Rachen des Todes entflohen, meinen ersten Seufzer an das Leben in
beifolgenden drei Kriegsgesängen für die Vertheidiger Dänemarks.
Mein Herz glüht vor Sehnsucht darnach, mit meinen Brüdern zu stehen
und zu fallen; aber ich bin gefesselt und krank mit meiner kranken
Geliebten.
Laß die Kraft und das Feuer Deiner Jugend in die Seele der Dich
umgebenden Brüder flammen! Singe ihnen zugleich mit den Deinigen
meine Lieder! Laß sie fühlen, daß Baggesen's Geist mitten unter den
Flammen bei ihnen ist!
Zehn Männer mit Dichtermuth sind in den Augenblicken des Schreckens
mehr werth, als hundert Fehde-Prosaisten; hundert todestrotzende
Helden dem Feinde gefährlicher, als zehntausend Söldlinge!
Laß eine Menge Exemplare, so wie die »Matrosenlieder gedruckt in
diesem Jahre«, drucken.
Theile Exemplare der »Hymne für die Alumnen« unter meinen lieben
akademischen Mitbürgern aus.
Lösche meinen Durst nach Nachrichten durch die erste, zweite und
dritte Post.
Dein
=Baggesen=.
Sende mir doch ein Exemplar des ersten Theils. Hiermit bezahle ich
zugleich meine Liederschuld an den lieben Dreyer'schen Klub.
Grüße Rahbek und Rosing.
Später erhielt ich noch folgenden Brief:
Paris, den 11. Juli 1801.
Liebster Oehlenschläger!
Ich lebe, meine Frau und meine Kinder leben; ich liebe Sie, und
werde Sie immer lieben.
Ich habe Ihren freundlichen lieben Brief mit den beigelegten
Liedern erhalten; aber ich habe Ihnen seitdem zwei Mal geschrieben.
Dies ist das dritte Mal.
Ich habe noch kein Exemplar vom ersten Theile, oder meinen Oden
erhalten; ich wünschte ein solches doch sehr. Ich kann Brummer
nicht begreifen. Er scheint mit dem Absatze zufrieden, wünscht mehr
Manuscript, und macht mir doch die Fortsetzung unmöglich, indem er
mir den Anfang nicht sendet. Wie soll ich die Noten ausarbeiten,
wenn ich keinen Text habe?
Ich habe unaufhörlich, seitdem ich Kopenhagen verließ, bis vor
wenigen Tagen unbeschreiblich schlecht gelebt. Mein geliebtes Weib
war beständig bettlägerig, meine Kinder ab und zu kränkelnd und
ich selbst gefährlich krank. In Bezug auf meine Existenz habe ich
unersetzliche Verluste erlitten. Erst jetzt bin ich im Stande zu
arbeiten.
Ich mußte vom _quai Voltaire_ wegen Mangel an frischer Luft nach
dem _hôtel de l'Elisée Bourbon, Rue du Faubourg Nr. 66._ ziehen,
wo ich nun schön, bequem und so gut, wie auf dem Lande, auf den
elyseischen Feldern, wohne.
Meiner Frau geht es etwas besser, und ich bin also -- viel
munterer. Aber --
_Dania! quid merui? quo te, mea patria, laesi?_ Noch immer seufze
ich vergebens nach eigentlichen Nachrichten. Außer einigen kleinen
Briefen habe ich keine Antwort auf meine letzten zwölf Schreiben
erhalten.
Auch Sie, Oehlenschläger! ertheilen mir sparsam Ihre Grüße.
Ich habe mit dieser Post an Brummer geschrieben. Veranlassen Sie
ihn doch, mir endlich das mir zukommende Exemplar des ersten
Theiles meiner Schriften zu senden. Früher schicke ich wahrhaftig
keine Fortsetzung.
