Fertigkeit im Täuschen vertrauend, beschloß er, da die jakobitischen
Agenten ihn nicht mehr aufsuchten, sie aufzusuchen. Zu dem Ende ließ er
den Obersten Eduard Sackville um eine Unterredung bitten.
Sackville war über das Ansuchen erstaunt und nicht sonderlich erfreut.
Er war ein starrsinniger Cavalier aus der alten Schule. In den Tagen des
papistischen Complots war er verfolgt worden, weil er mannhaft sagte,
was er über Oates und Bedloe dachte und was jetzt Jedermann über sie
denkt.[64] Seit der Revolution hatte er für König Jakob seinen Kopf
auf’s Spiel gesetzt, war von Beamten mit Verhaftsbefehlen verfolgt und
in einer Proklamation, an welcher Marlborough selbst Theil gehabt, als
ein Verräther bezeichnet worden.[65] Nicht ohne Widerstreben überschritt
der standhafte Royalist die Schwelle des Abtrünnigen. Doch er wurde für
seine Ueberwindung durch das erbauliche Schauspiel einer so qualvollen
Reue belohnt, wie er sie noch nie gesehen. „Wollen Sie,” fragte ihn
Marlborough, „mein Fürsprecher beim Könige sein? Wollen Sie ihm sagen,
was ich leide? Meine Verbrechen erscheinen mir jetzt in ihrem wahren
Lichte und ich schaudere entsetzt vor ihnen zurück. Der Gedanke an sie
verfolgt mich Tag und Nacht. Ich setze mich zu Tische, aber ich kann
nicht essen. Ich werfe mich auf mein Bett, aber ich kann nicht schlafen.
Ich bin bereit Alles zu opfern, Allem zu trotzen, mein ganzes irdisches
Glück preiszugeben, wenn ich nur von dem Jammer eines verwundeten
Herzens befreit werden kann.” Wenn man dem äußeren Anschein trauen
durfte, so empfand dieser große Sünder eine ebenso aufrichtige Reue wie
David oder Petrus. Sackville berichtete seinen Freunden was geschehen
war. Sie mußten anerkennen, daß, wenn der Erzverräther, der bisher
seinem Gewissen und der öffentlichen Meinung die nämliche kalte und
heitere Unerschrockenheit entgegengestellt hatte, die ihn auf dem
Schlachtfelde auszeichnete, wirklich angefangen habe, Reue zu fühlen, es
absurd sein würde, seiner Unwürdigkeit halber die unschätzbaren Dienste
zurückzuweisen, die er der guten Sache zu leisten vermochte. Er war
Mitglied des inneren Rathes; er bekleidete ein hohes Commando in der
Armee; er war unlängst mit der Leitung wichtiger militärischer
Operationen betraut worden und wurde ohne Zweifel auf’s Neue damit
betraut. Es war allerdings wahr, daß kein Andrer eine so schwere Schuld
auf sich geladen hatte; aber es war nicht minder wahr, daß kein Andrer
die Macht hatte, seine Schuld in gleichem Umfange wieder gut zu machen.
Wenn er aufrichtig war, konnte er sicherlich die Verzeihung verdienen,
nach der ihn so sehr verlangte. Aber war er auch aufrichtig, hatte er
nicht noch am Vorabende seines Verbrechens eben so laut seine Loyalität
betheuert? Er mußte auf die Probe gestellt werden. Sackville und Lloyd
wendeten mehrere Proben an. Marlborough wurde aufgefordert,
vollständigen Aufschluß über die Stärke und Vertheilung sämmtlicher
Divisionen der englischen Armee zu geben, und er that es. Er wurde
aufgefordert, den ganzen Plan des bevorstehenden Feldzuges zu enthüllen,
und er that es. Die Häupter der Jakobiten spähten sorgfältig nach
Ungenauigkeiten in seinen Berichten, konnten aber keine finden. Man
hielt es für einen noch stärkeren Beweis von seiner Treue, daß er
werthvolle Auskunft über das gab, was im Bureau des Staatssekretärs
vorging. Gegen einen eifrigen Royalisten war eine Aussage beschworen
worden. Gegen einen andren war ein Verhaftsbefehl im Werke. Diese
Mittheilungen retteten mehrere Mißvergnügte vom Gefängniß, wenn nicht
vom Galgen, und sie konnten nicht umhin, einige Nachsicht gegen den
erwachten Sünder zu fühlen, dem sie so viel verdankten.
Er jedoch machte in seinen geheimen Unterredungen mit seinen neuen
Bundesgenossen keinen Anspruch auf Verdienst. Er verlange kein
Vertrauen, sagte er. Wie könne er nach den Schändlichkeiten, die er an
dem besten aller Könige begangen, hoffen, daß man ihm je wieder
Vertrauen schenken werde? Es sei genug für einen Sünder wie er, wenn man
ihm gestatte, mit Gefahr seines Lebens dem gnädigen Gebieter, den er in
der That schändlich beleidigt, den er aber nie aufgehört habe zu lieben,
wenigstens einen Ersatz zu leisten. Es sei nicht unwahrscheinlich, daß
er im Sommer die englischen Truppen in Flandern befehligen werde.
Wünsche man, daß er sie alle mit einem Male in’s französische Lager
hinüberführe? Wenn dies der Wille des Königs sei, so werde er zusehen,
daß er es möglich mache. Im Ganzen aber halte er es für besser, bis zur
nächsten Parlamentssession zu warten. Hierauf deutete er einen Plan zur
Vertreibung des Usurpators vermittelst der englischen Legislatur und der
englischen Armee an, den er später ausführlicher entwickelte. Inzwischen
hoffe er, daß Jakob Godolphin nicht befehlen werde, das Schatzamt zu
verlassen. Ein Privatmann könne für die gute Sache wenig thun. Ein Mann
aber, der die nationalen Finanzen leite und in die wichtigsten
Staatsgeheimnisse eingeweiht sei, könne unschätzbare Dienste leisten.
Marlborough’s vorgebliche Reue täuschte Diejenigen, welche die
Angelegenheiten Jakob’s in London leiteten, so vollkommen, daß sie Lloyd
mit der frohen Botschaft, daß der verstockteste aller Rebellen wunderbar
in einen loyalen Unterthan verwandelt werden sei, nach Frankreich
schickten. Die Nachricht erfüllte Jakob mit Entzücken und Hoffnung. Wäre
er ein weiser Fürst gewesen, so würde sie nur Widerwillen und Mißtrauen
in ihm erweckt haben. Es war thöricht zu glauben, daß ein Mann, dessen
Herz wirklich von Reue und Scham über einen Act der Treulosigkeit
erfüllt war, sich entschließen würde, sein Gewissen durch einen neuen,
eben so abscheulichen und eben so entehrenden Act der Treulosigkeit zu
erleichtern. Die versprochene Sühne war so schändlich und erniedrigend,
daß sie nie von einem Manne dargeboten werden konnte, der den
aufrichtigen Wunsch hegte, vergangene Schändlichkeit und Ehrlosigkeit
wieder gut zu machen. Die Wahrheit war, daß Marlborough, als er den
Jakobiten sagte, sein Schuldbewußtsein verhindere ihn, am Tage zu essen,
und des Nachts zu schlafen, sie im Stillen auslachte. Der Verlust einer
halben Guinee würde viel eher im Stande gewesen sein, ihm den Appetit zu
verderben und seinen Schlummer zu stören, als alle Schrecken eines bösen
Gewissens. Seine Anerbietungen bewiesen in Wirklichkeit nichts weiter,
als daß sein früheres Verbrechen nicht aus einem ordnungswidrigen Eifer
für die Interessen seines Vaterlandes und seiner Religion, sondern aus
einer tiefen und unheilbaren moralischen Verderbtheit entsprungen war,
die den ganzen Menschen ergriffen hatte. Jakob aber konnte theils aus
Beschränktheit, theils aus Egoismus in keiner Handlung, die ihm Nutzen
brachte, etwas Unmoralisches erblicken. Gegen ihn conspiriren, ihn
verrathen, einen ihm geschworenen Eid der Treue brechen, dies waren
Verbrechen, für welche keine Strafe, weder in dieser noch in jener Welt,
zu streng sein konnte. Aber seine Feinde umbringen, das seinen Feinden
gegebene Wort brechen, war nicht nur etwas Unschuldiges, sondern etwas
Lobenswerthes. Der Abfall zu Salisbury war das ärgste Verbrechen
gewesen, denn es hatte ihn ins Unglück gestürzt. Ein ähnlicher Abfall in
Flandern wäre etwas Ehrenvolles gewesen, denn er konnte ihn wieder auf
den Thron bringen.
Der Bußfertige wurde von seinen jakobitischen Freunden benachrichtigt,
daß ihm verziehen sei. Diese Nachricht war ihm zwar höchst willkommen,
aber es bedurfte noch etwas mehr, um seinen verlornen Seelenfrieden
wiederherzustellen. Dürfe er nicht hoffen, zwei Zeilen von der Hand des
Königs zu erhalten, worin ihm Verzeihung zugesichert würde? Er verlange
dies natürlich nicht um seinetwillen, sondern er sei überzeugt, daß er
mit einem solchen Dokumente in der Hand einige Personen von hohem
Ansehen, die nur deshalb zu dem Usurpator hielten, weil sie glaubten,
daß sie von dem legitimen Könige keine Gnade zu erwarten hätten, auf den
rechten Weg zurückführen könne. Sie würden zu ihrer Pflicht zurückkehren
sobald sie sähen, daß selbst dem schwersten aller Verbrecher in
Rücksicht auf seine Reue, großmüthig vergeben worden sei. Das
Versprechen wurde niedergeschrieben, abgeschickt und sorgfältig
aufbewahrt. Marlborough hatte jetzt seinen Zweck erreicht, den er mit
Russell und Godolphin gemeinschaftlich verfolgte. Allein er hatte noch
andere Zwecke, an die weder Russell noch Godolphin je gedacht. Es ist,
wie wir nachher sehen werden, starker Grund zu der Annahme vorhanden,
daß dieser kluge, tapfere und gewissenlose Mann auf einen Plan sann, der
seines fruchtbaren Geistes und seines tollkühnen Muthes nicht minder
würdig war als seines völlig verderbten Herzens, einen Plan, der, wenn
er nicht auf sonderbare Weise vereitelt worden wäre, Wilhelm, ohne
Nutzen für Jakob, in’s Verderben gestürzt und den vom Glück begünstigten
Verräther zum Beherrscher England’s und zum Schiedsrichter Europa’s
gemacht haben würde.
[_Wilhelm kehrt auf den Continent zurück._] So standen die Sachen, als
Wilhelm nach einem kurzen und vielbeschäftigten Aufenthalte in England
im Mai 1690 wieder nach dem Continent aufbrach, wo der regelmäßige
Feldzug beginnen sollte. Er nahm Marlborough mit sich, dessen Talente
er richtig würdigte und von dessen neuerlichen Unterhandlungen mit
Saint-Germains er nicht die leiseste Ahnung hatte. Im Haag wurden
mehrere wichtige militärische und politische Berathungen gepflogen,
und die ausgezeichnetsten Soldaten und Staatsmänner der Vereinigten
Provinzen fühlten bei jeder Gelegenheit die Superiorität des
feingebildeten Engländers. Heinsius pflegte noch lange nachher ein
Gespräch zu erzählen, das damals zwischen Wilhelm und dem Fürsten
von Vaudemont, einem der geschicktesten Heerführer in holländischen
Diensten stattfand. Vaudemont sprach sich sehr günstig über mehrere
englische Offiziere aus, unter anderen über Talmash und Mackay;
Marlborough aber stellte er unvergleichbar hoch über alle anderen. „Er
besitzt alle Vorzüge eines Generals, schon sein Blick verräth dies.
Es kann nicht fehlen, daß er noch etwas Großes vollbringt.” -- „Ich
glaube in der That, Vetter,” antwortete der König, „daß Mylord Alles
bewahrheiten wird, was Sie von ihm gesagt haben.”
Es dauerte noch eine Weile, ehe die militärischen Operationen begannen.
Wilhelm brachte diese Pause in seinem geliebten Parke von Loo zu.
Marlborough verweilte einige Tage daselbst und wurde dann mit dem
Befehle nach Flandern geschickt, alle englischen Streitkräfte
zusammenzuziehen, in der Nähe von Brüssel ein Lager zu bilden und Alles
für die Ankunft des Königs bereit zu halten.
Jetzt hatte Marlborough Gelegenheit, die Aufrichtigkeit der
Versicherungen zu beweisen, durch die er von einem Herzen, das er
selbst als härter denn ein marmorner Kaminsims bezeichnet, Verzeihung
eines Vergehens erlangt hatte, das selbst ein weiches Gemüth mit
tödtlichem Hasse erfüllt haben würde. Er erhielt aus Saint-Germains
eine Botschaft, welche die augenblickliche Erfüllung seines
Versprechens verlangte, an der Spitze seiner Truppen überzugehen. Man
sagte ihm, dies sei der größte Dienst, den er der Krone leisten könne.
Er habe sein Wort darauf gegeben, und der gnädige Gebieter, der alle
vergangenen Fehler verziehen, erwarte mit Zuversicht, daß er sein Wort
halten werde. Der Heuchler wich der Aufforderung mit characteristischer
Gewandtheit aus. Er entschuldigte sich in den ehrerbietigsten und
liebevollsten Ausdrücken, daß er dem königlichen Befehle nicht sofort
nachkomme. Das Versprechen, dessen Erfüllung man von ihm verlange,
sei nicht ganz richtig verstanden worden, es habe auf Seiten der
Abgesandten ein Mißverständniß stattgefunden. Das Uebergehen eines oder
zweier Regimenter würde mehr schaden als nützen; das Uebergehen einer
ganzen Armee aber erfordere viel Zeit und große Vorsicht.[66] Während
Jakob über diese Entschuldigungen murrte und wünschte, daß er nicht
ganz so versöhnlich gewesen sein möchte, kam Wilhelm im Hauptquartier
der verbündeten Streitkräfte an und übernahm das Obercommando.
[_Der Feldzug von 1691 in Flandern._] Die militärischen Operationen in
Flandern begannen Anfangs Juni wieder und endeten mit dem Schlusse des
Septembers. Es fand jedoch kein wichtiger Zusammenstoß statt. Die beiden
Armeen machten Märsche und Contremärsche, rückten einander näher und
entfernten sich wieder. Eine Zeit lang standen sie sich auf weniger als
eine Meile gegenüber. Aber weder Wilhelm noch Luxemburg wollten anders
als mit Vortheil losschlagen und Keiner ließ dem Andren einen Vortheil.
So ereignißleer der Feldzug war, ist er doch in einer Beziehung
interessant. Seit mehr als einem Jahrhundert hatte unser Land keine
große Armee abgesandt, um außerhalb der Britischen Inseln Krieg zu
führen. Unsre Aristokratie war daher schon längst kein militärischer
Stand mehr, die Edelleute Frankreich’s, Deutschland’s und Holland’s
waren in der Regel Soldaten. Es würde wahrscheinlich nicht leicht
gewesen sein, in dem glänzenden Zirkel, welcher Ludwig in Versailles
umgab, einen einzigen Marquis oder Vicomte von vierzig Jahren zu finden,
der nicht einer Schlacht oder einer Belagerung beigewohnt hätte. Aber
die große Mehrzahl unserer Peers, Baronets und reichen Esquires hatte
nie gedient, außer bei der Miliz und hatte nie an einer ernsteren
militärischen Action Theil genommen als der Unterdrückung eines
Aufstandes oder der Säuberung der Straßen bei einem Aufzuge. Die
Generation, welche bei Edgehill und Lansdowne gefochten hatte, war so
ziemlich ausgestorben. Die Kriege Karl’s II. waren fast nur Seekriege
gewesen. Unter seiner Regierung war daher der Seedienst entschieden mehr
in der Mode als der Landdienst, und zu wiederholten Malen, wenn unsre
Flotte unter Segel ging, um gegen die Holländer zu kämpfen, hatte sich
der Adel in solcher Masse an Bord begeben, daß unsere Parks und Theater
verödeten. Im Jahre 1691 endlich erschien zum ersten Male seit der
Belagerung von Boulogne durch Heinrich VIII. eine englische Armee unter
Anführung eines englischen Königs auf dem Continent. Ein Feldlager, das
zugleich ein Hoflager war, hatte einen unwiderstehlichen Reiz für viele
junge Patrizier, die von natürlichem Muthe und von dem Wunsche beseelt
waren, die Gunst zu erlangen, welche Männer von ausgezeichneter
Tapferkeit bei den Frauen zu allen Zeiten gefunden haben. Als
Freiwilliger in Flandern zu dienen, wurde eine wahre Manie unter den
eleganten Herren, die im Saint James-Kaffeehause ihre wallenden
Perrücken kämmten und ihre parfümirten Prisen austauschten. Wilhelm’s
Hauptquartier wurde durch eine Masse glänzender Equipagen und durch eine
rasche Aufeinanderfolge prächtiger Bankette belebt. Denn viele von den
hochgebornen und tapferen jungen Männern, die zu seiner Fahne eilten,
waren zwar vollkommen bereit, dem Feuer einer Batterie zu trotzen,
deshalb aber keineswegs geneigt, sich den Luxus zu versagen, der sie in
Soho Square umgeben hatte. Nach wenigen Monaten brachte Shadwell diese
tapferen Stutzer und Epikuräer auf die Bühne. Die Stadt wurde durch den
Character eines muthigen, aber verschwenderischen und verzärtelten
Gecken erheitert, der es nicht erwarten kann, mit den besten Männern
unter den französischen Haustruppen den Degen zu kreuzen, der aber ganz
betrübt ist, als er erfährt, daß es ihm schwer werden wird, jeden Tag
während des Sommers seinen Champagner in Eis zu bekommen. Er hat Köche,
Zuckerbäcker und Wäscherinnen, eine ganze Wagenladung Silbergeschirr,
eine Garderobe betreßter und gestickter Anzüge und eine Menge prächtiger
Zeltmöbeln bei sich, deren Muster von einem Kreise schöner Damen
ausgewählt worden sind.[67]
Während die feindlichen Armeen in Flandern einander beobachteten,
wurden in anderen Gegenden Europa’s die Feindseligkeiten etwas
energischer betrieben. Die Franzosen errangen in Catalonien und Piemont
einige Vortheile. Ihre türkischen Alliirten, welche im Osten die
Besitzungen des Kaisers bedrohten, wurden von Ludwig von Baden in einer
großen Schlacht geschlagen. Nirgends aber waren die Ereignisse des
Sommers so wichtig als in Irland.
