Begleitete ich nun nach einem solchen muntern Abende Christianen im

schönen Mondscheine oder in einer sternenklaren Nacht nach Hause, so

verstummte plötzlich die Munterkeit; ich wurde stumm, verlegen und

ernst, und sie gleichfalls. Größtentheils gingen wir Arm in Arm in

unseren eigenen Gedanken. Endlich gab die Liebe mir Muth, nachdem sie

ihn mir so lange geraubt hatte; ich stammelte eine Liebeserklärung

hervor; sie verstand meine Aphorismen ganz gut, und obgleich sie mir

nicht sofort entgegenkam, ließ sie mich doch ohne Verzweiflung nach

Hause gehen.

[Sidenote: Mein Schwiegervater.]

Bald erlaubte sie mir, mit ihrem Vater darüber zu sprechen. Das war

ein merkwürdiger Mann. Er war Witwer und bewohnte die unterste Etage

seines eigenen Hauses. Vor dem Bombardement war er sehr wohlhabend. Er

hatte eine Brauerei von seinem Vater geerbt; und obgleich er Assessor im

Hof- und Stadtgericht war, konnte er doch mit Leichtigkeit die Brauerei

verwalten, da er ein entschiedenes Talent für alle mechanischen Arbeiten

und Künste besaß. Er stand sich gut und übte deßhalb viele Dinge nur zu

seinem Vergnügen, und obgleich er es nicht in Allem zur Meisterschaft

brachte, so kam er doch in vielen Dingen außerordentlich weit.

Er hatte sein schönes, großes Haus nach eignem Plane gebaut und außerdem

die Zeichnung zu einem andern sehr hübschen Grundstücke gemacht. Er

war ein guter Schmied, ein guter Tischler und Drechsler. Auch auf die

Gärtnerei hatte er sich gelegt, und wetteiferte mit seinem Freunde

Käsemacher, dem Gärtner des botanischen Gartens, wer die frühesten und

besten Erdbeeren bekam. Er zeichnete hübsch und beschäftigte einige

junge Maler in seinem Hause mit Decorationsmalereien. Auch Thorwaldsen

brachte einige Jahre hindurch die Abende bei ihm zu, und zeichnete

Bilder mit Bleistift für Karen Margaretha und Christiane, die noch klein

war. Der Kapellmeister Schultz war Heger's Freund gewesen; von ihm hatte

er Etwas von der Composition gelernt; er las fleißig in Kirnberger,

componirte hübsche Melodieen und spielte sie auf dem Fortepiano, das er

selbst verbessert hatte. Es konnte ihn amüsiren, ganze Stunden lang zu

phantasiren, und wir Anderen hörten ihm gern zu. Er hatte sich fleißig

auf die Optik gelegt; schliff Gläser zu großen Fernröhren, machte die

Papparbeit dazu selbst, und schrieb ein kleines Buch in französischer

Sprache über die Optik zu seinem eigenen Gebrauch. In Papparbeiten war

er ein Meister, der in der ganzen Stadt nicht seines Gleichen fand; er

machte die schönsten Kasten, außerordentlich dauerhaft mit hübschen,

selbstgemalten Landschaften verziert und mit einem unvergänglichen

Lackfirniß überzogen. Er war sehr freigebig mit diesen Arbeiten,

schenkte deren an alle seine Freunde, und seine Tochter Karen Margaretha

lernte von ihm die Kunst und die Freigebigkeit. Er war auch einmal ein

eifriger Feuerwerker gewesen und machte Raketen, welche die gewöhnlichen

um Vieles übertrafen. Aber als er eines Abends das Unglück hatte, daß

eine Rakete, die er von einem Boote aus in die Luft ließ, in eine

Scheune fiel, ohne doch weiter Schaden zu verursachen, verlor er die

Lust zur Feuerwerkerei. Er liebte die italienische Sprache und erzählte

gern von der Zeit, wo =Sarti= Kapellmeister gewesen war, und wo =Alsani=

und andere Virtuosen italienische Opern auf dem Hoftheater aufgeführt

hatten.