Wenn es Ihnen möglich ist, so sammeln und senden Sie mir die
Blätter, in denen meine Unbedeutenheit, seitdem ich Dänemark
verlassen habe, erwähnt ist. Es versetzt mich doch immer ein
wenig in meine alte Stellung zurück, und giebt mir eine Illusion
literarischer Anwesenheit, deren ich hier, wo kein dänisches Laub
oder Blatt sich bewegt, sehr bedarf.
Haben Sie meine Ihnen zugesandten Kriegsgesänge die ohne meine
Schuld, -- denn sie waren vor der Katastrophe in der Mitte Mai
gedichtet und hier gedruckt -- so ärgerlich zu spät kamen, erhalten?
Ich fürchte, daß sie in Kopenhagen, nach Gott weiß welchen
Varianten gedruckt, von Fehlern gewimmelt haben.
Verzeihen Sie meine Kürze! Ich =schreibe= kurz, aber =antworte=
desto länger. Schreiben, schreiben, schreiben Sie an
Ihren
=Baggesen=.
Meine Frau grüßt Sie tausend Mal, und ich grüße unbekannter Weise
tausend Mal Ihre Freundin.
* * * * *
[Sidenote: Exercierübungen.]
Es schien nicht, daß wir ferner einen feindlichen Ueberfall zu fürchten
hätten; aber unruhig waren die Zeiten noch, und Waffenübungen machten
arge Eingriffe in meine nächtliche Ruhe, deren ich in diesen Jahren, wo
ich noch wuchs, zu bedürfen glaubte. Jeden Morgen um 6 Uhr mußten wir
in dem kalten Märzmonat auf der Reitbahn am Christiansburger Schlosse
sein, um Exercitien zu lernen. Als Sergeant mußte ich meiner Compagnie
mit gutem Beispiele vorangehen, zuerst auf dem Platze sein, wenn die
Uebungen beginnen sollten, und alle Namen aufrufen. Aber dann war auch
die Arbeit vorüber, denn wir Unteroffiziere exercirten nicht mehr, und
deßhalb fror uns auch am meisten. Verschiedene Scherze, die vorfielen,
und für den Augenblick das Zwergfell erschütterten, konnten uns doch
nicht lange warm halten; einige davon waren drollig genug.
So war z. B. in unsere Compagnie, die, wie die anderen, größtentheils
aus lauter schlanken Jünglingen bestand, ein großer fetter Gastwirth
gekommen, der sein Recht als alter Baccalaureus geltend machte, weil
er lieber im Studentencorps, als im Brandcorps oder einem andern
bürgerlichen Corps dienen wollte, wo er größeren Strapazen ausgesetzt
zu sein fürchtete. Er war ein witziger, lustiger Kopf, aber er konnte
es nicht leiden, wenn man auf seine Dicke stichelte, und er stand wie
eine Art Falstaff unter uns. Der Major, der uns einexercirte, war ein
muntrer Kriegsmann, der gern mitunter einen Scherz machte. Wenn er nun
commandirt hatte: »Richt't Euch!« so hieß es oft hinterdrein zu dem
corpulenten Flügelmann: »Den Bauch 'nein, lieber Freund!« Nun zog der
Flügelmann den Bauch ein. Darauf untersuchte der Major die Rückseite
der Linie, und dann hieß es wieder: »den Hintern 'nein, lieber Freund!«
-- Nun wurde der dicke Flügelmann ungeduldig und rief: »Aber um
Gotteswillen, wie soll ich mich denn drehen und wenden? Ich kann doch
nicht in mich selbst hineinkriechen, und zum Theil verschwinden. Mein
Körper muß doch seinen nothwendigen Kubikinhalt haben.« Nun lachte die
ganze Compagnie, und das war es gerade, was der Major und der Flügelmann
wollten.
* * * * *
[Sidenote: Der Generalmarsch.]
