Erster Traum. -- Mir träumte, ich läge als Leiche in der Roeskilder

Domkirche, in der nördlichen Kapelle, wo die königlichen schwarzen

sammtbeschlagenen Särge stehen. Plötzlich hörte ich die Schlüssel an

der Gitterthür rasseln, sie ging auf, mein Vater kam mit einem Schwarm

Fremder und zeigte ihnen die Kirche, so wie ich ihn oft in meiner

Kindheit fremden Leuten das Friedrichsberger Schloß hatte zeigen sehen.

Sie näherten sich meinem offnen Sarge und mein Vater sagte: »Dieser

arme Mensch, der hier liegt, ist wirklich zu beklagen! Er bildet sich

ein daß er noch lebt, während er doch schon lange eine todte Mumie

ist. Sehen Sie einmal!« Hier faßte er mich an der großen Zehe und

rieb Etwas davon zwischen den Fingern zu Staub. Er wollte nun mit der

Gesellschaft weiter gehen und das Gitter wieder schließen. Ich fühlte

mich von einer entsetzlichen Angst ergriffen, daß ich da nun mehrere

Tage allein zwischen wirklichen Leichen liegen solle, bis ich selbst

stürbe. Ich strengte alle meine Kräfte an, es gelang mir, mich zu

erheben, und zu den Fremden hinzuwanken, aber mehr vermochte ich nicht;

ich sank wieder zwischen ihnen auf einer Treppe in einen Todesschlummer.

»Sehen Sie wohl?« sagte mein Vater; »lauter Einbildungen! er glaubt

immer, daß er noch lebt. Aber wir könnten ihn doch in ein warmes Bett

bringen, obgleich ich im Voraus weiß, daß es nichts hilft.« Kurz darauf

befand ich mich in einem hohen schmalen Zimmer, mit dunkelgrünem Damast

bekleidet, der von vergoldeten Leisten eingefaßt war. Ich lag in

einem Bett, unter einem Thronhimmel mit dicken drappirten Gardinen,

gleichfalls von dunkelgrünem Damast; in meinem Schlafgemach herrschte

Halbdunkel. Aber dicht daran stieß ein großer Saal voller Menschen,

die an einem Tische saßen. Ich hörte Musik, die Teller rasselten, es

wurde oft laut gelacht, der Glanz der Kronleuchter strahlte durch das

Schlüsselloch zu mir herein, der ich in der dunkeln Einsamkeit da lag,

um zu sterben. Eine unbeschreibliche Lust zu leben, die muntern Freuden

des Lebens zu genießen, erfüllte meine Brust, und gab mir wieder Kraft,

mich zu erheben. Ich sprang aus dem Bett, öffnete die Flügelthüren zum

Saale, eilte hin und setzte mich auf einen leeren Stuhl zwischen zwei

schöne Mädchen, füllte mein Glas und sang:

»Und soll ich nicht mehr leben frisch

Und in die Erde sinken,

Will ich doch noch an diesem Tisch

Erst lieben -- und singen -- und trinken!«

Darauf stieß ich mit den Schönen an, küßte sie und leerte mein Glas.

Ich fühlte den Rothwein, zu warmem Blute verwandelt, wieder meine Adern

füllen und durchströmen; ich war gesund und frisch und -- erwachte. Des

Verses entsann ich mich noch, und wiederholte ihn so oft, bis ich ihn

nicht mehr vergessen konnte.

