Bei meiner Schwester, die eine Zeitlang auf der Weststraße, so wie

ich, aber in einem andern Hause wohnte, hatte ich mein förmliches

Standquartier und dort las ich ihr und Oersteds fast jeden Abend vor.

-- Die Werke, die wir damals zusammen genossen, und über die wir dann

sprachen und urtheilten, waren: Voß, Homer, Tieck's Don Quixote,

Schlegel's Shakespeare und Calderon's, Göthe's, Schiller's, Tieck's und

Novalis' Werke.

Steffens reiste im ersten Jahre unserer Bekanntschaft als Geognost nach

Norwegen. Ich dichtete in diesen paar Jahren Viel. Erst arbeitete ich

den Schlaftrunk für Weyse um. Der phantastische Humor in Shakespeare's

Werken hatte mich begeistert, und ich fühlte mich mit einer solchen

dramatischen Munterkeit geistig verwandt. Ich fühlte, was später Jean

Paul so herrlich in seiner Aesthetik ausgesprochen hat: daß auch

Shakespeare's humoristische Charactere allgemein, symbolisch und nur

unter dem Wulst und den Ausstopfungen des Humors verborgen sind. »Der

Scherz fehlt uns blos aus Mangel an Ernste,« -- sagt Jean Paul; -- »an

dessen Stelle trat der Gleichmacher aller Dinge, der Witz, welcher

Tugend und Laster auslacht und aufhebt. Der freie Scherz wird da nur

gefesselte Anspielung. Aber der Humor ist das =umgekehrte Erhabene=. Der

gemeine Satiriker mag auf seinen Reisen oder in seinen Recensionen ein

Paar wahre Geschmacklosigkeiten und sonstige Verstöße aufgreifen und

an seinen Pranger befestigen, um sie mit einigen gesalzenen Einfällen

zu bewerfen statt mit faulen Eiern; aber der Humorist nimmt fast

lieber die einzelne Thorheit in Schutz, den Schergen des Prangers aber

sammt allen Zuschauern in Haft, weil nicht die bürgerliche Thorheit,

sondern die menschliche, d. h. das Allgemeine sein Inneres bewegt. Der

Humorist erwärmt, der Persiflirende erkältet die Seele. Aber zu solchem

Lebenshumor ist jetzt weniger unser Geschmack zu fein als unser Gemüth

zu schlecht.«

Mit diesem Gefühle arbeitete ich Bretzner's »=Schlaftrunk=« um. Der

Humor und fast alle Einfälle im Dialoge, durch welche die Gestalten

dieses Singspiels poetische Persönlichkeit gewinnen, gehören mir,

ob sich gleich gut auf Bretzner's munterm Grunde bauen ließ. Dieses

Stück ließ Weyse neun Jahre lang liegen, nachdem er etwas über die

Hälfte componirt hatte; nach Verlauf von zehn Jahren vollendete er

seine Arbeit. Wie schön und reizend die Musik ist, wissen die meisten

Kopenhagener; wer es aber nicht weiß, dem wird es schwer fallen, die

Zusammensetzung zu bemerken. Der Zwischenraum der neun Jahre fällt

zwischen Charlottens Arie: »Ihr der Liebe goldnen Tage,« und dem

Quartett: »Ob nicht alle unsre Thränen« im zweiten Akt. Wie Frydendahl

in einer Reihe von zwanzig Jahren das Publikum als Brausse und erst

Knudsen, später Ryge als Saft amüsirt haben, darüber ist nur Eine Stimme.

