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Eröffnung des Parlaments 5

Debatten über die Gehalte und Gebühren der Beamten 6

Acte zur Ausschließung der Papisten vom Staatsdienste in Irland 7

Debatten über den ostindischen Handel 10

Debatten über die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in

Hochverrathsfällen 24

Complot Marlborough’s gegen die Regierung Wilhelm’s 30

Marlborough’s Complot durch die Jakobiten verrathen 34

Marlborough’s Ungnade 34

Verschiedene Gerüchte über die Ursache von Marlborough’s Ungnade 34

Bruch zwischen Marien und Anna 36

Fuller’s Complot 38

Schluß der Session; Bill zur Feststellung der Gehalte der Richter

verworfen 44

Ministerielle Veränderungen in England 47

Ministerielle Veränderungen in Schottland 48

Zustand der Hochlande 49

Breadalbane beauftragt, mit den aufständischen Clans zu

unterhandeln 50

Glencoe 51

Wilhelm begiebt sich auf den Continent 68

Louvois’ Tod 68

Die französische Regierung beschließt eine Expedition gegen

England zu unternehmen 71

Jakob glaubt, daß die englische Flotte freundschaftlich gegen ihn

gesinnt sei 71

Verhalten Russell’s 72

Jakob wird eine Tochter geboren 73

Anstalten zur Zurückweisung der Invasion in England 74

Jakob begiebt sich zu seiner Armee bei La Hogue 74

Jakob’s Erklärung 75

Eindruck der Erklärung Jakob’s 76

Die englische und die holländische Flotte vereinigen sich 79

Stimmung der englischen Flotte 79

Schlacht bei La Hogue 80

Freude in England 84

Young’s Complot 86

[_Eröffnung des Parlaments._] Am 19. October 1691 kam Wilhelm aus den

Niederlanden wieder in Kensington an.[1] Drei Tage darauf eröffnete er

das Parlament. Der Stand der Dinge war im Ganzen erfreulich. Zu Lande

hatte es Gewinne und Verluste gegeben, der Vortheil aber war auf Seiten

England’s. Dem Falle von Mons konnte die Einnahme von Athlone, der Sieg

von Aghrim, die Uebergabe von Limerick und die Pacifirung Irland’s wohl

gegenübergestellt werden. Zur See war kein großer Sieg erfochten, wohl

aber eine große Streitmacht und Thätigkeit entfaltet worden, und wenn

auch Viele unzufrieden waren, weil nicht mehr geschehen sei, so konnte

doch Niemand in Abrede stellen, daß eine Veränderung zum Besseren

eingetreten war. Dem durch Torrington’s Schwächen und Fehler

herbeigeführten Verfall war wieder abgeholfen und die Flotte gut

ausgerüstet worden, es hatte reichliche und gesunde Rationen gegeben,

und in Folge dessen war der Gesundheitszustand der Mannschaften für die

damalige Zeit ganz vortrefflich gewesen. Russell, der die Seemacht der

Verbündeten befehligte, hatte den Franzosen vergebens eine Schlacht

angeboten. Die weiße Flagge, welche das Jahr vorher ungehindert von

Land’s End bis zur Meerenge von Dover im Kanale umhergesegelt war,

verließ jetzt, sobald unsere Mastspitzen in einer Entfernung von zwanzig

Meilen bemerkt wurden, die offene See und zog sich tief in den Hafen von

Brest zurück. Das Erscheinen eines englischen Geschwaders in der Mündung

des Shannon hatte das Schicksal der letzten Festung entschieden, die

sich noch für König Jakob behauptet, und eine auf vier Millionen Pfund

Sterling geschätzte Kauffahrteiflotte aus der Levante war durch

Gefahren, welche den Assecuradeurs in Lombard Street manche schlaflose

Nacht bereitet, glücklich in die Themse convoyirt worden.[2] Die Lords

und Gemeinen hörten mit Zeichen der Zufriedenheit eine Rede an, in der

der König sie wegen des Ausgangs des Kriegs in Irland beglückwünschte

und die zuversichtliche Erwartung aussprach, daß sie ihn auch fernerhin

bei dem Kriege mit Frankreich unterstützen würden. Er sagte ihnen, daß

die Ausrüstung einer großen Flotte nöthig sein werde, und daß

seiner Ansicht nach der Kampf zu Lande nicht mit weniger als

fünfundsechzigtausend Mann erfolgreich fortgeführt werden könne.[3]

[_Debatten über die Gehalte und Gebühren der Beamten._] Man dankte ihm

mit herzlichen Worten, die Streitmacht, die er verlangte, wurde

bewilligt und bedeutende Summen ohne erhebliche Schwierigkeit

zugestanden. Als aber die Mittel und Wege zur Sprache kamen, begannen

sich Symptome von Unzufriedenheit zu zeigen. Achtzehn Monate früher, als

die Gemeinen sich mit der Feststellung der Civilliste beschäftigten,

hatten viele Mitglieder eine sehr natürliche Geneigtheit, sich über den

Betrag der Gehalte und Gebühren der Beamten zu beklagen, an den Tag

gelegt. Heftige Reden waren gehalten, und, was bei weitem ungewöhnlicher

war, gedruckt worden; außerhalb der Parlamentsräume hatte große

Aufregung geherrscht, aber es war nichts geschehen. Der Gegenstand wurde

jetzt wieder aufgenommen. Ein Bericht der Commission, welche im

vorhergehenden Jahre zur Prüfung der öffentlichen Rechnungen ernannt

worden war, hatte einige Facta, welche Unwillen, und andere, welche

ernsten Verdacht erweckten, enthüllt. Das Haus schien fest entschlossen,

eine umfassende Reform vorzunehmen, und nur die Thorheit und Heftigkeit

der Reformers hatte eine solche Reform verhindern können. Es ist

allerdings nicht zu verwundern, daß sie aufgebracht waren. Die directen

und indirecten hohen Einkünfte der Staatsdiener mehrten sich in

ununterbrochener Progression, während der Verdienst jedes Andren sich

verringerte. Die Renten fielen, der Handel stockte, Jeder, der von dem

Nachlasse seiner Vorfahren oder von den Früchten seines Fleißes lebte,

mußte sich einschränken. Nur der Beamte wurde inmitten der allgemeinen

Noth wohlhabend. „Man sehe blos den Zollcontroleur,” riefen die

entrüsteten Squires. „Vor zehn Jahren ging er zu Fuß und wir fuhren.

Unser Einkommen hat sich verringert, sein Gehalt ist verdoppelt worden,

wir haben unsere Pferde verkauft, er hat sie gekauft, und jetzt gehen

wir zu Fuß und werden von dem Kothe seines Sechsgespanns bespritzt.”

Lowther versuchte es umsonst, sich gegen den Sturm zu erheben. Die

Landgentlemen, die ihn vor nicht langer Zeit noch als einen ihrer Führer

betrachtet hatten, liehen ihm eben kein geneigtes Ohr. Er hatte sie

verlassen und war ein Höfling geworden; er bekleidete zwei einträgliche

Stellen, eine im Schatzamt, die andre im Hofstaat, und hatte erst

kürzlich von des Königs eigner Hand ein Geschenk von zweitausend Guineen

erhalten.[4] Es schien ganz natürlich, daß er Mißbräuche vertheidigte,

von denen er Nutzen hatte. Die Schmähungen und Vorwürfe, mit denen er

überhäuft wurde, waren seinem reizbaren Character unerträglich. Er

verlor den Kopf, fiel fast ohnmächtig auf den Fußboden des

Parlamentshauses nieder und sprach davon, sich an einem andren Orte

Recht zu verschaffen.[5] Leider erhob sich bei dieser Gelegenheit kein

Mitglied, um darauf anzutragen, daß die bürgerlichen Anstalten des

Königreichs sorgfältig revidirt, daß Sinekuren abgeschafft, daß

exorbitante Diensteinkommen vermindert und daß es keinem Staatsdiener

unter irgend einem Vorwande gestattet sein solle, außer seiner bekannten

und gesetzlichen Renumeration etwas zu verlangen. Auf diesem Wege würde

es möglich gewesen sein, die öffentlichen Lasten zu vermindern und zu

gleicher Zeit die ersprießliche Thätigkeit in jedem Zweige der

Staatsverwaltung zu erhöhen. Unglücklicherweise aber ermangelten gerade

Diejenigen, die sich am lautesten über die herrschenden Mißbräuche

beklagten, gänzlich der zur Durchführung der Reform nöthigen

Eigenschaften. Am 12. December beantragte ein Thor, dessen Name nicht

auf uns gekommen ist, daß kein bei irgend einem Civilamte Angestellter,

den Sprecher, die Richter und die Gesandten ausgenommen, mehr als

fünfhundert Pfund Sterling jährlich erhalten solle, und dieser Antrag

ging nicht nur durch, sondern er wurde sogar ohne eine einzige

opponirende Stimme angenommen.[6] Diejenigen welche das meiste Interesse

hatten, sich demselben zu widersetzen, sahen ohne Zweifel ein, daß

Opposition in diesem Augenblicke die Majorität nur reizen würde, und

sparten sie daher für einen günstigeren Zeitpunkt auf. Dieser günstigere

Zeitpunkt kam auch bald. Kein verständiger Mann konnte, nachdem sein

Blut abgekühlt war, ohne Beschämung daran zurückdenken, daß er für einen

Beschluß gestimmt hatte, der keinen Unterschied machte zwischen Inhabern

von Sinekuren und fleißigen Staatsdienern, zwischen Schreibern, welche

nur Briefe copirten, und Ministern, von deren Einsicht und

Rechtschaffenheit das Geschick der Nation abhängen konnte. Der Gehalt

des Portiers beim Accisamte war durch einen skandalösen Schacher bis auf

fünfhundert Pfund jährlich getrieben worden. Er hätte auf funfzig Pfund

herabgesetzt werden müssen. Die Dienste eines Staatssekretärs dagegen,

der seinen Posten gut ausfüllte, würden mit fünftausend Pfund wohlfeil

bezahlt gewesen sein. Wäre der Beschluß der Gemeinen zur Ausführung

gekommen, so würde sowohl der Gehalt, der nicht funfzig Pfund hätte

übersteigen sollen, wie der, welcher nicht unangemessen fünftausend

Pfund hätte betragen können, auf fünfhundert Pfund normirt worden sein.

Ein solcher Unsinn mußte auch dem rohesten und einfältigsten Fuchsjäger

im Parlamente empören. Es trat eine Reaction ein, und als nach einem

Zeitraum von wenigen Wochen vorgeschlagen wurde, in eine

Steuerbewilligungsbill eine mit dem Beschlusse vom 12. December

übereinstimmende Klausel aufzunehmen, waren die verneinenden Stimmen

sehr laut; der Sprecher war der Meinung, daß sie überwiegend seien, die

bejahenden Stimmen wagten es nicht, seine Ansicht zu bestreiten, der

unsinnige Plan, der ohne Abstimmung gutgeheißen worden war, wurde ohne

Abstimmung verworfen und der Gegenstand kam nicht wieder zur Sprache. So

wurde der Fortbestand eines Mißbrauchs, der so skandalös war, daß selbst

keiner von Denen, welche Vortheil von demselben hatten, ihn zu

vertheidigen wagte, lediglich durch die Verkehrtheit und Maßlosigkeit

Derer, die ihn angriffen, gesichert.[7]

[_Acte zur Ausschließung der Papisten vom Staatsdienste in Irland._]

Nicht lange nach Eröffnung der Session wurde der Vertrag von Limerick

Gegenstand einer ernsten Berathung. Die Gemeinen schickten in Ausübung

der höchsten Gewalt, welche die Legislatur über alle Pertinenzien

England’s ausübte, den Lords eine Bill zu, welche bestimmte, daß

Niemand im irischen Parlament sitzen, in Irland ein bürgerliches,

militärisches oder geistliches Amt bekleiden oder juristische oder

ärztliche Praxis ausüben solle, bevor er nicht den Huldigungs- und den

Suprematseid geleistet und die Erklärung gegen die Transsubstantiation

unterschrieben habe. Die Lords waren eben so wenig geneigt wie

die Gemeinen, die Irländer zu begünstigen. Kein Peer hatte Lust,

römischen Katholiken politische Gewalt zu übertragen. Es scheint

sogar, als ob kein Peer gegen das Prinzip der albernen und grausamen

Verordnung, welche die Katholiken von den freien Künsten ausschloß,

etwas einzuwenden gehabt hätte. Man glaubte aber daß diese Vorschrift,

wenn auch im Prinzip unverwerflich, ein Bruch eines positiven

Uebereinkommens sein würde, wenn man sie ohne Ausnahmen anwendete. Ihre

Lordschaften ließen den Vertrag von Limerick kommen, ließen ihn sich

vorlesen und erwogen dann, ob das von dem Unterhause entworfene Gesetz

sich mit den von der Regierung eingegangenen Verpflichtungen vertrug.

