Aber meine nach Liebe dürstende Seele konnte sich mit diesen classischen

Dichtungen nicht begnügen; ich bedurfte eines unendlichen Dichtermeeres,

in dem mein Geist sich wiegen und in Ahnung, Sehnsucht und Wehmuth,

in Laune und Uebermuth taumeln konnte; und dies fand ich, als O. H.

Mynster mich mit Jean Paul bekannt machte -- und ich seinen Hesperus,

Siebenkäs und das Campanerthal gelesen hatte. Freilich mußte ich mich

hineinarbeiten; viele Gleichnisse und Anspielungen verstand ich nicht;

ich mußte über Haiden gehen, durch Moräste waten, und Dornengebüsche

durchbrechen, um zu den schönen Oasen zu gelangen, welche mitten in

der Wüste der Weitläufigkeit lagen. Aber wenn ich nun dort stand, wie

labte mich die Quelle, wie belohnt fühlte ich mich. Jean Paul hat

ausgesprochen, was kein anderer Dichter auszusprechen wagt. Oft beginnt

er da, wo Andere schweigen, und setzt seine Rede fort, bis sie gleich

himmlischer Musik in den Wolken verschwindet. Welche Kenntniß von

Allem, welch tiefer Blick in das menschliche Herz, welch schöne Liebe

für alles Schöne! Er hat sich an eine ermüdende Manier gewöhnt, die ihm

zur andern Natur geworden und wohl auch ursprünglich aus seiner eignen

hervorgegangen ist; aber er sollte sie gebildet und eingeschränkt haben,

denn auch des Humoristen extravagante Natur läßt sich bilden, ohne das

Characteristische zu verlieren. -- Wie freuten mich seine komischen

Figuren, seine Personen, die ungeachtet aller subjectiven Eigenheiten

der Darstellung doch objective Wahrheiten behalten. Der Caplan, Victor,

Flamin, Mathieu, die holde Clotilde, Leibgeber, Agathe, Stiefel. --

Seine Characterzeichnungen erinnerten mich oft an das Bild eines Königs,

das ich in meiner Kindheit gesehen hatte; es bestand aus lauter kleinen

Sechsen, wenn man es genauer betrachtete, und war doch ähnlich. --

Freilich flattert Jean Paul allzusehr in der Morgen- und Abendröthe

umher, verliert sich allzu oft in der Milchstraße und den Nebelsternen;

doch lohnt es sich wohl der Mühe, mit diesem Luftschiffer in dem

poetischen Ballon in die Höhe zu steigen, wenn man auch zuweilen Nichts

vor lauter Wolken sieht und von den Nebeln durchnäßt wird. Wie viele

schöne Morgen- und Abendstunden habe ich nicht mit ihm in dem kleinen

Garten meines Vaters unter dem Kirschbaume zugebracht, der seinen weißen

Blüthenschnee auf die Blätter des Buches streute. Wie oft habe ich nicht

seinen Namen auf dem Titelblatte bei der Lectüre seiner herrlichen

Schilderungen geküßt; eine Gewohnheit, die ich stets habe, wenn ein

Verfasser mich hinreißt.

* * * * *

O. H. Mynster selbst hatte Jean Paul's Bekanntschaft in Wien gemacht und

ging in den ersten acht Tagen fast nicht aus dem Hause, um vom Morgen

bis zum Abend in seinen Werken lesen zu können, obgleich ihm diese große

österreichische Hauptstadt noch ganz fremd war.

* * * * *

Göthe sagt in einem seiner Briefe an Schiller: »Wenn man nicht sowohl

von Werken, wie von Handlungen, mit liebevoller Theilnahme, mit einem

gewissen poetischen Enthusiasmus spricht, so werden sie so vollständig

zu Nichts, daß es nicht der Rede werth ist. Lust, Freude, Theilnahme

an den Dingen ist das einzige Reale, das wieder Realität hervorbringt,

alles Uebrige ist nur leer und eitel.«

Deßhalb, lieber Leser, suche ich jedes Mal, wenn ich von einem neuen

Verfasser spreche, Dir meine Gefühle und die Freude auszudrücken,

welche die Lectüre seines Buches mir bereitete; denn das ist ein

wichtiges Stück meines geistigen Lebens. Du wirst leider nur allzu oft

vortreffliche Werke auf den Tischen der kritischen Anatomen finden;