Der andere sonderbare zusammenhängende Traum, den ich mich entsinne,

gehabt zu haben, war folgender: Ich befand mich wieder in einer

Kirche, aber sie war klein und hatte einige Aehnlichkeit mit der auf

Friedrichsberg. Ich hatte die Musik zu einer Cantate componirt, die

nicht von mir gedichtet war. Sie wurde von einer zahlreichen Gemeinde

aufgeführt, während der Prediger als Erzbischof, im Purpurgewande, und

mit dem Hirtenstab in der Hand vor dem Altare stand. Die Musik war

rührend und begeisternd. Alle fühlten sich dadurch bewegt. Aber es war

ein Engelchor in der Cantate, den ich nicht zu componiren vermocht

hatte, weil der Inhalt zu himmlisch war. In meiner Verlegenheit hatte

ich dies verschwiegen; das Concert ging vortrefflich ohne Probe, mit

Gesang und Instrumenten vom Blatte, bis man zu dem fehlenden Chor kam,

wo Alles schwieg. Es herrschte Todesstille in der Kirche. Endlich fragte

mich der Prediger laut vom Altare aus: warum ich nicht auch diesen Chor

componirt hätte? Ich antwortete ängstlich: »Ich war es nicht im Stande,

ehrwürdiger Herr! Solche Gefühle kann nur ein seliger Geist ausdrücken,

der ganz vom Erdenstaube befreit ist.« -- Da öffnete sich eine kleine

Thür in der Wand, die Niemand vorher gesehen hatte, nicht weit vom

Altar, etwas über dem Haupte des Predigers. Und Ewald stand dort, bleich

und freundlich mit Schlafrock und Nachtmütze, eine Rolle Noten in der

Hand, die er dem Prediger mit den Worten darreichte: »Ich habe es

componirt!« Im Augenblick war die Oeffnung wieder verschwunden, und die

Stelle, wo sie gewesen war, nicht zu erkennen. Die Musik wurde gleich

ausgeführt; ihre himmlische Milde läßt sich nicht beschreiben; sie löste

meine ganze Seele auf, und ich erwachte, in Thränen gebadet.

Man sieht hieraus, daß mich doch nicht immer Räuber- oder Mörderträume

ängstigten, sondern daß ich auch schön träumen konnte; obgleich der

erste Traum, trotz seiner poetischen Einkleidung, etwas mit der alten

Geschichte gemein hatte, und gleich dem Räubertraume, auf Lebensgefahr

und Rettung hinausläuft.

* * * * *

[Sidenote: Festgedicht an Steffens.]

In dem zweiten Sommer unserer Bekanntschaft reiste Steffens nach Halle,

und holte seine schöne Braut, =Hanna Reichardt=. Hierdurch wurde unser

gesellschaftlicher Kreis vergrößert und belebt. Zu ihrer Ankunft

veranstaltete ich ein Fest, an dem auch Camma Rahbek und meine Schwester

Theil nahmen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich mein erstes deutsches

Gedicht, damit die junge deutsche Frau es verstehen solle. Es lautete,

mit wenigen Veränderungen, ungefähr so:

Es war einmal ein Junggesell

Voll Eigensinn;

Der wollte, wie ein flücht'ger Quell,

Ins Weite hin;

Es ward ihm gar zu eng und weh

Im alten Haus,

Drum sagt der wilde Bursch Ade,

Und zog hinaus,

Und fuhr auf die Fluthen nach Norweg.

Der Herr Gott ließ die Winde los,

Beim Strafgericht:[2]

Der Jüngling fiel in Meeresschoos;

Doch starb er nicht.

Ganz trocken bald -- ich weiß nicht wie --

Und wieder flott

Stand er -- und war ein Kraftgenie!

Du lieber Gott!

Zur Sünde nur war er gerettet!

Drauf streift er weit, im röm'schen Reich,

Und sucht Natur;

Vertiefte sich in Wald und Teich,

Und Blumenflur;

In Schachten nach dem Urgestein

Er suchend kroch;

Sah nach den süßen Mägdelein,

Durchs Fensterloch,

Und Alles der Wissenschaften wegen.

Da fügt's sein Schicksal, immer gut,

Solchergestalt;

Er macht, mit liebevollem Muth

In Halle Halt.

Was einzeln erst im Bergrevier

Und Flur er sah,

Vereinigt in dem Mädchen hier

Stand Alles da.

Da ward's ihm gar freudig zu Muthe!

Nun braucht' er gar nicht suchen gehn

Lazurgestein;

Ins Auge braucht er nur zu sehn

Dem Mägdelein;

Und wenn die Rosenlippen süß

Er lächeln sah,

War gar nichts auf der Blumenwies'

Von Rosen da;

Sie welkten, vor Neid, und erbleichten.

Des Dichters goldner Leierklang

Er auch vermied,

Wenn sie mit süßer Stimme sang

Des Vaters Lied.

Der Vogel saß so andachtsvoll

Am grünen Ort,

Wenn über ihre Lippen quoll

Das holde Wort;

Es rieselte leiser die Quelle.

Nun lieber Heinrich bist Du hier

Mit ihr im Bund';

Drum singen und drum jauchzen wir

Aus Herzensgrund;

Drum zechen wir, mit großer Lust,

Den guten Wein,

Und drücken Dich an unsre Brust,

Und singen drein:

Willkommen uns, =Heinrich= und =Hanna=!

