Von allen Plänen, welche je zur Restauration Jakob’s oder seiner

Nachkommen entworfen wurden, versprach dieser der beste zu sein. Der

Nationalstolz und der Haß gegen Willkürgewalt, welche bisher auf

Wilhelm’s Seite gewesen waren, würden sich jetzt gegen ihn gewendet

haben. Hunderttausende, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben würden,

um eine französische Armee zu verhindern, den Engländern eine Regierung

aufzudringen, würden keine Lust gezeigt haben, eine englische Armee am

Hinaustreiben der Holländer zu hindern. Selbst die Whigs konnten, ohne

ihre alten Grundsätze aufzugeben, kaum einen Fürsten unterstützen, der

sich hartnäckig weigerte, den ihm durch sein Parlament kund gegebenen

allgemeinen Wunsch seines Volks zu erfüllen. Das Complot lief sich ganz

gut an. Es wurden eifrig Stimmen geworben, und viele Mitglieder des

Hauses der Gemeinen, die nicht die entfernteste Ahnung davon hatten, daß

ein weitergehender Plan dahinter steckte, versprachen gegen die Fremden

zu stimmen. Marlborough war unermüdlich, die Mißstimmung der Armee zu

nähren. Sein Haus war beständig mit Offizieren angefüllt, die sich durch

Schmähen der Holländer bis zur Wuth erhitzten. Noch ehe aber die

Vorbereitungen beendigt waren, stieg in einem der Jakobiten ein

sonderbarer Verdacht auf. Daß der Urheber dieses kühnen und schlauen

Planes die bestehende Regierung stürzen wollte, konnte kaum einem

Zweifel unterliegen. Aber war es auch ganz gewiß, welche andre Regierung

er einzusetzen gedachte? Konnte er nicht Wilhelm absetzen, ohne Jakob

einzusetzen? War es nicht möglich, daß ein so kluger, so ehrgeiziger

und so gewissenloser Mann einen doppelten Verrath im Sinne haben

konnte, einen Verrath, den die großen italienischen Politiker des

15. Jahrhunderts ein Meisterstück der Staatskunst genannt, um den

ihn ein Borgia beneidet, den ein Machiavel bis in den Himmel erhoben

haben würde? Wie, wenn dieser vollendete Heuchler beide rivalisirende

Könige betrog? Wie, wenn er als Befehlshaber der Armee und als

Protector des Parlaments die Prinzessin Anna zur Königin proklamirte?

War es nicht möglich, daß die ermüdete und gehetzte Nation sich eine

solche Einrichtung willig gefallen ließ? Jakob war unpopulär, weil

er ein unter dem Einflusse papistischer Priester stehender Papist

war. Wilhelm war unpopulär, weil er ein ausländischen Günstlingen

zugethaner Ausländer war. Anna war zu gleicher Zeit Protestantin

und Engländerin. Unter ihrer Regierung konnte das Land nicht in die

Gefahr kommen, entweder mit Jesuiten oder mit Holländern überschwemmt

zu werden. Daß Marlborough die stärksten Gründe hatte, sie auf den

Thron zu setzen, lag auf der Hand. Am Hofe ihres Vaters konnte er nie

etwas Andres als ein reuiger Sünder sein, dessen Dienste durch einen

Pardon mehr als bezahlt waren. An ihrem Hofe aber wäre der Gatte ihrer

geliebten Freundin das geworden, was Pipin Heristall und Karl Martell

den Chilperich und Childebert gewesen waren. Die oberste Leitung der

Civil- und Militärverwaltung wäre in seine Hände gekommen, er hätte

über die ganze Macht England’s verfügt, er hätte die Wagschale Europa’s

gehalten, große Könige und Republiken hätten um seine Gunst gebuhlt

und ihre Staatskassen erschöpft in der eitlen Hoffnung, seine Habsucht

zu befriedigen. Es war daher anzunehmen, daß, wenn er die englische

Krone in seine Gewalt bekam, er sie der Prinzessin aufsetzen würde.

Welche Beweise die Richtigkeit dieser Annahme unterstützten, ist nicht

bekannt; soviel aber ist gewiß, daß sich etwas ereignete, was einige

der ergebensten Freunde der verbannten Familie überzeugte, daß er

eine neue Perfidie im Sinne habe, welche selbst das noch übertraf,

was er in Salisbury gethan. Sie fürchteten daß, wenn es ihnen in

diesem Augenblicke gelang, Wilhelm los zu werden, Jakob’s Situation

hoffnungsloser als je sein würde.

[_Marlborough’s Complot durch die Jakobiten verrathen._] Sie waren von

der Falschheit ihres Complicen so fest überzeugt, daß sie sich nicht nur

weigerten, in der Ausführung des von ihm entworfenen Planes weiter zu

gehen, sondern den ganzen Anschlag Portland entdeckten.

Wilhelm scheint durch diese Mittheilung in einem bei ihm ganz

ungewöhnlichen Grade beunruhigt und aufgebracht worden zu sein. Er war

sonst nachsichtig, ja sogar absichtlich blind für die Schlechtigkeit der

englischen Staatsmänner, die er in seinem Dienste verwendete. Er ahnete,

er wußte sogar, daß einige seiner Diener mit seinem Nebenbuhler in

Correspondenz standen, und doch bestrafte er sie nicht, verabschiedete

sie nicht und zeigte ihnen nicht einmal ein finstres Gesicht. Er

schätzte das ganze Geschlecht von Staatsmännern, welches die

Restauration gebildet und der Revolution hinterlassen hatte, gering, und

er hatte nur zu guten Grund, sie gering zu schätzen. Er kannte sie zu

gut, als das er sich hätte darüber beklagen sollen, daß er bei ihnen

keine Wahrhaftigkeit, Treue, Consequenz und Uneigennützigkeit fand. Das

Aeußerste was er von ihnen erwartete, war, daß sie ihm dienen würden,

soweit als sie ihm ohne Gefahr für sich selbst dienen konnten. Wenn er

hörte, daß sie, während sie in seinem Staatsrathe saßen und von seiner

Freigebigkeit reich wurden, sich in Saint-Germains einen Einfluß zu

verschaffen suchten, der ihnen im Falle einer Contrerevolution von

Nutzen sein konnte, so war er eher geneigt ihnen das geringschätzende

Lob zu ertheilen, das vor Alters der weltlichen Klugheit des ungerechten

Hausverwalters gezollt wurde, als sie zu strenger Rechenschaft zu

ziehen. Aber Marlborough’s Verbrechen war von ganz andrer Art. Sein

Verrath war nicht der eines Kleinmüthigen, der sich für alle Fälle eine

Hinterthür offen halten will, sondern der eines Mannes von furchtlosem

Muthe, großer Klugheit und maßlosem Ehrgeize. Wilhelm war nicht zur

Furcht geneigt; aber wenn es irgend etwas in der Welt gab was er

fürchtete, so war es Marlborough. Den Verbrecher so zu behandeln wie er

es verdiente, war allerdings unmöglich, denn Die, welche seine Absichten

der Regierung verrathen hatten, würden sich nie dazu verstanden haben,

gegen ihn in der Zeugenloge zu erscheinen; aber ihm das Obercommando der

Armee zu lassen, die er eben zu verführen beschäftigt war, würde

Wahnsinn gewesen sein.

[_Marlborough’s Ungnade._] Spät am Abend des 9. Januar hatte die Königin

eine peinliche Unterredung mit der Prinzessin Anna. Am andern Morgen in

der Frühe wurde Marlborough benachrichtigt, daß Ihre Majestäten seiner

Dienste ferner nicht bedürften und daß er sich nicht beikommen lassen

solle, wieder vor dem Könige oder der Königin zu erscheinen. Er war mit

Ehren, und, was ihm noch viel lieber gewesen war, mit Reichthümern

überschüttet worden. Dies Alles wurde ihm plötzlich entzogen.

[_Verschiedene Gerüchte über die Ursache von Marlborough’s Ungnade._]

Die wahre Geschichte dieser Vorgänge war nur Wenigen bekannt. Evelyn,

der gewöhnlich vortreffliche Erkundigungsquellen hatte, glaubte, daß die

Bestechlichkeit und die Erpressung, deren Marlborough sich notorisch

schuldig gemacht hatte, den königlichen Unwillen erregt hätten. Die

holländischen Minister konnten den Generalstaaten nur sagen, daß

Marlborough’s Feinde sechs verschiedene Geschichten in Umlauf gebracht

hätten. Einige sagten, er habe sich indiscreterweise ein wichtiges

militärisches Geheimniß entschlüpfen lassen; Andere, er habe

unehrerbietig von Ihren Majestäten gesprochen; Andere, er habe zwischen

der Königin und der Prinzessin Unfrieden gestiftet; Andere, er habe in

der Armee Cabalen geschmiedet; Andere, er habe unbefugterweise mit der

dänischen Regierung über die allgemeine europäische Politik

correspondirt; noch Andere endlich, er habe mit den Agenten des Hofes

von Saint-Germains verkehrt.[44] Seine Freunde widersprachen allen

diesen Geschichten und behaupteten, sein einziges Verbrechen bestehe in

seiner Abneigung gegen die Fremden, die über seine Landsleute

dominirten, und er sei ein Opfer der Machinationen Portland’s geworden,

von dem man wußte, daß er ihn nicht leiden konnte und den er eben nicht

sehr artig einen hölzernen Patron genannt hatte. Das von Anfang an über

der Geschichte von Marlborough’s Ungnade schwebende Dunkel wurde nach

Verlauf von funfzig Jahren durch die schamlose Lügenhaftigkeit seiner

Wittwe noch undurchdringlicher. Jakob’s gedrängte Darstellung zerreißt

den Geheimnißschleier und giebt nicht nur darüber Aufklärung, warum

Marlborough in Ungnade fiel, sondern auch darüber, wie mehrere von den

Gerüchten über die Ursache seiner Ungnade entstanden sind.[45]

[_Bruch zwischen Marien und Anna._] Wenn auch Wilhelm dem Publikum

keinen Grund angab, warum er durch Entlassung seines Dieners seine

unbestrittene Prärogative ausübte, so war doch Anna von dem wahren

Sachverhalt unterrichtet worden, und man hatte es ihr überlassen zu

beurtheilen, ob ein Offizier, der sich eines schändlichen Verraths

schuldig gemacht, ein passender Bewohner des Palastes sei. Drei Wochen

vergingen. Lady Marlborough behielt noch immer ihren Posten und ihre

Gemächer zu Whitehall inne, ihr Gatte wohnte noch immer bei ihr, und

noch immer gaben der König und die Königin kein Zeichen von Mißfallen.

Endlich beschloß die übermüthige und rachsüchtige Gräfin, durch ihre

Langmuth dreist gemacht, ihnen offen zu trotzen, und begleitete ihre

Gebieterin eines Abends in den Abendzirkel nach Kensington. Das war

selbst der sanften Marie zu stark. Sie würde ihren Unwillen vor der

ganzen Gesellschaft, welche die Spieltische umgab, geäußert haben, hätte

sie nicht bedacht, daß ihre Schwester sich in einem Zustande befand, in

welchem die Frauen Anspruch auf besondere Schonung haben. Sie sagte

daher diesen Abend nichts; am folgenden Tage aber wurde der Prinzessin

ein Brief von der Königin überbracht. Marie erklärte, daß sie eine

Schwester, die sie liebe und bei der sie leicht über jeden gewöhnlichen

Fehler hinwegsehen könne, ungern betrübe; aber die Sache sei zu ernst.

Lady Marlborough müsse entlassen werden. So lange sie Whitehall bewohne,

würde auch ihr Gatte daselbst wohnen. Sei es aber schicklich, daß ein

Mann in seiner Lage den Palast seines beleidigten Gebieters bewohnen

dürfe? Se. Majestät sei indessen so entschieden abgeneigt, selbst gegen

den schlimmsten Uebelthäter mit Strenge zu verfahren, daß er auch dies

sich habe gefallen lassen und es sich noch langer würde gefallen lassen

haben, hätte nicht Anna die Gräfin veranlaßt, dem Könige und der Königin

in ihrem eigenen Gesellschaftszimmer zu trotzen. „Es war unfreundlich

von einer Schwester,” schrieb Marie; „es würde unartig von einer

Gleichstehenden gewesen sein, und ich brauche wohl nicht zu sagen, daß

ich mehr beanspruchen darf.” Die Prinzessin versuchte es in ihrer

Antwort nicht, Marlborough zu rechtfertigen oder zu entschuldigen,

sprach aber die feste Ueberzeugung aus, daß seine Gattin unschuldig sei,

und beschwor die Königin, nicht auf einer so herzzerreißenden Trennung

zu bestehen. „Es giebt kein Unglück,” schrieb Anna, „das ich nicht eher

würde ertragen können als den Gedanken, mich von ihr zu trennen.”

