mit freundlichen Worten Einlaß begehrt. Die Thür ward geöffnet. Während
Mac Ian sich ankleidete und seine Dienerschaft rief, um seinen Gästen
Erfrischungen bringen zu lassen, wurde er durch den Kopf geschossen.
Zwei seiner Leute wurden zugleich mit ihm ermordet. Seine Gattin war
bereits auf und in dem Staate, den die Fürstinnen der wilden Schluchten
der Hochlande zu tragen pflegten. Die Mörder rissen ihr die Kleider und
das Geschmeide vom Leibe. Die Ringe ließen sich nicht leicht von den
Fingern ziehen; ein Soldat riß sie mit den Zähnen herunter. Sie starb am
folgenden Tage.
Der Staatsmann, dem dieses große Verbrechen hauptsächlich zur Last
fällt, hatte den Plan dazu mit vollendeter Geschicklichkeit entworfen;
aber die Ausführung war nur in Bezug auf Schuld und Schmach vollkommen.
Eine Reihe von Fehlgriffen bewahrte drei Viertel der Leute von Glencoe
vor dem Schicksale ihres Häuptlings. Alle diejenigen moralischen
Eigenschaften, welche den Menschen geschickt machen, bei einem Gemetzel
eine Rolle zu spielen, besaßen Hamilton und Glenlyon in höchster
Vollendung. Aber keiner von Beiden scheint viel militärisches Talent
besessen zu haben. Hamilton hatte seinen Plan entworfen, ohne das
schlechte Wetter in Anschlag zu bringen, und dies in einem Lande und zu
einer Jahreszeit, wo das Wetter aller Wahrscheinlichkeit nach schlecht
sein mußte. Die Folge davon war, daß die Fuchsbaue, wie er sie nannte,
nicht zur rechten Zeit verstopft wurden. Glenlyon und seine Leute
begingen den Fehler, ihre Wirthe durch Feuerwaffen aus der Welt zu
befördern, anstatt sich des kalten Stahles zu bedienen. Der Knall und
Blitz der Schüsse verkündete drei verschiedenen Theilen des Thales zu
gleicher Zeit, daß gemordet wurde. Aus funfzig Hütten flüchtete das
Landvolk halb nackt in die verborgensten Schlupfwinkel seiner unwegsamen
Schlucht. Selbst den Söhnen Mac Ian’s, welche speciell zur Vernichtung
bestimmt waren, gelang es zu entkommen. Sie wurden durch treue Diener
geweckt. Johann, welcher durch den Tod seines Vaters der Patriarch des
Stammes geworden, verließ seine Wohnung gerade in dem Augenblicke, als
zwanzig Soldaten mit aufgesteckten Bajonnetten im Anmarsche waren. Es
war längst heller Tag als Hamilton ankam, und er fand das Werk noch
nicht halb verrichtet. Ungefähr dreißig Leichen schwammen auf den
Düngerhaufen vor den Thüren in ihrem Blute. Darunter sah man auch einige
Frauen und ein noch gräßlicherer und erschütternderer Anblick, eine
kleine Hand, die im Tumulte des Gemetzels einem Kinde abgehauen worden
war. Ein bejahrter Macdonald wurde noch lebend gefunden. Er war
wahrscheinlich zu schwach, um fliehen zu können, und da er über siebzig
Jahre zählte, erstreckte sich der Befehl, nach welchem Glenlyon
gehandelt, nicht mit auf ihn. Hamilton ermordete den alten Mann mit
kaltem Blute. Die verödeten Dörfer wurden sodann angezündet und die
Soldaten zogen ab, eine Menge Schafe und Ziegen, neunhundert Rinder und
zweihundert der kleinen zottigen Ponies der Hochlande mit sich
fortführend.
Man sagt, und es ist nur zu glaublich, daß die Leiden der Flüchtlinge
entsetzlich gewesen seien. Wie viele Greise, wie viele Frauen mit
kleinen Kindern auf den Armen in den Schnee niedersanken, um nie wieder
aufzustehen, wie Viele, die von Anstrengung und Hunger erschöpft in
Schlupfwinkel an den Bergabhängen gekrochen waren, in diesen finstren
Höhlen starben und von den Gebirgsraben bis auf die Knochen verzehrt
wurden, ist nicht zu ermitteln. Wahrscheinlich aber war die Zahl Derer,
welche durch Kälte, Erschöpfung und Hunger umkamen, nicht geringer als
die Zahl Derer, welche von den Mördern hingeschlachtet wurden. Als die
Truppen fort waren, kamen die Macdonalds aus den Höhlen von Glencoe
hervor, wagten sich zurück zu der Stelle, wo die Hütten gestanden, zogen
die halbverbrannten Leichname aus den rauchenden Trümmern und
verrichteten einige einfache Beerdigungsceremonien. Die Tradition
erzählt, daß der erbliche Barde des Stammes sich auf einen Felsen
niedersetzte, der die Stätte des Gemetzels beherrschte, und sich in eine
lange Klage über seine gemordeten Brüder und seine verödete Heimath
ergoß. Noch achtzig Jahre nachher sang die Bevölkerung des Thales dieses
schwermüthige Klagelied.[89]
Die Ueberlebenden hatten alle Ursache zu der Befürchtung, daß sie den
Kugeln und Schwertern nur entgangen waren, um durch Hunger umzukommen.
Das ganze Gebiet war eine Wüste. Häuser, Scheunen, Mobilien,
Wirthschaftsgeräthe, Rinder- und Schafheerden und Pferde, Alles war
fort. Viele Monate mußten vergehen, ehe der Clan im Stande war, auf
seinem Grund und Boden die Mittel zu gewinnen, um auch nur die
dürftigste Existenz zu fristen.[90]
Man wird sich vielleicht wundern, daß diese Ereignisse nicht mit einem
Ausrufe des Abscheus in allen Theilen der civilisirten Welt aufgenommen
wurden. Aber es ist Thatsache, daß Jahre vergingen, ehe der öffentliche
Unwille gründlich erwachte, und Monate, bevor der schwärzeste Theil der
Geschichte selbst bei den Feinden der Regierung Glauben fand. Daß das
Gemetzel in den Londoner Tagesblättern und in den monatlichen
Zeitschriften, welche kaum minder höfisch gesinnt waren als die
Zeitungen, oder in den durch officielle Censoren erlaubten Flugschriften
nicht erwähnt wurde, ist leicht erklärlich. Daß sich aber auch in
Tagebüchern und Briefen von Personen, die von jeder Beschränkung frei
waren, keine Notiz davon findet, muß auffällig erscheinen. In Evelyn’s
Tagebuch kommt kein Wort über den Gegenstand vor. In Narcissus
Luttrell’s Tagebuche ist fünf Wochen nach dem Gemetzel eine interessante
Bemerkung eingezeichnet. Briefe aus Schottland, sagt er, schilderten
dieses Land als vollkommen ruhig, ausgenommen daß man sich über
kirchliche Fragen noch ein wenig stritte. Die holländischen Minister
theilten ihrer Regierung regelmäßig alle schottischen Neuigkeiten mit.
Sie hielten es damals der Mühe werth zu erwähnen, daß ein Kaper in der
Nähe von Berwick ein Kohlenschiff aufgebracht habe, daß die Edinburger
Diligence beraubt worden, und daß bei Aberdeen ein Wallfisch mit einer
siebzehn Fuß langen und sieben Fuß breiten Zunge gestrandet sei. Aber in
keiner ihrer Depeschen findet sich eine Andeutung, daß die Rede von
einem außerordentlichen Ereignisse in den Hochlanden gehe. Es kamen zwar
nach ungefähr drei Wochen Gerüchte von der Ermordung einiger Macdonalds
über Edinburg nach London. Aber diese Gerüchte waren vag und einander
widersprechend, und das Schlimmste derselben war noch weit von der
schrecklichen Wahrheit entfernt. Die whiggistische Version der
Geschichte lautete, daß der alte Räuber Mac Ian die Soldaten habe in
einen Hinterhalt locken wollen, daß er sich aber in seiner eigenen
Schlinge gefangen habe und daß er nebst einigen Mitgliedern seines Clans
mit dem Schwerte in der Hand gefallen sei. Die jakobitische Version,
welche am 23. März von Edinburg abging, erschien am 7. April in der
Pariser Gazette. Glenlyon, hieß es darin, sei mit einem Detachement von
Argyle’s Regiment abgesandt worden, um unter dem Schutze der Dunkelheit
die Bewohner von Glencoe zu überfallen, und habe sechsunddreißig Männer
und Knaben und vier Frauen getödtet.[91] Darin lag weder etwas
Wunderbares noch etwas Entsetzliches. Ein nächtlicher Angriff auf eine
Bande Freibeuter in einer starken natürlichen Festung kann eine durchaus
gerechtfertigte militärische Operation sein, und in der Dunkelheit und
der Verwirrung eines solchen Angriffs kann auch der Humanste das Unglück
haben, eine Frau oder einen Knaben, zu erschießen. Die Umstände, welche
dem Gemetzel von Glencoe einen eigenthümlichen Character verleihen, der
Wortbruch, die Verletzung der Gastfreundschaft, die zwölf Tage
erheuchelter Freundschaft und heiteren Zusammenlebens, der
Morgenbesuche, der geselligen Mahlzeiten, des Gesundheittrinkens und des
Kartenspiels wurden von dem Edinburger Correspondenten der Gazette de
Paris nicht erwähnt, und wir dürfen daraus mit Gewißheit schließen, daß
jene Umstände bis dahin selbst nachforschenden und thätigen
Mißvergnügten, welche in der Hauptstadt Schottland’s, hundert Meilen von
der Stelle, wo die That verübt worden, wohnten, völlig unbekannt waren.
Im Süden der Insel machte die Sache, so weit es sich jetzt beurtheilen
läßt, fast gar kein Aufsehen. Für den Londoner der damaligen Zeit war
Appin das, was für uns das Kafferngebiet oder Borneo ist. Die Nachricht,
daß einige hochländische Räuber überfallen und getödtet worden wären,
machte auf ihn keinen größeren Eindruck als wenn wir hören, daß eine
Bande Viehdiebe von Amakosah niedergemacht oder daß ein Fahrzeug voll
malayischer Piraten in den Grund gebohrt worden sei. Er hielt es für
ausgemacht, daß in Glencoe nichts Schlimmeres geschehen sei als was in
vielen anderen Schluchten Schottland’s geschah. Es hatte einen
nächtlichen Kampf, wie sie zu Hunderten vorkamen, zwischen den
Macdonalds und Campbells gegeben, und die Campbells hatten die
Macdonalds aufs Haupt geschlagen.
Nach und nach kam jedoch die ganze Wahrheit zum Vorschein. Aus einem
ungefähr zwei Monat nach Verübung des Verbrechens in Edinburg
geschriebenen Briefe geht hervor, daß die entsetzliche Geschichte unter
den Jakobiten dieser Stadt bereits cursirte. Im Sommer wurde Argyle’s
Regiment nach dem Süden der Insel versetzt, und Einige von der
Mannschaft machten bei der Flasche auffällige Bekenntnisse von dem, was
sie im vergangenen Winter zu thun gezwungen worden waren. Die
Eidverweigerer bemächtigten sich bald des Fadens und verfolgten ihn
entschlossen; ihre geheimen Pressen traten in Thätigkeit, und endlich,
fast ein Jahr nachdem das Verbrechen begangen worden, wurde es der Welt
offenbart.[92] Aber die Welt war noch lange ungläubig. Die
gewohnheitsmäßige Lügenhaftigkeit der jakobitischen Pasquillanten hatte
ihnen eine wohlverdiente Strafe zugezogen. Jetzt, wo sie zum ersten Mal
die Wahrheit sagten, glaubte man wieder sie erzählten nur einen Roman.
Sie beklagten sich bitter darüber, daß die Geschichte, obgleich
vollkommen authentisch, vom Publikum als eine Parteilüge betrachtet
werde.[93] Noch im Jahre 1695 bemerkte Hickes in einer Schrift, in der
er sein Lieblingsthema von der Thebanischen Legion gegen das aus dem
Stillschweigen der Geschichtsschreiber abgeleitete unwiderlegbare
Argument zu vertheidigen suchte, daß man wohl daran zweifeln dürfe, ob
irgend ein Geschichtsschreiber das Gemetzel von Glencoe erwähnen werde.
Es gebe in England, sagt er, viele Tausend gebildete Leute, welche nie
von diesem Gemetzel gehört hätten oder die es für eine bloße Fabel
hielten.[94]
Gleichwohl begann die Strafe einiger der Schuldigen sehr bald. Hill, den
man eigentlich kaum schuldig nennen kann, war sehr ängstlich. Auch
Breadalbane, so verhärtet er war, fühlte den Stachel des Gewissens oder
die Furcht vor der Strafe. Wenige Tage nachdem die Macdonalds zu ihrer
alten Wohnstätte zurückgekehrt waren, besuchte sein Intendant die
Trümmer des Hauses Glencoe und bemühte sich die Söhne des ermordeten
Häuptlings zur Unterzeichnung einer Schrift zu überreden, worin sie
erklärten, daß sie den Earl für unschuldig an dem vergossenen Blute
hielten. Es wurde ihnen versichert, daß, wenn sie diese Erklärung
abgäben, Se. Lordschaft seinen ganzen großen Einfluß aufbieten würde, um
ihnen volle Amnestie und Zurückerstattung alles dessen was sie verwirkt
hätten, zu verschaffen.[95] Glenlyon bemühte sich nach Möglichkeit eine
gleichgültige Miene zu heucheln. Er zeigte sich in dem elegantesten
Kaffeehause von Edinburg und sprach laut und selbstgefällig von dem
wichtigen Dienste, zu welchem er im Gebirge verwendet worden sei. Einige
von seinen Soldaten jedoch, die ihn genauer beobachteten, raunten
einander zu, daß alle seine Bravaden bloß Schein seien. Er sei nicht
mehr der Mann, der er vor jener Nacht gewesen. Sein ganzes Aussehen sei
verändert. An jedem Orte, zu jeder Stunde, er möge wachen oder schlafen,
stehe Glencoe vor seinen Augen.[96]
Doch welche Besorgnisse Breadalbane beunruhigen, welche Fantome Glenlyon
ängstigen mochten, der Master von Stair empfand weder Furcht noch Reue.