Ein Mißklang wurde bemerkt. Es war durch den zweiten Civilartikel

festgesetzt, daß es Jedem, der gegenwärtig in einer von einer irischen

Garnison besetzten Festung wohnte, wenn er den Huldigungseid leistete,

gestattet sein solle, dem Berufe wieder nachzugehen, den er vor der

Revolution ausgeübt hatte. Es würde nun ohne alle Widerrede eine

Verletzung dieses Uebereinkommens gewesen sein, hätte man von einem

Advokaten oder Arzt, der während der Belagerung innerhalb der Mauern

von Limerick gewohnt, verlangen wollen, daß er den Suprematseid

leiste und die Erklärung gegen die Transsubstantiation unterschreibe,

bevor er Gebühren annehmen dürfe. Holt wurde zu Rathe gezogen und mit

der Abfassung von Klauseln beauftragt, welche den Bestimmungen der

Kapitulation entsprachen.

Die solchergestalt von Holt abgeänderte Bill wurde den Gemeinen wieder

zugesandt. Sie verwarfen zuerst das Amendement und verlangten eine

Conferenz, die ihnen bewilligt wurde. Rochester überreichte im gemalten

Zimmer den Führern des Unterhauses eine Abschrift des Vertrags von

Limerick und stellte ihnen mit ernsten Worten vor, wie wichtig es sei,

das öffentliche Vertrauen ungeschmälert zu erhalten. Dies war eine

Aufforderung, gegen die kein rechtschaffener Mann, mochte er auch von

nationalem und religiösem Hasse erfüllt sein, sich auflehnen konnte. Die

Gemeinen zogen den Gegenstand nochmals in Erwägung und nachdem sie die

Verlesung des Vertrags angehört, traten sie den Vorschlägen der Lords

mit einigen unbedeutenden Modificationen bei.[8]

Die Bill wurde zum Gesetz erhoben. Sie erregte damals nur wenig

Aufmerksamkeit; nach Verlauf mehrerer Menschenalter aber wurde sie der

Gegenstand einer sehr heftigen Polemik. Viele von uns können sich noch

sehr gut erinnern, wie stark die öffentliche Meinung in den Tagen

Georg’s III. und Georg’s IV. durch die Frage aufgeregt wurde, ob

Katholiken ein Sitz im Parlament gestattet sein solle. Es darf

bezweifelt werden, ob irgend ein andrer Streit ärgere Verdrehungen der

Geschichte veranlaßt hat. Die ganze Vergangenheit wurde um der Gegenwart

willen falsch dargestellt. Alle großen Ereignisse dreier Jahrhunderte

erschienen uns lange entstellt und entfärbt durch einen aus unseren

eigenen Theorien und unseren eigenen Leidenschaften entsprungenen Nebel.

Einige Freunde der Religionsfreiheit, nicht zufrieden mit dem Vortheile,

den sie im ehrlichen Kampfe mit den Waffen der Vernunft besaßen,

schwächten ihre Sache, indem sie behaupteten, daß das Gesetz, welches

die irischen Katholiken vom Parlamente ausschloß, mit dem Civilvertrag

von Limerick in Widerspruch stehe. Der erste Artikel dieses Vertrags,

sagte man, garantire dem irischen Katholiken diejenigen Privilegien in

der Ausübung seiner Religion, die er zur Zeit Karl’s II. genossen hatte.

Zur Zeit Karl’s II. schloß kein Test die Katholiken vom irischen

Parlamente aus. Ein solcher Test, argumentirte man, könne daher nicht

ohne einen öffentlichen Wortbruch vorgeschrieben werden. Besonders im

Jahre 1828 wurde dieses Argument im Hause der Gemeinen geltend gemacht,

als ob es die Hauptstütze einer Sache gewesen wäre, die keiner solchen

Stütze bedurfte. Die Vorkämpfer des protestantischen Uebergewichts sahen

mit Vergnügen, daß die Debatte von einer politischen Frage, in der sie

Unrecht hatten, auf eine historische Frage überging, in der sie Recht

hatten. Es wurde ihnen nicht schwer zu beweisen, daß der erste Artikel,

wie ihn alle contrahirenden Theile verstanden, nur bedeutete, daß der

katholische Gottesdienst wie in früherer Zeit geduldet werden solle.

Dieser Artikel war von Ginkell entworfen und unmittelbar vorher, ehe er

ihn entwarf, hatte er erklärt, er werde lieber das Glück der Waffen

versuchen als seine Einwilligung dazu geben, daß irische Papisten fähig

sein sollten, Civil- und Militärämter zu bekleiden, die freien Künste

auszuüben und Mitglieder von Municipalkörpern zu werden. Wie kann man

glauben, daß er aus eigenem Antriebe versprochen haben würde, das Haus

der Lords und der Gemeinen solle Männern offen stehen, denen er keine

Kürschner- über Corduanmacherinnung öffnen wollte? Wie kann man ferner

glauben, daß die englischen Peers, während sie die gewissenhafteste

Achtung vor dem öffentlichen Worte erklärten, während sie den Gemeinen

die Pflicht einschärften, das öffentliche Wort zu halten, während sie

sich mit den gelehrtesten und rechtschaffensten Juristen des

Jahrhunderts über die beste Art und Weise der Aufrechthaltung des

öffentlichen Worts beriethen, eine offenbare Verletzung des öffentlichen

Worts begangen haben und kein einziger Lord so ehrlich oder so factiös

gewesen sein sollte, gegen einen durch Heuchelei noch verschlimmerten

Act monströser Perfidie zu protestiren? Oder wenn wir dies glauben

könnten, wie können wir glauben, daß sich in keinem Theile der Welt eine

Stimme gegen solche Schändlichkeit erhoben, daß der Hof von

Saint-Germains und der Hof von Versailles dazu geschwiegen haben, daß

kein irischer Verbannter, kein englischer Mißvergnügter darüber gemurrt

haben sollte, daß sich in dem ganzen Bereich der jakobitischen Literatur

kein schmähendes oder spöttelndes Wort über einen so lockenden

Gegenstand gefunden und daß es den Politikern des 19. Jahrhunderts

vorbehalten gewesen sein sollte, dahinter zu kommen, daß ein im

17. Jahrhundert geschlossener Vertrag wenige Wochen nach seiner

Unterzeichnung im Angesicht von ganz Europa in frecher Weise verletzt

worden war?[9]

[_Debatten über den ostindischen Handel._] An dem nämlichen Tage, an

welchem die Gemeinen zum ersten Male die Bill verlasen, welche Irland

der unumschränkten Herrschaft der protestantischen Minorität unterwarf,

zogen sie einen andren hochwichtigen Gegenstand in Erwägung. Im ganzen

Lande, besonders aber in der Hauptstadt, in den Seehäfen und in den

Fabrikstädten waren die Gemüther in gewaltiger Aufregung wegen des

Handels mit Ostindien, ein heftiger Federkrieg wüthete seit einiger

Zeit, und es waren mehrere constitutionelle und commercielle Fragen

angeregt worden, welche die Legislatur allein entscheiden konnte.

Es ist oft wiederholt worden und darf nie vergessen werden, daß unsre

Staatsverfassung weit verschieden ist von denjenigen Staatsverfassungen,

welche während der letzten achtzig Jahre methodisch construirt, in

Artikel abgetheilt und durch constituirende Versammlungen bestätigt

worden sind. Sie entstand in einem rohen Zeitalter und ist in kein

formelles Instrument vollständig zusammengefaßt. Auf der ganzen Linie,

welche die Functionen des Fürsten von denen des Gesetzgebers scheidet,

fand sich lange ein streitiges Gebiet. Es wurden fortwährend Uebergriffe

begangen, und wenn sie nicht zu frech waren, wurden sie oft geduldet.

Einen Eingriff, als solchen, ließ man gewöhnlich ungeahndet hingehen.

Nur wenn ein solcher Eingriff einen positiven Nachtheil verursachte,

machte der beeinträchtigte Theil sein Recht geltend und verlangte, daß

die Grenze genau bezeichnet und die Grenzmarken fortan streng respectirt

werden sollten.

Viele von den Punkten, welche zwischen unseren Souverainen und ihren

Parlamenten die heftigsten Zwiespalte veranlaßt hatten, waren durch die

Rechtsbill endlich festgestellt worden. Eine Frage aber, die kaum minder

wichtig war als irgend eine von denen, welche für immer geordnet worden,

war noch unentschieden. Diese Frage war in der That, soweit es sich

jetzt noch ermitteln läßt, in der Convention nie auch nur erwähnt

worden. Der König besaß nach den alten Gesetzen des Reichs unbestreitbar

ausgedehnte Befugnisse zur Regulirung des Handels; allein es würde auch

dem geschicktesten Richter schwer geworden sein, die genaue Grenze

dieser Befugnisse zu bestimmen. Es war allgemein anerkannt, daß der

König das Recht hatte, Gewichte und Maße vorzuschreiben und Geld zu

schlagen, daß keine Messe und kein Jahrmarkt ohne seine Erlaubniß

gehalten werden durfte, daß kein Schiff in einer Bucht oder Flußmündung,

die er nicht für einen Hafen erklärt hatte, gelöscht werden konnte.

Außer diesem unbestrittenen Rechte, gewissen Plätzen specielle

Handelsvorrechte zu gewähren, beanspruchte er lange auch das Recht

besonderen Gesellschaften und besonderen Individuen specielle

Handelsvorrechte zu bewilligen, und unsere Vorfahren hielten es, wie

gewöhnlich, nicht der Mühe werth, dieses Recht zu bestreiten, bis es

ernste Nachtheile herbeiführte. Endlich, unter der Regierung

Elisabeth’s, begann die Befugniß, Monopole zu creiren, gröblich

gemißbraucht zu werden, und sobald sie gemißbraucht zu werden begann,

fing sie auch an, in Zweifel gezogen zu werden. Die Königin vermied es

wohlweislich, sich mit einem Hause der Gemeinen zu überwerfen, das die

ganze Nation zur Stütze hatte. Sie gestand offen zu, daß Grund zur Klage

sei, cassirte die Patente, welche den öffentlichen Unwillen erregt

hatten, und ihr Volk, erfreut über dieses Zugeständniß und über die

Bereitwilligkeit, mit der es gemacht wurde, verlangte von ihr keine

ausdrückliche Verzichtleistung auf die bestrittene Prärogative.

Die durch ihre Weisheit beschwichtigte Unzufriedenheit wurde durch die

unehrliche und kleinmüthige Politik, die ihr Nachfolger Regierungskunst

nannte, wieder hervorgerufen. Er gewährte bereitwillig drückende

Monopole, und wenn er des Beistandes seines Parlaments bedurfte,

annullirte er sie eben so bereitwillig. Sobald das Parlament seine

Session geschlossen hatte, wurde das große Siegel noch gehässigeren

Dokumenten angehängt als die, welche er kurz zuvor cassirt hatte.

Endlich beschloß das vortreffliche Haus der Gemeinen, welches im Jahre

1623 zusammentrat, ein kräftiges Heilmittel gegen das Uebel anzuwenden.

Der König mußte ein Gesetz genehmigen, welches die durch königliche

Autorität geschaffenen Monopole für null und nichtig erklärte. Es wurden

indessen einige Ausnahmen gemacht, die aber leider nicht genau genug

bezeichnet waren. Es war insbesondere bestimmt, daß jede Gesellschaft

von Kaufleuten, die sich zu dem Zwecke constituirt hatte, irgend einen

Handel zu betreiben, alle ihre legalen Privilegien behalten sollte.[10]

Die Frage, ob ein einer solchen Gesellschaft von der Krone ertheiltes

Monopol ein legales Privilegium sei oder nicht, war unentschieden

gelassen und beschäftigte noch viele Jahre lang den Scharfsinn der

Juristen.[11] Die Nation jedoch, welche mit einem Male von einer Menge

Auflagen und Plackereien befreit war, die in jeder Familie täglich hart

empfunden worden, war nicht in der Stimmung, die Gültigkeit der Patente

zu bestreiten, kraft deren einige Gesellschaften in London mit

entfernten Welttheilen Handel trieben.