sie schneiden einen großen Mann auf, um den Zuschauern die Breimasse

zu zeigen, mit der er gedacht, den kalten Fleischklumpen, mit dem

er gefühlt hat. Aber ich glaube, daß auch ein Kritiker Zeichen von

Phantasie und Herz geben muß, und wer das nicht kann und doch kritisirt,

kritisirt eben ohne Verstand. Man muß mit Geist von Geist, mit Witz

von Witz, mit Phantasie von Phantasie, mit Verstand von Verstand,

mit Kenntnissen von Kenntnissen sprechen. Sonst ist es Nichts! Ein

Kritiker soll auch Künstler, Schöngeist, ein edler Mensch sein. Seine

Untersuchung von dem Schönen muß selbst schön, von dem Edlen selbst edel

sein, sonst bringt er ein Dunkel hervor, während er Andere aufklären

will; er zerbricht das Kunstwerk mit plumpen Händen, wundert sich dann

darüber, daß es keinen Zusammenhang hat, und trägt mehr, als irgend

Einer zur Schiefheit der Gedanken und Gefühle und zur Verwirrung in der

geistigen Welt bei.

* * * * *

[Sidenote: Erwachendes Selbstgefühl.]

Während ich nun mehrere solch' herrliche Bücher las, ging es mir, wie

Correggio, der das Raphael'sche Bild sah und ausrief: »_Anch'io son'

pittore_!« oder wie der gute Hans Sachs in Göthe's Holzschnitt:

»Er fühlt, daß er eine kleine Welt

In seinem Gehirne brütend hält;

Daß die fängt an zu wirken und leben,

Daß er sie gern möchte von sich geben.«

Dieses Gefühl äußerte sich auf eine wunderbare, fast komische Weise

eines Abends bei Oersteds, als der Physiker, das Doctor-Examen gemacht

hatte, und einige junge und ältere Männer der Wissenschaft bei ihnen

waren. Sie sprachen zuerst über verschiedene gelehrte Dinge. Ich saß

still in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, füllte die Gläser der

Anderen und ließ sie reden; wie ich überhaupt selten laut in großen

Gesellschaften bin. -- Nun kam endlich auch die Dichtkunst an die Reihe,

und in Bezug hierauf äußerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der

dänischen Dichtkunst, daß sie seit Ewald's Zeiten so außerordentlich

gesunken wäre. Bei diesen Worten erfüllt mich Geist und Feuer, ich stehe

rasch auf, trete mitten in den großen Kreis, sehe ihnen Allen kühn und

stolz in die Augen und rufe, indem ich mit geballter Faust auf den

Tisch schlage: »Ja, es ist wahr, sie ist gesunken, aber sie soll sich,

hol' mich der Teufel, wieder erheben.«

Ich hatte damals noch nichts Andres drucken lassen, als einige Lieder

und ein kleines Stück: »der zweite April«, eine dramatische Situation,

wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fühlen, wenn mich

die ganze Gesellschaft ausgelacht hätte; aber mochten sie mich nun aus

Gutmüthigkeit nicht demüthigen, oder glaubten sie vielleicht, in dem

Kerl muß doch Etwas stecken; -- genug, sie schwiegen, blickten mich

verwundert an, und nicht einmal ein spöttisches Lächeln strafte mich.

Aber dieser Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demüthigen; ich

schlich mich wieder in meinen Winkel zurück und fühlte, daß ich eine

Dummheit begangen hatte. -- Aber Oersteds, meine Freunde, betrachteten

es als eine Prophezeihung. Wir glaubten schon damals gegenseitig von

einander, daß Jeder von uns in seinem Fache es weiter als bis zu dem

Gewöhnlichen bringen würde.

* * * * *

[Sidenote: Lustige Streiche.]

Wenn ich nun im Klub war, und die große Bowle geleert wurde, so füllten

die Anderen zuweilen tüchtig mein Glas, weil sie bemerkt hatten, daß

meine Schüchternheit und mein Schweigen verschwanden, und daß ich

lustig und gesprächig wurde, wenn ich einige Gläser getrunken hatte.