[_Der Krieg in Irland._] Vom October 1690 bis zum Mai 1691 war keine
große militärische Operation in diesem Königreiche unternommen worden.
Das Gebiet der Insel war während des Winters und Frühjahrs nicht
ungleich zwischen die streitenden Volksstämme getheilt. Ganz Ulster, der
größte Theil von Leinster und etwa ein Drittel von Munster hatte sich
den Engländern unterworfen. Ganz Connaught, der größere Theil von
Munster und einige Grafschaften von Leinster waren im Besitz der
Irländer. Die gewundene Grenzlinie, welche Wilhelm’s Garnison bildete,
lief in nordöstlicher Richtung von der Bai von Castlehaven nach Mallow,
zog sich dann noch weiter gegen Osten und ging bis Cashel. Von Cashel
ging die Linie nach Mullingar, von Mullingar nach Longford und von
Longford nach Cavan, zog sich an der Westseite des Ernesees hin und
stieß bei Ballyshannon wieder in den Ocean.[68]
[_Zustand des englischen Theils von Irland._] Auf der englischen Seite
dieser Grenzmark herrschte eine rohe und unvollkommene Ordnung. Zwei
Lords Justices, Coningsby und Porter, denen ein Geheimer Rath zur Seite
stand, repräsentirten den König Wilhelm im Schlosse zu Dublin. Richter,
Sheriffs und Friedensrichter waren ernannt, und in mehreren
Grafschaftsstädten wurden nach langer Zeit wieder Assisen gehalten. Die
Colonisten hatten sich inzwischen zu einer starken Miliz formirt unter
dem Commando von Offizieren, welche von der Krone ernannt waren. Die
Milizen der Hauptstadt bestanden aus zweitausendfünfhundert Mann
Infanterie, zwei Schwadronen Reiter und zwei Schwadronen Dragoner,
lauter Protestanten und alle wohl bewaffnet und equipirt.[69] Am
4. November, Wilhelm’s Geburtstage, und am 5., dem Jahrestage seiner
Landung zu Torbay, erschien diese ganze Streitmacht in all’ ihrem
kriegerischen Pompe. Die besiegten und entwaffneten Eingebornen sahen
mit unterdrücktem Aerger und Zorn den Triumph der Kaste, die sie fünf
Monate früher ungestraft unterdrückt und ausgeplündert hatten. Die
Lords Justices begaben sich in feierlichem Aufzuge nach der Kathedrale
St. Patrick; die Glocken läuteten, Freudenfeuer wurden angezündet, auf
den Straßen wurden Fässer voll Ale und Claret ausgeschenkt, in College
Green wurde Feuerwerk abgebrannt, eine zahlreiche Gesellschaft von
Edelleuten und öffentlichen Beamten war im Schlosse zu einem Festmahle
vereinigt, und beim zweiten Gange schmetterten die Trompeten und der
Herold von Ulster proklamirte in lateinischer, französischer und
englischer Sprache Wilhelm und Marien zum König und zur Königin von
Großbritannien, Frankreich und Irland von Gottes Gnaden.[70]
In dem Gebiete, wo der sächsische Volksstamm der herrschende war,
hatten Handel und Industrie schon wieder aufzuleben begonnen. Die
kupfernen Scheidemünzen, welche das Bild und die Umschrift Jakob’s
trugen, machten dem Silber Platz. Die Flüchtlinge, die sich nach
England begeben hatten, kehrten in Masse zurück, und durch ihre
Intelligenz, ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit wurde die durch
zweijährige Unordnung und Beraubung verursachte Verwüstung bald
theilweise wieder gut gemacht. Schwer befrachtete Kauffahrer segelten
beständig über den St. Georgskanal hin und her. Die Einnahme der
Zollämter auf der Ostküste, von Cork bis Londonderry beliefen sich in
sechs Monaten auf siebenundsechzigtausendfünfhundert Pfund, eine Summe,
die selbst in den blühendsten Zeiten für außerordentlich gegolten haben
würde.[71]
Die innerhalb des englischen Gebiets zurückgebliebenen Irländer waren
allesammt der englischen Herrschaft feindlich gesinnt. Sie waren daher
einem strengen Polizeisystem unterworfen, der natürlichen, wenn auch
beklagenswerthen Folge großer Gefahr und heftiger Provocationen. Ein
Papist durfte weder einen Degen noch ein Schießgewehr haben. Er durfte
sich nicht weiter als drei Meilen aus seinem Kirchspiele entfernen,
außer an einem Markttage in die Marktstadt. Damit er seinen Brüdern,
welche die westliche Hälfte der Insel bewohnten, keine Nachrichten oder
Beistand zukommen lassen konnte, war ihm verboten, innerhalb zehn Meilen
von der Grenze zu wohnen. Damit sein Haus nicht ein Versammlungsort für
Mißvergnügte wurde, war ihm untersagt, geistige Getränke im Einzelnen zu
verkaufen. Eine Proclamation kündigte an, daß, wenn das Eigenthum eines
Protestanten durch Räuber beschädigt würde, sein Verlust ihm auf Kosten
seiner papistischen Nachbarn ersetzt werden sollte. Eine andre that kund
und zu wissen daß, wenn ein Papist, der nicht seit wenigstens drei
Monaten sein Domicil in Dublin habe, daselbst gefunden wurde, als Spion
betrachtet werden solle. Nicht mehr als fünf Papisten durften sich unter
irgend welchem Vorwande in der Hauptstadt oder deren Umgebung
versammeln. Ohne Schutz von Seiten der Regierung war kein Mitglied der
römischen Kirche sicher, und die Regierung gewährte diesen Schutz keinem
Mitgliede der römischen Kirche, das einen Sohn in der irischen Armee
hatte.[72]
Trotz aller Vorsicht und Strenge fanden jedoch die Celten manche
Gelegenheiten, heimtückische Rache zu üben. Häuser und Scheunen wurden
häufig angezündet, Soldaten wurden nicht selten ermordet, und es war
kaum möglich, die Missethäter, welche die Sympathien der ganzen
Bevölkerung für sich hatten, zu bestrafen. Bei solchen Gelegenheiten
wagte die Regierung zuweilen Maßregeln, welche mehr einer türkischen als
einer englischen Verwaltung angemessen schienen. Eine dieser Maßregeln
wurde ein Lieblingsthema für jakobitische Pamphletisten und war der
Gegenstand einer ernsten parlamentarischen Untersuchung zu Westminster.
Sechs Musketiere wurden nur wenige Meilen von Dublin ermordet
aufgefunden. Die Bewohner des Dorfes, in welchem das Verbrechen begangen
worden war, wurden, Männer, Frauen und Kinder, wie Schafe in das Schloß
getrieben, wo der Geheime Rath Sitzung hielt. Dem einen der Mörder,
Namens Gafney, sank der Muth. Er willigte ein, als Zeuge zu dienen,
wurde vom Rathe verhört, gestand seine Schuld ein und nannte einige
seiner Mitschuldigen. Er wurde dann ins Gefängniß zurückgebracht; aber
ein Priester erlangte auf einige Minuten Zutritt bei ihm. Was während
dieser wenigen Minuten vorging, zeigte sich als er zum zweiten Male vor
den Geheimen Rath gestellt wurde. Er hatte die Frechheit zu leugnen, daß
er irgend etwas gestanden, noch irgend Jemanden angeklagt habe. Die
Zuhörenden von denen mehrere sein Geständniß niedergeschrieben hatten,
waren empört über seine Unverschämtheit. „Ihr seid ein Hallunke! Ihr
seid ein Schurke!” riefen die Lords Justices aus; „Ihr sollt gehängt
werden! Wo ist der Generalprofoß?” Der Generalprofoß kam. „Nehmt diesen
Mann,” sagte Coningsby, auf Gafney zeigend, „nehmt diesen Mann und hängt
ihn auf.” Es war kein Galgen bereit, aber eine Kanonenlaffette vertrat
die Stelle, und der Gefangene wurde augenblicklich aufgeknüpft, ohne
Untersuchung, ohne nur einen schriftlichen Befehl zur Hinrichtung, und
dies obgleich die Gerichtshöfe nur einige hundert Schritt davon
versammelt waren. Das englische Haus der Gemeinen resolvirte einige
Jahre später nach langer Discussion ohne Abstimmung, daß der Befehl zur
Hinrichtung Gafney’s willkürlich und ungesetzlich sei, daß aber
Coningsby’s Fehler durch die Umstände, die dabei obwalteten, so
gemildert werde, daß er keinen geeigneten Gegenstand zu einer Anklage
abgebe.[73]
Und nicht nur durch die unversöhnliche Feindschaft der Irländer wurde
der Sachse des englischen Districts damals beunruhigt. Seine Verbündeten
belästigten ihn fast eben so sehr als seine Heloten. Der Hülfe fremder
Truppen bedurfte er allerdings sehr nöthig; aber sie war theuer erkauft.
Selbst Wilhelm, der die ganze Civil- und Militärgewalt in sich
vereinigte, hatte es als schwierig erkannt, in einer Armee, die aus
vielen Ländern zusammengebracht war und großentheils aus Söldlingen
bestand, welche gewohnt waren, auf Kosten Anderer zu leben, die
Disciplin aufrecht zu erhalten. Die Gewalten, die er in sich vereinigt
gehabt hatte, waren jetzt getheilt und wiedergetheilt. Die beiden Lords
Justices betrachteten die Civilverwaltung als ihr Departement und
überließen die Armee der Leitung Ginkell’s, welcher commandirender
General war. Ginkell hielt vortreffliche Ordnung unter den Hülfstruppen
aus Holland, die unter seinem unmittelbaren Commando standen. Aber seine
Autorität über die Engländer und die Dänen war minder vollkommen, und
unglücklicherweise war ihre Löhnung während eines Theils des Winters in
Rückstand. Sie entschädigten sich für den Mangel dessen was ihnen zukam
durch Excesse und Erpressungen, und es war nicht gut möglich, Leute
deshalb streng zu bestrafen, weil sie nicht Lust gehabt hatten, mit den
Waffen in der Hand zu darben. Endlich im Frühjahr kamen große Sendungen
von Geld und Kriegsvorräthen an; die Soldrückstände wurden bezahlt, die
Rationen waren reichlich und eine strengere Disciplin wurde gehandhabt.
Aber nur zu viele Spuren von den schlechten Gewohnheiten, welche die
Soldaten angenommen hatten, waren bis ans Ende des Kriegs sichtbar.[74]
[_Zustand des Theiles von Irland, welcher Jakob unterthan war._] Von dem
Theile Irland’s, welcher Jakob noch als König anerkannte, konnte man
inzwischen kaum sagen, daß daselbst Gesetzlichkeit, Eigenthumsrecht und
Regierung bestanden. Die Katholiken von Ulster und Leinster waren zu
Tausenden westwärts geflohen, einen großen Theil des Viehes, das der
Verwüstung zweier Schreckensjahre entgangen war, mit sich führend. Die
Zufuhr von Lebensmitteln in das celtische Gebiet hielt jedoch bei weitem
nicht gleichen Schritt mit dem Zuströmen der Consumenten. Die
Lebensbedürfnisse waren knapp. Bequemlichkeiten, an welche jeder kleine
Landwirth oder Bürger in England gewöhnt war, konnten sich kaum
Edelleute und Generäle erzeugen. Gemünztes Geld war gar nicht zu sehen,
außer Stücken von schlechtem Metall, welche Kronen und Schillinge
hießen. Die nominellen Preise waren enorm hoch. Ein Quart Ale kostete
zwei Schilling sechs Pence, ein Quart Branntwein drei Pfund. Die
einzigen Städte von einiger Bedeutung an der westlichen Küste waren
Limerick und Galway, und die Kleinhändler in diesen Städten seufzten
unter einem so harten Drucke, daß viele von ihnen sich mit den
Ueberresten ihrer Waarenlager auf das englische Gebiet stahlen, wo ein
Papist zwar auch mannichfache Beschränkungen und Demüthigungen zu
ertragen hatte, aber doch für seine Waaren verlangen durfte was er
wollte, und den Kaufpreis dafür in Silber erhielt. Die Kaufleute, welche
in dem unglücklichen Gebiete zurückblieben, waren ruinirt. Jedes
Waarenlager, das etwas Werthvolles enthielt, wurde von Räubern
erbrochen, welche vorgaben, daß sie beauftragt seien, Vorräthe für den
Staatsdienst herbeizuschaffen, und die Eigenthümer erhielten für Ballen
Tuch und Fässer Zucker einige Bruchstücken von alten Kesseln und
Tiegeln, die in London oder Paris kein Bettler genommen haben würde.
Sobald ein Kauffahrteischiff in der Galwaybai oder im Shannon ankam,
wurde es von diesen Räubern weggenommen. Die Ladung wurde fortgeschafft,
und der Eigenthümer mußte sich mit demjenigen Quantum Kuhhäuten, Wolle
und Talg begnügen, das die Bande, die ihn ausgeplündert, ihm zu geben
Lust hatte. Die Folge davon war, daß, während ausländische Waaren
massenhaft in die Häfen von Londonderry, Carrickfergus, Dublin,
Waterford und Cork strömten, jeder Seemann Limerick und Galway als
Piratennester mied.[75]
Der Unterschied zwischen dem irischen Infanteristen und dem irischen
Rapparee war niemals genau markirt gewesen. Jetzt verschwand derselbe
ganz. Ein großer Theil der Armee streifte ungehindert umher und lebte
vom Maraudiren. Ein unaufhörlicher Raubkrieg wüthete längs der ganzen
Linie, welche das Gebiet Wilhelm’s von dem Gebiete Jakob’s trennte.
Jeden Tag stahlen sich Banden von Freibeutern, zuweilen in bloße
Strohgeflechte gekleidet, welche die Stelle der Montur vertraten, auf
das englische Gebiet, sengten, raubten und plünderten und eilten dann
zurück auf ihren eigenen Grund und Boden. Es war nicht leicht, sich
gegen diese Einfälle zu schützen, denn das Landvolk des geplünderten
Gebiets sympathisirte stark mit den Plünderern. Den Speicher eines
Ketzers auszuleeren, ihm sein Haus anzuzünden und sein Vieh
wegzutreiben, galt bei jedem schmutzigen Bewohner einer Lehmhütte für
ein gutes Werk. Ein darauf ausgehender Trupp durfte mit Sicherheit
erwarten, daß er trotz aller Proklamationen der Lords Justices einen
Freund fand, der die reichste Beute, den kürzesten Weg und den
sichersten Versteck anzeigte. Die Engländer klagten, daß es nicht leicht
sei, einen Rapparee zu fangen. Zuweilen, wenn er Gefahr im Anzuge sah,
legte er sich in das lange Gras des Moors nieder, und dann war er eben
so schwer zu finden wie ein sitzender Haase. Andere Male sprang er in
einen Fluß und lag darin wie eine Otter, nur den Mund und die
Nasenlöcher über dem Wasser. Ja, eine ganze Bande solcher Räuber
verwandelte sich in einem Nu in eine Truppe harmloser Arbeiter. Jeder
von ihnen nahm sein Gewehr auseinander, verbarg das Schloß in seinen
Kleidern, verstopfte die Mündung mit einem Korke, das Zündloch mit einem
Stifte und warf die Waffe in den nächsten Teich. Dann sah man nichts als
eine Schaar armer Bauern, die nicht einmal einen Rock bei sich hatten
und deren demüthiges Aussehen und schleichender Gang zu verrathen
schien, daß sie willenlose Sklaven seien. Sobald aber die Gefahr vorüber
war und das verabredete Zeichen gegeben wurde, eilte Jeder nach der
Stelle, wo er seine Waffen verborgen hatte, und bald waren die Räuber in
vollem Marsche nach dem Hause eines Protestanten. Die eine Bande drang
in Clonmel ein, eine andre marschirte in die Nähe von Maryborough, eine
dritte schlug ihr Lager auf einem bewaldeten Eilande festen Bodens in
der Mitte des großen Sumpfes von Allen auf, machte die ganze Grafschaft
Wicklow unsicher und beunruhigte selbst die Vorstädte von Dublin.