Die bei weitem wichtigste von diesen Compagnien war diejenige, die am

letzten Tage des 16. Jahrhunderts von der Königin Elisabeth unter dem

Namen +Governor and Company of Merchants of London trading to the East

Indies+ incorporirt worden war. Als diese berühmte Gesellschaft ihre

Thätigkeit begann, stand die Macht und der Ruhm der Mogulmonarchie im

Zenith. Akbar, der talentvollste und beste aller Fürsten des Hauses

Tamerlan, war so eben hoch an Jahren und reich an Ehren in ein Mausoleum

getragen worden, welches an Pracht jedes andre übertraf, das Europa

aufzuweisen hatte. Er hatte seinen Nachfolgern ein Reich hinterlassen,

welches mehr als zwanzigmal soviel Einwohner zählte und mehr als

zwanzigmal soviel Revenuen abwarf als das England, das unter unsrer

großen Königin eine der ersten Stellen unter den europäischen Mächten

einnahm. Es ist merkwürdig und interessant, wie wenig die beiden Länder,

welche dazu bestimmt waren, dereinst so eng mit einander verbunden zu

werden, damals von einander wußten. Die gebildetsten Engländer

betrachteten Ostindien mit unwissender Bewunderung, und die gebildetsten

Eingebornen Ostindien’s wußten kaum, daß England existirte. Unsere

Vorfahren hatten nur eine dunkle Ahnung von unermeßlichen Bazars, die

von Verkäufern und Käufern wimmelten und von Goldstoffen, bunten

Seidengeweben und Edelsteinen glänzten; von Schatzkammern, in denen

Haufen von Diamanten und Berge von Zechinen aufgeschichtet lagen; von

Palästen, im Vergleich zu denen Whitehall und Hampton Court bloße Hütten

waren; von Armeen, zehnmal so groß wie die, welche sie bei Tilbury

versammelt gesehen hatten, um die Armada zurückzuschlagen. Auf der

andren Seite wußte wahrscheinlich keiner der Staatsmänner im Durbar von

Agra, daß es nahe bei der untergehenden Sonne eine große Stadt von

Ungläubigen, Namens London gab, wo eine Frau regierte, und daß diese

Frau einer Gesellschaft fränkischer Kaufleute das ausschließliche

Privilegium ertheilt hatte, Schiffe aus ihren Landen nach den indischen

Gewässern zu befrachten. Daß diese Gesellschaft dereinst ganz Indien vom

Ocean bis zur Region des ewigen Schnees beherrschen, große Provinzen,

die sich niemals der Autorität Akbar’s unterworfen, zum unbedingten

Gehorsam zwingen, Gouverneurs absenden, um in seiner Hauptstadt zu

präsidiren, und seinem Erben ein Monatsgeld aussetzen würde: das würde

damals auch der klügste europäische wie orientalische Staatsmann für

eben so unmöglich gehalten haben, als daß Bewohner unsres Erdballs auf

der Venus oder dem Jupiter ein Reich gründen könnten.

Drei Generationen gingen vorüber, und noch ließ nichts vermuthen, daß

die Ostindische Compagnie jemals ein großer asiatischer Potentat werden

würde. Obgleich das mongolische Reich durch innere Ursachen des Verfalls

unterminirt war und seinem Sturze entgegenwankte, bot es entfernten

Nationen noch immer den Anschein unverminderten Gedeihens und

ungeschwächter Kraft dar. Aurengzeb, der sich in dem nämlichen Monate,

in welchem Oliver Cromwell starb, den stolzen Titel Eroberer der Welt

beilegte, fuhr fort zu regieren, bis Anna schon längst auf dem

englischen Throne saß. Er beherrschte ein größeres Gebiet, als irgend

einem seiner Vorgänger unterthan gewesen war. Sein Name stand selbst in

den fernsten Gegenden des Westens in hohem Ansehen. Bei uns in England

hatte Dryden ihn zum Helden eines Trauerspiels gemacht, das allein schon

hinreichen würde zu beweisen, wie wenig die Engländer jener Zeit von dem

großen Reiche wußten, das ihre Enkel erobern und regieren sollten. Die

muselmännischen Prinzen des Dichters erklären ihre Liebe im Style

Amadis’, predigen über Sokrates’ Tod und schmücken ihre Reden mit

Anspielungen auf die mythologischen Geschichten Ovid’s aus. Die

Braminische Seelenwanderung wird als ein Artikel des muselmännischen

Glaubens dargestellt, und die muselmännischen Sultaninnen verbrennen

sich mit ihren Gatten nach braminischer Sitte. Dieses Drama, dem einst

gedrängt volle Häuser rauschenden Beifall zollten und das elegante

Herren und Damen auswendig konnten, ist jetzt vergessen. Nur eine Stelle

lebt noch und wird von Tausenden wiederholt, die nicht wissen, woher sie

rührt.[12]

Obgleich noch nichts die hohe politische Bestimmung der Ostindischen

Compagnie andeutete, genoß sie doch schon eines großen Ansehens in der

City von London. Die Comptoirs, welche nur einen sehr kleinen Theil des

Raumes einnahmen, den die gegenwärtigen Lokalitäten bedecken, waren den

Verheerungen des Feuers entgangen. Das damalige India House war ein mit

dem kunstvollen Schnitz- und Gitterwerk des Zeitalters der Königin

Elisabeth reich verziertes Gebäude von Holz und Mörtel. Ueber den

Fenstern war ein Gemälde angebracht, welches eine sich auf den Wogen

schaukelnde Flotte von Kauffahrern darstellte. Ueber das ganze Gebäude

ragte ein colossaler hölzerner Seemann empor, der zwischen zwei

Delphinen auf das Menschengewühl von Leadenhall Street herabsah.[13] In

diesem Hause, zwar eng und bescheiden im Vergleich zu dem weiten

Labyrinth von Gängen und Zimmern, das jetzt denselben Namen trägt,

erfreute sich die Gesellschaft während des größeren Theils der Regierung

Karl’s II. eines Gedeihens, für welches die Geschichte des Handels kaum

eine Parallele darbietet und das die Bewunderung, die Habsucht und den

neidischen Haß der ganzen Hauptstadt erregte. Wohlstand und Luxus waren

damals im raschen Wachsthum begriffen. Die Gewürze, Gewebe und Juwelen

des Orients kamen mit jedem Tage mehr und mehr in Aufnahme. Der Thee,

der zu der Zeit als Monk die schottische Armee nach London brachte, als

eine große Rarität aus China angestaunt und nur mit den Lippen berührt

wurde, war acht Jahre später ein regelmäßiger Einfuhrartikel und wurde

bald in solchen Massen consumirt, daß die Finanzmänner ihn als einen zur

Besteuerung geeigneten Gegenstand betrachteten. Die Fortschritte in der

Kriegskunst hatten eine beispiellose Nachfrage nach den Ingredienzen

erzeugt, aus denen das Schießpulver bereitet wird. Man berechnete, daß

ganz Europa in einem Jahre kaum soviel Salpeter erzeugen würde, als die

Belagerung einer nach Vauban’s Grundsätzen erbauten Festung

erforderte.[14] Ohne die Einfuhr aus Ostindien, sagte man, würde die

englische Regierung nicht im Stande sein, eine Flotte auszurüsten, wenn

sie nicht die Keller London’s aufgraben wollte, um die Salpetertheilchen

von den Wänden zu sammeln.[15] Vor der Restauration hatte kaum ein

Schiff aus der Themse je das Delta des Ganges besucht. Während der

ersten dreiundzwanzig Jahre nach der Restauration stieg der Werth der

Einfuhr aus diesem reichen und dichtbevölkerten Landstriche von

achttausend auf dreimalhunderttausend Pfund.

Der Gewinn der Gesellschaft, die sich im ausschließlichen Besitz dieses

rasch emporblühenden Handels befand, war fast unglaublich. Das wirklich

eingezahlte Kapital überstieg nicht dreihundertsiebzigtausend Pfund;

aber die Compagnie erhielt ohne Schwierigkeit Geld zu sechs Procent

geliehen und dieses geliehene Geld trug, im Handel angelegt, angeblich

dreißig Procent. Der Gewinn war so groß, daß im Jahre 1676 jeder

Actieninhaber als Dividende eine gleiche Anzahl Actien erhielt als er

bereits besaß. Das so verdoppelte Kapital warf in den nächsten fünf

Jahren eine jährliche Dividende von durchschnittlich zwanzig Procent ab.

Es hatte eine Zeit gegeben, wo man hundert Pfund des Actienkapitals für

sechzig Pfund kaufen konnte, und noch im Jahre 1664 war der Marktpreis

nur siebzig Pfund. Aber schon im Jahre 1677 war der Cours auf

zweihundertfünfundvierzig gestiegen, im Jahre 1681 betrug er

dreihundert; später stieg er auf dreihundertsechzig und es sollen

Verkäufe zu fünfhundert abgeschlossen worden sein.[16]

Der enorme Ertrag des ostindischen Handels würde vielleicht wenig

Murren erregt haben, wenn er sich auf zahlreiche Actionäre vertheilt

hätte. Aber während der Werth der Actien fortdauernd stieg, verminderte

sich die Zahl der Actieninhaber. Zu der Zeit, wo die Compagnie in der

höchsten Blüthe stand, war die Leitung derselben gänzlich in den Händen

einiger weniger Kaufleute von enormem Reichthum. Ein Actionär hatte

damals für jede fünfhundert Pfund Actien, die auf seinen Namen lauteten,

eine Stimme. In damaligen Flugschriften wird behauptet, daß fünf

Personen ein Sechstel und vierzehn Personen ein Drittel der Stimmen

besaßen.[17] Von mehr als einem glücklichen Spekulanten sagte man, daß

er ein jährliches Einkommen von zehntausend Pfund aus dem Monopol

beziehe, und einen reichen Mann kannte man an der Börse, der sich durch

umsichtige oder glückliche Actienkäufe in nicht langer Zeit ein Vermögen

von zwanzigtausend Pfund jährlicher Einkünfte erworben haben sollte.

Dieser Handelsfürst, der es in Reichthum und in dem Einflusse, den der

Reichthum giebt, mit den reichsten Edelleuten seiner Zeit aufnahm, war

Sir Josias Child. Es gab Leute, die ihn als Lehrling gekannt hatten, wie

er ein Comptoir der City fegte. Aber seine Talente hatten ihn aus einer

bescheidenen Stellung bald zu Wohlstand, Macht und Ruhm emporgehoben.

Zur Zeit der Restauration genoß er in der Handelswelt eines hohen

Ansehens. Bald nach diesem Ereignisse veröffentlichte er seine Ideen

über die Philosophie des Handels. Seine Ansichten waren nicht immer

richtig, aber sie waren die eines scharfsinnigen und denkenden Mannes.

In welche Irrthümer er aber als Theoretiker auch hier und da verfallen

sein mag, soviel ist gewiß, daß er als praktischer Geschäftsmann wenige

seines Gleichen hatte. Fast unmittelbar nachdem er Mitglied des Comites

geworden war, das die Angelegenheiten der Compagnie leitete, machte sich

sein Einfluß fühlbar. Bald waren viele der wichtigsten Posten in

Leadenhall Street wie in den Factoreien von Bombay und Bengalen mit

seinen Verwandten und Creaturen besetzt. Sein Reichthum vermehrte sich

fort und fort, obgleich er ihn mit prunkender Verschwendung ausgab. Er

erhielt den Baronetstitel, kaufte sich einen prächtigen Landsitz in

Wanstead und verwendete dort ungeheure Summen auf die Anlage von

Fischteichen und auf die Bepflanzung ganzer Quadratmeilen unbebauten

Landes mit Wallnußbäumen. Er verheirathete seine Tochter an den ältesten

Sohn des Herzogs von Beaufort und gab ihr funfzigtausend Pfund als

Mitgift.[18]

Dieses wunderbare Glück blieb jedoch nicht ungestört. Gegen das Ende der

Regierung Karl’s II. begann die Compagnie von außen heftig angegriffen

und gleichzeitig durch innere Spaltungen zerrissen zu werden. Der Gewinn

des Handels mit Ostindien war so verführerisch, daß Privatspekulanten

schon öfters, dem königlichen Monopole trotzend, Schiffe für die

östlichen Meere ausgerüstet hatten. Doch erst im Jahre 1680 wurde die

Concurrenz dieser Unberufenen wirklich gefährlich. Die Nation war damals

durch den Streit über die Ausschließungsbill heftig aufgeregt.

Aengstliche Gemüther sahen einen neuen Bürgerkrieg im Anzuge. Die beiden

großen Parteien, seit kurzem Whigs und Tories genannt, bekämpften sich

heftig in jeder englischen Stadt und Grafschaft, und die Fehde

verbreitete sich bald in jeden Winkel der civilisirten Welt, wo

Engländer zu finden waren.

Die Compagnie galt allgemein für eine whiggistische Körperschaft. Unter

den Mitgliedern des Directorialausschusses befanden sich einige der

heftigsten Exclusionisten der City. Zwei davon, Sir Samuel Barnardistone

und Thomas Papillon, zogen sich sogar durch ihren Eifer gegen Papismus

und Willkürherrschaft eine strenge gerichtliche Verfolgung zu.[19] Child

war ursprünglich durch diese beiden Männer in das Directorium gebracht

worden, er hatte lange im Einklange mit ihnen gehandelt und man glaubte,

daß er ihre politischen Ansichten theile. Seit vielen Jahren stand er

bei den Oberhäuptern der politischen Opposition in hoher Achtung und

hatte besonders dem Herzoge von York geschadet.[20] Die ostindischen

Schleichhändler beschlossen daher, den Character loyaler Unterthanen zu

affectiren, die sich vorgenommen, dem Throne gegen die übermüthigen

Tribunen der City beizustehen. Sie verbreiteten in allen Factoreien des

Orients das Gerücht, daß in England große Verwirrung herrsche, daß es

zum Kampfe gekommen sei oder ehestens dazu kommen werde und daß die

Compagnie mit dem Beispiele der Auflehnung gegen die Krone vorangehe.