Eines Abends auf der Straße, als wir aus dem Klub gingen, beschuldigte

mich Einer im Scherz, daß ich einen Rausch hätte. Ich bat gleich die

forteilende Schaar, einen Augenblick zu warten und rief: »Meine Herren,

hier muß eine Ehrensache entschieden werden, ehe wir weiter gehen. Mein

Freund dort beschuldigt mich, betrunken zu sein; um ihm und Euch Allen

nun meine Nüchternheit zu beweisen, werde ich an jener Leiter, die dort

hängt, auf den Laternenpfahl hinaufklettern und Euch eine Rede halten!«

Es war dem Klubhause schräg gegenüber, auf einem Platze mit Planken

eingefaßt, wo die abgebrannte Synagoge gestanden hatte. Ich weiß nicht,

ob es Mangel an Geld oder an Gottesfurcht gewesen war, der die Gemeinde

gehindert hatte, die Synagoge wieder aufzubauen. Aber so viel ist gewiß,

daß daselbst nur ein Plankenwerk mit einem Laternenpfahl stand, an

dem sich nicht einmal eine Laterne, wenigstens nicht an diesem Abend,

befand. An der senkrecht hängenden Leiter kletterte ich also hinauf und

stand oben auf dem kleinen Quadrat des Laternenpfahls, um zu beweisen,

daß ich keinen Rausch hatte; ein handgreiflicher Beweis dafür, daß ich

gerade einen hatte, denn nüchtern wäre ich bestimmt herabgefallen, wie

ein Nachtwandler vom Dache, wenn man seinen Namen ruft. Wie ich nun da

oben stand und zur Erbauung der rund umher Versammelten redete, kam

der Wächter und fragte: »was ich da zu thun hätte?« -- Ich antwortete

ruhig: »»Ich studire Astronomie!«« Nun wollte er Lärm machen; aber meine

Zuhörer, unter denen mehrere Offiziere waren, riethen ihm, einen jungen

Menschen nicht in seinen Studien zu stören. Er ging seiner Wege, und ich

stieg glücklich wieder herunter, ohne mir Hals und Beine zu brechen.

[Sidenote: Der Dichter Pram.]

In Dreyer's Klub machte ich die Bekanntschaft des Dichters =Pram=,

eines feurigen Norwegers, voller Geist und Herz, mit großen Talenten,

der sich aber mit zu vielen Dingen abgab, als daß er es in irgend einem

zur Vollkommenheit hätte bringen können. Er schrieb nicht nur lyrische

und epische Gedichte, heroische Dramen und Komödien, Singspiele und

prosaische Erzählungen, sondern auch große, statistische Abhandlungen;

er war Oekonom im Commerzcollegium, politischer Schriftsteller in der

Minerva und opferte viel Zeit finanziellen Berechnungen. In Allem, was

er unternahm, sah man den Mann von Kopf; aber da er so rasch arbeitete,

hatte er, wie Madame Sevigné (und ich glaube Plinius vor ihr) sagt,

nicht Zeit kurz zu sein, sondern drückte sich gewöhnlich weitläufig

in schwerfälligen Perioden und Parenthesen aus. Ueberhaupt schien er

nicht von der Natur das Talent bekommen zu haben, sich mit Leichtigkeit

auszudrücken. In seinem epischen Gedichte Stärkodder stehen besonders

die holprigen Verse und die Weitläufigkeiten vielen einzelnen

Schönheiten im Lichte. Man reist, wie früher, auf dem Steindamme von

Hamburg nach Lübeck. In einigen seiner Theaterstücke und Novellen sind

gute Scenen und Stellen, in denen sich die dänische Nationalität mit

Humor äußert. Sein Gedicht =Emiliens Quelle= ist mir stets als das

hübscheste erschienen.

Dieser vortreffliche Mann kam mir gleich freundlich und vertraulich

entgegen. Wir mußten auch Brüderschaft mit einander trinken. Ich habe

keinen Menschen gekannt, der einen so hohen Grad von Gutmüthigkeit

und Wohlwollen mit einer so aufbrausenden Heftigkeit vereinigt hat.

Aber er meinte nichts Böses damit, und wer ihn kannte, betrachtete

sein Lärmen, wie das Klappern einer Mühle, während das nährende Korn

dabei gemahlen wird. Freilich konnte Der, der den sausenden Flügeln zu

nahe stand, zuweilen auf eine tüchtige geistige Ohrfeige rechnen. Er

hatte keinen Freund, dem er nicht die Thür gewiesen und mit Prügeln

gedroht hätte; und er hatte doch viele Freunde, und war von Jedem,

der ihn kannte, herzlich geliebt. Alles Inländische von einigem Werth

schätzte er hoch; aber er war, wie die meisten Dichter damals, aus der

französischen Schule und tadelte eifrig Göthe und Schiller; Lafontaine

und Kotzebue ließ er dagegen gelten, weil sie keine Opposition gegen den

französischen Geschmack bildeten. Hat man nicht auch in Paris lange Zeit

Kotzebue Göthen vorgezogen? Und Menschenhaß und Reue und die zwei Brüder

wurden im _Théâtre français_ gespielt, beweint und beklatscht; eine

Ehre, die kaum Göthe zu Theil werden wird.