Allerdings fielen diese Expeditionen nicht immer glücklich aus. Zuweilen
stießen die Plünderer auf Abtheilungen von Miliz oder auf Detachements
englischer Garnisonen unter Umständen, wo Verstellung, Flucht und
Widerstand gleich unmöglich waren. In solchen Fällen wurde jeder Kerne,
der ergriffen ward, ohne alle Umstände am nächsten Baume
aufgeknüpft.[76]
[_Uneinigkeiten unter den Irländern in Limerick._] Im Hauptquartier der
irischen Armee gab es während des Winters keine Autorität, die im Stande
gewesen wäre, sich auch nur in einem Umkreise von einer Meile Gehorsam
zu verschaffen. Tyrconnel war am französischen Hofe und er hatte die
oberste Verwaltung in den Händen eines aus zwölf Personen bestehenden
Regentschaftsrathes zurückgelassen. Das nominelle Commando der Armee
hatte er Berwick übertragen; aber Berwick war, obgleich er sich nachmals
als ein Mann von nicht gewöhnlichem Muth und Talent erwies, noch jung
und unerfahren. Weder die Welt noch er selbst hatte eine Ahnung von
seinen Fähigkeiten,[77] und er unterwarf sich ohne Widerstreben der
Vormundschaft eines vom Vicekönig ernannten Kriegsrathes. Weder der
Regentschaftsrath noch der Kriegsrath war in Limerick beliebt. Die
Irländer beklagten sich, daß Leute, die keine Irländer waren, mit einer
wichtigen Rolle bei der Verwaltung betraut worden seien. Am lautesten
war das Geschrei gegen einen Offizier, Namens Thomas Maxwell. Denn es
war ausgemacht, daß er ein Schotte war, es war zweifelhaft, ob er ein
Katholik war, und er hatte seine Abneigung gegen das celtische
Parlament, welches die Ansiedlungsacte widerrufen und die
Confiscationsacte erlassen hatte, nicht verhehlt.[78] Die
Unzufriedenheit, genährt durch die Ränke von Intriganten, unter denen
der verschlagene und characterlose Heinrich Luttrell der thätigste
gewesen zu sein scheint, brach bald in offene Empörung aus. Es wurde ein
großes Meeting gehalten, dem viele Offiziere von der Armee, einige
Peers, einige angesehene Juristen und einige Prälaten der
römisch-katholischen Kirche beiwohnten, und es wurde resolvirt, daß die
Verfassung die von dem Vicekönig eingesetzte Regierung nicht kenne.
Irland, hieß es, könne in Abwesenheit des Königs gesetzlich nur durch
einen Lord Lieutenant, durch einen Lord Stellvertreter oder durch Lords
Justices regiert werden. Der König sei abwesend, der Lord Lieutenant sei
abwesend und es gebe weder einen Lord Stellvertreter, noch Lords
Justices. Die Acte, durch welche Tyrconnel seine Autorität einer aus
seinen Creaturen zusammengesetzten Junta delegirt habe, sei null und
nichtig. Die Nation sei daher ohne legitimes Oberhaupt und könne
temporäre Maßregeln für ihre Sicherheit treffen, ohne die der Krone
schuldige Unterthanentreue zu verletzen. Es wurde eine Deputation an
Berwick abgeschickt, um ihm anzukündigen, daß er eine ihm nicht
zustehende Gewalt übernommen habe, daß aber trotzdem die Armee und das
Volk von Irland ihn gern als ihr Oberhaupt anerkennen wollten, wenn er
sich dazu verstehe, in Gemeinschaft mit einem wirklichen irischen Rathe
zu regieren. Berwick sprach entrüstet sein Erstaunen darüber aus, daß
Militärs sich eigenmächtig, ohne die Erlaubniß ihres Generals
versammelten und Berathungen hielten. Sie antworteten ihm, es gebe
keinen General, und wenn Se. Gnaden nicht geneigt sei, die Verwaltung
unter den proponirten Bedingungen zu übernehmen, so würde ein andrer
Führer leicht zu finden sein. Mit großem Widerstreben gab Berwick nach
und blieb eine Puppe in einer neuen Klasse von Händen.[79]
Die, welche diese Umwälzung bewerkstelligt hatten, hielten es für klug,
eine Deputation nach Frankreich zu schicken, um ihr Verfahren zu
rechtfertigen. Mitglieder dieser Deputation waren der katholische
Bischof von Cork und die beiden Luttrell. Auf dem Schiffe, das sie von
Limerick nach Brest brachte, fanden sie einen Reisegesellschafter,
dessen Anwesenheit ihnen keineswegs angenehm war: ihren Feind Maxwell.
Sie ahneten, und nicht ohne Grund, daß er ebenfalls nach Saint-Germains
ging, aber in ganz andrer Absicht. In der That war Maxwell von Berwick
abgesandt, um ihre Schritte zu beobachten und ihre Pläne zu vereiteln.
Heinrich Luttrell, der gewissenloseste Mensch von der Welt, schlug vor,
die Sache kurz abzumachen, indem man den Schotten ins Meer würfe. Allein
der Bischof, der ein gewissenhafter Mann, und Simon Luttrell, der ein
Mann von Ehre war, widersetzten sich diesem Gewaltmittel.[80]
Unterdessen gab es in Limerick keine oberste Behörde. Da Berwick
sah, daß er keine wirkliche Autorität hatte, vernachlässigte er die
Geschäfte gänzlich und gab sich denjenigen Vergnügungen hin, welche
der traurige Verbannungsort darbot. Unter den irischen Anführern gab
es keinen Mann von hinreichendem Gewicht und Talent, um die Uebrigen
im Zaume zu halten. Sarsfield trat eine Zeit lang an die Spitze. Aber
Sarsfield war, obgleich im Felde außerordentlich tapfer und thätig, in
der Militärverwaltung wenig, und in den Civilgeschäften noch weniger
bewandert. Selbst Diejenigen, welche am meisten geneigt waren, seine
Autorität zu unterstützen, mußten bekennen, daß sein Character zu
vertrauensvoll und nachsichtig war für einen Posten, auf dem man nicht
mißtrauisch und streng genug sein konnte. Er glaubte Alles was ihm
gesagt wurde, er unterzeichnete Alles was ihm vorgelegt wurde, und die
durch seine Nachsicht dreist gemachten Commissare, raubten und betrogen
schamloser als je. Tagtäglich zogen sie unter Eskorte von Piken und
Feuergewehren aus, um dem Namen nach für den öffentlichen Dienst, in
Wahrheit aber für sich selbst, Wolle, Leinwand, Leder, Talg, Haus- und
Wirthschaftsgeräthe wegzunehmen, durchsuchten jede Vorrathskammer, jede
Garderobe, jeden Keller und vergriffen sich frevelhafterweise selbst an
dem Eigenthum von Priestern und Prälaten.[81]
[_Rückkehr Tyrconnel’s nach Irland._] Zu Anfang des Frühjahrs wurde die
Regierung, wenn man sie so nennen darf, deren ostensibles Oberhaupt
Berwick war, durch Tyrconnel’s Zurückkunft aufgelöst. Die beiden
Luttrell hatten Jakob im Namen ihrer Landsleute dringend gebeten, ein so
loyales Volk nicht unter einen so schändlichen und unfähigen Vicekönig
zu stellen. Tyrconnel sei alt und hinfällig, sagten sie; er müsse viel
schlafen, er verstehe nichts vom Kriege, er sei langsam, parteiisch und
raubsüchtig, die ganze Nation traue ihm nicht und hasse ihn. Die von ihm
im Stich gelassenen Irländer hätten tapfer Stand gehalten und die
siegreiche Armee des Prinzen von Oranien zum Rückzuge gezwungen. Sie
hofften bald wieder in einer Stärke von dreißigtausend Mann ins Feld zu
rücken und sie beschwörten ihren König, ihnen einen Feldherrn zu senden,
der würdig sei, eine solche Streitmacht zu commandiren. Tyrconnel und
Maxwell hingegen schilderten die Delegirten als Meuterer, Demagogen und
Verräther und drangen in Jakob, Heinrich Luttrell in die Bastille zu
schicken, um Mountjoy Gesellschaft zu leisten. Jakob, ganz verwirrt
durch diese Anklagen und Gegenanklagen, war lange unschlüssig, und zog
sich endlich mit characteristischer Klugheit dadurch aus der
Verlegenheit, daß er allen Streitenden schöne Worte sagte und sie
zurückschickte, um in Irland selbst ihre Sache auszufechten. Berwick
wurde zu gleicher Zeit nach Frankreich zurückberufen.[82]
Tyrconnel wurde in Limerick, selbst von seinen Feinden, mit gebührender
Achtung empfangen. So sehr sie ihn auch haßten, konnten sie doch die
Gültigkeit seiner Bestallung nicht in Frage stellen, und obwohl sie noch
immer behaupteten, daß sie vollkommen berechtigt gewesen seien, während
seiner Abwesenheit die von ihm getroffenen verfassungswidrigen
Anordnungen zu annulliren, gaben sie doch zu, daß er, wenn anwesend, ihr
rechtmäßiges Verwaltungsoberhaupt sei. Er kam nicht ganz ohne Mittel
zurück, welche geeignet waren, sie mit ihm auszusöhnen. Er brachte viele
gnädige Botschaften und Versprechungen mit, ein Peerspatent für
Sarsfield, etwas Geld, das nicht von Kupfer war, und einige
Bekleidungsstücke, die sogar noch willkommener waren als Geld. Die neuen
Anzüge waren zwar nicht sehr elegant, aber selbst die Generäle waren
schon längst mit ihrer Garderobe zu Ende, und unter den Gemeinen gab es
nur wenige, deren Uniformen in einem blühenderen Lande zur Bekleidung
einer Vogelscheuche für genügend erachtet worden wären. Jetzt endlich
konnte sich seit vielen Monaten zum ersten Male wieder jeder gemeine
Soldat rühmen, ein Paar Beinkleider und ein Paar Holzschuhe zu besitzen.
Der Vicekönig war außerdem ermächtigt anzukündigen, daß ihm bald mehrere
mit Lebensmitteln und Kriegsvorräthen beladene Schiffe folgen würden.
Diese Mittheilung war den Truppen, die seit langer Zeit kein Brot und
kein stärkeres Getränk als Wasser hatten, höchst willkommen.[83]
Die Zufuhren wurden mehrere Wochen mit Ungeduld erwartet. Endlich war
Tyrconnel genöthigt sich einzuschließen, denn sobald er sich öffentlich
blicken ließ, liefen ihm die Soldaten nach und schrien um Nahrung.
Selbst das Rindfleisch und Hammelfleisch, das, halb roh und halb
verbrannt, ohne Zuspeise und ohne Salz, die Armee bisher erhalten hatte,
war selten geworden und die Gemeinen bereits auf Pferdefleischrationen
gesetzt, als endlich die verheißenen Segel in der Mündung des Shannon
erschienen.[84]
[_Ankunft einer französischen Flotte in Limerick; Saint-Ruth._] Ein
ausgezeichneter französischer General, Namens Saint-Ruth, war mit seinem
Stabe an Bord. Er brachte ein Patent mit, das ihn zum Oberbefehlshaber
der irischen Armee ernannte. Das Patent erklärte zwar nicht
ausdrücklich, daß er von der viceköniglichen Autorität unabhängig sein
sollte; aber Jakob hatte ihm versichert, daß Tyrconnel geheime
Instructionen erhalten werde, sich nicht in die Kriegführung
einzumischen. Saint-Ruth war ein andrer General, Namens D’Usson, zur
Unterstützung beigegeben. Die französischen Schiffe brachten einige
Waffen, etwas Munition, und einen reichen Vorrath von Getreide und Mehl
mit. Der Muth der Irländer lebte wieder auf und das Te Deum wurde mit
inbrünstiger Andacht in der Kathedrale von Limerick gesungen.[85]
Tyrconnel hatte noch keine Anstalten zu dem bevorstehenden Feldzuge
getroffen. Saint-Ruth aber ging, sobald er gelandet war, mit Energie
daran, die verlorne Zeit wieder einzubringen. Er war ein Mann von Muth,
Thatkraft und Entschlossenheit, aber von barschem und gebieterischem
Character. In seinem Lande war er als der unbarmherzigste Verfolger
berühmt, der je mit seinen Dragonern die Hugenotten in die Messe
getrieben hatte. Englische Whigs behaupteten, er sei in Frankreich unter
dem Spottnamen des Henkers bekannt, in Rom hätten selbst die Cardinäle
ihren Abscheu vor seinen Grausamkeiten geäußert, und sogar die Königin
Christine, die gewiß wenig Ursache habe, über Blutvergießen zu
erschrecken, habe sich mit Widerwillen von ihm abgewandt. Er hatte
unlängst ein Commando in Savoyen bekleidet, die in französischen
Diensten stehenden irischen Regimenter hatten einen Theil seiner Armee
gebildet, und sie hatten sich ausgezeichnet benommen. Deshalb traute man
ihm ein besonderes Talent zur Führung irischer Truppen zu. Aber es war
ein großer Unterschied zwischen den gut gekleideten, gut bewaffneten und
gut eingeübten Irländern, die er kannte, und den zerlumpten Räubern, die
er in den Straßen von Limerick herumstreichen sah. Gewöhnt an den Glanz
und die Disciplin französischer Lager und Garnisonen, sah er mit Ekel,
daß in dem Lande, in das er gesandt worden war, ein Infanterieregiment
einen Haufen Menschen bedeutete, so nackt, so schmutzig und so
verwildert wie die Bettler, die auf dem Kontinent die Thüren eines
Klosters belagerten oder einer bergauf fahrenden Diligence nachliefen.
Mit schlecht verhehltem Widerwillen ging er indessen kräftig ans Werk,
diese wunderlichen Soldaten zu discipliniren, und war Tag und Nacht im
Sattel, um von Posten zu Posten, von Limerick nach Athlone, von Athlone
nach dem nördlichen Ende des Reasees und vom Reasee nach Limerick zu
galoppiren.[86]
[_Die Engländer rücken ins Feld._] Es war in der That auch nothwendig,
daß er sich beeilte, denn wenige Tage nach seiner Ankunft erfuhr er, daß
auf der andren Seite des sächsischen Gebiets Alles zur Action bereit
war. Der größere Theil der englischen Truppen war vor Ende des Monats
Mai in der Nähe von Mullingar zusammengezogen. Ginkell war
Oberbefehlshaber. Er hatte unter sich die nächst Marlborough zwei besten
Offiziere, deren sich unsre Insel damals rühmen konnte: Talmash und
Mackay. Der Marquis von Ruvigny, der erbliche Anführer der Refugiés und
ältere Bruder des tapferen Caillemot, der am Boyne gefallen war, hatte
sich mit dem Range eines Generalmajors der Armee angeschlossen. Der Lord
Justice Coningsby, obgleich kein Soldat von Profession, kam von Dublin,
um den Eifer der Truppen zu beleben. Das Aussehen des Lagers bewies, daß
das vom englischen Parlamente bewilligte Geld nicht gespart worden war.