Die Prinzessin ließ ihren Oheim Rochester kommen und bat ihn dringend,

ihren Brief nach Kensington zu überbringen und dort ihr Fürsprecher zu

sein. Rochester lehnte das Amt des Boten ab und zeigte sich, obwohl er

die Eintracht zwischen seinen Verwandten herzustellen versuchte,

durchaus nicht geneigt, zu Gunsten der Churchill zu sprechen. Er sah in

der That schon seit langer Zeit mit höchstem Mißfallen die unbedingte

Herrschaft, welche dieses characterlose Ehepaar über seine jüngere

Nichte ausübte. Anna’s Schreiben wurde sonach der Königin durch einen

Diener übersandt. Die einzige Antwort darauf war ein Handbillet von dem

Lord Kammerherrn, Dorset, welches Lady Marlborough befahl, den Palast zu

verlassen. Mrs. Morley wollte sich nicht von Mrs. Freeman trennen, und

Mr. Morley war jeder Aufenthaltsort recht, wo er seine drei Gänge und

seine drei Flaschen haben konnte. Die Prinzessin zog sich daher mit

ihrer ganzen Familie nach Sion House, einer dem Herzoge von Somerset

gehörenden, am Ufer der Themse gelegenen Villa zurück. In London

bewohnte sie Berkeley House, das in Piccadilly in der Gegend stand, wo

sich jetzt Devonshire House befindet.[46] Ihr Einkommen war ihr durch

eine Parlamentsacte gesichert, aber keine Strafe, welche die Krone über

sie zu verhängen die Macht hatte, wurde gespart. Ihre Ehrenwache wurde

ihr entzogen. Die fremden Gesandten machten ihr nicht mehr die

Aufwartung. Wenn sie nach Bath ging, schrieb der Staatssekretär an den

dortigen Mayor, um ihn aufzufordern, sie nicht mit den Ehrenbezeigungen

zu empfangen, mit denen königliche Besucher bewillkommnet zu werden

pflegten. Wenn sie in der St. James-Kirche dem Gottesdienste beiwohnte,

bemerkte sie, daß es dem Rector untersagt worden war, ihr die üblichen

Achtungsbezeigungen zu erweisen, sich auf der Kanzel vor ihr zu

verbeugen und eine Abschrift des Predigttextes auf ihr Kissen legen zu

lassen. Selbst der Nachtwächter von Piccadilly, sagte man, vielleicht

fälschlich, habe Ordre gehabt, nicht mehr unter ihren Fenstern von

Berkeley House ihr Lob in seinen holprigen Versen zu singen.[47]

Daß Anna Unrecht hatte, war klar; nicht ganz so klar aber war es, ob

der König und die Königin Recht hatten. Sie hätten ihr Mißfallen

entweder ganz verbergen, oder die wahren Gründe desselben offen erklären

sollen. Leider jedoch ließen sie Jedermann die Strafe sehen, aber kaum

irgend Jemanden die Veranlassung dazu erfahren. Sie hätten bedenken

sollen, daß bei mangelnder Kenntniß der Ursache eines Streits das

Publikum von vornherein geneigt ist, für den schwächeren Theil Partei zu

nehmen und daß diese Geneigtheit in dem Falle ganz besonders stark sein

muß, wenn eine Schwester ohne sichtbaren Grund von einer Schwester hart

behandelt wird. Sie hätten ferner auch bedenken sollen, daß sie die

einzige verwundbare Seite von Mariens Character Angriffen preisgaben.

Ein hartes Geschick hatte sie mit ihrem Vater verfeindet. Ihre

Verleumder sprachen ihr jede natürliche Kindesliebe ab und selbst ihre

Lobredner mußten, wenn sie von der Art und Weise sprachen, wie sie sich

ihrer Kindespflichten entledigte, einen gedämpften und apologetischen

Ton annehmen. Es konnte sich daher nicht unglücklicher treffen, als daß

sie zum zweiten Male der Bande des Bluts uneingedenk erschien. So lag

sie also nun im offenen Kriege mit den beiden Personen, die ihr nach dem

Verwandtschaftsgrade am nächsten standen. Viele, welche ihr Benehmen

gegen ihren Vater durch die dringende Gefahr, die ihr Vaterland und ihre

Religion bedroht hatte, für gerechtfertigt hielten, vermochten nicht,

ihr Verfahren gegen ihre Schwester zu vertheidigen. Während Marie, der

man in dieser Angelegenheit thatsächlich nichts Schlimmeres zur Last

legen konnte als Unbesonnenheit, von der Welt als eine Tyrannin

betrachtet wurde, spielte Anna, die so strafbar war, als sie ihren

geringen Fähigkeiten nach es nur immer sein konnte, die Theilnahme

erweckende Rolle einer sanften, ergebenen Dulderin. In den vertrauten

Briefen, welche mit dem Namen Morley unterschrieben waren, sprach die

Prinzessin zwar die Gesinnungen einer Furie im Style eines Fischweibes

aus, schimpfte maßlos auf die ganze holländische Nation und nannte ihren

Schwager bald eine Ausgeburt, bald ein Monstrum, bald einen Caliban.[48]

Aber die Nation hörte von ihrer Sprache und sah von ihrem Benehmen nur

was anständig und unterwürfig war. Das Wahre scheint gewesen zu sein,

daß die hämische und niedrigdenkende Gräfin den Ton der vertraulichen

Correspondenz Ihrer Hoheit angab, während der liebenswürdige, ruhige und

kluge Earl das Verfahren vorschreiben durfte, das der Oeffentlichkeit

gegenüber zu beobachten war. Eine kurze Zeit lang wurde die Königin

allgemein getadelt. Aber der Zauber ihres Characters und ihres Benehmens

war unwiderstehlich, und binnen wenigen Monaten erlangte sie die

verlorene Popularität wieder.[49]

[_Fuller’s Complot._] Es war ein für Marlborough sehr glücklicher

Umstand, daß gerade zu der Zeit als ganz London von seiner Ungnade

sprach und die Ursache von des Königs plötzlichem Zorn gegen einen Mann,

der stets ein Günstling gewesen zu sein schien, zu errathen suchte,

durch Wilhelm Fuller eine Anklage auf Hochverrath erhoben, genau

untersucht und als böswillige Erdichtung erwiesen wurde. Die Folge davon

war, daß das Publikum, das selten streng unterscheidet, in diesem

Augenblicke nicht leicht dahin gebracht werden konnte, an die Existenz

einer jakobitischen Verschwörung zu glauben.

Daß Fuller’s Complot weniger berühmt ist als das papistische Complot,

ist mehr Schuld der Geschichtsschreiber als Fuller’s, der sein

Möglichstes that, um sich einen hervorragenden Platz unter den Schurken

zu sichern. Jeder, der in der Geschichte wohl bewandert ist, muß die

Bemerkung gemacht haben, daß die Verderbtheit ihre temporären Moden hat,

welche aufkommen und wieder verschwinden wie Kleider- und Möbelmoden. Es

darf bezweifelt werden, ob in unsrem Lande vor dem Jahre 1678 irgend

Jemand eine gänzlich erdichtete umständliche Geschichte von einem

hochverrätherischen Complot zu dem Zwecke erfand und eidlich erhärtete,

um sich dadurch einen Namen zu machen, daß er Männer, die ihm nichts

gethan hatten ins Verderben stürzte. Im Jahre 1678 aber wurde dieses

abscheuliche Verbrechen Mode und blieb es während der nächstfolgenden

zwanzig Jahre. Prediger bezeichneten es als unsre characteristische

Nationalsünde und prophezeiten, daß es ein furchtbares nationales

Gericht über uns bringen werde. Gesetzgeber schlugen neue Strafen von

äußerster Strenge für diese neue Schändlichkeit vor.[50] Doch es wurde

nicht für nöthig befunden, diese Strafen anzuwenden. Die Mode wechselte,

und während der letzten hundertfunfzig Jahre ist vielleicht kein

einziger Fall von dieser eigenthümlichen Art von Schlechtigkeit mehr

vorgekommen.

Die Erklärung ist sehr einfach. Oates war der Gründer einer Schule. Sein

Erfolg beweist, daß kein Roman so unsinnig sein kann, um nicht bei

Menschen, deren Verstand durch Furcht und Haß verwirrt ist, Glauben zu

finden. Seine Verleumdungen waren empörend, aber sie waren der Zeit

angepaßt, er sprach zu Leuten, die ihre Leidenschaften leichtgläubig

machten, und so erhob er sich durch unverschämtes und herzloses Lügen

binnen einer Woche aus Armuth und Dunkel zu Luxus, Berühmtheit und

Macht. Er hatte einst die geringen Zehnten eines dürftigen Vicariats

dadurch vermehrt, daß er seinen Pfarrkindern die Ferkel und das Geflügel

stahl.[51] Jetzt bewohnte er einen Palast, bewundernde Volkshaufen

begleiteten ihn auf der Straße, das Vermögen und das Leben eines Howard

und eines Herbert waren in seiner Gewalt. Alsbald tauchte ein Heer von

Nachahmern auf. Es schien durch Denunciren einer erdichteten

Verschwörung viel mehr zu verdienen und viel weniger zu riskiren zu

sein, als durch Straßenraub oder durch Beschneiden des Geldes. In Folge

dessen beeilten sich die Bedloe, die Dangerfield, die Dugdale und die

Turbervile, ihre Industrie einer Beschäftigung zuzuwenden, die zugleich

einträglicher und minder gefährlich war als irgend eine, an die sie

gewöhnt waren. Bis zur Auflösung des Oxforder Parlaments waren

papistische Complots der Hauptfabrikationszweig. Dann waren sieben Jahre

lang whiggistische Complots die einzigen, die etwas abwarfen. Nach der

Revolution kamen die jakobitischen Complots auf; aber das Publikum war

vorsichtig geworden, und obgleich die neuen falschen Zeugen in keiner

Hinsicht minder geschickt waren als ihre Vorgänger, so fanden sie doch

weit weniger Aufmunterung. Die Geschichte des ersten großen Schlages,

das dem Treiben dieser verworfenen Race von Menschen versetzt wurde,

verdient wohl ausführlich erzählt zu werden.

Im Jahre 1689 und zu Anfang des Jahres 1690 hatte Wilhelm Fuller der

Regierung Dienste geleistet, wie auch die beste Regierung ihrer zuweilen

bedarf, wie sie aber nur von den schlechtesten Menschen geleistet

werden. Seine nützliche Verrätherei war von denen, die ihn gebraucht

hatten, gebührenderweise mit Geld und mit Verachtung bezahlt worden.

Ihre Freigebigkeit setzte ihn in den Stand, einige Monate wie ein

eleganter Gentleman zu leben. Er nannte sich Oberst, miethete Bedienten,

kleidete sie in prachtvolle Livreen, kaufte schöne Pferde, wohnte in

Pall Mall und zeigte seine freche Stirn, über der eine Perrücke für

funfzig Guineen thronte, in den Vorzimmern des Palastes und in der

Prosceniumsloge des Theaters. Er gab sich sogar das Ansehen eines

königlichen Günstlings und, als ob er geglaubt hätte Wilhelm könne ohne

ihn nicht leben, folgte er Sr. Majestät zuerst nach Irland und dann zum

Fürstencongreß im Haag. Fuller rühmte sich nachmals, er sei im Haag mit

einem eines Gesandten würdigen Gefolge aufgetreten, habe zehn Guineen

die Woche für eine Wohnung bezahlt und die schlechteste Weste, die er zu

tragen sich herabgelassen habe, sei von Silberstoff zu vierzig Schilling

die Yard gewesen. Eine solche Verschwendung machte ihn natürlich wieder

arm. Bald nach seiner Rückkehr nach England flüchtete er sich vor den

Gerichtsdienern nach Axe Yard, einem im Bezirk von Whitehall gelegenen

Platze. Seine Finanzen waren trostlos; er schuldete große Summen, an die

Regierung hatte er keine Ansprüche mehr; seine vergangenen Dienste waren

überreichlich bezahlt worden und zukünftige Dienste erwartete man nicht

von ihm; nachdem er als Kronzeuge in der Zeugenloge gestanden hatte,

konnte er ferner nicht mehr als Spion bei den Jakobiten verwendet

werden, und von jedem Ehrenmanne, welcher Partei er auch angehören

mochte, wurde er verabscheut und gemieden.

Gerade zu dieser Zeit, als er sich in der Stimmung befand, in der der

Mensch den schlimmsten Versuchungen zugänglich ist, begegnete er dem

schlimmsten Versucher, dem Teufel in Menschengestalt. Oates hatte seine

Freiheit, seine Begnadigung und eine Pension erhalten, die ihn zu einem

reicheren Manne machten als neunzehn Zwanzigstel der Mitglieder des

Standes, dessen Schande er war. Aber er war noch nicht zufrieden. Er

beklagte sich, daß er jetzt nur dreihundert Pfund jährlich habe, während

er in den goldenen Tagen des Complots dreimal so viel bekommen, eine

prächtige Wohnung im Palaste gehabt, auf Silbergeschirr gespeist und

sich in Seide gekleidet habe. Er verlangte eine Erhöhung seines Gehalts,

ja er war sogar unverschämt genug, um ein geistliches Amt nachzusuchen

und hielt es für hart, daß, während so viele Mitren verliehen würden, er

keine Dechanei, keine Präbende, nicht einmal eine Pfarre erlangen könne.

Er versäumte keine Gelegenheit, um seine Ansprüche geltend zu machen. Er

trieb sich in den öffentlichen Bureaux und in den Vorzimmern der

Parlamentshäuser umher. Jeden Tag konnte man ihn sehen und hören, wie er

so schnell als seine ungeraden Beine ihn tragen wollten, zwischen

Charing Croß und Westminster Hall hin und her lief, von Hast und

Selbstgefühl aufgebläht, wie er von seinen Thaten für die gute Sache

schwatzte und im Tone eines Ruderknechtes auf alle die Staatsmänner und

Geistlichen schimpfte, von denen er argwöhnte, daß sie ihn bei Hofe

anschwärzten und ihn um ein Bisthum brächten. Als er sah, daß bei der

Landeskirche keine Hoffnung mehr für ihn war, wendete er sich zu den

Baptisten. Sie nahmen ihn anfangs sehr kalt auf; aber er entwarf so

rührende Schilderungen von dem wunderbaren Gnadenwerke, das in seiner

Seele vorgegangen sei und gelobte so feierlich bei Jehova und den

heiligen Engeln, fortan ein brennendes und leuchtendes Licht zu sein,

daß es einfachen und gutherzigen Leuten schwer wurde, ihn für einen

vollständigen Heuchler zu halten. Er traure, sagte er, wie eine

Turteltaube. An einem Sonntage habe er gemeint, er müsse vor Gram

sterben, daß er von der Gemeinschaft mit den Heiligen ausgeschlossen

bleiben solle. So wurde er endlich in die Gemeinde aufgenommen; noch ehe

er aber ein Jahr unter seinen neuen Freunden zugebracht, kamen sie

hinter seinen wahren Character und stießen ihn feierlich als einen

Heuchler aus. Von diesem Augenblicke an wurde er der Todfeind der

Baptistenhäupter und verfolgte sie mit der nämlichen Heimtücke, der

nämlichen Lügenhaftigkeit, der nämlichen Frechheit und der nämlichen

schwarzen Bosheit, welche viele Jahre früher berühmtere Opfer ins

Verderben gestürzt hatten. Die, welche noch unlängst durch die

Schilderung seiner heiligen Erfahrungen erbaut worden waren, hörten ihn

mit Entsetzen ausrufen, daß er sich rächen werde, daß Rache ein

gottselig köstlich Ding sei, daß die Schurken, die ihn excommunicirt

hätten, zu Grunde gerichtet, daß sie gezwungen werden sollten, aus ihrem

Vaterlande zu flüchten, daß sie bis auf den letzten Schilling ausgezogen

werden sollten. Seine Pläne wurden endlich durch ein sehr vernünftiges

Decret des Kanzleigerichtshofes vereitelt, ein Decret, das auf dem Rufe

eines gewöhnlichen Menschen einen tiefen Schandfleck zurückgelassen

haben würde, das aber die Infamie des Titus Oates nicht erheblich

vermehrte.[52] Durch alle Wechselfälle jedoch war er von einer kleinen

Schaar hitzköpfiger und lästerzüngiger Agitatoren umringt, die sich,

obwohl von jedem ehrenwerthen Whig verabscheut und verachtet, Whigs

nannten und die sich zurückgesetzt glaubten, weil sie für Gemeinheiten

und Verleumdungen nicht mit den besten Kronstellen belohnt wurden.