Er war wohl ärgerlich, aber nur über Hamilton’s Mißgriffe und über das
Entrinnen so Vieler von dem verdammten Gezücht. „Thue Recht und scheue
Niemand”, so lautet die Sprache in seinen Briefen. „Kann es eine
heiligere Pflicht geben als das Land von Räubern zu befreien? Das
Einzige, was ich bedaure, ist, daß welche davongekommen sind.”[97]
[_Wilhelm begiebt sich auf den Continent._] Am 6. März war Wilhelm,
aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Kenntniß der Einzelnheiten des
Verbrechens, das einen dunklen Schatten auf seinen Ruhm geworfen hat,
nach dem Continent abgereist, die Königin als Viceregentin in England
zurücklassend.[98]
[_Louvois’ Tod._] Er würde seine Abreise wahrscheinlich aufgeschoben
haben, wenn er gewußt hätte, daß die französische Regierung seit
einiger Zeit großartige Anstalten zu einer Landung auf unsrer Insel
traf.[99] Es war ein Ereigniß eingetreten, das die Politik des Hofes
von Versailles geändert hatte. Louvois war nicht mehr. Er hatte ein
Vierteljahrhundert lang an der Spitze der Militärverwaltung seines
Vaterlandes gestanden, hatte bei der Leitung zweier Kriege, welche
das französische Gebiet vergrößert und die Welt mit dem Ruhme der
französischen Waffen erfüllt hatten, eine Hauptrolle gespielt und
hatte den Anfang eines dritten Krieges erlebt, der die äußerste
Anstrengung seines großen Genies in Anspruch nahm. Zwischen ihm und
den berühmten Feldherren, die seine Pläne in Ausführung brachten,
herrschte wenig Uebereinstimmung. Sein gebieterisches Wesen und sein
Selbstvertrauen trieben ihn an, sich zuviel in die Führung der Truppen
im Felde zu mischen, selbst wenn diese Truppen von einem Condé,
einem Turenne oder einem Luxemburg befehligt wurden. Aber er war der
größte Generaladjutant, der größte Generalquartiermeister, der größte
Kriegscommissar, den Europa gesehen hatte. Man kann sogar von ihm
sagen, daß er in der Kunst, die Armeen zu discipliniren, zu vertheilen,
zu equipiren und zu verproviantiren, eine vollständige Revolution
herbeigeführt hat. Aber trotz seiner Talente und seiner Dienste war
er Ludwig und der Frau, welche Ludwig beherrschte, verhaßt geworden.
Das letzte Mal, wo der König und der Minister über Geschäftssachen
mit einander verhandelten, kam die Mißstimmung auf beiden Seiten mit
Heftigkeit zum Ausbruch. Der Diener warf im Aerger sein Portefeuille
auf die Erde, und der Gebieter, welcher vergaß, was ihm selten geschah,
daß ein König jederzeit Cavalier sein muß, erhob seinen Stock.
Zum Glück war seine Gemahlin anwesend. Sie ergriff mit gewohnter
Besonnenheit seinen Arm, führte dann Louvois aus dem Zimmer und bat ihn
dringend, den folgenden Tag wiederzukommen, als ob nichts vorgefallen
wäre. Er kam wirklich am folgenden Tage wieder, aber mit dem Tode
im Gesicht. Der König wurde, obgleich von Groll erfüllt, zu Mitleid
gerührt und rieth Louvois nach Hause zu gehen und sich zu pflegen. Noch
denselben Abend starb der große Minister.[100]
Louvois hatte sich beständig allen Plänen zur Invasion in England
widersetzt. Sein Tod wurde daher in Saint-Germains als ein glückliches
Ereigniß betrachtet.[101] Indessen mußte man sich doch betrübt stellen
und einen Edelmann mit einigen Worten des Beileids nach Versailles
schicken. Der Abgesandte fand den glänzenden Kreis der Höflinge auf der
Terrasse über der Orangerie um ihren Gebieter versammelt. „Mein Herr,”
sagte Ludwig in einem so sorglosen und heiteren Tone, daß alle
Anwesenden darüber erstaunten, „bringen Sie dem Könige und der Königin
von England meinen Gruß und meinen Dank und sagen Sie ihnen, das weder
meine noch ihre Angelegenheiten sich in Folge dieses Ereignisses
verschlechtern werden.” Diese Worte sollten ohne Zweifel andeuten, daß
Louvois seinen Einfluß nicht zu Gunsten des Hauses Stuart angewendet
habe.[102] Eine Anerkennung jedoch, aber eine Anerkennung, die
Frankreich theuer zu stehen kam, glaubte Ludwig dem Gedächtnisse seines
talentvollsten Dieners zollen zu müssen. Der Marquis von Barbesieux,
Louvois’ Sohn, wurde in seinem fünfundzwanzigsten Jahre an die Spitze
des Kriegsdepartements gestellt. Es fehlte dem jungen Manne keineswegs
an Befähigung und er war schon seit einigen Jahren zu hochwichtigen
Geschäften verwendet worden. Aber er besaß heftige Leidenschaften und
kein gereiftes Urtheil, und seine unerwartete Erhebung verrückte ihm den
Kopf. Sein Benehmen erregte allgemeinen Unwillen. Alte Offiziere
beschwerten sich, daß er sie lange antichambriren lasse, während er sich
mit seinen Windspielen und seinen Schmeichlern unterhalte. Wer bei ihm
vorgelassen wurde, entfernte sich empört über seine Rücksichtslosigkeit
und Anmaßung. Wie es in seinem Alter ganz natürlich war, legte er nur
deshalb Werth auf die Macht, weil sie ihm die Mittel bot, sich Vergnügen
zu verschaffen. Millionen Laubthaler wurden auf die prachtvolle Villa
verwendet, in der er die Sorgen seines Amtes in fröhlicher Gesellschaft,
bei leckeren Speisen und schäumendem Champagner zu vergessen liebte. Er
schützte oft einen Fieberanfall vor, um sich wegen seines
Nichterscheinens im königlichen Cabinet zur bestimmten Stunde zu
entschuldigen, während er thatsächlich mit seinen Vergnügungsgefährten
und Maitressen die Zeit in Nichtsthun hingebracht hatte. „Der
französische König,” sagte Wilhelm, „hat einen sonderbaren Geschmack; er
wählt eine alte Frau zur Maitresse und einen jungen Mann zum
Minister.”[103]
Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß Louvois durch Verfolgung
des Weges, durch den er sich bei dem Hofe von Saint-Germains verhaßt
gemacht, große Verdienste um sein Vaterland erworben hatte. Er ließ sich
von dem jakobitischen Enthusiasmus nicht anstecken, denn er wußte sehr
wohl, daß Verbannte die schlechtesten Rathgeber sind. Er war
vortrefflich unterrichtet, er besaß einen außerordentlichen Scharfblick
und erwog alle Möglichkeiten, und erkannte, daß eine Landung alle
Aussicht hatte zu mißlingen, und zwar in sehr unheilvoller und
schimpflicher Weise zu mißlingen. Jakob mochte freilich wohl danach
verlangen, den Versuch zu machen, obgleich die Chancen wie Zehn zu Eins
gegen ihn waren, denn er konnte gewinnen, aber nichts verlieren. Seine
Thorheit und Hartnäckigkeit hatte ihm nichts gelassen, was er hätte aufs
Spiel setzen können. Speise und Trank, Wohnung und Kleidung verdankte er
der Mildthätigkeit. Nichts war natürlicher, als daß er bei der
allergeringsten Aussicht, die drei Königreiche, die er von sich
geworfen, wieder zu erlangen, geneigt war etwas ihm nicht Gehörendes,
die Ehre der französischen Waffen und die Größe und das Wohl der
französischen Monarchie, aufs Spiel zu setzen. Einem französischen
Staatsmanne aber mußte ein solches Hazardspiel in einem ganz andren
Lichte erscheinen. Doch Louvois war nicht mehr. Sein Gebieter gab dem
Andringen Jakob’s nach und beschloß eine Expedition nach England zu
schicken.[104]
[_Die französische Regierung beschließt eine Expedition gegen England zu
unternehmen._] Der Plan war in mancher Beziehung gut angelegt. Es war
festgesetzt, daß an der Küste der Normandie ein Lager gebildet und daß
in diesem Lager sämmtliche in französischen Diensten stehende irische
Regimenter unter ihrem Landsmann Sarsfield versammelt werden sollten.
Mit ihnen sollten ungefähr zehntausend Mann französischer Truppen
vereinigt werden. Die ganze Armee sollte der Marschall Bellefonds
commandiren.
Eine stolze Flotte von etwa achtzig Linienschiffen sollte diese
Truppenmacht an die Küsten England’s begleiten. Auf den Werften der
Bretagne und der Provence wurden ungeheure Zurüstungen gemacht.
Vierundvierzig Linienschiffe, von denen einige die schönsten waren,
welche jemals gebaut worden, waren im Hafen von Brest unter Tourville
versammelt. Der Graf von Estrées sollte mit fünfundzwanzig weiteren von
Toulon auslaufen. Ushant war als Vereinigungsort bestimmt. Selbst der
Tag war festgesetzt. Damit es weder an Seeleuten noch an Schiffen für
die beabsichtigte Expedition fehle, war aller Seehandel und alle Kaperei
durch einen königlichen Erlaß auf einige Zeit untersagt.[105]
Dreihundert Transportschiffe wurden in der Nähe des zur Einschiffung der
Truppen bestimmten Punktes versammelt. Man hoffte, daß zu Anfang des
Frühjahrs, ehe die englischen Schiffe noch halb aufgetakelt und halb
bemannt und ehe ein einziges holländisches Kriegsschiff im Kanal war,
Alles bereit sein werde.[106]
[_Jakob glaubt, daß die englische Flotte freundschaftlich gegen ihn
gesinnt sei._] Jakob hatte sich sogar eingeredet, daß, selbst wenn er
der englischen Flotte begegnen sollte, sie sich ihm nicht widersetzen
würde. Er bildete sich ein, daß er der Liebling der Seeleute jeden
Grades sei. Seine Emissäre waren sehr thätig unter den Flottenoffizieren
gewesen und hatten einige gefunden, die sich seiner freundlich
erinnerten, andere, die mit den jetzt am Ruder befindlichen Männern
nicht zufrieden waren. All’ das ungereimte Geschwätz einer Klasse, die
sich eben nicht durch Schweigsamkeit oder Discretion auszeichnete, wurde
ihm mit Uebertreibungen hinterbracht, bis er zu dem Glauben verleitet
war, daß er auf den Schiffen, welche unsere Küsten bewachten, mehr
Freunde als Feinde habe. Er hätte jedoch wissen können, daß ein rauher
Seemann, der sich von der Admiralität übel behandelt glaubte, wenn er
durch gewandte Gesellschafter bearbeitet wurde, nach der dritten Flasche
die guten alten Zeiten zuruckwünschen, die neue Regierung und sich
selbst verfluchen konnte, weil er ein solcher Narr sei, für diese
Regierung zu kämpfen, daß er aber deshalb noch keineswegs bereit war, am
Tage der Schlacht zu den Franzosen überzugehen. Von den unzufriedenen
Offizieren, die nach Jakob’s Meinung es nicht erwarten konnten zu
desertiren, hatte die große Mehrzahl wahrscheinlich keinen andren Beweis
von Zuneigung zu ihm gegeben, als ein in der Trunkenheit
herausgestoßenes müßiges Wort, das sie vergessen hatten, sobald sie
wieder nüchtern waren. Einer von Denjenigen, deren Beistand sie
erwarteten, der Contreadmiral Carter, hatte in der That Alles was die
jakobitischen Agenten sagten, gehört und vollkommen begriffen, hatte
ihnen schöne Worte erwiedert und dann die ganze Geschichte der Königin
und ihren Ministern hinterbracht.[107]
[_Verhalten Russell’s._] Am meisten baute Jakob auf Russell. Dieser
falsche, arrogante und launenhafte Staatsmann sollte die Kanalflotte
befehligen. Er hatte nicht aufgehört den jakobitischen Emissären zu
versichern, daß er gern eine Restauration herbeiführen wolle. Die
Emissäre rechneten zuversichtlich wenn nicht auf seine unumwundene
Mitwirkung, so doch auf seine Connivenz, und es unterlag keinem
Zweifel, daß mit seiner Connivenz eine französische Flotte leicht
eine Armee an unsere Küsten bringen konnte. Jakob schmeichelte sich
mit der Hoffnung, daß er sogleich nach seiner Landung Herr der Insel
sein werde. In Wahrheit aber würden nach vollbrachter Ueberfahrt die
Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen haben. Vor zwei
Jahren erst hatte er eine Lection bekommen, aus der er hätte Nutzen
ziehen sollen. Er hatte damals sich und Andere in den irrigen Glauben
eingewiegt, daß die Engländer ihn zurückwünschten, daß sie sich nach
ihm sehnten und daß sie es nicht erwarten könnten, sich zu Tausenden
bewaffnet zu erheben, um ihn willkommen zu heißen. Wilhelm war damals
wie jetzt nicht anwesend. Damals wie jetzt war die Verwaltung in den
Händen einer Frau. Damals wie jetzt waren wenig reguläre Truppen in
England. Torrington hatte damals ebensoviel zum Schaden der Regierung
gethan, der er diente, als Russell jetzt thun konnte. Die französische
Flotte hatte damals, nachdem sie mehrere Wochen lang siegreich und
dominirend im Kanal umhergefahren war, einige Truppen auf der Südküste
gelandet, und die unmittelbare Folge davon war gewesen, daß ganze
Grafschaften, ohne Unterschied von Tory und Whig, Hochkirchlichem
oder Dissenter, sich wie ein Mann erhoben hatten, um die Fremden
hinauszuwerfen, und daß die Jakobitenpartei, welche noch vor wenigen
Tagen anscheinend die Hälfte der Nation bildete, sich mit schweigender
Bestürzung niedergeduckt und so klein gemacht hatte, daß sie eine
Zeit lang unsichtbar gewesen war. Welchen Grund hatte man nun zu
glauben, daß die Massen, welche im Jahre 1690 beim ersten Aufflammen
der Lärmfeuer Gewehre, Piken und Sensen ergriffen hatten, um den
heimathlichen Boden gegen die Franzosen zu vertheidigen, die Franzosen
jetzt als Verbündete begrüßen würden? Und in der Armee, welche Jakob
diesmal begleiten solle, bildeten die Franzosen noch den minder
verhaßten Theil. Die große Hälfte dieser Armee sollte aus irischen
Papisten bestehen und das gemischte Gefühl von Haß und Verachtung, mit
dem die irischen Papisten von den englischen Protestanten seit langer
Zeit betrachtet wurden, war durch neuere Vorgänge zu einer vorher nicht
gekannten Heftigkeit gesteigert worden. Die erblichen Sklaven, sagte
man, seien auf einen Augenblick frei gewesen, und dieser Augenblick
habe genügt zu beweisen, daß sie ihre Freiheit weder zu gebrauchen noch
zu vertheidigen wüßten. Während der kurzen Dauer ihres Uebergewichts
hätten sie nichts gethan, als morden und sengen und plündern und
zerstören und verurtheilen und confisciren. In drei Jahren hätten sie
in ihrem Vaterlande eine Verwüstung angerichtet, welche dreißig Jahre
englischer Intelligenz und Betriebsamkeit nicht wiedergutmachen würden.
