Baggesen noch keine Miene machte, seinem Beispiele zu folgen; »magst Du
nun zu Bett oder in's Wasser gehen, jedenfalls sei so gut und lösche das
Licht aus, wenn Du gehst!« Er wandte sich um und schlief ruhig ein. Am
nächsten Morgen lag Baggesen im süßen Schlummer ihm zur Seite.
[Sidenote: Polemik gegen Baggesen.]
Ich sagte, daß Baggesen's Gedicht an Göthe mich im hohen Grade empörte;
dies gab mir Veranlassung zu einigen Satyren gegen ihn, die ich jedoch
nur meinen Freunden vorlas. Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust,
ein großes Spottgedicht gegen Göthe, die erste Ursache zu seiner
Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Indignation darüber bezeugte,
auf diese Weise einen großen Mann zu verhöhnen. Um Göthe's Willen also
hatte ich diese vieljährigen Verfolgungen zu ertragen. Nie aber habe
ich es diesen wissen lassen; ich mußte es auch viele Jahre hindurch
ertragen, daß Göthe mich ignorirte und mich endlich in einigen Briefen
an Zelter (die ein Mann, der sich früher mein Freund genannt, und dem
ich keinen Strohhalm in den Weg gelegt hatte, Dr. Riemer, kleinlich
genug war, herauszugeben) _à la_ Baggesen behandelte. -- In Baggesen's
gröbster Periode gegen mich, rächte ich mich nicht dadurch, daß ich
diese Gedichte drucken ließ. Ich fürchtete, daß man glauben würde, ich
hätte sie geschrieben, um mich zu rächen, da sie doch nur aus Liebe zu
einem großen Dichter und aus Mißbilligung gegen Baggesen's Wesen, mir
persönlich aber durchaus fremd entstanden waren.
Nun, da er todt ist, da ich meine Lebensbeschreibung vervollständige,
in der mein Verhältniß zu Baggesen ein wichtiges Capitel ausmacht, das
die Leser der Nachwelt interessiren kann, und da man einen großen Theil
seiner schlimmsten Angriffe gegen mich in seinen Werken hat drucken
lassen, ist es nöthig, daß die Wirkung dieses Giftes durch ein Gegengift
neutralisirt werde.
Man wird übrigens sehen, daß diese Arbeiten, in den Jünglingsjahren
geschrieben, weit mehr übermüthig, als giftig sind. Nicht Baggesen's
Humor und Witz, seine augenblickliche Grazie, seine sinnreichen Einfälle
und seine brillante Phantasie sind darin angegriffen; sondern er wird
als =Geschmacksrichter= und als =sublimer= Dichter behandelt.
=An Baggesen.=
(Als er Göthe heruntergerissen hatte.)
In Corsöer auferzogen,
Kamst Du zur Stadt geflogen,
Du warst ein muntres Kind.
Wie Holberg Wessel färbte,
So dieser Dir vererbte
Die Farbe ganz geschwind.
Mit Kallundborg, Corsöer Du
Hast leer die Mus' gemacht;
Doch hast zu großer Ehr' Du
Es durch dies Werk gebracht.
Dann satt den fränk'schen Wust --
Schriebst »Holger« Du mit Lust, --
Nicht allzu dänisch just;
Ich hörte gar vermuthen
Daß »Erik« auch »dem Guten«
Ganz fehlt die dän'sche Brust.
Den Ersten parodirt man, --
Das war ein bitt'rer Trank,
Den Zweiten pardonnirt man,
Weil gut war der Gesang.
Zu Zeiten Thränen rinnen,
Wir Stellen lieb gewinnen,
Wo's viel des Wassers giebt. --
Ja, ich gesteh's mit Schmerze,
Dich, guter Mann, mein Herze
Hat einstens sehr geliebt.
Mußt' Deine Triller schlagen,
Ich summte Deinen Sang,
Doch vom Verstand zu sagen --
Der war kaum Ellen lang. --
Oft möchte man entweichen
Nach Sirius' fernen Reichen
Und zu den Sonnen weit;
Man liebt die Eminenzen,
Das sind Reminiscenzen
Noch aus der Kinderzeit.
Sah ich Dich aufwärts fliegen,
Da dacht' ich: Gott der Welt,
Wie hoch ist der gestiegen,
Ohn' daß er niederfällt?
