Geschichte von England
seit der
Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.
Aus dem Englischen.
Vollständige und wohlfeilste
+Stereotyp-Ausgabe.+
Neunter Band:
enthaltend Kapitel 17 und 18.
Leipzig, 1856.
G. H. Friedlein.
Siebzehntes Kapitel.
Wilhelm und Marie.
Inhalt.
Seite
Wilhelm’s Reise nach Holland 5
Wilhelm’s Einzug in den Haag 6
Kongreß im Haag 8
Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen 10
Wilhelm erlangt eine Toleranz für die Waldenser 12
Mängel, welche in der Natur der Coalitionen liegen 12
Belagerung und Fall von Mons 13
Wilhelm kehrt nach England zurück. Prozesse Preston’s und Ashton’s 14
Ashton’s Hinrichtung 16
Preston’s Unschlüssigkeit und seine Geständnisse 16
Nachsicht gegen die Verschwörer. Clarendon 18
Dartmouth 18
Turner 19
Penn 19
Tod Georg Fox’; sein Character 20
Unterredung zwischen Penn und Sidney 24
Preston begnadigt 25
Freude der Jakobiten über den Fall von Mons 26
Die erledigten Bisthümer werden besetzt 26
Tillotson, Erzbischof von Canterbury 27
Benehmen Sancroft’s 29
Uneinigkeit zwischen Sancroft und Ken 30
Sancroft’s Haß gegen die Landeskirche. Er bestimmt die
bischöfliche Succession unter den Eidverweigerern 31
Die neuen Bischöfe 32
Sherlock Dechant von St. Paul 33
Verrätherei einiger Diener Wilhelm’s 38
Russell 40
Godolphin 41
Marlborough 42
Wilhelm kehrt auf den Continent zurück 45
Der Feldzug von 1691 in Flandern 46
Der Krieg in Irland 48
Zustand des englischen Theils von Irland 48
Zustand des Theiles von Irland, welcher Jakob unterthan war 51
Uneinigkeiten unter den Irländern in Limerick 52
Rückkehr Tyrconnels nach Irland 54
Ankunft einer französischen Flotte in Limerick; Saint-Ruth 55
Die Engländer rücken ins Feld 56
Fall von Ballymore 56
Belagerung und Fall von Athlone 57
Rückzug der irischen Armee 61
Saint-Ruth beschließt eine Schlacht zu wagen 62
Schlacht bei Aghrim 64
Fall von Galway 66
Tyrconnel’s Tod 68
Zweite Belagerung von Limerick 68
Die Irländer wollen kapituliren 70
Unterhandlungen zwischen den irischen Generälen und den Belagerern 71
Die Kapitulation von Limerick 73
Die irischen Truppen werden aufgefordert, zwischen ihrem
Vaterlande und Frankreich zu wählen 75
Die Mehrzahl der irischen Truppen erklärt sich für den
Freiwilligendienst in Frankreich 75
Viele von den Irländern, die sich für Frankreich erklärt hatten,
desertiren 76
Die letzte Division der irischen Armee segelt von Cork nach
Frankreich ab 78
Zustand Irland’s nach dem Kriege 78
[_Wilhelm’s Reise nach Holland._] Am 18. Jan. 1691 schiffte sich der
König, nachdem seine Abreise durch widrige Winde um einige Tage
verzögert worden war, in Gravesend ein. Vier Yachten waren für ihn und
sein Gefolge ausgerüstet worden. Unter seinen Begleitern waren Norfolk,
Ormond, Devonshire, Dorset, Portland, Monmouth, Zulestein und der
Bischof von London, und zwei ausgezeichnete Admiräle, Cloudesley Shovel
und Georg Rooke, befehligten die Kriegsschiffe, welche den Convoi
bildeten. Die Ueberfahrt war langweilig und unangenehm. Auf der Höhe der
Godwin-Sandbänke wurde das Geschwader viele Stunden durch eine
Windstille aufgehalten, und erst am fünften Tage zeigte das Senkblei an,
daß man sich der holländischen Küste näherte. Der Seenebel war jedoch so
dicht, daß sich das Land nicht erkennen ließ, und man hielt es nicht für
gerathen, in der Dunkelheit weiter zu fahren. Der Seereise überdrüssig
und von Sehnsucht nach seinem geliebten Vaterlande erfüllt, beschloß
Wilhelm in einem offenen Boote zu landen. Die ihn begleitenden Edelleute
versuchten ihn von dem Vorhaben abzubringen, ein so kostbares Leben zu
gefährden; als sie aber sahen, daß sein Entschluß fest stand, drangen
sie darauf, die Gefahr mit ihm zu theilen. Es zeigte sich bald, daß
diese Gefahr ernster war als sie erwartet hatten. Man hatte geglaubt,
daß die Gesellschaft in einer Stunde das Ufer erreichen werde; aber
große Massen Treibeis erschwerten das Fortkommen des Bootes, die
Dunkelheit brach herein, der Nebel wurde dichter und die Wogen
durchnäßten den König und seine Begleiter. Einmal stieß das Fahrzeug auf
eine Sandbank und wurde nur mit großer Mühe wieder flott gemacht. Auch
die kühnsten Seeleute konnten sich einiger Besorgniß nicht erwehren.
Wilhelm aber blieb die ganze Nacht durch eben so ruhig, als ob er sich
im Drawingroom zu Kensington befunden hätte. „Schämt Euch,” sagte er zu
einem der verzagenden Matrosen, „fürchtet Ihr in meiner Gesellschaft den
Tod?” Ein verwegener holländischer Seemann sprang ins Meer und schwamm
und watete durch Brandung, Eis und Schlamm ans Land. Hier schoß er ein
Gewehr ab und zündete ein Feuer an, zum Zeichen daß er in Sicherheit
war. Keiner von seinen Mitpassagieren hielt es jedoch für gerathen,
seinem Beispiele zu folgen. Sie lagen auf- und abtreibend im Angesicht
des Feuers, das er angezündet hatte, bis der erste matte Schimmer eines
Januarmorgens sie erkennen ließ, daß sie sich dicht bei der Insel Goree
befanden. Ganz erstarrt von der Kälte und mit Eisklumpen bedeckt,
landete der König mit seinen Lords, um sich zu erwärmen und
auszuruhen.[1]
Nachdem Wilhelm einige Stunden in der Hütte eines Landmanns geruht
hatte, reiste er weiter nach dem Haag. Dort wurde er mit Ungeduld
erwartet, denn obgleich die Flotte, die ihn brachte, am Ufer nicht
sichtbar war, so waren doch die königlichen Salutschüsse durch den Nebel
gehört worden und hatten der ganzen Küste seine Ankunft verkündet. Viele
Tausende waren bei Honslaerdyk versammelt, um ihn mit einem Jubel zu
bewillkommnen, der aus ihren Herzen kam und den Weg zu seinem Herzen
fand. Es war einer der wenigen Freudentage in einem wohl nützlichen und
ruhmvollen, doch keineswegs glücklichen Leben. Nachdem der Verbannte
über zwei Jahre in einem fremden Lande zugebracht, stand er jetzt wieder
auf seinem heimathlichen Boden, hörte wieder die Sprache seiner Kindheit
und sah die Scenerie und Architektur wieder, die in seinem Geiste
unzertrennlich mit den Jugenderinnerungen und Heimathsgefühlen verknüpft
waren; die kahlen Dämme von Sand, Muscheln und Steinen, an denen sich
die Wogen des deutschen Oceans brachen; die endlosen, von Gräben
durchschnittenen Wiesen; die schnurgeraden Kanäle und die freundlich
angestrichenen, mit zierlichen Figuren und Inschriften geschmückten
Landhäuser. Er hatte viele langweilige Monate unter einem Volke gelebt,
das ihn nicht liebte, das ihn nicht verstand und das nie vergessen
konnte, daß er ein Ausländer war. Selbst diejenigen Engländer, die ihm
am treuesten dienten, dienten ihm ohne Begeisterung, ohne persönliche
Zuneigung und nur aus amtlichem Pflichtgefühl. Im Stillen bedauerten sie
es, daß ihnen keine andre Wahl blieb, als zwischen einem englischen
Tyrannen und einem holländischen Befreier. Hier war Alles anders.
Wilhelm befand sich unter einer Bevölkerung, von der er angebetet wurde,
wie Elisabeth angebetet worden war, als sie bei Tilbury durch die Reihen
ihrer Armee ritt, wie Karl II. angebetet worden war, als er in Dover
landete. Allerdings waren die alten Feinde des Hauses Oranien während
der Abwesenheit des Statthalters nicht müßig gewesen, und es war, wenn
auch nicht laut, doch leise gegen ihn gemurrt worden. Er habe, sagte
man, sein Vaterland um seines neuen Königreichs willen vernachlässigt.
Ueberall wo das Ansehen der englischen Flagge, der Aufschwung des
englischen Handels im Spiele gewesen sei, habe er vergessen, daß er ein
Holländer war. Sobald man aber sein wohlbekanntes Gesicht wieder sah,
war alle Eifersucht, alle Kälte verschwunden. Es war nicht ein Bauer,
nicht ein Fischer, nicht ein Handwerker unter den Volksmassen, welche
die Straße von Honslaerdyk nach dem Haag bedeckten, dessen Herz sich
nicht stolz gehoben hätte bei dem Gedanken, daß der erste Minister
Holland’s ein großer König geworden war, daß er die Engländer befreit
und die Irländer besiegt hatte. Es würde Tollkühnheit gewesen sein, wenn
Wilhelm von Hampton Court nach Westminster ohne Eskorte gefahren wäre;
in seinem eignen Lande aber brauchte er keine Schwerter und Karabiner zu
seinem Schutze. „Haltet die Leute nicht zurück,” rief er aus, „laßt sie
nahe zu mir herankommen, sie sind alle meine guten Freunde.”
[_Wilhelm’s Einzug in den Haag._] Er erfuhr bald, daß glänzende
Vorbereitungen zu seinem Empfange im Haag getroffen wurden. Zuerst
schalt er darüber und machte Einwendungen. Er hasse, sagte er, alles
Geräusch und Schaugepränge. Die nothwendigen Kosten des Kriegs seien
ohnehin schwer genug. Er hoffe, daß seine lieben Mitbürger ihn als
einen unter ihnen gebornen und erzogenen Nachbar betrachten und ihm
nicht ein so schlechtes Compliment machen würden, ihn ceremoniös zu
behandeln. Aber alle seine Vorstellungen waren vergebens. So einfach
und sparsam die Holländer in ihrer gewöhnlichen Lebensweise sind,
bei dieser Gelegenheit hatten sie sich vorgenommen, ihrem erlauchten
Landsmanne einen seinem Range und seinen Verdiensten entsprechenden
Empfang zu bereiten, und er sah wohl, daß er sich fügen mußte. Am Tage
seines Triumphzuges war der Zusammenfluß von Menschen ungeheuer. Alle
Wagen und Pferde der Provinz waren nicht hinreichend, um die Masse
Derer zu befördern, welche zu dem Schauspiele herbeiströmten. Viele
Tausende kamen zu Schlitten oder mit Schlittschuhen auf den zugefrornen
Kanälen von Amsterdam, Rotterdam, Leyden, Haarlem und Delft. Am Morgen
des 26. Januar um zehn Uhr gab die große Glocke auf dem Rathhause das
Signal. Sechzehnhundert wohlhabende Bürger, wohl bewaffnet und in die
schönsten Anzüge gekleidet, die sie in den Tiefen ihrer Garderoben
hatten finden können, hielten Ordnung in den mit Menschen gefüllten
Straßen. Balkons und Gerüste, von Immergrün umrankt und mit Teppichen
behangen, verbargen die Fenster. Der königliche Wagen, begleitet von
einem Heere von Hellebardieren und Läufern und gefolgt von einem langen
Zuge von Equipagen, fuhr durch zahllose mit Schnitzwerk und Malerei
reich verzierte Triumphbögen unter dem endlosen Rufe: „Lange lebe der
König, unser Statthalter!” Die Vorderseite des Rathhauses und der ganze
Umkreis des Marktplatzes prangten im glänzendsten Farbenschmucke.
Bürgerkronen, Trophäen, Embleme der Künste, der Wissenschaften, des
Handels und des Ackerbaues zeigten sich allenthalben. An einer Stelle
sah Wilhelm die glorreichen Thaten seiner Ahnen abgebildet. Da war
der schweigsame Prinz, der Gründer der batavischen Republik, wie
er mit seinen Kriegern über die Maas ging. Da war der ungestümere
Moritz, wie er den Angriff bei Nieuport leitete. Ein wenig weiter hin
konnte der Held die ereignißvolle Geschichte seines eignen Lebens
verfolgen. Er sah sich als Kind auf dem Schooße seiner verwittweten
Mutter; dann am Altare mit Mariens Hand in der seinigen; dann wie er
in Torbay landete; dann wie er durch den Boyne schwamm. Zuletzt kam
ein von Eis und Brandung umgebenes Boot, über welchem ganz passend in
der majestätischen Sprache Rom’s die Worte des großen Römers: „Was
fürchtest Du? Du hast Cäsar an Bord,” geschrieben standen. Die Aufgabe,
die lateinischen Mottos zu liefern, war zwei Männern übertragen worden,
welche bis zum Erscheinen Bentley’s unter den klassischen Gelehrten der
damaligen Zeit die erste Stelle einnahmen. Spanheim, der als Kenner der
römischen Münzen unerreicht dastand, ahmte nicht ohne Glück die edle
Kürze der alten Umschriften nach, die er fleißig studirt hatte, und er
wurde unterstützt durch Grävius, der damals in Utrecht einen Lehrstuhl
inne hatte und dessen wohlverdienter Ruf Massen von Studirenden aus
allen Theilen des protestantischen Europa an diese Universität zog.[2]
Als die Nacht hereinbrach, wurden auf dem großen Teiche, der die Mauern
des Bundespalastes bespülte, Feuerwerke abgebrannt. Dieser Teich war
jetzt so hart wie Marmor, und die Holländer rühmten sich, daß die
Welt, selbst auf der Terrasse von Versailles, nie etwas Prächtigeres
gesehen habe als den Effect der zahllosen Feuergarben, die der glatte
Eisspiegel zurückwarf.[3] Die englischen Lords beglückwünschten ihren
Gebieter wegen seiner großen Popularität. „Ja,” sagte er, „aber ich bin
nicht der Liebling. Der Jubel würde ungleich größer gewesen sein, wenn
Marie bei mir gewesen wäre.”