Wenn der Wirth hier den Falstaff spielte, so fand ich selbst mich
bald darauf in einer nächtlichen Scene als Don Quixote. Ich war
eines Abends sehr früh zu Bett gegangen, weil ich durch die vielen
Morgendienste ermüdet worden war. Wie ich gerade im süßesten Schlummer
liege, werde ich plötzlich durch eine Trommel geweckt. Nun war uns in
den ersten Tagen bei der Parole gesagt, daß wir uns augenblicklich,
so wie Generalmarsch geschlagen würde, bewaffnen und auf der Reitbahn
versammeln sollten, denn dann war entweder der Feind im Lande, oder die
Stadt wurde bombardirt. Kaum hörte ich also die Trommel, als ich rief:
»Nun ist die Stunde gekommen! Es gilt den König und das Vaterland! In
Gottes Namen, unverzagt!« Ich hatte bereits die Strümpfe, Beinkleider
und Stiefeln an, und wollte mich eben mit dem Schwerte umgürten, -- als
es wieder trommelte, und ich hörte, daß es der Zapfenstreich sei, der
jeden Abend durch die Straße ging. -- Ach, mit welch seligem Gefühle
schlüpfte ich wieder in's Bett, und überließ mich einem ungestörten
Schlummer.
[Sidenote: Erleichterungen im Dienste.]
Früher hatten wir fast Alle nüchtern den Dienst thun müssen, denn die
Meisten von uns konnten keine Erquickung zu so früher Stunde erhalten;
aber nun wurde ein Marketender in den Colonnaden an der Reitbahn
angestellt, bei dem man sich etwas zu Gute thun, und einen Zwieback und
eine Tasse Thee bekommen konnte, wenn man zwei Schillinge hatte. (Ich
hatte sie nicht immer). Freilich war der Thee so schwach, daß man ihn
fast nicht schmecken konnte, und auch vom Zucker merkte man nicht gerade
viel; aber für die Hauptsache war gesorgt, denn das Milchwasser war
kochend heiß, und so konnte man sich doch wenigstens innerlich erwärmen.
Ein Glück kommt selten allein. Als ich eines Morgens umherging und in
die königlichen Ställe blickte, während die Compagnieen excercirten,
entdeckte ich einen leeren Stand mit einem Haufen frischen Strohs, wo
ich fand, daß wir Sergeanten vortrefflich schlafen könnten, wenn wir die
Namen verlesen hätten. Kaum hatte ich meinen Kameraden diese Entdeckung
mitgetheilt, als wir einen Augenblick später auf dem Strohe lagen, wie
beim Homer des Proteus flossenfüßige Seehunde auf dem Sande. Von diesem
Tage an schliefen wir jeden Morgen in dem warmen Stroh, nachdem wir erst
unsern heißen Thee getrunken hatten.
* * * * *
Bei der Fahnenweihe waren die Studenten auf dem Platz vor Amalienburg
versammelt. Die Offiziere und Unteroffiziere kamen in die Zimmer zur
königlichen Familie hinauf. Die Fahnen lagen auf dem Tische, und der
Fahnenschmied stand dabei. Zuerst reichte er dem Kronprinzen einen
Nagel; Se. Königl. Hoheit schlug ihn ein; darauf die Kronprinzessin,
die ganze Königl. Familie, und endlich, nachdem der Chef und die
Offiziere ihre Nägel eingeschlagen hatten, kam auch die Reihe an uns
Sergeanten. Als die Fahnen fertig waren, trugen wir Fahnenjunker sie zu
den Bataillonen hinab, wo der Eid geleistet und ein kecker Thaarup'scher
Gesang nach einer schönen Melodie des alten Zinck abgesungen wurde.
* * * * *
[Sidenote: Feldmanoeuvres.]
Die Nachmittags-Manoeuvres auf dem Felde waren amüsant, wenn das Wetter
schön war. Dann zogen wir mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen
durch die Straßen, während die jungen Mädchen in den Fenstern standen,
um ihre Geliebten oder Brüder vorübergehen zu sehen. Wir gaben uns dann
alle Mühe, um in geraden Gliedern zu marschiren. Und der Marschall ritt
voran, mit seinem Stern auf der Brust, und bei feierlichen Gelegenheiten
mit dem Ordensbande über der blauen Uniformjacke.