Du schenkt'st mir Deine Leyer,
Als Zucker, Rum und Eier
Die Herzen uns erweicht.
Ich klimperte so schüchtern --
Doch bald ward mir's zu nüchtern,
Bald ward es mir zu seicht.
Der Herr zu meinem Glücke
Schenkt' mir Barmherzigkeit,
Er öffnet' mir die Blicke, --
Ich warf die Lyra weit.
Das konnt'st Du nicht vertragen,
Die Gab', hört' ich Dich sagen,
Hätt' schlecht ich angewandt.
Wie Götz von Berlichingen
Hätt' ich mit ihrem Klingen
Dir fast sie heimgesandt,
Gleich ihm gesagt: »Im Leben
Hast Du mich nicht gekannt;
Drum will zurück ich geben,
Die Du mir gabst, die Hand.«
Doch dacht' ich, alle Teufel,
Der Mann hat ohne Zweifel
Doch sicherlich Talent.
Er geht als Scheerenschleifer
Umher mit vielem Eifer
Und singt dann excellent.
Doch wie den Schmerz ich tödte,
Als ich die Wund' vergaß --
Sah ich Dein Lied an Göthe
Und staunte, da ich's las.
Was? =Er= singt »für den Pöbel«?
Solch wurmzerfress'nes Möbel
Wagt an den Helden sich?
Du, =Jens= für Weib und Dirne,
Tief in den Staub die Stirne
Vor Göthe, paßt für Dich,
Der gleich dem Fisch sich windet
Im salz'gen Thränenmeer!
Jens Baggesen verschwindet!
Jens lebt jetzt gar nicht mehr!
Da sah in einem Zimmer
So fern vom Tagesschimmer
Ich eine Frau allein.
Sie konnte nicht vertragen
Des Morgens schönes Tagen,
Und nicht den Sonnenschein.
Mit ihrem Blick, dem matten,
Und ohne Lebensspur
Saß sie im dunkeln Schatten
Und liebt das Dämmern nur.
Da schwand mein ganzes Grollen.
Gott möge helfen wollen!
So sehr beklagt ich dies.
Laßt ihn in Frankreich bleiben
Und deutsche Lieder schreiben
Auf Holstein'sch in Paris.
Denn schon als kleiner Schlingel
Hast Du vor Freud' gelacht,
Aß'st Du »Pariser Kringel«,
Die hier zu Haus gemacht!
* * * * *
=An Baggesen= (1804).
Als lust'ger Slaglosianischer Student
Warst Du excellent,
Und wirklich ein kom'scher Scribent.
Da fielst Du -- Gott helf' in der Noth --
In Vierländ'schen Koth.
Strecktest aus dem Mist empor die Glieder,
Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder;
Nanntest Voß, Virgil, Racine --
-- Gott schütz' ihn! --
Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen,
Klopstockst Du umher auf Stelzen;
Dünkst Dich 'nen Homer von Profession,
Statt, lieber Mann,
Was Du bist, was man Dir lassen kann,
Einen lust'gen Patron!
Schreib vom Jeppe doch immer!
Homer wirst Du nimmer.
Soll wieder blühen des Alterthums Kranz
In seinem vollen Glanz
Da bedarf's mehr, als der Plaisanterie,
Des Decorums und Kant'scher Philosophie.
* * * * *
[Sidenote: Satyre gegen Pavels.]
Ein älterer, etwas einseitiger Literatus, übrigens ein guter,
einsichtsvoller Mann, und früher und später mein Freund, =Pavels= (als
Bischof von Bergen gestorben) schrieb eine harte, und nach der Ansicht
der meisten Sachverständigen, schiefe Kritik über meine Gedichte.
Ich rächte mich wider meine Gewohnheit durch eine Satyre, die ich
hier mittheile, insofern sie das Verhältniß schildert, wie ich als
kämpfender, aufbrausender Jüngling zu den anders denkenden Dichtern und
Literatoren jener Zeit stand.
Daß in den Liedern Du die Spur
Nicht fand'st von Mythen der Natur,
Das kann ich allenfalls begreifen.
Auch will ich die Erklärung sparen,
Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren,
Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen.
Daß Shakespeare, voll Verstand, doch »keinen
Geschmack gezeigt«, -- das will ich meinen;
Nie schrieb er solche Recension!