Zu diesem seltnen Manne kam ich nun schüchtern und bange; ich sagte

ihm Alles rein heraus, daß ich seine Tochter liebe, daß ich hoffe,

wieder geliebt zu sein, daß ich Advokat werden wolle, und daß Oersted

mir versprochen habe, mich in zwei Jahren so weit zu bringen. Höflich

und ruhig hörte er meinen Wunsch, klingelte, ließ seine Tochter rufen,

sagte ihr mit wenigen Worten, wovon die Rede sei, legte unsere Hände in

einander, und fing darauf gleich an, von anderen Dingen zu reden, womit

er mir einen großen Dienst erwies; und mit einem solchen Manne konnte

man gewiß über Vieles sprechen.

[Sidenote: Mein Schwager.]

Christiane's Bruder Karl war stiller, milder, aber auch witzig und

satyrisch. Er ließ es bei den dramatischen Privatübungen bewenden,

und studirte Theologie; aber so gewissenhaft, daß er niemals fertig

werden konnte, obgleich er mehreren Candidaten half, die die beste

Censur bekamen. Die theologischen Professoren baten ihn, doch endlich

zur Prüfung zu gehen, da sie ihn nichts mehr lehren könnten, und

versicherten ihm, er könne überzeugt sein, daß er gut bestehen würde;

denn sie kannten ihn von den Examinatorien her. Es half Nichts! Der

selige Bischof Münter, damals Professor, besuchte Rahbek, bei dem Karl

Heger wohnte, einmal deßhalb, um diesen zu überreden; aber er verbarg

sich vor dem Professor im Garten hinter den Bäumen, gleich Adam nach

dem Sündenfalle vor unserm Herrgott; obgleich er nicht gesündigt hatte,

sondern im Gegentheile für seine Tugenden gelobt werden sollte.

Dieser »kunstliebende Klosterbruder«, mein treuer, vieljähriger Freund,

fand später als Bibliothekar bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen

Christian Frederik einen Platz, der sich am Besten für seine stille

literarische Neigung und für seine bescheidne, contemplative Natur

eignete.

* * * * *

[Sidenote: Preisfrage.]

Ich studirte nun ziemlich fleißig Jura, doch konnte ich es nicht

unterlassen, kleine Streifereien in das Gebiet der schönen Literatur

zu machen. Im Jahre 1800 wurde an der Universität die Preisfrage in

der Aesthetik aufgestellt: »Wäre es nützlich für die schöne Literatur

des Nordens, wenn die alte nordische Mythologie eingeführt und statt

der griechischen allgemein angenommen würde?« Das war Wasser auf meine

Mühle; ich hatte mich viel mit der alten nordischen Literatur und mit

der nordischen Götterlehre beschäftigt. Oersteds fanden auch, daß es

hübsch sein würde, wenn ich eine akademische Preismedaille gewönne; und

nun sattelte ich wieder mein Steckenpferd und schrieb eine Abhandlung,

in der ich den Charakter der nordischen Götterlehre und ihre noch

unbenutzten Schönheiten im besten Lichte darzustellen suchte.

Es wurden außer der meinigen noch zwei Abhandlungen eingeliefert, die

eine von =Stoud Platou=, späterm Professor in Christiania, die andere

von =Jens Möller=, der als Professor der Theologie in Kopenhagen starb.

Stoud Platou führte die Sache der griechischen Mythologie. Das Urtheil

des Professors Jakob Baden, das in dem Universitätsjournale abgedruckt

wurde, lautete also:

»Ueber die ausgesetzte Preisfrage sind drei Abhandlungen eingegangen,

welche alle sich durch Fleiß in der Untersuchung, durch Eifer und

Wärme für die schöne Literatur im Allgemeinen, wie für die nordische

ins Besondere, durch gründliche Einsicht in die Bedürfnisse dieser

Literatur und Kenntniß der besten Schriften im mythologischen Fach,

endlich durch einen klaren Vortrag und einen leichten und angenehmen

Styl empfehlen. So viel Freude diese Gleichheit in den Verdiensten

mir als Leser verursachte, so muß ich doch bekennen, daß sie mir die

Lust als Richter benommen hat, irgend ein entscheidendes Urtheil über

eins der eingereichten Stücke zu fällen, um so mehr, als ich nicht

allein ein Urtheil fällen soll. Ich lasse es daher dabei bewenden,

meine private Meinung zu sagen, die ich auf keine Weise für maßgebend

und inapellabel betrachtet wissen will, da sie nur die Ansicht eines

privaten Mannes ist.« Darauf erkannte er Stoud Platou's Abhandlung,

als der ausführlichsten und -- nach seiner Ansicht -- wahrsten, den

Preis zu. Doch erklärte er selbst den Theil der Abhandlung, der

ungeachtet der Vorliebe des Verfassers für die griechische Mythologie,

die geschmackvolle Anwendung der nordischen Mythologie bespricht und

billigt, für das Beste und Wichtigste; und den ersten Theil, in dem

der Verfasser von uns abweicht, tadelt er als zu weitläufig und die

aufgegebene Frage zum großen Theile unberührend. Ueber meine Abhandlung

mit dem Motto:

_Nil intentatum nostri liquere poetae,

Nec minimum meruere decus, vestigia graeca

Ausi deserere, et celebrare domestica facta._

sagt Baden: sie ist weniger weitläufig, scheint aber mehr die Frage

Berührendes zu enthalten; ein Theil der Preisschrift ist mit Neuheit

und Interesse ausgeführt, und würde den Verfasser, meiner Ansicht nach,

würdig machen, den Preis mit dem Ersten zu theilen, wenn derselbe sich

theilen ließe. Aber da der Preis nicht wohl der erstern Abhandlung

vorenthalten werden kann, so verdient diese doch das erste Accessit. --

Das zweite Accessit kann meiner Ansicht nach der dritten Preisabhandlung

nicht verweigert werden. Auch dieser Verfasser zeichnet sich durch eine

wohldurchdachte Vertheidigung der nordischen Mythologie aus.

Später bekam Professor Kjerulf den Auftrag, in Verbindung mit Baden zu

urtheilen und er unterschrieb dessen Ausspruch.

All' das war nun recht gut; aber ich kam doch um die schöne

Goldmedaille, die ich so gern meinem Vater nach Hause gebracht hätte,

der sich noch mehr darüber gefreut haben würde als ich. -- Ich ahnte

damals nicht, daß diese Abhandlung mir mit der Zeit bessere Früchte, als

eine Medaille tragen würde. Ihr hatte ich es ohne Zweifel zu danken, daß

ich nach meiner Reise ins Ausland als Professor der Aesthetik bei der

Universität angestellt wurde, da ich durch die Abhandlung, die einer

Prämie würdig erklärt worden war, als akademischer Bürger das Recht

erhalten hatte, ein Amt zu suchen, von dem mich sonst vielleicht die

Form ausgeschlossen haben würde.

* * * * *

[Sidenote: Baggesen's Abreise.]

Baggesen wollte abreisen, um, wie man glaubte, für immer fortzubleiben.

Ich hatte oft mit großer Freude seine »komischen Erzählungen,« seine

»Jugendarbeiten,« sein »Labyrinth« gelesen. Die wunderbare Mischung von

Witz und Gefühl, von Begeisterung und Spott, von Vielseitigkeit und

stark hervortretender Persönlichkeit bei ihm hatte etwas Aehnlichkeit

mit Jean Paul, obgleich ich in Baggesen's graciösen Witzen bald das Herz

und die Geistestiefe jenes unsterblichen Dichters vermißte. Aber dann

konnte Baggesen wieder diese allerliebsten, leicht fließenden Verse

schreiben! Daß er als ein armer Junge so Viel in der lateinischen Schule

in Slagelse hatte ausstehen müssen, rührte mich auch. Trotz Armuth und

Krankheit war er stets lustig geblieben; nur die Sehnsucht der Liebe

konnte ihn wehmüthig und niedergeschlagen machen.