Wenige Stunden nach seinem triumphirenden Einzuge wohnte der König einer
Sitzung der Generalstaaten bei. Sein letztes Erscheinen in ihrer Mitte
hatte an dem Tage stattgefunden, an welchem er sich nach England
einschiffte. Er hatte damals unter dem lauten Schluchzen und Weinen
dieser ernsten Senatoren ihnen für die Güte gedankt, mit der sie über
seine Kindheit gewacht, seinen jugendlichen Geist gebildet und in
reiferen Jahren seine Autorität unterstützt, und er hatte seine geliebte
Gemahlin feierlich ihrer Obhut empfohlen. Jetzt kehrte er zu ihnen
zurück als der König dreier Reiche, als das Haupt der größten Coalition,
die Europa seit hundertachtzig Jahren gesehen hatte, und man hörte
nichts als Beifall und Glückwünsche im Saale.[4]
[_Congreß im Haag._] Inzwischen bewegten sich durch die Straßen des
Haag die Equipagen und Gefolge der Fürsten und Gesandten, welche zu dem
großen Congresse strömten. Zuerst erschien der ehrgeizige und
prachtliebende Friedrich, Kurfürst von Brandenburg, der einige Jahre
später den Titel König von Preußen annahm. Dann kamen der junge Kurfürst
von Bayern, der Regent von Würtemberg, die Landgrafen von Hessen-Kassel
und Hessen-Darmstadt und eine lange Reihe souverainer Fürsten aus den
erlauchten Häusern Braunschweig, Sachsen, Holstein und Nassau. Der
Marquis von Gastanaga, Gouverneur der spanischen Niederlande, kam vom
viceköniglichen Hofe zu Brüssel zu der Versammlung. Außerordentliche
Gesandte waren vom Kaiser, von der Königin von Spanien, Polen, Dänemark
und Schweden und vom Herzoge von Savoyen geschickt. Die Stadt und
Umgegend bot kaum Räumlichkeiten genug zur Aufnahme der englischen Lords
und Gentlemen und der deutschen Grafen und Barone, welche Neugierde oder
Amtspflicht an den Versammlungsort geführt hatten. Die ernste Hauptstadt
der sparsamsten und betriebsamsten Nation der Welt war so heiter wie
Venedig zur Carnevalszeit. Die durch jene majestätischen Linden und
Ulmen, in deren Mitte die Villa des Prinzen von Oranien liegt, führenden
Alleen strotzten von den Federbüschen, den Ordenssternen, den wallenden
Perrücken, den gestickten Röcken und den vergoldeten Degengefäßen
eleganter Cavaliere aus London, Berlin und Wien. Unter die Edelleute
waren jedoch auch Gauner gemischt, nicht minder prächtig gekleidet als
jene. Des Abends waren die Hazardspieltische belagert und das Theater
bis unter das Dach gefüllt. Fürstliche Bankets drängten sich in rascher
Aufeinanderfolge. Die Speisen wurden in goldenen Schüsseln aufgetragen
und nach der alten teutonischen Sitte, mit welcher Shakespeare seine
Landsleute bekannt gemacht hat, ertönten die Pauken und Trompeten so oft
einer der großen Fürsten eine Gesundheit ausbrachte. Einige englische
Lords, insbesondere Devonshire, gaben Feste, welche mit denen der
Souveraine wetteiferten. Es wurde bemerkt, daß die deutschen Potentaten,
welche im allgemeinen bezüglich der Etikette streitsüchtig und peinlich
waren, sich bei dieser Gelegenheit ohne alle Förmlichkeit versammelten
und ihren Hang zu genealogischen und heraldischen Controversen vergessen
zu haben schienen. Die Liebe zum Wein aber, welche damals ein
characteristischer Zug ihrer Nation war, hatten sie nicht vergessen. An
der Tafel des Kurfürsten von Brandenburg erregte der gravitätische Ernst
der holländischen Staatsmänner, die in ihrer Nüchternheit durch Citate
aus Grotius und Puffendorf den Unsinn widerlegten, den die berauschten
Edlen des Reichs hervorstammelten, große Heiterkeit. Einer dieser Edlen
leerte so viele Humpen, daß er in das Torffeuer taumelte, aus dem er
erst wieder herausgezogen wurde, als sein schöner Sammetrock verbrannt
war.[5]
Doch inmitten dieser festlichen Gelage wurden die Geschäfte nicht
vernachlässigt. Es wurde eine förmliche Sitzung des Congresses unter
Wilhelm’s Präsidium gehalten, worin er in einer kurzen und würdevollen
Ansprache, welche rasch die Runde durch ganz Europa machte, die
Nothwendigkeit festen Zusammenhaltens und energischer Anstrengung
auseinandersetzte. Die tiefe Ehrerbietung, mit der ihn die glänzende
Versammlung anhörte, erweckte den bitteren Neid und Aerger seiner Feinde
in England wie in Frankreich. Die deutschen Potentaten wurden heftig
getadelt, daß sie einem Emporkömmlinge den Vorrang einräumten. Die
Vornehmsten unter ihnen bezeigten ihm aber auch in der That eine solche
Achtung, wie sie sie kaum der kaiserlichen Majestät gezollt haben
würden; sie mischten sich unter die in seinem Vorzimmer harrende Menge
und benahmen sich an seiner Tafel so ehrfurchtsvoll wie irgend ein
dienstthuender englischer Lord. Auf einer Carricatur sind die
verbündeten Fürsten als Bären mit Maulkörben dargestellt, einige mit
Kronen, andere mit Staatsmützen auf dem Kopfe. Wilhelm hält sie alle an
einer Kette und läßt sie tanzen. Auf einer andren Carricatur sah man ihn
bequem in einem Armstuhl hingestreckt, die Füße auf einem Kissen und den
Hut auf dem Kopfe, während die Kurfürsten von Brandenburg und Bayern
entblößten Hauptes auf niedrigen Sesseln zu seiner Rechten und Linken
saßen; die Schaar der Landgrafen und souverainen Herzöge stand in
bescheidener Entfernung, und Gastanaga, der unwürdige Nachfolger Alva’s,
erwartete mit gebeugtem Knie die Befehle des ketzerischen Tyrannen.[6]
[_Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen._] Es wurde bald auf
höheren Befehl angekündigt, daß noch vor Beginn des Sommers
zweihundertzwanzigtausend Mann gegen Frankreich im Felde stehen
würden.[7] Das Contingent, das jede der verbündeten Mächte zu stellen
hatte, wurde bekannt gemacht. Diejenigen Angelegenheiten aber, über
welche eine öffentliche Erklärung abzugeben nicht zweckmäßig gewesen
wäre, wurden zwischen dem Könige von England und seinen Bundesgenossen
privatim besprochen. Bei dieser wie bei jeder andren wichtigen
Gelegenheit während der ganzen Dauer seiner Regierung war er sein eigner
Minister des Auswärtigen. Um der Form willen war es nothwendig, daß ihm
ein Staatssekretär zur Seite stand, und daher hatte Nottingham ihn nach
Holland begleitet. Aber wenn auch Nottingham in allen die innere
Verwaltung England’s betreffenden Dingen das Vertrauen seines Gebieters
in hohem Grade besaß, so erfuhr er doch von den Geschäften des
Congresses wenig mehr als was er in den Zeitungen las.
Dieses Verfahren würde jetzt für höchst verfassungswidrig angesehen
werden, und viele Schriftsteller, welche den Maßstab ihres Jahrhunderts
an die Transactionen einer früheren Zeit legten, haben Wilhelm deshalb,
weil er ohne den Rath seiner Minister handelte, und seine Minister, weil
sie es sich gefallen ließen, über Angelegenheiten, bei denen die Ehre
der Krone und das Wohl der Nation stark betheiligt waren, in Unkenntniß
zu bleiben, streng getadelt. Man darf jedoch wohl mit Gewißheit
annehmen, daß das was die rechtschaffensten und achtbarsten Männer
beider Parteien, z. B. Nottingham unter den Tories und Somers unter den
Whigs, nicht allein thaten, sondern auch öffentlich eingestanden, nicht
ganz unverantwortlich gewesen sein kann; und eine genügende
Entschuldigung ist nicht schwer zu finden.
Die Lehre, daß der Souverain nicht verantwortlich ist, ist
unzweifelhaft so alt wie irgend ein andrer Theil unsrer Verfassung.
Nicht minder uralt ist die Lehre, daß seine Minister verantwortlich
sind. Daß da wo keine Verantwortlichkeit ist, keine sichere Gewähr gegen
schlechte Verwaltung sein kann, ist ein Satz, den zu unsrer Zeit und in
unsrem Lande Wenige bestreiten werden. Aus diesen drei Vordersätzen
folgt ganz natürlich, daß die Verwaltung dann am besten geleitet zu
werden verspricht, wenn der Souverain keinen öffentlichen Act ohne die
Beihülfe und Vermittelung eines Ministers vollzieht. Diese Folgerung ist
durchaus richtig. Aber wir müssen bedenken, daß Regierungen anders
construirt sind als Schlußfolgerungen. In der Logik kann nur ein
Dummkopf die Vordersätze zugeben und den daraus hervorgehenden Schluß in
Abrede stellen. In der Praxis aber sehen wir, daß große und aufgeklärte
Staatsgesellschaften oftmals viele Generationen hindurch darin beharren,
Grundsätze aufzustellen, und doch nicht nach diesen Grundsätzen handeln
wollen. Es darf bezweifelt werden, ob irgend ein Staatswesen, das jemals
thatsächlich existirt hat, der reinen Idee dieses Staatswesens genau
entsprochen hat. Nach der reinen Idee des constitutionellen Königthums
herrscht der Fürst, regiert aber nicht, und das constitutionelle
Königthum, wie es jetzt in England besteht, kommt der reinen Idee näher
als in irgend einem andren Lande. Es würde jedoch ein großer Irrthum
sein, wollte man glauben, daß unsere Fürsten bloß herrschen und niemals
regieren. Im 17. Jahrhundert hielten es die Whigs sowohl wie die Tories
nicht allein für das Recht, sondern für die Pflicht des ersten
Staatsbeamten, zu regieren. Alle Parteien tadelten Karl II. einstimmig,
daß er nicht sein Premierminister war; alle Parteien lobten Jakob
einstimmig, daß er sein eigner Marineminister war, und alle Parteien
fanden es natürlich und vernünftig, daß Wilhelm sein eigner
Staatssekretär des Auswärtigen war.
Man wird bemerken, daß selbst die Tüchtigsten und Kenntnißreichsten
unter Denen, welche die Art und Weise tadelten, wie damals
Unterhandlungen geleitet wurden, mit sich selbst nicht recht
einig sind. Denn während sie Wilhelm tadeln, daß er sein eigner
bevollmächtigter Minister im Haag war, loben sie ihn, daß er sein
eigner Oberbefehlshaber in Irland war. Doch wo ist im Prinzip ein
Unterschied zwischen den beiden Fällen? Gewiß wird jeder Grund der
angeführt werden kann, um zu beweisen, daß er die Verfassung verletzte,
als er aus eigner Machtvollkommenheit mit dem Kaiser und dem Kurfürsten
von Brandenburg Verträge schloß, auch eben so beweisen, daß er die
Verfassung verletzte, als er aus eigner Machtvollkommenheit einer
Colonne befahl, bei Oldbridge ins Wasser zu gehen, einer andren, die
Brücke von Slane zu passiren. Wenn die Verfassung ihm das Recht gab,
die Streitkräfte des Staats zu commandiren, so gab sie ihm auch das
Recht die auswärtigen Angelegenheiten des Staats zu leiten. Nach
welchem Prinzipe kann man also behaupten, daß es ihm frei stand,
die erste Befugniß auszuüben, ohne Jemanden zu fragen, daß er aber
verpflichtet war, die letztere Befugniß nur in Uebereinstimmung
mit dem Rathe eines Ministers auszuüben? Will man etwa sagen, ein
diplomatischer Fehler könne dem Lande voraussichtlich mehr schaden als
ein strategischer Fehler? Gewiß nicht. Es läßt sich kaum denken, daß
ein Mißgriff, den Wilhelm im Haag begehen konnte, den öffentlichen
Interessen hätte nachtheiliger werden können als eine Niederlage am
Boyne. Oder wird man sagen, daß mehr Grund vorhanden gewesen sei, in
seine militärische Geschicklichkeit Vertrauen zu setzen, als in seine
diplomatische? Sicherlich nicht. Er zeigte im Kriege einige große
moralische und geistige Eigenschaften, als Taktiker aber stand er auf
keiner hohen Stufe, und von seinen zahlreichen Feldzügen waren nur zwei
entschieden glücklich. In den Talenten eines Diplomaten hingegen ist er
nie übertroffen worden. Er kannte die Interessen und Gesinnungen der
festländischen Höfe besser als sein ganzer Staatsrath zusammengenommen.
Einige seiner Minister waren unstreitig sehr geschickte Männer,
vortreffliche Redner im Hause der Lords, und genaue Kenner aller
Verhältnisse unsrer Insel. Aber bei den Verhandlungen des Congresses
würden Caermarthen und Nottingham ihm eben so weit nachstehend
erfunden worden sein, wie er sich bei einer parlamentarischen Debatte
über eine englische Angelegenheit ihnen nachstehend erwiesen haben
würde. Die Koalition gegen Frankreich war sein Werk. Er allein hatte
die Theile des großen Ganzen zusammengefügt und er allein konnte
sie zusammenhalten. Hätte er diese große und complicirte Maschine
den Händen irgend eines seiner Unterthanen anvertraut, so würde sie
augenblicklich in Stücke zerfallen sein.
Es mußte allerdings auch Einiges geschehen, was keiner seiner
Unterthanen zu thun gewagt haben würde. Der Papst Alexander war
factisch, wenn auch nicht nominell, einer der Verbündeten; es war von
höchster Wichtigkeit, ihn zum Freunde zu haben, und doch war die
Stimmung der englischen Nation von der Art, daß ein englischer Minister
sich wohl scheuen konnte, mit dem Vatikan in directem oder indirectem
Verkehr zu stehen. Die Staatssekretäre waren ganz froh, daß sie eine so
delikate und gefährliche Sache ihrem Gebieter überlassen und mit gutem
Gewissen versichern konnten, daß niemals eine einzige Zeile, gegen
welche der intoleranteste Protestant etwas hätte einwenden können, aus
ihrem Bureaux hervorgegangen sei.
[_Wilhelm erlangt eine Toleranz für die Waldenser._] Man darf jedoch
nicht glauben, daß Wilhelm je vergaß, daß die Beschützung des
reformirten Glaubens seine specielle, seine erbliche Mission war. Er
wendete seinen Einfluß auf die katholischen Fürsten beständig und
nachdrücklich zu Gunsten ihrer protestantischen Unterthanen an. Im
Frühjahr 1691 wurden die lange und grausam verfolgten und ihres Lebens
überdrüssigen waldensischen Hirten durch frohe Botschaften überrascht.
Diejenigen, welche wegen Ketzerei im Gefängniß schmachteten, kehrten in
ihre Heimath zurück. Kinder die ihren Eltern entrissen worden waren, um
von Priestern erzogen zu werden, wurden ihren Angehörigen zurückgegeben.
Gemeinden, die sich bisher nur heimlich und mit der größten Gefahr
hatten versammeln können, verehrten jetzt Gott am hellen Tage, ohne von
Jemandem belästigt zu werden. Diese einfachen Gebirgsbewohner erfuhren
wahrscheinlich niemals, daß ihr Schicksal im Haag besprochen worden war
und daß sie ihr häusliches Glück und den ungestörten Besuch ihrer
bescheidenen Tempel dem Einflusse verdankten, den Wilhelm auf den Herzog
von Savoyen ausübte.[8]
[_Mängel, welche in der Natur der Coalitionen liegen._] Keine
Coalition, deren Andenken die Geschichte uns aufbewahrt, hat ein
geschickteres Oberhaupt gehabt als Wilhelm es war. Aber selbst Wilhelm
kämpfte oft vergebens gegen die Mängel an, welche allen Coalitionen von
Natur eigen sind. Kein Unternehmen, das ein herzliches und dauerndes
Zusammenwirken vieler unabhängiger Staaten erfordert, verspricht einen
gedeihlichen Fortgang. Eifersüchteleien entstehen unvermeidlich;
Streitigkeiten erzeugen neue Streitigkeiten. Jeder Bundesgenosse fühlt
sich versucht, einen Theil der Last, die er selbst tragen sollte, auf
Andere zu wälzen. Kaum Einer stellt ehrlich das versprochene Contingent,
kaum Einer hält pünktlich den bestimmten Tag ein. Aber vielleicht keine
Coalition, welche je existirt hat, war in so fortwährender Gefahr der
Auflösung als die, welche Wilhelm mit unendlicher Mühe gebildet hatte.
Die lange Liste der Potentaten, die in Person oder durch Bevollmächtigte
vertreten, im Haag zusammenkamen, nahm sich in den Zeitungen
vortrefflich aus. Die Masse der von bunten Garden und Lakaien umgebenen
fürstlichen Equipagen gewährte unter den Linden des Voorhout einen ganz
prächtigen Anblick. Aber gerade die Umstände, welche den Congreß
glänzender machten als andere Congresse, machten die Conföderation
schwächer als andere Conföderationen. Je zahlreicher die Alliirten, um
so zahlreicher waren die Gefahren, welche der Allianz drohten. Es war
unmöglich, daß zwanzig Regierungen, welche durch Rang-, Gebiets-,
Handels- oder Religionsstreitigkeiten veruneinigt waren, lange in
vollkommener Harmonie zusammenhandeln konnten. Daß sie mehrere Jahre
lang wenigstens in unvollkommener Harmonie zusammenhandelten, ist
lediglich der Klugheit, Geduld und Festigkeit Wilhelm’s zuzuschreiben.
Die Lage seines mächtigen Feindes war eine ganz andre. Die Hülfsquellen
der französischen Monarchie kamen zwar den vereinten Hülfsquellen
England’s, Holland’s, des Hauses Oesterreich und des deutschen Reichs
nicht gleich, waren aber doch sehr achtunggebietend, denn sie waren alle
in einer Hand vereinigt und standen alle unter der unumschränkten
Leitung eines einzigen Geistes. Ludwig konnte mit zwei Worten soviel
erreichen als Wilhelm kaum durch zweimonatliche Unterhandlungen in
Berlin, München, Brüssel, Turin und Wien zu Stande bringen konnte.
Deshalb war Frankreich in effectiver Stärke allen gegen dasselbe
verbündeten Staaten zusammen gewachsen. Denn in der politischen Welt
kann, wie in der natürlichen Welt, zwischen zwei ungleichen Körpern eine
Gleichheit der Wirkung stattfinden, wenn der an Gewicht geringere Körper
an Geschwindigkeit überlegen ist.
Dies zeigte sich bald in augenfälliger Weise. Im März trennten sich die
im Haag versammelt gewesenen Fürsten und Gesandten, und kaum waren sie
auseinandergegangen, so wurden alle ihre Pläne durch eine kühne und
geschickte Bewegung des Feindes über den Haufen geworfen.