[2] Steffens litt auf dieser Reise Schiffbruch.

Die Freude, diese lieben Freunde in unsere Nähe zu haben, währte nicht

lange, im folgenden Jahre verließen sie uns leider wieder, da Steffens

als Professor nach Halle berufen wurde.

* * * * *

[Sidenote: Ein Symposion.]

Ein Freund meines Jugendfreundes Winckler (mit dem ich in der letzten

Zeit nur wenig umgegangen war) reiste kurz darauf nach Westindien. Sie

veranstalteten Beide bei dieser Gelegenheit ein Fest, wobei es besonders

auf ein Trinken losgehen sollte, weßhalb sie auf ihren Einladungskarten

das Fest auch ein =Symposion= nannten. Zur Ehre unserer Landsleute kann

man wohl sagen, daß es bereits in meiner Jugend selten war, betrunkene

Leute zu sehen. Selbst unter den Bauern wurde ein »Jeppe vom Berge« mehr

und mehr zu einer Ausnahme. Nur unter den Matrosen war es häufiger, weil

es scheint, als ob das Trinken mit zu ihrem Elemente gehöre. Aber im

Ganzen genommen paßte Hamlet's Replik nicht mehr auf uns:

»_This heavy-headed revel, ease and west,

Makes us traduc'd, and tax'd of others nations;

They clepe us drunkards._«

Dagegen hatte man eine Menge Erzählungen von lustigen Trinkgelagen in

alten Tagen, die mit Witz und Humor abgehalten worden waren. Ein solches

veredeltes Bacchusfest war das, welches unsere Freunde hier wieder

bereiten wollten. Zum Ort für das Fest wählte man das Ermelundhaus im

Thiergarten, welches, die Brunnenzeit ausgenommen, einsam daliegt.

Unsere Wirthe mietheten das ganze Haus für den Abend, und kein Fremder

wurde eingelassen. Man hatte dafür gesorgt, daß sich nichts Plumpes

und Widerliches in den muntern Uebermuth mischen solle; die große

Gesellschaft bestand meistens aus Gelehrten und Künstlern. -- Nun ging

es auf ein Trinken los, und die Kunst bestand darin, so übermüthig als

möglich zu sein, ohne brutal und geschmacklos zu werden. Die Convenienz

und die Formen konnte man hingegen, so viel man wollte, übertreten;

das wünschte man gerade, und Keiner durfte dem Andern eine Tollheit

übelnehmen. Das Haus wurde den Gästen von den Wirthen Preis gegeben, und

die Freude der Betrunkenen, Spiegel und Fenster in Stücke zu schlagen

(welches in der Natur des Rausches liegt, weil der Mensch in diesem

Zustande gern seine flüchtige Phantasie mit der einen oder der andern

plötzlichen oder abenteuerlichen Verwandlung unterhält) stand Jedem

frei, und wurde auch zuweilen ausgeübt; obgleich mit Bescheidenheit und

ohne Schadenfreude, nur um dem Uebermuthe zu huldigen. Mitten in einem

ernsten Gespräche sah man wissenschaftlich gebildete geistreiche Männer

bald einen kleinen Spiegel von geringem Werthe, bald eine Fensterscheibe

in Stücke schlagen, ohne daß dies die geringste Stockung im Gespräche

hervorrief. Einer der Gäste goß etwas Rothwein aus seinem Glase in Hans

Christian Oersted's Halskrause, als dieser gerade im Begriff war, etwas

Schwieriges in der Physik zu erklären. Er bat Oersted, es um Gottes

Willen nicht übel zu nehmen, worauf dieser ruhig antwortete: »Da müßte

ich doch ein großes Kameel sein, wenn ich darüber böse werden wollte.«

-- Ein vorzüglich guter Schauspieler, der von uns Allen geliebt war,

hatte gerade einen rührenden Vater in einem von Kotzebue's Stücken

gespielt, und kam etwas spät, als wir Andere bereits die Gläser tüchtig

geleert hatten. Da er noch nüchtern war, wollte er satyrisch sein,

aber ich sagte: »Lieber Freund, wir sind bereits lange über die Satyre

hinaus! Mache rasch und werde lustig und guter Dinge gerade wie wir.«

Kaum hörte er dies, so setzte er eine Flasche an den Mund; und mit

unglaublicher Geschwindigkeit hatte er bald uns Alle eingeholt und

wurde der gemüthlichste Mensch von der Welt. Aber zuletzt wurde es ihm

zu heiß, denn es war in der warmen Jahreszeit; er warf Stiefel und

Oberkleider ab, und stolzirte endlich munter in durchaus anständigen

Unterhosen umher. So wurde er in einen Wagen gesetzt und Einige der

Anwesenden wollten ihn entführen, aber seine Abwesenheit wurde bald

bemerkt; Eilboten zu Pferde wurden ihm nachgesandt, holten ihn eine

Viertelstunde vom Wirthshause ein und brachten ihn im Triumphe zurück.

