Ebbesen, des Secretairs, späteren Professors Sander. In der Schule
»für die Nachwelt« hatte er mich ein halbes Jahr lang Deutsch gelehrt,
und immer von der Tugend gesprochen, so daß ich ihn für den größten
Tugendhelden hielt. Ich las ihm ungefähr die Hälfte des ersten Buches
der Aeneide in einer mittelmäßigen Hexameterübersetzung vor, und
er lobte meinen Fleiß. Sander war ein kleiner, kränklicher Mann,
tüchtiger Kopf, durch die Lectüre der besten deutschen Werke gebildet.
Er war Lehrer in einem Erziehungsinstitute mit Basedow gewesen und
hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, die wenig bekannt waren.
Nach Dänemark war er als Hauslehrer der Kinder des Grafen Reventlow
gekommen und nun bei der Straßenbaucommission angestellt. Er hatte gute
Fortschritte in der dänischen Sprache gemacht und schrieb plötzlich den
Niels Ebbesen. Dieses Trauerspiel machte großes Glück und Sander wurde
gleich von Vielen als einer der größten Dichter Dänemarks angesehen. Was
Wunder, wenn das den kränklichen Mann ganz wirr im Kopf machte: und muß
man es ihm nicht verzeihen, wenn er später einen Schüler mit bitterm Haß
verfolgte, weil er glaubte, daß dieser ihn mit Unrecht verdunkele? --
So lange ich Sander meine dramatischen Versuche vorlegte und ihn
geduldig das Eine nach dem Andern cassiren ließ, hörte er mich mit
freundlicher Aufmerksamkeit an, und hatte die beste Hoffnung für mich.
Aber als ich selbständig werden wollte, war's mit der Freundschaft
aus. --
Zu seinem Lobe muß ich übrigens sagen, daß er im Anfange ganz richtige
Bemerkungen machte, als ich ihm meine ersten unreifen Jugendproducte
vorlas. Ich verdanke ihm auch meine erste Bekanntschaft mit Göthe.
In meinem neunzehnten Jahre hatte ich -- unbegreiflich genug -- noch
Nichts von diesem großen Dichter gelesen. Man hatte ihn mir immer
als einen überspannten Schwärmer genannt, der Leute dazu verführte,
sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Die Uebersetzung von
Werther's Leiden war früher hier zu Land verboten gewesen und das
Verbot nicht zurückgenommen worden. Ich glaubte lange Zeit, daß Göthe
ein unmoralischer Schriftsteller sei, dessen Werke junge Leute nicht
lesen dürften. Auch Sander sprach von ihm mit einer Art Grauen, wie
von einem Manne mit wilden stolzen Leidenschaften, der sein schönes
Genie gemißbraucht habe. Doch könne man ihm Genie nicht absprechen;
im Gegentheile müsse man gestehen, daß er eine ungewöhnliche Portion
davon besitze. Sander lieh mir einige von Göthe's Werken mit väterlicher
Ermahnung und Vorsicht, als ob es Pulver und Blei, oder giftige
Medicamente seien, die eben so leicht schaden, wie nützen könnten; und
mit großer Neugier nahm ich Werther's Leiden und Götz von Berlichingen
mit nach Hause. --
[Sidenote: Eindrücke von Schiller.]
Schiller's erste Werke hatte ich bereits gelesen. Ich entsinne mich
deutlich, daß die Räuber einen tiefen Eindruck auf mich machten,
besonders Karl Moor's liebenswürdige Schwärmerei und edler Tiefsinn
mitten im Kreise der herrlich geschilderten Verbrecher; wo die schönen
Reste der verführten Ehrlichkeit des derben Schweizers einen so
interessanten Gegensatz zur Schurkerei des niederträchtigen Spiegelberg
bilden. In dem letztern glaubte ich einige Aehnlichkeit mit einem alten
Jugendbekannten, dem französischen Cartouche, zu finden. Roller's
Abenteuer, wie er vom Galgen mit dem Stricke um den Hals herbeirannte,
spannte mich ganz besonders; Karl's unglückliche Liebe rührte mich; und
in der letzten Scene, wo er hingeht und sich selbst der Gerechtigkeit
überliefert, war ich mit ihm versöhnt und fühlte ein inniges Mitleiden
mit dem Unglücklichen.