[_Belagerung und Fall von Mons._] Ludwig sah wohl ein, daß die
Zusammenkunft des Congresses einen großen Eindruck auf die öffentliche
Meinung in Europa machen werde. Diesen Eindruck beschloß er durch einen
plötzlichen und furchtbaren Schlag zu zerstören. Während seine Feinde
die Zahl der Truppen, welche jeder von ihnen stellen sollte,
festsetzten, ließ er zahlreiche Divisionen seiner Armee von weit
entfernten Punkten gegen Mons marschiren, das eine der wichtigsten, wenn
nicht die wichtigste der Festungen war, welche die spanischen
Niederlande vertheidigten. Sein Vorhaben wurde erst entdeckt, als es
fast schon ausgeführt war. Wilhelm, der sich auf einige Tage nach Loo
zurückgezogen hatte, erfuhr mit Erstaunen und mit größtem Verdrusse, daß
sich Cavallerie, Infanterie, Artillerie und Pontons auf verschiedenen
convergirenden Straßen der dem Verderben geweihten Stadt rasch näherten.
Es waren hunderttausend Mann zusammengezogen worden, und Louvois, im
Verwaltungsfache der Erste seiner Zeit, hatte reichlich für alle
Kriegsbedürfnisse gesorgt. Das Commando führte Luxemburg, der erste der
lebenden Generäle, und die wissenschaftlichen Operationen leitete
Vauban, der erste der lebenden Ingenieurs. Damit nichts fehlte, um in
allen Reihen eines tapferen und loyalen Heeres einen edlen Wetteifer zu
entzünden, war der große König selbst von Versailles nach dem Lager
abgereist. Wilhelm hatte indessen noch eine schwache Hoffnung, daß es
möglich sein könne, die Belagerung aufzuheben. Er eilte nach dem Haag,
setzte alle Truppen der Generalstaaten in Bewegung und schickte Eilboten
an die deutschen Fürsten. Schon drei Wochen nachdem er die erste Kunde
von der drohenden Gefahr erhalten, stand er an der Spitze von
funfzigtausend Mann Truppen verschiedener Nationen in der Nähe der
belagerten Stadt. Eine an Zahl überlegene, von einem Feldherrn wie
Luxemburg befehligte Armee anzugreifen, war ein kühnes, fast
verzweifeltes Unternehmen. Wilhelm aber war so entschieden der Meinung,
daß der Fall von Mons ein fast nicht wieder gutzumachendes Unglück und
eine unauslöschliche Schmach sein würde, daß er sich entschloß, sein
Heil zu versuchen. Er war überzeugt, daß der Ausgang der Belagerung die
Politik der Höfe von Stockholm und Kopenhagen bestimmen werde. Diese
beiden Höfe schienen seit Kurzem geneigt, der Coalition beizutreten;
wenn aber Mons fiel, blieben sie gewiß neutral oder wurden vielleicht
gar Feinde. „Es ist ein großes Wagniß,” schrieb er an Heinsius, „doch
bin ich nicht ohne Hoffnung. Ich werde thun was möglich ist, der Ausgang
liegt in Gottes Hand.” An dem nämlichen Tage, an welchem dieser Brief
geschrieben wurde, fiel Mons. Die Belagerung war energisch betrieben
worden. Ludwig selbst war, obgleich am Podagra leidend, mit dem
Beispiele körperlicher Anstrengung vorangegangen. Seine Haustruppen, das
schönste Soldatencorps in Europa, hatten unter seinen Augen sich selbst
übertroffen. Die jungen Cavaliere seines Hofes hatten seinen Blick auf
sich zu lenken gesucht, indem sie sich dem heftigsten Feuer mit der
nämlichen sorglosen Heiterkeit aussetzten, mit der sie gewohnt waren,
ihre eleganten Gestalten bei seinen Ballfesten zu zeigen. Seine
verwundeten Soldaten waren entzückt über die herablassende
Leutseligkeit, mit der er zwischen ihren Betten umherging, den Chirurgen
beim Verbinden der Wunden zusah und zum Frühstück einen Napf
Hospitalsuppe aß. Während bei den Belagerern Alles Gehorsam und
Begeisterung war, herrschte unter den Belagerten Uneinigkeit und Angst.
Die französischen Vorpostenlinien versahen ihren Dienst so gut, daß kein
von Wilhelm abgesandter Bote im Stande war, sich durchzuschleichen. Die
Garnison wußte daher nicht, daß Entsatz in ihrer Nähe war. Die Bürger
schauderten bei der Aussicht auf die entsetzlichen Drangsale, denen mit
Sturm genommene Städte preisgegeben sind. In den Straßen regnete es
Bomben und glühende Kanonenkugeln, und die Stadt gerieth an zehn
verschiedenen Stellen zugleich in Brand. Die friedlichen Bewohner fanden
in dem Uebermaaß ihrer Angst einen ungewöhnlichen Muth und erhoben sich
gegen die Soldaten. Von diesem Augenblicke an war jeder Widerstand
unmöglich, und es wurde daher eine Kapitulation geschlossen. Dann
kehrten die Armeen in ihre Quartiere zurück und die militärischen
Operationen ruhten einige Wochen; Ludwig kehrte im Triumph nach
Versailles zurück und Wilhelm machte England, wo seine Anwesenheit
dringend nöthig war, einen kurzen Besuch.[9]
[_Wilhelm kehrt nach England zurück. Prozesse Preston’s und
Ashton’s._] Er fand die Minister noch immer damit beschäftigt, die
Verzweigungen des Complots aufzufinden, das kurz vor seiner Abreise
entdeckt worden war. Zu Anfang des Januar waren Preston, Ashton und
Elliot vor die Old Bailey gestellt worden. In ihren Einwendungen
beanspruchten sie das Recht der abgesonderten Prozessirung, und die
Untersuchung mußte daher gegen jeden einzeln geführt werden. Das
Auditorium war zahlreich und glänzend, viele Peers waren anwesend. Der
Lordpräsident und die beiden Staatssekretäre wohnten der Verhandlung
bei, um zu beweisen, daß die dem Gerichtshof vorliegenden Papiere die
nämlichen wären, welche Billop nach Whitehall gebracht hatte. Eine
beträchtliche Anzahl Richter saßen auf der Bank und Holt präsidirte. Es
ist ein vollständiger Bericht über die Verhandlungen auf uns gekommen
und derselbe verdient aufmerksam studirt und mit den Berichten über
andere Prozesse, welche nicht lange vorher unter dem nämlichen Dache
stattgefunden hatten, verglichen zu werden. Der ganze Geist des
Tribunals hatte in wenigen Monaten eine so vollständige Umwandlung
erfahren, daß man hätte glauben sollen, sie könne nur das Werk von
Jahrhunderten sein. Zwölf Jahre früher hatten unglückliche Katholiken
unter der Anklage eines Verbrechens, das ihnen nie in den Sinn gekommen
war, vor der nämlichen Verhörsschranke gestanden. Die Kronzeugen
hatten ihre abscheulichen Erdichtungen unter dem Beifallsgemurmel der
Anwesenden wiederholt. Die Richter hatten die stupide Leichtgläubigkeit
und die wilden Leidenschaften des großen Haufens getheilt oder
doch sich gestellt, als ob sie dieselben theilten, hatten mit den
meineidigen Angebern lächelnde Blicke und Complimente gewechselt, die
von den Gefangenen mit schwacher Stimme hervorgestammelten Argumente
überschrien und sich nicht entblödet, bei Fällung des Todesurtheils
gemeine Witze über das Fegefeuer und die Messe zu machen. Sobald das
Abschlachten der Papisten vorüber war, hatte das Abschlachten der
Whigs begonnen, und die Richter waren an dieses neue Werk mit noch
größerer Barbarei gegangen. Diesen Skandalen hatte die Revolution
ein Ziel gesetzt. Wer nach Durchlesung der Prozesse Ireland’s und
Pickering’s, Grove’s und Berry’s, Sidney’s, Cornish’s und der Alice
Lisle zu den Prozessen Preston’s und Ashton’s übergeht, wird über
den Contrast erstaunen. Der Generalprokurator Somers führte die
Untersuchung mit einer Mäßigung und Humanität, von der seine Vorgänger
ihm kein Beispiel gegeben hatten. „Ich habe nie geglaubt,” sagte er,
„daß Jemand, der in Fällen dieser Art als Rechtsbeistand des Königs
fungirt, die Verpflichtung habe, das Verbrechen des Gefangenen in ein
schwärzeres Licht zu stellen oder die Beweisführung mit falschen Farben
auszuschmücken.”[10] Holt’s Benehmen war tadellos. Pollexfen, der älter
war als Holt und Somers, hatte noch ein wenig -- und ein wenig war
schon zu viel -- von dem Tone der schlechten Schule beibehalten, in der
er gebildet war. Aber obwohl er einigemal das strenge Decorum seiner
Stellung vergaß, kann man ihn doch keiner Verletzung der materiellen
Gerechtigkeit bezichtigen. Die Gefangenen selbst scheinen über die
Unparteilichkeit und Milde, mit der sie behandelt wurden, erstaunt
gewesen zu sein. „Ich versichere Ihnen,” sagte Holt zu Preston, „daß
ich die Jury nicht irreleiten, noch Eurer Lordschaft überhaupt im
entferntesten Unrecht thun werde.” -- „Ja, Mylord,” entgegnete Preston,
„ich sehe es deutlich genug, daß Eure Lordschaft dies nicht wollen.”
-- „Welches auch mein Schicksal sein mag,” sagte Ashton, „ich muß
bekennen, daß mein Prozeß mit Unparteilichkeit geführt worden ist.”
Die Angeklagten gewannen indeß nichts durch die Mäßigung des
Generalprokurators oder durch die Unparteilichkeit des Gerichtshofes,
denn die Beweise waren unumstößlich. Die Bedeutung der von Billop
aufgefangenen Papiere war so klar, daß auch der beschränkteste
Geschworne sie nicht mißverstehen konnte. Es war vollständig erwiesen,
daß ein Theil dieser Papiere von Preston’s Hand herrührte. Ein andrer
Theil war von Ashton’s Hand, aber dies konnten die Anwälte der Krone
nicht beweisen. Sie gründeten daher die Anklage gegen Ashton auf die
unbestreitbare Thatsache, daß das verrätherische Packet auf seiner Brust
gefunden worden war und daß er Aeußerungen gethan hatte, welche keinen
Sinn gehabt haben würden, wenn er nicht eine strafbare Kenntniß des
Inhalts gehabt hätte.[11]
[_Ashton’s Hinrichtung._] Preston und Ashton wurden Beide überführt und
zum Tode verurtheilt. Ashton wurde bald hingerichtet. Er hätte sein
Leben retten können, wenn er Enthüllungen gemacht hätte. Aber obgleich
er erklärte, daß, wenn man ihm seine Strafe erließe, er stets ein treuer
Unterthan Ihrer Majestäten sein würde, war er doch fest entschlossen,
die Namen seiner Mitschuldigen nicht zu nennen. In diesem Entschlusse
wurde er durch die eidverweigernden Geistlichen bestärkt, die ihn in
seiner Zelle besuchten. Durch sie hatte er sich auch wahrscheinlich dazu
bestimmen lassen, noch auf dem Schaffot den Sheriffs eine Erklärung
einzuhändigen, die er abgeschrieben und unterzeichnet, aber, wie man
hoffen darf, weder verfaßt, noch aufmerksam erwogen hatte. In diesem
Schriftstücke ließ man ihn sich über die Parteilichkeit seines Prozesses
beschweren, von dem er selbst öffentlich anerkannt hatte, daß er im
höchsten Grade unparteiisch geführt worden sei. Auch ließ man ihn auf
das Wort eines Sterbenden versichern, daß er den Inhalt der bei ihm
gefundenen Papiere nicht kenne. Unglücklicherweise erwies sich bei
genauer Untersuchung die Handschrift seiner Erklärung als genau
übereinstimmend mit der eines der wichtigsten von jenen Papieren. Er
starb mit männlicher Standhaftigkeit.[12]
[_Preston’s Unschlüssigkeit und seine Geständnisse._] Elliot wurde
nicht zur Untersuchung gezogen. Die gegen ihn vorliegenden Beweise waren
nicht ganz so klar wie die, auf welche hin seine Genossen verurtheilt
worden waren, und überdies war er des Zornes der Regierung nicht werth.
Preston’s Schicksal war lange unentschieden. Die Jakobiten stellten sich
als ob sie fest überzeugt wären, daß die Regierung es nicht wagen würde,
sein Blut zu vergießen. Er sei, sagten sie, ein Günstling von Versailles
und sein Tod werde furchtbare Repressalien zur Folge haben. Sie
vertheilten in den Straßen London’s Papiere, in denen versichert wurde,
daß, wenn ihm ein Leid geschähe, Mountjoy und alle anderen angesehenen
Engländer, die als Gefangene in Frankreich lebten, gerädert werden
würden.[13] Diese lächerlichen Drohungen würden die Hinrichtung nicht um
einen einzigen Tag verzögert haben. Aber Die, welche Preston in ihrer
Gewalt hatten, waren nicht abgeneigt, ihn unter gewissen Bedingungen
frei ausgehen zu lassen. Er war in alle Geheimnisse der mißvergnügten
Partei eingeweiht und konnte höchst werthvolle Aufschlüsse geben. Er
wurde benachrichtigt, daß sein Schicksal in seiner Hand liege. Der Kampf
war lang und schwer. Auf der einen Seite Stolz, Gewissen und
Parteigeist, auf der andren die heftige Liebe zum Leben. Eine Zeit lang
schwankte er unschlüssig hin und her. Hörte er seine jakobitischen
Genossen, so stieg sein Muth; hörte er die Agenten der Regierung, so
sank ihm das Herz in der Brust. Wenn er des Abends gut gegessen und
seinen Claret getrunken hatte, fürchtete er nichts. Er wollte lieber wie
ein Mann sterben, als seinen Kopf durch eine Schurkerei retten. Aber
seine Stimmung war eine ganz andre, wenn er am folgenden Morgen
erwachte, wenn der Muth, den er aus Wein und Gesellschaft geschöpft,
verflogen, wenn er wieder allein war mit seinen Eisengittern und seinen
steinernen Mauern und wenn der Gedanke an den Block, das Beil und die
Sägespäne in ihm aufstieg. Eine Zeit lang setzte er regelmäßig jeden
Vormittag, während er nüchtern war, ein Bekenntniß auf, das er am Abend,
wenn er aufgeheitert war, wieder verbrannte.[14] Seine eidverweigernden
Freunde entwarfen den Plan, Sancroft zu einem Besuch im Tower zu
bewegen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß die Ermahnungen eines so
angesehenen Prälaten und eines so großen Heiligen die erschütterte
Standhaftigkeit des Gefangenen wieder kräftigen würden.[15] Ob dieser
Plan Erfolg gehabt haben würde, steht zu bezweifeln; er kam nicht zur
Ausführung, die verhängnißvolle Stunde rückte heran, und Preston’s
Festigkeit wich. Er bekannte sich für schuldig und nannte Clarendon,
Dartmouth, den Bischof von Ely und Wilhelm Penn als seine Complicen.
Außerdem gab er eine lange Liste von Personen, denen er selbst nichts
zur Last legen könne, die aber, wenn er Penn’s Versicherungen glauben
dürfe, mit König Jakob auf freundschaftlichem Fuße ständen. Unter diesen
Personen befanden sich Devonshire und Dorset.[16] Es ist nicht der
geringste Grund zu der Annahme vorhanden, daß einer von diesen beiden
vornehmen Edelleuten jemals direct oder indirect mit Saint-Germains
verkehrt habe. Doch kann man deshalb Penn nicht absichtlicher Unwahrheit
beschuldigen. Er war leichtgläubig und geschwätzig. Der Obersthofmeister
und der Lord Kammerherr hatten den Verdruß getheilt, mit welchem ihre
Partei die Hinneigung Wilhelm’s zu den Tories bemerkt, und
wahrscheinlich hatten sie diesen Verdruß unbesonnenerweise geäußert. Ein
so schwacher Mann wie Penn, der überall Jakobiten zu finden wünschte und
der stets geneigt war zu glauben was er wünschte, konnte leicht
Invectiven, zu deren Aeußerung der stolze und reizbare Devonshire nur zu
bereit war, und Sarkasmen, wie sie in Augenblicken übler Laune den
Lippen des witzigen Dorset nur zu leicht entschlüpften, eine falsche
Deutung geben. Caermarthen, ein Tory, und ein Tory, den die Whigs
unbarmherzig verfolgt hatten, war geneigt, diese leeren Gerüchte nach
Möglichkeit auszubeuten. Aber er wurde darin von seinem Gebieter nicht
ermuthigt, der unter allen großen Staatsmännern, von denen uns die
Geschichte erzählt, am wenigsten argwöhnisch war. Als Wilhelm nach
England zurückkam, wurde Preston vor ihn geführt und ihm geheißen das
Geständniß zu wiederholen, das er schon den Ministern abgelegt hatte.