Doch Horaz und Baggesen sagen:
»_Naturam furca pellas ex_,
Sie kommt doch wieder, die arge Hex'.«
Es war nicht so leicht, die lebhaften Jünglinge Alle in Ordnung zu
halten. So hatten wir einmal den Verdruß, daß einige Kameraden, in den
letzten Gliedern, mitten auf der Straße stehen blieben, um Aepfel von
einer Fruchthändlerin zu kaufen. Noch größeren Aerger hatte man mit
halbgebildeten Soldaten, welche verlangten, daß der Offizier ihnen den
Grund zu alle Dem sagen solle, was commandirt wurde, und die noch nicht
begreifen konnten, daß zur Kriegszucht der augenblickliche Gehorsam
gehört.
Eines Nachmittags übten wir uns auf dem Felde im Schießen. Ein junges
Blut hatte sein Gewehr geladen, aber es vergessen, den Ladestock wieder
aus dem Lauf zu ziehen, und stand nun, mit der freundlichsten Miene von
der Welt, und zielt auf den Marschall. Glücklicherweise bemerkte dieser
es bei Zeiten, schlug das Gewehr bei Seite und rief: »Mein Herr! Wenn
Sie Ihr Gewehr geladen haben, sollen Sie den Ladestock herausziehen.
=Ich will Ihnen den Grund sagen=: Weil Sie sonst den Anführer durch den
Leib schießen!«
Diese geniale Gedankenlosigkeit, die sich, wie man behauptet, besonders
der Künstler und Gelehrten bemächtigt, und zu deren Ehre Baggesen eine
Ode geschrieben hat, hatte sich auch einige Mal meiner bemächtigt.
Wir sollten Carré formiren; der Anführer ruft dann: »Bataillon«; der
Fahnenjunker läuft acht Schritte vor, und nach ihm bildet sich die
Colonne. Der Marschall rief also: »Bataillon«! Aber ich stand in
Betrachtungen vertieft, und rührte mich nicht von der Stelle. Plötzlich
hörte ich ihn rufen: »Oehlenschläger!« Erschreckt erwache ich, laufe
zwölf, vierzehn Schritte vor, um das Versäumte wieder gut zu machen, und
das ganze Bataillon hinter mir her.
Ein andres Mal hatte ich den Fahnengurt umzuhängen vergessen; ich
mußte die Fahne die ganze Zeit hindurch nur mit den Händen tragen;
gerade deßhalb, glaube ich, blies ein heimtückischer Sturm den ganzen
Nachmittag, und der noch schwächliche Fahnenjunker wäre fast umgeworfen
worden.
Zu unseren Märschen und Uebungen hörten wir immer schöne Musik. Die
Mitglieder der königlichen Kapelle hatten sich selbst angeboten, unsere
Hautboisten für das erste Bataillon zu sein. Das zweite Bataillon
bekam die Hautboisten der Leibgarde. Komisch war es im Anfange, wie
die Virtuosen der Kapelle es diesen nicht gleich machen konnten, weil
sie nicht darin geübt waren, unter freiem Himmel im Gehen zu blasen;
vielleicht auch, weil Einige, die gewöhnt waren, Violine und Baß zu
spielen, sich auf Blaseinstrumenten versuchten. Aber es währte nicht
lange, so hatten sie den Handgriff weg.
An einem schönen Sommertage, als das Vaterland wieder Frieden hatte,
wurden wir Sr. Königlichen Hoheit dem Kronprinzen vorgestellt. Er war
mit unseren Fortschritten zufrieden, und lobte uns. Wir wurden auf dem
Felde mit Wein und Backwerk tractirt. Junge Damen aus der Stadt kamen
heraus und tanzten auf dem Felde mit den Studenten. Die Alten standen in
großen Kreisen als frohe Zuschauer umher. Alles war nun Lust und Freude!