Nicht =der= Geschmack würd' ihm behagen,
Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen,
Der ungehobelte Patron.
Du Göthe prüf'st mit krit'schem Stahl,
Und nennst ihn tadelnd sent'mental.
Er braucht den Rath! Ich bill'ge das!
Das fällt, mir scheint's, mit dem zusammen,
Als spräch' das Wasser zu den Flammen:
»Mein Herr! Sie sind doch gar zu naß!«
Du sagst, daß ich Homer verachte,
Wenn Das, was ich in Verse brachte,
Ihn nicht copirte affectirt.
Du willst nicht, daß ein Band sich bilde
Um Nordens Kraft und Südens Milde, --
Das hat mich wenig nur gerührt.
Dem wahren Dichter ward's gegeben
Zu sehn Natur, zu schaun das Leben
In Glanz und aller Herrlichkeit;
Gott, dessen Blick das All durchdringet,
Sein Wort im Ton der Harfe klinget
Mit mächt'gem Strom durch alle Zeit.
Ein Leben, wie's dem Geist entstammet
Sollst Du erschaffen, daß es flammet
In einem ew'gen, reinen Glanz.
Das ist das Ziel, das ich erkenne,
Das ist es, was ich Dichten nenne,
Durch das erwirbt man Daphne's Kranz.
Zur Waffe für die schwache Lyra
Ruht Persiflage und Satira
Tief in des kecken Dichters Brust.
Stets Hindernisse ihn umringen,
Er muß die scharfe Geißel schwingen;
Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust?
Du siehst im Sturm die Rose stehen,
Und feuchte Nebel sie umwehen,
Drum lenkt man ab des Wassers Gang;
Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet,
Und zarten Blüthen Tod bereitet,
Dann tönt der scharfen Sichel Klang.
Ein zufälliger Umstand machte vielleicht das Verhältniß zwischen Pavels
und mir unangenehmer für ihn, als ich es wünschte. Aber ich konnte
Nichts dafür. Wir wohnten nämlich während dieses Sommers in demselben
Hause in der Friedrichsberger Allee. Ich begegnete ihm oft, grüßte ihn
stets, er grüßte wieder; aber solch' formelle Höflichkeiten schaden
mehr, als sie nützen, wo das Wesentliche fehlt.
Die Hiebe, die ich Pavels in diesem Gedichte gegeben hatte, fanden in
meiner Jugend keine hinreichende Entschuldigung bei Denen, welche sie
trafen. Es machte das Uebel nur größer, und bald fühlte ich, daß ich
nicht länger in gesellschaftlicher Beziehung zu den Anhängern der alten
Schule stehen könne. In der dramatischen Gesellschaft bekam ich gar
keine Rollen mehr und meldete mich nach einigen Unannehmlichkeiten als
ausgetreten.
Rahbek, der gern bei solchen Gelegenheiten _juste milieu_ halten wollte,
und deßhalb zuweilen -- (nach einer Redensart des Marqueurs in Dreyer's
Klub) »weder parteiisch noch unparteiisch« war, sagte recht treffend,
als man ihn nach seiner Meinung über das Gedicht fragte: »Es kommt mir
vor, als ob Oehlenschläger versucht hätte, witzig und malitiös zu sein,
und Keins von Beiden ist ihm geglückt.«
* * * * *
[Sidenote: Unangenehmer Vorfall.]