Der König stand hinter dem Stuhle des Lord Präsidenten und hörte mit
ernster Miene zu, während Clarendon, Dartmouth, Turner und Penn genannt
wurden. Sobald aber der Gefangene von dem was er selbst bezeugen konnte,
zur Wiederholung der Geschichten überging, welche Penn ihm erzählt
hatte, berührte Wilhelm Caermarthen’s Schulter und sagte zu ihm:
„Mylord, wir haben nur zuviel schon gehört.”[17] Diese einsichtsvolle
Großmuth fand den verdienten Lohn. Devonshire und Dorset widmeten sich
von diesem Augenblicke an eifriger als je der Sache des Gebieters, der
trotz der Verleumdung, zu der ihre Unbesonnenheit vielleicht einigen
Grund geliefert hatte, nach wie vor Vertrauen in ihre Loyalität
setzte.[18]
[_Nachsicht gegen die Verschwörer. Clarendon._] Selbst Diejenigen,
welche unzweifelhaft strafbar waren, wurden im allgemeinen mit großer
Milde behandelt. Clarendon saß ungefähr sechs Monate im Tower. Seine
Schuld war vollkommen erwiesen, und eine Partei unter den Whigs
verlangte laut und ungestüm seinen Kopf. Er wurde jedoch durch die
dringenden Bitten seines Bruders Rochester, durch die Fürsprache des
menschenfreundlichen und edelmüthigen Burnet und durch Mariens Pietät
für das Andenken ihrer Mutter gerettet. Die Haft des Gefangenen war
nicht streng, und er durfte seine Freunde in seiner Zelle bewirthen. Als
endlich seine Gesundheit zu leiden begann, erhielt er die Erlaubniß,
unter Aufsicht eines Kerkermeisters aufs Land zu gehen; der Aufseher
wurde bald zurückgerufen und Clarendon benachrichtigt, daß man ihn nicht
behelligen werde, so lange er ein ruhiges Landleben führe.[19]
[_Dartmouth._] Dartmouth’s Verrath war von nicht gewöhnlicher Art. Er
war ein englischer Seemann, hatte den Anschlag gemacht, Portsmouth den
Franzosen zu überliefern und hatte sich erboten, das Commando eines
französischen Geschwaders gegen sein Vaterland zu übernehmen. Seine
Schuld wurde dadurch noch bedeutend erschwert, daß er einer der Ersten
gewesen war, welche Wilhelm und Marien den Huldigungseid geleistet
hatten. Er ward verhaftet und vor den Geheimen Rath gestellt. Eine von
ihm selbst geschriebene Erzählung dessen was dort vorging, ist uns
erhalten worden. In dieser Erzählung giebt er zu, daß er mit großer
Artigkeit und Rücksicht behandelt wurde. Er betheuerte mit Heftigkeit
seine Unschuld und erklärte, daß er nie mit Saint-Germains correspondirt
habe, daß er kein Günstling des dortigen Hofes sei und daß besonders
Marie von Modena einen alten Groll gegen ihn hege. „Mylords,” sagte er,
„ich bin ein Engländer und habe jederzeit, selbst als das Ansehen des
Hauses Bourbon hier am größten war, die Franzosen, Männer sowohl als
Frauen, gemieden. Ich würde eher den letzten Tropfen meines Blutes
hingeben, als Portsmouth in der Gewalt von Fremden sehen. Ich bin kein
solcher Thor, daß ich glauben könnte, König Ludwig wollte unser Land nur
für König Jakob erobern. Ich weiß gewiß, daß mir mit Grund nichts zur
Last gelegt werden kann als höchstens einige übereilte Aeußerungen bei
der Flasche.” Seine Versicherungen scheinen einigen Eindruck gemacht zu
haben, denn man gestattete ihm anfangs die sehr milde Haft unter der
Obhut des schwarzen Stabes. Im weiteren Verlaufe der Untersuchung jedoch
beschloß man ihn in den Tower zu schicken. Nach einer Haft von wenigen
Wochen starb er an einem Schlaganfall, aber er lebte noch lange genug,
um das Maß seiner Schande voll zu machen, indem er der neuen Regierung
seinen Degen anbot und in glühenden Worten die Hoffnung aussprach, daß
die Güte Gottes und Ihrer Majestäten ihm eine Gelegenheit geben möchte
zu beweisen wie sehr er die Franzosen hasse.[20]
[_Turner._] Turner schwebte in keiner ernsten Gefahr, denn die Regierung
war entschieden abgeneigt, einen von den Sieben, welche die denkwürdige
Petition unterzeichnet hatten, aufs Schaffot zu bringen. Es wurde
indessen ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlassen, und seine Freunde hatten
wenig Hoffnung, daß er entkommen würde, denn er war im Besitz einer
Nase, die Niemand vergessen konnte, wenn er sie einmal gesehen, und es
half ihm nur wenig, daß er eine wallende Perrücke trug und sich den Bart
wachsen ließ. Die Verfolgung wurde jedoch wahrscheinlich nicht sehr
eifrig betrieben, denn nachdem er sich einige Wochen in England
verborgen gehalten, gelang es ihm über den Kanal zu entkommen, und er
blieb einige Zeit in Frankreich.[21]
[_Penn._] Auch gegen Penn wurde ein Verhaftsbefehl erlassen, und er
entging mit genauer Noth den Staatsboten. Gerade an dem Tage, an welchem
sie ausgeschickt wurden, um auf ihn zu fahnden, wohnte er einer großen
Feierlichkeit in der Nähe seines Wohnorts bei. Es war ein Ereigniß
eingetreten, das der Geschichtsschreiber, der sich das Ziel gesteckt
hat, das wirkliche Leben einer Nation darzustellen, nicht unerwähnt
lassen darf. Während London noch durch die Nachricht aufgeregt war, daß
ein Complot entdeckt worden sei, starb Georg Fox, der Gründer der
Quäkersecte.
[_Tod Georg Fox; sein Character._] Mehr als vierzig Jahre waren
verstrichen, seitdem Fox angefangen hatte, Visionen zu sehen und Teufel
auszutreiben.[22] Er war damals ein Jüngling von reinen Sitten und
ernstem Wandel, begabt mit einem eigensinnigen Temperament, mit der
Bildung eines Handwerksmannes und mit einem Verstande, der sich in der
unglücklichsten Verfassung von der Welt befand, und zwar deshalb, weil
er zu verworren war für die Freiheit und doch nicht verworren genug für
das Irrenhaus. Die Verhältnisse, in die er versetzt wurde, waren aber
auch von der Art, daß sie die Verkehrtheiten seines Geistes nothwendig
in der stärksten Form zum Ausbruch bringen mußten. Zu der Zeit als seine
Verstandeskräfte zu reifen begannen, kämpften Episkopalen,
Presbyterianer, Independenten und Baptisten um die Herrschaft und
widerlegten und schmähten einander in jedem Winkel des Reichs. Er
wanderte von Gemeinde zu Gemeinde, hörte Priester gegen Puritaner und
Puritaner gegen Priester haranguiren und wendete sich vergebens um
geistlichen Rath und Trost an Gelehrte beider Parteien. Ein jovialer
alter Geistlicher der anglikanischen Gemeinschaft rieth ihm Tabak zu
rauchen und Psalmen zu singen, ein andrer sagte ihm, er solle sich ein
wenig Blut abzapfen lassen.[23] Der junge Forscher wendete sich mit
Abscheu von diesen Rathgebern ab zu den Dissenters und fand auch in
ihnen blinde Führer.[24] Nach einiger Zeit gelangte er zu dem Schlusse,
daß kein menschliches Wesen befähigt sei, ihn in göttlichen Dingen zu
belehren und daß die Wahrheit ihm durch unmittelbare Inspiration vom
Himmel mitgetheilt worden sei. Aus dem Umstande, daß die Spaltung der
Sprachen in Babel begonnen und daß die Verfolger Christi eine
lateinische, griechische und hebräische Inschrift an das Kreuz setzten,
folgerte er, daß die Kenntniß der Sprachen, ganz besonders der
lateinischen, griechischen und hebräischen, einem christlichen
Geistlichen nutzlos sein müsse.[25] Er war allerdings so weit entfernt,
viele Sprachen zu verstehen, daß er gar keine verstand; die corrupteste
hebräische Stelle kann dem Ungelehrten nicht unverständlicher sein, als
sein Englisch oft dem scharfsinigsten und aufmerksamsten Leser ist.[26]
Eine der kostbaren Wahrheiten, welche diesem neuen Apostel auf
göttlichem Wege offenbart wurden, war, daß es Falschheit und
Schmeichelei sei, sich der zweiten Person im Plural, anstatt der zweiten
Person im Singular zu bedienen. Eine andre war, daß, wer vom Monat März
spreche, den blutdürstigen Gott Mars verehre, und wer vom Montag
spreche, dem Monde eine abgöttische Huldigung darbringe. Guten Morgen
und guten Tag sagen war höchst verwerflich, denn in diesen Phrasen lag
offenbar der Sinn, daß Gott auch schlechte Tage und schlechte Nächte
gemacht habe.[27] Ein Christ war verbunden, eher dem Tode
entgegenzugehen, als vor dem Vornehmsten der Menschen den Hut zu ziehen.
Als Fox aufgefordert wurde, zur Unterstützung dieses Dogmas eine
biblische Autorität anzuführen, citirte er die Stelle, wo geschrieben
steht, daß Shadrach, Mesach und Abednego mit den Hüten auf dem Kopfe in
den feurigen Ofen geworfen wurden, und wenn man seiner eigenen Erzählung
glauben darf, wußte der Oberrichter von England auf dieses Argument mit
nichts weiter zu antworten als mit dem Ausrufe: „Führt ihn ab,
Kerkermeister!”[28] Fox legte auch viel Werth auf das nicht minder
gewichtige Argument, daß die Türken ihren Vorgesetzten nie das entblößte
Haupt zeigen, und er fragte mit großer Lebhaftigkeit, ob Die, welche den
hehren Namen Christen trügen, die Türken an Tugend nicht übertreffen
müßten.[29] Das Verbeugen verbot er auf’s Strengste und schien es
wirklich als die Aeußerung eines satanischen Einflusses zu betrachten,
denn wie er bemerkte, wurde das Weise im Evangelium, das von einem
Krankeitsteufel besessen war, zusammengekrümmt, was aber sogleich
aufhörte, als göttliche Macht sie von der Tyrannei des Bösen befreit
hatte.[30] Seine Erklärungen der heiligen Schriften waren höchst
wunderlich. Stellen, welche alle Leser der Evangelien seit sechzehn
Jahrhunderten bildlich verstanden, legte er wörtlich aus, und andere
Stellen, die kein Mensch vor ihm anders als im wörtlichen Sinne
verstanden hatte, legte er bildlich aus. So leitete er aus den
rhetorischen Ausdrücken, welche bei Beleidigungen die Pflicht der Geduld
einschärfen, die Lehre ab, daß Selbstvertheidigung gegen Räuber und
Mörder unerlaubt sei. Dagegen erklärte er die einfachen und klaren
Gebote, mit Wasser zu taufen und zum Gedächtniß der Erlösung der
Menschheit Brot und Wein zu genießen, für allegorisch. Er zog lange von
Ort zu Ort und lehrte diese wunderliche Theologie, zitterte in seinen
Anfällen fanatischer Aufregung wie Espenlaub, drängte sich mit Gewalt in
die Kirchen, denen er den Spottnamen Thurmhäuser gab, unterbrach die
Gebete und Predigten durch Geschrei und Verhöhnungen[31] und peinigte
die Rectoren und Richter mit Episteln, welche große Aehnlichkeit mit
Parodien der erhabenen Oden hatten, in denen die hebräischen Propheten
die Drangsale von Babylon und Tyrus vorhersagten.[32] Er erlangte durch
diese Thaten bald ein großes Renommée. Sein sonderbares Gesicht, seine
sonderbare Sprache, sein unbeweglicher Hut und seine Lederhosen waren im
ganzen Lande bekannt, und er rühmte sich, daß, sobald sich das Gerücht
verbreitete: „der Mann mit den Lederhosen kommt,” heuchlerische
Professoren von Entsetzen ergriffen wurden und feile Priester ihm
eiligst aus dem Wege gingen.[33] Er wurde zu wiederholten Malen
eingesperrt, bald mit Recht, weil er den öffentlichen Gottesdienst
störte, bald mit Unrecht, bloß weil er Unsinn schwatzte. Indessen
sammelte er bald eine Anzahl Schüler um sich, von denen manche ihn an
Albernheit noch übertrafen. Er erzählt uns, daß einer seiner Freunde
nackend durch Skipton ging, die Wahrheit erklärend,[34] und daß ein
Andrer aus göttlicher Anregung mehrere Jahre hindurch nackend auf
Marktplätze und in die Häuser von Gentlemen und Geistlichen ging.[35]
Fox beklagt sich bitter, daß diese vom heiligen Geiste eingegebenen
frommen Handlungen von einer verkehrten Generation mit Rippenstößen,
Steinwürfen und Peitschenhieben belohnt wurden. Obgleich er aber den
Eifer der Dulder lobte, ging er doch nicht ganz so weit wie sie.
Zuweilen fühlte er allerdings das Bedürfniß, sich theilweis zu
entkleiden. So zog er einmal seine Schuhe aus und ging mit dem Ausrufe:
„Wehe der blutigen Stadt!” barfuß durch Lichfield.[36] Er scheint sich
jedoch nie für verpflichtet gehalten zu haben, vor dem Publikum ohne das
anständige Kleidungsstück zu erscheinen, dem seine volksthümliche
Bezeichnung entlehnt war.
