Tochter Sara, einem schönen Mädchen von zwölf Jahren, voll nordischen
Gefühls, Ernstes und Characters. Der Tod raubte dieses holde Kind
wenige Jahre darauf in seiner blühendsten Jugend. Ihre Mutter hatte das
schöne Talent, Wohlwollen zu verbreiten, und die Herzen, wo sie hinkam,
einer muntern Geselligkeit zu eröffnen. Sie dachte von allen Menschen
gut, sie idealisirte sich in ihrer idyllischen Unschuld; und so zwang
sie Viele wenigstens auf kurze Zeit besser zu sein, als sie wirklich
waren; denn die Menschen sind oft so, wie man sie nimmt. Das wirklich
Gute entging niemals ihrer Aufmerksamkeit! Eine solche Frau ist ein
Schatz in der Gesellschaft! Die schöne Eintracht, das freundschaftliche
Verhältniß, das sie zwischen Männern stiftet, hat wohlthuende Folgen,
selbst lange nachdem sie wieder heimgegangen ist. Du folgtest Deiner
Sara! Deine kleinen Gedichte werden nicht viel gelesen, aber Du hast
ein Band um viele Edle geschlungen, und so lange sie leben, werden sie
Deiner liebevoll gedenken!
* * * * *
Es ergriff mich auch, als ich erfuhr, daß mein lieber Lehrer Dickmann
sie in frühern Jahren geliebt habe; aber sie war bereits verlobt und
folgte treu und ergeben ihrem Koren nach Norwegen. In meinem Zimmer und
in meiner Gegenwart sahen sie sich nach vielen Jahren der Trennung zum
ersten Male wieder und es war dies auch das letzte Mal.
* * * * *
[Sidenote: Nächtliches Abenteuer.]
Ehe mein Freund =Bull= mit mir zusammen wohnte, hatte ich eine Zeitlang
einen andern guten Freund bei mir, den ich nicht vergessen darf. Mit
ihm übte ich mich viel im Lateinischen. Wir hatten einander sehr lieb,
disputirten aber zuweilen; dann lief er fort und kam wieder, wenn die
Hitze vorbei war. Eines Sommerabends bei schönem Mondenschein zankten
wir uns, ehe wir zu Bett gingen. Er lief wie gewöhnlich fort. Ich
dachte: »Wo will er hin? es ist jetzt zu spät, um wo anders unter Dach
zu kommen; er kommt gewiß wieder.« Ich legte mich zu Bett, verschloß
die Thür nicht und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen, als ich
erwachte, und ihn an meiner Seite zu finden hoffte, war Niemand da.
Ich stand auf, setzte mich betrübt an den Theetisch und gerade, wie
ich einschenken wollte, trat er vergnügt und munter ins Zimmer. »Guten
Morgen, Oehlenschläger!« -- »»Guten Morgen, lieber Freund! wo warst Du
denn heute Nacht?«« -- »Ich war auf Friedrichsberg und habe in einem
Gartenhause im Südfelde geschlafen. Es war dort ganz charmant. Aber ich
hatte einen curiosen Schlafcameraden; ein Stachelschwein schlief in
einem Winkel desselben Gartenhauses.« Ich glaubte erst, es sei Satyre,
weil ich zuweilen auf ihn stichelte; aber es war vollkommener Ernst. Ich
hatte sonst nie von Stachelschweinen im Südfelde sprechen gehört. --
Dieser Freund war ein vortrefflicher Mensch, zuweilen aber hatte er ganz
sonderbare Einfälle. Wenn er sich erkältet hatte, pflegte er Kampher
in Bier zu thun, dies zu wärmen bis der Kampher zerlaufen war und es
so zu trinken. Aber da er fürchtete, daß der Kampher beim Schmelzen
verdunste und er dann nur das warme Bier trinken würde, wollte er es ein
Mal besser machen und bröckelte den Kampher wie Brot ins Bier und trank
dies dann mit den Stücken. Die Folge hiervon war, daß er in der Nacht
ganz verstört im Kopfe erwachte. -- Damals schlief er nicht mehr bei
mir. -- Sein Zimmergenosse glaubte, er habe den Verstand verloren. Man
fuhr ihn in diesem Zustande zum seligen Professor Bang nach dem Hospital
hinaus. Auf Königs-Neumarkt glaubte der Freund drei nackte Nymphen in
der Neujahrsnacht im Schnee tanzen zu sehen, obgleich es im hohen Sommer
war. Als er zum Professor kam, der aus dem Bett geholt wurde, sagte
er: »Ach Herr Professor! es begegnet Ihnen heute Nacht ein Zufall mit
einem Menschen, dessen Gleichen Sie in ihrem Leben nie gekannt haben.«
-- »Ach, lieber gar,« antwortete der alte Bang verdrießlich, weil er in
seiner Nachtruhe gestört war; »'s ist ja eine reine Bagatelle, fahren
Sie nur nach Hause und schlafen Sie den Rausch aus; morgen ist's
vorbei. Und trinken Sie künftig nicht Bier mit Kampher.« Der Doctor
hatte Recht; am nächsten Mittag aß der Patient mit uns und hatte einen
so guten Appetit, als wenn gar Nichts passirt wäre.