Diese im Grunde nicht unwahrscheinlichen Gerüchte fanden leicht Glauben

bei Leuten, welche durch eine damals noch zwölfmonatliche Reise von

London getrennt waren. Einige Diener der Compagnie, die mit ihren

Vorgesetzten nicht zufrieden waren, und andere, welche eifrige

Royalisten waren, schlossen sich den Privathändlern an. In Bombay

erklärten die Besatzung und die große Masse der englischen Einwohner,

daß sie fernerhin Niemandem gehorchen würden, der nicht dem Könige

gehorchte, sie warfen den Gouverneur ins Gefängniß und kündigten an, daß

sie die Insel im Namen der Krone behaupteten. In St. Helena gab es einen

Aufstand. Die Insurgenten nannten sich die Leute des Königs und

entfalteten das königliche Banner. Sie wurden nicht ohne Mühe

niedergeworfen und einige von ihnen kriegsrechtlich hingerichtet.[21]

Wäre die Compagnie noch eine whiggistische Gesellschaft gewesen, als

die Nachricht von diesen Unruhen in England ankam, so würde die

Regierung das Verfahren der Empörer wahrscheinlich gebilligt und der

Freibrief, von welchem das Monopol abhing, das Schicksal gehabt haben,

das um dieselbe Zeit so viele Freibriefe traf. Aber während die

Privatkaufleute in einer Entfernung von mehreren tausend Meilen im Namen

des Königs die Compagnie bekriegten, hatte sich die Compagnie mit dem

Könige ausgesöhnt. Als das Oxforder Parlament aufgelöst worden war, als

viele Zeichen andeuteten, daß eine starke Reaction zu Gunsten der

Prärogative bevorstehe, als alle Corporationen, die sich das Mißfallen

des Königs zugezogen, für ihre Gerechtsame zu zittern begannen, fand im

Ostindischen Hause eine vollständige Umwälzung statt. Child, der damals

Gouverneur oder nach der neueren Ausdrucksweise Vorsitzender war,

trennte sich von seinen alten Freunden, entfernte sie aus dem

Directorium und schloß einen Friedens- und innigen Allianzvertrag mit

dem Hofe.[22] Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die nahe

Verwandtschaft, in die er so eben mit dem vornehmen toryistischen Hause

Beaufort getreten, einigen Antheil an diesem Wechsel seiner politischen

Gesinnung hatte. Papillon, Barnardistone und ihre Anhänger verkauften

ihre Actien; ihre Stellen im Ausschusse wurden mit ergebenen Freunden

Child’s besetzt, und er war von nun an der Autokrat der Compagnie. Er

verfügte unumschränkt über die Gelder der Compagnie und die wichtigsten

Papiere wurden nicht im Archive des Comptoirs in Leadenhall Street,

sondern in seinem Pulte in Wanstead aufbewahrt. Die unbegrenzte Gewalt,

die er im Ostindischen Hause ausübte, setzte ihn in den Stand, ein

Günstling in Whitehall zu werden, und die Gunst, die er in Whitehall

genoß, befestigte seine Macht im Ostindischen Hause. Ein Geschenk von

zehntausend Guineen geruhte Karl huldreichst von ihm anzunehmen. Weitere

zehntausend Pfund wurden von Jakob angenommen, der sich bereitwillig

herbeiließ, Actieninhaber zu werden. Alle die bei Hofe nützen oder

schaden konnten, Minister, Maitressen und Priester, wurden durch

Geschenke von Shawls und Seidenstoffen, Vogelnestern und Rosenöl,

Beuteln voll Diamanten und Säcken voll Guineen bei guter Stimmung

erhalten.[23] Ueber die Ausgaben des Dictators verlangten seine Collegen

keine Rechenschaft und er scheint das Vertrauen, das sie in ihn setzten,

wirklich verdient zu haben. Seine mit wohlangebrachter Freigebigkeit

gespendeten Geschenke trugen bald reiche Früchte. Gerade als der Hof

allmächtig im Staate wurde, wurde er allmächtig am Hofe. Jeffreys fällte

ein Erkenntniß zu Gunsten des Monopols und der stärksten Acte, welche

zum Schutze des Monopols erlassen worden waren. Jakob ließ sein Siegel

unter einen neuen Freibrief drücken, der alle der Compagnie von seinen

Vorgängern ertheilten Privilegien bestätigte und erweiterte. Alle

Kapitaine von Ostindienfahrern erhielten Patente von der Krone und

bekamen Erlaubniß, die königliche Flagge aufzuziehen.[24] Johann Child,

Sir Josias’ Bruder und Gouverneur von Bombay, wurde unter dem Namen Sir

John Child of Surat zum Baronet ernannt, zum Oberbefehlshaber aller

englischen Streitkräfte im Orient erklärt und ermächtigt, den Titel

Excellenz zu führen. Die Compagnie auf der andren Seite zeichnete sich

unter vielen servilen Corporationen durch willfährige Ergebenheit gegen

den Thron aus und ging allen Kaufleuten des Königreichs mit dem

Beispiele der bereitwilligen und selbst freudigen Bezahlung der Zölle

voran, welche Jakob zu Anfang seiner Regierung ohne Erlaubniß des

Parlaments auflegte.[25]

Es schien, daß der ostindische Privathandel jetzt gänzlich

unterdrückt und daß das durch die ganze Stärke der königlichen

Prärogative beschützte Monopol gewinnbringender als je sein würde.

Unglücklicherweise aber entspann sich gerade in diesem Augenblicke

ein Streit zwischen den Agenten der Compagnie in Indien und der

Regierung des Großmoguls. Die Frage, auf welcher Seite die Schuld

sei, wurde damals heftig diskutirt und ist jetzt unmöglich noch

zu entscheiden. Die Privatkaufleute schoben alle Schuld auf die

Compagnie. Der Gouverneur von Bombay, versicherten sie, sei zwar

stets habgierig und gewaltthätig gewesen, aber sein Baronetstitel

und sein militärischer Rang hätten ihm vollends den Kopf verrückt.

Selbst die in der Factorei angestellten Eingebornen hätten die

Veränderung bemerkt und in ihrem gebrochenen Englisch gemurmelt, daß

ein seltsamer Fluch an dem Worte Excellenz kleben müsse, denn seitdem

das Oberhaupt der Fremden Excellenz genannt werde, sei jederzeit

Alles zurückgegangen. Inzwischen, sagte man, habe der Bruder in

England alle ungerechten und unklugen Schritte des Bruders in Indien

gutgeheißen, bis endlich die der englischen Nation und der christlichen

Religion zur Schande gereichende Insolenz und Raubsucht den gerechten

Unwillen der einheimischen Behörden erregt hätten. Die Compagnie

erhob heftige Gegenanklagen. Im Ostindischen Hause wurde erzählt, daß

der Streit einzig und allein das Werk der Privatkaufleute sei, die

jetzt nicht nur Schleichhändler, sondern Verräther genannt wurden.

Es wurde behauptet, sie hätten durch Schmeichelei, durch Geschenke

und durch falsche Anklagen die Vicekönige des Moguls bewogen, die

Gesellschaft, welche in Asien die englische Krone repräsentire, zu

unterdrücken und zu verfolgen. Und diese Beschuldigung scheint in

der That nicht ganz ungegründet gewesen zu sein. Es ist gewiß, daß

einer der unversöhnlichsten Feinde der beiden Child sich an den Hof

Aurengzeb’s begab, sich am Palastthore aufstellte, den großen König

anredete, als er eben zu Pferde steigen wollte, und indem er eine

Petition hoch emporhielt, im Namen des gemeinschaftlichen Gottes der

Christen und Muselmänner Gerechtigkeit verlangte.[26] Ob Aurengzeb den

Beschuldigungen, welche ungläubige Franken gegen einander erhoben,

besondere Beachtung schenkte, steht zu bezweifeln. Soviel aber ist

gewiß, daß ein vollständiger Bruch zwischen seinen Vicekönigen und

den Dienern der Compagnie eintrat. Auf der See wurden die Schiffe

seiner Unterthanen von den Engländern aufgebracht. Am Lande wurden

die englischen Niederlassungen genommen und geplündert. Der Handel

stockte, und die hohen Dividenden, welche trotzdem in London noch immer

ausgezahlt wurden, flossen nicht mehr aus dem jährlichen Gewinn.

Gerade in dieser Krisis, während jeder in die Themse einlaufende

Ostindienfahrer unwillkommene Nachrichten aus dem Orient mitbrachte,

wurde die ganze Politik Sir Josias’ durch die Revolution völlig über den

Haufen geworfen. Er hatte sich geschmeichelt, daß er die Gesellschaft,

deren Oberhaupt er war, gegen die Machinationen der Schleichhändler

gesichert habe, indem er sie innig mit der stärksten Regierung verband,

die es, soweit er zurückdenken konnte, je gegeben hatte. Und diese

Regierung war gestürzt und Alles was sich an das zertrümmerte Gebäude

lehnte, begann zu wanken. Die Bestechungen waren unnütz weggeworfen; die

Verbindungen, welche die Stärke und der Stolz der Gesellschaft gewesen,

waren jetzt ihre Schwäche und ihre Schande; der König, welcher Mitglied

derselben gewesen, war ein Verbannter; der Richter, der alle ihre

exorbitantesten Ansprüche für rechtmäßig erklärt hatte, saß im

Gefängniß. Alle alten Feinde der Compagnie, verstärkt durch die großen

whiggistischen Kaufleute, welche Child aus dem Directorium entfernt

hatte, verlangten Gerechtigkeit und Rache von dem whiggistischen Hause

der Gemeinen, das so eben Wilhelm und Marien auf den Thron gesetzt.

Keine Stimme war lauter im Anklagen als die Stimme Papillon’s, der

einige Jahre vorher eifriger als irgend Jemand in London für das Monopol

gewesen war.[27] Die Gemeinen tadelten in harten Ausdrücken Diejenigen,

welche auf St. Helena kriegsrechtliche Todesurtheile gefällt hatten, und

erklärten sogar, daß einige dieser Uebelthäter von der Indemnitätsacte

ausgeschlossen werden sollten.[28] Die wichtige Frage, wie der Handel

mit dem Orient in Zukunft betrieben werden sollte, wurde einem

Ausschusse überwiesen. Der Bericht sollte am 27. Januar 1690 erstattet

werden; aber gerade an diesem Tage hörte das Parlament auf zu existiren.

Die ersten beiden Sessionen des nächstfolgenden Parlaments waren so

kurz und geschäftsreich, daß in beiden Häusern wenig über Indien

gesprochen wurde. Außerhalb des Parlaments aber wurden alle Mittel der

Polemik sowohl wie der Intrigue angewendet. Es erschienen über den

ostindischen Handel fast eben so viele Flugschriften wie über die Eide.

Der Despot von Leadenhall Street wurde mit Schmähschriften in Prosa und

in Versen verfolgt und schlechte Wortspiele auf seinen Namen gemacht. Er

wurde mit Cromwell, mit dem Könige von Frankreich, mit Goliath von Gath,

mit dem Teufel verglichen, und es wurde mit Heftigkeit für nöthig

erklärt, daß Sir Josias in jeder Acte, welche zur Regulirung unsres

Handelsverkehrs mit den östlichen Meeren erlassen werden möchte, von

aller Betheiligung ausdrücklich ausgeschlossen bleibe.[29]

Es herrschte jedoch große Meinungsverschiedenheit unter Denen, welche in

dem Hasse gegen Child und gegen die Gesellschaft, deren Oberhaupt er

war, übereinstimmten. Die Fabrikanten von Spitalfields, von Norwich, von

Yorkshire und den westlichen Grafschaften betrachteten den Handel mit

den östlichen Meeren eher als nachtheilig denn als nutzbringend für das

Königreich. Die Einfuhr von indischen Spezereiwaaren wurden zwar als

unschädlich, die Einfuhr von Salpeter sogar als nothwendig zugegeben,

die Einfuhr von Seidenstoffen und Bengals aber, wie man die Shawls

damals nannte, als ein Fluch für das Land erklärt. Die Folge des

zunehmenden Geschmacks für solchen Flitterstaat sei, daß unser Gold und

Silber außer Landes ginge und daß viele vortreffliche englische Stoffe

in unseren Waarenmagazinen von den Motten gefressen würden. Das seien

glückliche Tage für die Bewohner unserer Viehzuchtdistricte und unserer

Fabrikstädte gewesen, wo jedes Kleid, jedes Behänge, jeder Bettüberzug

aus Materialien verfertigt worden sei, die unsere eigenen Heerden,

unsere eigenen Webstühle lieferten. Wo seien jetzt die guten alten

Tapeten, welche zu den Zeiten Elisabeth’s die Wände herrschaftlicher

Wohnhäuser schmückten? Sei es nicht eine Schande, einen Gentleman,

dessen Vorfahren nur Stoffe getragen, welche englische Arbeiter aus

englischer Wolle verfertigt, in einem Callicohemd und seidenen Strümpfen

einherstolziren zu sehen? Aehnliche Beschwerden hatten einige Jahre

früher dem Parlamente die Acte abgezwungen, welche vorschrieb, daß die

Todten in wollene Gewänder eingehüllt werden sollten, und einige

sanguinische Tuchmacher hofften, daß die Legislatur durch Ausschließung

aller indischen Gewebe von unseren Häfen den Lebenden das Nämliche zur

Pflicht machen werde.[30]

Diese Ansicht beschränkte sich jedoch auf eine Minorität. Das Publikum

war in der That geneigt, die Vortheile, welche England aus dem

ostindischen Handel erwachsen konnten, eher zu hoch als zu gering

anzuschlagen. Die Frage, auf welche Weise diesem Handel am besten eine

größere Ausdehnung zu geben sei, erregte allgemeines Interesse und wurde

sehr verschieden beantwortet.