Sie würden ihre Unabhängigkeit gegen die ganze Welt behauptet haben,
wenn sie es im Fechten so weit gebracht hätten wie im Stehlen. Aber
sie hätten sich schimpflich von den Mauern Londonderry’s zurückgezogen
und seien wie das Wild vor den Jägern von Enniskillen geflohen. Der
Fürst, den sie jetzt mit Waffengewalt auf den englischen Thron setzen
zu können wähnten, habe selbst am Morgen nach der Niederlage am Boyne
ihnen ihre Feigheit vorgeworfen und ihnen gesagt, daß er sich nie
wieder auf ihren Wehrstand verlassen werde. Ueber diesen Punkt waren
die Engländer eines Sinnes. Die Tories, die Eidverweigerer und selbst
die Katholiken schmähten das unglückliche Volk eben so laut als die
Whigs. Es ist daher nicht schwer zu errathen, welchen Eindruck das
Erscheinen von Feinden auf unsrem Boden gemacht haben würde, die wir
auf ihrem eigenen Boden besiegt und mit Füßen getreten hatten.
Doch Jakob glaubte trotz der neuen und harten Lehre der Erfahrung Alles
was seine Correspondenten in England ihm sagten, und sie sagten ihm, daß
die ganze Nation ihn ungeduldig erwarte, daß der Westen wie der Norden
bereit seien, sich zu erheben, daß er auf dem Wege vom Landungsplatze
nach Whitehall eben so wenig Widerstand finden werde, als wenn er in
früheren Zeiten von einer Reise zurückkehrte. Ferguson zeichnete sich
durch die Zuversichtlichkeit aus, mit der er einen vollständigen und
unblutigen Sieg prophezeite. Er und sein Buchdrucker, schrieb er
albernerweise, würden die beiden ersten Männer im Reiche sein, die für
Se. Majestät zu Pferde stiegen. Viele andere Agenten reisten während des
Winters und der ersten Wochen des Frühjahrs geschäftig im Lande umher.
In den Grafschaften südlich vom Trent scheinen sie mit geringem Erfolge
gearbeitet zu haben. Im Norden aber, besonders in Lancashire, wo die
Katholiken zahlreicher und mächtiger waren als in irgend einem andren
Theile des Landes und wo sich selbst unter der protestantischen Gentry
mehr als die gewöhnliche Anzahl bigotter Katholiken befanden, wurden
einige Anstalten zu einer Insurrection getroffen. Waffen wurden im
Geheimen gekauft, Offiziere wurden ernannt und Freisassen, kleine
Farmer, Reitknechte und Jäger wurden überredet, sich einreihen zu
lassen. Die, welche ihre Namen einzeichnen ließen, wurden in acht
Cavallerie- und Dragonerregimenter eingetheilt und erhielten Befehl sich
bereit zu halten, um auf das erste Signal aufzusitzen.[108]
[_Jakob wird eine Tochter geboren._] Einer von den Umständen, welche
Jakob damals mit eitlen Hoffnungen erfüllten, war der, daß seine
Gemahlin schwanger und ihrer Entbindung nahe war. Er hoffte, daß selbst
die Böswilligkeit sich schämen werde, ferner noch die Geschichte von der
Wärmflasche zu erzählen und daß Viele, welche diese Geschichte getäuscht
habe, ungesäumt zu ihrer Unterthanenpflicht zurückkehren würden. Er traf
diesmal alle die Vorsichtsmaßregeln, die er vier Jahre früher
thörichter- und verkehrterweise zu treffen unterlassen hatte. Er wußte
Briefe nach England zu befördern, welche viele angesehene
Protestantinnen einluden, der bevorstehenden Entbindung beizuwohnen, und
er versprach im Namen seines geliebten Bruders, des Allerchristlichsten
Königs, daß es ihnen frei stehen solle, in voller Sicherheit zu kommen
und zu gehen. Wäre eine von diesen Zeuginnen am Morgen des 10. Juni 1688
in den St. Jamespalast beschieden worden, so würde das Haus Stuart
vielleicht heute noch auf unsrer Insel regieren. Aber es ist leichter
eine Krone zu behalten als eine wiederzuerlangen. Es konnte wahr sein,
daß eine verleumderische Fabel viel dazu beigetragen hatte, die
Revolution herbeizuführen. Aber daraus folgte noch keineswegs, daß die
vollständigste Widerlegung dieser Fabel eine Restauration herbeiführen
würde. Nicht eine einzige Dame fuhr auf Jakob’s Einladung über den
Kanal. Seine Gemahlin wurde glücklich von einer Tochter entbunden;
allein dieses Ereigniß machte keinen bemerkbaren Eindruck auf den
Zustand der öffentlichen Meinung in England.[109]
[_Anstalten zur Zurückweisung der Invasion in England._] Unterdessen
wurden die Vorbereitungen zu seiner Expedition betrieben. Er stand schon
auf dem Punkte, nach dem Einschiffungsorte abzureisen, als die englische
Regierung noch nicht die geringste Ahnung von der drohenden Gefahr
hatte. Man wußte zwar längst, daß viele Tausend Irländer in der
Normandie versammelt waren; aber man glaubte sie seien nur zu dem Zwecke
versammelt, um gemustert und eingeübt zu werden, ehe sie nach Flandern,
Piemont und Catalonien geschickt würden.[110] Jetzt aber gestatteten die
von verschiedenen Seiten eintreffenden Nachrichten keinen Zweifel mehr,
daß eine Invasion fast augenblicklich versucht werden würde. Es wurden
kräftige Vertheidigungsmaßregeln getroffen. Die Ausrüstung und Bemannung
der Schiffe wurde energisch betrieben. Die regulären Truppen wurden
zwischen London und dem Meere zusammengezogen. Auf der Anhöhe, welche
Portsmouth beherrscht, wurde ein großes Lager gebildet und die Milizen
im ganzen Lande aufgeboten. Zwei Westminsterregimenter und sechs
Cityregimenter, welche zusammen ein Armeecorps von dreizehntausend
Streitern bildeten, wurden in Hydepark aufgestellt und passirten vor der
Königin die Revue. Die Milizen von Kent, Sussex und Surrey marschirten
nach der Küste. Bei allen Wartfeuern wurden Wächter postirt. Einige
Eidverweigerer wurden gefänglich eingezogen, andere entwaffnet, noch
andere angehalten Bürgschaft zu stellen. Bei dem Earl von Huntingdon,
einem angesehenen Jakobiten, wurde Haussuchung gehalten. Er hatte noch
Zeit gehabt, seine Papiere zu verbrennen und seine Waffen zu verbergen;
aber seine Ställe hatten ein sehr verdächtiges Aussehen. Sie enthielten
Pferde genug, um eine ganze Cavallerieschwadron beritten zu machen, und
obgleich dieser Umstand juristisch nicht genügte, um eine Anklage auf
Hochverrath zu begründen, so wurde er doch unter den obwaltenden
Verhältnissen für ausreichend gehalten, um den Staatsrath zu
berechtigen, den Earl in den Tower zu schicken.[111]
[_Jakob begiebt sich zu seiner Armee bei La Hogue._] Inzwischen war
Jakob zu seiner Armee abgegangen, welche um das Becken von La Hogue
herum an der Nordküste der unter dem Namen des Cotentin bekannten
Halbinsel lagerte. Vor seiner Abreise von Saint-Germains hielt er noch
ein Kapitel des Hosenbandordens, um seinen Sohn in den Orden aufnehmen
zu lassen. Zwei Edelleute wurden ebenfalls mit dieser Auszeichnung
beehrt: Powis, der jetzt von seinen Mitverbannten Herzog genannt wurde,
und Melfort, der aus Rom zurückgekehrt und wieder Jakob’s
Premierminister war.[112] Selbst in diesem Augenblicke, wo es von der
höchsten Wichtigkeit war, die Mitglieder der anglikanischen Kirche zu
gewinnen, wurden nur Mitglieder der römischen Kirche eines Zeichens der
königlichen Gunst für würdig erachtet. Powis war allerdings ein
ausgezeichnetes Mitglied des englischen Adels und die Aversion seiner
Landsleute gegen ihn war so gering wie sie gegen einen angesehenen
Papisten nur sein konnte. Melfort aber war nicht einmal Engländer, er
hatte nie ein Staatsamt in England bekleidet, hatte nie im englischen
Parlament gesessen und hatte daher keinen Anspruch auf eine wesentlich
englische Würde. Ueberdies wurde er von allen streitenden Parteien aller
drei Königreiche gehaßt. Königliche Handschreiben, von ihm
contrasignirt, waren an die Convention zu Westminster und an die
Convention zu Edinburg gesandt worden, und in Westminster sowohl wie in
Edinburg hatten beim Anblick seines verhaßten Namens und seiner
verhaßten Handschrift selbst die eifrigsten Freunde des erblichen Rechts
beschämt die Köpfe hängen lassen. Es muß selbst bei Jakob auffallend
erscheinen, daß er es unter solchen Umständen für gut fand, der Welt zu
verkünden, daß die Männer, die sein Volk am meisten verabscheute,
diejenigen waren, die er am liebsten auszeichnete.