In Dreyer's Klub saßen eines Tages bei einem Festmahle Hans Christian
Oersted und ich zusammen. Es wurden mehrere neue Lieder gesungen:
unter anderen eins von einem guten Prediger aber keinem Dichter. Als
das Lied gesungen war, sah mir mein _vis à vis_ starr in die Augen
und sagte: »Das war eine schöne Melodie!« -- »»Ja,«« entgegnete ich,
»»sehr hübsch.«« -- »Es war auch ein sehr schönes Lied!« -- »»O ja!««
antwortete ich höflich. »Ja« rief er heftig, »es ist freilich keins
von diesen neumodischen Gedichten, die jetzt gemacht werden und mir
vollständiger Mist zu sein scheinen; aber was verstehe ich davon?« --
Kalt antwortete ich: »»Es kann kein Mensch verlangen, daß Sie etwas von
Poesie verstehen sollen: Alles, was man fordern kann, ist, daß ein alter
Mann sich nicht wie ein Knabe beträgt!«« -- Der heftige Mann sprang
nun vom Tische auf und rief laut: »Hiermit lasse ich die Gesellschaft
wissen, daß Herr Oehlenschläger mich einen Knaben gescholten hat!«
Es entstand nun ein großer Lärm und Viele glaubten gleich ungehört, daß
ich Unrecht hätte. Um nicht das Vergnügen der Gesellschaft zu stören,
und da ich nicht einsah, wie dieser Streit auf eine würdige Weise
ausgeglichen werden könne, da ich außerdem auch fürchten mußte, daß
ähnliche Scenen wieder Statt finden könnten, erzählte ich kurz und gut
den Umherstehenden den Zusammenhang, verbeugte mich und sagte: »Ich
melde mich als aus der Gesellschaft ausgetreten!« -- »Und ich auch!«
rief mein treuer Hans Christian Oersted, der Alles mit angehört hatte
und sehr entrüstet darüber war. Wir gingen nun Beide fort. Hierdurch
gewann meine Sache in der öffentlichen Meinung und mein Austritt glich
mehr einem Siege als einer Flucht.
Ich habe diese Scene nach dem Verlaufe von 46 Jahren, durchaus nicht
aus Groll gegen einen Mann erzählt, der mir weder früher noch später
jemals feindlich entgegengetreten ist, eben so wenig, wie ich ihm; ich
weiß, wie leicht ein unüberlegtes Wort dem Munde entschlüpfen kann! Ich
erzähle es nur, weil die Ursache zu einer solchen, öffentlich bekannt
gewordenen Begebenheit mit zu meinem Leben gehört, und weil dieser Zug
zur Characteristik der damaligen Zeit beiträgt.
* * * * *
[Sidenote: Zusammenleben mit Rahbek.]
Von dieser Zeit an lebte ich eingezogener in meinem häuslichen Kreise,
besonders bei Rahbeks und Oersteds. Frau Rahbek war stets liebenswürdig
und interessant und doch durchaus verschieden von meiner Schwester
Sophie. Steffens kam oft und gern in beide Häuser. Unser Verhältniß zu
Rahbek war eigenthümlich. Er war unser Beider erster Geschmacksbildner
gewesen, und noch jetzt stand er als Haupt- und Wortführer an der Spitze
der Schule, die wir bekämpften. Und doch blieben wir recht gute Freunde;
denn Rahbek ließ auch uns etwas gelten und sprach in seinem Blatte oft
vermittelnd gegen allzu große Einseitigkeit; freilich lobte er viel,
was uns nicht gefiel, und wir äußerten Manches, das ganz gegen seinen
Glauben stritt; aber er war im Ganzen eben so tolerant, wie eigensinnig.
Disputiren mochte er nicht; er wußte sich stets mit Beispielen und
witzigen Einfällen aus der Sache zu ziehen. Wenn wir unsere Ansichten
aussprachen, schwieg er, und blickte durch das Fenster, wo er eine
schöne Aussicht über den See nach Amager hin hatte; wurden wir allzu
begeistert, so ging er in sein Studirzimmer, wo seine Kanarienvögel
frei über den Büchern umherflatterten. Er hatte eine große Vorliebe für
alle seine Hausthiere. Ein Taubenschlag war vollgepfropft mit Tauben,
weil er es nicht duldete, daß eine von ihnen geschlachtet wurde. Eine
alte Gans ging in späteren Zeiten auf dem Hofe umher, die fast dumm
vor Alter geworden war, und Leute in die Beine beißen wollte. Ja, diese
Liebe, das Alte unverändert zu bewahren, erstreckte sich sogar bis auf
den Garten und die Pflanzen. Einige Stachelbeerbüsche wollte er durchaus
nicht beschneiden lassen; die Folge davon war, daß sie ihm über den Kopf
wuchsen, endlich keine Früchte, ja sogar keine Blätter mehr trugen und