* * * * *
[Sidenote: Erste Bekanntschaft mit Steffens.]
Ein früherer Kaufmann Richter hatte ungefähr zu derselben Zeit eine
Restauration auf Königs-Neumarkt etablirt, wo man sehr gutes Beefsteak
aß und sehr guten Rothwein trank. Dort saß ich eines Mittags, als mir
Jemand leise auf die Schulter klopfte. Ich wandte mich um und sah O.
H. Mynster hinter meinem Stuhle mit einem jungen schlanken Manne, der
ein schönes Gesicht voller Leben und Geist hatte. »Darf ich Dich,«
sagte Mynster zu dem Fremden, »mit einem jungen Manne bekannt machen,
der schon mehrere Gedichte herausgegeben hat?« »»Ich habe bereits
einige davon gelesen,«« sagte der Fremde höflich. »Du sprichst mit Dr.
Steffens,« sagte Mynster. Ich sagte dem Herrn Doctor wieder einige
höfliche Worte und er ging mit Mynster fort.
Später erzählte Sander mir, daß Steffens ein eifriger Anhänger, ein
wichtiges Mitglied der sogenannten neuen Schule sei und man sich sehr
vor ihm in Acht nehmen müsse. Dies nahm ich mir _ad notam_.
Mehrere Abende darauf traf ich ihn in Dreyer's Klub. Er sprach viel,
äußerte mit Beredtsamkeit und Kühnheit viel neue Ansichten, wodurch
uns die Haare zu Berge stiegen; und wir staunten ebenso sehr, wie der
Küster und der Voigt in Erasmus Montanus, wenn dieser beweisen will, daß
die Erde rund und der Küster ein Hahn sei. Ich spielte gewissermaßen
des Küsters und des Voigts Rollen und »fand in meinem Gewissen,« daß
Steffens Unrecht habe; aber ich war ihm in der Disputation nicht
gewachsen und meine philosophischen Kenntnisse waren zu schwach, als
daß ich mich mit diesem muthigen Kämpen auf das Glatteis hätte wagen
sollen. Doch that ich, was ich konnte und war der Einzige von allen
Anwesenden, der ihm zu widersprechen wagte. Er behauptete unter Anderm,
daß Lessing kein wirklicher Dichter sei, und ich, der Lessing liebte,
suchte das Gegentheil auf alle nur mögliche Art zu beweisen. -- Als
Steffens gegangen war, lobten meine Glaubensverwandten mich und sagten,
daß ich die gute Sache gut vertheidigt habe. -- Ich sagte: »Hört Kinder,
Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich immer mit diesem Manne streiten
will. Ich fühle es, Steffens und ich wir werden die besten Freunde
werden. Mag er auch in Einigem Unrecht haben, aber welche Beredtsamkeit,
welche Begeisterung, welches Feuer! welchen Verstand und Witz hat er!«
-- Damit waren die Anderen nur wenig zufrieden, ich aber suchte ihn bald
auf.