Im Jahre 1691 hatte Titus, um dem Mittelpunkte der politischen

Intriguen und Parteiumtrieben nahe zu sein, ein Haus innerhalb des

Bezirks von Whitehall bezogen. In diesem Hause erlangte Fuller,

der dicht nebenan wohnte, Zutritt. Das böse Werk, das die Memoiren

Dangerfield’s in ihm begonnen hatten, als er noch ein Knabe war, wurde

jetzt durch die Unterhaltung mit Oates vollendet. Der Salamancadoctor

war als Zeuge nicht mehr furchtbar; aber er wurde theils durch die

hämische Bosheit, die er gegen Alle empfand, die er für seine Feinde

hielt, theils durch eine bloße affenartige Ruhelosigkeit und Liebe

zum Unheilstiften angetrieben, das was er persönlich nicht mehr thun

konnte, durch die Vermittlung Anderer zu thun. In Fuller hatte er das

verdorbene Herz, die gewandte Zunge und die schamlose Stirn gefunden,

welche die ersten Erfordernisse für das Amt eines falschen Anklägers

sind. Es entstand eine Freundschaft, wenn man sich dieses Wortes hier

bedienen darf, zwischen dem Paare. Oates öffnete Fuller sein Haus

und sogar seine Börse. Der erfahrene Sünder gab dem Neulinge, theils

direct, theils durch seine Anhänger, zu verstehen, daß nichts einen

Mann zu solcher Bedeutung erhebe, als die Entdeckung eines Complots

und daß jetzt eine Zeit sei, in der ein junger Mensch, der vor nichts

zurückschrecke und Niemanden fürchte, Wunder thun könne. Die Revolution

-- so lautete die Sprache, welche Titus und seine Parasiten beständig

führten -- habe nicht viel Gutes gebracht. Die Feuerköpfe Shaftesbury’s

seien nicht nach ihren Verdiensten belohnt worden. Selbst der Doctor,

so weit gehe die Undankbarkeit der Menschen, werde an dem neuen Hofe

mit Kälte behandelt. Schurkische Tories säßen im Staatsrathe und

hätten Zutritt im königlichen Cabinet. Es würde eine edle That sein,

wenn man ihre Köpfe unter das Beil brächte. Vor Allem würde es eine

Lust sein, Nottingham’s langes, feierliches Gesicht auf Tower Hill

zu sehen. Denn der Haß dieser schlechten Menschen gegen Nottingham

kannte keine Grenzen und wurde wahrscheinlich weniger durch seine

politischen Ansichten, an denen allerdings Manches auszusetzen war,

als durch seinen moralischen Character erweckt, in welchem auch die

strengste Untersuchung wenig finden wird, was nicht Beifall verdiente.

Oates hielt seinen Schüler mit der wichtigen Miene, welche Erfahrung

und Erfolg einen Lehrer anzunehmen berechtigen, eine Vorlesung über

die Kunst, falsches Zeugniß abzulegen. „Sie hätten,” sprach er unter

zahlreichen Schwüren und Flüchen „aus dem was Sie in Saint-Germains

hörten und sahen, viel größeren Nutzen ziehen können. Nie gab es eine

schönere Grundlage zu einem Complot. Aber Sie sind ein Thor, Sie sind

ein Narr, ich könnte Sie prügeln. Ich würde es anders gemacht haben.

Ich ging zu Karl und machte ihm die Hölle heiß. Ich nannte Lauderdale

ins Gesicht einen Schurken. Der König, die Minister, die Lords und

die Gemeinen hatten Furcht vor mir. Aber Sie junger Mann haben keine

Courage.” Fuller war höchst erbaut durch diese Reden. Indessen wurde

ihm durch einige seiner Genossen angedeutet, daß, wenn er das Geschäft

betreiben wolle, Leute durch seine Zeugenaussagen an den Galgen zu

bringen, er wohl thun würde, sich nicht so oft in Titus’ Gesellschaft

in Kaffeehäusern zu zeigen. „Der Doctor,” sagte einer von der Bande,

„ist ein vortrefflicher Mann und hat zu seiner Zeit Großes bewirkt,

aber viele Leute haben ein Vorurtheil gegen ihn, und wenn sie wirklich

im Begriff sind ein Complot zu entdecken, so wird es um so besser für

Sie sein, je seltener man Sie in seiner Gesellschaft sieht.” Fuller

stellte in Folge dessen seine Besuche in Oates’ Hause ein, erhielt aber

noch immer in der Stille Instructionen von seinem großen Meister.

Man muß Fuller die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er das Geschäft

eines falschen Zeugen erst ergriff, als er sich nicht mehr durch

Bettelei oder Schwindelei zu erhalten vermochte. Eine Zeit lang lebte er

von der Mildthätigkeit der Königin. Dann erhob er Contributionen, indem

er sich für ein Mitglied der vornehmen Familie Sidney ausgab. Er

schwatzte Tillotson etwas Geld ab und vergalt die Gefälligkeit des guten

Erzbischofs damit, daß er sich als den Lieblingsneffen Sr. Gnaden

gerirte. Allein im Herbst 1691 waren alle diese Hülfsquellen erschöpft.

Nachdem Fuller in mehreren Schuldgefängnissen gesessen hatte, wurde er

endlich im Gefängnisse der King’s Bench einquartirt, und jetzt hielt er

es für Zeit anzukündigen, daß er ein Complot entdeckt habe.[53]

Er wendete sich zuerst an Tillotson und Portland; aber Beide bemerkten

bald, daß er log. Seine Aussagen wurden jedoch dem Könige mitgetheilt,

der, wie sich erwarten ließ, die Denunciation sowohl als den

Denuncianten mit kalter Verachtung behandelte. Es blieb nun weiter

nichts übrig, als zu versuchen, ob im Parlament eine Flamme angefacht

werden könnte.

Bald nachdem die Häuser sich versammelt hatten, petitionirte Fuller

bei den Gemeinen um Anhörung dessen was er zu sagen habe, und versprach

wunderbare Enthüllungen. Er wurde aus seinem Kerker vor die Schranke des

Hauses gebracht und wiederholte hier einen langen Roman. Jakob, sagte

er, habe die königliche Autorität sechs Commissaren übertragen, deren

erster Halifax sei. Mehr als funfzig Lords und Gentlemen hätten eine

Adresse an den französischen König unterzeichnet, worin sie ihn dringend

bäten, eine große Anstrengung zur Restauration des Hauses Stuart zu

machen. Fuller erklärte, daß er die Adresse gesehen habe, und nannte

mehrere der unterzeichneten Namen. Einige Mitglieder äußerten sich sehr

stark über die Unwahrscheinlichkeit der Geschichte und über den

Character des Angebers. Er sei, meinten sie, einer der größten Schurken

auf Gottes Erdboden und erzähle Dinge, die man kaum glauben könne, wenn

er ein Engel vom Himmel wäre. Fuller machte sich mit frecher Stimme

anheischig, Beweise beizubringen, die auch dem Ungläubigsten genügen

würden. Er behauptete er stehe mit einigen von Jakob’s Agenten in

Verbindung, welche bereit seien wieder gut zu machen, was sie gegen ihr

Vaterland verschuldet. Ihr Zeugniß werde entscheidend sein, denn sie

seien im Besitz schriftlicher Beweise, welche die Schuldigen

niederschmettern würden. Sie hielten damit nur deshalb zurück, weil sie

einige der Verräther auf hohen Posten und in der Nähe des Königs sahen

und fürchteten, sich die Feindschaft so mächtiger und so böser Menschen

zuzuziehen. Fuller schloß damit, daß er eine Summe Geldes verlangte und

den Gemeinen versicherte, er werde es nutzbringend verwenden.[54] Wäre

sein unverschämtes Verlangen erfüllt worden, so würde er wahrscheinlich

seine Schulden bezahlt, seine Freiheit erlangt und sich aus dem Staube

gemacht haben; aber das Haus bestand wohlweislich darauf, seine Zeugen

erst zu sehen. Da begann er Ausflüchte zu machen. Die Herren seien auf

dem Continent und könnten ohne Pässe nicht herüberkommen. Es wurden ihm

Pässe gegeben; aber er erklärte dieselben für ungenügend. Da die

Gemeinen sich fest vorgenommen hatten, der Sache auf den Grund zu gehen,

überreichten sie dem Könige eine Adresse, worin sie ihn ersuchten,

Fuller einen Blancogeleitsbrief in weitester Ausdehnung zu senden.[55]

Der König schickte den Geleitsbrief. Es vergingen sechs Wochen, und man

hörte nichts von den Zeugen. Die Freunde der angeklagten Lords und

Gentlemen drangen energisch darauf, daß das Haus sich für den Sommer

nicht trennen dürfe, ohne über so schwere Beschuldigungen zu einer

Entscheidung gekommen zu sein. Fuller wurde citirt. Er schützte

Krankheit vor und behauptete, nicht zum ersten Male, die Jakobiten

hätten ihn vergiftet. Aber alle seine Pläne wurden durch die

lobenswerthe Eil und Energie, mit der die Gemeinen zu Werke gingen,

vereitelt. Es wurde ein Ausschuß an sein Bett geschickt, mit der Weisung

zu ermitteln, ob er wirklich Zeugen habe und wo diese Zeugen sich

aufhielten. Die zu diesem Zwecke abgeordneten Mitglieder begaben sich in

das Gefängniß der King’s Bench und fanden ihn an einer Unpäßlichkeit

leidend, welche aller Wahrscheinlichkeit nach durch ein Brechmittel

verursacht war, das er verschluckt hatte, um sie zu täuschen. In Antwort

auf ihre Fragen gab er an, daß zwei von seinen Zeugen, Delaval und Hayes

in England seien und im Hause eines katholischen Apothekers in Holborn

wohnten. Sobald der Ausschuß seinen Bericht erstattet hatte, schickten

die Gemeinen einige Mitglieder nach dem bezeichneten Hause. Dieses so

wie alle Nebenhäuser wurden durchsucht, aber Delaval und Hayes wurden

nicht gefunden und kein Mensch in der Nachbarschaft hatte je von Leuten

dieses Namens etwas gesehen noch gehört. Das Haus faßte daher am letzten

Sessionstage, kurz ehe der schwarze Stab an die Thür klopfte, den

einstimmigen Beschluß, daß Wilhelm Fuller ein Betrüger und falscher

Ankläger sei, daß er die Regierung und das Parlament beleidigt, daß er

ehrenwerthe Männer verleumdet habe und daß dem Throne eine Adresse

überreicht werden solle, welche darum ersuchte, ihm wegen seiner

Schurkerei den Prozeß zu machen.[56] Er wurde demgemäß in Untersuchung

gezogen, für schuldig befunden und zu Geldstrafe, Gefängnißhaft und

Ausstellung am Pranger verurtheilt. Die Ausstellung, einem Menschen in

dem nicht alles Schamgefühl erstickt ist, schrecklicher als der Tod,

ertrug er mit einem seiner beiden Lieblingsvorbilder, Dangerfield und

Oates, würdigen Gleichmuth. Er hatte die Unverschämtheit, noch Jahre

lang zu behaupten, daß er als ein Opfer der Machinationen des vorigen

Königs gefallen sei, der es sich sechstausend Pfund Sterling habe kosten

lassen, um ihn ins Verderben zu stürzen. Delaval und Hayes -- so lautete

diese Fabel -- seien von Jakob persönlich instruirt gewesen. Sie hätten

auf seinen Befehl Fuller überredet, sich für ihr Erscheinen mit seinem

Worte zu verbürgen und dann hätten sie sich aus dem Staube gemacht und

ihn dem Zorne des Hauses der Gemeinen überlassen.[57] Die Geschichte

wurde so aufgenommen wie sie es verdiente. Fuller sank in ein Dunkel

zurück, aus dem er noch einige Male in langen Zwischenräumen zu neuer

Schande auftauchte.