Ich hatte eine kleine nordische Erzählung, die sich jetzt, durchaus

umgearbeitet, in Hroar's Sage befindet: =Erik und Roller=, geschrieben

und wollte gern Pram's Urtheil darüber hören. Er bestimmte mir einen Tag

zum Vorlesen. Ich kam zur festgesetzten Zeit, fand ihn aber nicht zu

Hause. Einige Tage darauf besuchte ich ihn wieder, ohne das Manuscript

mitzubringen. Ich begrüßte ihn freundlich und sagte ihm bescheiden und

ohne Vorwurf, daß ich vorgestern nach seiner Erlaubniß bei ihm gewesen

sei, ihn aber nicht getroffen habe. -- »Was?« rief er aufgebracht, --

»willst Du auf mich sticheln weil ich nicht zu Hause war? Dann geh'

wieder und fahr' zur Hölle!« -- Ich bedachte mich einen Moment, was

ich antworten sollte. In demselben Augenblick kam das Mädchen herein

und stellte eine Tasse Kaffee für ihn auf den Tisch. »»Nein,«« --

antwortete ich nun ruhig, -- »»ich gehe nicht, sondern ich bleibe hier

und trinke Kaffee mit Dir!«« -- »Das kannst Du auch!« -- antwortete er

gleich wieder freundlich gestimmt, indem er mir die Hand zur Versöhnung

reichte; und zum Mädchen sagte er: »Bring' dem Herrn da auch eine

Tasse!« So hatte ich auf eine freundliche Weise den guten Pram darauf

aufmerksam gemacht, daß er mein Wirth sei, und sich davor hüten müsse,

die schöne Pflicht der Gastfreundschaft zu übertreten. Nun waren wir

wieder Freunde, aber von der Novelle sprach ich nicht mehr, habe ihm

auch nie wieder Etwas von meinen poetischen Producten vorgelesen;

dagegen erwies er mir späterhin oft die Ehre, meinen ästhetischen

Vorlesungen beizuwohnen.

[Sidenote: Deutsche Schriftsteller in Dänemark.]

Die Tragödien des unsterblichen Schiller setzten alle Kenner in

Erstaunen. Bekanntlich waren der Herzog von Augustenburg und Graf

Schimmelmann seine Wohlthäter; er sandte ihnen daher stets seine Stücke

im Manuscript, ehe sie gedruckt wurden. Man las sie in einem gebildeten

Kreise vor und beurtheilte sie, und auf diese Weise hatte Schiller hier

in Kopenhagen einige seiner ersten Bewunderer. Aber dies waren Deutsche!

Die Dänen fingen erst später an, ihn zu verstehen und zu genießen. Alles

muß seine Zeit haben; selbst das Licht bedarf langer Zeit, um seine

Strahlen von den Fixsternen zu den Planeten zu senden; und erst jetzt

beginnt man ja in Frankreich und England Deutschlands großen Geistern

Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Die älteren dänischen Schriftsteller, besonders Thaarup und Pram,

konnten Göthe und Schiller nicht leiden. Rahbek mochte damals nur den

=ersten= Göthe, wie er ihn nannte, den Verfasser Werther's, Götz' von

Berlichingens, Stella's und Clavigo's. Von Schiller liebte er damals nur

die Räuber, Fiesco und Cabale und Liebe. Später hat er selbst Wilhelm

Meister und mehrere Stücke übersetzt. Baggesen (den wir fürs Erste nicht

mehr zu den Dänen rechnen durften) bewunderte Schiller; aber gegen Göthe

hatte er einen eingewurzelten Haß, der wohl für den Augenblick gedämpft

wurde, aber bald wieder aufs Neue ausbrach; welches sein Faust beweisen

kann, wenn er ohne spätere Veränderungen gedruckt wird.