Eine ritterliche Achtung, ja Anbetung für das schöne Geschlecht,

eine starke Begeisterung für das Hohe in der Natur zeichnete ihn vor

anderen humoristischen Dichtern aus. Daß er nicht den gesunden Verstand

eines Holberg's und eines Wessel's hatte; daß er wohl brillanter in

seiner Satyre, aber weniger wahrheitsliebend und billig war, daß seine

Begeisterung sich oft in einem Schwulst verlor, konnte ich noch nicht

recht bemerken. Ich liebte diesen Proteus:

Erstlich ward er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne,

Drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach' und ein zürnender Eber,

Floß dann als Wasser dahin und rauscht' als Baum in den Wolken.

ich wollte ihn gern fassen und ihn einmal in der Nähe betrachten, ehe er

sich ins Wasser verlor, und vielleicht für ewig unser Eiland verließ.

Auf dem Theater hatte ich ihn freilich oft als administrirenden Director

in seinem großen gelben Ueberwurf umhergehen sehen. Aber da lief er

umher, wie auf dem Deck in Meeresnoth ein Schiffer, der selbst das

Steuern nicht versteht und den Nächstkommandirenden schalten und walten

läßt. Dort war er mir auch zu vornehm; der Abstand zwischen uns war zu

groß, und ich mochte mich ihm nicht nähern, aus Furcht, daß er zu stolz

sein würde.

Alles, dessen ich mich von seiner Administrationszeit erinnere, ist, daß

mein Auge oft auf dem Fleck in seinem Ueberwurf ruhte, der mit einem

Pletteisen eingebrannt war. Auch entsinne ich mich deutlich, wie eine

Schauspielerin ohne viel Talent, aber stets häuslich mit Nähnadel und

Zwirn in der Tasche versehen, ihn eines Abends im Foyer aufhielt, um

ihm einen Riß zuzunähen, der eine allzuweite Fortsetzung des Schlitzes

an seinem Mantel bildete; unter dieser Operation verhielt er sich sehr

höflich, aber auch etwas passiv. --

Nun wollte er fort und uns vielleicht auf ewig verlassen! Er hatte

gesagt, daß er in der Zukunft nicht mehr dänisch schreiben wolle. Dies

Alles betrübte uns, seine jungen Bewunderer. Wir hatten den allzufrühen,

nationalen Tod eines schönen Geistes zu beklagen.

In diesem Gefühle faßten Hans Christian Oersted und ich den Entschluß,

ein Fest in Dreyer's Klub, dessen Mitglied ich geworden war, zu

veranstalten. Wir ließen eine Einladung umhergehen, und, obgleich

Baggesen schon damals viele ausgezeichnete Männer gegen sich hatte,

welche gerade heraus sagten, daß er es nicht verdiene, so setzten wir

es doch durch. Er wurde zu einer Abendgesellschaft eingeladen, bei

welcher Gelegenheit ich folgendes Gedicht an ihn verfaßt hatte, das die

Gesellschaft für ihn begeisterte:

Der mit Geistes Waffen schweigen machte

Dummheit, der die Lüge kühn bezwang,

Der ins Auge frohes Lächeln brachte,

Aus dem eben noch die Thräne drang;

Der Gefühl und Wärme hat gegossen

In die Brust uns, wo sein Bild jetzt weilt,

Sei von unserm Bruderarm umschlossen,

Eh' von Dänemark er nun enteilt.

Darum hörst Du, seltner Dichter, klingen

Unsre Stimme, die im Chor sich hebt,

Darum, edler Dichter, wir Dir bringen

Was für Dich in unserm Herzen lebt.

Schwach ist unsre Stimme! Gleich der Deinen

Steigt sie nicht zum Pindus hoch empor,

Voller Wehmuth nun wir uns vereinen,

Rufen Lebewohl Dir zu im Chor.

Habe Dank für jedes Deiner Lieder,

Das bei frohem Mahle hier erklang!

Oft wohl singen wir sie freudig wieder,

Denken stets des Dichters beim Gesang.

Wenn die Stimmen dann sich laut erheben,

Wenn sie tönen an dem dän'schen Strand,

Möge ahnend dann Dein Herz erbeben,

Wenn Du denkst ans theure Vaterland.

Willst Du jetzt auch in die Ferne ziehen,

Kehrst Du doch, wir hoffen's, einst zurück.