[_Schluß der Session; Bill zur Feststellung der Gehalte der Richter

verworfen._] Am 24. Februar 1692, ungefähr eine Stunde nachdem die

Gemeinen Fuller für einen Betrüger erklärt hatten, wurden sie in den

Saal der Lords beschieden. Der König dankte den beiden Häusern für ihre

Loyalität und Liberalität, benachrichtigte sie, daß er bald nach dem

Continent reisen müsse, und befahl ihnen, sich zu vertagen. Er ertheilte

an diesem Tage vielen Bills, öffentlichen wie privaten, seine

Genehmigung, als aber der Sekretär der Krone den Titel einer Bill,

welche im Unterhause ohne eine einzige Abstimmung und im Oberhause ohne

einen einzigen Protest angenommen worden war, vorgelesen hatte, erklärte

der Sekretär der Parlamente der alten Form gemäß, der König und die

Königin würden sich die Sache überlegen. Diese Worte waren vor Wilhelm’s

Thronbesteigung selten ausgesprochen worden, und seit seinem Tode hat

man sie nur ein Mal gehört. Von ihm aber wurde die Befugniß, gegen

Gesetze, welche die Stände des Reichs angenommen hatten, sein Veto

einzulegen, bei mehreren wichtigen Gelegenheiten ausgeübt. Seine

Verleumder behaupteten ganz richtig, daß er eine größere Anzahl

wichtiger Bills verworfen habe als alle Könige des Hauses Stuart

zusammengenommen, und zogen daraus den albernen Schluß, daß er die

Ansicht der Stände des Reichs weit weniger respectirt habe als seine

Oheime und sein Großvater. Einem verständigen Geschichtsforscher wird es

nicht schwer werden zu entdecken, warum Wilhelm zu wiederholten Malen

eine Prärogative ausübte, zu welcher seine Vorfahren höchst selten ihre

Zuflucht nahmen und die seine Nachfolger ganz außer Gebrauch haben

kommen lassen.

Seine Vorgänger genehmigten leicht Gesetze, weil sie dieselben auch

leicht brachen. Karl I. gab seine Zustimmung zu der Petition des Rechts

und unmittelbar darauf verletzte er jede Klausel dieses wichtigen

Gesetzes. Karl II. gab seine Zustimmung zu einer Acte, welche bestimmte,

das mindestens alle drei Jahre ein Parlament gehalten werden sollte;

aber als er starb, war das Land bereits nahe an vier Jahre ohne

Parlament. Die Gesetze, welche den Gerichtshof der hohen Commission

abschafften, die Gesetze, welche den Sakramentstest einführten, wurden

ohne die geringste Schwierigkeit genehmigt; aber sie hielten Jakob II.

nicht ab, den Gerichtshof der Hohen Commission wieder zu errichten und

den Geheimen Rath, die öffentlichen Aemter, die Gerichtshöfe und die

Municipalcorporationen mit Personen zu füllen, welche den Test niemals

geleistet hatten. Nichts konnte natürlicher sein als daß ein König es

nicht der Mühe werth hielt, seine Genehmigung einem Gesetz

vorzuenthalten, dessen er sich entäußern konnte sobald er es für gut

fand.

Wilhelm’s Situation war eine ganz andre. Er konnte nicht wie Die, welche

vor ihm regiert hatten, im Frühjahr ein Gesetz genehmigen und es im

Sommer verletzen. Er hatte, indem er der Rechtsbill seine Zustimmung

ertheilte, der Dispensationsgewalt feierlich entsagt, und Klugheit

sowohl wie Gewissenhaftigkeit und Ehrgefühl hielten ihn ab, den Vertrag

zu brechen, kraft dessen er seine Krone trug. Ein Gesetz konnte ihm

persönlich nachtheilig sein, es konnte ihm schädlich für sein Volk

scheinen; aber sobald er es genehmigt hatte, war es in seinen Augen

etwas Geheiligtes. Er hatte daher einen Grund, den frühere Könige nicht

hatten, zu überlegen, ehe er ein solches Gesetz genehmigte. Sie gaben

ihr Wort bereitwillig, weil sie kein Bedenken trugen es zu brechen. Er

gab sein Wort schwer, weil er nie verfehlte es zu halten.

Obgleich indessen seine Lage weit verschieden war von der der Fürsten

des Hauses Stuart, so war sie doch auch nicht genau die der Fürsten des

Hauses Braunschweig. Ein Fürst des Hauses Braunschweig wird bezüglich

der Ausübung jeder königlichen Prärogative von dem Rathe eines

verantwortlichen Ministeriums geleitet, und dieses Ministerium muß aus

der Partei genommen sein, die in den beiden Häusern, oder wenigstens im

Unterhause die überwiegende ist. Es sind kaum Umstände denkbar, unter

denen ein so gestellter Souverain sich weigern kann, eine Bill zu

genehmigen, die von beiden Zweigen der Legislatur gebilligt worden ist.

Einer solchen Weigerung würde nothwendig eines von den zwei Dingen zum

Grunde liegen: daß der Souverain im Widerspruch mit dem Rathe des

Ministeriums handelte, oder daß das Ministerium über eine Frage von

wesentlicher Bedeutung mit einer Majorität der Gemeinen sowohl als der

Lords im Streit lag. Unter jeder dieser beiden Voraussetzungen würde das

Land in einer höchst kritischen Lage sein, in einer Lage, die, wenn sie

lange dauerte, mit einer Revolution endigen müßte. Aber während des

ersten Theils der Regierung Wilhelm’s gab es kein Ministerium. Die

Spitzen der ausübenden Verwaltung waren nicht ausschließlich einer der

beiden Parteien entnommen. Einige waren eifrige Whigs, andere eifrige

Tories. Die aufgeklärtesten Staatsmänner hielten es nicht für

verfassungswidrig, daß der König seine höchsten Prärogativen bei den

wichtigsten Gelegenheiten ohne eine andre Leitung als die seines eignen

Urtheils ausübt. Seine Weigerung, eine Bill zu genehmigen, welche von

beiden Häusern angenommen war, verrieth daher nicht, wie eine solche

Weigerung jetzt thun würde, daß die ganze Regierungsmaschine in einem

Zustande gefährlicher Unordnung war, sondern nur, daß bezüglich der

Zweckmäßigkeit eines besonderen Gesetzes zwischen ihm und den beiden

anderen Zweigen der Legislatur eine Meinungsverschiedenheit stattfand.

Eine solche Meinungsverschiedenheit konnte existiren und existirte, wie

wir nachher sehen werden, wirklich zu einer Zeit, als er mit den Ständen

des Reichs nicht bloß auf freundlichem, sondern auf sehr herzlichem Fuße

stand.

Die Umstände, unter denen er sein Veto zum ersten Male einlegte, sind

nie genau dargestellt worden. Es war ein gutgemeinter, aber

ungeschickter Versuch gemacht worden, eine Reform zu vervollständigen,

welche die Rechtsbill unvollständig gelassen hatte. Dieses hochwichtige

Gesetz hatte der Krone die Befugniß entzogen, die Richter willkürlich

abzusetzen, hatte diese aber noch nicht ganz unabhängig gemacht. Ihre

Besoldungen bestanden theils in Gebühren, theils in festen Gehalten.

Ueber die Gebühren hatte der König keine Gewalt, die Gehalte aber konnte

er nach Belieben reduciren oder ganz entziehen. Daß Wilhelm diese

Befugniß je gemißbraucht habe, wurde nicht behauptet; aber es war

unzweifelhaft eine Befugniß, die kein Fürst besitzen durfte, und dies

war die Ansicht beider Häuser. Es wurde daher eine Bill eingebracht,

welche jedem der zwölf Richter einen Jahrgehalt von tausend Pfund

sicherte. Soweit war Alles gut. Unglücklicherweise aber wurde das

erbliche Einkommen mit diesen Gehalten belastet. Jetzt würde im Hause

der Gemeinen kein solcher Vorschlag aufrecht erhalten werden, ohne daß

vorher die königliche Genehmigung durch ein Mitglied des Geheimen Raths

angezeigt worden wäre. Aber diese heilsame Regel war damals noch nicht

eingeführt, und Wilhelm konnte die Eigenthumsrechte der Krone nur

dadurch vertheidigen, daß er sein Veto gegen die Bill einlegte. Damals

wurden, soweit es sich jetzt noch ermitteln läßt, keine Stimmen dagegen

laut. Selbst die jakobitischen Pasquillanten blieben fast ganz still.

Erst als die Bestimmungen der Bill vergessen waren und man sich nur

ihres Namens noch erinnerte, wurde Wilhelm beschuldigt, daß er sich von

dem Wunsche habe leiten lassen, die Richter in einem Zustande von

Abhängigkeit zu erhalten.[58]

[_Ministerielle Veränderungen in England._] Die Häuser gingen

auseinander und der König traf Anstalten zur Reise nach dem Continent.

Vor seiner Abreise nahm er noch einige Veränderungen in seinem Hofstaate

und in mehreren Departements der Regierung vor, Veränderungen jedoch,

welche keine entschiedene Bevorzugung einer der beiden großen

politischen Parteien erkennen ließen. Rochester wurde in den Geheimen

Rath vereidigt. Wahrscheinlich hatte er diesen Beweis der königlichen

Gunst dem Umstande zu verdanken, daß er in dem unglücklichen Streite

zwischen der Königin und ihrer Schwester die Partei der Ersteren

genommen hatte. Pembroke übernahm das Geheimsiegel und erhielt bei der

Admiralität Lord Charles Cornwallis, einen gemäßigten Tory, zum

Nachfolger; Lowther nahm einen Sitz in demselben Collegium an und wurde

im Schatzamte durch Sir Eduard Seymour ersetzt. Viele toryistische

Landgentlemen, welche Seymour als ihren Führer in dem Kampfe gegen

Angestellte und Holländer betrachtet hatten, waren ganz entrüstet als

sie erfuhren, daß er ein Höfling geworden war. Sie erinnerten sich, daß

er für eine Regentschaft gestimmt hatte, daß er die Eide mit

Widerstreben geleistet, daß er ziemlich unehrerbietig von dem Souverain

gesprochen hatte, dem er jetzt bereit war um eines Einkommens willen zu

dienen, das kaum der Mühe werth war, von einem Manne seines Reichthums

und seines parlamentarischen Ansehens angenommen zu werden. Es war

sonderbar, daß der stolzeste Mensch von der Welt der schmutzigste sein

sollte, daß ein Mann, der nichts auf Erden zu verehren schien als sich

selbst, sich um eines festen Gehalts willen erniedrigen sollte. Aber

solche Reflexionen kümmerten ihn wenig. Er fand jedoch bald, daß ein

unangenehmer Umstand mit seinem neuen Amte verbunden war. Im Schatzamte

mußte er unter dem Kanzler der Schatzkammer sitzen. Der erste Lord,

Godolphin, war Peer des Reichs und sein Recht auf den Vorrang konnte

nach den Regeln der Herolde nicht in Zweifel gezogen werden. Aber

Jedermann wußte wer der erste englische Commoner war. Was war Richard

Hampden, daß er den Platz eines Seymour, des Oberhauptes der Seymour

einnehmen sollte? Mit vieler Mühe wurde der Streit beigelegt, indem man

Sir Eduard’s empfindlichem Stolze einige Zugeständnisse machte. Er wurde

in den Geheimen Rath vereidigt, wurde zum Mitgliede des Cabinets

ernannt, und der König nahm ihn bei der Hand und stellte ihn der Königin

mit den Worten vor: „Ich bringe Ihnen einen Gentleman, der in meiner

Abwesenheit ein werthvoller Freund sein wird.” Auf diese Weise wurde

Sir Eduard so besänftigt und geschmeichelt, daß er ferner nicht mehr

darauf bestand, sich zwischen den ersten Lord und den Kanzler der

Schatzkammer zu drängen.

In der nämlichen Schatzcommission, in welcher der Name Seymour

figurirte, kam auch der Name eines viel jüngeren Staatsmannes vor, der

sich während der letzten Session im Hause der Gemeinen zu hoher

Auszeichnung emporgeschwungen hatte: Karl Montague. Mit dieser Ernennung

waren die Whigs sehr zufrieden, in deren Achtung Montague jetzt höher

stand als ihre Veteranenhäupter Sacheverell und Littleton und in der

That darin nur von Somers übertroffen wurde.

Sidney gab die Siegel ab, die er über ein Jahr geführt hatte, und wurde

zum Lord Lieutenant von Irland ernannt. Es vergingen einige Monate, bis

der Platz, den er verlassen, wieder besetzt wurde, und in dieser

Zwischenzeit besorgte Nottingham die ganzen Geschäfte, die sich

gewöhnlich die beiden Staatssekretäre getheilt hatten.[59]

[_Ministerielle Veränderungen in Schottland._] Während diese Ernennungen

stattfanden, geschahen in einem entlegenen Theile der Insel Ereignisse,

die in den bestunterrichteten Zirkeln London’s erst nach vielen Monaten

bekannt wurden, die aber nach und nach eine entsetzliche Notorietät

erlangten und welche noch jetzt, nach einem Zeitraum von mehr als

hundertsechzig Jahren, nie ohne Schaudern erwähnt werden.