Wir standen Alle in der Thür, als er ankam; und während er in bloßen

Strümpfen aus dem Wagen stieg, grüßte er voller Huld und sagte: »Es

war ein Mißverständniß, meine Herren! es war ein Mißverständniß!« Man

hatte ihm nämlich gesagt, daß das Fest in einem anderen Wirthshause

fortgesetzt werden solle. Solcher lustigen Scenen fanden viele statt.

Die Wirthin war auch froh darüber, daß sie Alles auf die Rechnung setzen

konnte; sie characterisirte den Zustand der Gäste nach den zerschlagenen

Sachen, und sagte zu ihrem Mädchen: »Nun sind sie bei den Fenstern! Nun

sind sie bei den Spiegeln!« u. s. w.

Endlich begann doch die Natur ihr Recht zu verlangen; Viele wurden

schläfrig und gingen in die Kammern hinauf, wo für ihre Bequemlichkeit

gesorgt war. Einige hatten sich etwas mit dem Glase geschnitten, Andere

waren seekrank. Da nun Kopenhagens beste, junge Aerzte da waren, so

theilte man die Patienten, wie in dem Hospitale, in die chirurgische und

die medicinische Seite ein, besuchte sie fleißig und heilte sie bald.

Winckler selbst, als er merkte, daß er die Augen nicht länger aufhalten

könne, lehnte sich an die Brust eines Freundes, trug ihm auf, für die

Punschbowlen zu sorgen, sagte ihm, wie viel Rum, wie viel Citronen und

wie viel Zucker zu jeder gehöre; und als er derart gewissenhaft sein

Testament gemacht hatte, schlief er sanft ein.

Gegen Morgen hin fuhren wir wieder zur Stadt; aber am Nachmittag

waren wir zu einem großen Thee auf der Schießbahn eingeladen, wo wir

zusammenkommen und mit einander von den Begebenheiten des vergangenen

Tages reden wollten, gleich den Asen in Gimle, nach Ragnarokur von den

Thaten des vorigen Lebens. Hier wurde nun ein köstliches Abenteuer

erzählt, das Einigen in der Gesellschaft begegnet war. Sie hatten

nämlich die Absicht, auf dem Heimwege abzusteigen und in einem Gasthause

zu frühstücken; aber da die Uhr noch nicht einmal drei war und man ihnen

die Thür nicht öffnen wollte, kletterten sie über die Mauer. Da saßen

sie nun rittlings, wie die Klammern an der Wäsche, als der Wirth im

bloßen Hemde mit seiner geladenen Büchse herauskam und sie, wie Spatzen,

herunterschießen wollte, weil er glaubte, es seien Räuber. Erst nach

vielen Eiden und Versicherungen überzeugten sie ihn, daß sie ehrliche

Leute seien, die nur in der edlen Absicht gekommen wären, ihm Etwas zu

verdienen zu geben.

In diesem muntern, ungewöhnlichen Symposion nahm auch ich, ohne es noch

zu wissen, Abschied von meinem Vaterlande und dem lieben seeländischen

Walde. Mein Plan war gefaßt, ich gab die Jurisprudenz auf, ich fühlte,

daß die Natur mich zum Dichter geschaffen habe, daß es thöricht und

vergeblich sei, gegen meinen Beruf anzukämpfen. Freilich sah ich ein,

daß ich, indem ich den allgemeinen Weg verließ, auch die Beamtenbahn

aufgab; aber es ahnete mir, daß ein schmaler Steg, der freilich über

tiefe Moore ging, in denen man leicht stecken bleiben konnte, mich

rascher zum Ziele führen würde.

[Sidenote: Der Maler Abildgaard.]