Sahst ja hier die ersten Tage fliehen,

Hier verlebtest Du der Jugend Glück.

Nirgends blühen ja die Rosen reicher,

Nirgends sind die Dornen ja so klein,

Nirgends, nirgends ist das Lager weicher,

Als, wo unsre Wiege stand, allein.

Aber mußt Du =Sein= Gebot erfüllen,

Giebt das Schicksal Dir ein fernes Grab,

Soll die fremde Erde Dich umhüllen --

Blick' von =dort= auf Dän'mark dann herab!

Jedes Auge wird die Thräne feuchten,

Jede Lippe flüstert weh und bang:

Möge Freud' für jede Freud' Dir leuchten,

Die den Dänen schenkte Dein Gesang.

Ein Exemplar dieses Gedichts, das er während des Absingens in der Hand

gehalten hatte, gab er mir von Thränen durchnäßt zurück, indem er mich

umarmte, mich küßte und mir seine »dänische Lyra« vermachte, die er nun

nicht mehr zu schlagen gedachte. -- Einige Tage darauf reiste er fort

und ich übernahm die Korrektur des ersten Theils seiner Werke, die er

bei Brummer herausgab.

So machte ich die Bekanntschaft des Mannes, der einige Zeit darauf

eifrig meine Freundschaft suchte und später, ohne Grund, mein bitterster

Feind wurde.

* * * * *

War es nun Apollo mit seinen neun Musen oder Bragi bei der Harfe und

Idun mit ihren Aepfeln der Verjüngung, die mich immer, wenn ich recht

fleißig Jura studiren wollte, störten? -- Ich weiß es nicht. Aber

gestört wurde ich; und war es nicht geradezu von ihnen, so riefen sie

bald Venus oder Freia, bald Mars oder Thor zu Hülfe; ja wir werden

sehen, wie sogar Mimer oder Minerva sich hinterlistig gegen meine

Jurisprudenz verbinden.

[Sidenote: Der zweite April 1801.]

Der zweite April 1801 erschien, an welchem Tage eine große englische

Flotte von unserm Dutzend Blockschiffen hart mitgenommen wurde, die

nach der Schlacht Wracks waren, wie vorher. Nelson, der Schreck der

europäischen Seemächte, wurde in diesem Kampfe durch einen kleinen

Haufen dänischer Seeoffiziere überstrahlt. Es ist Wahrheit, es ist ein

Factum! Darum achtete Napoleon die dänischen Seeleute hoch und hat von

dieser Schlacht stets mit ehrender Bewunderung gesprochen.

Das Gefühl der alten Heldenehre zur See hatte sich ganz der Nation,

und besonders der Hauptstadt bemeistert. Alle kleinlichen Laster der

Zeit: Mißgunst, Geiz, Hochmuth, Eitelkeit, Verleumdung, hatten sich

gleich feigen Verbrechern im Dunkeln verborgen. Dagegen traten überall

Brudersinn, Wohlwollen, gegenseitige Hülfe und Beistand hervor.

Fremde Menschen, die sich nie früher gesehn hatten, drückten einander

begeistert die Hand, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Eine

unbeschreibliche Munterkeit verbreitete sich über die ganze Stadt. Der

alte Matrosenwitz schien sich allen Einwohnern mitgetheilt zu haben, und

es regneten Einfälle und Spöttereien über die Engländer.

Bei dieser Gelegenheit wurden, ehe der Feind sich dem Sunde näherte,

mehrere Freicorps errichtet; auch die Studenten vereinigten sich, und

bildeten unter dem Commando des berühmten Physikers, Oberhofmarschalls

Hauch, zwei Bataillone.

Man wußte nicht, ob die Engländer die Stadt bombardiren würden. Die

Studenten erhielten die ehrenvolle aber gefährliche Aufgabe das Zündrohr

aus den hereingeworfenen Bomben zu ziehen, ehe sie sprangen. Wir

lachten, verstanden die Gefahr nicht, und ließen das Schicksal walten.

Bald bemerkten wir, daß die englischen Bomben uns nicht erreichen

konnten, weil die Blockschiffe einen breiten Wall rund um Kopenhagen

bildeten.