Bald nachdem die Stände von Schottland sich, im Herbste des Jahres 1690

getrennt hatten, wurde in der Verwaltung dieses Königreichs eine

Aenderung getroffen. Wilhelm war mit der Art und Weise, wie er im

Parlamentshause vertreten worden war, nicht zufrieden. Er war der

Meinung, daß die vertriebenen Curaten hart behandelt worden seien. Er

hatte nur sehr ungern das Gesetz, welches das Patronat abschaffte, mit

seinem Scepter berühren lassen. Was ihm aber ganz besonders mißfiel, war

daß die Acte, welche eine neue Kirchenverfassung feststellten, nicht von

einer Acte begleitet gewesen waren, die den Anhängern der alten

Kirchenverfassung Gewissensfreiheit gewährte. Er hatte seinen Commissar

Melville beauftragt, den Episkopalen in Schottland gleiche Duldung zu

erwirken, wie sie die Dissenters in England genossen.[60] Aber die

presbyterianischen Priester eiferten laut und heftig wider die Milde

gegen Amalekiter. Melville besaß bei all’ seinen nützlichen Talenten und

seinen vielleicht redlichen Absichten weder einen weitreichenden Blick

noch einen unerschrockenen Muth. Er scheute sich, ein den theologischen

Demagogen seines Vaterlandes so verhaßtes Wort wie Toleranz

auszusprechen. Durch schonende Nachsicht gegen ihre Vorurtheile

beschwichtigte er das in Edinburg sich erhebende Geschrei; aber die

Folge seiner ängstlichen Vorsicht war, daß im Süden der Insel bald ein

noch viel lauteres Geschrei gegen die Bigotterie der im Norden

dominirenden Schismatiker und gegen die Zaghaftigkeit der Regierung

ausbrach, die nicht den Muth gehabt hatte, dieser Bigotterie

entgegenzutreten. In diesem Punkte waren der Hochkirchliche und der

Niederkirchliche eines Sinnes, oder der Niederkirchliche war vielmehr

der am meisten Aufgebrachte von Beiden. Ein Mann wie South, der schon

seit vielen Jahren prophezeite, daß, wenn die Puritaner aufhören

sollten, bedrückt zu werden, sie Bedrücker werden würden, war im Herzen

gar nicht böse darüber, daß seine Prophezeiung sich erfüllte. In der

Brust eines Mannes wie Burnet aber, dessen erster Lebenszweck von jeher

die Milderung des Hasses der Priester der anglikanischen Kirche gegen

die Presbyterianer gewesen war, konnte das intolerante Verfahren der

Presbyterianer kein andres Gefühl als Unwillen, Scham und Schmerz

erwecken. Es gab daher Niemanden am englischen Hofe, der ein gutes Wort

für Melville einlegte. Unter solchen Umständen konnte er unmöglich an

der Spitze der schottischen Verwaltung bleiben. Er wurde indessen sehr

schonend von seiner hohen Stellung herabgezogen. Er blieb noch über ein

Jahr Staatssekretär, aber es wurde ein zweiter Sekretär ernannt, der in

der Nähe des Königs residiren und die Hauptleitung der Geschäfte

erhalten sollte. Der neue Premierminister für Schottland war der

geschickte, beredtsame und hochgebildete Sir Johann Dalrymple. Sein

Vater, der Lordpräsident des Court of Session, war vor kurzem mit dem

Titel Viscount Stair zur Peerswürde erhoben worden, und Sir Johann

Dalrymple wurde daher nach dem alten schottischen Brauche Master von

Stair genannt. Nach einigen Monaten legte Melville seine Stelle als

Staatssekretär nieder und nahm ein Amt von einigem Ansehen und

Einkommen, aber keiner politischen Bedeutung an.[61]

[_Zustand der Hochlande._] Die schottischen Niederlande waren während

des auf die Parlamentssession von 1690 folgenden Jahres so ruhig, als

sie es seit Menschengedenken je gewesen; der Zustand der Hochlande aber

machte die Regierung sehr besorgt. Der Bürgerkrieg in dieser wilden

Region hatte, nachdem er aufgehört zu brennen, noch einige Zeit unter

der Asche fortgeglüht. Endlich, zu Anfang des Jahres 1691

benachrichtigten die rebellischen Häuptlinge den Hof von Saint-Germains,

daß sie sich von allen Seiten bedrängt, ohne den Beistand Frankreich’s

nicht länger halten könnten. Jakob hatte ihnen eine kleine Quantität

Mehl, Branntwein und Tabak geschickt und ihnen geradezu gesagt, daß er

mehr nicht thun könne. Das Geld war bei ihnen so rar, daß sechshundert

Pfund ein sehr willkommener Zuwachs zu ihren Fonds gewesen sein würden,

aber selbst eine so unbedeutende Summe konnte er nicht entbehren. Unter

solchen Umständen durfte er kaum erwarten, daß sie im Stande sein

würden, seine Sache gegen eine Regierung zu vertheidigen, die eine

reguläre Armee und große Revenüen hatte. Er sagte ihnen daher, daß er es

ihnen nicht übel nehmen würde, wenn sie mit der neuen Dynastie Frieden

schlössen, vorausgesetzt immer, daß sie bereit wären sich zu erheben,

sobald er sie dazu auffordern würde.[62]

Unterdessen hatte man in Kensington trotz der Opposition des Masters von

Stair beschlossen, den Plan zu versuchen, den Tarbet zwei Jahre früher

empfohlen und der, wenn er damals gleich versucht worden wäre,

wahrscheinlich viel Blutvergießen und Unordnung verhütet haben würde. Es

wurde beschlossen, zwölf- bis funfzehntausend Pfund Sterling zur

Pacifirung der Hochlande zu verwenden. Dies war eine Summe, die einem

Bewohner von Appin oder Lochaber beinahe fabelhaft vorkam und die auch

in der That zu dem Einkommen eines Keppoch oder Glengarry in einem

größeren Verhältnisse stand als funfzehnhunderttausend Pfund zu dem

Einkommen eines Lord Bedford oder Lord Devonshire. Die Summe war

reichlich groß, aber der König war nicht glücklich in der Wahl eines

Agenten.[63]

[_Breadalbane beauftragt, mit den aufständischen Clans zu

unterhandeln._] Johann, Earl von Breadalbane, das Oberhaupt einer

jüngeren Linie des großen Hauses Campbell, nahm unter den

Miniaturfürsten des Gebirges einen hohen Rang ein. Er konnte

siebzehnhundert Claymores ins Feld stellen, und zehn Jahre vor der

Revolution war er wirklich mit dieser bedeutenden Streitmacht in das

Niederland eingerückt, um die prälatistische Tyrannei zu

unterstützen.[64] Damals hatte er Eifer für die Monarchie und das

Episkopat geheuchelt, in der That aber war ihm jede Regierung und jede

Religion gleichgültig. Er scheint zwei verschiedene Klassen von Lastern

in sich vereinigt zu haben, die Erzeugnisse zweier verschiedener

Gegenden und zweier verschiedener Stadien des gesellschaftlichen

Fortschritts. In seinem Schlosse zwischen den Bergen hatte er den

barbarischen Stolz und die Wildheit eines Hochländerhäuptlings gelernt,

und im Rathssaale zu Edinburg hatte er sich den tiefwurzelnden Hang zur

Verrätherei und Bestechlichkeit angeeignet. Nach der Revolution hatte er

sich, wie nur zu viele seiner adeligen Standesgenossen, nach und nach

jeder Partei angeschlossen und jede hintergangen, hatte Wilhelm und

Marien Treue geschworen und gegen sie conspirirt. Es würde ermüdend

sein, wollte man alle Wendungen und Winkelzüge während des Jahres 1689

und des ersten Theils von 1690 verfolgen.[65] Etwas weniger krumm wurde

diese Laufbahn, als die Schlacht am Boyne den Muth der Jakobiten

gebrochen hatte. Es schien jetzt wahrscheinlich, daß der Earl ein

loyaler Unterthan Ihrer Majestäten sein würde, so lange kein großes

Unglück über sie kam. Niemand, der ihn kannte, konnte ihm trauen, aber

damals war überhaupt wenigen schottischen Staatsmännern zu trauen, und

doch mußte man sich schottischer Staatsmänner bedienen. Seine Stellung

und seine Verbindungen bezeichneten ihn als einen Mann, der, wenn er

wollte, für die Pacifirung der Hochlande viel thun konnte, und sein

Interesse schien eine Gewähr für seinen Eifer zu sein. Er hatte, wie er

mit allem Anschein von Aufrichtigkeit erklärte, gewichtige persönliche

Gründe, um die Wiederherstellung der Ruhe zu wünschen. Die Lage seiner

Besitzungen war von der Art, daß seine Vasallen, so lange der

Bürgerkrieg dauerte, nicht in Ruhe ihre Heerden weiden oder ihren Hafer

säen konnten. Seine Ländereien wurden täglich verwüstet, sein Vieh wurde

täglich weggetrieben, und eines seiner Häuser war schon niedergebrannt

worden. Es war daher wahrscheinlich, daß er sein Möglichstes thun würde,

um den Feindseligkeiten ein Ende zu machen.[66]

Er wurde demgemäß beauftragt, mit den jakobitischen Oberhäuptern zu

unterhandeln und erhielt das Geld, das unter sie vertheilt werden

sollte. Er lud sie zu einer Conferenz auf seinem Wohnsitze in Glenorchy

ein. Sie kamen, aber mit dem Vertrage ging es nur sehr langsam vorwärts.

Jedes Oberhaupt eines Stammes verlangte einen größeren Antheil an dem

englischen Golde als zu erlangen war. Man argwöhnte, daß Breadalbane die

Clans und auch den König betrügen wolle. Bald gesellte sich zu dem

Streite zwischen den Rebellen und der Regierung ein andrer noch

mißlicherer Streit. Die Camerons und Macdonalds lagen eigentlich nicht

mit Wilhelm, sondern mit Mac Callum More in Krieg, und kein Arrangement,

an welchem Mac Callum More nicht Theil hatte, konnte zum wirklichen

Frieden führen. Es entstand daher die wichtige Frage, ob das Breadalbane

anvertraute Gold unmittelbar an die mißvergnügten Häuptlinge bezahlt

oder zur Befriedigung der Ansprüche, welche Argyle an sie hatte,

verwendet werden sollte. Lochiel’s Schlauheit und Glengarry’s anmaßende

Prätensionen trugen dazu bei, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen.

Aber kein celtischer Potentat war so unlenksam als Macdonald von

Glencoe, im Gebirge unter dem erblichen Namen Mac Ian bekannt.

[_Glencoe._] Mac Ian wohnte am Eingange einer nicht weit vom südlichen

Ufer des Lochleven, eines Armes des Meeres, das tief in die Westküste

Schottland’s einschneidet und Argyleshire von Inverneßshire trennt,

gelegenen Schlucht. In der Nähe seines Hauses lagen zwei oder drei von

seinem Stamme bewohnte kleine Ortschaften. Die ganze Bevölkerung, über

die er herrschte, wurde auf nicht mehr als zweihundert Seelen geschätzt.

In der Umgegend der paar Dörfer befand sich etwas Buschholz und etwas

Weideland; aber ein wenig höher hinauf in dem Engpasse war keine Spur

von Bevölkerung oder Fruchtbarkeit zu sehen. In der gälischen Sprache

bedeutet Glencoe Schlucht des Weinens, und dieser Paß ist in der That

der traurigste und einsamste von allen schottischen Gebirgspässen, das

wahre Thal des Todesschattens. Nebel und Stürme lagern den größten Theil

des schönsten Sommers darüber und selbst an den wenigen Tagen, wo die

Sonne hell scheint und keine Wolke am Himmel steht, macht die Landschaft

einen düsteren und unheimlichen Eindruck. Der Weg führt am Rande eines

Bergstromes hin, der aus der ödesten und einsamsten Gebirgslache kommt.

Mächtige Abgründe von nacktem Gestein gähnen zu beiden Seiten, und in

der Nähe des Gipfels sieht man noch im Juli Streifen von Schnee in den

Spalten. Ueberall an den Abhängen der Felsen bezeichnen Haufen von

Gerölle die steilen Pfade der Gießbäche. Meilenweit sieht sich der

Wanderer vergebens nach dem Rauche einer Hütte, nach einer in einen

Plaid gehüllten menschlichen Gestalt um und lauscht umsonst auf das

Gebell eines Schäferhundes oder auf das Geblök eines Lammes. Meilenweit

ist der einzige Laut, der eine Spur von Leben verräth, der schwache

Schrei eines Raubvogels auf einer sturmgepeitschten Felsspitze. Die

Fortschritte der Civilisation, welche so viele Wüsten in lachende

Gefilde voll goldener Aehren oder blühender Obstbäume verwandelt, haben

Glencoe nur noch verödeter gemacht. Alle Wissenschaft und Industrie

einer friedlichen Zeit vermag dieser Wildniß nichts Werthvolles zu

entreißen; aber in einem Zeitalter der Gewaltthätigkeit und des Raubes

hatte die Wildniß selbst einen Werth, weil sie den Räubern und ihrer

Beute Schutz gewährte. Nichts konnte natürlicher sein, als daß der Clan,

dem diese rauhe Wüstenei gehörte, wegen seiner räuberischen Gewohnheiten

bekannt war. Denn bei den Hochländern im Allgemeinen galt Raub für eine

mindestens eben so ehrenvolle Beschäftigung wie der Ackerbau, und von

allen Hochländern hatten die Macdonalds von Glencoe den mindest

ergiebigen Boden und die bequemste und sicherste Räuberhöhle. Mehrere

aufeinanderfolgende Regierungen hatten es versucht diesen wilden Stamm

zu züchtigen; aber es war zu diesem Zwecke nie eine starke Truppenmacht

aufgeboten worden, und einem kleinen Corps konnten Leute, die jeden

Winkel und jeden Ausgang der natürlichen Festung kannten, in der sie

geboren und aufgewachsen waren, leicht Widerstand leisten oder

ausweichen. Die Leute von Glencoe würden wahrscheinlich nicht so

friedenstörende Nachbarn gewesen sein, wenn sie unter ihren

Stammverwandten gelebt hätten. Aber sie waren eine von jedem andern

Zweige ihrer Familie getrennte Nebenlinie des Clan Donald und fast rings

umgeben von dem Gebiete des feindlichen Stammes Diarmid.[67] Durch

erbliche Feindschaft sowohl als durch Noth wurden sie angetrieben, auf

Unkosten des Stammes Campbell zu leben. Breadalbane’s Eigenthum hatte

von ihren Räubereien viel zu leiden gehabt, und sein Character war nicht

von der Art, daß er solche Beleidigungen hätte vergeben können. Als

daher der Häuptling von Glencoe beim Congreß in Glenorchy erschien,

wurde er unfreundlich empfangen. Der Earl, der sich sonst mit dem

würdevollen Anstande eines castilischen Granden zu benehmen pflegte,

vergaß im Zorne seine gewohnte Grandezza, seinen öffentlichen Character

und die Gesetze der Gastfreundschaft und verlangte mit heftigen

Vorwürfen und Drehungen Entschädigung für die Heerden, welche Mac Ian’s

Anhänger aus seinem Gebiete fortgetrieben hatten. Mac Ian fürchtete

ernstlich eine persönliche Gewaltthätigkeit und war froh, als er seine

heimathliche Schlucht wohlbehalten wieder erreicht hatte.[68] Sein Stolz

war verletzt, und mit den Regungen des gekränkten Stolzes verbanden sich

die des Interesses. Als das Oberhaupt eines Volkes, das vom Plündern

lebte, hatte er starke Gründe zu wünschen, daß das Land in einem

ungeordneten Zustand bleiben möchte. Er hatte wenig Aussicht, eine

einzige Guinee von dem Gelde zu bekommen, das unter die Unzufriedenen

vertheilt werden sollte; denn sein Antheil an diesem Gelde hätte

Breadalbane’s Entschädigungsforderungen schwerlich befriedigt, und es

konnte kaum einem Zweifel unterliegen, daß Breadalbane vor allen Anderen

darauf bedacht sein würde, sich bezahlt zu machen. Mac Ian bot daher

Alles auf, um seine Verbündeten von der Annahme von Bedingungen, von

denen er selbst keinen Nutzen erwarten durfte, abzurathen, und sein

Einfluß war nicht gering. Die Zahl seiner eigenen Vasallen war zwar

unbedeutend, aber er stammte vom besten Geblüt der Hochländer, hatte

stets ein freundschaftliches Verhältniß mit seinen mächtigeren

Verwandten aufrecht erhalten, sie waren ihm deshalb weil er ein Räuber

war, nicht weniger zugethan, denn sie beraubte er niemals, und daß der

Raub an und für sich etwas Böses und Entehrendes sei, war noch keinem

celtischen Häuptling je in den Sinn gekommen. Mac Ian stand daher in

hoher Achtung bei seinen Bundesgenossen. Er war von ehrwürdigem Alter,

hatte ein majestätisches Aeußere und besaß in hohem Grade die geistigen

Eigenschaften, welche in rohen Gesellschaften dem Einzelnen ein großes

Uebergewicht über seine Nebenmenschen geben. Breadalbane sah sich bei

jedem Schritte der Unterhandlung von seinem alten Feinde überlistet, und

der Name Glencoe wurde ihm mit jedem Tage mehr und mehr verhaßt.[69]