Eine kleine Partei, welche hauptsächlich aus Kaufleuten von Bristol und

anderen Provinzialseehäfen bestand, behauptete, das beste Mittel zur

Ausdehnung des Handels sei, daß man ihn freigebe. Sie führten die

wohlbekannten Argumente an, welche beweisen, daß jedes Monopol dem

Handel nachtheilig ist, und nachdem sie die allgemeine Regel

festgestellt, fragten sie, warum der Handel zwischen England und Indien

als eine Ausnahme von dieser Regel betrachtet werden solle. Es müsse,

sagten sie, jedem Kaufmanne gestattet sein, aus jedem Hafen eine

Waarenladung nach Surate oder nach Canton zu senden, wie er jetzt eine

solche nach Hamburg oder Lissabon sendete.[31] In unseren Tagen werden

diese Ansichten nicht nur als richtig, sondern als allgemein anerkannt

und in die Augen springend betrachtet werden; im 17. Jahrhundert aber

wurden sie für paradox gehalten. Damals hielt man es allgemein für eine

unumstößliche und fast selbstverständliche Wahrheit, daß unser Handel

mit den Ländern jenseit des Caps der guten Hoffnung nur durch eine

Actiengesellschaft vortheilhaft betrieben werden könne. Unser

europäischer Handel, sagte man, habe keine Aehnlichkeit mit unsrem

indischen Handel. Mit den europäischen Staaten stehe unsre Regierung in

diplomatischen Beziehungen, und es könne, wenn nöthig, leicht eine

Flotte von hier nach der Mündung der Elbe oder des Tajo geschickt

werden. Am Hofe von Agra oder Peking aber hatten die Könige von England

keinen Gesandten, und es befinde sich nur selten ein englisches

Kriegsschiff innerhalb zehntausend Meilen von der Bai von Bengalen oder

dem Golf von Siam. Da unsere Kaufleute in diesen entfernten Meeren von

ihrem Souverain nicht beschützt werden könnten, so müßten sie sich

selbst beschützen und zu dem Ende einige Souverainetätsrechte ausüben.

Sie müßten Forts, Garnisonen und bewaffnete Schiffe haben, sie müßten

Gesandtschaften abschicken und empfangen, mit dem einen asiatischen

Fürsten einen Allianzvertrag schließen, mit dem andren Krieg führen

dürfen. Daß aber jeder einzelne Kaufmann diese Befugniß unabhängig von

den anderen haben könne, sei offenbar unmöglich. Die nach Ostindien

Handel treibenden Kaufleute müßten daher zu einer Corporation verbunden

werden, die wie ein Mann handeln könne. Zur Unterstützung dieser

Argumente wurde das Beispiel der Holländer angeführt und allgemein für

entscheidend gehalten. Denn der unermeßliche Reichthum Holland’s wurde

damals allenthalben mit Bewunderung betrachtet, die um so aufrichtiger

war, als sich Neid und Haß in reichem Maße damit verbanden. In Allem was

sich auf den Handel bezog, galten seine Staatsmänner für Orakel und

seine Institutionen für Muster.

Die große Mehrzahl Derer, welche die Compagnie angriffen, griff sie

daher nicht deshalb an, weil sie mit einem Actienkapital arbeite und

ausschließende Privilegien besitze, sondern weil sie von einem einzelnen

Manne geleitet werde und weil dessen Leitung dem Publikum nachtheilig

und nur für ihn selbst und seine Creaturen gewinnbringend gewesen sei.

Das naheliegende Mittel zur Beseitigung der Uebelstände, die seine

Mißverwaltung erzeugt habe, sei, das Monopol einer neuen Corporation zu

ertheilen, welche so constituirt werden müsse, daß sie nicht in Gefahr

kommen könne, der Herrschaft eines Despoten oder einer kleinen

Oligarchie anheimzufallen. Viele Personen, welche gern Mitglieder einer

solchen Corporation werden wollten, traten zu einer Gesellschaft

zusammen, unterzeichneten einen Societätsvertrag und übertrugen die

Wahrung ihrer Interessen einem Ausschusse, in welchem sich einige der

vornehmsten Kaufleute der City befanden. Obwohl diese Gesellschaft in

den Augen des Gesetzes keine Persönlichkeit war, so wurde sie doch sehr

bald im Publikum als die Neue Compagnie bezeichnet, und die

Feindseligkeiten zwischen der Neuen Compagnie und der Alten Compagnie

verursachten wenigstens in dem geschäftigen Bienenstocke, dessen

Mittelpunkt die Börse war, fast eben so große Aufregung und Spannung wie

die Feindseligkeiten zwischen den Verbündeten und dem Könige von

Frankreich. Das Hauptquartier der jungen Compagnie war in Dowgate, die

Rauchwaarenhändler liehen derselben ihre stattliche Halle, und die

Verhandlungen wurden in einem Zimmer gehalten, das wegen des Wohlgeruchs

berühmt war, den das prächtige Wandgetäfel von Cedernholz

ausströmte.[32]

Während der Streit am heftigsten war, kamen wichtige Nachrichten aus

Ostindien und wurden in der London Gazette als im höchsten Grade

befriedigend angekündigt. Es sei zwischen dem Großmogul und den

Engländern Friede geschlossen worden, und dieser mächtige Potentat habe

nicht nur seine Truppen aus den Factoreien zurückgezogen, sondern auch

der Compagnie Privilegien ertheilt, die sie nie zuvor besessen. Bald

jedoch erschien eine ganz andre Version der Geschichte. Child’s Feinde

hatten ihn schon vor dieser Zeit der systematischen Verbreitung falscher

Nachrichten beschuldigt. Jetzt, sagten sie, habe er sich im Lügen selbst

übertroffen. Sie hatten sich eine authentische Abschrift des Fermans

verschafft, der dem Kriege ein Ende gemacht, und sie druckten eine

Uebersetzung desselben ab. Es ergab sich daraus, daß Aurengzeb den

Engländern in Anbetracht ihrer Reue und eines großen Tributs in

geringschätzender Weise Verzeihung für ihre früheren Vergehen gewährt,

sie ermahnt, sich in Zukunft besser zu benehmen, und ihnen im Tone eines

Gebieters befohlen hatte, den Hauptsünder, Sir John Child, von Macht und

Vertrauensstellung zu entfernen. Sir John starb zu so gelegener Zeit,

daß dieser Befehl nicht befolgt werden konnte. Aber es war nur zu

augenscheinlich, daß der Friedensschluß, den die Directoren des

Ostindischen Hauses als vortheilhaft und ehrenvoll dargestellt hatten,

in Wirklichkeit unter Bedingungen stattgefunden, welche den englischen

Namen zur Schande gereichten.[33]

Die zwischen der Compagnie in Leadenhall Street und der Compagnie in

Dowgate über diesen Gegenstand fortwüthende Polemik erhielt während des

Sommers 1691 die City in beständiger Aufregung. Im Herbste war das

Parlament nicht sobald zusammengetreten, als auch beide streitende

Parteien dem Hause der Gemeinen Petitionen einreichten.[34] Die

Petitionen wurden sogleich in ernste Erwägung gezogen und Beschlüsse von

hoher Wichtigkeit gefaßt. Die erste Resolution lautete, daß der Handel

mit Ostindien dem Königreiche Nutzen bringe, die zweite, daß der Handel

mit Ostindien am besten durch eine mit ausschließenden Privilegien

versehene Actiengesellschaft betrieben werden könne.[35] Es war demnach

klar, daß weder die Fabrikanten, welche den Handel verbieten, noch die

Kaufleute in den Hafenstädten, die ihn frei geben wollten, die geringste

Aussicht hatten, ihren Zweck zu erreichen. Die Frage drehte sich nur

noch um die Alte und die Neue Compagnie. Siebzehn Jahre verflossen, ehe

diese Frage aufhörte, die politischen wie commerciellen Kreise zu

beunruhigen. Sie wurde der Ehre und Macht eines großen Ministers

verderblich und vernichtete den Frieden und das Glück vieler

Privatfamilien. Die Schriften, welche die beiden rivalisirenden

Gesellschaften gegen einander vom Stapel ließen, sind nicht zu zählen.

Wenn man der dramatischen Literatur jener Zeit glauben darf, war die

Fehde zwischen dem Indischen Hause und der Kürschnerhalle in London

zuweilen ein eben so ernstes Hinderniß für den glücklichen Verlauf von

Liebesverhältnissen, wie es in Verona die Fehde zwischen den Capuleti

und den Montechi gewesen war.[36] Welche von den beiden streitenden

Parteien die stärkere war, ist nicht leicht zu sagen. Die neue Compagnie

wurde von den Whigs, die alte von den Tories unterstützt. Die neue

Compagnie war populär, denn sie machte große Versprechungen und man

konnte sie noch nicht beschuldigen, ihre Versprechungen nicht gehalten

zu haben; sie erzielte noch keine Dividenden und wurde daher nicht

beneidet; sie besaß noch nicht die Macht zu tyrannisiren, und hatte sich

daher noch keiner Tyrannei schuldig gemacht. Die alte Compagnie dagegen

hatte, obgleich das Publikum sie im allgemeinen nicht mit günstigem Auge

betrachtete, den großen Vortheil, daß sie im Besitz war und nur in der

Defensive zu verharren brauchte. Die schwere Aufgabe, einen Plan zur

Regulirung des Ostindischen Handels zu entwerfen und zu beweisen, daß

dieser Plan besser sei als der bisher befolgte, lastete auf der neuen

Compagnie. Die alte Compagnie brauchte nur Einwendungen gegen jede

vorgeschlagene Veränderung zu machen, und solche Einwendungen waren eben

nicht schwer zu finden. Die Mitglieder der neuen Compagnie waren

schlecht versehen mit den Mitteln, sich bei Hofe und im Parlamente

Unterstützung zu erkaufen, sie hatten keine corporative Existenz, keine

gemeinsame Kasse. Wenn einer von ihnen eine Bestechungssumme gab, so gab

er sie aus seiner Tasche mit geringer Aussicht, sie ersetzt zu bekommen.

Die alte Compagnie aber war, wenn auch von Gefahren umgeben, noch immer

im Besitz ihrer ausschließenden Privilegien und verdiente noch immer

enorme Summen. Ihre Actien waren zwar seit den goldenen Tagen Karl’s II.

bedeutend gefallen; aber hundert Pfund wurden noch immer mit

hundertzweiundzwanzig verkauft.[37] Nachdem den Actionären eine hohe

Dividende ausgezahlt war, blieb noch immer ein Ueberschuß, der damals

vollkommen hingereicht haben würde, das halbe Cabinet zu bestechen, und

dieser Ueberschuß stand zur unumschränkten Verfügung eines geschickten,

entschlossenen und nicht skrupulösen Mannes, der den Kampf mit

wunderbarer Gewandtheit und Beharrlichkeit fortführte.