Beurtheilen wir Georg Fox einfach nach seinen Thaten und Schriften, so
werden wir keinen Grund sehen, ihn in moralischer oder geistiger
Hinsicht über Ludwig Muggleton oder Johanna Southcote zu stellen. Allein
es würde höchst ungerecht sein, wollte man die Secte, die ihn als ihren
Gründer betrachtet, mit den Muggletonianern oder Southcotianern auf eine
Stufe stellen. Unter den Tausenden, die von seinem Fanatismus angesteckt
wurden, befanden sich einige Personen, deren Geistesgaben und Bildung
ganz andrer Art waren, als die seinigen. Robert Barclay war ein Mann von
bedeutenden Talenten und Kenntnissen. Wilhelm Penn, obwohl Barclay an
natürlichen und erworbenen Geistesvorzügen nachstehend, war ein
Gentleman und Gelehrter. Daß solche Männer Anhänger Georg Fox’ werden
konnten, wird Den nicht Wunder nehmen, der bedenkt, welche
scharfsinnigen und hochgebildeten Geister selbst in unsrer Zeit durch
die unbekannten Zungen getäuscht worden sind. Es ist ausgemacht, daß
keine noch so hohe geistige Begabung gegen Verirrungen dieser Art
schützt. In Bezug auf Gott und seine Wege vermag auch der gebildetste
menschliche Verstand wenig mehr zu ergründen als der ungebildetste. In
der Theologie ist in der That nur ein geringer Unterschied zwischen
Aristoteles und einem Kinde, zwischen Archimedes und einem nackten
Wilden. Es ist daher kein Wunder, wenn selbst einsichtsvolle Männer, des
Grübelns müde, von Ungewißheit gequält, von dem Drange beseelt, etwas zu
glauben, und doch gegen Alles Einwendungen erblickend, sich endlich
blindlings Lehrern in die Arme werfen, die sich mit festem und
zweifellosem Glauben für vom Himmel Gesandte halten. So sehen wir
oftmals forschende und ruhelose Köpfe sich vor ihrem eignen Skepticismus
in den Schooß einer Kirche flüchten, welche Anspruch auf Unfehlbarkeit
macht, und es über sich gewinnen eine Oblate anzubeten, nachdem sie an
der Existenz einer Gottheit gezweifelt haben. So kam es, daß auch Fox
einige Convertiten machte, die in Allem, außer in der Energie seiner
Ueberzeugungen, unendlich höher standen als er. Diese Convertiten
brachten seine rohen Lehren in eine den gesunden Verstand und den guten
Geschmack etwas weniger verletzende Form. Keine Behauptung, die er
aufgestellt, wurde zurückgenommen, keine unschickliche oder lächerliche
Handlung, die er verrichtet oder gebilligt, wurde verdammt; aber das
Absurdeste in seinen Theorien und Handlungen wurde gemildert oder
wenigstens dem Publikum nicht aufgedrängt; Alles was dem Auge annehmbar
gemacht werden konnte, wurde in das beste Gewand gekleidet; sein
Kauderwälsch wurde ins Englische übersetzt; seinen Phrasen wurde ein
Sinn untergelegt, den er nicht begriffen haben würde und sein System,
das auf diese Art so sehr verbessert worden, daß er es nicht wieder
erkannt haben würde, wurde durch zahlreiche Citate aus heidnischen
Philosophen und christlichen Kirchenvätern vertheidigt, deren Namen er
nie gehört hatte.[37] Gleichwohl legten Diejenigen, die seine Theologie
umgeformt, nach wie vor eine tiefe Ehrfurcht vor ihm an den Tag, die sie
auch ohne Zweifel wirklich empfanden, und seine unsinnigen Episteln
wurden fortwährend in den Quäkerversammlungen des ganzen Landes mit
Achtung aufgenommen und verlesen. Sein Tod machte ein Aufsehen, das sich
nicht auf seine Schüler beschränkte. Am Morgen des Leichenbegängnisses
versammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Bethause in
Gracechurch Street. Von da wurde der Leichnam nach dem Gottesacker der
Seele unweit Bunhill Fields getragen. Mehrere Redner sprachen zu der
Menge, welche den Friedhof füllte. Unter den Jüngern, die den
ehrwürdigen Leichnam der Erde übergaben, bemerkte man Penn. Die
Ceremonie war kaum zu Ende, als er erfuhr, daß Verhaftsbefehle gegen ihn
erlassen waren. Er ergriff augenblicklich die Flucht und verbarg sich
viele Monate lang vor den Augen der Oeffentlichkeit.[38]
[_Unterredung zwischen Penn und Sidney._] Kurze Zeit nach seinem
Verschwinden erhielt Sidney eine sonderbare Mittheilung von ihm. Penn
bat um eine Unterredung, verlangte aber das Versprechen, daß er
unangefochten in sein Versteck zurückkehren dürfe. Sidney erhielt die
königliche Erlaubniß, unter dieser Bedingung die nöthige Veranstaltung
zu treffen. Penn kam an den ihm bezeichneten Ort und sprach ausführlich
zu seiner Vertheidigung. Er erklärte, daß er ein treuer Unterthan des
Königs Wilhelm und der Königin Marie sei und daß er, wenn ihm ein
Anschlag gegen sie bekannt wäre, denselben enthüllen würde. Er ging
diesmal von seinem Ja und Nein ab und betheuerte vor Gott, daß er von
keinem Complot wisse und daß er überhaupt gar nicht an die Existenz
eines Complots glaube, es sei denn, daß man die ehrgeizigen Projecte der
französischen Regierung so nennen wolle. Sidney, wahrscheinlich
erstaunt, einen Mann, der einen solchen Abscheu vor dem Lügen hatte, daß
er die gewöhnlichen Formen der Höflichkeit nicht beobachtete, und einen
solchen Abscheu vor Eiden, daß er vor Gericht das Evangelium nicht
küßte, etwas einer Lüge sehr Aehnliches sagen und mit etwas einem Eide
sehr Aehnlichen bekräftigen zu hören, fragte ihn, wie man sich die
Existenz der bei Ashton gefundenen Briefe und Notizen erklären solle,
wenn wirklich kein Complot bestehe. Dieser Frage wich Penn aus. „Wenn
ich nur mit dem Könige sprechen könnte,” sagte er, „so würde ich ihm
Alles offen gestehen. Ich würde ihm Vieles sagen, was ihm zu wissen
wichtig sein würde. Nur auf diese Weise kann ich ihm nützlich werden.
Ein Kronzeuge kann ich nicht sein, denn mein Gewissen erlaubt mir nicht
zu schwören.” Er versicherte Sidney, daß die gefährlichsten Feinde der
Regierung die unzufriedenen Whigs seien. „Die Jakobiten sind nicht
gefährlich, denn es ist kein Einziger unter ihnen, der gesunden Verstand
hat. Einige von Denen, die mit dem Könige aus Holland herübergekommen,
sind weit mehr zu fürchten.” Namen scheint Penn nicht genannt zu haben.
Man ließ ihn ungehindert wieder gehen und es wurden auch keine thätigen
Nachforschungen nach ihm angestellt. Er blieb noch einige Monate in
London verborgen, stahl sich dann nach der Küste von Sussex und entkam
nach Frankreich. Nachdem er ungefähr drei Jahre im Verborgenen
umhergestreift war, söhnte er sich durch Vermittelung einiger
hochgestellter Männer, die seine Fehler um seiner guten Eigenschaften
willen übersahen, mit der Regierung aus und wagte es wieder seine
geistlichen Functionen zu verrichten. Die Art und Weise jedoch, wie er
die gegen ihn geübte Milde vergalt, gereicht seinem Character nicht zu
großer Ehre. Kaum hatte er wieder angefangen, öffentlich über die
Unrechtmäßigkeit des Kriegs zu haranguiren, so schickte er eine
Botschaft ab, durch die er Jakob dringend aufforderte, mit
dreißigtausend Mann unverzüglich eine Landung in England zu
unternehmen.[39]
[_Preston begnadigt._] Es vergingen noch einige Monate, ehe Preston’s
Schicksal entschieden wurde. Nach wiederholten Aufschiebungen setzte die
Regierung, welche überzeugt war, daß er, obwohl er viel gesagt hatte,
noch mehr sagen könne, einen Tag zu seiner Hinrichtung fest und befahl
den Sheriffs, die Todesmaschinerie in Bereitschaft zu halten.[40] Er
erlangte jedoch einen abermaligen Aufschub und nach Verlauf einiger
Wochen erhielt er seine Begnadigung, die sich indeß nur auf sein Leben
erstreckte, sein Vermögen aber allen Consequenzen der Verurtheilung
unterwarf. Kaum war er in Freiheit gesetzt, so gab er neue Ursache zu
Aergerniß und Verdacht und wurde abermals verhaftet, verhört und
eingesperrt.[41] Endlich gestattete man ihm, sich, verfolgt von dem
Hohngeschrei und den Verwünschungen beider Parteien, auf ein einsames
Landhaus im nördlichen Bezirke von Yorkshire zurückzuziehen. Hier hatte
er wenigstens nicht die zornigen Blicke ehemaliger Parteigenossen zu
ertragen, die ihn einst für einen Mann von furchtlosem Muthe und
makelloser Ehre gehalten hatten, die aber jetzt erklärten, daß er im
besten Falle ein Feigling sei, und den Verdacht äußerten, daß er von
Anfang an ein Spion und Verführer gewesen.[42] Er verwendete den kurzen
und traurigen Rest seines Lebens dazu, den Trost des Boethius ins
Englische zu übersetzen. Die Uebersetzung erschien nach dem Tode des
Uebersetzers im Druck. Sie ist hauptsächlich wegen einiger völlig
mißlungener Versuche, unsren Versbau mit neuen Metren zu bereichern und
wegen der Anspielungen, mit denen die Vorrede angefüllt ist,
interessant. Unter einem dünnen Schleier bildlicher Redensarten legte
Preston dem Mitleid oder der Verachtung des Publikums seinen befleckten
Ruf und sein gebrochenes Herz dar. Er beklagte sich, daß das Tribunal,
das ihn zum Tode verurtheilt, milder gegen ihn gehandelt habe als seine
früheren Freunde, und daß Viele, die niemals durch Versuchungen wie die
seinigen geprüft worden seien, sich sehr wohlfeil den Ruf des Muthes
erworben hätten, indem sie über seine Aengstlichkeit gespöttelt und von
ferne Schrecken getrotzt, welche in der Nähe gesehen selbst einen
standhaften Geist besiegen müßten.
[_Freude der Jakobiten über den Fall von Mons._] Der Muth der Jakobiten,
der auf einige Zeit durch die Entdeckung des Preston’schen Complots
gebeugt worden war, wurde durch den Fall von Mons wieder aufgerichtet.
Die Freude der ganzen Partei war grenzenlos. Die eidverweigernden
Priester liefen zwischen Sam’s Kaffeehaus und Westminster Hall hin und
her, Ludwig preisend und über den kläglichen Ausgang der Berathungen des
Congresses lachend. Im Park zeigten die Mißvergnügten ihre stolzesten
Mienen und predigten mit ihrer lautesten Stimme Aufruhr. Der
Hervorragendste unter diesen Großsprechern war Sir Johann Fenwick, der
unter der vorigen Regierung in großer Gunst gestanden und ein hohes
militärisches Commando bekleidet hatte und jetzt ein unermüdlicher
Agitator und Verschwörer war. In seinem Freudentaumel vergaß er die
Artigkeit, die der Mann dem andren Geschlecht schuldig ist. Schon mehr
als einmal hatte er sich durch seine Impertinenz gegen die Königin
bemerkbar gemacht. Jetzt trat er ihr absichtlich in den Weg, wenn sie
ihre Erholungspromenade machte, und während Alles um ihn her das Haupt
entblößte und sich tief verbeugte, sah er sie starr an und drückte vor
ihren Augen den Hut tiefer über die Stirn. Die Beleidigung war nicht nur
roh, sondern feig, denn das Gesetz hatte keine Strafe für bloße
Impertinenz und der König war der einzige Gentleman und Offizier im
Königreiche, der seine Gemahlin nicht mit dem Degen gegen Insulten
schützen konnte. Die Königin konnte weiter nichts thun als den
Parkhütern befehlen, daß sie Sir John nicht wieder einließen. Lange nach
ihrem Tode kam eine Zeit, wo er Ursache hatte zu wünschen, daß er seine
Unverschämtheit gezügelt haben möchte. Er erhielt fühlbare Beweise, daß
er von allen Jakobiten, die verzweifeltsten Mörder nicht ausgenommen,
der einzige war, gegen den Wilhelm einen heftigen persönlichen
Widerwillen empfand.[43]
[_Die erledigten Bisthümer werden besetzt._] Einige Tage nach diesem
Ereignisse begann die Wuth der Mißvergnügten heftiger aufzulodern als
je. Die Entdeckung der Verschwörung, deren Haupt Preston gewesen war,
hatte eine Krisis in den kirchlichen Angelegenheiten herbeigeführt. Die
eidverweigernden Bischöfe hatten während des Jahres, das auf ihre
Absetzung folgte, die Amtswohnungen innebehalten, welche einst ihr
Eigenthum gewesen waren. Burnet hatte sich auf Mariens Ansuchen bemüht,
einen Vergleich zu Stande zubringen. Seine directe Intervention würde
wahrscheinlich mehr geschadet als genützt haben, und er bediente sich
daher der Vermittelung Rochester’s, der in der Achtung der
Eidverweigerer höher stand als irgend ein Staatsmann und kein
Eidverweigerer war, und Trevor’s, der bei aller seiner Unwürdigkeit doch
einen beträchtlichen Einfluß bei der Hochkirchenpartei hatte. Sancroft
und seine Collegen wurden benachrichtigt, daß, wenn sie sich dazu
verstehen wollten, ihre geistlichen Functionen zu verrichten, zu
ordiniren, zu installiren, zu confirmiren und den Glauben und die
Moralität der Priesterschaft zu überwachen, eine Bill im Parlamente
eingebracht werden sollte, die sie der Eidesleistung entband.[44] Dieses
Anerbieten war unvorsichtig liberal, und doch konnten Diejenigen, denen
es gemacht wurde, consequenterweise nicht darauf eingehen. Denn in dem
Ordinationsdienste wie überhaupt in fast jedem kirchlichen Dienste waren
Wilhelm und Marie als König und Königin bezeichnet. Das einzige
Versprechen, das von den ihres Amtes entsetzten Prälaten erlangt werden
konnte, war, daß sie sich ruhig verhalten wollten, und selbst dieses
Versprechen hatten sie nicht alle gehalten. Einer von ihnen wenigstens
hatte sich eines durch Gottlosigkeit erschwerten Hochverraths schuldig
gemacht. Er hatte aus Angst von dem Pöbel zerrissen zu werden erklärt,
daß er den Gedanken, die Hülfe Frankreich’s nachzusuchen, verabscheue,
und hatte Gott zum Zeugen angerufen, daß diese Erklärung aufrichtig
gemeint sei. Kurze Zeit nachher jedoch war man dahinter gekommen, daß er
im Geheimen darauf hinarbeitete, eine französische Armee nach England zu
bringen, und er hatte an den Hof von Saint-Germains geschrieben, um ihm
zu versichern, daß er im Einverständniß mit seinen Collegen,
insbesondere mit Sancroft handle. Die Whigs forderten laut Strenge.
Selbst die toryistischen Räthe Wilhelm’s gestanden ein, daß die
Nachsicht aufs Aeußerste getrieben worden sei. Indessen machten sie noch
einen letzten Vermittelungsversuch. „Wollen Sie und Ihre Collegen,”
sagte Trevor zu Lloyd, dem eidverweigernden Bischofe von Norwich, „jede
Verbindung mit Doctor Turner desavouiren und erklären, daß das was er in
seinen Briefen Ihnen zur Last legt, falsch ist?” Lloyd wich der Frage
aus. Es lag jetzt klar am Tage, daß Wilhelm durch seine Nachsicht die
Gegner, die er zu gewinnen gehofft, nur kühner gemacht hatte. Selbst
Caermarthen, selbst Nottingham erklärten, es sei hohe Zeit, die
erledigten Bischofsstühle zu besetzen.[45]
[_Tillotson, Erzbischof von Canterbury._] Tillotson wurde zum
Erzbischof ernannt und am Pfingstsonntage in der Kirche St. Mary Le Bow
geweiht. Compton, der sich schwer gekränkt fühlte, weigerte sich, irgend
welchen Antheil an der Ceremonie zu nehmen. Anstatt seiner fungirte Mew,
Bischof von Winchester, dem Burnet, Stillingfleet und Hough assistirten.