Die Regierung verließ sich jedoch nicht einzig und allein auf

Breadalbane’s diplomatische Gewandtheit. Die Behörden zu Edinburg

erließen eine Proklamation, in der sie die Clans aufforderten, sich dem

Könige Wilhelm und der Königin Marie zu unterwerfen, und jedem Rebellen,

der bis zum 31. December 1691 sich eidlich verpflichtete, ruhig unter

der Regierung Ihrer Majestäten zu leben, Verzeihung anboten. Diejenigen

aber, welche nach diesem Tage noch im Widerstande beharrten, sollten als

Feinde und Verräther behandelt werden.[70] Zu gleicher Zeit wurden

kriegerische Anstalten getroffen, welche bewiesen, daß die Drohung

ernstlich gemeint war. Die Hochländer bekamen Angst und hielten es,

obgleich die pekuniären Bedingungen nicht befriedigend geordnet waren,

für rathsam, das von ihnen verlangte Versprechen zu geben. Kein

Häuptling hatte jedoch Lust mit dem Beispiele der Unterwerfung

voranzugehen. Glengarry bramarbasirte und rief aus, daß er sein Haus

befestigen werde.[71] „Ich will nicht die Bahn brechen,” sagte Lochiel;

„dies ist bei mir eine Ehrensache. Aber meine Tacksmen[72] und Leute

mögen sich ihrer Freiheit bedienen.”[73] Seine Tacksmen und Leute

verstanden ihn und begaben sich zu Hunderten zu dem Sheriff, um die Eide

zu leisten. Die Macdonalds von Sleat, Clanronald, Keppoch und selbst

Glengarry folgten dem Beispiele der Camerons, und die Häuptlinge

folgten, nachdem sie versucht hatten einander im Ausharren zu

übertreffen so lange sie es wagen durften, dem Beispiele ihrer Vasallen.

Der 31. December erschien, und noch waren die Macdonalds von Glencoe

nicht zur Eidesleistung gekommen. Wahrscheinlich fühlte sich der sehr

empfindliche Stolz Mac Ian’s durch den Gedanken befriedigt, daß er

fortfuhr der Regierung zu trotzen, nachdem der prahlerische Glengarry,

der grimmige Keppoch und der hochherzige Lochiel nachgegeben hatten;

aber er sollte diese Genugthuung theuer bezahlen.

Endlich, am 31. December, begab er sich, von seinen angesehensten

Vasallen begleitet, nach Fort William und erbot sich die Eide zu

leisten. Zu seinem Schrecken erfuhr er, daß sich Niemand in dem Fort

befand, der befugt gewesen wäre, ihm dieselben abzunehmen. Oberst Hill,

der Gouverneur, war kein Magistratsbeamter und es war auch kein solcher

näher als in Inverary. Mac Ian, der jetzt vollkommen die Thorheit

erkannte, die er begangen, indem er einen Act, von dem sein Leben und

sein Vermögen abhingen, bis zum letzten Augenblicke verschoben hatte,

brach in großer Angst nach Inverary auf. Er hatte einen Brief bei sich

von Hill an den Sheriff von Argyleshire, Sir Colin Campbell von

Ardkinglaß, einen achtbaren Gentleman, der unter der vorigen Regierung

wegen seiner whiggistischen Grundsätze viel gelitten hatte. In diesem

Briefe sprach der Oberst die wohlmeinende Hoffnung aus, daß ein

verlorenes Schaf und noch dazu ein so schönes, selbst nach Ablauf der

bestimmten Frist noch mit Freuden aufgenommen werden würde. Mac Ian

eilte so sehr er nur konnte und hielt nicht einmal in seinem eigenen

Hause an, obgleich es nahe an der Straße lag. Doch eine Reise durch

Argyleshire mitten im Winter ging damals natürlich langsam von Statten.

Der Marsch des alten Mannes über steile Gebirge und sumpfige Thäler

wurde durch Schneestürme aufgehalten, und erst am 6. Januar erschien er

vor dem Sheriff zu Inverary. Der Sheriff war unschlüssig. Seine

Befugniß, sagte er, gehe nicht über die Bestimmungen der Proklamation

hinaus, und er sehe nicht ein, wie er einen Rebellen schwören lassen

könne, der sich nicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit unterworfen

habe. Mac Ian bat dringend und mit Thränen in den Augen, daß er

vereidigt werden möchte. Seine Leute, sagte er, würden seinem Beispiele

folgen. Wenn einer von ihnen sich widerspenstig erweisen sollte, würde

er ihn selbst ins Gefängniß schicken oder nach Flandern einschiffen.

Seine Bitten und Hill’s Schreiben besiegten endlich Sir Colin’s Skrupel,

der Eid wurde abgenommen und dem Staatsrathe zu Edinburg ein Certifikat

übersandt, welches die besonderen Umstände auseinandersetzte, durch die

sich der Sheriff habe bewegen lassen etwas zu thun, was, wie er wohl

gewußt, nicht streng in der Ordnung gewesen sei.[74]

Die Nachricht, daß Mac Ian sich nicht innerhalb der vorgeschriebenen

Zeit unterworfen habe, wurde von drei mächtigen Schotten, die sich

damals am englischen Hofe befanden, mit boshafter Schadenfreude

aufgenommen. Breadalbane war zu Weihnachten nach London gegangen, um

Bericht über seine Amtsführung abzustatten. Dort traf er mit seinem

Vetter Argyle zusammen. Argyle war hinsichtlich seiner persönlichen

Eigenschaften einer der unbedeutendsten von der langen Reihe von

Edelleuten, welche diesen berühmten Namen getragen haben. Er war der

Nachkomme ausgezeichneter Männer und der Vater ausgezeichneter Männer.

Er war der Enkel eines der geschicktesten schottischen Staatsmänner, der

Sohn eines der tapfersten und aufrichtigsten schottischen Patrioten, der

Vater eines Mac Callum More, der als Krieger und Redner, als das Muster

vornehmer Eleganz und als einsichtsvoller Beschützer der Künste und

Wissenschaften berühmt war, und eines andren Mac Callum More, der sich

durch Talent für Staatsgeschäfte wie für militärisches Commando und

durch Kenntniß der exacten Wissenschaften auszeichnete. Argyle war

solcher Vorfahren und solcher Nachkommen gleich unwürdig. Er hatte sich

sogar des Verbrechens schuldig gemacht, das zwar unter den schottischen

Staatsmännern ziemlich allgemein, bei ihm aber ganz besonders

schmachvoll war, heimlich mit den Agenten Jakob’s zu verkehren, während

er Loyalität für Wilhelm zur Schau trug. Bei alledem hatte Argyle die

von hohem Range, großem Grundbesitz, ausgedehnten Lehnsrechten und fast

unbegrenzter patriarchalischer Autorität untrennbare Bedeutung. Ihm

sowohl wie seinem Vetter Breadalbane war die Nachricht, daß der Stamm

Glencoe außerhalb des Schutzes der Gesetze stehe, sehr angenehm und der

Master von Stair empfand mehr als Sympathie mit ihnen beiden.

Das Gefühl Argyle’s und Breadalbane’s ist vollkommen begreiflich. Sie

waren die Oberhäupter eines großen Clans und sie hatten Gelegenheit,

einen Nachbarclan zu vernichten, mit dem sie in erbitterter Fehde lagen.

Breadalbane war besonders gereizt worden. Seine Güter waren zu

wiederholten Malen verwüstet und ihm eben erst bei einer wichtigen

Unterhandlung ein Strich durch die Rechnung gemacht worden. Leider gab

es kaum ein Uebermaß von Grausamkeit, für das sich in celtischen

Traditionen nicht ein Präcedenzfall auffinden ließ. Bei allen

kriegerischen Barbaren gilt die Rache für die heiligste Pflicht und für

den höchsten Genuß, und dafür galt sie auch bei den Hochländern seit

langer Zeit. Die Geschichte der Clans ist reich an grauenvollen

Erzählungen von Metzeleien und Meuchelmorden aus Rache, die zum Theil

fabelhaft und übertrieben sein mögen, zum Theil aber auch gewiß auf

Wahrheit beruhen. So umzingelten zum Beispiel die Macdonalds von

Glengarry, als sie einmal von den Leuten von Culloden beleidigt worden

waren, eines Sonntags die Kirche von Culloden, verschlossen die Thüren

und verbrannten die ganze Gemeinde lebendig. Während die Flammen

wütheten, verhöhnte der erbliche Musikant der Mörder das Wehgeschrei der

umkommenden Menge durch die Töne seiner Sackpfeife.[75] Eine Bande

Macgregors legte den abgeschnittenen Kopf eines Feindes, nachdem sie ihm

den Mund mit Brot und Käse gefüllt, auf den Tisch seiner Schwester, und

hatte die Genugthuung, sie vor Entsetzen über den Anblick wahnsinnig

werden zu sehen. Dann trugen sie die fürchterliche Trophäe im Triumph zu

ihrem Häuptlinge. Der ganze Clan versammelte sich unter dem Dache einer

alten Kirche und jeder Einzelne legte die Hand auf den Kopf des

Ermordeten und gelobte, die Mörder zu vertheidigen.[76] Die Bewohner von

Eigg ergriffen einige Macleods, banden ihnen Hände und Füße und stießen

sie in einem Boote in die offene See hinaus, um von den Wellen

verschlungen zu werden oder vor Hunger umzukommen. Die Macleods rächten

sich dafür, indem sie die Bewohner von Eigg in eine Höhle trieben, am

Eingange derselben ein Feuer anzündeten und den ganzen Stamm, Männer,

Frauen und Kinder, ersticken ließen.[77] Es ist bei weitem nicht so

wunderbar, daß die beiden mächtigen Earls aus dem Hause Campbell, von

den Leidenschaften hochländischer Häuptlinge erfüllt, auf eine

hochländische Rache sannen, als daß sie in dem Master von Stair einen

Complicen, und noch etwas mehr als einen Complicen fanden.

Der Master von Stair war einer der ersten Männer seiner Zeit, ein

Jurist, ein Staatsmann, ein tüchtiger Gelehrter und ein gewandter

Redner. Sein feines Benehmen und seine lebendige Conversation machten

ihn zu einem Liebling der aristokratischen Zirkel, und wer ihn in einer

solchen Gesellschaft sah, würde es nicht für möglich gehalten haben, daß

er bei einem abscheulichen Verbrechen die Hauptrolle spielen könne.

Seine politischen Grundsätze waren lax, doch nicht laxer als die der

meisten schottischen Staatsmänner jener Zeit. Grausamkeit hatte man ihm

nie vorwerfen können. Selbst Diejenigen, die ihm am wenigsten gewogen

waren, ließen ihm die Gerechtigkeit widerfahren zuzugestehen, daß er, wo

seine politischen Pläne nicht ins Spiel kämen, ein sehr gutherziger Mann

sei.[78] Man hat nicht den geringsten Grund anzunehmen, daß er durch die

That, die seinen Namen mit Schande bedeckt hat, ein einziges Pfund

Schottisch gewann. Er hatte keinen persönlichen Grund, den Leuten von

Glencoe Böses zu wünschen. Es hatte keine Fehde zwischen ihm und seiner

Familie bestanden. Seine Güter lagen in einem Districte, wo ihr Tartan

nie gesehen wurde. Und dennoch haßte er sie mit einem so heftigen und

unversöhnlichen Hasse, als hätten sie seine Felder verwüstet, sein Haus

angezündet, sein Kind in der Wiege ermordet.

Welcher Ursache sollen wir eine so sonderbare Antipathie zuschreiben?