Ich hatte zuerst beschlossen, mich auf das Isländische zu legen, und

einige alte Sagen zu übersetzen; ein Subscriptionsplan war bereits

entworfen; ich hatte auch die Akademie der Künste gebeten, mir einen

Saal zu leihen, in dem ich Vorlesungen über nordische Mythologie halten

wollte, da das fehlende Doctordiplom es mir nicht gestattete, sie in

der Universität zu halten. Ich sprach deßhalb mit Thorwaldsen's Lehrer,

dem Director der Akademie, Maler =Abildgaard=. Dieser lange hagere Mann

hatte bedeutende Gaben, sehr viel Talent, große Kunstfertigkeit; aber

ein gewisser Eigensinn, eine ihm zur andern Natur gewordene Manier

schadeten ihm. Farbensinn hatte er in einem seltenen Grade, zeichnen

konnte er vorzüglich, und so ist Thorwaldsen ihm Dank schuldig, so wie

ein großer Philolog seinem verständigen Rector, der dem Schüler zeitig

durch fleißigen Unterricht die unentbehrliche Grammatik einprägte. Als

ich Abildgaard erzählte, daß ich für die nordische Mythologie begeistert

sei, machte er mir erst die gewöhnlichen Einwendungen; aber als ich ihm

einige meiner Ideen mitgetheilt hatte, betrachtete er mich mit großer

Aufmerksamkeit; sein spöttisches Lächeln verwandelte sich allmälig

in eine ernste Verwunderung, und als ich fertig war, sagte er: »Ja,

ich bin wahrhaftig nicht der Mann, der sich dem Guten und Sinnreichen

widersetzt, weil es neu ist!« -- Wir sprachen über mehrere Gegenstände,

auch über Poesie; und da bemerkte ich nun, daß er sich von dieser

einen falschen Begriff machte. Er sagte: »Mit Poesie und Kunst verhält

es sich ganz entgegengesetzt. Ein Dichter liegt in der Nacht schlaflos

da, es entsteht eine glückliche Idee in seinem Kopfe, er spricht sie

aus, und hat sich unsterblich gemacht. Der Künstler muß viel arbeiten,

und gelangt erst allmälig zum Ziele!« Ich entgegnete ihm: »daß der

Dichter sich auch, aber wissenschaftlich, ausbilden müsse, daß eine

glücklich ausgesprochene Idee freilich Hoffnungen wecke, aber noch nicht

den wahren Dichter zeige; daß auch viel Arbeit, Kunst, Studium und

Nachdenken dazu gehöre, um ein bedeutendes Dichterwerk hervorzubringen

und zu vollenden.« -- Abildgaard nahm freundlich von mir Abschied; kurz

darauf änderte ich meinen Beschluß und sah ihn nicht wieder.

* * * * *

[Sidenote: Die Gräfin Schimmelmann.]

Man sagte mir, daß die Gräfin =Schimmelmann= meine poetischen Schriften

gelesen habe, und daß sie den Verfasser des Aladdin gern sehen wollte.

Zugleich wünschte man mir Glück zu dieser Bekanntschaft; »denn«,

sagte man, »Graf Schimmelmann achte und liebe Talente und helfe ihnen

vorwärts, wo er könne. So habe er meinen Freunden Bentzon und Steffens

früher geholfen, und es sei daher möglich, daß er auch Etwas für mich

als Dichter thun würde, besonders wenn die Gräfin auf meiner Seite

stehe.«

Ich ging also an einem schönen Sommertage mit pochendem Herzen nach

seinem Landgute Seelust hinaus. Als Kind und Knabe war ich oft an

der schönen Emilienquelle vorübergegangen und gefahren. Eine Gräfin

Emilie Rantzau war Schimmelmann's erste Frau gewesen, die er bis zur

Schwärmerei geliebt, deshalb hatte er ein Auge in den Stein aushauen

lassen, welches stets weinte, wenn das Wasser herausfloß. Diese Idee war

nun zwar weniger glücklich, aber muß durch den sentimentalen Geschmack

jener Zeit entschuldigt werden. Was Schimmelmann's eigene Augen betraf,

so weinten sie nicht mehr über einen Verlust, den ihm seine zweite Frau,

Charlotte Schubart, wiederum ersetzte.