Ein junges Blut wie ich, hatte also genug zu thun, um seine, noch nicht

durch philosophische Klarheit befestigten Ansichten im Umgange mit

Aelteren zu äußern und zu vertheidigen, deren Gespräche stets seine

liebsten Gefühle verletzten. Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er

rasend und ich hitzig wurde. -- »Höre,« sagte er einmal, als wir von

Schiller sprachen, »wenn ich einem deutschen Unteroffizier sage: Du

sollst mir so ein Stück schreiben, wie Wallenstein, und der Schlingel

es nicht in vierundzwanzig Stunden thut, so hat er siebenundzwanzig

Stockprügel verdient!« Nun brach ich in ein Lachen aus, legte die Hand

auf seine Schulter und sagte: »»Lieber Pram, und wenn man Dich todt

schlüge, Du könntest nicht eine einzige solche Scene schreiben.«« --

»Das ist, meiner Treu, sehr möglich,« sagte er nun ganz freundlich; »ich

habe auch nicht von mir gesprochen.« Er brach auch eigentlich nicht in

Zorn gegen Schiller aus, sondern nur gegen mich, den Jüngern, der ihn,

den Aeltern, hofmeistern wollte.

Niemals schrieben Pram und Thaarup eine Zeile gegen die großen deutschen

Dichter; sie machten nur zuweilen unüberlegt ihrer bösen Laune in Worten

Luft. Bedenkt man dagegen, wie unverschämt und einfältig der Holländer

Bilderdyck von den großen deutschen Meistern gesprochen hat, so stehen

die Dänen im Vergleich zu ihm mit der Palme in der Hand da.

* * * * *

[Sidenote: O. H. Mynster.]

Mein einziger Trost bei all' diesen ästhetischen Anfechtungen waren

Mynsters. Diese, von einem ganz anderen Glauben, liebten Göthe und

Schiller sehr und waren bereits in das Heiligthum eingetreten, um ihre

zartesten Schönheiten zu fühlen.

Hieronymus Mynster hörte mit Geduld meine Verse an, und als Ersatz

ließ ich sie ihn corrigiren, es amüsirte ihn und seine Bemerkungen

waren größtentheils richtig. -- Wenn ich ihn des Morgens auf dem

Friedrichshospital besuchte und er frisirt wurde, wie es damals Gebrauch

war, fand ich ihn zuweilen in komischer Unterhaltung mit seinem Friseur,

einem ehrlichen Kerl, den er gern mochte, aber doch immer neckte. Oft

sagte Mynster =Ihr= zu ihm, bloß weil er wußte, daß der Andere aus

honnetter Ambition auch Ihr sagen würde; denn trotz seiner Ehrerbietung

vor Mynster glaubte er doch, daß er seiner Ehre solche Repressalien

schuldig sei. Zuweilen wollte derselbe Mann wissenschaftliche Kenntnisse

verrathen, wo er deren nicht besaß, und das amüsirte Mynster am Meisten.

Sie sprachen eines Tages davon, wie viel Grad es in der vorigen Nacht

gefroren habe. »Herr Doctor,« fiel nun der Friseur Mynster in's Wort,

-- »Grad -- sind das nicht fünfzehn Meilen?« »»Ja, sehr richtig,««

antwortete Mynster ganz ernst.

Er und sein Bruder Jakob, oder wie er ihn nannte, Job, schrieben Beide

sehr hübsche Verse, sowohl dänische wie deutsche, in denen immer etwas

Originelles und Geschmackvolles war; aber sie ließen Nichts drucken.

-- »Oehlenschläger!« sagte Hieronymus eines Tages zu mir, als ich ihn

besuchte, »ich habe eine Gespenstergeschichte geschrieben, willst Du sie

hören?« -- »»Ja, mit dem größten Vergnügen!«« -- »Nun dann setze Dich!

ich will sie Dir vorlesen, sie ist nicht lang, aber erschütternd!« --

»»Lies, bester Freund! ich bin ganz Ohr!«« -- Er las:

»Es war Mitternacht! Der Mond warf sein schwaches Licht auf die

Marmorbrücke; die eingehüllte Gestalt mit dem Korbe unter dem Arm konnte

nicht weiter gehen. Sie setzte den Korb auf den Rand der Brücke und

schaute mit ängstlichem Blick umher, ob Jemand in der Nähe sei. Nur der

Mond blickte mitleidig auf das schöne todte Kind« -- --

»Ja, weiter bin ich nicht gekommen,« sagte Mynster ganz phlegmatisch,

indem er sich erhob, legte das Blatt fort und ließ mich voller Erwartung

mit offenen Augen und Ohren dasitzen. Das machte ihm nun Spaß.