Die Majorität der Gemeinen wünschte einen Vergleich zu Stande zu

bringen, die alte Compagnie beizubehalten, sie aber zu reorganisiren,

ihr neue Bedingungen zu stellen und ihr die Mitglieder der neuen

Compagnie einzuverleiben. Zu dem Ende wurde nach langen und heftigen

Debatten und mehrfachen Abstimmungen beschlossen, daß das Kapital auf

anderthalb Millionen erhöht werden solle. Um zu verhindern, daß ein

Einzelner oder eine kleine Junta die ganze Gesellschaft dominire, wurde

beschlossen, daß fünftausend Pfund Actien der höchste Betrag sein solle,

den ein einzelner Actionär besitzen dürfe, und daß Die, welche noch mehr

besaßen, aufgefordert werden sollten, den Mehrbetrag zu jedem Preise

nicht unter Pari zu verkaufen. Als Entgelt für das ausschließliche

Privilegium, nach den östlichen Meeren Handel zu treiben, sollte die

Compagnie der Krone jährlich fünfhundert Tons Salpeter zu einem

niedrigen Preise liefern und jährlich für zweihunderttausend Pfund

englische Manufacturwaaren ausführen.[38]

Eine auf diese Resolutionen basirte Bill wurde eingebracht, zweimal

gelesen und einem Ausschusse überwiesen, aber fallen gelassen in Folge

der bestimmten Weigerung Child’s und seiner Genossen, die angebotenen

Bedingungen anzunehmen. Er hatte gegen jeden Theil des Planes etwas

einzuwenden, und seine Einwendungen sind höchst interessant und

ergötzlich. Der große Monopolist stellte sich auf den Standpunkt der

Freihandelsprinzipien und setzte in einer äußerst scharfsinnig und

gewandt geschriebenen Abhandlung die Absurdität der von den Gemeinen

ersonnenen Auswege auseinander. Den Betrag der Actien zu beschränken,

die in einer Hand vereinigt sein dürften, sei höchst unvernünftig, sagte

er. Ein Actionär, dessen ganzes Vermögen bei dem Erfolge des

ostindischen Handels auf dem Spiele stehe, werde sicherlich weit eher

alle seine Fähigkeiten zur Beförderung dieses Handels aufbieten als

einer, der nur soviel riskirt habe, als er ohne großen Nachtheil

verlieren könne. Dem Verlangen, daß der Krone Salpeter für einen

bestimmten Preis geliefert werden solle, stellte Child die unsrer

Generation bekannten Argumente entgegen, welche bewiesen, daß man die

Preise sich selbst regeln lassen müsse. Auf das Verlangen, daß die

Compagnie sich verpflichten solle, jährlich für zweihunderttausend Pfund

englische Manufacturwaaren auszuführen, erwiederte er sehr richtig, daß

die Compagnie sehr gern für zwei Millionen ausführen würde, wenn der

Markt soviel bedürfe, daß es aber, wenn der Markt überführt sei, reiner

Wahnsinn sein würde, gute Zeuge um die halbe Welt zu senden, um von den

weißen Ameisen gefressen zu werden. Es habe sich, erklärte er sehr

treffend, nie als zweckmäßig erwiesen, dem Handel Fesseln anzulegen, die

ihn, anstatt sein Aufblühen und seine Entwicklung zu befördern, entweder

vernichten oder in falsche Bahnen drängen müßten.

Durch Child’s hartnäckigen Widerstand gereizt, überreichten die Gemeinen

dem Könige eine Adresse, welche ihn ersuchte, die alte Compagnie

aufzulösen und einer neuen Compagnie eine Concession unter denjenigen

Bedingungen zu ertheilen, welche der Weisheit Sr. Majestät passend

erscheinen dürften.[39] Aus dem Wortlaute dieser Adresse ist klar

ersichtlich, daß die Gemeinen den König nach der Verfassung für

berechtigt hielten, ein ausschließliches Privilegium zum Handel nach

Ostindien zu ertheilen.

Der König erwiederte, der Gegenstand sei höchst wichtig, er werde ihn

reiflich erwägen und demnächst dem Hause eine bestimmtere Antwort

geben.[40] Im Parlament wurde während dieser Session nicht mehr von dem

Gegenstande gesprochen; außerhalb des Parlaments aber war der Krieg

heftiger als je, und die Kämpfenden nahmen es keineswegs genau mit den

Mitteln, deren sie sich bedienten. Die Hauptwaffen der neuen Compagnie

waren Schmähschriften, die Hauptwaffen der alten Compagnie waren

Bestechungen.

In der nämlichen Woche, in welcher die Bill zur Regulirung des

ostindischen Handels fallen gelassen wurde, erfuhr eine andre Bill, die

große Aufregung verursacht und eine fast beispiellose Entfaltung

parlamentarischer Gewandtheit hervorgerufen hatte, das nämliche

Schicksal.

[_Debatten über die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in

Hochverrathsfällen._] Während der letzten acht Jahre vor der Revolution

hatten die Whigs bittere und eben so gerechte als bittere Klage geführt

über das harte Verfahren, welches gegen politisch Angeklagte angewendet

werde. Sei es nicht empörend, fragten sie, einem Angeklagten die

Einsicht in seine Anklage zu verweigern? Oft habe ein unglücklicher

Gefangener nicht eher erfahren, welches Vergehens er angeklagt war, als

bis er an der Schranke die Hand erhoben habe. Das ihm zur Last gelegte

Verbrechen könne ein Anschlag sein, den König zu erschießen oder zu

vergiften; je unschuldiger der Angeklagte sei, um so weniger könne er

den Character der Anklage, auf welche hin ihm der Prozeß gemacht werde,

errathen, und wie könne er Beweise zur Entkräftung einer Anklage in

Bereitschaft haben, deren Natur er nicht einmal ahnete? Die Krone habe

die Macht, Belastungszeugen zum Erscheinen zu zwingen; der Gefangene

habe diese Macht nicht. Wenn Zeugen freiwillig aufträten, um zu seinen

Gunsten zu sprechen, so könnten sie nicht vereidigt werden, und ihre

Aussage mache daher weniger Eindruck auf eine Jury, als die Aussage der

Belastungszeugen, deren Wahrhaftigkeit durch die feierlichsten

Sanctionen des Gesetzes und der Religion verbürgt werde. Die

Geschwornen, sorgfältig gewählt durch von der Krone ernannte Sheriffs,

beständen aus Männern, welche vom heftigsten Parteigeiste beseelt seien

und für einen Exclusionisten oder Dissenter so wenig Theilnahme fühlten,

wie für einen tollen Hund. Die Regierung habe eine Schaar geschickter,

erfahrener und gewissenloser Juristen zu ihrer Verfügung, die auf den

ersten Blick jede schwache und jede starke Seite eines Rechtsfalles

unterscheiden könnten, die ihre Geistesgegenwart nie verlasse, deren

Redefluß unerschöpflich sei und die ihr ganzes Leben damit verbracht

hätten, schlechte Gründe so herzurichten, daß sie aussähen wie gute. Sei

es nicht entsetzlich, drei oder vier solcher schlauer, gelehrter und

herzloser Redner einem Unglücklichen gegenübergestellt zu sehen, der in

seinem Leben noch kein Wort öffentlich gesprochen habe, der weder die

legale Definition des Wortes Hochverrath noch die ersten Prinzipien des

Zeugenbeweises kenne und dessen im besten Falle einem Kampfe mit

berufsmäßigen Gladiatoren nicht gewachsener Verstand durch die nahe

Aussicht auf einen grausamen und schimpflichen Tod noch mehr in

Verwirrung gebracht werde? Dies sei indessen die allgemeine Regel, und

selbst für einen Mann, der so durch Krankheit geschwächt sei, daß er die

Hand nicht emporhalten könne, selbst für eine arme bejahrte Frau, die

von Allem was vorgehe nichts weiter begreife, als daß sie wegen eines

Werkes der Barmherzigkeit lebendig gebraten werden solle, dürfe kein

Advokat ein Wort der Vertheidigung sprechen. Daß ein so geführter

Staatsprozeß nicht viel besser sei als ein Justizmord, war seit der

Proscription der Whigpartei ein Fundamentalartikel des whiggistischen

Glaubens. Die Tories dagegen, obwohl sie nicht in Abrede stellen

konnten, daß einige harte Beispiele vorgekommen waren, behaupteten, es

sei im Ganzen materielle Gerechtigkeit geübt worden. Einige wenige

Aufwiegler, die der Grenze des Hochverraths sehr nahe gekommen seien,

sie aber nicht wirklich überschritten hätten, könnten vielleicht als

Hochverräther bestraft worden sein. Aber sei dies ein hinreichender

Grund, die Häupter des Ryehousecomplots und des Aufstandes im Westen in

den Stand zu setzen, sich durch bloße Schikanen der verdienten Strafe zu

entziehen? Warum sollte der Hochverräther Aussichten zum Entrinnen

haben, die dem gemeinen Verbrecher nicht zugestanden würden? Der eines

Eigenthumsvergehens Angeklagte unterliege ebenfalls allen Nachtheilen,

welche bei Königsmördern und Rebellen für so ungerecht gehalten würden,

und doch bedaure ihn kein Mensch. Niemand halte es für monströs, daß er

keine Zeit habe, eine Abschrift seiner Anklage zu studiren, daß seine

Zeugen vernommen würden, ohne vereidigt zu sein, daß er sich selbst ohne

den Beistand eines Rechtsanwalts, gegen die besten Talente, welche die

Inns of Courts liefern konnten, vertheidigen müsse. Die Whigs sparten,

wie es scheine, all’ ihr Mitleid für diejenigen Verbrechen auf, welche

die Regierung umstürzten und das ganze Gebäude der menschlichen

Gesellschaft zerstörten. Guy Faux solle mit einer Nachsicht behandelt

werden, die auf einen Einbrecher nicht ausgedehnt werden solle. Bradshaw

solle Vorrechte haben, welche einem Burschen, der einen Hühnerstall

bestohlen, verweigert werden sollten.

Die Revolution brachte, wie zu erwarten stand, einige Veränderung in den

Gesinnungen der beiden großen Parteien hervor. Zu den Zeiten wo nur

Rundköpfe und Nonconformisten des Hochverraths angeklagt wurden, waren

selbst die humansten und rechtschaffensten Cavaliere der Meinung, daß

die Gesetze, welche das Bollwerk des Thrones bildeten, kaum zu hart sein

könnten. Sobald aber loyale Torygentlemen und ehrwürdige Väter der

Kirche in Gefahr waren, wegen Correspondirens mit Saint-Germains zur

Verantwortung gezogen zu werden, ging in vielen Köpfen, welche in dem

Verfahren gegen Algernon Sidney und Alice Lisle nicht die mindeste

Ungerechtigkeit zu entdecken vermocht hatten, ein neues Licht auf. Die

Behauptung, daß einem des Hochverraths Angeklagten billigerweise einige

Vortheile eingeräumt werden könnten, die einem gemeinen Verbrecher

vorenthalten werden müßten, wurde nicht mehr für so ganz ungereimt

erklärt. War es wohl wahrscheinlich, daß ein Sheriff eine Jury

bestechen, daß ein Advokat alle Kunstgriffe der Sophistik und Rhetorik

aufbieten würde, um einen Unschuldigen eines Einbruchs oder

Schafdiebstahls zu überführen? In einem Hochverrathsprozesse aber mußte

ein freisprechendes Verdict jederzeit als eine Niederlage für die

Regierung betrachtet werden, und es war nur zu viel Grund zu der

Befürchtung vorhanden, daß viele Sheriff’s, Advokaten und Richter durch

Parteigeist oder durch noch niedrigere Motive bewegen werden würden,

etwas zu thun, was der Regierung den Nachtheil und die Schande einer

Niederlage ersparte. Der allgemeine Ruf der Tories war, daß das Leben

guter Engländer, welche zufällig den bestehenden Gewalten entgegen

wären, nicht hinlänglich geschützt sei, und dieser Ruf wurde durch die

Stimmen einiger Juristen verstärkt, die sich durch den böswilligen Eifer

und die schimpfliche Gewandtheit ausgezeichnet, mit denen sie in den

Tagen Karl’s und Jakob’s Staatsprozesse geleitet hatten.

Die Gesinnung der Whigs hatte zwar nicht, wie die der Tories, eine

vollständige Umwandlung erfahren, war aber doch auch nicht mehr ganz die

nämliche wie früher. Einige, die es für höchst ungerecht gehalten

hatten, daß Russell keinen Vertheidiger und Cornish keine Abschrift

seiner Anklage haben sollte, begannen jetzt zu murmeln, daß die Zeiten

sich geändert hätten, daß der Staat von den größten Gefahren bedroht

sei, daß Freiheit, Eigenthum, Religion und nationale Unabhängigkeit auf

dem Spiele ständen, daß viele Engländer mit Anschlägen beschäftigt

seien, welche bezweckten, England zum Sklaven Frankreich’s und Rom’s zu

machen, und daß es höchst unklug sein würde, in einem solchen

Augenblicke die Gesetze gegen politische Vergehen zu mildern. Allerdings

habe die Ungerechtigkeit, mit der Staatsprozesse unter den letzten

Regierungen geführt worden seien, großes Aergerniß erregt; aber diese

Ungerechtigkeit müsse den schlechten Königen und den schlechten Richtern

zugeschrieben werden, mit denen das Land heimgesucht gewesen sei. Jetzt

aber sei Wilhelm auf dem Throne, Holt sitze auf Lebenszeit auf der

Richterbank, und Wilhelm werde so schimpfliche und ruchlose Dienste wie

die, für welche der verbannte Tyrann Jeffreys mit Reichthümern und

Ehrentiteln belohnt habe, ebensowenig je verlangen, wie Holt sie jemals

leisten werde. Diese Sprache führten jedoch anfangs nur Wenige. Die

Whigs in ihrer Gesammtheit scheinen eingesehen zu haben, daß sie in der

Zeit des Glücks ehrenhafterweise nicht etwas vertheidigen konnten, was

sie in der Zeit ihrer Bedrängniß stets als ein schreiendes Unrecht

bezeichnet hatten. Eine Bill zur Regulirung des Verfahrens in

Hochverrathsfällen wurde im Hause der Gemeinen eingebracht und mit

allgemeinem Beifall begrüßt. Treby hatte den Muth, einige Einwendungen

zu machen, aber es fand keine Abstimmung statt. Die Hauptbestimmungen

waren, daß Niemand wegen eines Hochverraths verurtheilt werden solle,

den er mehr als drei Jahre vor seiner Versetzung in den Anklagestand

begangen, daß es jedem des Hochverraths Angeklagten gestattet sein

solle, sich eines Rechtsbeistandes zu bedienen, und daß ihm zehn Tage

vor Eröffnung der Gerichtsverhandlungen eine Abschrift der Anklage sowie

eine Liste der Angesessenen, aus deren Mitte die Jury zu erwählen war,

geliefert werden solle; daß ferner seine Zeugen vereidigt und daß sie

durch das nämliche Verfahren vorgeladen werden sollten, durch welches

das Erscheinen der gegen ihn auftretenden Belastungszeugen gesichert

wurde.