Heute ging ich nicht zur Quelle, sondern wendete mich in den Hof

hinein, wo ich nie gewesen war; zum ersten Mal in meinem Leben sollte

ich eine so vornehme Dame besuchen, die ich noch nie gesehen hatte. Ich

stand im Vorzimmer, wartete, drehte den Hut in der Hand, faßte Muth

und beschloß, mich nicht verblüffen zu lassen -- als eine bleiche,

magere Frau, einfach gekleidet, hereintrat und freundlich grüßend

sagte: »Mein Mann wird gleich kommen.« Das war also die Frau Gräfin.

Sie nahm mich mit in ihren großen Gartensalon, wir wurden bald bekannt,

und ich bekam Muth, als ich merkte, daß ich in ein Haus gekommen sei,

wo man Poesie verstand, und sie mit zu den höheren Nothwendigkeiten

des Lebens rechnete. Schimmelmann's Eintritt und Gespräch setzte

mich in nicht geringe Verwunderung. Ein solches Wesen hatte ich mir

früher nie gedacht, nie in einem Dichterwerk dargestellt gesehen.

Die eigenthümlichen Contraste waren bei ihm auf eine so naive Weise

verbunden, daß sie sich zur Harmonie vereinigten.

[Sidenote: Der Graf Schimmelmann.]

Er war klein, mager und häßlich, er schielte mit einem der kleinen

dreieckigen Augen, war pockennarbig und schnupfte stark Taback, und das

mit einer Nachlässigkeit, die unangenehme Spuren an Kleidern und Fingern

zurückließ. So trat er wankend ein, mit blauem moirirtem Ritterbande

und zwei großen Sternen auf der Brust, die dünnen Haare frisirt und

gepudert und mit einem kleinen Zopf in dem Nacken. Ich stutzte fast

über diese Häßlichkeit; aber kaum hatte er einige Worte gesprochen,

als sich das schönste, freundlichste Wesen über dem pockennarbigen

Gesicht ausbreitete, als das eine Auge, das nicht schielte, mit einer

so ausnehmenden, ehrlichen, tiefen Menschenliebe in mein Herz lächelte,

-- daß ich glaubte Sokrates zu schauen; doch lag keine Ironie in diesem

Lächeln, es war bescheiden, mädchenhaft, schüchtern, gefühlvoll. Das

Ritterband verschwand vor dem Bande der Natur, mit dem ich mich gleich

an diese edle Seele geknüpft fühlte, und die Sterne auf der Brust

wurden Flitterstaat gegen das himmlische Sternenfeuer, das in seinem

geistvollen Auge funkelte.

Ich kehre später zu diesem edlen Manne zurück, und will diesmal

nur noch bemerken: die Gräfin hatte Sinn und Geschmack für Poesie;

Schimmelmann hatte Seele und selbst Genie. Aber hier herrschte nun

wieder der eigenthümliche Contrast! Trotz der treuesten Hingebung für

die Gegenstände war er im höchsten Grade zerstreut, und dieser Zustand

erlaubte ihm nicht, lange Zeit bei einer Vorstellung zu verweilen. --

Erst viele Jahre darauf fand ich den Schlüssel zu diesem seltsamen

Wesen. Schimmelmann war ein Siebenmonatskind. Was wäre nicht aus ihm

geworden, wenn ihm die zwei Monate noch vergönnt gewesen wären. Er rieth

mir, Se. Königl. Hoheit den Kronprinzen (später Friedrich VI.) um ein

Reisestipendium aus dem Fond ad usus publicos nachzusuchen. Froh setzte

ich mich nun mit meinen Wohlthätern an eine prächtige Tafel, jener

gleich, die ich auf Friedrichsberg so oft gesehen, aber an der ich nie

Theil genommen hatte.

* * * * *

[Sidenote: Friderike Brun.]

Ich machte in der Zeit auch die Bekanntschaft der Dichterin Frau

Etatsräthin =Brun= auf Frederiksdal. Mein guter Freund =Rothe= (später

Prediger bei der Trinitatiskirche) war der Hauslehrer des Sohnes. Auch

hier traf ich die sonderbarsten Contraste, doch nicht in einer Person

vereinigt. Wenn ein Komödiendichter den Gegensatz von übertrieben

poetischer und übertrieben prosaischer Tendenz schildern wollte, so

konnte man hierzu nie besser Veranlassung finden, als im Etatsrath

(späterem Geheimrath) Brun und seiner Frau. Der erste, Kaufmann mit

Leib und -- _sit venia verbo_ -- Seele; praktisch, thätig, auf Geld

versessen, wie ein Habicht auf die Beute; aber ohne jede höhere Idee;

der Poesie, als Kinderstreichen, und seiner eigenen Ehehälfte, als der

Repräsentantin der Poesie auf Sophienholm, spottend. Frau Brun war in

der Klopstock'-, Salis'-, Mathisson'-Bonstetten'schen Schule gebildet.