* * * * *

[Sidenote: Der Componist Weyse.]

Wer damals nie meine Erwartung täuschte, wenn ich ihn zu Hause fand, war

der Componist =Weyse=. Wir besuchten uns gern und es that uns nur leid,

wenn wir uns verfehlten. Eines Tages, als ich ausgegangen war, fand ich

mit großen Kreidebuchstaben an die Thür geschrieben:

Oehlenschläger ist nicht zu Hause,

Sitzt vielleicht bei einem Schmause.

Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'!

Erde zittre, Welt vergeh'!

Weyse sprach damals noch meistens deutsch, und es amüsirte ihn, lustige

deutsche Knüttelverse zu machen. Sein Humor war sehr angenehm. Er hatte

eine alte, taube Haushälterin, der er auf eine komische Weise ins Ohr

schrie, wenn er ihr Etwas aufzutragen hatte. Sie schrie wieder ärger

als ein Papagey; und dieses entsetzliche Lärmen war oft der Vorläufer

zum schönsten Adagio, wenn er sich ans Fortepiano setzte. Seine schöne

Melodie zu Thecla's Lied im Wallenstein: »Der Eichwald brauset,« riß

mich hin, und ich benutzte sie später im Sct. Hansspiel. Er hatte

begonnen, Bretzner's Schlaftrunk zu componiren, spielte mir viele

herrlichen Nummern daraus vor, und ich versprach ihm, dasselbe für die

dänische Bühne umzuarbeiten.

* * * * *

[Sidenote: Schriftstellerische Versuche.]

In den Stunden, in denen ich nicht Jura studirte oder Latein las,

beschäftigte mich besonders die altnordische Mythologie und Geschichte.

Ich las Snorro Sturlesön und Saxo Grammaticus, um Stoff zu einer

Tragödie oder einem heroischen Drama zu finden. Harald Schönhaar's

Geschichte, wo er die Kleinkönige bezwang, um die schöne Gyda zu

gewinnen, schien mir vortrefflich dazu geeignet, obgleich es nur Stoff

zu einer Reihe von Episoden hätte geben können. Einige solcher Episoden

schrieb ich, deren eine, von Herlaug (der sich lebendig begraben läßt,

um nicht von Harald besiegt zu werden) selbst fast ein Ganzes ausmachte.

Ich zeigte sie Sander. Er lobte, wie gewöhnlich, rieth mir aber auch

zugleich, wie gewöhnlich, Nichts drucken zu lassen.

Ganz konnte ich dem Verfassergelüst doch nicht widerstehen. Ich hatte

einen Musenalmanach =Siofna= herausgegeben, in dem eine Uebersetzung

von Wieland's komischer Erzählung »der Fischer« den größten Theil

ausmachte. Ich schrieb sie während eines Nervenfiebers, das auch bald

wieder vorüber ging. Von meiner nordischen Erzählung: Erik und Roller

hatte ich mehrere Bogen drucken lassen; Anton Wall's: Adelaide und Aimar

hatte ich übersetzt; dies gab mir später die Idee zu dem Singspiel: »die

Räuberburg.« Göthe's Götz von Berlichingen übersetzte ich auch.

Ich studirte noch etwas Isländisch mit Hülfe von Björner's und

Peringskiold's schwedischen Uebersetzungen, wodurch ich auch Schwedisch

lernte. Ich las Alf's, Frithjof's, Rolf Krake's und Welent's Saga. Die

letztere übersetzte ich.

* * * * *

[Sidenote: Der Alterthumsforscher Arndt.]

Es ist mir öfter begegnet, daß, wenn ich eines literarischen

Mitarbeiters bedurfte, er gerade in mein Zimmer trat. So kam diesmal

=Arndt=, eine der merkwürdigen Karrikaturen unsrer Zeit, mit schmutzigen

Wasserstiefeln, einem groben blauen Ueberrock, und den langen gelben

Haaren, die, zwischen den Rock und Ueberrock gesteckt, ihm bis zu den

Hüften hinabhingen. Dieser wunderliche Mensch, in Altona geboren, war,

so zu sagen, ein Gespenst des Alterthums, und lebte eigentlich gar

nicht in der Gegenwart. Doch war er von der Natur ausgegangen und hatte

sich zuerst auf die Botanik gelegt; aber bald verdrängten Grabsteine

und Runen die Pflanzen und Blumen. Er war ein Antiquar erster Klasse.