Die Uniformen waren neu, das glänzende Scharlachroth der Reihen blendete
das Auge, und der Artillerietrain war so, wie man ihn in Irland noch nie
gesehen hatte.[87]
[_Fall von Ballymore._] Am 6. Juni verlegte Ginkell sein Hauptquartier
von Mullingar weg und am 7. erreichte er Ballymore. Zu Ballymore stand
auf einer von einem sumpfartigen See umgebenen Halbinsel eine alte
Festung, welche kürzlich unter Sarsfield’s Leitung verstärkt worden war
und die von mehr als tausend Mann vertheidigt wurde. Die englischen
Geschütze wurden sofort gegen dieselbe aufgefahren, und schon nach
wenigen Stunden hatten die Belagerer die Freude, die Belagerten wie
Kaninchen von einer Schutzwehr zur andren laufen zu sehen. Der
Gouverneur, der zuerst eine sehr trotzige Sprache geführt hatte, bat
demüthiglich um Pardon und erhielt ihn. Die ganze Garnison wurde nach
Dublin dirigirt. Nur acht von den Siegern waren gefallen.[88]
Ginkell verwendete einige Tage auf die Ausbesserung der
Vertheidigungswerke von Ballymore. Diese Arbeit war kaum beendigt, als
die dänischen Hülfstruppen unter dem Commando des Herzogs von Würtemberg
zu ihm stießen. Die ganze Armee marschirte hierauf westwärts und
erschien am 19. Juni vor den Mauern von Athlone.[89]
[_Belagerung und Fall von Athlone._] Athlone war, vom militärischen
Gesichtspunkte, vielleicht der wichtigste Platz auf der Insel. Rosen,
der den Krieg gut verstand, hatte stets behauptet, daß sich dort die
Irländer mit dem meisten Vortheile gegen die Engländer würden halten
können.[90] Die von Erdwällen umgebene Stadt lag zum Theil in Leinster
und zum Theil in Connaught. Der in Leinster liegende englische
Stadttheil hatte einst aus neuen und hübschen Häusern bestanden, war
aber vor einigen Monaten von den Irländern in Brand gesteckt worden und
lag jetzt in Trümmern. Der in Connaught liegende irische Stadttheil war
alt und schlecht gebaut.[91] Der Shannon, der die Grenze zwischen beiden
Provinzen bildet, wälzte sich als ein tiefer und reißender Strom durch
Athlone und setzte zwei große Mühlen in Bewegung, welche auf den Bögen
einer steinernen Brücke standen. Oberhalb der Brücke, auf der
Connaughter Seite, erhob sich ein angeblich vom König Johann erbautes
Schloß von siebzig Fuß Höhe, das sich zweihundert Fuß am Flusse hin
erstreckte. Funfzig bis sechzig Schritt unterhalb der Brücke war eine
schmale Furth.[92]
In der Nacht des 19. fuhren die Engländer ihre Geschütze auf. Am Morgen
des 20. begann das Bombardement und um fünf Uhr Nachmittags wurde ein
Sturm unternommen. Ein tapfrer französischer Refugié war der Erste, der
mit einer Granate in der Hand die Bresche erklomm und fiel, mit seinem
letzten Athemzuge seine Landsleute zum Sturm anfeuernd. Solcher Art
waren die tapfren Männer, welche Ludwig’s Bigotterie abgesandt hatte, um
in der Zeit seiner äußersten Noth die Armeen seiner bittersten Feinde zu
verstärken. Das Beispiel war nicht fruchtlos. Es hagelte Granaten und
die Stürmenden erstiegen zu Hunderten die Wälle. Die Irländer wichen und
liefen nach der Brücke. Hier wurde das Gedränge so arg, daß einige von
den Fliehenden in der engen Passage todtgedrückt und andere über die
Brustlehnen in die Fluthen gedrängt wurden, welche unten zwischen den
Mühlrädern schäumten. Binnen wenigen Stunden war Ginkell Herr des
englischen Stadttheils von Athlone, und dieser Erfolg hatte ihm nicht
mehr als zwanzig Todte und vierzig Verwundete gekostet.[93]
Doch sein Werk hatte erst begonnen. Zwischen ihm und der irischen Stadt
tobte der reißende Shannon. Die Brücke war so schmal, daß einige
entschlossene Männer sie gegen eine Armee vertheidigen konnten. Die auf
derselben stehenden Mühlen waren stark besetzt, und sie wurde von den
Kanonen des Schlosses beherrscht. Die Stelle des Connaughter Ufers, wo
der Fluß zu passiren war, wurde durch Befestigungen vertheidigt, welche
der Vicekönig, trotz des Murrens einer mächtigen Partei, Saint-Ruth
gezwungen hatte, Maxwell anzuvertrauen. Maxwell war als ein
unpopulärerer Mann aus Frankreich zurückgekommen, als er bei seiner
Abreise dahin gewesen war. Man munkelte, er habe in Versailles schmähend
von der irischen Nation gesprochen, und er war deshalb nur wenige Tage
zuvor von Sarsfield öffentlich beschimpft worden.[94] Am 21. Juni waren
die Engländer damit beschäftigt, längs des Leinsterschen Ufers Batterien
zu errichten, und am 22. bald nach Tagesanbruch begann die Kanonade. Das
Feuer dauerte den ganzen Tag und die ganze darauffolgende Nacht. Als der
Morgen wieder anbrach, war eine ganze Seite des Schlosses
zusammengeschossen, die mit Stroh gedeckten Häuser der celtischen Stadt
lagen in Asche und eine der Mühlen war mit sechzig Soldaten, die sie
vertheidigten, verbrannt.[95]
Die Irländer vertheidigten jedoch noch immer entschlossen die Brücke.
Mehrere Tage lang fand ein blutiges Handgemenge in der engen Passage
statt. Die Angreifenden gewannen Boden, aber sie mußten ihn Zoll für
Zoll erkämpfen. Der Muth der Besatzung wurde durch die Hoffnung auf
baldigen Succurs aufrechterhalten. Saint-Ruth war endlich mit seinen
Vorbereitungen fertig, und die Nachricht, daß Athlone in Gefahr sei,
hatte ihn bewogen, an der Spitze einer Armee, die der Armee Ginkell’s
numerisch überlegen war, ihr aber in wichtigeren Elementen der
militärischen Stärke nachstand, eiligst ins Feld zu rücken. Der
französische General scheint geglaubt zu haben, daß die Brücke und die
Furth leicht vertheidigt werden könnten, bis die Herbstregen und die
Krankheiten, welche dieselben gewöhnlich in ihrem Gefolge hatten, den
Feind zum Rückzuge zwingen würden. Er begnügte sich daher, nach und nach
Detachements zur Verstärkung der Besatzung abzusenden. Die unmittelbare
Leitung der Vertheidigung übertrug er seinem Unterbefehlshaber D’Usson
und schlug sein eigenes Hauptquartier einige Meilen von der Stadt auf.
Er äußerte sein Erstaunen darüber, daß ein so erfahrener Commandeur wie
Ginkell auf einem hoffnungslosen Unternehmen beharre. „Sein Gebieter
sollte ihn aufhängen lassen, weil er Athlone zu nehmen versucht, und der
meinige soll mich aufhängen lassen, wenn ich es verliere.”[96]
Saint-Ruth war jedoch keineswegs wohl zu Muthe. Er hatte sich zu seinem
großen Verdruß überzeugt, daß er nicht die ganze Autorität besaß, welche
die ihm in Saint-Germains gemachten Versprechungen ihn zu erwarten
berechtigt hatten. Der Lord Lieutenant war im Lager. Seine körperliche
und geistige Hinfälligkeit hatte in den letzten paar Wochen merklich
zugenommen. Der langsame und unsichere Schritt, mit dem er, der einst
wegen seiner Körperkraft und Behendigkeit berühmt gewesen war, jetzt von
seinem Lehnstuhl zu seinem Lager schwankte, war kein unpassendes Bild
der trägen und unsicheren Thätigkeit seines Geistes, der einst seine
Zwecke mit einer Heftigkeit verfolgte, die weder durch Furcht noch durch
Mitleid, weder durch das Gewissen noch durch die Scham gemäßigt wurde.
Dennoch klammerte sich der alte Mann noch immer mit unverminderter
physischer wie geistiger Kraft an die Gewalt. Wenn er privatim den
Befehl erhalten hatte, sich in die Leitung des Kriegs nicht
einzumischen, so beachtete er diesen Befehl nicht. Er maßte sich die
ganze Autorität eines Souverains an, zeigte sich mit großem Gepränge den
Truppen als obersten Anführer und behandelte Saint-Ruth geflissentlich
als einen Unterbefehlshaber. Die Einmischung des Vicekönigs erregte bald
den heftigen Unwillen der mächtigen Partei im Heere, die ihn schon
längst haßte. Viele Offiziere unterzeichneten ein Instrument, durch
welches sie erklärten, daß sie ihm nicht das Recht zugeständen, im Felde
Gehorsam von ihnen zu verlangen. Einige von ihnen beleidigten ihn
persönlich auf das Gröblichste. Man sagte ihm geradezu, daß, wenn er
darauf beharre, zu bleiben, wo man ihn nicht brauche, die Leinen seines
Zeltes durchschnitten werden würden. Er hingegen schickte seine
Emissäre an alle Lagerfeuer und versuchte unter den gemeinen Soldaten
eine Partei gegen den französischen General zu bilden.[97]
Das Einzige, worin Tyrconnel und Saint-Ruth übereinstimmten, war, daß
sie Sarsfield fürchteten und haßten. Er war nicht nur bei der großen
Masse ihrer Landsleute beliebt, sondern er war auch von einem Häuflein
Anhänger umringt, deren Hingebung für ihn der Hingebung der
ismaelitischen Mörder für den Alten vom Berge glich. Es war bekannt, daß
einer dieser Fanatiker, ein Oberst, eine Sprache geführt, die in dem
Munde eines Offiziers von so hohem Range wohl Besorgniß erwecken konnte.
„Der König,” hatte dieser Mann gesagt, „ist in meinen Augen nichts. Ich
gehorche Sarsfield. Wenn Sarsfield mir befiehlt, irgend einen Mann in
der ganzen Armee, gleichviel welchen, zu tödten, so thue ich es.”
Sarsfield war zwar ein zu ehrenhafter Gentleman, als daß er seine
ungeheure Gewalt über die Gemüther seiner Verehrer hätte mißbrauchen
sollen. Aber der Gedanke, daß seine Ehrenhaftigkeit die einzige Garantie
gegen Meuterei und Meuchelmord war, mußte den Vicekönig und den
Oberbefehlshaber nothwendig beunruhigen. Die Folge davon war, daß bei
dem Wendepunkte des Schicksals Irland’s die Dienste des
ausgezeichnetsten irischen Soldaten gar nicht oder doch nur mit
eifersüchtiger Vorsicht benutzt wurden und daß sein Rath, wenn er einen
zu geben wagte, mit geringschätzendem Lächeln oder mit Unmuth
aufgenommen wurde.[98]
Ein großes und unerwartetes Unglück machte diesen Streitigkeiten ein
Ende. Am 30. Juni berief Ginkell einen Kriegsrath zusammen. Die Fourage
ging zur Neige und es war durchaus nothwendig, daß die Belagerer
entweder den Uebergang über den Fluß forcirten oder sich zurückzogen.
Die Schwierigkeiten, über die zertrümmerten Ueberreste der Brücke
ans andre Ufer zu gelangen, waren fast unübersteiglich. Es wurde
vorgeschlagen, die Furth zu versuchen. Der Herzog von Württemberg,
Talmash und Ruvigny stimmten zu Gunsten dieses Planes und Ginkell gab
mit einiger Besorgniß seine Einwilligung.[99]
Es wurde beschlossen, daß der Versuch noch denselben Nachmittag gemacht
werden sollte. Die Irländer, welche glaubten, die Engländer schickten
sich zum Rückzuge an, hielten nachlässig Wache. Ein Theil der Besatzung
war müde, der andre schlief. D’Usson saß bei Tische. Saint-Ruth war in
seinem Zelte und schrieb an seinen Gebieter einen Brief voll
Beschuldigungen gegen Tyrconnel. Während dem wurden funfzehnhundert
Grenadiere, von denen jeder einen grünen Zweig am Hute trug, auf dem
Leinster’schen Ufer des Shannon aufgestellt. Viele von ihnen erinnerten
sich gewiß, daß sie an demselben Tage vor einem Jahre auf Befehl König
Wilhelm’s an den Ufern des Boyne grüne Zweige auf ihre Hüte gesteckt
hatten. Guineen waren freigiebig unter diese auserlesenen Leute
vertheilt worden; aber sie waren von einem so frohen Muthe beseelt, wie
kein Gold ihn erkaufen kann. Sechs Bataillone standen bereit, um den
Angriff zu unterstützen. Mackay commandirte. Er billigte den Plan nicht,
aber er setzte ihn mit einem solchen Eifer und einer solchen Energie ins
Werk, als wäre er selbst der Urheber desselben gewesen. Der Herzog von
Württemberg, Talmash und mehrere andere tapfere Offiziere, denen keine
Rolle bei der Unternehmung zu Theil geworden war, bestanden darauf, an
diesem Tage als freiwillige Gemeine zu dienen, und ihr Erscheinen in den
Gliedern entflammte die Soldaten zur feurigsten Begeisterung.
Es war sechs Uhr. Eine Glocke auf dem Thurme der Kirche gab das Signal.
Prinz Georg von Hessen-Darmstadt und Gustav Hamilton, der tapfere
Anführer der Enniskillener, gingen zuerst in den Shannon hinunter. Dann
nahmen die Grenadiere den Herzog von Württemberg auf die Schultern und
sprangen lautjubelnd zwanzig Mann hoch bis an die Halsbinden ins Wasser.
Der Strom war tief und reißend, aber in wenigen Minuten hatte die Spitze
der Colonne wieder trocknen Boden unter ihren Füßen. Talmash war der
Fünfte, der das Connaughter Ufer erreichte. Die unvermuthet überfallenen
Irländer feuerten eine unregelmäßige Salve ab und ergriffen die Flucht,
ihren Commandeur Maxwell als Gefangenen zurücklassend. Die Sieger
erklommen über die Reste der durch eine zehntägige Kanonade
zertrümmerten Wälle das Ufer. Mackay hörte seine Leute fluchen und
schwören, während sie über den Schutt stolperten. „Meine Jungen,” rief
der muthige alte Puritaner inmitten des Getümmels, „Ihr seid brave
Burschen, aber fluchet nicht. Wir haben mehr Ursache, Gott für die Güte
zu danken, die er uns heute erwiesen hat, als seinen Namen zu
mißbrauchen.” Der Sieg war vollständig. Ohne den geringsten Widerstand
von Seiten der erschreckten Besatzung wurden Bretter über die
zerbrochenen Brückenbogen gelegt und Pontons über den Fluß geschlagen.
Mit einem Verlust von zwölf Todten und etwa dreißig Verwundeten hatten
die Engländer binnen wenigen Minuten den Weg nach Connaught
erzwungen.[100]
[_Rückzug der irischen Armee._] Auf den ersten Alarm eilte D’Usson nach
dem Flusse; aber der Strom der Fliehenden kam ihm schon entgegen, riß
ihn mit sich fort, rannte ihn zu Boden und tödtete ihn beinahe. Er wurde
in einem solchen Zustande ins Lager gebracht, daß man ihm zur Ader
lassen mußte. „Genommen!” rief Saint-Ruth außer sich. „Es kann nicht
sein! Eine Stadt genommen, und ich mit einer Armee zu ihrem Entsatz
dicht dabei!” Von Gram verzehrt, brach er unter dem Schutze der
Dunkelheit seine Zelte ab und zog sich in der Richtung von Galway
zurück. Bei Tagesanbruch sahen die Engländer von den Zinnen des
zertrümmerten Schlosses König Johann’s die irische Armee in weiter Ferne
sich durch die öde Gegend bewegen, welche den Shannon von dem Suck
trennt. Noch vor Mittag war die Nachhut ihren Blicken entschwunden.[101]
Schon vor dem Verluste Athlone’s war das celtische Lager von
Parteispaltungen zerrissen gewesen. Man kann daher leicht denken, daß
nach einem so vernichtenden Schlage nichts zu hören war als Anklagen und
Gegenanklagen. Die Feinde des Vicekönigs waren lauter als je. Er und
seine Creaturen hätten das Königreich an den Rand des Verderbens
gebracht. Er mische sich in Dinge, von denen er nichts verstehe. Er
wolle es besser wissen als Männer, die wirkliche Soldaten seien. Er
vertraue den wichtigsten aller Posten seinem Werkzeuge, seinem Spione,
dem erbärmlichen Maxwell an, der kein geborner Irländer, kein
aufrichtiger Katholik, im besten Falle ein Stümper und nur zu
wahrscheinlich ein Verräther sei. Man behauptete, Maxwell habe seine
Leute nicht mit Munition versehen. Als sie Pulver und Kugeln von ihm
verlangt, habe er sie gefragt, ob sie Lerchen schießen wollten. Kurz vor
dem Angriffe habe er ihnen befohlen, zu Abend zu essen und sich
niederzulegen, da an diesem Tage nichts mehr vorgenommen werden würde.
Als er sich gefangen gegeben, habe er einige Worte geäußert, die ein
vorgängiges Einverständniß mit den Siegern verrathen hätten. Die wenigen
Freunde des Lord Lieutenants erzählten eine ganz andre Geschichte. Nach
ihnen hätten Tyrconnel und Maxwell zu Vorsichtsmaßregeln gerathen, die
einen Ueberfall unmöglich gemacht haben würden. Aber der französische
General, der keine Einmischung geduldet, habe es unterlassen, diese
Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Man habe Maxwell rücksichtslos gesagt:
wenn er sich fürchte, thue er besser, sein Commando niederzulegen. Er
habe seine Pflicht wacker gethan, er habe Stand gehalten, während seine
Leute geflohen seien, in Folge dessen sei er in die Hände des Feindes
gefallen, und nun werde er in seiner Abwesenheit von Denen verleumdet,
denen seine Gefangennehmung mit Recht zur Last falle.[102] Auf welcher
Seite die Wahrheit ist, läßt sich nach so langer Zeit schwer ermitteln.