Da er sich wie ein neuer Ansgarius vorgenommen hatte, unsere
Schöngeister und Philosophen im Norden vom Irrglauben abzuwenden, so war
es ihm wohl auch recht lieb, einen jungen kecken Heiden zu treffen, der
ihm für seinen Plan helfen konnte, wenn er selbst erst getauft war. Ich
besuchte Steffens. Er wohnte in einem wunderlich alten Saal mit seltsam
gemaltem Getäfel; Jakob Böhme's Aurora lag aufgeschlagen auf dem Tische.
Er fing mit mir um elf Uhr Vormittags an zu sprechen, und so fuhren wir
bis drei Uhr in der Nacht fort, also volle sechszehn Stunden. Indessen
aßen wir Beefsteak, tranken Wein bei Richter, gingen nach Friedrichsberg
und im Südfelde umher, von dort nach Kopenhagen, wo ich bei Steffens
schlief aber im Traum aus dem Bette sprang und lärmte, nachdem ich etwas
geschlummert hatte. Den Morgen darauf nach dem Frühstücke ging ich nach
Hause, setzte mich gleich hin und schrieb das lyrische Gedicht »=die
Goldhörner=,« um Steffens zu beweisen, daß ich ein Dichter sei, worin
er nach den »einigen Gedichten, die er bereits gelesen,« noch Zweifel
zu setzen schien. Er gestand, daß er nach dem Gedichte was er gesehen,
zu schließen, mich sich als einen alten ausgelebten Mann mit Zopf und
Perücke gedacht habe. Dies war nämlich das satyrische Gedicht an Apoll,
nach alter Form zugeschnitzt, aber doch nicht ohne Salz; ich habe es
deßhalb trotzdem später in meine Sammlungen aufgenommen.
Aus der Kunstkammer waren kurz vorher die zwei uralten Trinkhörner
gestohlen und von dem Diebe eingeschmolzen worden, so daß sie auf ewig
für die Nachwelt verloren gingen. Dieses Ereigniß faßte ich allegorisch
auf und erzählte daß die Hörner zum Lohn für treues Alterthumsforschen
gefunden, aber wieder von den Göttern fortgenommen seien, weil man
keinen Sinn für ihren wahren Werth gehabt und sie nur neugierig wie
andere Curiositäten begafft hätte.
»Ei mein Bester,« sagte Steffens, als ich ihm das Gedicht vorgelesen
hatte, »Sie sind ja wirklich ein Dichter.« Ich antwortete ihm, daß ich
es fast selbst vermuthete. Nun nahm er sich meiner sehr eifrig an, und
wir waren von dem Tage an unzertrennlich.
Ich habe Niemand mehr geliebt als Steffens, und er verdiente es, denn
er war in hohem Grade liebenswürdig, phantasiereich, verständig und
gefühlvoll. Er äußerte keine Ansicht, in der ich nicht in reiferen
Jahren etwas Wahres und Schönes gefunden hätte; und waren seine
Aeußerungen auch zuweilen übertrieben, so muß man dies theils der Natur
der Opposition zuschreiben, welche leicht verleitet wird zu weit zu
gehen, theils seiner feurigen Jugend.
Das Erste, wodurch er mein Herz gewann, war seine Ehrerbietung und Liebe
für die Poesie; dies äußerte er nicht nur begeistert, sondern deutete
und bewies auch mit philosophischer Klarheit den Werth der Poesie.