zuletzt nur Dornen übrig behielten, mit denen sie ihn rissen, wenn er in
ihren Labyrinthen umherschwärmte. In das Südfeld, einige Schritte von
seinem Hause, setzte er nie seinen Fuß. Wenn er nun in seinem Zimmer
bis zur Eßzeit gearbeitet und seinen Schnaps »Brenndarium,« wie er es
nannte -- getrunken, und etwas in die falsche Kehle bekommen und er
darauf gehustet hatte, -- so wurde er aufgeräumt, und das Gespräch nahm
dann gewöhnlich statt einer philosophischen und lyrischen eine epische
Wendung. Er erzählte uns dann gern Anecdoten und Characterzüge aus einer
ältern Zeit; und bei dieser Gelegenheit bewunderten wir ebenso sehr sein
Gedächtniß für Tauf- und Zunamen, für Straßen, Gassen, Jahreszahlen und
Monate, wie den Witz und Humor mit dem er erzählte. Besonders amüsirte
es mich, Etwas von ihm über Ewald und Wessel zu hören. Wie Jener, wenn
er Abends mit einem Rausch nach Hause ging, mit seinem gezogenen Degen
auf das Pflaster schlug, so daß die Funken ihm um die Ohren sprühten
und rief: »Nun grassirt der Poet Eward,« denn den Buchstaben L konnte
er nicht im nüchternen Zustande, geschweige denn, wenn er betrunken
war, aussprechen. -- Wie Rahbek einmal als junger Mann ihm bescheidne
Complimente gemacht, und wie Ewald ihn aufgemuntert und gesagt hatte:
»Lobe mich nur Gevatter, ich mag das gern hören;« wie Ewald endlich, als
er krank und bettlägerig war, und der Doctor ihm Punsch verboten und
Thee verordnet hatte, Punsch aus einer Theekanne in die Tasse goß, um
den Doctor und sich selbst zu betrügen.
[Sidenote: Anecdoten von Wessel.]
Von Wessel hörten wir: wie er an einem warmen Sommernachmittag
verstimmt und niedergeschlagen an einem Seiler vorbei ging, der
fürchterlich von der Hitze litt, weil er zwei Hemden anhatte. Der Seiler
behauptete eifrig, daß Nichts in der Welt den Menschen so in Hitze
bringen könnte, wie zwei Hemden. »Was meint er denn von dreien?« fragte
Wessel. -- Ein Freund besuchte ihn und fand zwei Bücher auf der Commode
seiner Frau. »Potztausend, Wessel,« fragte der Freund lustig, »sind das
alles Deine Bücher?« »»Nein,«« antwortete Wessel, »»nein, die meisten
davon sind geliehen.«« Ein vermögender Mann lud ihn ein, Punsch bei
ihm zu trinken; er habe einen vortrefflichen Rum bekommen. -- »Lieber
Freund,« sagte Wessel, »schicke mir lieber ein paar Flaschen Rum nach
Hause, ich trinke ihn am liebsten =trocken=.« -- Er wohnte eines Sommers
auf der Westerbrücke in der sogenannten Galgenmühle. »Besuche mich
einmal, Du!« sagte er zum Schauspieler Saabye, »ich wohne dort in der
schönen Natur.« Saabye kam, fand ihn aber nicht zu Hause; er war auf das
Feld hinausgegangen. Dort stand das Hochgericht, das seit langer Zeit
nicht benutzt war; und unter dem früher erwähnten, gemauerten Galgen,
dem einzigen schattigen Ort auf dem Felde, lag Wessel und las in einem
Buche, mitten in der schönen Natur!
»Nein Wessel!« sagte 'mal ein Freund zu ihm, »Du mußt doch versuchen,
Dein Glück zu machen; Du mußt Minister Guldberg besuchen. Er ist selbst
ein gelehrter Mann, ein tüchtiger Kopf und wird gewiß Etwas für Dich
thun.«
»»Das geht unmöglich,«« antwortete Wessel. -- »Weßhalb?« -- »»Ich habe
keine Perücke.«« -- »Die will ich Dir geben!« -- »»Ich habe auch keine
Hosen.«« -- »Ich will Dir ein Paar hübsche schwarzseidene Beinkleider
leihen!« Er ging zu Guldberg. Der Minister fragte: »Wer sind Sie?« --
»»Ich heiße Wessel.«« Guldberg weiß noch nicht recht Bescheid. Wessel
glaubt, die Perücke mache ihn unkenntlich, er nimmt sie ab, und steckt
sie in die Tasche. Nun erkennt Guldberg ihn und fragt, womit er ihm
dienen könne? -- »»Ew. Excellenz, es müßte ein Amt sein, wo Viel zu
verdienen und Wenig zu thun ist; denn dazu fühle ich mich besonders
disponirt.«« -- Guldberg weiß noch nicht recht, wie er dies verstehen
solle, dreht verlegen seine Dose in der Hand und wiederholt die Frage,
womit er ihm dienen könne? »»Nun,«« sagt Wessel, »»dann geben Sie mir eine
Prise Taback, Gevatter!«« Die bekam er, verbeugte sich und ging seiner
Wege.