* * * * *
[Sidenote: Friedliche Beschäftigungen.]
Nun kehrten wir zu unseren friedlichen Beschäftigungen zurück. Ich kam
jeden Tag zu meinem Freunde und Leiter A. S. Oersted; das dänische Recht
hatte ich repetirt, das Naturrecht ebenso, aber das römische Recht war
noch durchzumachen. Collegien besuchte ich nicht mehr viel, doch hörte
ich einige Mal Schlegel. Mit Oersted's aß ich Mittags bei ihrer Tante,
Madame Möller; dort saßen die jungen Gelehrten und Schöngeister von
einem Haufen Bürgersleuten umringt, die uns oft lebhaft an die Personen
in Holberg's Comödien erinnerten. Oft las -- oder richtiger gesagt --
spielte ich fast ein ganzes Stück von Holberg mit veränderter Stimme zur
Unterhaltung vor dieser gemischten Gesellschaft. Besonders amüsirte mich
in diesem Kreise der alte pedantische Schullehrer, der Erste, der mich
davon überzeugte, daß eingewurzelte Lächerlichkeit nicht durch Comödien
geheilt werden könne. Wir führten nämlich einmal wirklich den Erasmus
Montanus auf; ich gab den Küster Peer und copirte den Schulmeister
so gut, daß die ganze Gesellschaft ihn wieder erkannte. Er war auch
gegenwärtig, erkannte aber meine Copie nicht, da er sein eignes Original
nicht kannte. Er war sehr zufrieden mit meinem Spiel, als das Stück
beendet war, und lobte Holberg, der so gut unwissende, bornirte Pedanten
geschildert habe.
[Sidenote: Privat-Theater.]
Ein norwegischer Student Bull, später Justitiarius in Norwegen, sollte
im Hause mit mir zusammen wohnen; wir vereinigten uns, und Madame
Möller überließ uns noch den Saal neben meiner Kammer. Sie fand sich
gern darein, daß wir zuweilen Comödie spielten, und gab mir selbst die
Bettlaken, die ich dann mit kleinen Nägeln an den Fenstern festmachte,
um gegen das Frühjahr hin ein künstliches Dunkel aus dem Theater
hervorzubringen. Nur ein Mal, als wir »Liebe ohne Strümpfe« spielten
und das Stück etwas stockte, weil Jesper seine Rolle nicht konnte, und
ich, als Mads, in der Verzweiflung, um die Pause auszufüllen, das neue
Psalmenbuch hervornahm und in meinem jugendlichen Uebermuthe zu singen
anfing: »Wenn uns die höchste Trübsal naht!« tadelte sie uns auf eine
gutmüthige, mütterliche Weise, indem sie zu den Anderen sagte: »Sie
lachen selbst darüber!«
Während einer der Proben zu diesen Vorstellungen wurde ein Glasarm von
einem Kronleuchter abgeschlagen. Eine alte Frau, die im Hause wohnte,
bezahlte einen Thaler, um einen neuen anzuschaffen, wollte aber, daß ich
als Director ihr dieses Geld wiedergeben solle. Da ich nun nicht das
Unglück angerichtet und niemals einen Schilling übrig hatte, ließ ich
sie mich vergebens mahnen; und es amüsirte uns Alle, wenn sie täglich
über Tisch auf mich wegen des Thalers stichelte, den sie gut zu haben
glaubte. Die arme Frau hatte viele Jahre darauf ein trauriges Schicksal;
denn sie fiel eines Tages vom Stuhl, als sie ihr Mittagsschläfchen
halten wollte, und dies wurde ihr Tod.