[_Jakob’s Erklärung._] Noch nachtheiliger für seine Interessen war die
Erklärung, in der er seinen Unterthanen seine Absichten kund that. Sie
war unter allen von Jakob abgefaßten Staatsschriften diejenige, deren
Unverstand am meisten in die Augen fiel. Nachdem sie alle guten
Engländer jeder Farbe mit Ekel und Zorn erfüllt hatte, behaupteten die
Papisten zu Saint-Germains, sie sei von einem starren Protestanten,
Eduard Herbert, entworfen, der vor der Revolution Oberrichter der Common
Pleas gewesen war und der jetzt den hohlen Titel eines Kanzlers
führte.[113] Es ist jedoch gewiß, daß Herbert nie über etwas Wichtiges
zu Rathe gezogen wurde und daß die Erklärung ganz und gar Melfort’s Werk
war.[114] Die Eigenschaften des Kopfes und Herzens, welche Melfort zum
Liebling seines Gebieters gemacht hatten, leuchteten auch in der That
aus jedem Satze hervor. Nicht ein Wort war darin zu finden, welches
angedeutet hätte, daß der König während einer dreijährigen Verbannung
weiser geworden, daß er einen einzigen Fehler bereuete, daß er sich auch
nur den kleinsten Theil der Schuld an der Revolution beimaß, die ihn vom
Throne gestürzt, oder daß er sich vorgenommen hatte ein Verfahren
einzuschlagen, das in irgend einer Beziehung von dem abwich, welches ihm
schon verderblich geworden war. Alle gegen ihn erhobenen Beschuldigungen
erklärte er für völlig grundlos. Schlechte Menschen hatten Verleumdungen
verbreitet und schwache Menschen hätten diese Verleumdungen geglaubt. Er
allein sei ohne Tadel gewesen. Er gab keine Hoffnung, daß er sich irgend
eine Beschränkung der weitgehenden Dispensationsgewalt, die er früher
beansprucht, gefallen lassen würde, daß er nicht wieder, den klarsten
Gesetzen zum Trotz, den Geheimen Rath, die Richterbank, die öffentlichen
Aemter, die Armee und die Flotte mit Papisten füllen, daß er nicht einen
neuen Trupp Regulatoren ernennen würde, um alle Wahlkörper im
Königreiche umzugestalten. Er geruhte zwar zu sagen, daß er die legalen
Rechte der englischen Kirche aufrecht erhalten werde, aber dies hatte er
früher auch schon gesagt, und Jedermann wußte, was diese Worte in seinem
Munde bedeuteten. Anstatt seinem Volke Vergebung zuzusichern, drohte er
ihm mit einer Proscription, furchtbarer als irgend eine, die unsre Insel
je erlebt. Er veröffentlichte eine Liste von Personen, die keine Gnade
zu erwarten hatten. Darunter waren Ormond, Caermarthen, Nottingham,
Tillotson und Burnet. Nach dem Verzeichniß Derer, welche mit Namen zum
Tode verurtheilt waren, kam eine Reihe von Kategorien. Obenan stand die
ganze Masse der Landleute, welche Se. Majestät unsanft behandelt hatten,
als er auf seiner Flucht in Sheerneß angehalten wurde. Diese armen
unwissenden Leute, einige Hundert an der Zahl, wurden einer zweiten
blutigen Assise aufgespart. Dann kamen alle Diejenigen, die an der
Bestrafung eines jakobitischen Verschwörers irgend Theil genommen:
Richter, Anwälte, Zeugen, Mitglieder der großen und der kleinen Juries,
Sheriffs und Untersheriffs, Constabler und Kerkermeister, kurz alle
Diener der Justiz, von Holt bis herab auf Ketch. Hierauf wurde allen
Spionen und Angebern Rache geschworen, welche den Usurpatoren die Pläne
des Hofes von Saint-Germains hinterbracht hatten. Alle Friedensrichter,
die sich nicht in dem Augenblicke, wo sie von seiner Landung hörten, für
ihren rechtmäßigen Souverain erklärten, alle Kerkermeister, welche die
politischen Gefangenen nicht augenblicklich in Freiheit setzten, sollten
der äußersten Strenge des Gesetzes anheimfallen. Keine Ausnahme war zu
Gunsten eines Friedensrichters oder eines Kerkermeisters gemacht, der
sich hundert Schritt von einem der Regimenter Wilhelm’s und hundert
Meilen von dem nächsten Platze befand, wo es einen einzigen bewaffneten
Jakobiten gab.
Man hätte erwarten sollen, daß Jakob, nachdem er in dieser Weise
zahlreichen Klassen seiner Unterthanen Rache angedroht, wenigstens den
übrigen eine allgemeine Amnestie versprechen würde. Allein er sagte kein
Wort von einer allgemeinen Amnestie. Er versprach zwar, daß dem oder
jenem Verbrecher, der nicht einer der Proscriptionskategorien angehörte
und der sich durch irgend einen ausgezeichneten Dienst der Nachsicht
würdig mache, specielle Begnadigung zu Theil werden solle. Aber mit
dieser alleinigen Ausnahme wurde den Hunderttausenden von Verbrechern
einfach angekündigt, daß das Parlament über ihr Schicksal entscheiden
werde.
[_Eindruck der Erklärung Jakob’s._] Die Agenten Jakob’s verbreiteten
seine Erklärung schleunigst über alte Theile des Landes und erwiesen
damit Wilhelm einen großen Dienst. Das allgemeine Urtheil darüber
lautete, daß der verbannte Despot die Engländer doch wenigstens offen
gewarnt habe und daß sie, wenn sie ihn nach einer solchen Warnung noch
zurückriefen, sich nicht würden beklagen dürfen, wenn auch jede
Grafschaftshauptstadt durch eine Assise besudelt werden sollte, ähnlich
der, welche Jeffreys in Taunton gehalten hatte. Daß einige hundert
Menschen -- die Jakobiten gaben die Zahl nur auf fünfhundert an -- ohne
Gnade aufgehängt werden würden, sei gewiß, und Keiner, der bei der
Revolution betheiligt gewesen, Keiner der für die neue Regierung zur See
oder zu Lande gefochten, kein Soldat, der an der Unterwerfung Irland’s
Theil genommen, kein Landmann aus Devonshire oder Bergmann aus Cornwall,
der zu den Waffen gegriffen, um Weib und Kinder gegen Tourville zu
vertheidigen, würde vor dem Galgen sicher sein. Wie verworfen, wie
hämisch müsse der Character eines Mannes sein, der, im Begriff, die
wichtigste Unternehmung durchzuführen, und nach dem edelsten aller
Preise strebend, sich nicht enthalten könne zu proklamiren, daß er nach
dem Blute einer Menge armer Fischer lechze, weil sie ihn vor länger als
drei Jahren hin und her gestoßen und „Fratzengesicht” genannt hatten.
Wenn er in dem Augenblicke, wo er die stärksten Gründe habe, sein Volk
durch einen Anschein von Milde zu versöhnen zu suchen, es nicht über
sich gewinnen könne, eine andre Sprache gegen dasselbe zu führen als die
eines unversöhnlichen Feindes, was könne man von ihm erwarten, wenn er
wieder sein Gebieter sein würde? Er habe einen so boshaften Character,
daß er in einer Lage, in der andere Tyrannen zu liebreichen Worten und
schönen Versprechungen griffen, nur Vorwürfe und Drohungen hervorbringen
könne. Die einzigen Worte in seiner Erklärung, welche einen Anstrich von
Freundlichkeit hätten, seien die, mit denen er verspreche, die fremden
Truppen fortzuschicken sobald seine Autorität wiederhergestellt sein
würde, und Viele meinten, daß man bei genauer Untersuchung selbst in
diesen Worten einen unheimlichen Sinn entdecken müsse. Man dürfe von ihm
nicht erwarten, daß er papistische Truppen fortschicken werde, die seine
Unterthanen seien. Seine Absichten lägen auf der Hand. Die Franzosen
gingen vielleicht, aber die Irländer würden bleiben. Das englische Volk
solle durch diese dreimal unterjochten Barbaren niedergehalten werden.
Ein Rapparee, der bei Newton Butler und am Boyne davongelaufen sei,
werde ohne Zweifel Muth genug haben, die Schaffotte, auf denen seine
Ueberwinder sterben sollten, zu bewachen und unser Land zu verwüsten,
wie er sein eignes verwüstet habe.
Anstatt zu versuchen, Jakob’s Manifest zu unterdrücken, ließen die
Königin und ihre Minister es wohlweislich selbst durch den Druck
vervielfältigen und verbreiteten es, mit der Druckerlaubniß des
Staatssekretärs und mit eingeschalteten Bemerkungen aus der Feder eines
gewandten und scharfsinnigen Commentators versehen. Es wurde in vielen
heftigen Pamphlets widerlegt, es wurde in Knittelverse gebracht und
selbst die verwegensten und beißendsten Pasquillanten unter den
Eidverweigerern wagten es nicht, es zu vertheidigen.[115]
Einige Eidverweigerer waren in der That so beunruhigt, als sie den durch
das Manifest hervorgerufenen Eindruck bemerkten, daß sie es
geflissentlich als untergeschoben behandelten und eine Schrift voll
huldreicher Betheuerungen und Versprechungen als die ächte Erklärung
ihres Gebieters veröffentlichten. Sie ließen ihn seinem ganzen Volke,
mit Ausnahme von vier großen Verbrechern, vollständige Amnestie
zusichern. Sie ließen ihn Hoffnungen auf bedeutende Steuerermäßigungen
eröffnen. Sie ließen ihn sein Wort geben, daß er die ganze kirchliche
Verwaltung eidverweigernden Bischöfen übertragen werde. Aber dieses
Machwerk täuschte Niemanden und war nur deshalb von Wichtigkeit, weil es
bewies, daß selbst die Jakobiten sich des Fürsten schämten, auf dessen
Wiedereinsetzung sie hinarbeiteten.[116]
Niemand las die Erklärung mit größerem Erstaunen und Unwillen als
Russell. Bei aller seiner Schlechtigkeit stand er unter dem Einflusse
zweier Gefühle, die, wenn sie auch nicht tugendhaft genannt werden
können, doch einige Verwandtschaft mit der Tugend haben und im Vergleich
zu bloßer egoistischer Habsucht achtungswerth sind. Er besaß einen
starken Berufsgeist und einen starken Parteigeist. Er konnte falsch
gegen sein Vaterland sein, nicht aber gegen seine Flagge, und selbst
nachdem er Jakobit geworden, hatte er nicht aufgehört ein Whig zu sein.
Er war eigentlich nur deshalb ein Jakobit, weil er der intoleranteste
und hämischeste Whig war. Er glaubte sich und seine Partei
undankbarerweise von Seiten Wilhelm’s vernachlässigt und war einige Zeit
durch seinen Groll zu sehr verblendet, um einzusehen, daß es von den
ehemaligen Rundköpfen reiner Wahnsinn sein würde, Wilhelm dadurch zu
bestrafen, daß sie Jakob zurückriefen. Die nahe Aussicht auf eine
Invasion und die Erklärung, in der den Engländern klar und deutlich
gesagt war, was sie zu erwarten hatten, wenn diese Invasion gelingen
sollte, brachte, wie es scheint, eine plötzliche und vollständige
Umwandlung in Russell’s Gesinnungen hervor, und diese Umwandlung gestand
er in bestimmten Ausdrücken ein. „Ich wünsche dem König Jakob zu
dienen,” sagte er zu Lloyd. „Die Sache würde sich auch thun lassen, wenn
er nicht selbst schuld wäre. Aber er schlägt den verkehrten Weg mit uns
ein. Vergißt er alles Geschehene, bewilligt er einen Generalpardon, dann
will ich sehen was ich für ihn thun kann.” Lloyd spielte auf die Russell
selbst zugedachten Ehren und Belohnungen an. Aber der Admiral fiel ihm
mit einer Gesinnung, die eines besseren Mannes würdig gewesen wäre, ins
Wort. „Ich will davon nichts hören. Meine Dienste sind dem Staate
gewidmet. Und glauben Sie nicht, daß ich die Franzosen in unseren
eigenen Meeren über uns triumphiren lassen werde. Ich gebe Ihnen mein
Wort, daß, wenn ich mit ihnen zusammentreffe, ich sie angreife, und wenn
Se. Majestät selbst an Bord wäre.”
Diese Unterredung wurde Jakob gewissenhaft mitgetheilt; sie scheint ihn
aber nicht beunruhigt zu haben. Er war in der That des festen Glaubens,
daß Russell, selbst wenn er wollte, die Offiziere und Matrosen der
englischen Flotte nicht würde bewegen können, gegen ihren alten König,
der auch ihr alter Admiral war, zu kämpfen.
Es gelang Jakob in Gemeinschaft mit seinem Günstling Melfort, die
Hoffnungen, die er hegte, Ludwig und dessen Ministern einzuflößen.[117]
Ohne diese Hoffnungen würde in der That wahrscheinlich jeder Gedanke,
noch im Laufe dieses Jahres in England einzufallen, aufgegeben worden
sein. Denn der im Winter entworfene großartige Plan war im Laufe des
Frühjahrs durch eine Reihe von unglücklichen Zufällen, wie sie keine
menschliche Weisheit voraussehen kann, vereitelt worden. Der zum
Zusammentreffen aller französischen Seestreitkräfte bei Ushant
festgesetzte Zeitpunkt war längst vorüber und noch war nicht ein
einziges Segel auf dem Versammlungsplatze zu sehen. Das atlantische
Geschwader wurde noch durch schlechtes Wetter im Hafen von Brest
zurückgehalten. Das Geschwader des mittelländischen Meeres kämpfte
vergebens gegen einen starken Westwind, um die Herkulessäulen zu
passiren. Zwei prächtige Schiffe waren bereits an den Felsen von Ceuta
zerschellt.[118] Mittlerweile waren die Admiralitäten der verbündeten
Mächte sehr thätig gewesen, und noch vor Ende April war die englische
Flotte zum Auslaufen bereit. Drei stolze Linienschiffe, so eben von
unseren Werften vom Stapel gelassen, erschienen zum ersten Male auf dem
Wasser.[119] Wilhelm hatte die Seerüstungen der Vereinigten Provinzen
eilig betrieben, und seine Bemühungen waren von Erfolg gewesen. Am
29. April erschien ein stattliches Geschwader aus dem Texel in den
Dünen. Bald darauf kamen auch das nordholländische Geschwader, das
Maasgeschwader und das Seelandgeschwader an.[120]
[_Die englische und die holländische Flotte vereinigen sich._] In der
zweiten Maiwoche war die gesammte Flotte der verbündeten Mächte,
bestehend aus mehr als neunzig Linienschiffen mit einer Bemannung von
dreißig- bis vierzigtausend der besten Seeleute der beiden großen
maritimen Nationen, bei Saint-Helen versammelt. Russell führte das
Obercommando. Ihm zur Seite standen Sir Ralph Delaval, Sir John Ashley,
Sir Cloudesley Shovel, Contreadmiral Carter und Contreadmiral Rooke.
Unter den holländischen Offizieren war Van Almonde der im Range am
höchsten stehende.