Vermuthlich wollte Wessel kein Amt haben. Er meinte, daß er, als
ein ausgezeichneter Dichter, der dem Vaterlande Freude und Ehre
bereite, eine kleine Pension verdiene. Aber so weit war man damals
noch nicht gekommen, daß man glaubte, ein guter Dichter verdiene den
Lebensunterhalt als Dichter. Kann man es ihnen dann verdenken, wenn sie
ihre Zuflucht zu Bacchus nahmen, um in seinen Nebelwolken eine Welt zu
vergessen, die sie verschmähte?
Doch muß man auch der Wahrheit gemäß gestehen, daß Ewald und Wessel zu
wenig für sich selbst arbeiteten, und sich in einem gewissen Müßiggange,
und einem unordentlichen Leben gefielen, das sie zuletzt zum Abgrunde
führte. Ein eigenthümlicher Gegensatz zu diesen zwei Genies, sowohl
in des Wortes guter, wie schlechter Bedeutung, war Holberg; dieser
hatte sehr fleißig, sehr ordentlich, sehr mäßig und fast geizig als
Junggeselle gelebt; so daß er sich endlich für das durch seine Schriften
erworbene Vermögen eine Baronie kaufen konnte, die er dann wieder dem
Vaterlande schenkte. Auch Tullin war ein Gegensatz zu ihnen.
Aehnliche Anecdoten konnte Rahbek bis in die Unendlichkeit hinein
erzählen. Auch hörten wir ihn gern uns von seiner Reise nach Deutschland
berichten; wie er nur von Theater zu Theater zog, nur mit Schauspielern
und Theaterdichtern umging und sich in der Diligence in einen dunkeln
Winkel setzte, um auf den Landstraßen durch Naturschönheiten und
Aussichten nicht in seinen Kunsterinnerungen gestört zu werden. Musik,
Malerei und Bildhauerkunst hatten für ihn nur wenig Anziehungskraft,
aber desto mehr gab er sich mit der scenischen Darstellung der
Charaktere ab. In der alten und neuen Literatur war er sehr gut
bewandert; in literarischer Bildung stand er mit Ausnahme von Baggesen,
über allen Dichtern seiner Zeit; und trotz seiner Eigenheiten war er
doch der billigstdenkende von ihnen Allen.
[Sidenote: Camma Rahbek.]
Seine Frau, wenngleich viel jünger als er, liebte ihn innig; und trotz
aller ihrer Talente hatte sie sich doch daran gewöhnt, blind an seinen
Geschmack zu glauben. Dies fanden wir nun recht hübsch, doch suchten
wir sie zuweilen in ihrem Glauben wankend zu machen. Glücklicher Weise
hatte sie einen Character, der sich recht für ihre Stellung eignete.
Sie sprach selten von Poesie. Sie hatte ein edles Herz, eine rasche
Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtniß, einen außerordentlichen Witz,
die größte Leichtigkeit mechanische Schwierigkeiten zu überwinden; aber
Phantasie und Tiefe, um lange bei =einer= Vorstellung zu verweilen,
fehlten ihr. Witz und Humor herrschten stets mit erstaunlicher
Lebendigkeit in ihrem Geiste vor. Wenn sie ernst war, war sie gewöhnlich
niedergeschlagen. Bücher las sie meist der Sprachen wegen. Sie verstand
gut deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch, und in
späteren Jahren sogar Latein und etwas Griechisch; aber man hörte sie
selten eine fremde Sprache reden. Geschmack für das Schöne zeigte sie
hauptsächlich in der Malerei (sie zeichnete selbst hübsch) und in der
Gartenkunst. Sie war eine vortreffliche Gärtnerin, und saß -- obgleich
kränklich -- auf Bakkehuset wie eine Flora oder Pomona; herrliche
Blumenbeete lächelten bunt in dem feinsten, frischesten Gras; schwere
herabhängende Trauben rankten sich um ihre Fenster, und im Zimmer
blühten Witz und Humor noch schöner von ihren Lippen. -- Sie hörte also
auf Steffens und mich mit schelmischer Aufmerksamkeit; Manchem gab sie
ihre Beistimmung, Manches ließ sie dahingestellt, und nie griff sie
unsere Truppen mit der Infanterie der Gründe oder der Gegenbeweise an.