Das Geschrei gegen Tyrconnel war im Augenblicke so laut, daß er das Feld
räumte und sich verdrüßlich nach Limerick zurückzog. D’Usson, der von
den Verletzungen, die ihm seine eigenen fliehenden Truppen zugefügt
hatten, noch nicht genesen war, begab sich nach Galway.[103]
[_Saint-Ruth beschließt eine Schlacht zu wagen._] Saint-Ruth der jetzt
im unbestrittenen Besitz des Oberbefehls war, hatte große Lust, das
Glück einer Schlacht zu versuchen. Die Mehrzahl der irischen Offiziere,
mit Sarsfield an der Spitze, war ganz andrer Meinung. Man dürfe sich
nicht verhehlen, sagte er, daß Ginkell’s Armee der ihrigen bei weitem
überlegen sei. Das Klügste sei daher augenscheinlich, den Krieg in
solcher Weise fortzuführen, daß der Unterschied zwischen dem
disciplinirten und dem undisciplinirten Soldaten so gering als möglich
sei. Es sei allgemein bekannt, daß rohe Rekruten auf einem Streifzuge,
in einem Straßenkampfe, oder bei der Vertheidigung eines Walles oftmals
gute Dienste leisteten, daß sie aber im offenen Felde gegen Veteranen
wenig Chancen hätten. „Man versammle den größten Theil unsrer Infanterie
hinter den Wällen von Limerick und Galway. Die übrigen lasse man in
Verbindung mit der Reiterei dem Feinde in den Rücken fallen und ihm
seine Zufuhren abschneiden. Wenn er in Connaught eindringt, so fallen
wir in Leinster ein. Macht er vor Galway Halt, das leicht zu
vertheidigen ist, so machen wir einen Angriff auf Dublin, das gänzlich
entblößt ist.”[104] Saint-Ruth würde diesen Rath vielleicht für gut
gehalten haben, wenn sein Urtheil nicht durch seine Leidenschaften
irregeleitet worden wäre. Aber er grämte sich noch über die erlittene
demüthigende Niederlage. Angesichts seines Zeltes hatten die Engländer
einen reißenden Strom passirt und eine befestigte Stadt erstürmt. Er
mußte nothwendig fühlen, daß, wenn auch Andre zu tadeln waren, er selbst
nicht vorwurfsfrei war. Er hatte, gelind gesagt, die Dinge zu leicht
genommen. Ludwig, der seit vielen Jahren gewohnt war, Befehlshaber in
seinem Dienste zu haben, welche nichts dem Zufalle zu überlassen
pflegten, was durch Umsicht sicher erreicht werden konnte, ließ es
schwerlich als eine genügende Entschuldigung gelten, daß sein General
einen so kühnen und plötzlichen Angriff vom Feinde nicht erwartet habe.
Der Lord Lieutenant stellte voraussichtlich das Geschehene im
ungünstigsten Lichte dar, und Alles was der Lord Lieutenant sagte, fand
bei Jakob Wiederhall. Es stand ein scharfer Verweis, vielleicht ein
Abberufungsschreiben zu erwarten. Als ein Schuldbeladener nach
Versailles zurückzukehren, sich in höchster Bestürzung dem großen Könige
zu nahen, ihn die Achseln zucken, die Stirn runzeln und sich abwenden zu
sehen, fortgeschickt zu werden, um sich weit von Höfen und Feldlagern
auf einem einsamen Landsitze zu langweilen: das war zuviel, um es
ertragen zu können, und doch stand es ernstlich zu befürchten. Es gab
nur einen Ausweg: zu kämpfen, und zu siegen oder zu sterben.
In solcher Stimmung schlug Saint-Ruth sein Lager ungefähr dreißig Meilen
von Athlone auf der Straße nach Galway unweit des zerstörten Schlosses
Aghrim auf und beschloß, die Ankunft der englischen Armee zu erwarten.
Sein ganzes Benehmen war verändert. Er hatte bisher die irischen
Soldaten mit geringschätzender Strenge behandelt. Jetzt aber, da er sich
entschlossen hatte, Leben und Ruf auf den Muth des verachteten Volks zu
setzen, wurde er ein andrer Mensch. Während der wenigen Tage, die ihm
noch blieben, bemühte er sich, durch Nachsicht und Freundlichkeit die
Herzen Aller zu gewinnen, die unter seinem Commando standen.[105] Zu
gleicher Zeit wendete er auf seine Truppen die mächtigsten moralischen
Stimulationsmittel an. Er war ein eifriger Katholik, und es ist
wahrscheinlich, daß die Strenge, mit der er die Protestanten seines
Vaterlandes behandelt hatte, zum Theil dem Hasse zugeschrieben werden
muß, den er gegen ihre Glaubenslehren empfand. Er versuchte jetzt, dem
Kriege den Character eines Kreuzzuges zu geben. Die Geistlichen waren
die Werkzeuge, deren er sich bediente, um den Muth seiner Soldaten
aufrecht zu erhalten. Das ganze Lager war in einer religiösen Aufregung.
In jedem Regimente waren Priester fortwährend beschäftigt zu beten, zu
predigen, zu absolviren und Hostie und Kelch emporzuhalten. Während die
Soldaten auf das geweihte Brot schwuren, ihre Fahnen nicht zu verlassen,
richtete der General einen Aufruf an die Offiziere, der auch die
trägsten und verweichlichtsten Naturen zu heldenmüthiger Anstrengung
angespornt haben würde. Sie kämpften, sagte er, für ihren Glauben, für
ihre Freiheit und für ihre Ehre. Unglückliche Ereignisse, die nur zu
weit und breit bekannt seien, hätten einen Schatten auf den
Nationalcharacter geworfen. Das irische Militär würde überall nur mit
einem Hohnlächeln erwähnt. Wenn ihnen darum zu thun sei, den guten Ruf
ihres Vaterlandes wiederherzustellen, so sei jetzt die Zeit und der Ort
dazu.[106]
Die Stelle, wo er das Schicksal Irland’s zur Entscheidung zu bringen
beschlossen hatte, scheint mit großer Einsicht gewählt gewesen zu sein.
Seine Armee war am Abhange eines Hügels aufgestellt, der fast ganz von
röthlichem Sumpfboden umgeben war. Vor der Front, nahe am Rande des
Moors, befanden sich einige Zäune, aus denen ohne Mühe eine Verschanzung
errichtet wurde.
Am 11. Juli nahm Ginkell, nachdem er die Befestigungen von Athlone
ausgebessert und daselbst eine Besatzung zurückgelassen hatte, sein
Hauptquartier in Ballinasloe, etwa vier Meilen von Aghrim, und ritt
vorwärts, um die irische Stellung in Augenschein zu nehmen. Bei seiner
Zurückkunft gab er Befehl, daß Munition vertheilt, daß jedes Gewehr und
jedes Bajonnet zum Gefecht bereit gemacht und am andren Morgen in aller
Frühe jeder Mann ohne Appell unter den Waffen stehen solle. Zwei
Regimenter sollten zum Schutze des Lagers zurückbleiben, und die übrigen
sollten unbeschwert mit Gepäck gegen den Feind vorrücken.
[_Schlacht bei Aghrim._] Am folgenden Morgen bald nach sechs Uhr waren
die Engländer auf dem Wege nach Aghrim. Ihr Marsch wurde jedoch zuerst
durch einen dichten Nebel, der bis Mittag über dem feuchten Thale des
Suck lagerte, und dann wieder durch die Nothwendigkeit, die Irländer aus
einigen Vorposten zu vertreiben, etwas aufgehalten, und der Nachmittag
war schon weit vorgerückt, als die beiden Armeen einander, nur durch den
Sumpf und die Verschanzungen getrennt, endlich gegenüberstanden. Die
Engländer und ihre Verbündeten waren unter zwanzigtausend, die Irländer
über fünfundzwanzigtausend Mann stark.
Ginkell hielt einen kurzen Kriegsrath mit seinen vornehmsten
Offizieren. Sollte er sofort angreifen, oder bis zum nächsten Morgen
warten? Mackay war für den sofortigen Angriff, und seine Meinung behielt
die Oberhand. Um fünf Uhr begann die Schlacht. Das englische Fußvolk
rückte in so guter Ordnung als es auf dem verrätherischen und unebenen
Terrain beobachten konnte, bei jedem Schritte tief in den Schlamm
einsinkend, gegen die irischen Verschanzungen vor. Aber diese
Verschanzungen wurden mit einer Entschlossenheit vertheidigt, die selbst
Männern, welche am stärksten gegen den celtischen Stamm eingenommen
waren, einige Worte unwilligen Lobes abzwang.[107] Immer und immer
wieder kehrten sie zum Kampfe zurück. Einmal wurden sie durchbrochen und
über den Morast zurückgetrieben; aber Talmash sammelte sie wieder und
zwang die Verfolger zum Rückzuge. Schon zwei Stunden hatte der Kampf
gedauert, der Abend brach herein und noch immer war der Vortheil auf
Seiten der Irländer. Ginkell begann auf den Rückzug zu denken.
Saint-Ruth’s Hoffnung wuchs. „Der Sieg ist unser, meine Jungen,” rief
er, den Hut in der Luft schwenkend. „Wir wollen sie vor uns hertreiben
bis unter die Mauern von Dublin.” Aber das Glück hatte sich schon zu
wenden begonnen. Mackay und Ruvigny war es gelungen, mit der englischen
und hugenottischen Reiterei den Sumpf an einer Stelle zu passiren, wo
kaum zwei Mann nebeneinander reiten konnten. Saint-Ruth lachte anfangs,
als er die Blauen einzeln hintereinander sich unter einem Feuer, das
jeden Augenblick einen tapferen Federhut zu Boden streckte, durch den
Morast arbeiten sah. „Was wollen sie?” fragte er und setzte dann mit
einem Schwure hinzu, daß es doch jammerschade sei, so prächtige Burschen
dem sicheren Untergange entgegengehen zu sehen. „Doch laßt sie nur
herüberkommen,” sagte er weiter; „je mehr ihrer sind, um so mehr werden
wir niedermachen.” Bald aber sah er sie Schanzkörbe auf dem Sumpfboden
aufrichten. Es wurde ein breiterer und festerer Weg hergestellt,
Schwadron nach Schwadron erreichte trocknen Boden, und die Flanke der
irischen Armee wurde bald geworfen. Der französische General eilte zur
Unterstützung herbei, als eine Kanonenkugel ihm den Kopf wegriß. Seine
Umgebung hielt es für gefährlich, sein Schicksal bekannt zu machen. Sein
Leichnam wurde daher in einen Mantel gehüllt, vom Schlachtfelde getragen
und in aller Stille zwischen den Ruinen des ehemaligen Klosters Loughrea
in geweihter Erde bestattet. Bis nach beendigtem Kampfe wußte keine der
beiden Armeen, daß er nicht mehr war. Seinen Tod den gemeinen Soldaten
zu verbergen, mag vielleicht klug gewesen sein. Ihn seinen Offizieren zu
verbergen, war Thorheit. Der entscheidende Moment der Schlacht war
gekommen, und es war Niemand da, um die Operationen zu leiten. Sarsfield
commandirte die Reserve; aber er hatte strenge Weisung von Saint-Ruth,
ohne Befehl nicht von der Stelle zu gehen, und der Befehl kam nicht.
Mackay und Ruvigny griffen mit ihren Reitern die Irländer in der Flanke
an; Talmash und seine Infanterie kehrten mit grimmiger Entschlossenheit
nochmals zum Frontangriff zurück. Das Schanzwerk wurde genommen. Die
Irländer zogen sich, noch immer fechtend, von Zaun zu Zaun zurück; aber
ein Zaun nach dem andren ward genommen und ihre Anstrengungen wurden
immer schwächer und schwächer. Endlich lösten sie sich auf und flohen.
Und nun folgte ein entsetzliches Blutbad. Die Sieger waren in einer
wüthenden Stimmung, denn es hatte sich unter ihnen das Gerücht
verbreitet, daß einige englische Gefangene, denen Pardon gegeben worden
war, niedergehauen worden seien. Es wurden nur vierhundert Gefangene
gemacht. Die Anzahl der Gefallenen war im Verhältniß zu der Zahl der
Kämpfenden größer als in irgend einer Schlacht der damaligen Zeit. Wäre
nicht eine mondscheinlose Nacht hereingebrochen, die ein feiner Regen
noch dunkler machte, so würde kaum ein Mann davon gekommen sein. Die
Finsterniß setzte Sarsfield in den Stand, mit einigen wenigen noch
zusammenhaltenden Schwadronen den Rückzug zu decken. Die Sieger hatten
ungefähr sechshundert Todte und tausend Verwundete.
Die Engländer schliefen diese Nacht auf dem Schlachtfelde. Am folgenden
Tage begruben sie ihre Waffengefährten und marschirten dann westwärts.
Die Leichen der Besiegten wurden unter freiem Himmel liegen gelassen,
ein seltsamer und schauerlicher Anblick! Man zählte viertausend irische
Leichname auf dem Schlachtfelde. Hundertfunfzig lagen in einer kleinen
Umzäunung, hundertzwanzig in einer andren. Aber das Gemetzel hatte sich
nicht auf das Schlachtfeld allein beschränkt. Ein Augenzeuge erzählt
uns, daß er auf dem Gipfel des Berges, an dessen Abhange das celtische
Lager aufgeschlagen gewesen war, die Umgegend, auf eine Entfernung von
beinahe vier Meilen mit den nackten Leichnamen der Erschlagenen bedeckt
gesehen habe. Die Ebene, sagt er, sah aus, wie eine mit Schafheerden
bedeckte ungeheure Weide. Wie gewöhnlich differirten selbst die
Schätzungen von Augenzeugen; aber es ist wahrscheinlich, daß die Zahl
der gefallenen Irländer nicht weniger als siebentausend betrug. Bald
fanden sich eine Menge Hunde ein, um die Leichen zu verzehren. Diese
Thiere wurden dadurch so wild und fanden einen solchen Geschmack an
Menschenfleisch, daß es lange gefährlich war, anders als in Gesellschaft
durch diese Gegend zu reisen.[108]
Die geschlagene Armee hatte jetzt ganz und gar das Aussehen einer
Armee verloren, und glich einem Pöbelhaufen, der von einer
Jahrmarktsschlägerei in wilder Unordnung zurückkehrt. Ein mächtiger
Strom von Fliehenden wälzte sich gegen Galway, ein andrer gegen
Limerick. Die nach diesen beiden Städten führenden Straßen waren mit
weggeworfenen Waffen bedeckt. Ginkell bot sechs Pence für jede Muskete.
In kurzer Zeit waren so viel Wagenladungen eingebracht, daß er den Preis
auf zwei Pence reducirte, und immer noch kamen große Massen von Gewehren
an.[109]
[_Fall von Galway._] Die Sieger marschirten zuerst auf Galway. D’Usson
war mit sieben Regimentern dort, welche durch das Gemetzel von Aghrim
gelichtet und völlig desorganisirt und entmuthigt waren. Die letzte
Hoffnung der Besatzung und der katholischen Einwohner war, daß Baldearg
O’Donnel, der verheißene Befreier ihres Stammes, sie zu befreien kommen
werde. Aber Baldearg O’Donnel ließ sich durch die abergläubische
Verehrung, die man ihm zollte, nicht täuschen. So lange der Ausgang des
Kampfes zwischen den Engländern und Irländern zweifelhaft war, hatte er
sich abseits gehalten. Am Tage der Schlacht war er mit seiner
tumultuarischen Armee in sicherer Entfernung geblieben, und sobald er
erfuhr, daß seine Landsleute geworfen waren, floh er, auf dem ganzen
Wege plündernd und sengend, in die Gebirge von Mayo. Von dort aus bot er
Ginkell seine Unterwerfung und seine Dienste an. Ginkell ergriff mit
Freuden die Gelegenheit, eine furchtbare Räuberhorde aufzulösen, und den
Einfluß, den der Name einer celtischen Dynastie noch immer auf den
celtischen Volksstamm ausübte, zum Guten zu wenden. Die Unterhandlung
hatte jedoch ihre Schwierigkeiten. Der fahrende Ritter verlangte zuerst
nichts Geringeres als den Earltitel. Nach einigem Feilschen verstand er
sich dazu, die Liebe eines ganzen Volks und seine Ansprüche auf die
Königswürde für ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund zu verkaufen. Dennoch
war der Zauber, der seine Anhänger an ihn fesselte, noch nicht ganz
gebrochen. Einige Fanatiker aus Ulster waren bereit, unter dem O’Donnel
gegen ihre eigne Zunge und gegen ihre eigne Religion zu kämpfen. Mit
einer kleinen Schaar dieser ergebenen Anhänger schloß er sich einer
Division der englischen Armee an und leistete Wilhelm bei verschiedenen
Gelegenheiten nützliche Dienste.[110]
Als es bekannt wurde, daß keine Unterstützung von dem Helden zu erwarten
war, dessen Ankunft von so vielen Sehern verkündet worden, verloren die
in Galway eingeschlossenen Irländer allen Muth. D’Usson hatte auf die
erste Aufforderung der Belagerer eine trotzige Antwort gegeben; aber er
sah bald, daß jeder Widerstand unmöglich war, und er beeilte sich daher
zu kapituliren. Die Garnison durfte sich mit militärischen Ehren nach
Limerick zurückziehen, den Bürgern wurde vollständige Amnestie für
frühere Vergehen bewilligt, und stipulirt, daß es den katholischen
Priestern innerhalb der Mauern gestattet sein solle, ihre religiösen
Gebräuche privatim zu üben. Unter diesen Bedingungen wurden die Thore
geöffnet. Ginkell wurde von dem Mayor und den Aldermen mit tiefer
Ehrerbietung empfangen und vom Recorder mit einer Ansprache begrüßt.