[_Stimmung der englischen Flotte._] Eine gewaltigere Flotte war noch
nie im britischen Kanal erschienen. Man hatte wenig Ursache zu
befürchten, daß eine solche Streitmacht in einem ehrlichen Kampfe
geschlagen werden könnte. Gleichwohl herrschte in London große
Besorgniß. Es war bekannt, daß es eine jakobitische Partei in der Flotte
gab. Beunruhigende Gerüchte waren von Frankreich aus in Umlauf gekommen.
Man erzählte sich, der Feind habe auf die Mitwirkung einiger von
denjenigen Offizieren gerechnet, von deren Treue in dieser kritischen
Lage das Wohl des Staats abhängen konnte. Auf Russell hatte man, so weit
es sich jetzt ermitteln läßt, noch keinen Verdacht. Aber andere,
wahrscheinlich minder Strafbare, waren indiscreter gewesen. In alten
Kaffeehäusern wurden Admirale und Kapitäne mit Namen als Verräther
bezeichnet, die sofort cassirt, wenn nicht erschossen werden sollten. Es
wurde sogar mit Bestimmtheit behauptet, daß einige der Schuldigen in
Arrest gebracht, andere aus dem Dienste entfernt worden seien. Die
Königin und ihre Rathgeber waren in großer Verlegenheit. Es war schwer
zu sagen, ob es gefährlicher sein würde, den verdächtigen Personen zu
trauen oder sie zu entlassen. Marie beschloß unter vielen bangen
Ahnungen, und die Folge bewies, daß ihr Entschluß sehr weise war, die
schlimmen Gerüchte als Verleumdungen zu betrachten, an die Ehre der
angeschuldigten Generäle feierlich zu appelliren und dann das Wohl und
Wehe des Königreichs ihrem National- und Berufsgeiste anzuvertrauen.
Am 15. Mai wurde eine zahlreiche Versammlung von Offizieren bei
Saint-Helen an Bord der „Britannia,” eines schönen Dreideckers, auf
welchem Russell’s Flagge wehte, berufen. Der Admiral sagte ihnen, daß er
eine Depesche erhalten habe, die er ihnen vorzulesen beauftragt sei. Sie
war von Nottingham. Die Königin, schrieb der Staatssekretär, habe in
Erfahrung gebracht, daß Geschichten circulirten, welche den Ruf der
Flotte sehr nahe berührten. Es sei sogar behauptet worden, daß sie sich
genöthigt gesehen habe, viele Offiziere zu entlassen. Allein Ihre
Majestät sei entschlossen nichts zu glauben, was gegen die Treue dieser
wackeren Diener des Staats spreche. Die so schändlich verleumdeten
Gentlemen könnten versichert sein, daß sie volles Vertrauen in sie
setze. Dieser Brief war vortrefflich berechnet, auf Diejenigen, an die
er gerichtet war, einen tiefen Eindruck zu machen. Wahrscheinlich hatten
sich nur sehr wenige unter ihnen etwas Schlimmeres zu schulden kommen
lassen, als daß sie beim Weine in aufgeregtem Zustande unbesonnene Worte
gesprochen. Sie waren bis jetzt nur Mißvergnügte. Hätten sie geglaubt
verdächtig zu sein, so wären sie vielleicht aus Nothwehr Verräther
geworden. Sie wurden enthusiastisch loyal, sobald sie überzeugt waren,
daß die Königin volles Vertrauen in ihre Loyalität setzte.
Bereitwilligst unterzeichneten sie eine Adresse, in der sie sie baten zu
glauben, daß sie mit der äußersten Entschlossenheit und Freudigkeit ihr
Leben zur Vertheidigung ihrer Rechte, der englischen Freiheit und der
protestantischen Religion gegen alle fremden und papistischen Feinde
aufs Spiel setzen würden. „Gott,” setzten sie hinzu, „erhalte Ihre
Person, leite Ihre Rathgeber und gebe Ihren Waffen Glück, und möge Ihr
ganzes Volk Amen sagen.”[121]
Die Aufrichtigkeit dieser Betheuerungen wurde bald auf die Probe
gestellt. Wenige Stunden nach der Zusammenkunft an Bord der Britannia
sah man von den Klippen von Portland die Masten von Tourville’s
Geschwader. Ein Bote sprengte mit der Nachricht von Weymouth nach London
und weckte Whitehall um drei Uhr Morgens aus dem Schlafe. Ein andrer
schlug den Küstenweg ein und brachte die Nachricht Russell. Alles war
bereit, und am Morgen des 17. Mai stach die verbündete Flotte in
See.[122]
[_Schlacht bei La Hogue._] Tourville hatte nur sein eignes, aus
vierundvierzig Linienschiffen bestehendes Geschwader bei sich. Aber
er hatte bestimmten Befehl, die Landung in England zu decken und eine
Schlacht nicht abzulehnen. Obgleich er diese Befehle erhalten, ehe man
in Versailles wußte, daß die holländische und die englische Flotte
sich vereinigt, hatte er doch nicht Lust, die Verantwortlichkeit für
die Nichtbefolgung derselben auf sich zu nehmen. Er erinnerte sich
noch mit Bitterkeit des Verweises, den seine übergroße Vorsicht ihm
nach dem Gefecht von Beachy Head zugezogen hatte. Er wollte sich nicht
zum zweiten Male sagen lassen, daß er ein zaghafter Commandeur sei
und keinen andren Muth habe als den gewöhnlichen Muth eines gemeinen
Matrosen. Auch war er überzeugt, daß die Uebermacht, mit der er es zu
thun haben sollte, mehr scheinbar als wirklich sei. Er glaubte auf
Jakob’s und Melfort’s Versicherung hin, daß die englischen Seeleute,
von den Flaggenoffizieren bis herab zu den Kajütenjungen, Jakobiten
seien, daß die, welche kämpften, nur mit halben Herzen kämpfen und
daß im entscheidendsten Augenblicke wahrscheinlich viele Desertionen
stattfinden würden. Von solchen Hoffnungen erfüllt, segelte er von
Brest ab, steuerte zuerst gegen Nordosten, gelangte in Sicht der Küste
von Dorsetshire und fuhr dann über den Kanal auf La Hogue zu, wo die
Armee, die er nach England convoyiren sollte, bereits angefangen hatte,
sich auf den Transportfahrzeugen einzuschiffen. Als er sich noch
einige Meilen von Barfleur befand, sah er am Morgen des 19. Mai vor
Tagesanbruch die große Flotte der Verbündeten am östlichen Horizont
entlang segeln. Er beschloß auf sie abzuhalten. Um acht Uhr waren die
beiden Schlachtlinien formirt, das Feuer aber begann erst um elf. Es
wurde bald klar, daß die Engländer, vom Admiral abwärts, entschlossen
waren, ihre Pflicht zu thun. Russell hatte alle seine Schiffe besucht
und eine Ansprache an alle seine Mannschaften gehalten. „Wenn Eure
Commandeurs falsches Spiel spielen,” sagte er, „dann über Bord mit
ihnen, und mit mir zuerst.” Es gab keine Desertion und keine Lauheit.
Carter war der Erste, der die französische Schlachtlinie durchbrach.
Er wurde von einem Splitter einer seiner eigenen Raaen getroffen und
fiel sterbend aufs Verdeck nieder. Er wollte nicht hinuntergetragen
sein, ja er wollte nicht einmal seinen Degen loslassen. „Kämpft für das
Schiff,” waren seine letzten Worte, „so lange es schwimmen kann.” Die
Schlacht währte bis vier Uhr Nachmittags. Der Kanonendonner wurde mehr
als zwanzig Meilen weit entfernt ganz deutlich von der Armee gehört,
welche an der Küste der Normandie lagerte. Während des ersten Theils
des Tages war der Wind den Franzosen günstig; sie hatten es mit der
Hälfte der verbündeten Flotte zu thun und gegen diese Hälfte bestanden
sie den Kampf mit ihrer gewohnten Tapferkeit und mit mehr als gewohnter
seemännischer Tüchtigkeit. Nach einem heißen und zweifelhaften Kampfe
von fünf Stunden dachte Tourville es sei genug gethan um die Ehre der
weißen Flagge aufrecht zu erhalten, und er begann sich zurückzuziehen.
Mittlerweile aber war der Wind umgesprungen und den Alliirten günstig
geworden, so daß diese jetzt ihre große Ueberlegenheit an Streitkräften
nützen konnten. Sie kamen rasch heran, und der Rückzug der Franzosen
verwandelte sich in eine Flucht. Tourville vertheidigte sein eignes
Schiff mit verzweifeltem Muthe. Es hieß, in Anspielung auf Ludwig’s
Lieblingsemblem, der „Soleil Royal” und war weit und breit als das
schönste Kriegsschiff der Welt berühmt. Die englischen Seeleute
erzählten sich, daß es mit einem Bilde des großen Königs geschmückt
und daß er auf demselben so dargestellt sei wie er auf der Place de la
Victoire erschien: mit besiegten Nationen in Ketten unter seinen Füßen.
Das stolze Schiff lag, von Feinden umringt, wie eine große Festung auf
dem Wasser, von allen Seiten aus seinen hundertvier Stückpforten Tod
und Verderben ausspeiend. Es war so stark bemannt, daß alle Versuche,
es zu entern, scheiterten. Lange nach Sonnenuntergang machte es sich
von seinen Angreifern los und segelte, alle seine Speigate von Blut
triefend, nach der Küste der Normandie. Es hatte so viel gelitten,
daß Tourville seine Flagge schleunigst auf ein Schiff von neunzig
Kanonen verlegte, das der „Ambitieux” hieß. Seine Flotte war inzwischen
weit über das Meer verstreut. Ungefähr zwanzig seiner kleinsten
Schiffe entkamen auf einem Wege, der für jeden andren Muth als den
der Verzweiflung zu gefährlich gewesen wäre. Unter dem Schutze der
zweifachen Dunkelheit der Nacht und eines dichten Seenebels entflohen
sie durch die brausenden Wogen und die verrätherischen Felsen des
Strudels von Alderney und erreichten mit merkwürdigem Glück ohne einen
einzigen Unfall St. Malo. Bis in diese gefährliche Meerenge, den
Schauplatz zahlloser Schiffbrüche, wagten die Verfolger den Fliehenden
nicht nachzusetzen.[123]
Diejenigen französischen Schiffe, welche zu groß waren, um sich in den
Strudel von Alderney wagen zu können, stoben in die Häfen des Cotentin.
Der Soleil Royal nebst zwei anderen Dreideckern kamen glücklich nach
Cherbourg. Der Ambitieux und zwölf andere Schiffe, lauter Fahrzeuge
ersten und zweiten Ranges, flüchteten sich in die Bai von La Hogue, nahe
bei dem Hauptquartiere der Armee Jakob’s.
Den drei Schiffen, welche nach Cherbourg flohen, war ein englisches
Geschwader unter Delaval’s Commando dicht auf den Fersen. Er fand sie in
seichtem Wasser liegend, wo kein großes Kriegsschiff ihnen beikommen
konnte, und beschloß daher, sie mit seinen Brandern und Booten
anzugreifen. Die Operation wurde mit Muth und Erfolg ausgeführt. In
kurzer Zeit waren der Soleil Royal und seine beiden Gefährten zu Asche
verbrannt. Ein Theil des Schiffsvolks rettete sich ans Land, ein andrer
fiel den Engländern in die Hände.[124]
Mittlerweile hatte Russell mit dem größeren Theile seiner siegreichen
Flotte die Bai von La Hogue blockirt. Hier, wie bei Cherbourg, waren die
französischen Kriegsschiffe in seichtes Wasser gezogen worden. Sie lagen
nahe bei dem Lager der Armee, die zur Invasion England’s bestimmt war.
Sechs von ihnen waren unter einem Fort, Namens Lisset, vor Anker
gegangen. Die übrigen lagen unter den Kanonen eines andren Forts,
genannt Saint-Vaast, wo Jakob sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte und
wo die Unionsflagge, mit dem St. Georgs- und dem St. Andreaskreuze
geschmückt, neben der weißen Flagge Frankreich’s hing. Der Marschall
Bellefonds hatte mehrere Batterien aufgefahren, von denen man glaubte,
daß sie auch den kühnsten Feind abschrecken würden, sich dem Fort Lisset
oder dem Fort Saint-Vaast zu nähern. Jakob indessen, der die englischen
Seeleute ein wenig kannte, war nicht ganz unbesorgt und schlug vor,
starke Truppencorps an Bord der Schiffe zu bringen. Aber Tourville
wollte sich nicht dazu verstehen, eine solche Schmach auf seinen Stand
zu laden.