Da ich mich bei der Umarbeitung des Schlaftrunkes etwas in dieser

Dichtungsart geübt hatte und der Concertmeister Schall mich bat,

ein Singstück zu schreiben, das er componiren könne, dichtete ich

»=Freia's Altar=,« welches muntere harmlose Lustspiel stets ein

tragisches Schicksal gehabt hat, wenn es aufgeführt werden sollte. Der

Oberhofmarschall, dem ich es vorlas, lachte unaufhörlich dabei und

fürchtete, daß es allzukomisch sei. Die Theatercensoren verwarfen das

Stück. Freia's Altar wurde gedruckt und machte außerordentliches Glück

bei Jungen und Alten. Das Stück wurde oft in Gesellschaften vorgelesen

und zum größten Vergnügen auf vielen Privattheatern zum Benefiz der

Armen gespielt. Aber als ich es einige Jahre darauf wieder auf die

Bühne bringen wollte, entstand ein großer literarischer Lärm, der zu

unangenehm und langweilig war, als daß ich ihn erneuern sollte. Noch zum

dritten Male ließ ich mich verleiten, das alte Singspiel mit Melodieen

von verschiedenen Componisten, von Herrn Fröhlich arrangirt, auf das

Theater zu bringen. Aber es war die größte Hitze in den letzten Tagen

der Saison, einige Rollen waren nicht gut vertheilt; der Herausgeber der

fliegenden Post, Verfasser von »König Salomon« und »Jörgen Hutmacher«

Heiberg, riß Freia's Altar herunter, als ob es das elendeste dumme Zeug

wäre, -- und so ließ ich diese humoristischen Bilder wieder in den

Hintergrund treten. Im Rauch und Dampf hätte man sie doch nicht gesehen;

um das Muntere und Freundliche mit Geschmack und Gefühl darzustellen und

zu genießen, muß man selbst munter, freundlich und ruhig gestimmt sein.

Kurz nach Freia's Altar dichtete ich (1804) »=Thor's Reise nach

Jothunheim=«, die später in »=die Götter des Nordens=« aufgenommen ist.

Ich hatte kurz vorher das deutsche Heldenbuch gelesen, und meinte, daß

dessen kurze und kräftige Reime und die derben Holzschnitte dieser Art

gut für Thor's Abenteuer passen dürften.

[Sidenote: Die Langelandreise.]

Nach einer Fabel in der Edda schrieb ich »=Vaulundurs Saga=.« Eine

kleine Reise nach Langeland hatte die »=Langelandreise=« hervorgebracht.

Obgleich ich in diesem Gedicht umständlich meine Reise beschrieben habe,

wird es viele der Leser vielleicht doch amüsiren, wenn ich Fragmente

eines Briefes an meine Christiane mittheile, die geschrieben waren, ehe

die Langelandreise gedichtet war.

Rudkjöbing, den 10. Juli 1804.

Rudkjöbing, hörst Du liebe Christiane, Rudkjöbing, fünfundzwanzig

Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt

Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so

gähnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr höchstens nur

vier bis fünf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie

beklage ich Euch. Du wünschst es vermuthlich in Deinem kleinen

kopenhagener Winkel, weit von dem Geräusche der Welt, Etwas von

meiner Reise zu hören. Also: Donnerstag kamen wir glücklich nach

Roeskildekrug und bekamen ein Stück Schinken zum Frühstück, zähe,

wie ein Brett, so daß es sehr gut als Schild über dem Wirthshause

hätte dienen können. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer

alten Ordnung; die alten Könige ruhten noch auf ihrem alten Fleck;

Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren

und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne müde zu

werden. Was ich übrigens innerlich und äußerlich gesehen, will

ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in

Versen erzählen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige

entweihe. -- Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfküster

Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege

vor uns her gefahren war, und uns bat, wir möchten ihm das nicht

als =Maliciösheit= auslegen. Wir luden ihn zu einer Pfeife Taback

ein, aber als er hörte, daß wir mit Thee tractirten, setzte er die

Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen

Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem

Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionär,

noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in

Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf

liegen. Ich war an anderen vorübergefahren, ohne darnach zu fragen;

aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, müsse ich erfahren.

»Sigersted,« sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder

wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzählt eine schöne Geschichte von

Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, über die eine

der schönsten Kämpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectüre

mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie

jetzt mein körperliches Auge in dem natürlichen Nebel an dieser

Kirche vorüberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut

aus der verschwundenen Zeit zu uns tönt.

In *** erzählte die Wirthin uns, daß sie mit Oersteds verwandt sei

und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es

ist doch gut, nach verwandten Wirthshäusern zu kommen; aber als

wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu

folgendem Epigramm:

»Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!«

Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach.

»Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!«

Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. -- --

[1] Der später als Romanverfasser bekannte und beliebte Laurits Kruse

hatte damals kurz vor meiner Reise ein Gedicht von Hamburg aus nach

Kopenhagen geschickt, das so anfing:

»Sechzig Meilen weit von meiner Heimath,

Sechzig Meilen weit von meinem Herzen.«

* * * * *

[Sidenote: Aladdin.]