Oersted's assistirten auch, wenn wir Comödie spielten, aber das ist
nicht ihr Fach; besonders hatte A. S. Oersted kein Geschick dazu,
selbst zu kleinen Rollen konnte ich ihn nicht gebrauchen; und als ich
ihm einmal den Mathias in den Jägern einstudirt und gesagt hatte: »Nun
kommst Du, die Hände nachlässig auf dem Rücken, herein«, hatte er sie so
in einander verschlungen, daß er sie beinahe nicht wieder auseinander
gebracht hätte.
In Madame Möller's Hause wohnte eine alte taube Frau, die ihre ganze
Liebe auf einen Schooshund geworfen hatte. An einem warmen Sommertage
sperrte ich den Hund in den kühlen Ofen ein. Sie konnte ihn nicht bellen
hören, ging umher und suchte vergebens. Endlich befreite ich den Hund in
ihrer Gegenwart aus seinem Gefängnisse. Die alte Frau wurde sehr böse,
obgleich wir sonst die besten Freunde waren, und sagte: »Das rathe ich
Ihnen, daß Sie mir nicht wieder den Hund zum Narren halten!«
Man sieht, daß die Lust, Comödie zu spielen, bei mir von Neuem erwachte,
als ich mein eigner Herr geworden war und ich es zu meinem Vergnügen
thun konnte; ich trat auch in Borup's Gesellschaft ein, spielte aber
nicht oft dort, sondern größtentheils nur in häuslichen Kreisen, wo ich
selbst der Geist des Ganzen sein konnte.
* * * * *
[Sidenote: Die Gebrüder Mynster.]
In Dreyer's Klub war eine große Punschbowle, die bei gewissen
feierlichen Gelegenheiten geleert wurde. Zu diesen Trinkgelagen waren
die meisten guten Trinklieder, namentlich Rahbek's, verfaßt. Ich war
eine Zeitlang oft Vorsänger und trank mit den Anderen, obgleich das
Trinken niemals meine Sache war; aber die begeisternde Geselligkeit und
der Gesang erfreuten mich. Auf diese Weise kam ich auch in eine nähere
Bekanntschaft mit mehreren älteren, ausgezeichneten Männern, welche ich
sonst nicht sobald oder nicht so genau kennen gelernt haben würde. Unter
diesen waren die =Gebrüder Mynster= und =Bentzon=. Der Doctor, später
Professor, Ole Hieronymus Mynster, war ein Jahr vorher mein Lehrer
in der Naturgeschichte in der Schule für die Nachwelt gewesen. Ein
vortrefflicher Kopf, voll von Humor, Verstand und Witz, ebenso wie sein
Bruder, der jetzige Bischof Jakob Peter Mynster; doch war dieser stiller
und gelehrter. Meine erste Bekanntschaft mit Jakob war gleich heilend,
wenn auch für den Augenblick schmerzlich. Wir trafen, wie gesagt, in
Dreyer's Klub zusammen, wo die Rede auf meinen Held Lafontaine kam,
den Mynster so stark und scharf tadelte, daß mir die Thränen in die
Augen kamen. Er hat mir später erzählt, daß es ihm herzlich leid that,
als er sah, wie tief es den armen jungen Menschen schmerzte, dessen
Gesicht er gleich gern mochte. -- Indessen riß er mir das Band von den
Augen, und überzeugte mich, daß in den Lafontaine'schen Romanen nicht
Das lag, was ich bisher darin zu finden geglaubt hatte. Bentzon, der
kurz darauf Regierungsrath und später Generalgouverneur in Westindien
wurde, war ein junger, kräftiger Mann, obgleich er hinkte. Er hatte ein
schönes Gesicht, seltene Kenntnisse, viel Scharfsinn, aber kein feines
Gefühl. Er war übrigens im Umgange lebenslustig, freundlich gegen seine
Freunde, bewunderte jedes Talent, achtete jede Tüchtigkeit. Gegen die
Mittelmäßigkeit war er unbarmherzig, grob gegen die Eingebildetheit,
im Ganzen genommen etwas arrogant, und in späterer Zeit etwas geizig.