Inzwischen traf Russell Vorbereitungen zu einem Angriffe. Am Nachmittag
des 23. Mai war Alles fertig. Eine aus Sloops, Brandern und zweihundert
Booten bestehende Flotte wurde dem Commando Rooke’s anvertraut. Die
ganze Flotte war vom höchsten Muthe beseelt. Die Ruderer, durch den
schon errungenen Sieg angefeuert und von dem Gedanken erfüllt, daß sie
unter den Augen französischer und irischer Truppen kämpfen sollten,
welche gekommen waren, um England zu unterjochen, steuerten muthig und
unter lauten Hurrahs auf die sechs gewaltigen hölzernen Kastelle zu,
welche dicht bei dem Fort Lisset lagen. Die Franzosen, obgleich ein
ausgezeichnet tapferes Volk, sind stets empfänglicher für plötzliche
Anfälle von panischem Schrecken gewesen als ihre phlegmatischen
Nachbarn, die Engländer und Deutschen. An diesem Tage bemächtigte sich
der Flotte wie der Armee ein panischer Schrecken. Tourville befahl
seinen Matrosen ihre Boote zu bemannen, um sie dem Feinde entgegen in
die Bai hinaus zu führen. Aber sein Beispiel und seine Ermahnungen
blieben erfolglos. Die Boote machten Kehrt und flohen in völliger
Verwirrung. Die Schiffe wurden im Stich gelassen, die Kanonade vom Fort
Lisset war so schwach und schlecht dirigirt, daß sie keine Wirkung that,
und die am Strande lagernden Regimenter zogen sich zurück, nachdem sie
aufs Gerathewohl einige Flintenschüsse abgefeuert hatten. Die Engländer
enterten die Schiffe, steckten sie in Brand und zogen, nachdem sie diese
wichtige Operation ohne den Verlust eines einzigen Menschenlebens
ausgeführt, mit der zurückgehenden Fluth wieder ab. Die Bai glich
während der ganzen Nacht einem Feuermeere und dann und wann verkündete
eine heftige Explosion, daß die Flammen eine Pulverkammer oder eine
Reihe geladener Geschütze ergriffen hatten. Am andern Morgen um acht Uhr
mit der wiederkehrenden Fluth kamen Rooke und seine zweihundert Boote
nochmals in die Bai. Der Feind machte einen schwachen Versuch, die in
der Nähe des Forts St. Vaast liegenden Schiffe zu vertheidigen. Wenige
Minuten lang spielten die Batterien mit einiger Wirkung gegen die
Mannschaften unserer Boote; aber der Kampf war bald vorüber. Die
Franzosen stürzten hastig auf der einen Seite aus ihren Schiffen, die
Engländer drangen eben so schnell auf der andren Seite hinein und
richteten unter lautem Jubel die genommenen Kanonen gegen das Ufer. Die
Batterien waren bald zum Schweigen gebracht. Jakob und Melfort,
Bellefonds und Tourville sahen in hülfloser Verzweiflung der zweiten
Verbrennung zu. Die Sieger ließen die Kriegsschiffe ruhig brennen und
drangen in eine innere Bucht vor, in der viele Transportschiffe lagen.
Acht von diesen Schiffen wurden ebenfalls in Brand gesteckt, mehrere
andere wurden ins Schlepptau genommen und der Rest würde auch noch
entweder angezündet oder mit fortgeführt worden sein, wenn nicht die
Ebbe eingetreten wäre. Es war unmöglich noch mehr zu thun und die
siegreiche Flotille zog sich langsam zurück, das feindliche Lager mit
dem donnernden Gesange des +God save the king+ verhöhnend.
So endete am Nachmittage des 24. Mai der große Kampf, der fünf Tage
lang in weiter Ausdehnung auf der See und an der Küste gewüthet hatte.
Ein englischer Brander war in der Ausübung seiner Pflicht zu Grunde
gegangen. Sechzehn französische Kriegsschiffe, lauter prächtige
Fahrzeuge, darunter acht Dreidecker, waren versenkt oder bis auf den
Kiel niedergebrannt. Die Schlacht wird nach der Stelle, wo sie endigte,
die Schlacht von La Hogue genannt.[125]
[_Freude in England._] Die Nachricht wurde in London mit grenzenlosem
Jubel aufgenommen. In dem Kampfe auf offener See war die numerische
Uebermacht der Alliirten allerdings so groß gewesen, daß sie wenig
Ursache hatten, sich auf ihren Sieg etwas einzubilden. Aber der Muth und
die Geschicklichkeit, womit die Mannschaften der englischen Boote in
einem französischen Hafen, im Angesicht einer französischen Armee und
unter dem Feuer französischer Batterien eine imposante französische
Flotte zerstört hatten, rechtfertigte vollkommen den Stolz, mit dem
unsere Vorfahren den Namen La Hogue aussprachen. Um uns ganz in ihre
Gefühle hineindenken zu können, müssen wir uns erinnern, daß dies der
erste große Schlag war, der den Waffen Ludwig’s XIV. versetzt wurde, und
der erste große Sieg, den die Engländer seit der Schlacht von Agincourt
über die Franzosen davontrugen. Der Flecken, den die schmachvolle
Niederlage bei Beachy Head auf unsren Namen gebracht, war verwischt, und
diesmal war der Ruhm ganz unser. Die Holländer hatten zwar ihre Pflicht
gethan, wie sie sie im Seekriege jederzeit gethan haben, mochten sie mit
uns oder gegen uns fechten, mochten sie siegen oder besiegt werden. Die
Engländer aber hatten die Hauptlast des Kampfes getragen. Russell, der
das Obercommando führte, war ein Engländer. Delaval, der den Angriff auf
Cherbourg leitete, war ein Engländer. Rooke, der die Flotille in die Bai
von La Hogue führte, war ein Engländer. Die beiden einzigen hohen
Offiziere, welche gefallen waren, Admiral Carter und Kapitain Hastings
vom „Sandwich”, waren Engländer. Die Freude, mit der die gute Nachricht
bei uns aufgenommen wurde, darf indessen nicht ausschließlich, nicht
einmal hauptsächlich dem Nationalstolze zugeschrieben werden. Die Insel
war außer Gefahr. Die herrlichen Weiden, Kornfelder und Landgüter von
Hampshire und Surrey sollten nicht der Schauplatz eines Krieges werden.
Die Häuser und Gärten, die Küchen und Milchkammern, die Keller und
Geschirrschränke, die Frauen und Töchter unserer Gentry und unserer
Geistlichkeit, sollten nicht den Händen irischer Rapparees, die den
Engländern von Leinster die Häuser angezündet und das Vieh abgezogen
hatten, oder französischen Dragonern, die gewohnt waren, auf Kosten der
Protestanten von Auvergne zu leben, preisgegeben werden. Whigs und
Tories dankten Gott für die Errettung aus dieser großen Gefahr, und die
achtungswertheren Eidverweigerer mußten nothwendig im Herzen froh sein,
daß der rechtmäßige König nicht durch eine Armee von Ausländern
zurückgebracht werden sollte.
Die öffentliche Freude war demnach fast allgemein. Mehrere Tage
lang läuteten die Glocken London’s unaufhörlich. Flaggen wehten auf
allen Kirchthürmen, Reihen von Lichtern standen in allen Fenstern,
Freudenfeuer brannten an allen Straßenecken.[126] Die Meinung,
welche die Regierung von den Diensten der Flotte hegte, wurde rasch
und in verständiger und angenehmer Weise kund gethan. Sidney und
Portland wurden nach Portsmouth zur Flotte abgeschickt, begleitet
von Rochester, als Repräsentanten der Tories. Die drei Lords nahmen
siebenunddreißigtausend Pfund baares Geld mit, die sie als Geschenk
unter die Mannschaften vertheilen sollten.[127] Die Offiziere
erhielten goldne Medaillen.[128] Hastings’ und Carter’s Ueberreste
wurden mit allen Ehrenbezeigungen ans Land gebracht; Carter wurde
mit großem militärischen Gepränge in Portsmouth begraben;[129] die
Leiche Hastings’ wurde nach London abgeführt und mit ungewöhnlicher
Feierlichkeit unter den Steinplatten von Saint James Church beigesetzt.
Die Gardeinfanterie folgte der Bahre mit umgekehrten Gewehren,
vier königliche Galawagen, jeder von sechs Pferden gezogen, fuhren
im Zuge, eine Menge vornehmer Leute in Trauerkleidung füllte die
Kirchenstühle, und der Bischof von Lincoln hielt die Leichenrede.[130]
Während man den Gefallenen solche Ehre erzeigte, vergaß man auch der
Verwundeten nicht. Funfzig Aerzte, reichlich versehen mit Instrumenten,
Bandagen und Medikamenten, wurden schleunigst von Lincoln nach
Portsmouth geschickt.[131] Wir können uns nicht leicht einen Begriff
davon machen, mit welchen Schwierigkeiten es damals verknüpft war,
Hunderten von verstümmelten und zerfleischten Menschen eine bequeme
Unterkunft und geschickte Pflege zu verschaffen. Gegenwärtig kann
sich jede Grafschaft, jede große Stadt eines geräumigen Palastes
rühmen, in welchem der ärmste Arbeiter, der ein Glied gebrochen,
ein vortreffliches Bett, einen geschickten Arzt, eine aufmerksame
Wärterin, Arzeneien von bester Qualität und die einem Kranken nöthige
Kost findet. Damals aber gab es im ganzen Reiche nicht ein einziges
durch freiwillige Beiträge unterhaltenes Krankenhaus. Selbst in der
Hauptstadt waren die beiden einzigen Gebäude, in denen Verwundete
Aufnahme finden konnten, die beiden alten Hospitäler zu St. Thomas
und zu St. Bartholomäus. Die Königin gab Befehl, daß in diesen beiden
Hospitälern auf Staatskosten Vorkehrungen zur Aufnahme von Kranken
von der Flotte getroffen werden sollten.[132] Zu gleicher Zeit wurde
bekannt gemacht, daß ein würdiges und dauerndes Erinnerungszeichen der
Dankbarkeit England’s für den Muth und Patriotismus seiner Seeleute
sich bald auf einer vorzüglich geeigneten Stelle erheben werde. Unter
den außerhalb der Stadt gelegenen Residenzen unserer Könige nahm die
zu Greenwich lange einen ausgezeichneten Platz ein. Karl II. liebte
diesen Wohnsitz und er beschloß das Haus umzubauen und die Gärten zu
verschönern. Bald nach seiner Restauration begann er an einem Punkte,
der bei hochgehender Fluth fast von der Themse bespült wurde, einen
Palast von großem Umfange mit bedeutendem Kostenaufwande zu erbauen.
Hinter dem Palaste wurden lange Alleen von Bäumen angelegt, welche
unter der Regierung Wilhelm’s kaum mehr als Schößlinge waren, die
aber jetzt mit ihren gigantischen Laubkronen die Lustpartien mehrerer
Generationen beschattet haben. An dem Hügelabhange, welcher lange
Zeit der Schauplatz der Feiertagsbelustigungen der Londoner gewesen
ist, wurden zahlreiche Terrassen angelegt, deren Spuren noch jetzt zu
erkennen sind. Die Königin erklärte jetzt öffentlich im Namen ihres
Gemahls, daß das von Karl angefangene Gebäude vollendet und eine
Zufluchtsstätte für Seeleute werden sollte, die im Dienste für ihr
Vaterland invalid geworden waren.[133]
Eine der glücklichsten Wirkungen der erfreulichen Nachricht war die
Beruhigung des Volks. Seit ungefähr einem Monate hatte die Nation
stündlich eine Invasion und einen Aufstand erwartet und war in Folge
dessen beständig in einer reizbaren und argwöhnischen Stimmung gewesen.
In vielen Gegenden England’s konnte ein Eidverweigerer sich nicht
blicken lassen, ohne die größte Gefahr insultirt zu werden. Das Gerücht,
daß in einem Hause Waffen verborgen seien, genügte, um einen wüthenden
Pöbelhaufen an die Thür zu ziehen. Das Schloß eines jakobitischen
Gentleman in Kent war angegriffen und nach einem Kampfe, bei dem mehrere
Schüsse fielen, erstürmt und niedergerissen worden.[134] Indessen waren
derartige Tumulte noch keineswegs die schlimmsten Symptome des Fiebers,
das die ganze Gesellschaft ergriffen hatte. Die Ausstellung Fuller’s im
Februar schien dem Treiben des schändlichen Gesindels, dessen Patriarch
Oates war, ein Ende gemacht zu haben. Einige Wochen lang war die Welt
sogar geneigt in Bezug auf Complotte übermäßig ungläubig zu sein. Im
April aber trat eine Reaction ein. Die Franzosen und Irländer sollten
kommen, und man hatte nur zu guten Grund zu glauben, das es Verräther
auf der Insel gebe. Wer da behauptete, daß er diese Verräther bezeichnen
könne, der konnte gewiß sein, aufmerksames Gehör zu finden, und es
fehlte nicht an einem falschen Ankläger, der sich diese vortreffliche
Gelegenheit zu Nutze machte.
[_Young’s Complot._] Dieser falsche Ankläger hieß Robert Young. Seine
Geschichte wurde bei seinen Lebzeiten so genau erforscht und es ist von
seiner Correspondenz soviel auf uns gekommen, daß der ganze Mensch vor
uns steht. Sein Character bietet in der That Stoff zu einem
interessanten Studium. Ueber seinen Geburtsort stritten sich drei
Nationen. Die Engländer erklärten ihn für einen Irländer, und die
Irländer, denen eben nicht viel daran gelegen war, ihn ihren Landsmann
nennen zu dürfen, behaupteten wieder, er sei in Schottland geboren. Wo
er auch geboren sein mochte, das Land, wo er aufgewachsen war, konnte
keinem Zweifel unterliegen, denn seine Phraseologie ist ganz die der
Teagues,[135] welche zu seiner Zeit Lieblingscharactere auf unsrer Bühne
waren. Er nannte sich einen Priester der Staatskirche; in Wahrheit aber
war er nur Diakonus und seine Ordination als solcher hatte er durch
Vorlegung falscher Zeugnisse über seine Kenntnisse und seinen
moralischen Character erlangt. Schon lange vor der Revolution hatte er
in verschiedenen Gegenden Irland’s Curatenstellen bekleidet, war aber an
keinem Orte lange geblieben. Die eine Stelle verlor er in Folge des
Aergernisses, das seine gesetzwidrigen Liebschaften erregten. Einen
andren Ort verließ er auf einem geborgten Pferde reitend, das er nie
zurückgab. Er ließ sich in einer dritten Gemeinde nieder und wurde wegen
Bigamie eingezogen. Einige Briefe, die er bei dieser Gelegenheit im
Gefängnisse von Cavan schrieb, sind uns erhalten worden. Er versicherte
jeder seiner Frauen mit den entsetzlichsten Schwüren, daß sie allein der
Gegenstand seiner Liebe sei, und es gelang ihm dadurch, die eine zu
bewegen, daß sie ihn im Gefängnisse unterhielt, die andre, daß sie bei
den Assisen falsch schwor, um ihm das Leben zu retten. Die einzigen auf
uns gekommenen Probestücke seiner Methode, religiöse Lehren zu
ertheilen, sind in diesen Episteln enthalten. Er vergleicht sich mit
David, dem Manne nach dem Herzen Gottes, der sich sowohl des Ehebruchs
als auch des Mordes schuldig machte. Er erklärt, daß er seine Sünden
bereue, bittet den Allmächtigen um Vergebung derselben und fleht dann
sein „süßes Weib” an, um Christi willen einen Meineid zu schwören.