D’Usson marschirte mit ungefähr zweitausenddreihundert Mann ungehindert
nach Limerick.[111]
In Limerick, dem letzten Asyl des besiegten Volksstammes, war Tyrconnel
die höchste Autorität. Es gab jetzt keinen General, welcher behaupten
konnte, daß seine Bestallung ihn vom Vicekönig unabhängig mache; auch
war der Vicekönig jetzt nicht mehr so unpopulär wie er vierzehn Tage
früher gewesen war. Nach der Schlacht war ein Umschwung der öffentlichen
Meinung eingetreten. Dem Vicekönig konnte keine Schuld an diesem großen
Unglück beigemessen werden. Er war in der That dagegen gewesen, das
Glück einer Feldschlacht zu versuchen und er konnte mit einem Anschein
von Wahrheit behaupten, daß die Nichtbeachtung seiner Rathschläge den
Untergang Irland’s herbeigeführt habe.[112]
Er traf einige Anstalten zur Vertheidigung Limerick’s, besserte die
Festungswerke aus und entsendete Truppenabtheilungen, um Lebensmittel
herbeizuschaffen. Die Gegend wurde von diesen Detachements auf viele
Meilen im Umkreise rein ausgeplündert und eine bedeutende Quantität Vieh
und Fourage innerhalb der Mauern aufgehäuft. Außerdem hatte man einen
großen Vorrath von Zwieback aus Frankreich. Die in Limerick versammelte
Infanterie belief sich auf etwa funfzehntausend Mann. Die irischen
Reiter und Dragoner, drei- bis viertausend an der Zahl, campirten auf
der Clareseite des Shannon. Die Communication zwischen ihrem Lager und
der Stadt wurde durch eine von einem Fort beschützte Brücke, Thomond
Bridge genannt, unterbrochen. Diese Vertheidigungsmittel waren nicht zu
verachten. Aber der Fall von Athlone und das Gemetzel von Aghrim hatte
den Muth der Armee gebrochen. Eine kleine Partei, an deren Spitze
Sarsfield und ein tapferer schottischer Offizier, Namens Wauchop
standen, nährte die Hoffnung, daß der Siegeszug Ginkell’s durch die
Mauern aufgehalten werden würde, von denen Wilhelm das Jahr vorher hatte
abziehen müssen. Aber viele von den irischen Anführern erklärten laut,
daß es Zeit sei an eine Kapitulation zu denken. Heinrich Luttrell, der
jederzeit eine dunkle und krumme Politik liebte, trat heimlich in
Unterhandlung mit den Engländern. Einer seiner Briefe wurde aufgefangen
und er wurde in Arrest gebracht; aber Viele, die seine Treulosigkeit
tadelten, stimmten gleichwohl mit ihm darin überein, daß es nutzlos sei,
den Kampf zu verlängern. Tyrconnel selbst war überzeugt, daß Alles
verloren sei. Seine einzige Hoffnung beruhte noch darauf, daß er im
Stande sein werde, den Kampf so lange hinauszuziehen bis er von
Saint-Germains die Erlaubniß erhielt zu unterhandeln. Er erbat sich in
einem Schreiben diese Erlaubniß und bewog mit einiger Mühe seine
verzweifelnden Landsleute, sich durch einen Eid zu verpflichten, nicht
zu kapituliren, bis eine Antwort von Jakob anlangte.[113]
[_Tyrconnel’s Tod._] Wenige Tage nachdem der Eid geleistet worden, war
Tyrconnel nicht mehr. Am 11. August speiste er bei D’Usson. Die
Gesellschaft war sehr heiter. Der Lord Lieutenant schien die Last, die
seinen Körper und Geist niederdrückte, abgeschüttelt zu haben; er trank
und scherzte und war wieder der Dick Talbot, der mit Grammont gewürfelt
und gezecht hatte. Bald nachdem er vom Tische aufgestanden war, beraubte
ihn ein Schlaganfall der Sprache und der Besinnung. Am 14. hauchte er
seinen Geist aus. Die entseelten Reste des Körpers, der einst Bildhauern
zum Modell gedient hatte, wurden unter den Steinplatten der Kathedrale
begraben; aber keine Inschrift und keine Tradition bezeichnet der
Nachwelt die Ruhestätte.[114]
Sobald der Vicekönig verschieden war, präsentirte Plowden, der die
irischen Finanzen verwaltet hatte, so lange es irische Finanzen zu
verwalten gab, ein mit dem großen Siegel Jakob’s versehenes
Vollmachtspatent, durch welches Plowden selbst, Fitton und Nagle für den
Fall von Tyrconnel’s Tode zu Lords Justices ernannt wurden. Die
Bekanntmachung der Namen erregte viel Murren, denn Plowden und Fitton
waren Sachsen. Die Bestallung erwies sich jedoch als eine bloße
Formalität, denn sie war von Instructionen begleitet, welche den Lords
Justices jede Einmischung in die Führung des Kriegs untersagten, und in
dem kleinen Raume, auf den Jakob’s Gebiet jetzt reducirt war, gab es
nichts weiter zu thun als Krieg zu führen. Die Verwaltung war daher
thatsächlich in den Händen D’Usson’s und Sarsfield’s.[115]
[_Zweite Belagerung von Limerick._] An dem Tage an welchem Tyrconnel
starb kam die Vorhut der englischen Armee vor Limerick an, und Ginkell
schlug sein Lager auf dem nämlichen Boden auf, den zwölf Monate früher
Wilhelm innegehabt hatte. Die Batterien, welche jetzt aus ganz anderen
Kanonen und Mörsern bestanden, als Wilhelm sich ihrer hatte bedienen
müssen, spielten Tag und Nacht und bald sah man an allen Ecken und Enden
der Stadt Dächer brennen und Mauern einstürzen. Ganze Straßen wurden in
Asche gelegt. Mittlerweile kamen mehrere englische Kriegsschiffe den
Shannon herauf und gingen ungefähr eine Meile unterhalb der Stadt vor
Anker.[116]
Der Platz hielt sich indessen noch immer. Die Besatzung stand der
Belagerungsarmee an numerischer Stärke wenig nach, und es schien nicht
unmöglich, daß die Vertheidigung verlängert werden könnte, bis die
Aequinoctialregen die Engländer zum zweiten Male zwangen, sich
zurückzuziehen. Ginkell beschloß, einen kühnen Schlag zu thun. Kein
Punkt auf der ganzen Befestigungslinie war wichtiger und kein Punkt
schien gesicherter zu sein als die Thomondbrücke, welche die Stadt mit
dem Lager der irischen Reiterei auf dem Clareufer des Shannon verband.
Der Plan des holländischen Generals ging dahin, die innerhalb der Wälle
befindliche Infanterie von der außerhalb liegenden Cavallerie
abzuschneiden und er führte diesen Plan mit großer Geschicklichkeit,
Energie und gutem Erfolge aus. Er schlug eine Brücke von blechernen
Booten über den Fluß, passirte denselben mit einem starken Truppencorps,
trieb funfzehnhundert Dragoner, welche schwachen Widerstand leisteten,
in Verwirrung vor sich her und marschirte auf die Quartiere der
irischen Reiterei zu. Die irischen Reiter machten an diesem Tage dem
Rufe, den sie sich am Boyne erworben, keine große Ehre. Dieser Ruf war
allerdings mit der fast gänzlichen Vernichtung der besten Regimenter
erkauft worden. Rekruten hatte man zwar ohne große Mühe gefunden, aber
der Verlust von funfzehnhundert vortrefflichen Soldaten war nicht zu
ersetzen. Das Lager wurde ohne Schwertstreich aufgegeben. Ein Theil der
Reiter floh in die Stadt, die übrigen zogen sich, soviel Vieh als sie in
diesem Augenblicke panischen Schreckens zusammenbringen konnten, vor
sich her treibend, in die Berge zurück. Man fand in den Magazinen einen
reichen Vorrath von Rindfleisch, Branntwein und Monturstücken, und die
sumpfige Ebene des Shannon war mit Gewehren und Granaten bedeckt, welche
die Fliehenden weggeworfen hatten.[117]
Die Sieger kehrten im Triumph in ihr Lager zurück. Aber Ginkell war mit
dem gewonnenen Vortheile noch nicht zufrieden. Er wollte gern jede
Verbindung zwischen Limerick und der Grafschaft Clare abschneiden. Nach
einigen Tagen überschritt er zu dem Ende nochmals an der Spitze mehrerer
Regimenter den Fluß und griff das Fort an, das die Thomondbrücke deckte.
In kurzer Zeit war das Fort erstürmt. Die Soldaten, welche darin gelegen
hatten, flohen in Verwirrung in die Stadt. Der Platzmajor, ein
französischer Offizier, der am Thomondthore commandirte, ließ aus
Besorgniß, daß mit den Fliehenden zugleich auch die Verfolger
hereinkommen würden, den der Stadt zunächst gelegenen Theil der Brücke
aufziehen. Viele von den Irländern stürzten kopfüber in den Strom und
ertranken; andere riefen um Pardon und schwenkten ihre Taschentücher zum
Zeichen der Unterwerfung. Aber die Sieger waren rasend vor Wuth, ihr
Blutdurst konnte nicht sogleich gezügelt werden und es wurden nicht eher
Gefangene gemacht, als bis die Haufen der Leichen bis über die
Brustwehren der Brücke gingen. Die Besatzung des Forts hatte aus
ungefähr achthundert Mann bestanden. Von diesen entkamen nur
hundertzwanzig nach Limerick.[118]
Diese Niederlage schien eine allgemeine Meuterei in der Stadt
hervorrufen zu wollen. Die Irländer schrien nach dem Blute des
Platzmajors, der angesichts ihrer fliehenden Landsleute die Brücke
aufzuziehen befohlen hatte. Seine Vorgesetzten mußten versprechen, daß
er vor ein Kriegsgericht gestellt werden solle. Zu seinem Glücke war er
beim Verschließen des Thomondthores tödtlich verwundet worden, und der
Soldatentod rettete ihn vor der Wuth der Menge.[119]
[_Die Irländer wollen kapituliren._] Das Geschrei nach einer
Kapitulation wurde so laut und dringend, daß die Generäle demselben
nicht widerstehen konnten. D’Usson benachrichtigte seine Regierung, das
Gefecht auf der Brücke habe den Muth der Garnison so vollständig
vernichtet, daß es unmöglich sei den Kampf länger fortzusetzen.[120]
Gegen D’Usson’s Aussage muß man vielleicht einiges Mißtrauen hegen, denn
er war ohne Zweifel, wie alle Franzosen, die ein Commando in der
irischen Armee bekleidet hatten, seiner Verbannung überdrüssig und
sehnte sich nach Paris zurück. Es ist jedoch ausgemacht, daß selbst
Sarsfield den Muth verloren hatte. Bis zu diesem Augenblicke hatte er
beständig für hartnäckigen Widerstand gestimmt. Jetzt war er nicht nur
bereit zu unterhandeln, sondern er verlangte sogar ungeduldig
darnach.[121] Er hielt die Stadt für unrettbar verloren. Es war keine
Hoffnung mehr weder auf einheimische noch auf fremde Hülfe. In jedem
Theile Irland’s hatten die Sachsen den Fuß auf den Nacken der
Eingebornen gesetzt. Sligo war gefallen. Selbst die wüsten Eilande,
welche die mächtigen Wogen des atlantischen Oceans von der Galwaybucht
abhalten, hatten Wilhelm’s Autorität anerkannt. Die Männer von Kerry,
welche für den wildesten und unfügsamsten Theil der eingebornen
Bevölkerung galten, hatten sich lange gehalten, waren aber doch endlich
geschlagen und in ihre Wälder und Berge getrieben worden.[122] Eine
französische Flotte, wenn eine solche jetzt an der Küste von Munster
angekommen wäre, würde die Mündung des Shannon von englischen
Kriegsschiffen bewacht gefunden haben. Die Lebensmittelvorräthe in
Limerick gingen bereits zu Ende. Wurde die Belagerung fortgesetzt, so
mußte die Stadt aller menschlichen Berechnung nach entweder durch Gewalt
oder durch eine Blockade fallen. Und wenn Ginkell durch die Bresche
eindringen oder von einer verhungernden Bevölkerung angefleht werden
sollte seine eigenen Bedingungen vorzuschreiben, was konnte man dann
anders erwarten als eine Tyrannei von noch unerbittlicherer Härte als
die eines Cromwell? War es also nicht weise zu versuchen, was für
Bedingungen zu erlangen waren so lange die Sieger noch etwas von der
Wuth und Verzweiflung der Besiegten zu fürchten hatten, so lange die
letzte irische Armee hinter den Wällen der letzten irischen Festung noch
einigen Widerstand leisten konnte?
[_Unterhandlungen zwischen den irischen Generälen und den Belagerern._]
Am Abend des Tages, welcher auf den Kampf am Thomondthore folgte, gaben
die Trommeln von Limerick das Zeichen zum Parlamentiren, Wauchop rief
von einem der Thürme die Belagerer an und ersuchte Ruvigny, Sarsfield
eine Unterredung zu bewilligen. Der wackere Franzose, der wegen seiner
Anhänglichkeit an die eine Religion ein Verbannter war, und der wackere
Irländer, der im Begriff stand, wegen seiner Anhänglichkeit an eine
andre ein Verbannter zu werden, kamen zusammen und conferirten
miteinander, unzweifelhaft mit gegenseitiger Sympathie und Achtung.[123]
Ginkell, dem Ruvigny den Verlauf der Unterredung berichtete, willigte
gern in einen Waffenstillstand. Denn so andauernd auch sein Erfolg bis
jetzt gewesen war, so hatte derselbe ihn doch noch nicht sicher gemacht.
Die Chancen waren zwar entschieden auf seiner Seite, allein es war
immerhin möglich, daß ein Versuch, die Stadt mit Sturm zu nehmen,
scheiterte, wie ein ähnlicher Versuch zwölf Monate früher gescheitert
war. Wenn die Belagerung in eine Belagerung verwandelt werden sollte, so
war es wahrscheinlich, daß die Seuche, welche der Armee Schomberg’s
verderblich geworden war, die Wilhelm zum Rückzuge gezwungen hatte und
die selbst Marlborough’s Genie und Thatkraft beinahe zu Schanden gemacht
hätte, das Blutbad von Aghrim sehr bald rächte. Es hatte neuerdings
stark geregnet, die ganze Ebene konnte in Kurzem ein ungeheurer Pfuhl
stehenden Wassers werden. Es konnte nöthig werden, die Truppen nach
einer gesünderen Stellung als am Ufer des Shannon zu versetzen und ihnen
ein wärmeres Obdach als das von Zelten zu verschaffen. Dann war der
Feind bis zum Frühjahr sicher. Im Frühjahr konnte eine französische
Armee in Irland landen, die Eingebornen konnten sich von Donegal bis
Kerry aufs Neue bewaffnet erheben und der Krieg, der jetzt so gut wie
beendigt war, konnte sich heftiger als je wieder entzünden.
Es wurde daher mit dem beiderseitigen aufrichtigen Wunsche, dem Kampfe
ein Ziel zu setzen, eine Unterhandlung eröffnet. Die Anführer der
irischen Armee hielten mehrere Berathungen, zu denen einige katholische
Prälaten und einige ausgezeichnete Juristen eingeladen wurden. Man legte
den Bischöfen eine vorläufige Frage vor, welche zarte Gewissen in
Verlegenheit setzte. Der verstorbene Vicekönig hatte die Offiziere der
Besatzung überredet zu schwören, daß sie Limerick nicht eher übergeben
wollten, als bis sie eine Antwort auf das Schreiben erhalten haben
würden, in dem ihre Lage Jakob geschildert worden war. Die Bischöfe
waren der Meinung, daß der Eid nicht mehr bindend sei. Er sei zu einer
Zeit wo die Communication mit Frankreich noch offen gewesen und in dem
festen Glauben geleistet worden, daß Jakob’s Antwort binnen drei Wochen
eintreffen werde. Jetzt sei mehr als das Doppelte dieser Zeit
verstrichen. Jeder Zugang zur Stadt werde vom Feinde streng bewacht. Sr.
Majestät getreue Unterthanen hätten im Sinne ihres Versprechens
gehandelt, indem sie sich so lange gehalten, bis es ihm unmöglich
geworden sei, ihnen seinen Willen kund zu thun.[124]
Die nächste Frage war, welche Bedingungen verlangt werden sollten. Eine
Schrift, die Vorschläge enthielt, welche Staatsmänner unsrer Zeit für
billig halten werden, welche aber selbst den humansten und liberalsten
englischen Protestanten des 17. Jahrhunderts überspannt vorkamen, wurde
ins Lager der Belagerer geschickt. Es wurde verlangt, daß alle Vergehen
mit dem Mantel der Vergessenheit bedeckt, daß der eingebornen
Bevölkerung vollkommene Freiheit der Gottesverehrung gewährt werden, daß
jedes Kirchspiel seinen Priester haben und daß die irischen Katholiken
befähigt sein sollten, alle Civil- und Militärämter zu bekleiden und
alle municipalen Privilegien zu genießen.[125]
Ginkell kannte die Gesetze und Gesinnungen der Engländer wenig, aber er
hatte unter seiner Umgebung Leute, welche befähigt waren, ihn zu leiten.