Diese Frage setzte schon des Masters Zeitgenossen in Verlegenheit, und

jede Antwort, die sich jetzt darauf geben läßt, muß mit Vorsicht gegeben

werden.[79] Die wahrscheinlichste Vermuthung ist die, daß er von einem

überspannten, rücksichtslosen, ungezügelten Eifer für das was ihm das

Interesse des Staats dünkte, getrieben wurde. Diese Erklärung wird

Diejenigen in Erstaunen setzen, welche nie erwogen haben, ein wie großer

Theil der schwärzesten Verbrechen, von denen uns die Geschichte erzählt,

einem verkehrten Gemeinsinne zugeschrieben werden muß. Wir sehen täglich

Leute für ihre Partei, für ihre Secte, für ihr Vaterland, für ihre

politischen und socialen Lieblingsreformpläne Dinge thun, die sie nicht

thun würden, um sich zu bereichern oder zu rächen. Bei einer Versuchung,

die sich direct an unsre persönliche Habgier oder an unsren Privathaß

richtet, wird alle Tugend, die wir besitzen, alarmirt. Aber die Tugend

selbst kann zum Falle Desjenigen beitragen, der da glaubt, es stehe in

seiner Macht, durch Verletzung einer allgemeinen Vorschrift der Moral

einer Kirche, einem Staate, oder der ganzen Menschheit einen wichtigen

Dienst zu leisten. Er bringt die Mahnungen seines Gewissens zum

Schweigen und verhärtet sein Herz gegen die erschütterndsten Scenen des

Elends, indem er sich beständig wiederholt, daß seine Absichten lauter,

daß seine Zwecke edel sind, daß er eine kleine Sünde um eines großen

Guten willen thut. So gelangt er nach und nach dahin, daß er die

Schändlichkeit der Mittel über die Vortrefflichkeit des Zweckes gänzlich

vergißt, und verübt schließlich ohne einen Gewissensbiß Thaten, vor

denen ein Seeräuber zurückbeben würde. Man hat keinen Grund anzunehmen,

daß Dominicus um des besten Erzbisthums der Christenheit halber wilde

Räuber angereizt haben würde, eine friedliche und betriebsame

Bevölkerung auszuplündern und niederzumetzeln, daß Eberhard Digby für

ein Herzogthum eine zahlreiche Versammlung von Menschen in die Luft

gesprengt, oder daß Robespierre für Geld einen Einzigen von den

Tausenden gemordet haben würde, die er aus Philanthropie mordete.

Der Master von Stair scheint einen wahrhaft großen und edlen Zweck in

Auge gehabt zu haben: die Pacifirung und Civilisirung der Hochlande. Er

war, wie selbst Diejenigen zugaben, die ihn am meisten haßten, ein Mann

von weitgreifenden Plänen. Er hielt es mit Recht für monströs, daß ein

Dritttheil von Schottland sich in einem kaum minder rohen Zustande

befand als Neuguinea, daß Brand- und Mordbriefe in einem Dritttheil von

Schottland Jahrhunderte lang als eine Art gesetzlichen Verfahrens

betrachtet wurden und daß Niemand den Versuch machte, ein radikales

Heilmittel gegen solche Uebelstände anzuwenden. Die Unabhängigkeit, die

sich ein Haufe kleiner Souveraine anmaßen wollte, der hartnäckige

Widerstand, den sie der Autorität der Krone und des Court of Session zu

leisten pflegten, ihre Kriege, ihre Räubereien, ihre Brandstiftungen,

ihre Gewohnheit, friedlichere und nützlichere Leute als sie zu

brandschatzen: dies Alles mußte nothwendig den Abscheu und den Unwillen

eines aufgeklärten und einsichtsvollen Mannes des Friedens erwecken, der

sowohl seinem Character als den Gewohnheiten seines Berufs nach ein

Freund des Gesetzes und der Ordnung war. Sein Zweck war nichts

Geringeres als eine vollständige Auflösung und Umgestaltung der

Gesellschaft in den Hochlanden, eine Auflösung und Umgestaltung, wie sie

zwei Generationen später auf die Schlacht von Culloden folgte. In seinen

Augen waren die Clans so wie sie zur Zeit bestanden, die Plage des

Landes, und der schlimmste von allen Clans war der, welcher Glencoe

bewohnte. Ein haarsträubendes Beispiel von der Gesetzlosigkeit und

Grausamkeit dieser Räuber sollte ihn besonders ergriffen haben. Einer

von ihnen, der an irgend einem Acte der Gewaltthätigkeit oder des Raubes

Theil genommen, hatte seine Genossen angezeigt. Er war an einen Baum

gebunden und ermordet worden. Der alte Häuptling hatte ihm den ersten

Stoß gegeben und der Körper des Unglücklichen war dann von mehr als

zwanzig Dolchen durchbohrt worden.[80] Der Gebirgsbewohner betrachtete

einen solchen Act wahrscheinlich als eine rechtmäßige Ausübung

patriarchalischer Justiz. Der Master von Stair aber war der Meinung, daß

Leute, unter denen solche Dinge geschahen und zugelassen wurden, wie

eine Heerde Wölfe behandelt, durch jede List in die Falle gelockt und

ohne Gnade niedergemetzelt werden müßten. Er war wohl belesen in der

Geschichte und wußte wahrscheinlich, wie große Regenten in seinem eignen

und in anderen Ländern mit solchen Banditen verfahren sind. Er wußte

wahrscheinlich mit welcher Energie und mit welcher Strenge Jakob V. die

Straßenräuber des Grenzlandes unterdrückt hatte, wie der Häuptling von

Henderland über dem Thore des Schlosses, in welchem er ein Gastmahl für

den König hergerichtet hatte, aufgeknüpft worden war, wie Johann

Armstrong und seinen sechsunddreißig Reitern, als sie herbeikamen, um

ihren Souverain zu bewillkommnen, kaum so viel Zeit gelassen wurde, um

ein einziges Gebet zu sprechen, bevor sie alle aufgehängt wurden. Ebenso

waren dem Sekretär wahrscheinlich die Mittel nicht unbekannt, durch

welche Sixtus V. den Kirchenstaat von Banditen gesäubert hatte. Die

Lobredner dieses großen Pontifex erzählen uns von einer gefürchteten

Bande, die aus einer Feste in den Apenninen nicht zu vertreiben war. Es

wurden daher Saumthiere mit vergifteten Speisen und Wein beladen und auf

einem nahe bei der Festung vorüberführenden Wege abgeschickt. Die Räuber

kamen heraus, bemächtigten sich der Beute, schmausten und starben, und

der greise Papst freute sich höchlich als er erfuhr, daß die Leichen von

dreißig Räubern, die der Schrecken vieler friedlicher Dörfer gewesen

waren, unter den Maulthieren und Packereien umherliegend gefunden worden

waren. Die Pläne des Masters von Stair waren im Geiste Jakob’s und

Sixtus’ entworfen, und die Empörung der Gebirgsbewohner bot anscheinend

eine vortreffliche Gelegenheit zur Ausführung dieser Pläne. Bloße

Empörung hätte er allerdings leicht vergeben können. Gegen die Jakobiten

als solche zeigte er niemals irgend Lust, hart zu verfahren. Er haßte

die Hochländer nicht als Feinde dieser oder jener Dynastie, sondern als

Feinde des Gesetzes, der Industrie und des Handels. In seiner

Privatcorrespondenz wendete er auf sie die kurze und schreckliche Phrase

an, mit der der unversöhnliche Römer den Fluch über Karthago aussprach.

Sein Plan bestand in nichts Geringerem, als daß das ganze Gebirgsland

von einer Meeresküste zur andren, sowie die benachbarten Inseln durch

Feuer und Schwert verwüstet, daß die Camerons, die Macleans und alle

Zweige des Stammes Macdonald vertilgt werden sollten. Er betrachtete

daher Aussöhnungspläne nicht mit freundlichem Auge, und während Andere

hofften, daß etwas Geld Alles ordnen werde, deutete er sehr verständlich

seine Meinung an, daß das Geld, welches man auf die Clans verwenden

wolle, besser in der Gestalt von Kugeln und Bajonetten verwendet werden

würde. Bis zum letzten Augenblicke schmeichelte er sich, daß die

Rebellen unbeugsam bleiben und ihm dadurch einen Vorwand liefern würden,

die große sociale Revolution zu bewerkstelligen, die er sich in den Kopf

gesetzt hatte.[81] Der Brief ist noch vorhanden, in welchem er die

Befehlshaber der Truppen in Schottland instruirt, was sie zu thun

hätten, wenn sich die jakobitischen Häuptlinge nicht vor Ende December

zur Vereidigung stellen sollten. Es liegt etwas Grauenhaftes in der Ruhe

und bündigen Kürze, mit der die Instructionen ertheilt wurden. „Ihre

Truppen werden den District Lochaber, Lochiel’s, Keppoch’s, Glengarry’s

und Glencoe’s Ländereien, gänzlich verwüsten. Ihr Corps wird stark genug

sein. Ich hoffe, die Soldaten werden die Regierung nicht mit Gefangenen

beschweren.”[82]

Diese Depesche war kaum abgesandt, als in London die Nachricht eintraf,

daß die widerspenstigen Häuptlinge, nachdem sie lange fest geblieben,

endlich vor den Sheriffs erschienen waren und die Eide geleistet hatten.

Lochiel, der angesehenste unter ihnen, hatte nicht nur erklärt, daß er

als ein treuer Unterthan König Wilhelm’s leben und sterben wolle,

sondern hatte auch die Absicht angekündigt, England zu besuchen, in der

Hoffnung, daß es ihm gestattet werde, Sr. Majestät die Hand zu küssen.

In London wurde mit Jubel verkündet, daß alle Clans, ohne Ausnahme, sich

rechtzeitig unterworfen hätten, und die Ankündigung wurde allgemein für

höchst befriedigend gehalten.[83] Aber der Master von Stair war

schmerzlich enttäuscht. Die Hochlande sollten also bleiben was sie

gewesen waren, die Schande und der Fluch Schottland’s. Eine kostbare

Gelegenheit, sie dem Gesetze zu unterwerfen, hatte man sich entgehen

lassen, und sie kehrte vielleicht nie wieder. Wenn nur die Macdonalds

ausgehalten hätten; wenn nur wenigstens an den beiden schlimmsten

Macdonalds, Keppoch und Glencoe, ein Exempel hätte statuirt werden

können, so wäre es doch etwas gewesen. Aber selbst Keppoch und Glencoe,

Räuber, die in jedem wohl regierten Lande schon vor dreißig Jahren

aufgehängt worden wären, seien, wie es scheine, in Sicherheit.[84]

Während der Master über solche Gedanken brütete, brachte ihm Argyle

einigen Trost. Die Nachricht, daß Mac Ian die Eide innerhalb der

vorgeschriebenen Zeit geleistet, war irrig. Der Sekretär war getröstet.

Also war doch ein Clan in den Händen der Regierung, und dieser Clan war

der gesetzloseste von Allen. Ein großer Act der Gerechtigkeit, nein der

Barmherzigkeit, konnte vollzogen, ein furchtbares und denkwürdiges

Exempel konnte statuirt werden.

Eine Schwierigkeit gab es indeß noch. Mac Ian hatte die Eide geleistet.

Er hatte sie zwar zu spät geleistet, um den Buchstaben des königlichen

Versprechens zu seinen Gunsten geltend machen zu können; aber die

Thatsache, daß er die Eide geleistet, durfte offenbar Denen nicht

verschwiegen werden, die über sein Schicksal zu entscheiden hatten.

Durch eine schwarze Intrigue, deren Geschichte nur unvollkommen bekannt

ist, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach vom Master von Stair

geleitet wurde, ward der Beweis von Mac Ian’s verspäteter Unterwerfung

beseitigt. Das Certificat, welches der Sheriff von Argyleshire dem

Geheimen Rathe zu Edinburg übersandt, wurde der Behörde nie vorgelegt,

sondern nur privatim einigen hochgestellten Personen, insbesondere dem

Lordpräsidenten Stair, dem Vater des Sekretärs, mitgetheilt. Diese

Personen erklärten das Certifikat für ordnungswidrig, ja für durchaus

nichtig, und es wurde cassirt.

Unterdessen entwarf der Master von Stair in Gemeinschaft mit Breadalbane

und Argyle einen Plan zur Vernichtung der Leute von Glencoe. Es war

nöthig, die Bewilligung des Königs einzuholen, zwar nicht bezüglich der

Einzelheiten dessen was geschehen sollte, wohl aber in Betreff der

Frage, ob Mac Ian und seine Leute als Rebellen behandelt werden sollten,

die außer dem Bereiche des ordentlichen Gesetzes standen, oder ob nicht.

Der Master von Stair stieß im königlichen Cabinet auf keine

Schwierigkeit. Wilhelm hatte aller Wahrscheinlichkeit nach die Leute von

Glencoe nie anders als Banditen nennen hören. Er wußte, daß sie sich bis

zu dem vorgeschriebenen Tage nicht gestellt hatten; aber daß sie sich

nach diesem Tage noch gestellt hatten, wußte er nicht. Wenn er der Sache

einige Aufmerksamkeit schenkte, so mußte er der Meinung sein, daß man

eine so günstige Gelegenheit, den Verwüstungen und Räubereien, von denen

eine friedliche und betriebsame Bevölkerung soviel gelitten hatte, ein

Ende zu machen, nicht unbenutzt vorübergehen lassen dürfe.