Die Versammlung war die glänzendste, die man seit der Krönung in einem
Gotteshause gesehen hatte. Das Empfangszimmer der Königin war an diesem
Tage verödet. Die meisten von den in der Stadt anwesenden Peers
versammelten sich am Morgen in Bedford House und zogen von dort in
Prozession nach Cheapside. Man bemerkte unter ihnen Norfolk, Caermarthen
und Dorset. Devonshire, der es nicht erwarten konnte, seine Waldungen in
Chatsworth in ihrer Sommerpracht zu sehen, hatte gleichwohl seine
Abreise verschoben, um Tillotson seine Achtung zu bezeigen. Die
Volksmenge, welche die Straßen füllte, begrüßte den neuen Primas mit
lebhaftem Zurufe, denn er hatte seit vielen Jahren in der City
gepredigt, und seine Beredtsamkeit, seine Rechtschaffenheit und die
seltene Sanftmuth seines Characters und seiner Manieren hatten ihn zum
Liebling der Londoner gemacht.[46] Aber die Glückwünsche und
Beifallsbezeigungen seiner Freunde konnten die lauten Verwünschungen
nicht übertäuben, welche die Jakobiten erhoben. In ihren Augen war er
ein Dieb, der nicht durch die Thür hereingekommen, sondern über den Zaun
gestiegen war. Er sei ein Miethling, sagten sie, dem die Schafe nicht
eigenthümlich gehörten, der sich den Stab des guten Hirten
widerrechtlich angemaßt habe und von dem man sicher erwarten dürfe, daß
er die Heerde den Klauen jedes Wolfes preisgeben werde. Er sei ein
Arianer, ein Socinianer, ein Deist, ein Atheist. Er habe die Welt durch
schöne Redensarten und durch einen Anschein von guten Sitten getäuscht;
eigentlich aber sei er ein viel gefährlicherer Feind der Kirche, als er
es hätte sein können, wenn er sich offen für einen Schüler Hobbes’
erklärt und so locker wie Wilmot gelebt hätte. Er habe die eleganten
Herren und Damen, die seinen Styl bewunderten und die man beständig um
seine Kanzel versammelt sehe, gelehrt, daß sie sehr gute Christen sein
und doch den im ersten Buche Mosis erzählten Sündenfall für allegorisch
halten könnten. Sie könnten in der That leicht so gute Christen sein wie
er, denn er sei niemals getauft worden, seine Eltern seien Anabaptisten,
er habe schon als Knabe ihre Religion verloren und nie eine andre
gefunden. In gemeinen Pasquillen wurde er der „nicht eingetauchte
Johann” (+undipped John+) genannt. Umsonst wurde sein Taufzeugniß
vorgelegt; seine Feinde klagten fortwährend, daß sie es erleben müßten,
Väter der Kirche zu sehen, die nicht ihre Kinder seien. Sie erfanden
eine Geschichte, daß die Königin das große Verbrechen, durch welches sie
einen Thron erlangt, bitter bereut, daß sie sich in ihrer Angst an
Tillotson gewendet und daß dieser sie mit der Versicherung getröstet
habe, die Strafe der Sünder in einer zukünftigen Welt werde nicht ewig
sein.[47] Das Gemüth des Erzbischofs war von Natur von fast weiblicher
Sanftheit und war durch die Gewohnheiten eines langen Lebens, während
dessen die streitenden Sekten und Parteien einstimmig von seinen
Talenten mit Bewunderung und von seinem Character mit Achtung gesprochen
hatten, eher noch weicher als härter geworden. Die Fluth von Schmähungen
und Vorwürfen, die er in einem Alter von mehr als sechzig Jahren zum
ersten Male auszuhalten hatte, war zuviel für ihn. Sein Lebensmuth sank,
seine Gesundheit wurde erschüttert; und doch wich er weder vom Pfade
seiner Pflicht ab, noch versuchte er es, sich an seinen Verfolgern zu
rächen. Einige Tage nach seiner Consecration wurden mehrere Personen
dabei ergriffen, wie sie gegen ihn gerichtete Schmähschriften
vertheilten. Die Kronanwälte schlugen vor, gegen die Betroffenen
gerichtliche Untersuchung einzuleiten; aber er bestand darauf, daß
Niemand um seinetwillen verfolgt werden solle.[48] Als er eines Tages
Gesellschaft hatte, wurde ihm ein versiegeltes Packet überbracht; er
öffnete es und eine Maske fiel heraus. Seine Freunde waren empört und
erbittert über diese rohe Beleidigung; aber der Erzbischof bemühte sich,
seinen Schmerz unter einem Lächeln zu verbergen, zeigte auf die
Pamphlets, mit denen sein Tisch bedeckt war, und sagte, der Vorwurf, den
das Emblem der Maske ausdrücken solle, müsse im Vergleich zu anderen
Vorwürfen, die er täglich zu erdulden habe, gelind genannt werden. Nach
seinem Tode fand man ein Packet heftiger Schmähschriften, welche die
Eidverweigerer gegen ihn in Umlauf gesetzt hatten, unter seinen
Papieren, mit der Aufschrift: „Ich bitte Gott, daß er ihnen vergeben
möge, wie ich ihnen vergebe.”[49]
[_Benehmen Sancroft’s._] Die Gemüthsstimmung des abgesetzten Primas war
eine ganz andre. Er scheint in Bezug auf seine Wichtigkeit in einem
vollständigen Irrwahn begriffen gewesen zu sein. Die große Popularität,
die er drei Jahre früher genossen, die Gebete und Thränen der
Volksmassen, die in die Themse gewatet waren, um seinen Segen zu
erflehen, die Begeisterung, mit der die Schildwachen des Tower unter den
Fenstern seines Kerkers auf seine Gesundheit getrunken, das ungeheure
Freudengeschrei, das am Morgen seiner Freisprechung im Palasthofe ertönt
war, die Triumphnacht, in welcher an jedem Fenster von Hyde Park bis
Mile End sieben Lichter geglänzt, deren mittelstes und längstes ihn
vorgestellt hatte, waren bei ihm noch in frischem Andenken, und er besaß
nicht so viel Einsicht, um zu erkennen, daß alle diese Huldigungen nicht
seiner Person, sondern der Religion und den Freiheiten gegolten hatte,
deren Repräsentant er auf einen Augenblick war. Die ungemeine Rücksicht,
mit der ihn die neue Regierung noch lange behandelt, scheint ihn in
seinem Irrthum bestärkt zu haben. Daß ihm von Kensington eine Reihe
versönlicher Botschaften zukam; daß ihm so liberale Bedingungen
angeboten wurden, wie sie sich kaum mit der Würde der Krone und mit dem
Wohle des Staats vertrugen; daß seine kalten und unhöflichen Antworten
die königliche Langmuth nicht erschöpfen konnten; daß er trotz des
lauten Geschreis der Whigs und der täglichen Provocationen von Seiten
der Jakobiten noch funfzehn Monate nach seiner Amtsentsetzung den
erzbischöflichen Palast bewohnte: dies Alles schien ihm nicht die
Nachsicht, sondern die Furcht der herrschenden Gewalten zu verrathen. Er
schmeichelte sich, daß sie es nicht wagen würden, ihn zu vertreiben.
Daher versetzte ihn die Nachricht, daß sein Stuhl besetzt sei, in eine
Wuth, die bis an sein Lebensende dauerte und die ihn zu manchen
thörichten und unpassenden Handlungen verleitete. Tillotson begab sich
sogleich nach seiner Ernennung nach Lambeth, in der Hoffnung, daß es ihm
gelingen werde, durch Artigkeit und Freundlichkeit die Gereiztheit zu
beschwichtigen, deren unschuldige Ursache er war. Er wartete lange im
Vorzimmer und ließ sich durch mehrere Diener anmelden; aber Sancroft
würdigte ihn nicht einmal einer Antwort.[50] Drei Wochen vergingen und
noch immer machte der abgesetzte Erzbischof keine Miene das Feld zu
räumen. Da erhielt er endlich einen Befehl, der ihm die königliche
Willensmeinung kund that, daß er die Wohnung verlassen solle, die schon
längst nicht mehr die seinige sei und in der er nur als Gast sich
aufgehalten. Dieser Befehl verdroß ihn heftig und er erklärte, daß er
demselben nicht nachkommen werde. Er werde so lange bleiben, bis die
Beamten des Sheriffs ihn mit Gewalt vertrieben, und er werde sein Recht
vor Gericht suchen soweit er dies könne, ohne die Autorität der
Usurpatoren anzuerkennen.[51] Die Sache war so klar, daß er durch kein
Mittel der Chikane mehr erlangen konnte als einen kurzen Aufschub. Als
das gegen ihn lautende Erkenntniß gesprochen war, verließ er zwar den
Palast, befahl aber seinem Intendanten, den Besitz desselben zu
behaupten. Die Folge davon war, daß der Intendant verhaftet und zu einer
bedeutenden Geldstrafe verurtheilt wurde. Tillotson ließ seinem
Vorgänger die freundliche Benachrichtigung zukommen, daß die Geldbuße
nicht eingefordert werden würde. Sancroft aber hatte sich vorgenommen,
einen Grund zur Beschwerde zu haben, und er wollte das Geld
bezahlen.[52]
[_Uneinigkeit zwischen Sancroft und Ken._] Von diesem Augenblicke
an war das ganze Bestreben des engherzigen und eigensinnigen alten
Mannes darauf gerichtet, die Kirche, deren erster Diener er gewesen
war, in Stücke zu zerreißen. Umsonst machten einige von denjenigen
Eidverweigerern, deren Tugenden, Talente und Gelehrsamkeit der
Stolz ihrer Partei waren, Vorstellungen gegen seinen Plan. „Unsre
Amtsentsetzung” -- so argumentirte Ken -- „ist in den Augen Gottes
null und nichtig. Wir sind die wahren Bischöfe unserer Stühle und
werden es bleiben, bis wir sterben oder selbst resigniren. Diejenigen,
die sich unsere Titel und Functionen anmaßen, werden die Schuld eines
Schisma’s auf sich laden. Mit uns aber wird, wenn wir so handeln wie es
uns geziemt, das Schisma aufhören, und unter der nächsten Generation
wird die Einheit der Kirche wiederhergestellt sein. Weihen wir dagegen
Bischöfe zu unseren Nachfolgern, so kann die Spaltung Jahrhunderte
dauern, und wir werden zwar nicht für die Entstehung, wohl aber für
die Fortdauer derselben mit Recht verantwortlich gemacht werden.”
Diese Betrachtungen hätten Sancroft’s eigenen Grundsätzen zufolge
in seinen Augen ein entscheidendes Gewicht haben sollen; aber seine
zornigen Leidenschaften behielten die Oberhand. Ken verließ ruhig den
ehrwürdigen Palast von Wells. Er habe das Streiten aufgegeben, sagte
er, und werde fortan seinen Gefühlen nicht mehr in Disputationen,
sondern in Hymnen Luft machen. Seine Mildthätigkeit gegen Unglückliche
aller Glaubensrichtungen, insbesondere gegen die Gefährten Monmouth’s
und gegen die verfolgten Hugenotten, war so groß gewesen, daß sein
ganzes Privatvermögen noch in siebenhundert Pfund Sterling und einer
Bibliothek bestand, welche zu verkaufen er sich nicht entschließen
konnte. Aber Thomas Thynne, Viscount Weymouth, machte sich, obgleich
er kein Eidverweigerer war, eine Ehre daraus, dem tugendhaftesten
der Eidverweigerer ein ruhiges und würdiges Asyl in dem fürstlichen
Schlosse Longleat anzubieten. Hier verlebte Ken ein glückliches und
geehrtes Greisenalter, während welchem er nie das Opfer bedauerte, das
er seiner vermeintlichen Pflicht gebracht, und doch immer nachsichtiger
gegen Diejenigen wurde, deren Begriffe von Pflicht von den seinigen
abwichen.[53]
[_Sancroft’s Haß gegen die Landeskirche. Er bestimmt die bischöfliche
Succession unter den Eidverweigerern._] Sancroft war von ganz andrem
Character. Er hatte sich eigentlich so wenig zu beklagen wie nur irgend
Einer, der durch eine Revolution von einer hohen Stellung herabgestürzt
wird. Er besaß in Fressingfield in Suffolk ein Erbgut, das ihn in
Verbindung mit dem, was er sich während seines zwölfjährigen Primats
erspart hatte, in den Stand setzte, wenn auch nicht so, wie er gelebt
hatte, als er der erste Peer des Parlaments war, doch aber auf dem Fuße
eines reichen Landedelmanns zu leben. Er zog sich auf seinen erblichen
Landsitz zurück und verbrachte hier den Rest seiner Tage über das ihm
zugefügte Unrecht brütend. Der Widerwille gegen die Landeskirche wurde
in ihm eben so stark, als er in Martin Marprelate gewesen war. Er
betrachtete Alle, die mit ihr in Gemeinschaft blieben, als Heiden und
Zöllner. Tillotson gab er den Spottnamen Mufti. In dem Zimmer, das er in
Fressingfield als Kapelle benutzte, durfte Niemand, der die Eide
geleistet oder dem Gottesdienste eines Geistlichen, der die Eide
geleistet, beigewohnt hatte, am Genusse des geweihten Brotes und Weines
Theil nehmen. Es wurde jedoch ein Unterschied zwischen zwei Klassen von
Sündern gemacht. Einem Laien, der noch in Gemeinschaft mit der
Landeskirche blieb, war es erlaubt zugegen zu sein, so lange Gebete
verlesen wurden; nur von dem höchsten der christlichen Mysterien war er
ausgeschlossen. Mit Geistlichen aber, welche den im Besitze des Thrones
befindlichen Souverainen Treue geschworen hatten, wollte Sancroft nicht
einmal beten. Er sorgte dafür, daß die Siegel, die er eingeführt hatte,
in weiten Kreisen bekannt wurde und lehrte seine Anhänger durch
Vorschrift und durch Beispiel, auch den Rechtgläubigsten, Frömmsten und
Tugendhaftesten von Denen, welche Wilhelm’s Autorität anerkannt hatten,
mit einem Gefühle betrachten, ähnlich dem, mit welchem der Jude den
Samariter betrachtete.[54] Eine solche Intoleranz würde selbst bei einem
Manne, der für ein großes Prinzip kämpfte, verwerflich gewesen sein.
Sancroft aber kämpfte nur für einen Namen. Er war der Urheber des
Regentschaftsplanes. Er war vollkommen bereit, die ganze königliche
Gewalt von Jakob auf Wilhelm zu übertragen. Die Frage, welche diesem
engherzigen und mürrischen Charakter wichtig genug dünkte, um das
Excommuniciren von zehntausend Priestern und fünf Millionen Laien zu
rechtfertigen, war die, ob der Staatsbeamte, auf den die ganze
königliche Gewalt übertragen wurde, den Titel König annehmen solle. Auch
konnte Sancroft den Gedanken nicht ertragen, daß die Erbitterung, die er
hervorgerufen, mit seinem Leben erlöschen sollte. Nachdem er sein
Möglichstes gethan, um die Fehde heftig zu machen, beschloß er sie zu
verewigen. Er sandte eine Liste der Geistlichen, die aus ihren Aemtern
vertrieben worden waren, nach Saint-Germains, mit dem Ersuchen, daß
Jakob zwei bezeichnen möchte, welche die bischöfliche Succession
aufrechterhalten sollten. Jakob, dem es ohne Zweifel ganz angenehm war,
der Menge von Seelen, die er als die Schmach des Protestantismus
betrachten gelernt hatte, noch um eine vermehrt zu sehen, ernannte zwei
heftige und unversöhnliche Eidverweigerer, Hickes und Wagstaffe,
Ersterer von Sancroft, Letzterer von Lloyd, dem abgesetzten Bischof von
Norwich empfohlen.[55] Dies war der Ursprung einer schismatischen
Hierarchie, welche, nachdem sie eine kurze Zeit lang Besorgniß erweckt
hatte, bald in Dunkel und Verachtung sank, die aber trotz Dunkel und
Verachtung ihre kümmerliche Existenz noch durch mehrere Generationen
schleppte. Die kleine Kirche, ohne Tempel, Einkünfte oder Würden, war
durch innere Streitigkeiten sogar noch mehr zerrissen als die im Besitz
von Kathedralen, Zehnten und Pairien verbliebene große Kirche. Einige
Eidverweigerer neigten sich zu dem römischen Ritual, andere wollten
nicht die geringste Abweichung von dem allgemeinen Gebetbuche dulden.
Altar wurde gegen Altar aufgerichtet. Ein Schattenprälat erklärte die
Consecration eines andren Schattenprälaten für unkanonisch, bis endlich
die Hirten gänzlich ohne Heerden waren. Einer dieser geistlichen Lords
wurde wohlweislich Arzt; ein andrer verließ seinen sogenannten
Bischofssitz und siedelte nach Irland über, und endlich im Jahre 1805
sank der letzte Bischof dieser Gesellschaft, welche mit Stolz auf den
Titel der einzig wahren Kirche England’s Anspruch gemacht hatte,
unbeachtet ins Grab.[56]
[_Die neuen Bischöfe._] Die Stühle der Bischöfe, welche zugleich mit
Sancroft vertrieben worden waren, wurden in einer der Regierung zur Ehre
gereichenden Weise besetzt. Patrick wurde Nachfolger des Verräthers
Turner. Fowler ging nach Gloucester. Richard Cumberland, ein bejahrter
Geistlicher, der keine Gönner bei Hofe hatte und dessen einzige
Empfehlungen seine Frömmigkeit und Gelehrsamkeit waren, erfuhr mit
Erstaunen aus einem Neuigkeitsbriefe, den er auf dem Tische eines
Kaffeehauses fand, daß er zum Bischof von Peterborough ernannt war.[57]
Beveridge wurde zum Nachfolger Ken’s erwählt; er willigte ein und die
Ernennung wurde wirklich in der London Gazette angezeigt. Doch Beveridge
war wohl ein rechtschaffener Mann, besaß aber keine Seelenstärke. Einige
Jakobiten machten ihm Vorstellungen, andere Vorwürfe, der Muth sank ihm,
und er nahm seine Zusage zurück. Während die Eidverweigerer über diesen
Sieg frohlockten, wurde er wieder andren Sinnes, aber zu spät. Er hatte
sich durch seine Unschlüssigkeit Wilhelm’s Gunst verscherzt und erhielt
erst eine Mitra, als Anna auf dem Throne saß.[58] Das Bisthum Bath und
Wells wurde Richard Kidder verliehen, einem Manne von hervorragender
Bildung und makellosem Character, der aber in dem Verdacht stand, daß er
sich zum Presbyterianismus hinneige. Um die nämliche Zeit nahm Sharp,
der Hochkirchlichste, der einen Skrupel deshalb hegte, daß er der
Nachfolger eines abgesetzten Prälaten werden sollte, das durch
Lamplugh’s Tod zur Erledigung gekommene Erzbisthum York an.[59]
[_Sherlock Dechant von St. Paul._] In Folge der Erhebung Tillotson’s auf
den Stuhl von Canterbury wurde die Dechanei von St. Paul erledigt.
Sobald der Name des neuen Dechanten bekannt wurde, brach ein Geschrei
los, wie es vielleicht nie eine kirchliche Ernennung veranlaßt, ein
Geschrei, zusammengesetzt aus Gebrüll des Hasses, aus Gezisch der
Verachtung und aus halb triumphirenden, halb beleidigenden
Willkommrufen: denn der neue Dechant war Wilhelm Sherlock.