Von dem Eindrucke, den Fiesco und Kabale und Liebe damals auf mich
machten, kann ich mir keine klare Rechenschaft geben. In Fiesco habe
ich gewiß ein lebendiges Bild von Italiens Ueppigkeit und Leidenschaft
gesehen; in Kabale und Liebe glaubte ich meinen alten Bekannten,
Iffland, mit dem Cothurne statt der gewöhnlichen Socken zu erblicken.
Don Carlos las ich mit großer Ehrerbietung. Ich liebte den Marquis
Posa, weil er liebenswürdig war; das Unhistorische in seinem Wesen
bemerkte ich damals noch nicht. Das herrliche Portrait Philipps II.
machte mich schaudern; ich erstarrte zu Eis, indem ich seine kleinliche
Größe betrachtete. Wie lieb mir Schiller's Geisterseher war, entsinne
ich mich noch ganz deutlich. Ich fühlte tief das Wunderbare darin, das
nicht in dem Uebernatürlichen besteht (denn dies, ahnt man gleich, ist
Betrug), sondern in der Schilderung des geistigen Zustandes, in welchem,
wie Lessing sagt: »das Samenkorn zu dem Glauben an das Uebernatürliche
liegt.« Das interessante Buch bereitete mir Tantalusqualen, weil es
nur ein Fragment war. Ich sah noch nicht ein, daß es nie etwas Anderes
sein konnte, und daß die Dissonanz nie aufgelöst werden durfte, wenn
das Geheimniß hier -- wie in der großen Natur -- ein Geheimniß bleiben
sollte!
[Sidenote: Götz von Berlichingen.]
Nun las ich Götz von Berlichingen mit demselben Genusse, mit dem ich
in der Kindheit meine Lieblingsbücher gelesen hatte. Das heißt, ich
merkte gar nicht, daß ich las, daß es Poesie war. Es war die Begebenheit
selbst, die ich erlebte. Ich war nach Deutschland in die Zeiten des
Faustrechts hingezaubert, und genoß den herrlichen Anblick eines
Ritters, der das treueste, edelste Herz, den liebevollsten Character
zeigt, ohne sich doch ganz von den Vorurtheilen und übeln Gewohnheiten
seiner Zeit loszureißen, deren Opfer er wird. Aber gerade dies macht
ihn in hohem Grade poetisch. Ich folgte Göthe's Geist, wie der treue
Knabe Georg seinem Herrn in der Schlacht. Ich kroch in den großen
Dichterharnisch; und obgleich ich ihn noch nicht ausfüllen konnte,
tröstete ich mich mit Götzens Worten: »Die künftigen Zeiten brauchen
auch Männer.« -- Ich erquickte mit Götz den armen Mönch, besuchte den
Bischof von Bamberg und trank noch besser, als seine Gesellschaft;
denn sie bekam nur guten Rheinwein, aber ich trank den herrlichsten
Dichterwein. Ich hörte Liebetraut mit der Leier tändeln, während Göthe
die Harfe mit tiefem Ernst schlug. Ich verliebte mich in die schöne,
stolze, sinnliche Adelheid, ebenso wie Franz; beklagte aber, daß er
nicht, wie ich, Götzens Georg zum Freunde hatte, denn dieser würde ihm
gewiß von jenem Schurkenstreiche abgerathen haben. Ich bewunderte den
vornehmen, feinen, wankenden Ultra-Weißlingen; ich haßte ihn; aber als
der Tod seine kalte Stirn küßte, war ich mit ihm versöhnt und es freute
mich, daß Maria ihn noch einmal in seiner Todesstunde besucht hatte.