Die sentimentale Richtung, die ihr Wesen hierdurch genommen hatte,

sagte ihrem Manne nicht zu, der den Mond nur als Zeitmesser und als

eine gute große Laterne betrachtete, deren Licht kein Geld kostete.

Man erzählte aber doch als eine Merkwürdigkeit, daß Brun einmal als

Liebhaber, um ihr zu gefallen, ihr eine ganze Ode von Klopstock recitirt

habe, die er auswendig gelernt hatte. Wenn dies der Fall ist, zeugt

es von seinem guten Kopfe, der zu allen Geschäften geschickt war, aus

denen er Vortheil ziehen zu können glaubte, selbst zum Auswendiglernen

der Poesie. Aber in sich hinein hatte er sie nie gelernt. Die gute Frau

Brun -- (ich werde sie und ihren Mann später näher besprechen) hatte

viel Geist, ein leicht bewegliches Gefühl, und war dadurch gebildet,

daß sie auf ihren Reisen mit den tüchtigsten Köpfen des Zeitalters

umgegangen war. Unglücklicherweise war sie schwerhörig geworden und

dies in Verbindung mit der Bequemlichkeit und Unabhängigkeit, die der

Reichthum verschafft, hatte sie mehr zu einer theilnehmenden Zuschauerin

des Lebens, als zu einer eingreifend handelnden Person gemacht. Darin

stimmten aber doch Mann und Frau überein, daß sie Beide einen eleganten

Kreis an einem Orte um sich liebten, der durch Wohlstand und Geschmack

verschönert wurde. Denn Brun war nicht ohne Geschmack für das Behagliche

des Lebens; er hatte auch einen gewissen naiven plattdeutschen Humor,

der für ihn einnahm; und das stete Hacken und Schelten auf seine Frau,

wenn sie nicht zugegen war -- (und wenn sie zugegen war, konnte sie

es doch nicht hören) hatte etwas Amüsantes, gerade weil die komische

Uebertreibung zeigte, daß es nur halb gemeint war.

Auf diesem schönen Sophienholm brachte ich nun auch einige angenehme

Tage vor meiner Abreise zu.

[Sidenote: Abreise.]

Ich zeigte Schimmelmann mein Gesuch an den König um das Reisestipendium.

»Ein solches Gesuch =kann= ja nicht abgeschlagen werden!« sagte er

lächelnd. Ich betrachtete nun die Sache als abgemacht; aber um nicht

Zeit zu verlieren, und um -- gleich den kühnen Soldaten -- die Brücke

hinter mit abzubrechen, so wie ich über den Fluß gekommen war, reiste

ich gleich nach Halle, da Steffens mich dorthin eingeladen hatte, und

-- um Christianen und mir selbst den Schmerz des Abschiedes zu ersparen,

sagte ich ihr vorläufig, daß es nur eine kleine Lustreise auf einen

Monat sei.

Mein Vater gab mir hundert Reichsthaler in einem dicken Packet kleiner

Scheine, um die Kosten bestreiten zu können, bis das Stipendium

einträfe. Im Anfang furchtsam, da ich nie vorher eine so große Summe

besessen hatte, griff ich oft ängstlich in die Tasche, um zu sehen, ob

das Geld noch da sei. So bestieg ich im Anfang des Monats August 1805

das Packetboot, um nach Kiel zu reisen. Sobald ich nach Hamburg gekommen

war, schrieb ich meiner Christiane. Mit diesem Briefe beginnen wir den

zweiten Theil meiner Erinnerungen.

* * * * *

=Ende des ersten Bandes.=

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

* * * * *

Anmerkungen zur Transkription:

Der Schmutztitel wurde entfernt.

Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden übernommen,

und offensichtliche Druck- und Setzfehler wurden korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur und fremdsprachliche Passagen sind in

Antiqua gesetzt. Abkürzungen wie Dr. und römische Zahlen wie XV wurden

nicht in Antiqua dargestellt.

Gesperrter Text wurde mit (=Text=) und Text in Antiqua

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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 19 / 20 段