Als ich von Langeland nach Hause gekommen war, schrieb ich: »=Jesus in

der Natur=;« und wagte die Jahreszeit mit ihren verschiedenen Wirkungen

als eine Allegorie auf das Leben und die Lehre Jesu darzustellen. Das

Hauptgedicht dieser Periode war jedoch »=Aladdin=«. -- Ich ergriff mit

jugendlichem Feuer und mit Begeisterung eine der schönsten Scenen aus

»Tausend und Eine Nacht«; und die natürliche Aehnlichkeit, die dieses

Mährchen mit meinen Lebensverhältnissen hatte, gab dem Ganzen vielleicht

etwas Naives und Eigenthümliches, das die Wirkung verstärkte; hatte

ich nicht selbst in der bei mir entdeckten Dichtergabe die wunderbare

Lampe gefunden, die mich in den Besitz der Schätze der Welt setzte? Und

die Phantasie war mir ein Geisterring, der mich überall hinversetzte,

wohin ich wollte. Meine Bildung hatte sich spät aber ziemlich rasch

entwickelt, gleich Aladdin's, und gleich ihm hatte ich vor Kurzem die

Liebe kennen gelernt. Meine Mutter war todt und als ich Aladdin's

Wiegenlied auf seiner Mutter Grab schrieb, rannen meine Thränen auf das

meiner eignen Mutter. So berührte dieses Mährchen in vielen Punkten

meine eigenen Lebensverhältnisse; ich ironisirte auch damit, und war mir

dessen während der Dichtung klar bewußt.

* * * * *

[Sidenote: Caspar Bartholin.]

Einer meiner liebsten Freunde war =Caspar Bartholin=; er war Officier

gewesen, aber ein Sturz vom Pferde, bei dem er, sich die Brust

verletzte, zwang ihn, einen stilleren, weniger anstrengenden Lebensweg

zu suchen; und -- mehr als dieses Unglück zog ihn wohl sein eigner,

ausgezeichneter Geist zur Wissenschaft und Kunst. Er machte das

juridische Examen; sein Umgang mit Steffens und mit mir wirkte auf ihn

ein; er unternahm eine Reise ins Ausland, aber die Verletzung, die er

beim Sturze vom Pferde bekommen hatte, kürzte seine schönen Tage, und

er starb in Rom -- mitten in der Bewunderung des Großen und Schönen an

einem Blutsturz. Einen Brief, den er mir von Paris aus sandte, theile

ich hier mit.

Paris, den 26. Dec. 1804.

Verzeih, bester Oehlenschläger, daß ich Dir nicht nach Deinem

Wunsche und meinem Versprechen eher geschrieben habe. In dem

Taumel von Zerstreuungen, in dem ich lebe, läßt sich so etwas

leicht aufschieben, und die Folgen des Aufschiebens kennst Du

ja! Gott weiß es, daß ich nie mit mehr Sehnsucht an Dich gedacht

habe, als gerade hier, ob ich nun mit stiller Bewunderung an

den schönsten Denkmälern der Kunst vorüberwandelte, oder ob ich

mich über die Flachheit in all' den Unternehmungen und Reden der

großen Nation ärgerte, oder auch wenn ich in der Stille an mein

Vaterland und an Deine reine Dichterflamme dachte. -- Endlich

traf ich gestern Friedrich Schlegel. Ich sprach mit Willers, der

mir sagte, daß Schlegel hier sei. Ohne Zaudern eilte ich nach

Hause, holte Oersted's Brief und im Augenblick hatte ich die

halbe Meile zurückgelegt, die ihn von mir trennte. Ich traf ihn

allein und, wie ich vermuthete, mit Zend Avesta vor sich. -- Er

erzählte mir, daß das einzige Nordische, was er gelesen habe, die

isländischen Sagen seien, und hieraus nahm ich Veranlassung, von

Dir zu erzählen, daß Du daran dächtest, sie zu bearbeiten und

bereits begonnen habest. Er versicherte, daß er sehr viel Lust

habe, dänisch zu lernen, aber nicht wisse, wo er ein gutes Lexicon

hernehmen solle. Ich empfahl ihm eines, das er sich notirte.

Zugleich bat er mich, ihm Steffens' Einleitung zu verschaffen.

Willst Du mir zu dem Ende nicht behülflich sein, und sie mir durch

Oersteds herbesorgen, entweder an das dänische Ministerium oder

lieber an Guilleaumeau adressirt, denn ich werde wohl nicht mehr

hier sein, wenn es ankommt. Die Kosten werde ich Dich bitten, mir

bis zu meiner Rückkehr zu creditiren. Von der »Europa« ist das

vierte Heft herausgekommen. Es war mir eine Freude, die Liebe und

Freundschaft zu hören, mit der Alle, die Oersted kennen, von ihm

sprechen. -- Auch Lehmann ist gekannt und geachtet. -- Baggesen

spreche ich oft. Er liest mir zuweilen seine Gedichte vor, weint

über sie und versichert, daß ihm sein Dichtergenius entflohen

sei. Auch von Dir hat er zuweilen gesprochen und wußte nicht

einmal, daß der erste Band Deiner Gedichte herausgekommen war.