Die Geschichte seiner Bekehrung verdient ausführlich erzählt zu
werden, denn sie wirft ein helles Licht auf den Character der Parteien,
welche damals die Kirche und den Staat spalteten. Sherlock war, dem
Einflusse und dem Rufe, wenn auch nicht dem Range nach, der bedeutendste
Mann unter den Eidverweigerern. Seine Autorität und sein Beispiel hatten
einige seiner Collegen, welche anfangs geschwankt hatten, dazu bestimmt,
ihre Stellen niederzulegen. Der Tag der Suspension kam, der Tag der
Absetzung kam, und noch blieb er fest. Er schien in dem Bewußtsein der
Rechtschaffenheit und in der Betrachtung der unsichtbaren Welt reichen
Ersatz für alles Verlorene gefunden zu haben. Während er von der Kanzel
ausgeschlossen war, wo seine Beredtsamkeit einst die gelehrten und
gebildeten Inwohner des Temple entzückt hatte, schrieb er seinen
berühmten +Treatise on Death+, welcher viele Jahre lang auf den
Bücherbrettern ernster Arminianer zunächst neben +The Whole Duty of Man+
stand. Bald jedoch begann man zu argwöhnen, daß seine Festigkeit
schwanke. Er erklärte, daß er keinen Theil an einem Schisma haben wolle,
er rieth Denen, die sich bei ihm Raths erholten, ihre Pfarrkirchen nicht
zu verlassen, und da er sah, daß das Gesetz, das ihn seines Amtes
enthob, ihm nicht verbot, Gottesdienst zu halten, predigte er sogar in
St. Dunstan und betete dort für König Wilhelm und Königin Marie. Die
apostolische Vorschrift, sagte er, laute dahin, daß für alle
obrigkeitliche Gewalt Habenden gebetet werden solle, und Wilhelm und
Marie hätten sichtbar obrigkeitliche Gewalt. Seine jakobitischen Freunde
tadelten laut seine Inconsequenz. Wie können Sie, fragten sie, wenn Sie
annehmen, daß der Apostel an dieser Stelle von der bestehenden Obrigkeit
spricht, behaupten, daß er an anderen ähnlichen Stellen nur von
rechtmäßiger Obrigkeit spricht? Oder wie können Sie, ohne zu sündigen,
in einer feierlichen Anrede an Gott Jemanden als König bezeichnen, dem
Sie nicht als König zu gehorchen versprechen können, ohne zu sündigen?
Diese Argumente waren unwiderlegbar, und Sherlock begann bald sie
ebenfalls dafür zu halten; der Schluß aber, zu dem sie ihn führten, war
dem Schlusse zu dem sie ihn führen sollten, diametral entgegengesetzt.
Er schwankte jedoch, bis von einer Seite, von der man wenig Grund hatte
etwas Andres als zehnfache Finsterniß zu erwarten, ein neues Licht in
seinen Geist fiel. Unter der Regierung Jakob’s I. hatte Doctor Johann
Overall, Bischof von Exeter, eine gelehrte Abhandlung über die Rechte
bürgerlicher und kirchlicher Regenten geschrieben. Diese Abhandlung war
von der Convocation von Canterbury und York feierlich gutgeheißen worden
und konnte daher als eine Autorität habende Darstellung der Lehre der
englischen Kirche betrachtet werden. Sancroft besaß eine Abschrift des
Manuscripts und er ließ es bald nach der Revolution durch den Druck
veröffentlichen. Er hoffte ohne Zweifel, die Veröffentlichung werde der
neuen Regierung schaden; aber er sah sich vollständig getäuscht. Das
Buch verwarf zwar jeden Widerstand in eben so starken Ausdrücken, als er
selbst sie hätte anwenden können; aber eine Stelle, die seiner Beachtung
entgangen war, entschied gegen ihn und seine Mitschismatiker. Overall
und die beiden Convocationen, welche Overall’s Lehre sanctionirt hatten,
erklärten, daß eine Regierung, die aus einem Aufstande hervorgegangen
sei, sobald sie vollkommen feststehe, als von Gott angeordnet betrachtet
werden und daß die Christen ihr gehorchen müßten.[60] Sherlock las und
war überzeugt. Seine ehrwürdige Mutter, die Kirche, hatte gesprochen und
er nahm ihr Gebot mit der Folgsamkeit eines Kindes an. Die aus der
Revolution hervorgegangene Regierung konnte wenigstens seit der Schlacht
am Boyne und der Flucht Jakob’s aus Irland mit gutem Grunde eine
feststehende Regierung genannt werden, und es gebührte ihr daher
passiver Gehorsam, bis sie durch eine neue Revolution gestürzt wurde und
eine andre feststehende Regierung auf sie folgte.
Sherlock leistete die Eide und veröffentlichte sofort zur
Rechtfertigung seines Schrittes eine Flugschrift, betitelt: +The Case of
Allegiance to Sovereign Powers stated+. Dieses Buch machte ungeheures
Aufsehen. Dryden’s +Hind and Panther+ hatte keine solche Sensation
erregt, Halifax’ +Letter to a Dissenter+ hatte nicht so viele Antworten
hervorgerufen. Die Repliken wider den Doctor, die Vertheidigungen des
Doctors, die Schmähschriften auf den Doctor würden eine ganze Bibliothek
füllen. Das Geschrei nahm zu, als es bekannt wurde, daß der Convertit
nicht allein wieder zum Vorsteher des Temple ernannt worden war, sondern
auch die Dechanei St. Paul angenommen hatte, die in Folge der Absetzung
Sancroft’s und der Beförderung Tillotson’s zur Erledigung gekommen war.
Die Wuth der Eidverweigerer steigerte sich fast bis zum Wahnsinn. Sei es
nicht genug, fragten sie, die wahre und reine Kirche in dieser ihrer
Stunde der Betrübniß und Gefahr zu verlassen, ohne sie auch noch zu
verleumden? Es sei leicht zu begreifen, warum ein habgieriger und feiger
Heuchler sich weigerte, dem Usurpator die Eide zu leisten, so lange es
wahrscheinlich war, daß der rechtmäßige König wieder eingesetzt würde,
sich aber nach der Schlacht am Boyne zu schwören beeilte. Ein solches
Schwanken in Zeiten bürgerlicher Uneinigkeit sei nichts Neues. Das aber
sei etwas Neues, daß der Renegat seine eigne Schuld und Schande auf die
englische Kirche zu wälzen versuche und erkläre, sie habe ihn gelehrt,
sich gegen den Schwachen zu kehren, der im Recht sei, und vor dem
Mächtigen zu kriechen, der im Unrecht sei. Habe sie dies wirklich in
schlimmen Tagen gelehrt und danach gehandelt? Habe sie ihren königlichen
Märtyrer im Gefängnisse oder auf dem Schaffot verlassen? Habe sie ihren
Kindern vorgeschrieben, dem Rumpfe oder dem Protector zu gehorchen? Sei
indessen die Regierung des Rumpfs oder des Protector’s weniger
berechtigt gewesen eine feststehende Regierung genannt zu werden, als
die Regierung Wilhelm’s und Mariens? Sei die Schlacht bei Worcester
nicht ein eben so harter Schlag für die Hoffnungen des Hauses Stuart
gewesen, als die Schlacht am Boyne? Seien nicht die Aussichten auf eine
Restauration im Jahre 1657 eben so schwach gewesen, als sie jedem
einsichtsvollen Mann im Jahre 1691 erscheinen müßten? Doch allen
Schmähungen und Sarkasmen stand Overall’s Abhandlung und die billigenden
Beschlüsse der beiden Convocationen gegenüber, und es war viel leichter,
Sherlock zu tadeln, als die Abhandlung oder die Beschlüsse
wegzudisputiren. Ein Schriftsteller behauptete, mit einer völlig
feststehenden Regierung müsse eine Regierung gemeint gewesen sein, deren
Rechtstitel unbestritten sei. So, sagte er, wurde die Regierung der
Vereinigten Provinzen eine feststehende Regierung, als sie von Spanien
anerkannt war; ohne diese Anerkennung aber würde sie bis ans Ende aller
Zeiten niemals eine feststehende Regierung gewesen sein. Ein andrer
nicht ganz so strenger Casuist erklärte, daß eine von Haus aus
unrechtmäßige Regierung nach Verlauf eines Jahrhunderts eine
feststehende Regierung werden könnte. Am 13. Februar 1789, nicht einen
Tag früher, würde es daher den Engländern frei stehen, einer aus der
Revolution hervorgegangenen Regierung Treue zu schwören. Die Geschichte
des erwählten Volks wurde durchstöbert, um Präcedenzfälle zu finden. War
Eglon’s Regierung eine feststehende, als Ehud ihn erstach? War Joram’s
Regierung eine feststehende, als Jehu ihn erschoß? Aber der maßgebende
Fall war der der Athalia. Es war allerdings ein Fall, der den
Mißvergnügten manche glückliche und beißende Anspielungen lieferte. Ein
Königreich, verrätherisch an sich gerissen durch einen dem Throne nahe
verwandten Usurpator; der rechtmäßige Fürst lange vom Besitze
ausgeschlossen; ein Theil des Priesterstandes durch viele unheilvolle
Jahre dem königlichen Hause treu; endlich eine Contrerevolution,
bewerkstelligt durch den Hohenpriester an der Spitze der Leviten. Wer,
fragte man, werde es wagen, den heldenmüthigen Hohenpriester zu tadeln,
der den Erben David’s wieder eingesetzt? Sei indessen die Regierung der
Athalia nicht eben so fest begründet gewesen wie die des Prinzen von
Oranien? Hunderte von Seiten, welche damals über die Rechte der Joas und
über das kühne Unternehmen des Jojada geschrieben wurden, vermodern in
den alten Bücherschränken von Oxford und Cambridge. Während Sherlock so
von seinen alten Freunden heftig angegriffen wurde, ließen auch seine
alten Feinde ihn nicht in Ruhe. Einige heftige Whigs, unter denen sich
Julian Johnson auszeichnete, erklärten, daß selbst der Jakobitismus
achtungswerth sei im Vergleich zu der schmählichen Doctrin, die man im
+Convocation Book+ entdeckt habe. Daß den Königen passiver Gehorsam
gebühre, sei allerdings eine absurde und verkehrte Ansicht. Doch es sei
unmöglich, die Consequenz und Standhaftigkeit von Männern nicht zu
achten, die sich verpflichtet glaubten, auf jede Gefahr hin einem
unglücklichen, entthronten und verbannten Bedrücker treu zu bleiben.
Aber die Theorie, welche Sherlock von Overall gelernt habe, sei reine
Schlechtigkeit und Schändlichkeit. Eine Sache solle aufgegeben werden,
nicht weil sie ungerecht, sondern weil sie mißlungen sei. Ob Jakob ein
Tyrann oder der Vater seines Volks gewesen, sei ganz unwesentlich. Wenn
er die Schlacht am Boyne gewonnen hätte, wären wir als Christen
verbunden gewesen, seine Sklaven zu sein. Da er sie verloren habe, seien
wir als Christen verbunden, seine Feinde zu sein. Andere Whigs
gratulirten dem Proselyten, daß er, gleichviel auf welchem Wege, zu
einem ganz praktischen Schlusse gelangt sei, konnten sich aber eines
spöttischen Lächelns über die Geschichte, die er von seiner Bekehrung
erzählte, nicht enthalten. Er sei, sagten sie, ein Mann von
ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Begabung. Er habe die Frage von der
Unterthanenpflicht lange und gründlich studirt, und er habe viel darüber
geschrieben. Man habe ihm mehrere Monate bewilligt, um zu lesen, zu
beten und zu erwägen, dann nochmals mehrere Monate, bevor man ihn
abgesetzt habe. Er habe sich eine Meinung gebildet, für die er sich
bereit erklärt, den Märtyrertod zu erleiden, er habe Andere diese
Meinung gelehrt und sie dann bloß deshalb geändert, weil er entdeckt
habe, daß sie vor mehr als achtzig Jahren von den beiden Convocationen
nicht widerlegt, aber dogmatisch für irrig erklärt worden sei. Dies
heiße gewiß aller Freiheit des persönlichen Urtheils entsagen und den
Synoden von Canterbury und York eine Unfehlbarkeit zuschreiben, auf
welche nach der Erklärung der englischen Kirche selbst das Oekumenische
Concil keinen begründeten Anspruch habe. Wenn, sagte man sarkastisch,
alle unsere Begriffe von Recht und Unrecht in Dingen, welche von
wesentlicher Wichtigkeit für das Wohl der Gesellschaft seien, plötzlich
durch einige in einem Winkel der Bibliothek von Lambeth gefundene Zeilen
Manuscript geändert werden könnten, so sei es um des Seelenfriedens
demüthiger Christen willen sicherlich sehr zu wünschen, daß alle die
Schriftstücke, denen diese Art von Autorität zustehe, hervorgesucht und
so bald als möglich durch den Druck veröffentlicht würden, denn geschähe
dies nicht, so könnten wir alle, wie der Doctor, als er voriges Jahr die
Eide verweigerte, Sünden begehen in der vollen Ueberzeugung, daß wir
Pflichten erfüllten. Es ist in der That schwer zu glauben, daß das
+Convocation Book+ Sherlock irgend etwas mehr als einen Vorwand
lieferte, um das zu thun, was er zu thun sich vorgenommen hatte. Die
vereinigte Kraft der Vernunft und des Interesses hatten ihn ohne Zweifel
überzeugt, daß seine Leidenschaften und Vorurtheile ihn zu einem großen
Irrthum geführt, diesen Irrthum beschloß er zu widerrufen, und es wurde
ihm leichter zu sagen, seine Ansicht sei durch neu entdeckte Beweise
geändert worden als er habe sich mit allen Materialien zur Bildung eines
richtigen Urtheils sein falsches Urtheil gebildet. Das Volk glaubte,
sein Widerruf sei das Resultat der Thränen, Bitten und Vorwürfe seiner
Gattin. Die Dame habe aufgeklärte Ansichten, sie genieße in ihrer
Familie eine große Autorität und sie kümmere sich weit mehr um ihr Haus
und um ihre Equipage, um den Ueberfluß ihrer Tafel und um die Aussichten
ihrer Kinder, als um den patriarchalischen Ursprung einer Regierung oder
um den Sinn des Wortes Abdankung. Sie habe, behauptete man, ihrem Gatten
Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, bis er seine Bedenken überwunden
gehabt. Ihre Ueberredungs- und Einschüchterungsgabe wurde in zahllosen
Briefen, Fabeln, Liedern und Gesprächen höhnisch gerühmt. Sie war
Xantippe, die Sokrates Wasser aufs Haupt goß. Sie war Delila, Simson
scheerend. Sie war Eva, wie sie Adam zum Genusse der verbotenen Frucht
zwang. Sie war Hiob’s Weib, wie sie ihren in der Asche sitzenden und
sich kratzenden zu Grunde gerichteten Gemahl beschwor, nicht zu
verfluchen und zu sterben, sondern zu schwören und zu leben. Während die
Balladenmacher den Sieg der Mrs. Sherlock feierten, fiel eine andre
Klasse von Gegnern über den theologischen Ruf ihres Gatten her. Bis zu
dem Augenblicke wo er die Eide leistete, war er stets als der
orthodoxeste Geistliche betrachtet worden. Aber die tadelsüchtige und
boshafte Kritik, der man seine Schriften jetzt unterwarf, würde selbst
in der Bergpredigt Ketzerei gefunden haben, und er war leider so
voreilig, gerade in dem Augenblicke, wo der Unwille über seine
politische Unbeständigkeit sich am lautesten äußerte, seine Gedanken
über das Mysterium der Dreieinigkeit zu veröffentlichen. Zu einer andren
Zeit würde sein Werk von guten Anglikanern wahrscheinlich als eine
siegreiche Antwort gegen die Socinianer und Sabellianer begrüßt worden
sein. Unglücklicherweise aber hatte er sich in seinem Eifer gegen
Socianer und Sabellianer solcher Ausdrücke bedient, die als Tritheismus
ausgelegt werden konnten. Vorurtheilsfreie Richter würden bedacht haben,
daß der rechte Weg auf beiden Seiten dicht an den Irrthum grenzte und
daß es kaum möglich war, sich auf der einen Seite fern genug von der
Gefahr zu halten, ohne sich auf der andren der Gefahr dicht zu nähern.