Alles, was da lebte, blühte, sproßte und kräftig in der Gesellschaft

wirkte, verachtete er; nur die vermoderten Ueberreste, nur die dunkeln

Sagen der halb oder ganz verschwundenen Sprachen liebte er. Ganz Europa

betrachtete er wie eine große Studirstube, in der er zuweilen etwas weit

umhergehen mußte, um Citate zu sammeln. So war er einmal hoch oben in

Finnmarken, um Runensteine abzuzeichnen, als es ihm plötzlich einfiel,

daß es doch wohl am Besten wäre, wenn er nach Venedig hinunterginge,

um einige griechische Zeilen von einer Statue abzuschreiben, in denen

er etwas Dänisches aus der Zeit der =Wäringer= zu finden glaubte.

-- Den Culturzustand und die politischen Institutionen ignorirte er

ganz; und wenn er davon sprach, so geschah es nur, um mit Flüchen und

Schimpfworten seinem Herzen Luft zu machen. Auf seinen Wanderungen

quartirte er sich bei Gutsbesitzern und Predigern ein; er ließ sich von

ihnen bewirthen, schlief in ihren Betten, vergalt aber gewöhnlich ihre

Gastfreundschaft mit Grobheit und Unverschämtheit. Er glaubte, es sei

ihre Pflicht, einem Manne wie ihm, der aus Eifer für das Alte, allen

Bequemlichkeiten des Lebens entsagte, zu helfen. Ein Dienstmädchen, das

einmal gewagt hatte, seine Stiefeln zu putzen, schalt er heftig aus.

»Lasse sie,« sagte er, »ein anderes Mal meine Stiefeln in Frieden, ich

brauche das dumme Putzen nicht; wenn meine Stiefeln schmutzig sind, so

spüle ich sie in einem Bach rein und damit ist's gut.« -- Oft bekam er

Schläge und wurde zur Thüre hinausgeworfen; aber das kümmerte ihn gar

nicht. Er hatte keinen Freund, keine Heimath. Alle seine Manuscripte

trug er in den Taschen, bis sie ihm zu schwer wurden; dann verbarg er

sie, -- nicht in einer Stadt oder bei einem Bekannten; denn für ihn gab

es keine Städte und keine Bekannten; sondern in einem Steinhaufen aus

dem Felde oder in einer alten Ruine, wo er sie wieder finden konnte.

Dieser seltsame Mann kam gerade zu mir, wie ich über meinen isländischen

Sagen studirte; er half mir bei Einem und dem Andern und verschaffte

mir einen Begriff von der isländischen Grammatik. Um neuere Poesie

kümmerte er sich durchaus nicht; dagegen war ihm jeder Reimbuchstabe,

jedes verdrehte Bild bei den alten Skalden heilig; und da er mit den

Sitten und dem Wesen der nordischen Heldenzeit vertraut war, lernte ich

eine Masse von ihm, und es amüsirte mich, mich mit dem Antiquar in das

Dunkel des heidnischen Alterthums, gleich Aladdin mit Noureddin in die

unterirdische Höhle nach der wunderbaren Lampe, zu wagen.

* * * * *

[Sidenote: A. S. Oersted wird mein Schwager.]

Ungefähr zur selben Zeit wurde ich durch eine höchst angenehme

Nachricht überrascht. Anders Sandöe Oersted, der so oft mit mir nach

Friedrichsberg gegangen war, hatte meiner Schwester Bekanntschaft

gemacht; und ohne mir ein Wort davon zu sagen, hatten sie sich auf eigne

Hand verlobt. Die Hochzeit folgte bald darauf. Er wurde Assessor im Hof-

und Stadtgericht, und dies gab unsern gesellschaftlichen Verhältnissen

neues Leben. Hätte der gute Oersted damals nur nicht zu sehr, als Folge

zu eifriger Studien, gekränkelt. Auch meine Schwester litt oft an den

Folgen eines Scharlachfiebers; wenn sie rasch ging, fühlte sie ein

eigenthümliches Klopfen in der Brust, vermuthlich eine Venenverstopfung.

Doch vermochte dies nicht ihre lebhafte Munterkeit zu schwächen.

* * * * *

[Sidenote: Die Dichterin Frau Koren.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 15 / 20 段