Er schlug die Hände zusammen und entsetzte sich, ja wollte mir

fast nicht glauben, als ich ihm sagte, was Du producirt habest

und noch zu produciren beabsichtigtest. Wenn ich lange genug hier

bliebe, wollte ich Dich bitten, mir fünf bis sechs Exemplare

Deiner letzten Gedichte zu senden, damit die gute Sache gefördert

werden könne, und es geschehe, wie da geschrieben stehet. Ich

würde mir dann ein Vergnügen daraus machen, sie Fr. Schlegel zu

verdollmetschen und vielleicht durch ihre Hülfe Baggesen von dem

Throne herabstoßen, den er sowohl bei den Dänen, wie auch bei den

Deutschen hier usurpirt hat. -- Ich möchte Dir gern etwas von

Raphael's göttlicher Transfiguration erzählen, seiner heiligen

Cäcilia und Jungfrau Maria's Apotheose; aber dies sind ewige

Mysterien, die sich nur schauen, nicht von einem Profanen deuten

lassen. Wäre ich gleich Dir von der Natur in die heilige Sprache

eingeweiht, die eine solche Beschreibung voraussetzt, so würdest

Du die Gewalt begreifen, die ich mir anthun mußte, um nicht

niederzufallen und sie anzubeten. -- Ein Stück von Dominichini (die

Leiden der heiligen Agnes) hat nächstdem den größten Eindruck auf

mich gemacht. Stelle Dir die schöne Leidende von ihren entmenschten

Henkern umgeben vor, die mit der teuflischsten Grausamkeit auf

alle mögliche Weise ihre Qualen zu vermehren suchen, während sie

mit einer himmlischen Ruhe jeden Schmerz, den sie ihr bereiten,

erträgt, und fast über der irdischen Sphäre erhaben zu sein

scheint. Nun hebt sie die Augen unwillkürlich zum Himmel, von dort

muß ihr Muth kommen, denn er ist mehr, als menschlich. Und siehe,

sie werden nicht betrogen, die dort Trost suchen, der Erlöser

in seiner Herrlichkeit reicht einem Engel die Märtyrerpalme,

der bereits in vollem Fluge scheint, um sie damit zu krönen. Es

ist eine wunderbare Wirkung, den der Gegensatz von himmlischer

Seligkeit und irdischem Schmerz hervorbringt. Hätte man ein solches

Bild stets vor Augen, dann unterwürfe man sich diesem gewiß mit

Freude. -- In einem sparsam erleuchteten Winkel entdeckte ich

vor Kurzem ein Bild, welches von Allen unbemerkt schien, mich

aber doch durch seine Wahrheit und seinen Ausdruck, sowie durch

einen unendlich schönen Magdalenenkopf frappirte. Es war Christi

Abnahme vom Kreuz, und, wie ich richtig vermuthete, von Lucas von

Leiden. Tieck hat uns mit bewunderungswürdiger Genauigkeit von

diesem Maler unterrichtet, und man braucht nur seine Beschreibung

im Gedächtniß zu haben, um Lucas von Leiden's Bilder von denen

eines jeden Andern unterscheiden zu können. Von Albrecht Dürer

sind hier nur sehr wenige, und seine Bilder sind auch nicht sehr

geachtet. Kurz vor meiner Ankunft wurde eins seiner größten Gemälde

für 400 Frcs. verkauft. -- Apoll von Belvedere hat mich von allen

Statuen am Meisten angezogen. Es ist die idealste Form, die Du Dir

vorstellen kannst und es ist unmöglich, ihn für etwas Anderes als

den Gott der Poesie und alles Großen und Herrlichen in der Natur zu

halten. Ihm gegenüber prangt seine Halbschwester Venus. Aber man

vergißt sie ganz, wenn man ihn sieht, es ist als ob der Ausdruck

der Liebe auch in seiner Form läge. Dicht neben ihr wird man von

einem entsetzlichen Schauer überfallen -- bei dem Anblick des

Laokoon. Es ist der grausamste Schmerz nach dem Ideal der höchsten

Schönheit ausgedrückt, eine ewige Tragödie: der vergebliche Kampf