Bei Götz auf der Burg war ich zu Hause, wie bei meinen Aeltern auf dem
Friedrichsberger Schloß. Es freute mich, daß es dort nicht vornehmer
herging, daß der Ritter so patriarchalisch und idyllisch, wie Abraham,
zwischen seinen Dienern saß. Die letzte Flasche, der letzte Tropfen und
»es lebe die Freiheit!« füllten meine Augen mit Thränen und meine junge
Brust mit großen Ahnungen. Ich habe bereits erzählt, daß ich zuweilen
den Bleideckern auf das Dach folgte, und so war es mir ein Leichtes,
Georg bei dem Herunterholen der Dachrinnen zu helfen. Freilich hielt
ichs mit den Bürgern. Aber Bürgerdummheit war mir ebenso zuwider, wie
Adelsdummheit; und es entzückte mich, als Götz mit der Eisenhand die
drohenden Philister von Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und allen anderen
Uebeln curiren wollte. Wie gern streifte ich im Walde mit den Zigeunern
umher! ihr wildes Wesen hatte bei alle Dem doch etwas Tröstliches. Bei
ihnen ging es doch ordentlicher zu, als in dem heiligen römischen Reiche
zu Götzens Zeiten. Mitten in dem Taumel und unter den vielfältigen
Verbrechen, erscholl die Stimme des heimlichen Gerichtes, wie der
Posaunenton des jüngsten Tages; da hörte ich wieder Vogler's Orgel.
Und in dem kleinen Klostergarten sah ich die unsterbliche Seele des
sterbenden Helden sich gleich einem schönen Vogel durch die Bäume in die
Wolken schwingen.
Und dieses Meisterstück -- dieses Product des herrlichen Dichtergeistes,
hörte ich später herabwürdigen, weil es keinen Zusammenhang habe! O
ihr Thoren! ihr zusammenhängenden Menschen! Ihr werdet niemals klug,
lernt es niemals, den Kern der Schale vorzuziehen. Wie kalten Chinesen
imponirt euch nur die äußere Form. Ein zusammenhängendes Schaffot, auf
dem ein tragischer Verbrecher hingerichtet wird, kann jeder poetische
Tischler euch zusammenleimen; -- aber solch einen Straßburger Münster
bauen -- --!
[Sidenote: Werther's Leiden.]
Werther's Leiden erfreuten mich ebenso sehr, wie Götz von Berlichingen,
und so verschieden auch diese Werke sind, fand ich in beiden doch eine
gewisse Gleichheit. Dort eine schöne Darstellung politischer Verwirrung,
wo ein edler Geist mitten in den wildesten Thaten wirkt und endlich den
Verhältnissen unterliegt; hier eine ebenso schöne Darstellung von der
Verwirrung der Seele, wo ein edles Gefühl sich mitten in den wilden
Leidenschaften äußert und zuletzt gleichfalls an den Verhältnissen zu
Grunde geht. Das Buch bewegte mich sehr, betrübte mich aber nicht; denn
es schilderte ja nur, wie alle guten tragischen Werke, das =Schöne im
Unglück=. Für diese herrlichen Gefühle, Naturanschauungen, großen Ideen,
Begeisterungen, für diese meisterlich geschilderten Geistesverwirrungen
war Werther's Unglück eben so nothwendig, wie das Wasser es ist, um ein
Mühlrad zu drehen; wie die sonnenverhüllenden Wolken, um das schöne
Farbenspiel der Morgen- und der Abendröthe hervorzubringen.
Ich fühle wohl, daß, indem ich diese und ähnliche Gedanken ausspreche,
sich die Gefühle des Jünglings mit dem reifern Urtheile des Mannes
verbinden. Wie wäre es auch anders möglich? Und deßhalb hat Göthe wohl
auch seine Lebenserinnerungen »Wahrheit und Dichtung« genannt. Er will
nämlich nicht gerade sagen, daß man etwas Wahres und etwas Erfundenes in
seiner Lebensbeschreibung findet, sondern: daß jede Lebenserinnerung,
die durch die Kunst zusammengedrängt, von dem Störenden befreit, und mit
späteren, reiferen Ansichten vermischt ist, zu einer Dichtung wird und
gerade dadurch erst an echter Wahrheit gewinnt.