Die Bill wurde dem Oberhause vorgelegt und kam mit einem wichtigen

Amendement zurück. Die Lords hatten sich schon längst über die anomale

und unbillige Einrichtung des Tribunals beklagt, das in Fällen, wo es

sich um Leben und Tod handelte, die Jurisdiction über sie hatte. Wenn

eine große Jury eine gegen einen weltlichen Peer wegen eines schweren

Vergehens erhobene Anklage für begründet erfunden hat, so ernennt die

Krone einen Lord High Steward und vor dem Gerichtshofe des Lord High

Steward wird der Fall verhandelt. Dieser Gerichtshof wurde früher auf

zwei verschiedene Arten gebildet. Wenn das Parlament gerade versammelt

war, bestand er aus sämmtlichen Mitgliedern des Oberhauses; war es nicht

versammelt, so berief der Lord High Steward zwölf oder mehr Peers, je

nach seinem Belieben, um eine Jury zu bilden. Die Folge davon war, daß

ein Peer, der während eines Parlamentsabschiedes wegen Hochverraths

angeklagt war, durch eine Jury abgeurtheilt wurde, die seine Ankläger so

zusammengesetzt hatten, wie sie es ihren Zwecken dienlich hielten. Jetzt

verlangten die Peers, daß jeder des Hochverraths angeklagte Peer während

eines Parlamentsabschiedes wie während einer Session durch sämmtliche

Peers abgeurtheilt werden sollte.

Das Haus der Gemeinen widersetzte sich dem Verlangen mit einer

Heftigkeit und Hartnäckigkeit, welche Männer der gegenwärtigen

Generation schwer begreifen werden. Das kam daher, weil einige gehässige

Privilegien der Pairie, welche seitdem abgeschafft worden und einige

andere, welche ganz außer Gebrauch gekommen sind, damals noch in voller

Kraft waren und täglich ausgeübt wurden. Kein Gentleman, der mit einem

Nobleman einen Streit gehabt, konnte sich ohne Unwillen der Vortheile

erinnern, welche die begünstigte Kaste genoß. Wurde Se. Lordschaft

gerichtlich belangt, so setzte ihn sein Privilegium in den Stand, den

Gang der Justiz zu hemmen. Wurde ein hartes Wort über ihn geäußert, ein

Wort, wie er selbst es völlig ungestraft aussprechen durfte, so konnte

er sein verletztes Ansehen durch Civil- und Criminalklagen rächen. Wenn

ein Advokat bei Ausübung seiner Pflicht gegen einen Clienten sich mit

Strenge über das Benehmen eines hochadeligen Verführers aussprach, wenn

ein rechtschaffener Squire auf der Rennbahn die Kniffe eines

hochgebornen Schwindlers beim rechten Namen nannte, so brauchte der

beleidigte Patrizier nur bei der stolzen und mächtigen Körperschaft,

deren Mitglied er war, Klage zu führen. Seine Standesgenossen machten

die Sache zu ihrer eignen, der Beleidiger wurde in Gewahrsam des

schwarzen Stabes gebracht, vor die Schranke geführt, ins Gefängniß

geworfen und so lange darin gelassen, bis er froh war, durch die

erniedrigendsten Unterwürfigkeitsbezeigungen Vergebung zu erlangen. Es

konnte daher nichts natürlicher sein, als daß ein Versuch der Peers, ein

neues Vorrecht für ihren Stand zu erlangen, von den Gemeinen mit der

heftigsten Eifersucht betrachtet wurde. Es ist starker Grund zu der

Vermuthung vorhanden, daß einige geschickte whiggistische Politiker, die

es für gefährlich hielten, die Gesetze gegen politische Vergehen in

diesem Augenblicke zu mildern, die aber, ohne den Vorwurf der

Inconsequenz auf sich zu laden, sich nicht jeder Milderung abgeneigt

erklären konnten, die Hoffnung hegten, daß sie durch Anschürung des

Streits wegen des Gerichtshofes des Lord High Steward, die Annahme einer

Bill, die ihnen mißfiel, der sie sich aber schicklicherweise nicht

widersetzen durften, um wenigstens ein Jahr würden hinausschieben

können. Wenn dies wirklich ihr Plan war, so gelang derselbe vollkommen.

Das Unterhaus verwarf das Amendement, das Oberhaus bestand darauf; es

ward eine freie Conferenz gehalten und die Frage wurde auf beiden Seiten

mit großem Geschick und Scharfsinn discutirt.

Die Gründe zu Gunsten des Amendements sind in die Augen springend und

scheinen auf den ersten Anblick unwiderlegbar. Es war gewiß nicht

leicht, ein System zu vertheidigen, nach welchem der Souverain ein

Conclave seiner eigenen Creaturen ernannte, um das Schicksal von Männern

zu entscheiden, die er als seine Todfeinde betrachtete. Konnte es wohl

etwas Widersinnigeres geben, als daß ein des Hochverraths angeklagter

Cavalier berechtigt sein sollte, durch die Gesammtheit seiner Peers

abgeurtheilt zu werden, wenn seine Anklage zufällig eine Minute vor

einer Prorogation ins Haus der Lords kam, daß er aber, wenn seine

Anklage eine Minute nach der Prorogation eintraf, der Gewalt einer durch

die nämliche Behörde, die ihn anklagte, ernannten kleinen Junta

preisgegeben sein sollte? Es scheint unglaublich, daß etwas für die

andre Seite gesagt werden konnte; aber die Vertreter der Gemeinen bei

der Conferenz waren keine gewöhnlichen Menschen und boten bei dieser

Gelegenheit ihren ganzen Scharfsinn auf. Unter ihnen zeichnete sich

besonders Karl Montague aus, der sich rasch zu einer der ersten Stellen

unter den Rednern der damaligen Zeit emporschwang. Ihm scheint bei

dieser Gelegenheit die Wortführung überlassen worden zu sein, und seiner

Feder verdanken wir einen Bericht über die Discussion, der eine hohe

Meinung von seinen Talenten zur Debatte giebt. „Wir haben” -- so lautete

in der Hauptsache sein Raisonnement -- „ein Gesetz entworfen, das nichts

Ausschließendes in sich hat, ein Gesetz, das für alle Klassen, von der

höchsten bis zur niedrigsten, eine Wohlthat sein wird. Die neuen

Schutzmittel, welche wir der durch Macht unterdrückten Unschuld zu

gewähren vorschlagen, kommen dem vornehmsten Peer wie dem ärmsten

Tagelöhner zu Gute. Die Klausel, welche einen Verjährungstermin für

Anklagen festsetzt, schützt uns alle gleichmäßig. Jedem des größten

Verbrechens gegen den Staat angeklagten Engländer, welchen Standes er

auch sei, bewilligen wir das Privilegium, seine Anklage einzusehen, das

Privilegium, sich durch einen Rechtsanwalt vertheidigen zu lassen, das

Privilegium, daß seine Zeugen unter Strafandrohung vorgeladen und auf

das Evangelium vereidigt werden. So lautete die Bill, die wir Euren

Lordschaften zugeschickt haben, und Sie senden uns dieselbe mit einer

Klausel zurück, welche bezweckt, Ihrem edlen Stande auf Kosten der alten

Prärogativen der Krone gewisse Vortheile zu geben. Bevor wir

einwilligen, dem Könige irgend eine Befugniß zu entziehen, die seine

Vorgänger seit Jahrhunderten besessen haben, und sie Euren Lordschaften

zu geben, müssen wir doch sicherlich erst überzeugt sein, daß wir von

Ihnen eher eine gute Anwendung derselben erwarten dürfen als von ihm.

Etwas müssen wir wagen, Jemandem müssen wir vertrauen, und da wir ganz

gegen unsren Willen gezwungen sind, einen Vergleich zu ziehen, der

nothwendig ein gehässiges Ansehen haben muß, so gestehen wir Ihnen, daß

wir keinen Grund zu dem Glauben zu entdecken vermögen, daß einem Fürsten

weniger zu trauen sei als einer Aristokratie. Ist es billig, fragen Sie,

daß Sie durch einige wenige von der Krone erwählte Mitglieder Ihres

Hauses auf Leben und Tod abgeurtheilt werden sollen? Ist es billig,

fragen wir dagegen, daß Sie das Privilegium haben sollen, durch alle

Mitglieder Ihres Hauses, das heißt durch Ihre Brüder, Ihre Oheime, Ihre

Vettern, Ihre Schwiegerväter, Ihre Schwäger und Ihre intimsten Freunde

abgeurtheilt zu werden? Ihre Familien verheirathen sich so vielfach mit

einander, Sie leben soviel in gegenseitiger Gesellschaft, daß es kaum

einen Nobleman giebt, der nicht durch Blutsverwandtschaft oder

Verschwägerung mit mehreren anderen verbunden wäre und nicht außerdem

mit mehreren auf freundschaftlichem Fuße stände. Es hat vornehme Männer

gegeben, deren Tod ein Dritttheil oder ein Viertheil der Barone

England’s in Trauer versetzte. Auch ist keine große Gefahr vorhanden,

daß selbst diejenigen Peers, die mit einem angeklagten Lord nicht

verwandt sind, geneigt sein werden, ihn aufs Schaffot zu bringen, wenn

sie mit Anstand sagen können: „Nichtschuldig, auf meine Ehre.” Denn der

schimpfliche Tod eines einzigen Mitgliedes einer kleinen

aristokratischen Kaste läßt nothwendig einen Flecken auf dem Rufe seiner

Standesgenossen zurück. Wenn Eure Lordschaften vorschlügen, daß jeder

der Ihrigen gezwungen sein sollte, zu erscheinen und seine Stimme

abzugeben, dann würde die Krone vielleicht einige Aussicht haben, gegen

einen schuldigen Peer, so zahlreiche Verbindungen er auch haben möchte,

Gerechtigkeit zu erlangen. Aber Sie schlagen vor, daß das Erscheinen

freiwillig sein soll. Kann Jemand in Zweifel darüber sein, was die Folge

sein wird? Alle Verwandten und Freunde des Gefangenen werden sich

einfinden, um für ihn zu stimmen. Gutmüthigkeit und die Furcht sich

mächtige Feinde zu machen, wird Viele zurückhalten, denen ihr Gewissen

und ihre Ehre gebieten würde, gegen ihn zu stimmen. Das von Ihnen

vorgeschlagene neue System würde daher offenbar ungerecht gegen die

Krone sein, und Sie führen keinen Grund an, aus welchem hervorginge, daß

sich das alte System in der Praxis als ungerecht gegen Sie erwiesen

hätte. Wir können fest behaupten, daß selbst unter einer weniger

gerechten und milden Regierung als die, unter der wir zu leben das Glück

haben, ein unschuldiger Peer von irgend einer Auswahl von Peers, die in

Westminster Hall zusammentreten kann, um über ihn abzuurtheilen, wenig

zu fürchten hat. Wo ist ein Factum? In welchem einzelnen Falle ist durch

das Verdict dieser parteiisch gewählten Jury ein schuldloses Haupt

gefallen? Es würde leicht sein, eine lange Liste von Squires,

Kaufleuten, Advokaten, Aerzten, Freisassen, Handwerkern und Landleuten

aufzustellen, deren in den jüngstvergangenen schlimmen Zeiten barbarisch

vergossenes Blut zum Himmel um Rache schreit. Aber welches Mitglied

Ihres Hauses erlitt in unseren Tagen, oder in den Tagen unserer Väter,

oder in den Tagen unserer Großväter durch einen Ausspruch des

Gerichtshofes des Lord High Steward ungerechterweise den Tod? Hunderte

aus dem Volke wurden durch gewöhnliche Juries wegen des Ryehousecomplots

und des Aufstandes im Westen zum Galgen geschickt. Ein Peer, und nur ein

einziger, Mylord Delamere, wurde damals vor den Gerichtshof des Lord

High Steward gestellt und freigesprochen. Ja, wird man sagen, weil die

gegen ihn vorliegenden Beweise gesetzlich ungenügend waren. Mag sein.