Ich hatte dies stets gefühlt, aber es war mir noch nie geglückt, die
geahnten Wahrheiten in deutliche Begriffe zu fassen. Stets hatte ich
mich tief in meinem Herzen gekränkt gefühlt, wenn ich die Poesie von
Leuten von Bildung zu einer hübschen Nebensache herabwürdigen hörte,
mit der ein Talent sich in seinen Freistunden beschäftigen könne, wenn
es erst die besten Kräfte dem Nützlichen geopfert habe. Die Poesie war
unnütz, das Nützliche war das Beste; also kam der Kunst ihrer Natur
nach ein untergeordneter Rang zu. Die Phantasie, ja selbst das Genie
rechnete man zu den niedrigeren Seelenkräften! Zuweilen ließ ich mich
von diesen Sophismen blenden, und dann konnte ich in der Einsamkeit
darüber weinen, daß die Natur mich zu etwas durchaus Untergeordnetem
bestimmt habe. Oft dachte ich: »Es ist doch seltsam! Um die Kunst
auszuüben, die doch nur ein Spielwerk im Leben ist, bedarf es seltener
Naturgaben; um ein nützlicher Bürger im Staate zu werden, bedarf es nur
des Fleißes und des gesunden Menschenverstandes. Und doch ist dieser
edler und ehrwürdiger. Wunderbar! Ganz gegen den gewöhnlichen Gang der
Dinge. Doch es muß wohl auch so in der Natur sein; der Apfel ist gewiß
edler als die Rose, weil man den Apfel essen und die Rose nur riechen
kann; und Kartoffeln und Erbsen sind gewiß wieder edler als die Früchte,
weil man sich an jenen, nicht aber an diesen satt essen kann.«
Steffens lehrte mich bald das Schiefe dieses Schlusses einsehen, das
daher kommt, daß man das Nützliche als das höchste Ziel des Menschen
betrachtet und das Nothwendige mit dem Höchsten vermischt. Bald sah
ich ein, daß das Nützliche nur eine Bedingung für unsere irdische
Natur sei, damit wir als Menschenthiere gesund und bequem leben und
gedeihen könnten; aber unser überirdisches Ziel als Menschengeister ist
Kenntniß, Genuß und Ausübung des Wahren und Schönen, zu welcher Kenntniß
und Ausübung in der höhern Bedeutung wir nur durch Wissenschaft und
Kunst gelangen können. Auch hier sah ich bald ein, daß die Ausübung
des Schönen nicht der subjectiven Anschauung untergeordnet ist; da
gerade das Wahre und Gute darin besteht, daß man das Schöne in allen
Verhältnissen der Natur erkennt und ausübt.
Aus diesem Irrglauben des Nützlichen konnte man nun leicht alle
Mißgriffe und schiefen Ansichten der Zeit herleiten, z. B. die
übertriebene Achtung vor der sogenannten Aufklärung, welche nicht in
einer wahren Aufklärung, sondern in einer egoistischen Vergötterung
der Zeitansichten bestand; wozu gehörte, Alles zu verachten, was Bezug
auf Phantasie und höhere Idee hatte und dem Triviellen und Alltäglichen
einen phantastischen Werth beizulegen.
[Sidenote: Die neue Schule.]
Diese Irrthümer hat die neuere Schule gut bekämpft, doch wenn es
zur Selbstthätigkeit kam, so verfiel sie oft in entgegengesetzte
Uebertreibungen.
Sie hatte vollkommen Recht darin, daß man früher das Poetische und
Schöne des Mittelalters weder richtig gekannt noch geschätzt hat. Sehr
viel Lob verdienen die Sprachforscher und Dichter der neuern Schule,
welche alte Bücher und Bilder aus dem Klosterstaube hervorholten und
von ihnen genährt und begeistert, selbst Werke schufen, in denen das
Schöne des Mittelalters neugeboren und idealisirt erschien; aber man
hatte Unrecht, wenn man Alles im Mittelalter schön fand, blind für alle
die Tollheiten und Grausamkeiten der dunkeln Jahrhunderte war und uns
einbilden wollte: daß die Zeit seitdem zurückgegangen sei und daß wir
nichts Besseres thun könnten als künstlich wieder romantische Barbaren
zu werden.
Es war rühmenswerth, daß die Minnelieder und Heldengedichte der
Ritterzeit herausgegeben wurden, daß man auf den nationalen Character,
das heroische Gepräge, den Wohlklang in der Sprache und die vielen
einzelnen schönen Stellen in diesen Gedichten, die nicht besser sein
konnten, aufmerksam machte; aber Unrecht war es, unendlich lange
Reimchroniken, in denen Monotonie und Wiederholungen herrschten, als
vollendete Meisterwerke zu rühmen; während man unbarmherzig und streng
gegen alles Neuere war und Vieles in unsrer Zeit, in dem doch viel
Schönes war, verkannte und verurtheilte.
Recht und billig war es von den Protestanten, den alten Groll fahren
zu lassen und das Schöne selbst in dem katholischen Gottesdienste zu
bewundern; denn der Protestantismus war zu weit gegangen, und im Geist
der Bilderstürmer protestirte man zuletzt gegen alles Poetische, das
sich doch so herrlich mit der Religion verbindet und sie stärkt.
