die Idee der

Vergänglichkeit heraushören; allein ebensowenig als in den genannten

Bildern sind diese abstrakten _Ideen_ der Inhalt des musikalischen

Werkes: von einer Darstellung des »_Gefühls_ der Vergänglichkeit«, des

»_Gefühls_ der jugendlichen Genügsamkeit« kann nun vollends keine Rede

sein.

Es gibt Ideen, welche durch die Tonkunst vollkommen repräsentiert werden

und trotzdem nicht als _Gefühl_ vorkommen, sowie umgekehrt _Gefühle_ von

solcher Mischung das Gemüt bewegen können, daß sie in keiner durch Musik

darstellbaren Idee ihre entsprechende Bezeichnung finden.

_Was_ kann also die Musik von den Gefühlen darstellen, wenn nicht deren

Inhalt?

Nur das _Dynamische_ derselben. Sie vermag die Bewegung eines physischen

Vorganges nach den Momenten: schnell, langsam, stark, schwach, steigend,

fallend nachzubilden. Bewegung ist aber nur eine Eigenschaft, ein Moment

des Gefühls, nicht dieses selbst. Gemeiniglich glaubt man, das

darstellende Vermögen der Musik genügend zu begrenzen, wenn man

behauptet, sie könne keineswegs den _Gegenstand_ eines Gefühls

bezeichnen, wohl aber das Gefühl selbst, z. B. nicht das Objekt einer

bestimmten Liebe, wohl aber »Liebe«. Sie kann dies in Wahrheit

ebensowenig. Nicht Liebe, sondern nur eine Bewegung kann sie schildern,

welche bei der Liebe oder auch einem andern Affekt vorkommen kann, immer

jedoch das Unwesentliche seines Charakters ist. »Liebe« ist ein

abstrakter Begriff, so gut wie »Tugend« und »Unsterblichkeit«. Die

Versicherung der Theoretiker, Musik habe keine abstrakten Begriffe

darzustellen, ist überflüssig; denn _keine_ Kunst kann dies. Daß nur

_Ideen_, d. i. lebendig gewordene Begriffe Inhalt künstlerischer

Verkörperung sind, versteht sich von selbst.[9] Aber auch die _Ideen_

der Liebe, des Zornes, der Furcht können Instrumentalwerke nicht zur

Erscheinung bringen, weil zwischen jenen Ideen und schönen

Tonverbindungen kein notwendiger Zusammenhang besteht. Welches Moment

dieser Ideen ist's denn also, dessen die Musik sich in der Tat so

wirksam zu bemächtigen weiß? Es ist die _Bewegung_ (natürlich in dem

weiteren Sinne, der auch das Anschwellen und Abschwächen des einzelnen

Tones oder Akkordes als »Bewegung« auffaßt). Sie bildet das Element,

welches die Tonkunst mit den Gefühlszuständen gemeinschaftlich hat, und

das sie schöpferisch in tausend Abstufungen und Gegensätzen zu gestalten

vermag.

[9] Vischer (Ästh. § 11 Anmerkung) definiert die bestimmten Ideen als

die Reiche des Lebens, sofern ihre Wirklichkeit als ihrem Begriff

entsprechend gedacht wird. Denn _Idee_ bezeichnet immer den in seiner

Wirklichkeit rein und mangellos gegenwärtigen Begriff.

Der Begriff der _Bewegung_ ist bisher in den Untersuchungen des Wesens

und der Wirkung der Musik auffallend vernachlässigt worden; er dünkt uns

der wichtigste und fruchtbarste.

Was uns außerdem in der Musik bestimmte Seelenzustände zu malen scheint,

ist _symbolisch_.

Wie die Farben, so besitzen nämlich die Töne schon von Haus aus und in

ihrer Vereinzelung symbolische Bedeutung, welche außerhalb und vor

aller künstlerischen Absicht wirkt. Jede Farbe atmet eigentümlichen

Charakter: sie ist uns keine bloße Ziffer, welche durch den Künstler

lediglich eine Stellung erhält, sondern eine Kraft, schon von Natur aus

in sympathetischen Zusammenhang mit gewissen Stimmungen gesetzt. Wer

kennt nicht die Farbendeutungen, wie sie in ihrer Einfachheit gang und

gäbe, oder durch feinere Geister zu poetischem Raffinement gehoben

werden? Wir verbinden Grün mit dem Gefühl der Hoffnung, Blau mit der

Treue. _Rosenkranz_ erkennt in Rotgelb »anmutige Würde«, in Violett

»philisterhafte Freundlichkeit« usw. (Psychologie, 2. Aufl. S. 102.)

Vom Musikalisch-Schönen Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst · 第 1 / 11 段