Aber eben so war es mit den Beweisen gegen Sidney, gegen Cornish und

gegen Alice Lisle, und doch genügten sie, um diese zu verderben. Aber,

wird man sagen, die Peers, vor welche Mylord Delamere gestellt wurde,

waren vom König Jakob und von Jeffreys mit schamloser Parteilichkeit

ausgewählt. Zugegeben. Aber dies beweist nur, daß unter dem möglichst

schlechten Könige und unter dem möglichst schlechten Oberrichter ein von

Lords gerichteter Lord immer noch mehr Aussicht hat, mit dem Leben davon

zu kommen, als ein gemeiner Mann, der an sein Vaterland appellirt. Wir

können daher unter der milden Regierung, die wir jetzt besitzen, keine

große Besorgniß wegen der Sicherheit eines unschuldigen Peers hegen.

Möchten wir eben so unbesorgt wegen der Sicherheit dieser Regierung sein

können! Aber es ist notorisch, daß die Ordnung der Dinge, mit der unsere

Freiheiten untrennbar verbunden sind, zu gleicher Zeit von fremden und

von einheimischen Feinden angegriffen wird. Wir können unter so

kritischen Verhältnissen uns nicht dazu verstehen, die Zügel zu lockern,

die sich, wie wir mit gutem Grunde fürchten, schon als zu locker

erwiesen haben, um einige hochgestellte Männer abzuhalten, Anschläge auf

den Untergang ihres Vaterlandes zu machen. Um Alles noch einmal

zusammenzufassen, so verlangt man von uns, daß wir einwilligen sollen,

eine gewisse Gewalt von Ihren Majestäten auf Ihre Lordschaften zu

übertragen. Unsre Antwort darauf ist: daß Ihre Majestäten unsrer Meinung

nach gegenwärtig nicht zuviel Gewalt und Ihre Lordschaften vollkommen

genug haben.”

Obwohl diese Argumente ungemein scharfsinnig und nicht ohne wirkliches

Gewicht waren, vermochten sie doch nicht, das Oberhaus zu überzeugen.

Die Lords bestanden darauf, daß jeder Peer berechtigt sein sollte, als

Mitglied des Gerichtshofes zu fungiren. Die Gemeinen wurden mit Mühe

bewogen, darein zu willigen, daß die Anzahl der Mitglieder des

Gerichtshofes nie weniger als sechsunddreißig sein solle, und weigerten

sich auf das Bestimmteste, irgend ein weiteres Zugeständniß zu machen.

Die Bill wurde deshalb fallen gelassen.[41]

Es ist gewiß, daß Diejenigen, welche in der Conferenz über diese Bill

die Gemeinen vertraten, die Gefahren, denen die Regierung ausgesetzt

war, nicht übertrieben. Während die Einrichtung des Gerichtshofes, der

über des Hochverraths angeklagte Peers aburtheilen sollte, discutirt

wurde, kam ein mit seltener Geschicklichkeit von einem Peer

geschmiedeter Hochverrathsplan beinahe zur Ausführung.

[_Complot Marlborough’s gegen die Regierung Wilhelm’s._] Marlborough

hatte nie aufgehört, dem Hofe von Saint-Germains zu versichern, daß das

große Verbrechen, welches er begangen, ihm beständig vorschwebe und daß

er keinen andren Lebenszweck mehr habe, als es zu bereuen und wieder gut

zu machen. Er hatte nicht allein sich selbst, sondern auch die

Prinzessin Anna bekehrt. Im Jahre 1688 hatten die Churchill sie mit

geringer Mühe bewogen, aus dem Palaste ihres Vaters zu entfliehen. Im

Jahre 1691 bewogen sie sie mit eben so geringer Mühe, einen Brief

abzuschreiben und zu unterzeichnen, in welchem sie ihre innige

Theilnahme an seinem Unglück und den ernsten Wunsch aussprach, ihre

Pflichtverletzung wieder gut zu machen.[42] Zu gleicher Zeit nährte

Marlborough die Hoffnung, daß es in seiner Macht stehen werde, die

Wiedereinsetzung seines früheren Gebieters auf dem bestmöglichen Wege,

ohne den Beistand eines einzigen fremden Soldaten oder Seemannes, durch

die Beschlüsse der englischen Lords und Gemeinen und durch die

Unterstützung der englischen Armee zu bewerkstelligen. Wir sind über die

Einzelnheiten seines Planes nicht vollkommen unterrichtet; die Umrisse

desselben aber kennen wir aus einer von Jakob geschriebenen höchst

interessanten Abhandlung, von der sich eine Copie in der Bodlejanischen

Bibliothek und eine andre in den Archiven des französischen Ministeriums

des Auswärtigen befindet.

Die Eifersucht mit der die Engländer die Holländer betrachteten, war

damals sehr heftig. Eine herzliche Freundschaft hatte niemals zwischen

den beiden Nationen bestanden. Sie waren zwar nahe verwandt mit

einander; sie sprachen zwei Dialecte einer weitverbreiteten Sprache,

beide rühmten sich ihrer politischen Freiheit, beide huldigten dem

reformirten Glauben, beide wurden von dem nämlichen Feinde bedroht, und

konnten nur so lange vor ihm sicher sein als sie einig waren. Gleichwohl

herrschte keine aufrichtige Zuneigung zwischen ihnen. Sie würden

einander wahrscheinlich mehr geliebt haben, wenn sie einander in mancher

Beziehung weniger geglichen hätten. Sie waren die beiden großen

Handelsnationen und die beiden großen Seevölker. Ihre Flaggen fand man

in allen Meeren beisammen, im baltischen wie im mittelländischen, im

Golf von Mexico wie in der Meerenge von Malakka. Ueberall bemühten sich

der Kaufmann von London und der Kaufmann von Amsterdam einander zu

überflügeln und Concurrenz zu machen. In Europa war der Kampf nicht

blutig. In barbarischen Ländern aber, wo kein andres Gesetz als das

Recht des Stärkeren herrschte, waren die beiden Nebenbuhler, von

Habsucht und Haß erfüllt, zum Kampfe gerüstet, jeder dem andren

feindselige Absichten zutrauend und jeder entschlossen, dem andren

keinen Vortheil zu gönnen, nur zu oft aneinander gerathen. Daß unter

solchen Umständen viele Gewaltthätigkeiten und Grausamkeiten verübt

wurden, ist nicht zu verwundern. Man konnte in Europa selten genau

erfahren, was in jenen entfernten Gegenden geschehen war. Alles wurde

durch vage Gerüchte und durch das Nationalvorurtheil übertrieben und

entstellt. Bei uns glaubte das Volk, daß die Engländer stets

vorwurfsfrei seien und daß jeder Streit der Habsucht und

Unmenschlichkeit der Holländer zugeschrieben werden müsse.

Beklagenswerthe Vorfälle, die sich auf den Gewürzinseln ereignet hatten,

wurden wiederholt auf unsre Bühne gebracht. Die Engländer waren alle

Heilige und Helden, die Holländer durchgehends Teufel in

Menschengestalt, lügend, raubend, schändend, mordend und quälend. Die

zornigen Leidenschaften, welche diese Theaterstücke verriethen, hatten

sich mehr als ein Mal im Kriege Luft gemacht. Dreimal im Zeitraume eines

Menschenlebens hatten diese beiden Nationen mit gleichem Muthe und mit

wechselndem Glücke um die Herrschaft auf dem deutschen Ocean gestritten.

Die Tyrannei Jakob’s hatte, wie sie die Tories mit den Whigs und die

Hochkirchlichen mit den Nonconformisten aussöhnte, auch die Engländer

mit den Holländern ausgesöhnt. Während unsere Vorfahren aus dem Haag

Befreiung erwarteten, hatte es den Anschein gehabt, als ob das Gemetzel

von Amboina und die große Demüthigung von Chatham vergessen gewesen

wären. Aber seit der Revolution war das alte Gefühl wiedererwacht.

Obwohl England und Holland jetzt durch einen Vertrag eng mit einander

verbunden waren, waren sie doch so wenig als je durch Zuneigung

verbrüdert. Einmal, unmittelbar nach der Schlacht bei Beachy Head,

schienen unsere Landsleute geneigt, gegen die Holländer gerecht zu sein;

aber es trat sehr bald eine heftige Reaction ein. Torrington, der

erschossen zu werden verdiente, wurde ein Liebling des Volks, und die

Bundesgenossen, die er schändlicherweise im Stich gelassen, wurden

beschuldigt, daß sie ihn ohne Ursache verfolgten. Die Parteilichkeit,

welche der König für die Gefährten seiner Jugend an den Tag gelegt, war

das Lieblingsthema der Aufwiegler. Die einträglichsten Stellen in seinem

Hofstaate, sagte man, würden von Holländern bekleidet; das Haus der

Lords fülle sich rasch mit Holländern; die schönsten Domänen der Krone

würden Holländern verliehen; die Armee werde von Holländern befehligt.

Daß Wilhelm klug gethan haben würde, wenn er seine lobenswerthe Vorliebe

für sein Vaterland etwas weniger auffallend an den Tag gelegt und seine

alten Freunde etwas sparsamer belohnt hätte, ist vollkommen wahr. Aber

es wird nicht leicht zu beweisen sein, daß er bei irgend einer wichtigen

Gelegenheit während seiner ganzen Regierung die Interessen unserer Insel

den Interessen der Vereinigten Provinzen nachstellte. Die Engländer

waren jedoch in diesem Punkte zu Anfällen von Eifersucht geneigt, die

sie ganz unfähig machten, der Vernunft Gehör zu geben. Einer der

heftigsten dieser Anfälle trat im Jahre 1691 ein. Die Antipathie gegen

die Holländer war zu der Zeit in allen Klassen stark, nirgends aber

stärker als im Parlament und in der Armee.[43]

Diese Antipathie beschloß Marlborough zu benutzen, um, wie er Jakob und

dessen Anhängern versicherte, eine Restauration herbeizuführen. Die

Stimmung beider Häuser war von der Art, daß sie durch geschickte

Behandlung nicht unwahrscheinlich bestimmt werden konnten, eine

gemeinschaftliche Adresse zu überreichen, welche darum ersuchte, daß

alle Ausländer aus dem Dienste Ihrer Majestäten entfernt werden möchten.

Marlborough unternahm es, eine solche Adresse bei den Lords zu

beantragen, und es würde nicht schwer gehalten haben, einen Gentleman

von großem Gewicht zu finden, der einen gleichen Antrag bei den Gemeinen

gestellt hätte.

Wenn die Adresse durchging, was konnte Wilhelm dann thun? Würde er

nachgeben und alle seine theuersten, ältesten und zuverlässigsten

Freunde aus seiner Nähe entfernen? Es war kaum möglich zu glauben, daß

er eine so schmerzliche und so demüthigende Concession machen würde.

Fügte er sich nicht, so entstand ein Bruch zwischen ihm und dem

Parlament und des Parlament hatte das Volk zur Stütze. Selbst ein kraft

eines erblichen Titels regierender König hätte wohl vor einem solchen

Kampfe mit den Ständen des Reichs zurückschrecken können. Einem Könige

aber, dessen Rechtstitel auf einem Beschlusse der Stände des Reichs

beruhten, mußte ein solcher Kampf fast unvermeidlich zum Verderben

gereichen. Die letzte Hoffnung Wilhelm’s war dann die Armee. Diese zu

bearbeiten nahm Marlborough ebenfalls auf sich, und es ist höchst

wahrscheinlich, daß ihm auch hier sein Plan gelungen sein würde. Sein

Muth, seine Talente, seine noblen und gewinnenden Manieren, der

glänzende Erfolg, den er bei jeder Gelegenheit wo er das Commando

geführt, errungen, hatten ihn ungeachtet seiner schmutzigen Laster zum

Liebling seiner Waffenbrüder gemacht. Sie waren stolz darauf, einen

Landsmann zu haben, der bewiesen hatte, daß ihm nur die Gelegenheit

fehlte, um es mit dem geschicktesten Marschall von Frankreich

aufzunehmen. Bei den englischen Truppen waren die Holländer noch weniger

beliebt als bei der Nation überhaupt. Wäre daher Marlborough, nachdem er

sich die Mitwirkung einiger hoher Offiziere gesichert, im kritischen

Augenblicke vor den Regimentern erschienen, die er in Flandern und in

Irland zum Siege geführt, hätte er sie aufgefordert, sich um ihn zu

schaaren, das Parlament zu beschützen und die Fremden zu vertreiben, so

ist starker Grund zu der Annahme vorhanden, daß seinem Aufrufe Folge

geleistet worden wäre. Es würde dann in seiner Macht gestanden haben,

die Versprechungen zu erfüllen, die er seinem früheren Gebieter so

feierlich gegeben.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Neunter Band: enthaltend Kapitel 17 und 18. · 第 4 / 8 题