Aber vorurtheilsfreie Richter durfte Sherlock unter den Jakobiten nicht
erwarten. Seine früheren Verbündeten behaupteten, daß er alle die
furchtbaren Strafen verwirkt habe, die in dem Athanasischen
Glaubensbekenntnisse über Diejenigen verhängt werden, welche das Wesen
der Gottheit theilen. Dickleibige Quartanten wurden geschrieben, um zu
beweisen, daß er an die Existenz dreier getrennter Gottheiten glaubte,
und einige humoristische Mißvergnügte, die sich sehr wenig um die
katholische Wahrheit kümmerten, erheiterten die Stadt durch englische
und lateinische Spottschriften auf seine Heterodoxie. „Wir,” sagte einer
dieser Witzlinge, „schwören Einem Könige Treue und rufen Einen Gott zum
Zeugen eines Gelöbnisses an. Es kann uns nicht auffallend erscheinen,
daß der Doctor mehr als Einem Könige Treue geschworen hat, wenn wir
erwägen, daß der Doctor mehr als einen Gott hat, bei dem er
schwört.”[61]
[_Verrätherei einiger Diener Wilhelm’s._] Sherlock würde vielleicht
gezweifelt haben, ob die Regierung, der er sich unterworfen, berechtigt
war, eine feststehende Regierung genannt zu werden, wenn er alle die
Gefahren gekannt hätte, von denen sie bedroht war. Preston’s Complot war
kaum entdeckt, als sich ein neues Complot ganz anderer Art im Lager, bei
der Flotte, im Schatzamte, und selbst im Schlafzimmer des Königs
bildete. Das Geheimniß dieser Schändlichkeit ist im Laufe von fünf
Generationen allmälig entschleiert worden, ganz aber ist es noch jetzt
nicht entschleiert. Möglich, daß einige noch dunkle Theile desselben der
Nachwelt durch die Entdeckung von Briefen und Tagebüchern, die jetzt
unter dem Staube von hundertfunfzig Jahren ruhen, klar werden. Doch sind
die Materialien, die uns gegenwärtig zu Gebote stehen, schon genügend,
um eine Erzählung zusammenzusetzen, die man nicht ohne Beschämung und
Abscheu lesen kann.[62]
Wir haben gesehen, daß Shrewsbury aus Verdruß darüber, daß er seine
Rathschläge verworfen und die seiner toryistischen Nebenbuhler befolgt
sah, sich in einer unheilvollen Stunde in eine Correspondenz mit der
verbannten Königsfamilie verwickeln ließ. Wir haben ferner gesehen,
durch welche heftigen Körper- und Seelenleiden er seine Fehler büßte.
Von Reue und daraus entstandener Krankheit gequält, hatte er den Hof
verlassen; aber es blieben an demselben Männer zurück, deren Grundsätze
nicht minder locker als die seinigen, und deren Herzen noch viel härter
und kälter waren.
Zu Anfang des Jahres 1691 begannen einige von diesen Männern sich in
geheime Verbindung mit Saint-Germains zu setzen. So schändlich und
ehrlos ihr Verfahren auch war, es lag nichts Wunderbares darin. Sie
handelten nach ihrer Weise. Es waren unruhige Zeiten, eine dichte Wolke
verhüllte die Zukunft, der scharfsichtigste und erfahrenste Politiker
konnte mit einiger Klarheit nicht drei Monate weit über die Gegenwart
hinaussehen. Ein Mann von Tugend und Ehre fragte allerdings darnach
nicht viel. Seine Ungewißheit bezüglich dessen, was der morgende Tag
bringen würde, konnte ihn wohl besorgt, aber nicht treulos machen. Wenn
auch in völliger Unkenntniß über das, was seine Interessen berührte,
hatte er doch die feste Richtschnur seiner Grundsätze. Leider aber gab
es unter den Höflingen jener Zeit nicht viele Männer von Tugend und
Ehre. Whitehall war seit dreißig Jahren eine Pflanzschule jedes
öffentlichen und privaten Lasters und wimmelte von niedrigdenkenden,
doppelzüngigen und selbstsüchtigen Politikern. Diese Männer handelten
jetzt so, wie es von unmoralischen Männern in einer Krisis, deren
Ausgang Niemand voraussehen konnte, nicht anders zu erwarten war. Einige
von ihnen hatten eine leichte Vorliebe für Wilhelm, Andere hatten eine
leichte Vorliebe für Jakob; aber durch keine solche Vorliebe wurde das
Verfahren einer dieser Männer geleitet. Hätte es sicher geschienen, daß
Wilhelm sich halten würde, so würden sie Alle für Wilhelm gewesen sein.
Hätte es sicher geschienen, daß Jakob wieder eingesetzt werden würde, so
würden sie Alle für Jakob gewesen sein. Aber was war zu thun, da die
Aussichten sich fast genau die Wage zu halten schienen? Es gab
rechtschaffene Männer der einen Partei, welche geantwortet haben würden:
dem wahren Könige und der wahren Kirche treu zu bleiben und
nöthigenfalls für sie zu sterben wie Laud. Es gab rechtschaffene Männer
der andren Partei, welche geantwortet haben würden: Fest an den
Freiheiten England’s und an der protestantischen Religion zu halten und
nöthigenfalls für sie zu sterben wie Sidney. Aber eine solche Consequenz
war Vielen der Vornehmen und Mächtigen unbegreiflich. Ihr Ziel war, sich
für alle Fälle zu sichern. Daher schworen sie öffentlich dem einen
Könige Treue und verpfändeten ihr Wort heimlich auch dem andren. Sie
waren unermüdlich bestrebt, sich unter dem großen Siegel Wilhelm’s
Aemter, Peerspatente, Pensionen und Geschenke von Kronländern zu
verschaffen, und in ihren geheimen Schubkästen hatten sie
Amnestieversprechen von Jakob’s Hand.
Unter Denen, welche sich dieser Schändlichkeit schuldig machten, stehen
drei Männer: Russell, Godolphin und Marlborough, in erster Reihe. Es
konnte kaum drei Menschen geben, die an Geist und Herz einander
unähnlicher waren, und die besonderen Eigenschaften jedes derselben
verliehen seiner Schurkerei einen besonderen Character. Der Verrath
Russell’s ist zum Theil dem Grolle, der Verrath Godolphin’s lediglich
der Aengstlichkeit zuzuschreiben; Marlborough’s Verrath aber war der
Verrath eines Mannes von großem Genie und grenzenlosem Ehrgeize.
[_Russell._] Es mag auffallend scheinen, daß Russell unzufrieden sein
konnte. Er hatte eben erst das Commando der vereinigten Flotten
England’s und Holland’s mit dem Range eines Flottenadmirals übernommen;
er war Schatzmeister der Flotte, hatte einen Jahrgehalt von dreitausend
Pfund Sterling, und es war ihm Kronland in der Nähe von Charing Croß im
Werthe von achtzehntausend Pfund verliehen worden. Außerdem müssen seine
indirecten Einnahmen enorm gewesen sein. Aber er war noch immer nicht
zufrieden. Er war in der That trotz seines unerschrockenen Muthes, trotz
bedeutender Talente für den Krieg wie für die Verwaltung, und trotz
eines gewissen Gemeinsinns, der sich selbst in den schlimmsten Perioden
seines Lebens vorübergehend zeigte, im vollen Umfange des Worts ein
schlechter Mensch: übermüthig, boshaft, habsüchtig und treulos. Er
meinte, daß die großen Dienste, die er zur Zeit der Revolution
geleistet, nicht gebührend belohnt worden seien. Alles was Andere
erhielten, betrachtete er als ihm geraubt. Es existirt noch ein Brief
von ihm, den er damals an Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthält nichts
als Selbstruhm, Vorwürfe und Spötteleien. Der Admiral bittet zuvörderst
unter ironischen Versicherungen seiner Ergebenheit und Loyalität um die
Erlaubniß, seine Beschwerden zu Papiere bringen zu dürfen, da seine
Schüchternheit ihm nicht gestatte, sich mündlich darüber auszusprechen.
Sein Kummer sei unerträglich. Andere Leute erhielten königliche
Domainen, er aber könne fast gar nichts erlangen. Andere Leute könnten
ihre Angehörigen versorgen; seine Empfehlungen aber blieben regelmäßig
unbeachtet. Das Einkommen, das er der königlichen Gunst verdanke, sehe
zwar groß aus; aber er habe arme Verwandte, und die Regierung habe
dieselben, anstatt ihre Pflicht gegen sie zu thun, unfreundlicherweise
seiner Sorge überlassen. Er habe eine Schwester, die einer Pension
bedürfe, denn ohne eine solche könne sie ihren Töchtern keine Aussteuer
geben. Er habe einen Bruder, der, weil er keine Stelle habe, in die
traurige Nothwendigkeit versetzt worden sei, eine alte Frau wegen ihres
Geldes zu heirathen. Russell beklagte sich dann bitter, daß die Whigs
vernachlässigt würden, daß die Revolution Männer zu Ansehen und
Reichthum gebracht habe, welche die größten Anstrengungen gemacht
hätten, sie zu verhindern. Und man hat Grund zu glauben, daß diese Klage
aus seinem Herzen kam, denn nächst seinen eigenen Interessen waren die
seiner Partei ihm theuer, und selbst als er am meisten dazu geneigt war,
ein Jakobit zu werden, hatte er nicht die mindeste Neigung ein Tory zu
werden. In der Stimmung, welche dieser Brief verräth, hörte er
bereitwillig auf die Einflüsterungen David Lloyd’s, eines der
gewandtesten und thätigsten Emissäre, welche damals beständig zwischen
Frankreich und England hin und her reisten. Lloyd überbrachte Jakob die
Versicherung, daß Russell, sobald sich eine günstige Gelegenheit
darböte, versuchen würde, vermittelst der Flotte das zu bewerkstelligen,
was Monk unter der vorhergehenden Generation vermittelst der Armee
bewerkstelligt habe.[63] Bis zu welchem Punkte diese Versicherungen
aufrichtig waren, dies war eine Frage, über welche Leute, die Russell
und seine Handlungsweise genau kannten, in Zweifel waren. Es ist
wahrscheinlich, daß er viele Monate lang mit sich selbst nicht im Klaren
war. Es lag in seinem Interesse, so lange als möglich mit beiden Königen
auf gutem Fuße zu stehen, und sein reizbares, gebieterisches Temperament
trieb ihn beständig an, mit beiden zu hadern. Die eine Woche wurde seine
üble Laune durch eine trockene Antwort von Wilhelm, die nächste Woche
durch eine alberne Proklamation von Jakob erregt. Zum Glück fand ihn der
wichtigste Tag seines Lebens, der Tag, von welchem alle seine späteren
Jahre ihre Färbung entlehnten, nicht in bester Stimmung gegen den
verbannten König.
[_Godolphin._] Godolphin hatte keine Ursache sich über die Regierung,
der er diente, zu beklagen und er behauptete auch gar keine zu haben. Er
war erster Commissar des Schatzes, er war mit Protection, Vertrauen und
Gunstbezeigungen überschüttet worden, ja, die ihm bewiesene Gunst hatte
sogar viel Murren veranlaßt. Sei es passend, hatten die Whigs unwillig
gefragt, daß ein Mann, der während der ganzen vorigen Regierung hohe
Aemter bekleidet, der für die Indulgenz zu stimmen versprochen, der mit
einem Jesuiten im Staatsrathe und mit zwei Papisten im Schatzamte
gesessen, der eine Götzendienerin an ihren Altar begleitet hatte, zu den
ersten Ministern eines Fürsten gehörte, dessen Ansprüche auf den Thron
aus der Rechtserklärung hergeleitet seien? Aber auf Wilhelm hatte dieses
Geschrei keinen Eindruck gemacht, und keiner von seinen Dienern scheint
damals sein Vertrauen in größerem Umfange besessen zu haben als
Godolphin.
Dessenungeachtet verzweifelten die Jakobiten nicht. Einer der
eifrigsten unter ihnen, ein Gentleman Namens Bulkeley, der früher mit
Godolphin auf vertrautem Fuße gestanden hatte, übernahm es zu sehen, was
er thun könne. Er begab sich ins Schatzamt und bemühte sich, den ersten
Lord in ein politisches Gespräch zu ziehen. Dies war kein leichtes Ding,
denn Godolphin war nicht der Mann, der sich leicht in Andrer Hände gab.
Seine Zurückhaltung war sprüchwörtlich, und er war besonders wegen der
Gewandtheit berühmt, mit der er während seines ganzen Lebens die
Unterhaltung von Staatsangelegenheiten auf einen Hahnenkampf oder auf
den Stammbaum eines Racepferdes zu lenken wußte. Der Besuch endete, ohne
daß er ein Wort geäußert hätte, welches verrieth, daß er sich der
Existenz König Jakob’s erinnerte.
Bulkeley ließ sich jedoch nicht so leicht abschrecken. Er kam wieder und
brachte den Gegenstand, der ihm zunächst am Herzen lag, auf’s neue zur
Sprache. Godolphin erkundigte sich hierauf nach seinem ehemaligen
Gebieter und seiner ehemaligen Gebieterin in dem unmuthigen Tone eines
Mannes, der die Hoffnung aufgegeben hatte, je mit ihnen ausgesöhnt zu
werden. Bulkeley versicherte ihm, daß König Jakob bereit sei, alles
Vergangene zu verzeihen. „Darf ich Sr. Majestät sagen, daß Sie Sich
bemühen wollen, seine Gunst zu verdienen?” Bei dieser Frage erhob sich
Godolphin, sagte etwas von Amtsfesseln und von dem Wunsche, ihrer ledig
zu sein und brach die Unterredung ab.
Bulkeley machte bald einen dritten Versuch. Godolphin hatte inzwischen
mancherlei erfahren, was sein Vertrauen zu der Stabilität der Regierung,
der er diente, erschütterte. Er begann zu glauben, daß er zu hoch auf
die Revolution gewettet, wie er sich ausgedrückt haben würde, und daß es
Zeit sei, für und wider zu wetten. Ausweichende Antworten konnten ihm
nicht länger genügen. Er sprach sich aus und erklärte sich für einen
ergebenen Diener König Jakob’s. „Ich werde die nächste Gelegenheit
ergreifen, um meine Stelle niederzulegen. Bis dahin aber bin ich
gebunden. Ich darf meine Amtspflicht nicht verletzen.” Um den Werth des
Opfers, das er zu bringen sich vornahm, zu erhöhen, legte er ein höchst
freundliches und vertrauliches Schreiben vor, das er kürzlich von
Wilhelm erhalten hatte. „Sie sehen, welches unbedingte Vertrauen der
Prinz von Oranien in mich setzt. Er sagt mir, daß er mich nicht
entbehren könne, und das es keinen Engländer gebe, dem er so zugethan
sei; aber dies Alles ist bei mir von keinem Gewicht im Vergleich zu
meiner Pflicht gegen meinen rechtmäßigen König.”
Wenn der erste Lord des Schatzes wirklich Bedenken hegte, das ihm
geschenkte Vertrauen zu verrathen, so wurden diese Bedenken bald so
wirksam gehoben, daß er sechs Jahre lang in aller Gemächlichkeit das
Brot des einen Herrn aß, während er im Geheimen einem andren
Anhänglichkeitsversicherungen und Dienstversprechen sandte.
Die Wahrheit ist, daß Godolphin unter dem Einflusse eines viel
gewaltigeren und viel verderbteren Geistes stand als der seinige war.
Seine Verlegenheiten waren Marlborough mitgetheilt worden, mit dem er
seit langer Zeit durch eine Freundschaft verbunden war, wie zwei völlig
characterlose Menschen sie überhaupt für einander zu fühlen vermögen,
und mit dem er später noch durch enge häusliche Bande verknüpft wurde.
[_Marlborough._] Marlborough war in einer ganz andren Lage als die
anderen Diener Wilhelm’s. Lloyd konnte Russell, Bulkeley konnte
Godolphin Eröffnungen machen. Aber alle Agenten des verbannten Hofes
hielten sich fern von dem Verräther von Salisbury. Jene schmachvolle
Nacht schien den meineidigen Deserteur für immer von dem Fürsten
getrennt zu haben, den er in’s Unglück gestürzt hatte. Jakob hatte noch
in der äußersten Bedrängniß, als seine Armee im vollen Rückzuge
begriffen war und sein ganzes Königreich sich gegen ihn erhoben hatte,
erklärt, daß er Churchill nie und nimmer vergeben werde. Der Name
Churchill war bei allen Jakobiten gründlich verhaßt, und in der Prosa
wie in den Versen, welche täglich aus ihren geheimen Pressen
hervorgingen, wurde ihm unter den vielen Verräthern der damaligen Zeit
bezüglich der Infamie die erste Stelle angewiesen. In der aus der
Revolution entsprungenen Ordnung der Dinge war er einer der Großen
England’s, von hohem Range im Staate wie im Heere. Er war zum Earl
creirt worden und spielte eine bedeutende Rolle bei der
Militärverwaltung. Die directen und indirecten Emolumente der Stellen
und Commandos, die ihm von der Krone verliehen worden waren, schätzte
man bei der holländischen Gesandtschaft auf zwölftausend Pfund Sterling
jährlich. Im Fall einer Contrerevolution schien er nichts als eine
Dachstube in Holland oder ein Schaffot auf Tower Hill zu erwarten zu
haben. Man hätte daher denken sollen, daß er seinem neuen Gebieter mit
Treue dienen werde, wenn auch nicht mit der Treue Nottingham’s, welche
die Treue der Gewissenhaftigkeit, nicht mit der Treue Portland’s, welche
die Treue der Zuneigung war, so doch mit der nicht minder beharrlichen
Treue der Verzweiflung.