Nachdem er mit genauer Noth dem Galgen entgangen war, trieb er sich
mehrere Jahre bettelnd, stehlend, betrügend, heuchelnd und fälschend in
Irland und England umher und saß unter verschiedenen Namen in
verschiedenen Gefängnissen. Im Jahre 1684 wurde er in Bury des
Verbrechens überführt, Sancroft’s Namensunterschrift in betrügerischer
Absicht nachgemacht zu haben, und zu Pranger und Einsperrung
verurtheilt. Aus seinem Kerker schrieb er an den Primas, um seine
Nachsicht anzuflehen. Man kann diesen Brief noch heute mit all’ seiner
ursprünglichen schlechten Satzconstruction und Orthographie lesen.[136]
Der Schreiber bekannte seine Schuld, erklärte, daß er nie wieder Ruhe
finden werde, bis er die bischöfliche Absolution empfangen habe und
sprach einen tödtlichen Haß gegen die Dissenters aus. Da alle diese
Zerknirschtheit und Rechtgläubigkeit nichts half, sann der Bußfertige
auf etwas Andres, nachdem er hoch und theuer geschworen hatte, sich an
Sancroft zu rächen. Der Aufstand im Westen war eben ausgebrochen, und
die Magistratsbeamten im ganzen Lande waren nur zu bereit, jeder gegen
Whigs oder Nonconformisten erhobenen Anklage ein geneigtes Ohr zu
leihen. Young erklärte an Eidesstatt, er wisse, daß in Suffolk ein
Anschlag gegen das Leben des Königs Jakob geschmiedet worden sei und
nannte einen Peer, mehrere Gentleman und zehn presbyterianische
Geistliche als Theilnehmer an dem Complot. Einige von den
Angeschuldigten wurden in Untersuchung gezogen und Young erschien in der
Zeugenloge, aber die Geschichte, die er erzählte, wurde durch
unwiderlegliche Beweise als falsch dargethan. Bald nach der Revolution
wurde er abermals einer Fälschung überwiesen, zum vierten oder fünften
Mal an den Pranger gestellt und in Newgate eingesperrt. Während er hier
saß, beschloß er zu versuchen, ob er als Ankläger von Jakobiten
glücklicher sein würde, denn als Ankläger von Puritanern. Er wendete
sich zuerst an Tillotson, dem er sagte, es sei ein gräßliches Complot
gegen Ihre Majestäten im Werke, ein Complot, so schwarz wie die Hölle,
und einige der vornehmsten Männer England’s seien mit in dasselbe
verwickelt. Obgleich Tillotson einer aus solcher Quelle kommenden
Mittheilung wenig Vertrauen schenkte, so glaubte er doch, daß der Eid,
den er als Mitglied des Geheimen Raths geleistet, es ihm zur Pflicht
mache, die Sache gegen Wilhelm zu erwähnen. Wilhelm nahm wie gewöhnlich
die Angelegenheit sehr leicht. Ich bin überzeugt, sagte er, es ist eine
Schurkerei, und ich mag auf solche Gründe hin Niemandes Ruhe stören.
Nach dieser Abfertigung verhielt sich Young einige Zeit still. Als aber
Wilhelm auf dem Continent war und die Nation von der Furcht vor einer
französischen Invasion und einem jakobitischen Aufstande erfüllt war,
durfte ein falscher Ankläger hoffen, Gehör zu finden. Die bloße eidliche
Aussage eines Mannes, der den Kerkermeistern von zwanzig Gefängnissen
wohl bekannt war, konnte allerdings so leicht Niemandem nachtheilig
werden. Aber Young war Meister einer Waffe, die von allen Waffen der
Unschuld am gefährlichsten ist. Er hatte mehrere Jahre von
Handschriftenfälschung gelebt und hatte es in dieser abscheulichen Kunst
endlich zu einer solchen Fertigkeit gebracht, daß selbst erfahrene
Schreiber, die sich auf Handschriften verstanden, bei der genauesten
Vergleichung kaum einen Unterschied zwischen seinen Nachahmungen und den
Originalen zu entdecken vermochten. Es war ihm gelungen, sich eine
Sammlung von Schriftstücken von der Hand angesehener Männer, die im
Verdacht der Unzufriedenheit standen, zu verschaffen. Einige Autographen
hatte er gestohlen, andere hatte er dadurch erlangt, daß er sich unter
fingirtem Namen nach der Führung von Dienstleuten und Curaten
erkundigte. Er verfertigte jetzt eine Schrift, die einen
Associationsvertrag zur Wiedereinsetzung des verbannten Königs
vorstellen sollte. In diesem Dokumente verpflichteten sich die
Unterzeichner im Angesicht Gottes, für Seine Majestät die Waffen zu
ergreifen und sich des Prinzen von Oranien todt oder lebend zu
bemächtigen. Unter diesen Vertrag setzte Young die Namen Marlborough’s,
Cornbury’s, Salisbury’s, Sancroft’s und Sprat’s, Bischofs von Rochester
und Diakonus von Westminster.
Das Nächste, was geschehen mußte, war, das Papier an einen Versteck im
Hause einer der Personen zu bringen, deren Unterschriften nachgemacht
worden waren. Da Young Newgate nicht verlassen durfte, mußte er sich zu
diesem Zwecke eines Helfershelfers bedienen. Er wählte dazu einen
Elenden, Namens Blackhead, der früher einmal wegen Meineids in
Untersuchung gewesen und zum Verluste beider Ohren verurtheilt worden
war. Die Wahl war nicht glücklich, denn Blackhead besaß keine von den
Eigenschaften, welche das Amt eines falschen Zeugen außer der
Schlechtigkeit noch erheischt. Er hatte nichts Vertrauenerweckendes.
Seine Stimme war rauh; Heimtücke sprach aus allen Zügen seines fahlen
Gesichts; er besaß weder Erfindungsgabe noch Geistesgegenwart, und er
konnte nicht viel mehr thun als die ihm von Anderen eingelernten Lügen
hersagen.
Dieser Mensch begab sich, nachdem er von seinem Complicen instruirt
war, nach Bromley in Sprat’s Palast, stellte sich hier als der vertraute
Diener eines imaginären Doctors der Theologie vor, überreichte dem
Bischofe mit gebeugtem Knie einen von Young sinnreich verfaßten Brief
und ließ sich mit anscheinend tiefer Ehrerbietung den bischöflichen
Segen geben. Die Dienerschaft nahm den Fremden gastlich auf; er wurde in
den Keller geführt, trank auf das Wohl ihres Herrn und bat sie, daß sie
ihn im Hause herumführen möchten. Ihm die Privatgemächer des Bischofs zu
zeigen, durften sie nicht wagen, und Blackhead mußte sich deshalb,
nachdem er dringend, aber vergebens gebeten hatte, wenigstens einen
Blick in das Studirzimmer werfen zu dürfen, damit begnügen, den
Associationsvertrag in einem Blumentopfe zu verbergen, der in einem
Zimmer neben der Küche stand.
Nachdem Alles in dieser Weise vorbereitet war, benachrichtigte Young die
Minister, daß er ihnen etwas mittheilen könne, was für das Wohl des
Staates von höchster Wichtigkeit sei, und bat dringend um Gehör. Sein
Gesuch kam ihnen an dem vielleicht angstvollsten Tage eines angstvollen
Monats zu. Tourville war so eben ausgelaufen, Jakob’s Armee wurde
eingeschifft, und London war durch Gerüchte von der schlechten Gesinnung
der Marineoffiziere beunruhigt. Die Königin überlegte eben, ob sie die
Verdächtigen cassiren oder die Wirkung einer Appellation an ihre Ehre
und ihren Patriotismus versuchen solle. In einem solchen Augenblicke
konnten die Minister sich nicht weigern, Jemanden anzuhören, welcher
erklärte, ihnen wichtige Mittheilungen machen zu können. Young und sein
Complice wurden demnach vor den Geheimen Rath geführt. Hier
beschuldigten sie Marlborough, Cornbury, Salisbury, Sancroft und Sprat
des Hochverraths. Diese hochgestellten Männer, sagte Young, hätten Jakob
zu einer Invasion in England aufgefordert und hätten versprochen sich
ihm anzuschließen. Der beredte und geistreiche Bischof von Rochester
habe es übernommen, eine Erklärung zu entwerfen, welche die Nation gegen
die Regierung des Königs Wilhelm entzünden werde. Die Verschwörer seien
durch ein schriftliches Instrument mit einander verbunden und dieses von
ihnen eigenhändig unterzeichnete Instrument werde man bei genauer
Nachsuchung in Bromley finden. Young verlangte insbesondere, daß die
Boten Befehl erhalten sollten, die Blumentöpfe des Bischofs zu
untersuchen.
Die Minister waren ernstlich beunruhigt. Die Geschichte ging sehr ins
Einzelne und ein Theil derselben klang wahrscheinlich. Marlborough’s
Verkehr mit Saint-Germains war Caermarthen, Nottingham und Sidney wohl
bekannt. Cornbury war ein Werkzeug Marlborough’s und der Sohn eines
Eidverweigerers und notorischen Verschwörers. Salisbury war ein Papist.
Sancroft hatte erst vor wenigen Monaten in dem allem Anscheine nach nur
zu begründeten Verdachte gestanden, daß er die Franzosen aufgefordert
habe, in England einzufallen. Von allen Angeschuldigten war Sprat
derjenige, von dem es am unwahrscheinlichsten war, daß er sich an einem
gefahrvollen Plane betheiligt haben sollte. Er besaß weder Enthusiasmus
noch Ausdauer. Sein Ehrgeiz sowohl wie sein Parteigeist waren jederzeit
durch seine Liebe zur Behaglichkeit und durch die Besorgniß um sein
persönliches Wohl wirksam in Schranken gehalten worden. Er hatte sich in
der Hoffnung, Jakob’s Gunst zu gewinnen, einiger strafbarer
Gefälligkeiten schuldig gemacht, war Mitglied der Hohen Commission
gewesen, hatte an mehreren von diesem Gerichtshofe erlassenen
ungerechten Decreten Antheil gehabt und hatte mit zitternder Hand und
unsicherer Stimme die Indulgenzerklärung im Chore der Abtei verlesen.
Weiter aber war er nicht gegangen. Sobald man sich zuzuflüstern begann,
daß die bürgerliche und religiöse Verfassung England’s bald durch
außerordentliche Mittel vertheidigt werden würden, hatte er die Gewalten
niedergelegt, die er zwei Jahre lang im Widerspruch mit dem Gesetz
ausgeübt, und hatte sich beeilt sich mit seinen geistlichen Amtsbrüdern
auszusöhnen. Er hatte in der Convention für eine Regentschaft gestimmt,
hatte aber ohne Zögern die Eide geleistet; er hatte bei der Krönung der
neuen Souveraine eine hervorragende Rolle gespielt und von seiner
geschickten Hand waren der am 5. November gebrauchten Gebetsformel die
Sätze hinzugefügt worden, in denen die Kirche für die an diesem Tage
bewirkte zweite Befreiung ihren Dank ausspricht.[137] Daß ein solcher
Mann, im Besitz eines großen Einkommens, eines Platzes im Hause der
Lords, eines angenehmen Hauses unter den Ulmen von Bromley, und eines
zweiten im Bezirke von Westminster, sich in die Gefahr des Märtyrertodes
begeben werde, war sehr unwahrscheinlich. Er stand allerdings nicht auf
vollkommen gutem Fuße mit der Regierung, denn das Gefühl, welches nächst
der Sorge für seine Bequemlichkeit und Ruhe den meisten Einfluß auf sein
öffentliches Benehmen gehabt zu haben scheint, war seine Abneigung gegen
die Puritaner, eine Abneigung, die nicht aus Bigotterie, sondern aus
Epikuräismus entsprang. Ihr strenger Wandel war ein Vorwurf für sein
träges und üppiges Leben; ihre Phraseologie beleidigte seinen
eigensinnigen Geschmack, und wo sie ins Spiel kamen, verließ ihn seine
gewohnte Gutmüthigkeit. Bei seinem Widerwillen gegen die Nonconformisten
war von ihm kein großer Eifer für einen Fürsten zu erwarten, den die
Nonconformisten als ihren Protector betrachteten. Doch Sprat’s Fehler
boten eine sichere Gewähr dafür, daß er sich nie aus Groll gegen Wilhelm
bei einem Complot zur Zurückführung Jakob’s betheiligen werde. Warum
Young einem ganz besonders fügsamen, vorsichtigen und die Bequemlichkeit
liebenden Manne die gefährlichste Rolle bei einem gefährlichen
Unternehmen zuertheilte, ist schwer zu sagen.