Es war nicht mehr die Rede von schönen Kirchen, von Gemälden darin,
von einer herzergreifenden, erhebenden Musik, von poetisch rührenden
Gesängen des christlichen Alterthums. Ein häßlich melancholischer
Geist hatte sich vieler Protestanten bemächtigt. Sie betrachteten das
Leben, gleich fanatischen Märtyrern, wie ein Jammerthal, ohne Kraft
und Freuden; nur noch mit halb wahnwitzigen Augen starrten sie auf
Tod, Grab, Blut, Verwesung, Vernichtung. Die neuere Schule zeigte das
Poetische, das =Heiter-Schöne= in dem katholischen Gottesdienste, und
daran that sie Recht. Aber sie hatte Unrecht, wenn sie Luther's großen
Schritt zur Verbesserung verkannte, wenn sie blind für die Lehren
neuerer philosophischer Christen war, und ihre vernünftigen Ansichten
thörichte Aufklärungen nannten; wenn sie das Kindisch-Spielende, oft
Geschmacklose in den katholischen Ceremonien der einfältig ernsten
Größe des geläuterten Christenthums vorzogen; wenn sie einen plumpen
Köhlerglauben über Willenskraft und Tugend setzten, die Herzensgüte und
milden Gefühle als dumme Sentimentalität ausschalten, und Toleranz oder
billige Schonung zu einem Scheltnamen machten, der laue oder schlechte
Gleichgültigkeit bezeichnen sollte.
So waren damals die Ansichten der Schule, so glaube ich wenigstens, sie
verstanden zu haben. Uebrigens hatte Jeder seine eigenen Ansichten,
Steffens auch die seinigen, und sein liebevoller Sinn, sein leicht
bewegliches Herz konnten keinen Hang zu Härte und Kälte haben, so wenig,
wie sein wissenschaftlicher Blick für die Natur ihn einseitig schwärmen
ließ.
Gerade sein poetischer, für jeden Gegenstand offner Sinn, der muntre
Witz, mit dem er die Pedanterie und den Eigensinn verspottete,
gewannen mein Herz. Er hielt naturphilosophische Vorlesungen, auch
Vorlesungen über Goethe's Werke, wodurch ich Vieles in den Gedichten
dieses großen Meisters besser verstehen lernte. In mehrere Dinge
legte Steffens eine philosophische Bedeutung, in denen ich vorher
nur die schöne Darstellung des Wirklichen oder Gedachten bewundert
hatte. Ich bin später zu dieser ersten Anschauung zurückgekehrt, und
glaube nicht, daß ein wahrer Dichter gewinnt, wenn man seine Poesie in
Philosophie übersetzt. Eine Idee, ein Hauptgedanke muß wohl das Ganze
zusammenhalten, aber die ideale, geniale Darstellung, Erfindung und
Gefühl des schönen individuellen Menschlichen sind und bleiben die
Hauptsache der Dichtkunst.
Göthe's Faust, sein philosophischestes Werk, war auch Steffens'
Lieblingsgedicht, und er äußerte Vortreffliches darüber. Steffens eigner
poetischer Geist zeigte sich bereits hier in einem philosophischen
Gewande; und ohne selbst Dichter zu sein, würde er mich wohl auch nicht
so ganz gewonnen haben; denn obgleich ich mir Kant's, Fichte's und
Schelling's Hauptansichten und Hauptgedanken von meinen philosophischen
Freunden in die Volkssprache, d. h. in die Muttersprache übersetzen
ließ, und sie auf diese Weise recht gut kannte und begriff, war es
mir doch eine Unmöglichkeit, mich selbst durch die terminologischen
Systeme der =reinen Vernunft=, der =ästhetischen Urtheilskraft=, der
=Wissenschaftslehre= und des =Idealismus= hindurchzuarbeiten. Ich
verstand leicht, was ich las; aber ich hatte nicht Geduld genug, um
lange in diesen Büchern zu lesen; es ging mir zu langsam, die Form sagte
mir nicht zu, und oft schien es mir auch, daß die Verfasser von dem
geraden Wege, dem rechten Ziele abwichen, um auf einem langen Umwege zu
einem anderen Ziele zu kommen.