Ich bin mir bewußt, daß ich nie als Mann einen Gedanken gehabt habe, der
nicht bereits als Kind bei mir ein schlummernder Traum war, undeutlich,
wie das Blatt in der Knospe, ehe sie sich entfaltet. Und noch jetzt
kann ich, wie als Kind, als Jüngling, genießen; mich an allen schönen
Einzelnheiten erfreuen und mich so in eine Vorstellung hineinträumen,
daß ich für eine Zeitlang Kunst und Reflexion ganz vergesse. Wer das
nicht kann, hat durch seine Bildung seine philosophische Erkenntniß
nur verloren und Nichts gewonnen. Denn wir sollen von dem Baume der
Erkenntniß genießen, ohne aus dem Paradiese gejagt zu werden; wir
sollen, wenn wir wollen, wieder zum Baume des Lebens zurückkehren
können, sonst hat unser Hochmuth gesündigt und wir erkennen zuletzt
nicht einmal mehr unsere eigene Nacktheit.
Die aus unzähligen Blumen herausgepreßte ästhetische Rosenessenz
ist stark und riecht gut, oft -- fast zu gut -- nach Rosen! Aber
die kräftigste Essenz ist doch nicht mehr die Rose; und wer (den
Destillateur ausgenommen) zöge nicht die einfache, poetische, lebendige
Rose, wenn sie wieder blüht, die zwar nicht so stark, aber süßer und
himmlischer duftet, vor.
O wie gern, Werther, kehre ich zu Deinen ländlichen Schwärmereien
zurück! Wenn Du mit den kleinen Kindern sprichst, im hohen Grase
liegst, und Pfänderspiele mit der holden Lotte spielst, während Dein
Schicksal draußen donnert und droht. Tag für Tag lebe ich mehr mit Dir
und ergehe mich mit Dir in Betrachtungen über Natur und Liebe und sehe
den schönen Frühling schwinden, den warmen harmonischen Sommer sich in
einen bleichen Herbst verwandeln, in dem der Ossian stürmt und sich als
blasser Mond in Trauerwolken zeigt; bis der weiße Schnee Deinen kleinen
Grabhügel bedeckt. Ach, Dein Unglück war nicht groß! Du schlummertest
im süßen Rausch der Liebe hin, in welchem der Mensch den Egoismus so
ganz vergißt, daß selbst die sonst so fürchterlichen Schrecken des Todes
verschwinden. Aber Lotte beklage ich mehr, die den langen freudenlosen
Weg mit dem kalten Albert gehen mußte, den sie nicht liebte, und wo nur
die Pflichten gleich blätterlosen Bäumen ohne Schatten am Wege stehen.
Kalte Menschen klagen darüber, daß Werther's Leiden einige
schwärmerische Jünglinge zum Selbstmorde verführt haben. Und darum
sollte Göthe sein Buch nicht geschrieben haben? Dann dürfte man auch
keinen Brunnen graben, weil unvorsichtige Kinder zuweilen hineinfallen
und ertrinken. In Werther's Leiden ist, wie in jedem echten Dichterwerk,
eine wahre Lebensquelle, und wie viele geistig Durstige haben sich nicht
an dieser schönen Quelle gelabt? Wollte doch die Geschmacklosigkeit
bedenken, wie viele langsame Selbstmorde der gemeine Egoismus, der
kleinliche Eigennutz, die vorsichtig feige List verursachten! Sie
verhalten sich zu den Selbstmorden einer überspannten Begeisterung,
wie tausend zu eins! -- Denn daß auch mit gefühlvoller Begeisterung
coquettirt werden kann, daß kindische Affectation und Narrheit zuweilen
einen oder den andern Gelbschnabel dahin brachten, Werther im Tode
nachzuahmen, ohne doch nur das Geringste seines Geistes und seiner
Kraft im Leben besessen zu haben, ist gewiß. Ich nehme auch nicht den
Selbstmord unter irgend einer Form in Schutz; er bleibt immer eine
Schwäche, eine Sünde. Meine Ansicht ist nur, daß Werther liebenswürdig,
edel und rührend selbst als Sünder ist; und daß viele Sünder, ohne seine
Liebenswürdigkeit, seinen Seelenadel und Verstand, mit viel gröberen
Sünden, ihn in ihrer eingebildeten Weisheit thöricht tadeln.