Der erste Schritt, den die Minister thaten, war, daß sie Marlborough in
den Tower schickten. Er war von allen Angeschuldigten der bei weitem am
meisten zu Fürchtende, und daß er mit Saint-Germains in
hochverrätherischer Correspondenz gestanden hatte, war eine Thatsache,
die der Königin und ihren vornehmsten Räthen als wahr bekannt war,
mochte Young nun meineidig sein oder nicht. Einer von den Sekretären des
Geheimen Raths und mehrere Gerichtsdiener wurden mit einem
Verhaftsbefehle von Nottingham nach Bromley gesandt. Sprat wurde
festgenommen und alle Zimmer durchsucht, von denen sich
vernünftigerweise annehmen ließ, daß er ein wichtiges Dokument darin
verborgen haben könnte: die Bibliothek, das Speisezimmer, das
Empfangzimmer, das Schlafzimmer und die anstoßenden Cabinette. Seine
Papiere wurden genau untersucht und viel gute Prosa, vielleicht auch
einige schlechte Verse, aber nichts Hochverrätherisches darunter
gefunden. Die Gerichtsdiener durchwühlten jeden Blumentopf, den sie
finden konnten, aber vergebens. Es fiel ihnen jedoch nicht ein, in das
Zimmer zu sehen, in welchem Blackhead den Associationsvertrag verborgen
hatte, denn dieses Zimmer lag in der Nähe der von der Dienerschaft
bewohnten Räume und wurde von dem Bischofe und seiner Familie wenig
benutzt. Die Beamten kehrten mit ihrem Gefangenen, aber ohne das
Dokument nach London zurück, das, wenn es gefunden worden wäre, ihm
hätte verderblich werden können.
Noch spät in der Nacht wurde er nach Westminster gebracht, wo er in
seiner Dechanei schlafen durfte. Alle seine Bücherschränke und
Schubladen wurden durchsucht und Schildwachen an die Thür seines
Schlafzimmers gestellt, die aber strenge Ordre hatten, sich höflich
gegen ihn zu benehmen und die Familie nicht zu belästigen.
Am folgenden Tage wurde er vor den Geheimen Rath geführt. Das Verhör
wurde von Nottingham mit großer Humanität und Artigkeit geleitet. Der
Bischof benahm sich im Bewußtsein völliger Unschuld mit Mäßigung und
Festigkeit. Er beklagte sich über nichts. „Ich füge mich,” sagte er,
„den Nothwendigkeiten des Staats in einer Zeit des Mißtrauens und der
Gefahr wie die gegenwärtige ist.” Er wurde gefragt, ob er eine Erklärung
für König Jakob entworfen, ob er in Correspondenz mit Frankreich
gestanden, ob er einen hochverrätherischen Associationsvertrag
unterzeichnet habe und ob er überhaupt von einer solchen Association
etwas wisse. Alle diese Fragen beantwortete er mit vollkommener
Wahrheit, auf sein Wort als Christ und Bischof, verneinend. Er wurde in
seine Dechanei zurückgebracht, blieb dort noch zehn Tage in leichter
Haft und durfte dann, da nichts ihn Gravirendes entdeckt worden war,
nach Bromley zurückkehren.
Inzwischen hatten die falschen Ankläger einen neuen Plan ausgesonnen.
Blackhead begab sich aufs Neue nach Bromley und fand Mittel und Wege,
den fingirten Associationsvertrag von dem Orte, wo er ihn verborgen
hatte, wegzunehmen und Young zurückzubringen. Eine von Young’s beiden
Frauen trug das Papier dann in das Staatssekretariat und erzählte eine
von Young erfundene Lüge, um zu erklären, wie ein Dokument von solcher
Wichtigkeit in ihre Hände gekommen sei. Aber es war jetzt nicht mehr so
leicht die Minister zu erschrecken, wie es einige Tage früher gewesen
war. Die Schlacht von La Hogue hatte allen Invasionsbefürchtungen ein
Ende gemacht. Anstatt daher wieder einen Verhaftsbefehl nach Bromley zu
schicken, schrieb Nottingham nur einige Zeilen an Sprat, mit denen er
ihn bat, ihn in Whitehall zu besuchen. Der angeschuldigte Prälat kam der
Einladung unverzüglich nach und wurde vor dem Geheimen Rathe mit
Blackhead confrontirt. Die Wahrheit kam sogleich ans Licht. Der Bischof
erinnerte sich der tückischen Miene und Stimme des Mannes, der ihn
knieend um seinen Segen gebeten hatte, und sein Sekretär bestätigte die
Aussage seines Gebieters. Der falsche Zeuge verlor bald seine
Geistesgegenwart. Seine stets bleichen Wangen wurden leichenhaft und
seine in der Regel laute und rauhe Stimme sank zu einem Gelispel herab.
Die Mitglieder des Geheimen Raths sahen seine Verwirrung und unterwarfen
ihn einem strengen Verhör. Eine Zeit lang beantwortete er ihre Fragen
durch wiederholtes Hervorstammeln seiner ersten Lüge in den
ursprünglichen Worten. Endlich aber sah er keinen andren Ausweg mehr als
seinem Lügengewebe als das Eingeständniß seiner Schuld. Er gestand, daß
er eine unwahre Darstellung von seinem Besuche in Bromley gegeben habe,
erzählte nach vielen Ausflüchten, wie er den Associationsvertrag
verborgen und ihn aus seinem Verstecke wieder entfernt habe, und
bekannte, daß er von Young gebraucht worden sei.
Hierauf wurden die beiden Complicen mit einander confrontirt. Young
leugnete mit frecher Stirn Alles. Er wisse nichts von den Blumentöpfen.
„Wenn dies wahr ist,” riefen Nottingham und Sidney zu gleicher Zeit,
„warum legten Sie dann so besonderes Gewicht darauf, daß die Blumentöpfe
in Bromley untersucht werden sollten?” -- „Ich habe nie etwas über die
Blumentöpfe gesagt,” erwiederte Young. Jetzt rief der ganze Staatsrath
entrüstet aus: „Wie können Sie das zu behaupten wagen? Wir Alle
entsinnen uns dessen.” Der Schurke hielt sich noch immer tapfer und rief
mit einer Unverschämtheit, um die ihn Oates hätte beneiden können:
„Diese ganze Versteckungsgeschichte ist ein zwischen dem Bischofe und
Blackhead verabredeter Streich. Der Bischof hat Blackhead gewonnen, und
sie versuchen Beide, das Complot zu vertuschen.” Das war zu viel. Das
ganze Collegium lächelte und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.
„Mensch,” rief Caermarthen, „willst Du uns glauben machen, der Bischof
habe dieses Papier an einem Orte aufbewahren lassen, wo Zehn gegen Eins
zu wetten war, daß unsere Agenten es finden würden und wo es ihn an den
Galgen bringen konnte, wenn sie es gefunden hätten?”
Die falschen Ankläger wurden ins Gefängniß zurückgebracht, und der
Bischof verabschiedete sich von den Ministern, nachdem er ihnen für ihr
unparteiisches und ehrenwerthes Verfahren seinen wärmsten Dank
ausgesprochen hatte. Im Vorzimmer fand er eine Menge Leute versammelt,
welche Young angafften, der dasaß und ihre neugierigen Blicke mit der
heiteren Ruhe eines Mannes aushielt, der von der Hälfte der Pranger
England’s auf viel zahlreichere Versammlung herabgesehen hatte. „Young,”
sagte Sprat zu ihm, „Euer Gewissen muß Euch sagen, daß Ihr mir schweres
Unrecht gethan habt. Um Euretwillen bedaure ich, daß Ihr darauf beharrt,
das zu leugnen, was Euer Genosse bereits eingestanden hat.” --
„Eingestanden?” rief Young; „nein, es ist noch nicht Alles eingestanden,
und das werden Sie zu Ihrem Schrecken erfahren. Es giebt ein Ding, das
man Anklage nennt, Mylord. Sobald das Parlament versammelt ist, sollen
Sie mehr von mir hören.” -- „Gott führe Euch zur Reue,” entgegnete der
Bischof, „denn verlaßt Euch darauf, Ihr seid in viel größerer Gefahr,
verurtheilt zu werden, als ich angeklagt, zu werden.”[138]
Achtundvierzig Stunden nach der Entlarvung dieses schändlichen Betrugs
wurde Marlborough gegen Bürgschaft seiner Haft entlassen. Young und
Blackhead hatten ihm einen unschätzbaren Dienst geleistet. Daß er bei
einem ganz eben so strafbaren Complot betheiligt war wie das, dessen sie
ihn fälschlich beschuldigt hatten, und daß die Regierung moralische
Beweise seiner Schuld in Händen hatte, ist jetzt gewiß. Aber seine
Zeitgenossen hatten nicht, wie wir jetzt, den materiellen Beweis seiner
Treulosigkeit vor Augen. Sie wußten, daß er eines Verbrechens angeklagt
war, das er nicht begangen hatte, daß Meineid und Fälschung angewendet
worden waren, um ihn ins Verderben zu stürzen, und daß er in Folge
dieser Machinationen einige Wochen im Tower zugebracht hatte. Die
öffentliche Meinung brachte sehr natürlich seine Ungnade und seine
Verhaftung mit einander in Verbindung. Er war ohne genügenden Grund
verhaftet worden. Konnte man also nicht, in Ermangelung jeden
Ausschlusses, vernünftigerweise annehmen, daß er auch ohne genügenden
Grund in Ungnade gefallen war? Es stand fest, daß eine schändliche,
jeder Begründung entbehrende Verleumdung Ursache gewesen war, daß man
ihn im Mai wie einen Verbrecher behandelt hatte. War es da nicht
wahrscheinlich daß im Januar ebenfalls eine Verleumdung ihm die Gunst
seines Gebieters entzogen haben konnte?
Young’s Hilfsmittel waren noch nicht erschöpft. Sobald er von Whitehall
nach Newgate zurückgebracht war, ging er ans Werk, ein neues Complot
zu erdichten und einen neuen Complicen zu suchen. Er wendete sich an
einen Menschen, Namens Holland, der in größter Dürftigkeit lebte. Noch
nie, sagte Young zu ihm, sei die Gelegenheit so günstig gewesen. Ein
verwegener und schlauer Bursche könne mit Leichtigkeit fünfhundert
Pfund verdienen. Fünfhundert Pfund waren in den Augen Holland’s ein
fabelhafter Reichthum. Er fragte, was er dafür thun müsse. Nichts
weiter, lautete die Antwort, als die Wahrheit sagen, das heißt
handgreifliche Wahrheit, ein wenig entstellt und ausgeschmückt. Es
existire wirklich ein Complot, und dies würde auch bewiesen worden
sein, wenn Blackhead sich nicht hätte erkaufen lassen. Sein Abfall
habe es nothwendig gemacht, die Erdichtung zu Hülfe zu nehmen. „Ihr
müßt beschwören, daß Ihr mit mir in einer Hinterstube im höchsten
Stockwerk des „Seekrebs,” in Southwark gewesen seid. Dort sind einige
Männer mit uns zusammengetroffen, die ein Losungswort geben mußten,
ehe sie eingelassen wurden. Sie trugen alle weiße Camelotröcke. Sie
unterzeichneten in unsrer Gegenwart den Associationsvertrag, bezahlten
dann jeder seinen Schilling und gingen wieder. Ihr müßt bereit sein,
zwei von diesen Leuten als Mylord Marlborough und den Bischof von
Rochester zu bezeichnen.” „Wie soll ich ihre Identität beweisen?”
fragte Holland. „Ich habe sie in meinem Leben nicht gesehen.” -- „Ihr
müßt dafür sorgen, daß Ihr sie sobald als möglich zu sehen bekommt,”
erwiederte der Versucher. „Der Bischof wird in der Abtei sein, und
Jedermann am Hofe wird Euch Lord Marlborough zeigen.” Holland ging
sogleich nach Whitehall und hinterbrachte Nottingham diese Unterredung.
Der unglückliche Nachahmer Oates’ wurde auf Befehl der Regierung wegen
Meineids, Verleitung zum Meineid und Fälschung in Untersuchung gezogen.
Er wurde für schuldig befunden und zu Gefängniß verurtheilt, wurde
abermals an den Pranger gestellt, und erfuhr als Zugabe zu seiner
Ausstellung, aus der er sich wenig machte, eine so wüthende Steinigung
von Seiten des Pöbels, wie man sie selten erlebt hatte.[139] Nach
überstandener Strafe verlor er sich einige Jahre unter dem Schwarme
von Dieben und Gaunern, die in der Hauptstadt ihr Unwesen trieben. Im
Jahre 1700 endlich trat er wieder aus seinem Dunkel hervor und erregte
eine momentane Aufmerksamkeit. Die Zeitungen berichteten, daß der einst
so berüchtigte Robert Young wegen Falschmünzerei eingezogen, daß er
schuldig befunden und zum Tode verurtheilt und daß schließlich der
ehrwürdige Herr in Tyburn aufgehängt worden sei und eine zahlreiche
Versammlung von Schaulustigen durch seine Reue höchlich erbaut
habe.[140]