des Menschen gegen das Geschick. -- Doch wohin man sieht, fällt

das Auge auf etwas unbegreiflich Schönes. Hier bewundere ich den

Ausdruck in dem herkulischen Torso, ihm gegenüber in dem sterbenden

Fechter; dort frappirt mich die entschiedenste Nachlässigkeit

in dem ruhenden Faun, hier die ruhige Freude des majestätischen

Herkules bei dem Anblicke seines Sohnes Telephus; -- und so sieben

Säle hindurch. -- Aber ach! -- neben all' Dem vermisse ich die

classische Erde, verletzt mich die Gleichgültigkeit, und zürne ich

über die Anmerkungen, die man von Zeit zu Zeit über sie hören muß.

-- In vierzehn Tagen reise ich von hier nach Straßburg, Mainz,

Frankfurt, Göttingen und hoffe in sechs Wochen die Freude zu haben,

unsern Steffens in Halle zu begrüßen. In drei Monaten hoffe ich

Dich wieder umarmen zu können und versichere Dich der Freundschaft

und Achtung, mit der ich verbleibe Dein treuer

C. =Bartholin=.

[Sidenote: Zusammenleben mit Steffens.]

Zwei Sommer hatte ich mit Steffens auf der Friedrichsberger Allee

gewohnt. Hier schrieb ich den Schlaftrunk, Freia's Altar und Thor's

Reise. Der Procurator Bjerring, den ich von Dreyer's Klub her kannte

-- er war Einer von der alten Schule und also selten mit mir einig --

schlug mir einmal im Scherz vor, als ich ihm in der Allee begegnete,

daß Steffens und ich uns malen und die Bilder vor dem Hause, wie bei

den Thierbuden heraushängen lassen sollten. Herrliche Tage verlebte

ich da mit meinem Freunde, doch darf ich bei dieser Gelegenheit nicht

vergessen, eines tragikomischen Auftrittes zu erwähnen.

Wir wohnten Parterre und die Fensterläden wurden an jedem Abend

geschlossen, woraus folgte, daß es dann stockfinster war, bis sie

wieder geöffnet wurden. Nun hatte ich in jenen Jahren und noch viele

Jahre hindurch einen wunderbaren Traum, eine Art Alpdrücken, das oft

wiederkehrte. Ich träumte nämlich, daß ich in meinem Bette lag, was

wirklich der Fall war, ich erkannte meine Schlafkammer deutlich wieder,

obgleich es dunkel war, -- und nun entdeckte ich einen Räuber mit

einem Dolch, der herbeischlich um mich zu durchbohren. Ich erhob mich

leise in Todesangst, um aus dem Bette zu springen, mich hinter ihn zu

schleichen und ihm den Dolch aus der Hand zu reißen. -- Kaum setzte ich

den Fuß auf den Boden, so erwachte ich und fand mich mit nackten Füßen,

zitternd mitten im Zimmer. Ich legte mich dann gleich wieder zu Bett

und schlief ruhig den übrigen Theil der Nacht. -- Erst in späteren

Jahren, als ich nicht mehr meinen gewöhnlichen Abendschnaps trank und im

Sommer Wasser in den Wein goß, blieb der Räuber fort. Meine Gespräche

mit Steffens, durch die zuweilen die Phantasie aufgeregt wurde und das

Blut in stärkere Bewegung kam, trugen wohl auch Etwas dazu bei, den

Räuber herbeizulocken. Ich habe bereits erzählt, daß ich einmal früher

bei Steffens aus dem Bette sprang; damals lief es doch friedlich ab

und er merkte nichts. -- Aber hier in der Allee weckte ich ihn eines

Nachts mit einem entsetzlichen Geschrei, als ob mir ein Messer in den

Hals gestoßen worden wäre. »Mein Gott!« -- rief er -- »was giebts?« --

»»Räuber!«« -- röchelte ich. -- »»Sie ermorden mich.«« -- »Allmächtiger

Gott!« rief Steffens und stürzte aus dem Bett, in dem stockfinstern

Zimmer über mich hin, wo er durchaus Nichts unterscheiden konnte,

und mir also auf mein Wort glauben mußte. Nun hatte ich mich gefaßt.