Ich stand mit mehreren Bekannten auf dem Altan der Seecadetten-Akademie,

und blickte auf die Schlacht, welche nicht weit entfernt, gerade vor

unseren Augen gekämpft wurde. Wenn zehn Mal von den englischen Schiffen

geschossen wurde, so hörten wir es nur ein Mal von den Blockschiffen

donnern. Oft flog eine glühende Kugel von der Quintusbatterie empor.

Wir sahen jeden Augenblick englische Kugeln in den Wellen zischen, oder

sich matt in den Sand der Küste bohren. Ueber unsere Häupter flogen die

Bomben, gleich Raketen dahin, und sprangen in der Luft; nur sehr wenige

erreichten das Land. Wir waren Alle in der gespanntesten Erwartung.

Um 4 Uhr war die Schlacht vorüber, und Nelson sandte einen Parlamentair

ans Land, der einen Waffenstillstand vorschlagen sollte. Wir waren

Alle froh, und gingen nach Hause, um unsern Gründonnerstags-Kohl zu

essen. Unten auf dem Platze standen eine Menge bewaffneter Bürger.

Ein kleiner jovialer Mann, mit der Kokarde am runden Hut, dem Säbel

an der Seite, der Patrontasche auf dem Rücken und dem Gewehr auf der

Schulter, stand unter den Anderen, und fragte mich, als ich vom Altan

hinunterkam und vorüber ging: »Nun, wie ist es abgelaufen?« »»Ach,

mein lieber Landsmann!«« rief ich, und drückte ihm die Hände, »»Gott

beschützt uns, unsere Brüder haben wie Löwen gekämpft!«« Ich würde mehr

mit diesem wackern Landsmanne gesprochen haben, aber ein Student meiner

Bekanntschaft zog mich an dem Aermel, und flüsterte mir in's Ohr: »Bist

Du von Sinnen, daß Du auf offner Straße mit dem Kerl sprichst? das ist

ja der berüchtigte Wirth, Prinz Kehraus!« -- »»Ich kenne ihn nicht,««

antwortete ich lachend, »»aber mag er sein, wer er wolle, in diesem

Augenblick sind wir Alle Dänen und Alle Soldaten.««

Was weiter kommen würde, wußten wir nicht; aber fürs Erste konnte

man nichts Besseres thun, als die Waffenübungen fortzusetzen, da in

diesem Lärm doch weder Zeit noch Ruhe zu friedlicher Beschäftigung war.

Das Studentencorps wurde unter dem Namen »Leibcorps des Kronprinzen«

organisirt, wir bekamen hübsche Uniformen, dunkelblaue Jacken mit weißen

Litzen, grauen Hosen, Halbstiefeln mit Quasten, runden Hüten mit weißen

Kokarden und schwarzen Federn. Die Unteroffiziere trugen silberne

Epaulettes.

Es wurden verschiedene Feste nach der Schlacht zu Ehren der Seehelden

veranstaltet. Die Gefallenen wurden zusammen in einem großen Grabe

beerdigt, und Ein Hügel wurde über sie, wie über die Helden des

Alterthums, aufgeworfen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich einige

Gedichte. Es wurden viel gute Lieder gedichtet, aber auch unendlich viel

schlechte und trivielle, was bei der eiteln Wiederholung des Abgenutzten

nur die Begeisterung travestirte.

Nun wurden auch Unteroffiziere und Sergeanten für die Studenten gewählt.

Offiziere konnten damals nur wirkliche Militairs werden; nur ein Paar

Veteranen, =Rahbek= und =Thomas Christoffer Bruun=, die aus alter

Studentenliebe in das Corps eingetreten waren, wurden als Lieutenants

_à la suite_ angestellt. Bei dieser Gelegenheit zeichnete Rahbek sich

sowohl durch seinen außerordentlichen Eifer für den Dienst, wie durch

seine Unbeholfenheit aus, die sich besonders beim Marschiren zeigte,

wenn er bei feierlichen Gelegenheiten als Lieutenant mit dem Säbel in

der Hand marschirte.