Aber wenn wir uns zuweilen selbst widersprachen, oder wenn sich eine
Lücke, ein Wirrwarr im Gedankengang zeigte, dann konnte kein Mürat
mit seiner Cavalerie rascher und tapferer einhauen als sie mit ihren
beflügelten Witzen uns in die Flanken fiel, und ein entsetzliches
Blutbad unter allen unseren Behauptungen anrichtete, wobei wir ihr
selbst mit lautem Lachen halfen, wenn einmal das Terrain geräumt
war. Zuweilen amüsirte es sie doch, Steffens und mich ein wenig zur
Vergeltung zu necken, wenn wir Etwas gesagt hatten, das Rahbek nicht
mochte. Einmal disputirte sie mit mir über Göthe's kleines hübsches
Gedicht: »Ein Veilchen auf der Wiese stand.« Sie behauptete, daß es
überspannt phantastisch sei. In demselben Augenblick kam Rahbek: »Nicht
wahr, Rahbek, Du bist derselben Meinung?« Rahbek rieb sich die Hände,
schwieg und blickte zum Fenster hinaus nach Amager hinüber. -- Später,
als ich ein Mal in seinen Gedichten blätterte, fand ich, daß er dies
selbst übersetzt hatte.
* * * * *
[Sidenote: Meine Schwester Sophie.]
Meine Schwester Sophie war nun ganz anders, doch glich sie Camma in
vielen Dingen; sie war eben so witzig, geistvoll und lebendig; aber sie
hatte nicht die Lust zu den Sprachen und die mechanische Fertigkeit,
wie Camma. Diese hatte außerordentlich viel gelernt, Sophie sehr wenig;
aber mit ungewöhnlicher Schnelligkeit verstand sie doch bald, sich das
Nothwendigste zu erwerben. Sie fing an, Götz von Berlichingen deutsch zu
lesen, als sie kaum noch das zweite Wort verstand; als sie aber damit
fertig war, verstand sie das Meiste ganz gut. Sie war sehr poetisch;
sie war vertraut mit der stillen Freude der Wehmuth und ihre leicht
geweckten Gefühle exaltirten sie zuweilen zu sehr. Nie lernte sie eine
andere fremde Sprache, als deutsch, und auch diese konnte sie nicht
grammatikalisch. Aber da sie täglich mit Deutschen umging, so sprach
sie vortrefflich, das heißt, im Geist der Sprache mit allen Idiotismen
und Wendungen; obgleich wir sämmtlichen Dänen nicht vermeiden konnten,
zuweilen kleine Fehler zu machen. Sie kleidete sich mit Geschmack,
nähte selbst Alles, was sie brauchte, putzte sich gern (sie war von
hübscher Figur) und ging gern spazieren. Frau Rahbek saß entweder zu
Hause oder machte in späteren Jahren Reisen auf dem Dampfschiffe nach
Hamburg. Fremde Gesellschaft liebte weder sie noch Sophie; dagegen
kamen täglich einige gute Freunde zu ihnen. Meine Schwester war sehr
häuslich, hielt nur ein Mädchen und fegte selbst ihre Stuben aus,
was man, ihren weißen Händen nach zu urtheilen, nicht geglaubt haben
würde. Sie hatte in ihrer Kindheit viel an Blattern gelitten, doch
waren die Narben ziemlich verwachsen; sie hatte rothe Wangen und große,
freundliche, lebendige Augen. Camma Rahbek war mager; ihre schönen,
großen, blauen Augen sahen, wenn sie ernst war, etwas melancholisch aus;
aber kaum bekam sie einen lustigen Einfall, so funkelten sie mit seltner
Lebhaftigkeit.
* * * * *
[Sidenote: Literarische Wirksamkeit.]