Es wurde ihm ein Befehl zur Unterzeichnung vorgelegt. Er unterzeichnete

denselben, aber, wenn man Burnet glauben darf, ohne ihn zu lesen. Wer

einige Kenntniß von den Staatsgeschäften hat, weiß, daß Fürsten und

Minister täglich Schriftstücke unterzeichnen und in der That

unterzeichnen müssen, die sie nicht gelesen haben, und von allen

Schriftstücken war eines, das sich auf einen kleinen Stamm

Gebirgsbewohner bezog, der eine auf keiner Karte angegebene Wildniß

bewohnte, am wenigsten geeignet, einen Souverain zu interessiren, dessen

Kopf mit Plänen angefüllt war, von denen das Geschick Europa’s abhängen

konnte.[85] Aber selbst wenn man annimmt, daß er den Befehl gelesen,

unter den er seinen Namen setzte, ist kein Grund vorhanden, ihn zu

tadeln. Der an den Commandeur der Truppen in Schottland gerichtete

Befehl lautet folgendermaßen: „Anlangend Mac Ian von Glencoe und diesen

Stamm, so wird es, wenn sie von den anderen Hochländern streng

unterschieden werden können, angemessen sein, diese Räuberbande zur

Behauptung der öffentlichen Gerechtigkeit zu vertilgen.” Der Sinn dieser

Worte ist an sich völlig unschuldig und sie würden ohne das entsetzliche

Ereigniß welches folgte, allgemein in diesem Sinne verstanden worden

sein. Es ist unzweifelhaft eine der ersten Pflichten jeder Regierung

Räuberbanden auszurotten. Damit ist aber nicht gesagt, daß jeder Räuber

meuchlings im Schlafe ermordet, ja nicht einmal, daß jeder Räuber nach

einer ordentlichen Untersuchung öffentlich hingerichtet werden müsse,

sondern nur daß jede Bande als solche vollständig aufzulösen und jede

zur Erreichung dieses Zweckes unerläßlich nothwendig erscheinende

Strenge anzuwenden sei. Hätte Wilhelm die Worte, die ihm sein Sekretär

unterbreitete, gelesen und erwogen, so würde er sie wahrscheinlich so

verstanden haben, daß Glencoe von Truppen besetzt, daß Widerstand, wenn

solcher versucht würde, mit kräftiger Hand niedergeworfen, daß die

vornehmsten Mitglieder des Clans, welche großer Verbrechen überführt

werden könnten, streng bestraft, daß einige thätige junge Freibeuter,

die mehr gewohnt waren, mit dem Breitschwerte umzugehen als mit dem

Pfluge, und von denen nicht zu erwarten stand, daß sie sich entschließen

würden, als friedliche Arbeiter zu leben, zur Armee in den Niederlanden

versetzt, daß andere nach amerikanischen Pflanzungen transportirt und

daß diejenigen Macdonalds, die man in ihrem heimathlichen Thale ließe,

entwaffnet und angehalten werden sollten, für ihre Aufführung Geißeln zu

stellen. Ein diesem sehr ähnlicher Plan war wirklich in den politischen

Kreisen Edinburg’s vielfach berathen worden.[86] Es kann kaum einem

Zweifel unterliegen, daß Wilhelm sich um sein Volk sehr verdient gemacht

haben würde, wenn er in dieser Weise nicht nur den Stamm Mac Ian’s,

sondern überhaupt jeden hochländischen Stamm, dessen einzige

Beschäftigung darin bestand, Vieh zu stehlen und Häuser anzuzünden,

ausgerottet hätte.

Die Ausrottung, welche der Master von Stair im Sinne hatte, war ganz

andrer Art. Sein Plan war, das ganze fluchwürdige Räubergezücht zu

vertilgen. So lautete die Sprache, in der sein Haß sich Luft machte. Er

studirte die Geographie der wilden Gegend um Glencoe und traf seine

Anordnungen mit teuflischem Scharfsinn. Der Schlag mußte wo möglich

rasch, vernichtend und gänzlich unerwartet sein. Wenn Mac Ian aber die

Gefahr ahnen und versuchen sollte, auf den Gebieten seiner Nachbarn eine

Zufluchtsstätte zu suchen, mußte er jeden Weg versperrt finden. Der Paß

von Rannoch mußte besetzt werden. Dem Laird von Weems, der in Strath Tay

große Macht hatte, mußte gesagt werden, daß, wenn er die Räuber bei sich

aufnehme, er dies auf seine Gefahr thue. Breadalbane versprach, den

Fliehenden auf einer Seite den Rückzug abzuschneiden, Mac Callum More

auf einer andren. Es sei ein Glück, schrieb der Sekretär, daß Winter

sei. Dies sei die rechte Zeit, um die Schurken zu züchtigen. Die Nächte

seien so lang, die Berggipfel so kalt und stürmisch, daß auch die

abgehärtetsten Männer den Aufenthalt im Freien ohne Obdach oder Feuer

nicht lange aushalten könnten. Daß die Frauen und Kinder in dieser

Wildniß Schutz fänden, sei ganz unmöglich. Während er so schrieb, kam

ihm nicht im Entferntesten der Gedanke, daß er eine große

Abscheulichkeit begehe. Er war glücklich in der Billigung seines eigenen

Gewissens. Pflicht, Gerechtigkeit, ja Nächstenliebe und Erbarmen waren

die Namen, die er seiner Grausamkeit als Mantel umhing, und es ist

durchaus nicht unwahrscheinlich, daß er sich selbst durch die Maske

täuschen ließ.[87]

Hill, welcher die im Fort William versammelten Truppen befehligte,

wurde nicht mit der Ausführung des Planes beauftragt. Er scheint ein

menschenfreundlicher Mann gewesen zu sein, denn er war tief betrübt, als

er erfuhr, daß die Regierung sich zur Strenge entschlossen habe, und man

fürchtete wahrscheinlich, daß ihm im entscheidendsten Momente der Muth

sinken werde. Er erhielt deshalb die Weisung, ein starkes Detachement

unter die Befehle seines Untercommandeurs, des Oberstleutnants Hamilton

zu stellen. Diesem wurde sehr verständlich angedeutet, daß er jetzt eine

vortreffliche Gelegenheit habe, seinen Ruf in den Augen der am Ruder

Stehenden zu befestigen. Ein großer Theil der ihm anvertrauten Truppen

waren Campbells und gehörten zu einem unlängst von Argyle errichteten

und nach ihm benannten Regimente. Man glaubte wahrscheinlich, daß bei

einer solchen Gelegenheit die Humanität sich der bloßen Gewohnheit des

militärischen Gehorsams gegenüber als zu stark erweisen möchte und daß

man sich wenig auf Herzen würde verlassen können, die nicht durch eine

Fehde verhärtet seien, wie sie seit langer Zeit zwischen den Leuten Mac

Ian’s und den Leuten Mac Callum More’s wüthete.

Wäre Hamilton offen gegen die Leute von Glencoe marschirt und hätte sie

über die Klinge springen lassen, so würde es seiner That wahrscheinlich

nicht an Vertheidigern und sicherlich wenigstens nicht an

Präcedenzfällen gefehlt haben. Aber der Master von Stair hatte sehr

nachdrücklich ein andres Verfahren empfohlen. Bei dem geringsten Alarm

würde man das Nest der Räuber leer finden und in einer so unwirthbaren

Gegend Jagd auf sie zu machen, würde selbst mit allem Beistande

Breadalbane’s und Argyle’s ein langwieriges und schweres Stück Arbeit

sein. „Besser,” schrieb er, „man bindet gar nicht mit ihnen an, als man

bindet vergebens mit ihnen an. Wenn die Sache beschlossen ist, muß sie

im Geheimen und unverhofft geschehen.[88]” Man folgte seinem Rathe und

beschloß, daß die Leute von Glencoe nicht durch militärische Execution,

sondern durch die feigste und niederträchtigste Form des Meuchelmordes

umkommen sollten.

Am 1. Februar marschirten hundertzwanzig Soldaten von Argyle’s Regiment

unter den Befehlen eines Hauptmanns Namens Campbell und eines Leutnants

Namens Lindsay nach Glencoe. Hauptmann Campbell wurde in Schottland nach

dem Gebirgspasse, in welchem seine Besitzung lag, gewöhnlich Glenlyon

genannt. Er besaß jede erforderliche Eigenschaft für den Dienst zu dem

er verwendet wurde: eine schamlose Stirn, eine glatte, lügnerische Zunge

und ein demanthartes Herz. Auch war er einer von den wenigen Campbells,

von denen man erwarten durfte, daß die Macdonalds ihnen trauen und sie

willkommen heißen würden, denn seine Nichte war mit Alexander, dem

zweiten Sohne Mac Ian’s, vermählt.

Der Anblick der herannahenden Rothröcke erregte einige Besorgniß unter

der Bevölkerung des Thales. Johann, der älteste Sohn des Häuptlings,

ging mit zwanzig Clansleuten den Fremden entgegen und fragte sie, was

dieser Besuch zu bedeuten habe. Leutnant Lindsay antwortete, die

Soldaten kämen als Freunde und verlangten nichts weiter als Quartier.

Sie wurden freundlich aufgenommen und unter den Strohdächern der kleinen

Commun einlogirt. Glenlyon fand mit mehreren seiner Leute Aufnahme in

dem Hause eines Tacksman, der nach dem Häuflein Hütten, das unter seiner

Autorität stand, Inverriggen genannt wurde. Lindsay fand näher bei der

Wohnung des alten Häuptlings ein Unterkommen. Auchintriater, einer der

vornehmsten Männer des Clans, der das kleine Dorf Auchnaion verwaltete,

fand daselbst Raum für eine von einem Sergeanten, Namens Barbour,

commandirte Abtheilung. Lebensmittel wurden in reichlicher Menge

geliefert. Es fehlte nicht an Rindfleisch, das wahrscheinlich auf

fremden Weiden fett geworden, und man verlangte keine Bezahlung, denn in

der Gastfreundschaft wie in der Raublust wetteiferten die gälischen

Banditen mit den Beduinen. Zwölf Tage lang lebten die Soldaten ganz

gemüthlich unter den Bewohnern der Schlucht. Der alte Mac Ian, der wegen

des Verhältnisses, in dem er zur Regierung stand, anfangs nichts Gutes

geahnet hatte, schien jetzt Gefallen an dem Besuche zu finden. Die

Offiziere brachten einen großen Theil ihrer Zeit bei ihm und seiner

Familie zu. Die langen Winterabende wurden mit Hülfe einiger Spiele

Karten, die sich nach diesem entlegenen Winkel der Welt verlaufen

hatten, und etwas Franzbranntwein, der wahrscheinlich ein Theil von

Jakob’s Abschiedspräsent an seine hochländischen Anhänger war, heiter

und vergnügt am Torffeuer hingebracht. Glenlyon schien seiner Nichte und

deren Gatten Alexander mit inniger Liebe zugethan. Jeden Tag kam er in

ihr Haus, um dort zu frühstücken. Währenddem erforschte er mit der

größten Aufmerksamkeit alle Zu- und Ausgänge, auf denen die Macdonalds,

wenn das Signal zum Gemetzel erfolgte, versuchen konnten, ins Gebirge zu

entkommen, und berichtete Hamilton das Ergebniß seiner Beobachtungen.

Hamilton bestimmte den 13. Februar, fünf Uhr Morgens, zur Ausführung der

That. Er hoffte, daß er bis dahin Glencoe mit vierhundert Mann erreichen

und alle Baue verstopft haben würde, in die sich der alte Fuchs und

seine beiden Jungen -- so wurden Mac Ian und seine Söhne spottweise von

den Mördern genannt -- flüchten konnten. Schlag fünf Uhr aber sollte

Glenlyon, mochte Hamilton eingetroffen sein oder nicht, aufbrechen und

jeden Macdonald unter siebzig Jahren ermorden.

Die Nacht war rauh. Hamilton und seine Truppen kamen nur langsam

vorwärts und verspätigten sich bedeutend. Während sie mit Wind und

Schnee kämpften, speiste Glenlyon mit Denen, die er vor Tagesanbruch

niederzumetzeln gedachte, und spielte Karten mit ihnen. Er und Leutnant

Lindsay hatten versprochen, am folgenden Tage bei dem alten Häuptlinge

zu Mittag zu essen.

Spät am Abend erwachte in dem ältesten Sohne des Häuptlings der

unbestimmte Verdacht, daß man etwas Böses im Sinne habe. Die Soldaten

waren unverkennbar in einer aufgeregten Stimmung und einige von

ihnen ließen sonderbare Aeußerungen fallen. Man erzählte sich, daß

zwei Mann Folgendes leise mit einander gesprochen haben sollten.

„Mir gefällt dieser Streich nicht,” flüsterte der Eine. „Ich würde

recht gern gegen die Macdonalds kämpfen, aber Leute in ihren Betten

umbringen --” „Wir müssen thun was uns befohlen wird,” erwiederte

eine andre Stimme. „Geschieht etwas Unrechtes, so haben es unsere

Offiziere zu verantworten.” Johann Macdonald war so beunruhigt, daß

er noch kurz nach Mitternacht in Glenlyon’s Quartier kam. Glenlyon

und seine Leute waren sämmtlich wach und schienen ihre Waffen zum

Kampfe in Bereitschaft zu bringen. Johann fragte äußerst besorgt, was

diese Vorkehrungen zu bedeuten hätten. Glenlyon erschöpfte sich in

Freundschaftsversicherungen. „Einige von Glengarry’s Leuten haben die

Gegend beunruhigt, und wir machen uns bereit, gegen sie auszurücken.

Ihr habt nichts zu fürchten. Glaubt Ihr ich würde Eurem Bruder Sandy

und seiner Frau nicht einen Wink gegeben haben, wenn Euch irgend eine

Gefahr drohte?” Johann’s Verdacht war beschwichtigt. Er kehrte nach

Hause zurück und legte sich zur Ruhe.

Es war fünf Uhr Morgens. Hamilton war mit seinen Leuten noch einige

Meilen entfernt, und die Zugänge die er besetzen sollte, noch frei.

Glenlyon aber hatte gemessene Befehle, und er begann sie in dem kleinen

Dorfe, in welchem er selbst lag, in Vollzug zu setzen. Sein Wirth

Inverriggen und neun andere Macdonalds wurden aus ihren Betten gerissen,

an Händen und Füßen gefesselt und ermordet. Ein zwölfjähriger Knabe

umschlang die Knie des Hauptmanns und bat flehentlich um sein Leben. Er

wolle Alles thun, er wolle überallhin mitgehen, er wolle Glenlyon bis

ans Ende der Welt folgen. Selbst Glenlyon soll Zeichen von Rührung an

den Tag gelegt haben; aber ein Bube, Namens Drummond, schoß den Knaben

nieder.

In Auchnaion war der Tacksman Auchintriater diesen Morgen frühzeitig

aufgestanden und saß mit acht Mitgliedern seiner Familie am Feuer, als

eine Flintensalve ihn und sieben seiner Angehörigen todt oder sterbend

zu Boden streckte. Sein Bruder, der allein nicht getroffen worden war,

rief den Sergeanten Barbour, der die Mörder commandirte, an und bat ihn

um die Vergünstigung, unter freiem Himmel sterben zu dürfen. „Gut,”

sagte der Sergeant, „ich will Euch den Gefallen thun, weil ich an Eurem

Tische gegessen habe.” Der verwegene und athletische Bergschotte kam

unter dem Schutze der Dunkelheit heraus, stürzte sich auf die Soldaten,

die eben auf ihn anschlagen wollten, warf ihnen seinen Plaid über die

Köpfe und war in einem Nu auf und davon.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Neunter Band: enthaltend Kapitel 17 und 18. · 第 5 / 8 题