»»Ach!«« -- seufzte ich langsam und ruhig -- »»es war nur ein Traum!««

Aber nun war die Reihe des Phantasirens an ihn gekommen. »Das ist, hol'

mich der Teufel, gleichgültig!« -- rief er -- »ich muß Gewißheit haben;

ich schlage Feuer. Ich hole meinen Säbel!« So hörte ich ihn in das

andere Zimmer tappen; er zündete Licht an und es dauerte nicht lange,

so kam er mit drohender Miene und gezogenem Schwerte. Nun glaubte ich,

daß er verrückt geworden sei, und rief: »»Steffens, um Gottes Willen,

sei doch vernünftig! Der Traum hat aufgehört.«« Aber da verwandelte sich

seine Wuth gegen die Räuber in Aerger gegen mich. »Ja, mein Bester!«

sagte er, »das ist ganz gut, aber es ist doch zu toll, solche Träume zu

haben, besonders wenn die Fensterläden geschlossen sind. Ich mußte Dir

ja aufs Wort glauben.« »»Ich danke Dir, bester Freund!«« -- entgegnete

ich, -- »»für Deine Tapferkeit und Deine Hülfe, in der Noth soll man

seine wahren Freunde erkennen. Aber sei nun nicht böse darüber, daß kein

wirklicher Mörder hier ist. Ich werde mich in der Zukunft vernünftigerer

und wahrerer Träume befleißigen.««

[Sidenote: Eine Sonnenfinsterniß.]

Als Steffens fortgereist war, spielten mir die geschlossenen

Fensterläden einen andern Streich. Ich hatte einen alten verunglückten

schwedischen Schuhflicker zum Aufwärter, der zugleich mein Frühstück

besorgte. Zuweilen schmierte er meine Stiefeln mit Butter ein, wenn er

keine Stiefelwichse hatte. Er hatte Frau und Kinder in der Stadt, kam

aber jeden Morgen um 7 Uhr zu mir heraus, öffnete die Fensterläden und

weckte mich wenn ich schlief. Eines Abends hatte ich gehört, daß am

nächsten Morgen um 5 Uhr eine große Sonnenfinsterniß eintreffen würde.

Ich dachte: »die mußt Du auch sehen!« schwärzte ein Stück Fensterglas

über dem Lichte, um dadurch in die Sonne hinaufzuschauen, und sagte

zum Schuhflicker, er müsse etwas vor 5 Uhr auf dem Platze sein, die

Fensterläden öffnen und mich wecken. Am nächsten Morgen erwachte ich

von selbst, es war still und finster rund um mich her, ich drückte den

Kopf wieder in die Kissen und schlief weiter. Endlich erwachte ich zum

zweiten Male. Noch immer war Alles still und finster. Ich dachte: »Nun

muß die Uhr doch bald fünf sein.« Ich konnte nicht länger schlafen,

stand auf, öffnete die Fensterläden ein wenig, um beim Ankleiden sehen

zu können und eilte dann durch die Thüre in den Garten, denn ich

schlief in einer Gartenstube. Ein blendender Sonnenschein strahlte

mir entgegen, aber das störte mich nicht in meinem Vorsatze. Ich nahm

mein geschwärztes Glas hervor und starrte aufmerksam in die Sonne.

Zwei junge Damen saßen auf einer Bank im Schatten. Nachdem sie mir

lange zugesehen hatten, fragte die Eine lachend: »Wonach schauen Sie?«

»»Ich sehe nach der Sonnenfinsterniß, mein Fräulein!«« entgegnete ich,

»»aber sie hat wohl noch nicht begonnen. Die Uhr kann wohl nicht weit

von Fünf sein?«« »Mein Gott!« rief sie erstaunt, »es ist ja schon

Elf! Die Sonnenfinsterniß ist ja vor sechs Stunden vorüber.« »»Na,««

rief ich erbittert, »»daran ist wieder kein Andrer, als der verdammte

Schuhflicker Schuld! Aber ich will's ihn lehren!«« Sie sahen mich

verwundert an, aber als sie hörten, daß er des Morgens nicht da gewesen

sei um die Fensterläden zu öffnen, verstanden sie meine Rede.

[Sidenote: Seltsame Träume.]

Da ich hier von Schlaf und Träumen rede, finde ich den Ort passend, um

zwei andere Träume zu erzählen, die ich gehabt habe. Der erste, glaube

ich, fällt in jene Zeit, der andere um mehrere Jahre später. Ich habe

sie nie vergessen können, und ich erzähle sie ohne Ausschmückung; es

wäre leicht, einen amüsanten Traum zu erfinden, dagegen ist es nicht so

leicht amüsant zu träumen.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 18 / 20 段