* * * * *
[Sidenote: Novalis und Tieck.]
Steffens Lieblingsdichter, =Novalis= und =Tieck=, las ich gern und oft.
Wie freute mich Novalis mit seiner schönen, religiösen Sentimentalität,
und die Stellen in Heinrich von Ofterdingen, in denen Eltern, Söhne,
Natur und Bergmannswesen so lebendig geschildert werden. Auch die »blaue
Blume« winkte mir, als ich mich ein paar Jahre lang zu einer gewissen
mystischen Schwärmerei hingezogen fühlte. =Tieck= war nun ganz anders!
Von Wackenroder und Novalis hat er freilich eine milde Herzlichkeit
geerbt, welche sich in dem kunstliebenden Klosterbruder und Sternbald's
erstem Theile ausspricht. Aber nach dem Tode jener Freunde pochten
Phantasie und Humor auf ihr mitgebornes Recht.
Besonders erquickten mich dieses romantischen Aristophanes »gestiefelter
Kater«, seine »verkehrte Welt« und »Zerbino«. Seine Märchen amüsirten
mich auch unendlich. Hier gebrauchte er nun freilich oft statt eines:
_Deus ex machina_ einen: _Diabolus ex machina_, den er, um die poetische
Gerechtigkeit (die er als alte Mode verwarf) zu ärgern, meistens überall
triumphiren läßt. Durch diese neu erfundne =poetische Ungerechtigkeit=
wirkten seine Märchen noch stärker, als die schönen phantastischen
Scherze des Musäus. Und freilich giebt es nur zwei Arten, mit dem Teufel
umzugehen: entweder man lacht ihn aus oder man bebt vor ihm. =Hoffmann=
hatte später versucht, dieses Lachen und Beben in einem grinsenden
Zähneknirschen zu vereinen, das (wenn es nicht zu grimassirt ist) seine
Wirkung nicht verfehlt.
Was ich bei Tieck auch sehr liebte, war seine Vorliebe und Kenntniß
des Mittelalters, die seinen Schilderungen ein warmes eigenthümliches
Colorit giebt. So wie Talma ein echt griechisches Costüm auf der
französischen Bühne einführte, so kann man sagen, daß Tieck ein der
Ritterzeit würdiges Costüm in die deutsche Poesie brachte, wo man
sich bisher mit Veit Weber'schen Plümagen auf den Helmen aus den
verschiedensten Zeiten begnügt hatte. Goethe stellte in seinem Götz
und seinem Faust die Umrisse von Luther's Zeit dar; Tieck ging bis
zur Blüthezeit der Minnesänger und noch weiter zurück. Wie herrliche
alte Bilder hat er uns nicht in seinem »getreuen Eckart«, den
»Haimonskindern«, der frommen katholischen »Genovefa« gegeben. In seinem
»Octavian« sind Clemens und Florens echt komische Charaktere.
* * * * *
[Sidenote: Neue Dichtungen.]
Ich habe bereits erzählt, daß ich vor Steffens' Ankunft in Kopenhagen
mehrere Bogen von meinem Erik und Roller hatte drucken lassen. Diese
cassirte ich alle, weil ich nun einen andern Geschmack bekommen hatte.
Statt also Geld zu verdienen, mußte ich 150 Thaler an Drucklohn und für
empfangnes Honorar zurückbezahlen.
Dies war keine Kleinigkeit für einen jungen Mann, der Nichts besaß.
Aber mit einem andern Buchhändler, Herrn Brummer, hatte ich ein
Uebereinkommen getroffen, daß er einen Band Gedichte von mir herausgeben
sollte. Glücklicherweise war hiervon noch Nichts gedruckt. Steffens
verwarf, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, auch diese ganze Sammlung;
aber mein Buchhändler kannte den Inhalt der Sammlung nicht. Ich setzte
mich also hin, schrieb ihm in größter Eile statt der verworfnen eine
neue Sammlung, die ich ihm zur rechten Zeit lieferte, ohne ihm ein Wort
davon zu sagen.