* * * * *

Ich wurde gleich Unteroffizier, und kurze Zeit darauf Sergeant und

Fahnenjunker beim ersten Bataillon. Meine ästhetische Preisabhandlung

und einige im »Zuschauer« und in der »Charis« abgedruckte Gedichte

verschafften mir vielleicht die Stimmen zu dieser Wahl; denn ich hatte

nur wenige persönliche Bekanntschaften unter den Studenten gemacht.

[Sidenote: Das Lied vom braven Manne.]

Ein seltsames Ereigniß muß ich erzählen, das zu dieser Zeit eintraf.

Ich hatte Bürgers »Lied vom braven Manne« gelesen, es begeisterte mich,

und ich übersetzte es in's Dänische. Gerade als ich es beendigt hatte,

trat L. Kruse in mein Zimmer. Ich frage: »Was giebt's Neues?« -- »»Hast

Du nichts von dem heftigen Sturme heute Nacht gemerkt?«« -- »Nein, ich

habe ruhig geschlafen.« -- »»Es ist gewiß viel Unglück auf dem Meere

geschehen,«« fuhr Kruse fort -- »»aber ein Unglück wenigstens ist durch

den Heldenmuth eines Seemanns verhindert worden. Die Leute auf einem

gestrandeten Schiffe, weit draußen auf der Rhede, konnten sich nicht

retten; tausend Menschen standen auf der Zollbude, keiner wagte sich

hinaus. Da kam der Grossirer =Staal Hagen=, und versprach Demjenigen

eine bedeutende Summe, welcher sie retten würde. Der Fischer =Lars

Bagge= springt in ein Boot, rettet die Schiffbrüchigen mit Lebensgefahr,

und bittet den Kaufmann, diesen das Geld zu geben; selbst wolle er

nichts haben.«« -- »Nein!« -- rief ich aus -- »das ist zu seltsam!«

-- »»Was meinst Du?«« -- »Da liegt die ganze Geschichte poetisch

beschrieben auf dem Tische! Ich brauche nur die Namen und einige

Nebenumstände zu verändern.« Ich erzählte nun Kruse den Zusammenhang,

und er war eben so erstaunt wie ich. Das Gedicht wurde gedruckt und

gefiel; aber den wunderbaren Zufall verschwieg ich, aus Furcht, daß

man ihn für erdichtet halten würde. Viele Jahre später habe ich das

Ereigniß in meinen gesammelten Gedichten, in dem kleinen Gedichte »die

Vorahnung,« welches der Romanze =Lars Bagge= folgt, erzählt.

* * * * *

Der ehrwürdige alte Tode war Rector in dem Jahre, wo ich Student wurde;

er hatte meine kleinen Gedichte gelesen, und besonders hatte Lars Bagge

ihm gefallen. In einem kleinen Gedichte, das er mir für mein Siofna gab,

hat er mir zuviel Lob gespendet; unter Anderm stand da:

»Das Volk wird Dich preisen

Als Schöpfer so herrlicher Weisen!

Lars Bagge besangst Du, die That die ihn ehrt,

Dein Lied ist des Retters, des trefflichen, werth.«

Ich fand das Lob übertrieben, ließ diese Verse weg, und bat den

Verfasser, mir das Streichen derselben zu verzeihen. Aber dies war

erst im Jahre 1802, und bereits im Jahre 1800 zeigte er mir väterliche

Aufmerksamkeit. -- Doch -- ich habe ein Lied zu seiner Ehre in Dreier's

Klub geschrieben. Als ich ihm nun die zehn Reichsthaler für meinen

akademischen Bürgerbrief zahlen wollte, gab er mir dieselben mit den

Worten zurück: »_Clericus clericum non decimat._« Dies rührte mich

ungemein und gab mir Muth; es war die größte Ehre, die ich bis dahin

genossen hatte.

* * * * *

[Sidenote: Brief von Baggesen.]

Baggesen sandte mir kurz nach der Schlacht vom 2. April einen Brief,

angeblich mit Liedern, die jedoch nicht beigefügt waren, welche er mich

dem Volke vorzusingen bat. Der Brief lautet folgendermaßen:

Paris, den 13. April.

Mein Freund!

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 13 / 20 段