Sie hatten ihn acht Tage vorher abgehalten, einen Rapparee rädern zu
lassen, und jetzt gaben sie ihm eine Antwort auf die Vorschläge des
Feindes ein. „Ich bin hier fremd,” sagte Ginkell, „ich kenne die
Verfassung dieses Landes nicht; aber man versichert mir, daß das was Sie
verlangen, mit dieser Verfassung unvereinbar ist, und deshalb kann ich
mit Ehren nicht einwilligen.” Er ließ auf der Stelle eine neue Batterie
errichten und mit Kanonen und Mörsern befahren. Aber seine Anstalten
wurden sehr bald durch eine neue Botschaft aus der Stadt unterbrochen.
Die Irländer baten ihn nun, ihnen zu sagen was er ihnen gewähren wolle,
da er ihnen das was sie verlangten, nicht bewilligen könne. Er berief
seine Rathgeber zu sich und schickte nach kurzer Besprechung mit ihnen
eine Schrift zurück, welche einen Vertrag enthielt, von dem er annehmen
zu dürfen glaubte, daß die Regierung, der er diente, ihn billigen werde.
Was er anbot war allerdings viel weniger als die Irländer wünschten;
aber es war so viel als sie erwarten konnten, wenn sie ihre Lage und die
Stimmung der englischen Nation in Betracht zogen. Sie zeigten ihm
eiligst ihre Zustimmung an. Es wurde festgesetzt, daß sowohl zu Lande
als auch in den Häfen und Buchten von Munster die Feindseligkeiten
eingestellt und einer französischen Flotte gestattet werden sollte,
unbehindert den Shannon heraufzukommen und unbehindert wieder
abzusegeln. Die Unterzeichnung des Vertrags wurde bis zur Ankunft der
Lords Justices, welche Wilhelm in Dublin repräsentirten, in Ginkell’s
Hauptquartier verschoben. Einige Tage lang ließ die militärische
Wachsamkeit auf beiden Seiten nach. Gefangene wurden in Freiheit
gesetzt. Die Vorposten der beiden Armeen plauderten und aßen zusammen.
Die englischen Offiziere sahen sich in der Stadt um, die irischen
Offiziere speisten im Lager. Anekdoten über das was bei den
freundschaftlichen Zusammenkünften dieser Männer, welche noch kürzlich
Todfeinde gewesen waren, vorging, circulirten weit und breit. Besonders
eine Geschichte erzählte man sich in ganz Europa. „Hat dieser letzte
Feldzug,” sagte Sarsfield zu einigen englischen Offizieren, „Ihnen nicht
eine bessere Meinung von den irischen Soldaten beigebracht.” --
„Aufrichtig gesagt,” erwiederte ein Engländer, „denken wir von ihnen
noch ganz ebenso wie wir immer gedacht haben.” -- „Wie gering Sie auch
von uns denken mögen,” versetzte Sarsfield, „lassen Sie uns unsere
beiderseitigen Könige vertauschen, und wir werden bereitwillig unser
Glück noch einmal mit Ihnen versuchen.” Er dachte ohne Zweifel an den
Tag, an welchem er die beiden Souveraine an der Spitze zweier großer
Armeen gesehen hatte, Wilhelm als den Ersten beim Angriffe, und Jakob
als den Ersten auf der Flucht.[126]
[_Die Kapitulation von Limerick._] Am 1. October kamen Coningsby und
Porter im englischen Hauptquartiere an. Am 2. wurden die
Kapitulationsbedingungen sehr ausführlich berathen und definitiv
festgestellt. Am 3. wurden sie unterzeichnet. Sie waren in zwei Theile,
einen Militärvertrag und einen Civilvertrag getheilt. Ersterer wurde nur
von den beiderseitigen Generälen, letzterer auch von den Lords Justices
unterzeichnet.
Durch den Militärvertrag war festgesetzt, daß diejenigen irischen
Offiziere und Soldaten, weiche erklärten, daß sie nach Frankreich zu
gehen wünschten, dahin gebracht werden und inzwischen unter dem Commando
ihrer eigenen Generäle bleiben sollten. Ginkell übernahm es eine
beträchtliche Anzahl Transportfahrzeuge zu liefern. Auch französische
Schiffe sollten zwischen der Bretagne und Munster hin und her fahren
dürfen. Ein Theil von Limerick sollte sofort den Engländern übergeben
werden. Aber die Insel, auf welcher die Kathedrale und das Schloß
standen, sollte vor der Hand noch im Besitz der Irländer bleiben.
Die Bedingungen des Civilvertrags waren ganz verschieden von denen,
welche Ginkell zu bewilligen sich beharrlich geweigert hatte. Es war
nicht stipulirt, daß die Katholiken Irland’s zur Bekleidung eines
bürgerlichen oder militärischen Amtes befähigt sein oder daß sie in eine
Corporation zugelassen werden sollten. Aber sie erhielten das
Versprechen, daß sie in der Ausübung ihrer Religion diejenigen
Privilegien genießen sollten, welche mit dem Gesetz vereinbar waren oder
die sie unter der Regierung Karl’s II. genossen hatten.
Allen Einwohnern von Limerick und allen Offizieren und Soldaten der
jakobitischen Armee, die sich der Regierung unterwarfen und ihre
Unterwerfung durch Leistung des Huldigungseides bekundeten, war volle
Amnestie versprochen. Sie sollten ihr Eigenthum behalten, sollten jeden
Erwerbszweig betreiben dürfen, den sie vor den Unruhen betrieben hatten,
sollten wegen keines seit dem Regierungsantritt des vorigen Königs
verübten Verraths, Felonie oder Vergehens bestraft werden, ja es sollte
sogar kein Entschädigungsanspruch wegen einer Beraubung oder
Gewaltthätigkeit, die sie während der drei unruhigen Jahre begangen,
gegen sie erhoben werden. Dies war mehr als die Lords Justices nach der
Verfassung zu gewähren befugt waren. Es wurde deshalb hinzugesetzt, daß
die Regierung ihr Möglichstes thun werde, um die Ratification des
Vertrags von Seiten des Parlaments zu erlangen.[127]
Sobald die beiden Instrumente unterzeichnet waren, zogen die Engländer
in die Stadt ein und besetzten einen Theil derselben. Ein schmaler, aber
tiefer Arm des Shannon trennte sie von dem noch im Besitz der Irländer
befindlichen Theile.[128]
Schon nach einigen Stunden entspann sich ein Streit, der eine Erneuerung
der Feindseligkeiten hervorzurufen drohte. Sarsfield hatte sich
entschlossen, in französischen Diensten sein Glück zu versuchen, und
natürlich wünschte er ein Truppencorps mit auf den Continent zu nehmen,
das ein wichtiger Zuwachs zur Armee Ludwig’s sein würde. Ginkell war
eben so natürlich nicht geneigt, die Streitkräfte des Feindes durch
Tausende von Leuten zu verstärken. Beide Generäle beriefen sich auf den
Vertrag. Jeder legte denselben so aus, wie es seinem Zwecke entsprach
und Jeder beschwerte sich, daß der Andre ihn verletzt habe. Sarsfield
wurde beschuldigt, einen seiner Offiziere in Arrest geschickt zu haben,
weil er sich geweigert, nach dem Continent zu gehen. Ginkell erklärte
heftig gereizt, er wolle die Irländer lehren ihm Streiche spielen, und
begann Anstalten zu einer Kanonade zu treffen. Sarsfield kam ins
englische Lager und versuchte seine Maßregel zu rechtfertigen. Es
entspann sich ein heftiger Wortwechsel. „Ich füge mich,” sagte Sarsfield
endlich, „denn ich bin in Ihrer Gewalt.” -- „Sie sind durchaus nicht in
meiner Gewalt,” erwiederte Ginkell; „kehren Sie zurück und thun Sie das
Schlimmste was Sie denken.” Der verhaftete Offizier wurde in Freiheit
gesetzt und dadurch ein blutiger Kampf vermieden, und die beiden
Befehlshaber begnügten sich mit einem Wortkriege.[129] Ginkell erließ
Proklamationen, worin er den Irländern versicherte, daß, wenn sie ruhig
in ihrem Lande leben wollten, sie beschützt und begünstigt, und, wenn
sie das militärische Leben vorzögen, in die Armee Wilhelm’s aufgenommen
werden sollten. Aber es wurde hinzugesetzt, daß Keiner, der diese
freundliche Einladung zurückwiese und ein Soldat Ludwig’s würde,
erwarten dürfe, je wieder die Insel zu betreten. Sarsfield und Wauchop
boten ihre Beredtsamkeit für die gegentheilige Ansicht auf. Das jetzige
Aussehen der Dinge, sagten sie, sei allerdings trübe, aber hinter den
Wolken sei der Himmel heiter. Die Verbannung werde kurz, die Rückkehr
triumphirend sein. Binnen einem Jahre würden die Franzosen in England
einfallen, und bei einem solchen Einfalle würden die irischen Truppen,
wenn sie nur fest zusammenhielten, gewiß eine Hauptrolle spielen.
Inzwischen sei es weit besser für sie, in einem benachbarten und
befreundeten Lande, unter der väterlichen Fürsorge ihres eignen
rechtmäßigen Königs zu leben, als sich dem Prinzen von Oranien
anzuvertrauen, der sie wahrscheinlich an das andre Ende der Welt
schicken werde, um für seinen Bundesgenossen, den Kaiser, gegen die
Janitscharen zu kämpfen.
[_Die irischen Truppen werden aufgefordert, zwischen ihrem Vaterlande
und Frankreich zu wählen._] Der Beistand des katholischen Klerus wurde
angerufen. An dem Tage, an welchem Diejenigen, die sich entschlossen
hatten nach Frankreich zu gehen, aufgefordert wurden, ihren Entschluß
kund zu thun, waren die Priester unermüdlich in Ermahnungen. Vor jedem
Regiment wurde eine Predigt gehalten über die Pflicht, der Sache der
Kirche treu zu bleiben, und über die Sünde und Gefahr, sich mit
Ungläubigen zu verbinden.[130] Jeder, wurde gesagt, der in den Dienst
der Usurpatoren trete, würde dies bei Gefahr seines Seelenheils thun.
Die Ketzer versicherten, daß dem Auditorium nach der Predigt eine
tüchtige Ration Branntwein gereicht worden und daß, nachdem der
Branntwein getrunken gewesen sei, ein Bischof den Segen gesprochen habe.
So durch physische und moralische Stimulationsmittel gehörig
vorbereitet, wurde die aus etwa vierzehntausend Mann Infanterie
bestehende Besatzung auf der großen Wiese aufgestellt, die auf dem
Clarer Ufer des Shannon lag. Hier wurden Abdrücke von Ginkell’s
Proklamation in Masse vertheilt und englische Offiziere gingen durch die
Reihen, um die Mannschaften zu beschwören, sich nicht dem Verderben
preis zu geben, und um ihnen die Vortheile auseinanderzusetzen, welche
die Soldaten König Wilhelm’s genössen. Endlich kam der entscheidende
Augenblick. Die Truppen erhielten Befehl, die Revue zu passiren.
Diejenigen, welche in Irland zu bleiben wünschten, mußten an einer
bestimmten Stelle umkehren. Von allen denen, die über diese Stelle
hinaus marschirten, nahm man an, daß sie sich für Frankreich entschieden
hatten. Sarsfield und Wauchop sahen auf der einen Seite, Coningsby und
Ginkell auf der andren Seite mit ängstlicher Spannung zu. D’Usson und
seinen Landsleuten wurde es schwer, ihre ernste Miene zu bewahren,
obgleich das Schauspiel nicht ohne Interesse für sie war. Die Confusion,
der Lärm, das groteske Aussehen einer Armee, in der fast kein Hemd und
kein Beinkleid, kein Schuh oder Strumpf zu erblicken war, bildete einen
so lächerlichen Contrast mit dem geordneten und glänzenden Aussehen der
Truppen ihres Gebieters, daß sie einander scherzend fragten, was wohl
die Pariser sagen würden, wenn sie auf der Ebene von Grenelle eine
solche Armee defiliren sähen.[131]
[_Die Mehrzahl der irischen Truppen erklärt sich für den
Freiwilligendienst in Frankreich._] Zuerst marschirte das sogenannte
Regiment Royal vierzehnhundert Mann stark. Alle bis auf Sieben
überschritten den verhängnißvollen Punkt. Ginkell’s Gesicht verrieth
einen heftigen Unmuth. Er tröstete sich indeß wieder, als er das nächste
Regiment, das aus Eingebornen von Ulster bestand, wie ein Mann Kehrt
machen sah. Es war trotz der Gemeinschaft des Bluts, der Sprache und der
Religion zwischen den Celten von Ulster und denen der anderen drei
Provinzen eine Antipathie entstanden; auch ist es nicht
unwahrscheinlich, daß das Beispiel und der Einfluß Baldearg O’Donnel’s
einigen Eindruck auf die Bevölkerung des Landes gemacht haben mag, das
seine Vorfahren regiert hatten.[132] In den meisten Regimentern waren
die Meinungen getheilt; aber die große Mehrheit erklärte sich für
Frankreich. Heinrich Luttrell gehörte zu Denen, welche umkehrten. Er
wurde für seinen Abfall und vielleicht für noch andere Dienste mit
Verleihung der großen Güter seines älteren Bruders Simon, der fest zur
Sache Jakob’s hielt, mit einem Jahrgelde von fünfhundert Pfund von
Seiten der Krone, und mit dem Abscheu der katholischen Bevölkerung
belohnt. Nachdem er ein Vierteljahrhundert in Reichthum, Luxus und
Schande gelebt, wurde Heinrich Luttrell ermordet, als er sich in seiner
Sänfte durch Dublin tragen ließ, und das irische Haus der Gemeinen
erklärte, man habe Grund zu vermuthen, daß er als ein Opfer der Rache
der Papisten gefallen sei.[133] Achtzig Jahre nach seinem Tode wurde
sein Grab unweit Luttrellstown durch die Nachkommen Derer, die er
verrathen, gewaltsam geöffnet und sein Schädel vermittelst einer
Spitzhacke in Stücken zerschlagen.[134] Der tödtliche Haß, deren
Gegenstand er war, ging auch auf seinen Sohn und auf seinen Enkel über
und leider hatte weder der Character seines Sohnes noch der seines
Enkels Seiten, welche das Gefühl, das der Name Luttrell erweckte, zu
mildern geeignet gewesen wären.[135]
Als der lange Zug vorbeidefilirt war, ergab es sich, daß ungefähr
tausend Mann bereit waren, in Wilhelm’s Dienste zu treten. Etwa
zweitausend nahmen Pässe von Ginkell an und begaben sich ruhig in ihre
Heimath. Ungefähr elftausend kehrten mit Sarsfield in die Stadt zurück.
Einige Stunden nachdem die Besatzung die Revue passirt hatte, wurden
auch die einige Meilen von der Stadt lagernden Reiter aufgefordert, ihre
Wahl zu treffen, und die meisten von ihnen entschieden sich für
Frankreich.[136]
[_Viele von den Irländern, die sich für Frankreich erklärt hatten,
desertiren._] Sarsfield betrachtete die Truppen, welche bei ihm blieben,
als unwiderruflich verpflichtet, außer Landes zu gehen, und damit sie
sich nicht versucht fühlen möchten, ihre Zusage zurückzunehmen, hielt er
sie innerhalb der Wälle und ließ die Thore schließen und streng
bewachen. Obwohl Ginkell in seinem Aerger einige Drohungen murmelte,
scheint er doch eingesehen zu haben, daß eine Einmischung seinerseits
nicht gerechtfertigt war. Aber die Vorsichtsmaßregeln des irischen
Generals erreichten ihren Zweck bei weitem nicht vollkommen. Es war
durchaus nicht zu verwundern, daß ein abergläubischer und reizbarer
Kerne, mit einer Predigt und einem Glas Branntwein im Kopfe, bereit war
Alles zu versprechen was seine Priester verlangten; eben so wenig war es
zu verwundern, daß, als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte und keine
Anathemen ihm mehr in den Ohren klangen, er peinliche Besorgnisse
empfand. Er hatte sich verpflichtet, vielleicht auf Lebenszeit ins Exil
zu gehen, weit weg von den traurigen Wasserflächen, die seinem
ungebildeten Geiste ein geheimnißvolles Grauen einflößten. Alles was er
verlassen sollte, zog an seinen Gedanken vorüber, der wohlbekannte
Torfhaufen und das Kartoffelfeld und die Lehmhütte, die bei aller ihrer
Aermlichkeit doch immer seine Heimath war. Nie sollte er die
wohlbekannten Gesichter wieder um das Torffeuer sitzen sehen, nie die
traulichen Klänge der alten celtischen Lieder hören. Der weite Ocean
sollte zwischen ihm und dem Herde seiner greisen Eltern und seines
blühenden Liebchens wogen. Einige, die den quälenden Gedanken einer
solchen Trennung nicht zu ertragen vermochten und die Unmöglichkeit vor
Augen sahen, bei den Schildwachen, welche die Thore hüteten,
vorbeizukommen, sprangen in den Fluß und erreichten das entgegengesetzte
Ufer. Doch war die Zahl dieser kühnen Schwimmer nicht groß, und die
Armee würde wahrscheinlich vollzählig über den Kanal gebracht worden
sein, wenn sie bis zum Einschiffungstage in Limerick geblieben wäre.