Hier hatte ich viele unserer alten Kämpeweisen zu größeren Romanzen
bearbeitet. Ich führte den Ottaverim, so wie später die Terzine, die
griechisch-dramatischen Versarten, die nordischen Reimbuchstaben und
die Verse aus dem Heldenbuche und dem Niebelungenliede, in die dänische
Poesie ein. Die Hauptarbeit in der 1803 herausgekommnen Sammlung war
das Sct. Hansspiel, das zwar etwas an Göthe's Fastnachtsspiel und die
Tieck'schen Satyren erinnert, aber doch originell ist, theils durch
seine eigne Form, theils weil es den Sommerscherz unsres Thiergartens
darstellt. Zum Schluß hebt die Dichtung sich zu einer erotisch ernsten
Nachtscene, die sich auf eigenthümliche Weise mit dem Ganzen verbindet.
Diese Gedichte machten Glück und schafften mir einen Namen unter den
dänischen Dichtern.
Aber sie verschafften mir auch manche Feinde, weil Einige, die viele
Freunde hatten, sich von den satyrischen Einfällen in dem Sct.
Hansspiele getroffen fühlten. Die alte poetische Schule hob sich
natürlich gegen die Ansichten der neueren. Man fand den Spott über das
Nützliche und die Aufklärung ungerecht, und die Huldigung der alten
Phantasieen gefährlich und unvernünftig.
Doch fand ich auch Freunde. Unter Anderen den späteren Probst Holm,
der mich immer gern gehabt hatte. Kurz nachdem ich das Sct. Hansspiel
geschrieben, eines Tages sehr bescheiden und verlegen in Dreyer's Klub
eintrat und mich mit dem Rücken gegen die Wand in einen Winkel stellte,
-- sagte Holm lächelnd: »Der steht da, bei Gott, als ob er nicht bis
fünf zählen könnte.«
* * * * *
[Sidenote: Baggesen's deutsche Gedichte.]
In dieser Zeit (1803) kamen Baggesen's deutsche Gedichte heraus, unter
denen das an Göthe mich in hohem Grade empörte. Meine große Begeisterung
für Baggesen, die einer frühern Periode angehörte, war sehr verdunstet.
Hieran war nun allerdings zum Theil die neuere romantische Schule
schuld, welche mich dahin brachte, mit jugendlicher Einseitigkeit einen
großen Theil Dessen zu verwerfen, was mich früher entzückt hatte, und
das später wieder, wenn auch nicht gerade mich entzückte, so doch
mir sehr gefiel. Aber reifere Jahre, ein klarerer Blick und besserer
Geschmack hatten meine Augen auch für Vieles geöffnet, dem gegenüber ich
früher blind gewesen war, und so fiel mir zuerst Baggesen's Affectation
in die Augen. Diese hatte ich bereits früher einstimmig von allen seinen
älteren Freunden und Bekannten tadeln gehört, und hieher paßte eine
Anecdote, die Rahbek gern erzählte. Als er als Student bei seinem Vater
in der großen Königsstraße in einem Parterrezimmer neben dem Thorwege
wohnte, pflegte oft der eine oder der andere gute Freund die Nacht bei
ihm zuzubringen, wenn der Freund seinen eignen Hausschlüssel vergessen
hatte. Dann wartete er entweder auf Rahbek, der auch spät nach Hause
zu kommen pflegte, oder klopfte so lange ans Fenster, bis ihm geöffnet
wurde. Zuweilen hatte Rahbek auch seinen Schlüssel vergessen, aber
dann pflegte er eine Scheibe einzuschlagen, das Fenster zu öffnen,
hineinzusteigen, und, ohne sich weiter um den Zugwind zu kümmern, zu
Bett zu gehen. Eines Abends, als Rahbek aus einer lustigen Gesellschaft
kam, fand er Baggesen pathetisch melancholisch im Mondschein vor der
Hausthür auf- und abschreiten. Rahbek begrüßte ihn, und fragte ihn, ob
er bei ihm schlafen wolle. Aber Baggesen antwortete finster: »Ich gehe
ins Wasser.« Rahbek schwieg und ging hinein, Baggesen folgte ihm. Rahbek
kleidete sich aus, Baggesen ging im Zimmer auf und ab.