Was Wunder, daß er Feinde zu Dutzenden bekam, besonders als er durch
Schimmelmann in jungen Jahren sein Glück machte. Aber er kümmerte sich
nicht sehr darum.
Er war jedoch nicht ohne Eitelkeit, besonders verdroß es ihn, daß
er hinkte; und obgleich er lächelte, wenn O. H. Mynster auf seine
scherzende Weise sagte: »Da kommt der lahme Bentzon!« ärgerte es ihn
doch. -- Da er aber gewöhnlich so hochfahrend war, freute es uns, ihn
auf diese Weise etwas zu demüthigen. Eines Tages ging ich mit ihm vor
dem Thore spazieren. »Oehlenschläger!« sagte er, »sage mir aufrichtig,
hinke ich sehr? ist es sehr zu bemerken?« -- »»Nein!«« entgegnete ich,
»»wenn Du still stehst, merkt man fast gar Nichts.«« Diesen Zug habe ich
später in meinem Fragment =Knud Lavard= benutzt.
[Sidenote: Bentzon.]
Bentzon hatte ein paar Jahr vor unserer Bekanntschaft eine ästhetische
Preismedaille gewonnen. Er hatte sehr viel Sinn für das Derbe und
Tüchtige in der Poesie; das Flache und Trivielle verachtete er. Er
verstand gut Griechisch, und liebte die Genialität in den griechischen
Werken. Goethe, dessen Geist in seinen späteren Jahren eine antike
Richtung genommen hatte, bewunderte Bentzon besonders in solchen Werken,
in denen sich dies aussprach. Sehr viel Gewicht legte er auf folgende
Goethe'sche Verse:
Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,
Daß Martial sich zu mir auch der Verwegne gesellt;
Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten;
Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt;
Daß ich Natur und Kunst zu schauen mich treulich bestrebe;
Daß kein Name mich täuscht, daß mich kein Dogma beschränkt;
Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich den Menschen verändert,
Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht?
Solcher Fehler, die Du, o Muse! so emsig gepfleget
Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir.
* * * * *
[Sidenote: Wilhelm Meister.]
J. Mynster hatte mich also von der falschen Sentimentalität geheilt,
und Bentzon mich auf das tüchtige Objective aufmerksam gemacht. Das
war Alles ganz gut, aber nicht genug; ich bedurfte wieder Etwas für
das Herz. -- Der herrliche Wilhelm Meister hatte mich sehr erquickt;
besonders, da ich mich -- wenn nicht von der Seite des Characters,
so doch von der Seite der Ereignisse -- in so naher Verwandtschaft
mit Wilhelm Meister fühlte, daß ich oft in den ersten Büchern meine
eigne Lebensbeschreibung zu lesen glaubte. Das Marionettspiel, die
Characterschilderung von Mariane, Philine, die Abenteuer mit den
Schauspielern und Seiltänzern erfreuten mich unendlich. Den Besuch
bei dem Grafen und der Gräfin, den närrischen, protegirenden Baron
mochte ich auch sehr gern. -- Aber Jarno und Lothario waren mir zu
kalt vornehm. Es gefiel mir nicht, daß Wilhelm sich von den steifen
und stolzen Formen der Convenienz imponiren ließ; besonders da ich die
Absicht bei dem Dichter zu bemerken glaubte, der vornehmen Welt das Wort
zu reden. »Die Bekenntnisse einer schönen Seele« machten mich oft an
meine Mutter denken; -- deßhalb waren sie mir lieb, obgleich ich mich in
dieser Welt nicht recht zu Hause fand. Unendlich dagegen entzückte mich
der Harfenspieler und Mignon; in ihren herzergreifenden Liedern erkannte
ich ganz den =ersten= Göthe, in ihrer Schilderung den vollendeten
Meister wieder.
* * * * *
[Sidenote: Jean Paul.]