Aber viele von den Schiffen auf denen die Ueberfahrt bewerkstelligt
werden sollte, lagen in Cork und Sarsfield mußte mit einigen seiner
besten Regimenter dahin abgehen. Dies war ein Marsch von nicht weniger
als vier Tagen durch eine öde Gegend. Es war unmöglich, gewandte junge
Männer, die mit allen Schlichen eines unsteten und räuberischen Lebens
vertraut waren, zu verhindern, daß sie sich unter dem Schutze der
Dunkelheit nach den Sümpfen und Wäldern fortstahlen. Viele Soldaten
waren sogar dreist genug, am hellen Tage davonzulaufen, noch ehe die
Kathedrale von Limerick ihren Blicken entschwunden war. Das Regiment
Royal, das am Tage der Revue ein so auffallendes Beispiel von treuer
Anhänglichkeit an die Sache Jakobs’ gegeben hatte, schmolz von
vierzehnhundert auf fünfhundert Mann zusammen. Noch vor der Abfahrt des
letzten Schiffes kam die Nachricht, daß die mit den ersten Schiffen
Abgegangenen in Brest unfreundlich empfangen worden seien. Sie waren
kärglich mit Lebensmitteln versehen worden, hatten weder Sold noch
Kleidung erlangen können und mußten ohne andres Obdach als Hecken und
Zäune auf freiem Felde schlafen, obgleich der Winter vor der Thür war.
Man hatte Viele von ihnen äußern hören, es würde weit besser gewesen
sein, in Alt-Irland zu sterben als in dem ungastlichen Lande zu leben,
in das sie verbannt wären. Die Wirkung dieser Berichte war, daß
Hunderte, welche lange in der Absicht auszuwandern beharrt hatten, sich
im letzten Augenblicke weigerten an Bord zu gehen, ihre Waffen wegwarfen
und in ihre heimathlichen Dörfer zurückkehrten.[137]
[_Die letzte Division der irischen Armee segelt von Cork nach Frankreich
ab._] Sarsfield bemerkte, daß eine Hauptursache der Desertion, die seine
Armee lichtete, die sehr natürliche Ungeneigtheit der Leute war, ihre
Familien in Dürftigkeit zurückzulassen. Cork und die Umgegend war mit
den Angehörigen der Fortgehenden angefüllt. Eine große Menge Frauen, von
denen viele ihre Kinder führten, trugen oder säugten, bedeckte alle
Zugänge zu dem Einschiffungsplatze. Der irische General, der den
Eindruck fürchtete, den die Bitten und Klagen dieser armen Geschöpfe
unfehlbar hervorbringen mußten, erließ eine Proklamation, in der er
seinen Soldaten versicherte, daß es ihnen erlaubt sein solle, ihre
Frauen und Familien nach Frankreich mitzunehmen. Es wäre eine
Beleidigung für das Andenken eines so tapferen und biederen Mannes,
wollte man annehmen, daß er dieses Versprechen mit der Absicht gegeben
habe, es nicht zu halten. Viel wahrscheinlicher ist es, daß er die
Anzahl Derer, welche die Ueberfahrt verlangen konnten, zu niedrig
anschlug, und daß er sich außer Stande sah, sein Wort zu halten, als es
bereits zu spät war, andere Einrichtungen zu treffen. Nachdem die
Soldaten eingeschifft waren, fand man zwar noch Raum für die Familien
Vieler; aber es blieben doch eine große Menge am Lande zurück, welche
kläglich baten, an Bord genommen zu werden. Als das letzte Boot abstieß,
stürzten sich Viele in die Brandung. Einige Weiber erfaßten die Taue,
wurden in tiefes Wasser mit fortgezogen, ließen nicht los, bis ihre
Hände zerschnitten waren, und kamen in den Wellen um. Die Schiffe
begannen sich in Bewegung zu setzen. Ein wildes, entsetzliches Geschrei
erscholl am Ufer und erregte ungewohntes Mitleid in Herzen, welche durch
Haß gegen den irischen Volksstamm und gegen den römischen Glauben
gestählt waren. Selbst der strenge Cromwellianer, jetzt endlich nach
einem dreijährigen verzweifelten Kampfe der unbestrittene Herr der
blutgetränkten und verwüsteten Insel, konnte nicht ungerührt den
Schmerzensschrei vernehmen, in welchem sich die ganze Wuth und der ganze
Kummer einer besiegten Nation aussprach.[138]
Die Segel verschwanden. Der abgezehrte und muthlose Schwarm Derer, die
ein härterer Schlag als der Tod zu Wittwen und Waisen gemacht,
zerstreute sich, um sich durch ein verwüstetes Land nach Hause zu
betteln oder niederzusinken und an der Straße vor Gram und Hunger zu
sterben. Die Verbannten gingen, um in fremden Feldlagern die Disciplin
zu lernen, ohne welche der natürliche Muth von geringem Werthe ist, und
um auf fernen Schlachtfeldern die Ehre wieder zu erkämpfen, welche
daheim durch eine lange Reihe von Niederlagen verloren worden war.
[_Zustand Irland’s nach dem Kriege._] In Irland war Friede. Die
Herrschaft der Colonisten war unumschränkt und die eingeborne
Bevölkerung zeigte die grauenvolle Ruhe der Erschöpfung und der
Verzweiflung. Gewaltthätigkeiten, Räubereien, Brandstiftungen und
Mordthaten kamen wohl noch immer vor, aber mehr als ein Jahrhundert
verging ohne einen allgemeinen Aufstand. Während dieses Jahrhunderts
wurden in Großbritannien durch die Anhänger des Hauses Stuart zwei
Revolutionen angestiftet. Aber weder als der ältere Prätendent in Scone
gekrönt wurde, noch als der jüngere in Holyrood sein Hoflager hielt,
wurde das Banner dieses Hauses in Connaught oder Munster aufgepflanzt.
Sogar im Jahre 1745, als die Hochländer gegen London marschirten, waren
die Katholiken Irland’s so ruhig, daß der Vicekönig ohne die mindeste
Gefahr mehrere Regimenter zur Verstärkung der Armee des Herzogs von
Cumberland über den St. Georgskanal senden konnte. Diese Unterwürfigkeit
war jedoch nicht eine Folge der Zufriedenheit, sondern lediglich der
Bestürzung und Entmuthigung. Der Stahl war tief ins Herz gedrungen. Die
Erinnerung an vergangene Niederlagen, die Gewohnheit, alltäglich
Insulten und Bedrückungen zu ertragen, hatten den Muth der unglücklichen
Nation gebrochen. Es gab zwar noch irische Katholiken von großer
Befähigung, Energie und Ehrgeiz; aber sie waren überall, nur nicht in
Irland zu finden: in Versailles und in St. Ildefonso, in den Armeen
Friedrich’s und in den Armeen Maria Theresia’s. Einer der Verbannten
wurde Marschall von Frankreich. Ein Andrer wurde Premierminister von
Spanien. Wäre er in seinem Vaterlande geblieben, so würden sich alle die
unwissenden und unbedeutenden Squires, welche auf das Gedächtniß der
glorreichen und denkwürdigen Zeit tranken, ihn als tief unter sich
stehend betrachtet haben. In seinem Palaste zu Madrid hatte er das
Vergnügen, den Gesandten Georg’s II. sich eifrig um seine Gunst bewerben
zu sehen und dem Gesandten Georg’s III. in stolzen Ausdrücken Trotz
bieten zu können.[139] Ueber ganz Europa fand man tapfere irische
Generäle, gewandte irische Diplomaten, irische Grafen, irische Barone,
irische Ritter des St. Ludwigs- und des St. Leopoldsordens, des weißen
Adlers und des goldenen Vließes zerstreut, die, wenn sie im Hause der
Knechtschaft geblieben wären, kaum Fähndriche in Infanterieregimentern
oder Bürger kleiner Corporationen hätten werden können. Nachdem diese
Männer, die natürlichen Oberhäupter ihres Stammes, entfernt worden,
waren die noch Zurückgebliebenen gänzlich hülflos und passiv. Eine
Erhebung des irischen Elements gegen das englische war eben so wenig zu
befürchten, wie eine Erhebung der Frauen und Kinder gegen die
Männer.[140]
Es gab zwar damals heftige Streitigkeiten zwischen dem Mutterlande und
der Colonie; aber für diese Streitigkeiten interessirte sich die
eingeborne Bevölkerung eben so wenig wie die rothen Indianer für den
Streit zwischen Altengland und Neuengland über das Stempelgesetz. Die
herrschende Minderheit, selbst wenn in Aufruhr gegen die Regierung,
kannte keine Gnade für etwas das wie Aufruhr seitens der unterworfenen
Mehrheit aussah. Keiner von den römischen Patrioten, welche Julius Cäsar
ermordeten, weil er nach dem Königstitel strebte, würde das geringste
Bedenken getragen haben, eine ganze Gladiatorenschule zu kreuzigen, die
es versucht hätte, sich der abscheulichsten und schimpflichsten
Knechtschaft zu entziehen. Keiner der virginischen Patrioten, welche
ihre Lostrennung vom britischen Reiche damit rechtfertigten, daß sie es
für eine selbstverständliche Wahrheit erklärten, daß der Schöpfer allen
Menschen ein unveräußerliches Recht auf die Freiheit gegeben habe, würde
das mindeste Bedenken getragen haben, einen Negersklaven
niederzuschießen, der auf dieses unveräußerliche Recht Anspruch gemacht
hätte. Ebenso waren die protestantischen Herren von Irland, während sie
sich prahlerisch zu den politischen Doctrinen Locke’s und Sidney’s
bekannten, der Meinung, daß ein Volk, das celtisch sprach und die Messe
hörte, in diesen Lehren nicht mit inbegriffen sei. Molyneux zog die
Suprematie der englischen Legislatur in Zweifel. Swift griff mit den
schärfsten Waffen des Spottes und Hohnes jeden Theil des
Regierungssystems an. Lucas beunruhigte die Verwaltung Lord
Harrington’s. Boyle stürzte die Verwaltung des Herzogs von Dorset. Aber
weder Molyneux noch Swift, weder Lucas noch Boyle dachten jemals daran,
an die eingeborne Bevölkerung zu appelliren. Sie würden eben so leicht
daran gedacht haben, an die Schweine zu appelliren.[141] Zu einer
späteren Zeit stachelte Heinrich Flood die dominirende Klasse auf, eine
Parlamentsreform zu verlangen und zur Erlangung dieser Reform selbst
revolutionäre Mittel anzuwenden. Aber weder er noch Diejenigen, die ihn
als ihren Führer betrachteten und auf sein Geheiß bis dicht an den Rand
des Hochverraths gingen, wollten der unterworfenen Klasse auch nur den
kleinsten Antheil an der politischen Macht einräumen. Der tugendhafte
und gebildete Charlemont, ein Whig unter den Whigs, verbrachte ein
langes Leben im Kampfe für das was er die Freiheit seines Vaterlandes
nannte. Aber er stimmte gegen das Gesetz, welches katholischen
Grundbesitzern das Wahlrecht verlieh, und er starb mit der feststehenden
Meinung, daß das Parlamentshaus von katholischen Mitgliedern rein
gehalten werden müsse. In der That, während des auf die Revolution
folgenden Jahrhunderts stand die Geneigtheit eines englischen
Protestanten, das irische Element mit Füßen zu treten, gewöhnlich im
Verhältniß zu dem Eifer, den er für die politische Freiheit an sich zur
Schau trug. Wenn er ein einziges Wort des Mitleids mit der durch die
Minderheit unterdrückten Mehrheit äußerte, konnte er dreist ein bigotter
Tory und Hochkirchlicher genannt werden.[142]
Während dieser ganzen Zeit gohr ein durch die Furcht niedergehaltener
Haß in der Brust der Kinder des Bodens. Sie waren noch das nämliche
Volk, das 1641 auf den Ruf O’Neill’s und 1689 auf den Ruf Tyrconnel’s zu
den Waffen geeilt war. Für sie war jedes vom Staate angeordnete Fest ein
Tag der Trauer, jede vom Staate errichtete öffentliche Trophäe ein
Denkmal der Schande. Wir haben die Gefühle einer Nation, welche dazu
verurtheilt ist, beständig auf allen ihren öffentlichen Plätzen die
Denkmäler ihrer Unterjochung zu sehen, nie gekannt und können uns mit
einen schwachen Begriff davon machen. Auf solche Monumente traf das Auge
der irischen Katholiken allenthalben. Vor dem Senatshause ihres Landes
sahen sie das Standbild ihres Besiegers. Wenn sie eintraten, sahen sie
die Wände mit den Niederlagen ihrer Väter bedeckt. Endlich, nach hundert
Jahren der Knechtschaft, die ohne einen energischen oder einmüthigen
Befreiungskampf ertragen worden waren, weckte die französische
Revolution eine wilde Hoffnung im Busen der Bedrückten. Männer, welche
alle Prätensionen und alle Leidenschaften des Parlaments geerbt, das
Jakob in den King’s Inns gehalten hatte, konnten nicht ohne innere
Bewegung von dem Sturze einer reichen Staatskirche, von der Flucht eines
glänzenden Adels, von der Confiscation eines ungeheuren Ländergebiets
hören. Alte Antipathien, welche nie geschlummert hatten, wurden durch
die Combination von Anreizungen, die in jeder andren Gesellschaft
einander entgegengewirkt haben würden, zu neuer und furchtbarer Energie
entflammt. Der Geist des Papismus und der Geist des Jakobitismus,
überall anderwärts unversöhnliche Gegner, waren für diesmal zu einer
unnatürlichen und entsetzlichen Einigkeit verbunden. Ihr vereinter
Einfluß rief die dritte und letzte Erhebung der eingebornen Bevölkerung
gegen die Colonie hervor. Die Urenkel der Soldaten Galmoy’s und
Sarsfield’s standen den Urenkeln der Soldaten Wolseley’s und
Mitchelburn’s gegenüber. Wieder schaute der Celte ungeduldig nach den
Segeln aus, die ihm von Brest Hülfe bringen sollten, und wieder hatte
der Sachse die Gesammtmacht England’s zur Stütze. Der Sieg blieb
abermals der gebildeten und wohlorganisirten Minderzahl.
Glücklicherweise aber fand das besiegte Volk diesmal auf einer Seite
Schutz, von wo es früher nichts als unversöhnliche Härte zu erwarten
gehabt hätte. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts hatte zu dieser Zeit
den englischen Whiggismus von dem tiefwurzelnden Fehler der Intoleranz
gereinigt, den derselbe während einer langen und innigen Verbindung mit
dem Puritanismus des 17. Jahrhunderts angenommen. Aufgeklärte Männer
hatten angefangen einzusehen, daß die Argumente, durch welche Milton und
Locke, Tillotson und Burnet die Rechte der Ueberzeugung vertheidigt
hatten, mit nicht geringerem Gewicht zu Gunsten der Katholiken, wie zu
Gunsten der Independenten oder der Baptisten geltend gemacht werden
konnten. Die große Partei, deren Entstehung durch die Exclusionisten
hindurch bis zu den Rundköpfen zurückgeht, verlangte noch dreißig Jahre
lang trotz königlichen Unwillens und Volksgeschreis für diejenigen
irischen Papisten, welche die Rundköpfe und die Exclusionisten nur als
Jagdwild oder als Lastvieh betrachtet hatten, einen Antheil am Genusse
aller Wohlthaten unsrer freien Verfassung. Doch es bleibt einem andren
Geschichtsschreiber vorbehalten, die Wechselfälle dieses großen Kampfes
und den endlichen Sieg der Vernunft und Humanität zu erzählen. Leider
wird dieser Geschichtsschreiber auch zu berichten haben, daß dem durch
solche Anstrengungen und solche Opfer errungenen Siege alsbald
Enttäuschung folgte, daß es sich als viel schwerer erwies, böse
Leidenschaften auszurotten als schlechte Gesetze abzuschaffen, und daß
noch lange nachdem jede Spur von nationalem und religiösem Hasse aus dem
Gesetzbuche verwischt war, nationaler und religiöser Haß in der Brust
von Millionen fortwucherte. Möge er auch berichten können, daß Weisheit,
Gerechtigkeit und Zeit allmälig in Irland das bewirkten, was sie in
Schottland bewirkt hatten, und daß alle Stämme, welche die britischen
Inseln bewohnen, endlich unauflösbar zu einem Volke verschmolzen!