* * * * *
Daß übrigens junge Leute mit poetischem Sinn allerdings in Gefahr
gerathen können, indem sie mit solchen Gefühlen zu leicht =spielen=, ist
ebenso gewiß. Ich habe selbst ein Beispiel davon erlebt. Zugleich mit
mir las einer meiner Bekannten den Werther. Wir fanden es Beide sehr
schön, daß Werther sich todt schoß, wir waren darüber einig, daß wir an
seiner Stelle ebenso gehandelt haben würden. Einige Zeit darauf kam er
finster und bewegt zu mir hinauf, nahm eine Pistole, Pulver und Kugel
aus der Tasche und erzählte mir, daß er nun auf den Assistenzkirchhof
ginge und sich eine Kugel durch den Kopf schieße, da er sich verliebt
habe und seine Geliebte ihn nicht wieder liebe; dies würde er nun zwar
ertragen haben, aber daß sie ihn verachte, das könne er nicht überleben.
Mir blieb der Verstand stehen. »Bist Du toll?« rief ich, »das wird
nie geschehen.« -- »»Willst =Du= mich daran verhindern?«« fragte er
erstaunt. »»Das hätte ich nie geglaubt. Ich glaubte gerade bei Dir
Unterstützung zu finden, und deßhalb bist Du der einzige Mensch, dem
ich's anvertraue, und von dem ich Abschied nehme, da ich doch ein Herz
haben muß, vor dem ich mich ausschütten kann.«« Ich machte ihm alle
möglichen Vorstellungen, um ihn von dem Verrückten in seinem Unternehmen
zu überzeugen. »Werther«, sagte ich, »schoß sich gerade todt, weil Lotte
ihn liebte und ihn nicht bekommen konnte. Wie kann man sich tödten, weil
man von einem Mädchen verachtet wird? Wie die Liebe Gegenliebe weckt,
muß ja unverdiente Verachtung wieder Verachtung in einer hohen Seele
wecken.« -- Es half Alles nichts; er wollte sich erschießen, weil sie
ihn verachtete. Nun nahm ich die Pistole, steckte sie in die Tasche und
sagte: »Wenn Du ein ehrlicher Kerl bist, so gehst Du nicht, bis ich
wiederkomme, darauf wirst Du mir Dein Ehrenwort geben.« Das gab er.
-- »Es muß ein Mißverständniß sein«, sagte ich. »Nun werde ich gleich
zu dem Mädchen hinlaufen und Dir ihre Achtung holen.« Damit ging ich.
Ich kannte sie gar nicht, ließ mich melden, und bat, einen Augenblick
allein mit ihr sprechen zu dürfen. Sie stutzte, bat mich aber, ihr in
ein anderes Zimmer zu folgen. Hier nahm ich die Pistole aus der Tasche,
hielt sie ihr hin und sagte, indem ich mich tief verbeugte: »Mit dieser
Pistole wollte mein Freund sich eben erschießen, weil er glaubt, daß
Sie ihn verachten.« Sie sank auf einen Stuhl, war einer Ohnmacht nahe,
und wenn in diesem Augenblick Jemand ins Zimmer gekommen wäre, und
hätte die Dame halb todt hingesunken und einen fremden Menschen mit
einer Pistole in der Hand gesehen, so hätten sie mich vermuthlich als
einen Mörder gefaßt. Glücklicherweise kam Niemand, sie kam wieder zur
Besinnung, dankte mir auf das Verbindlichste und versicherte, daß sie
die größte Achtung vor meinem Freunde habe, obgleich sie gestand, daß
sie ihn nicht lieben könne. »Ja, das ist schon gut«, sagte ich, »mehr
verlangt er nicht.« Ich verbeugte mich, eilte nach Hause, und brachte
dem Unglücklichen die Achtung seiner Schönen; er athmete wieder leicht,
beschloß zu leben und lebte noch viele Jahre. -- Es waren Narrheiten!
wird man sagen. Ganz richtig! Die Jugend begeht, wie das Alter, viele
Narrheiten. Aber wo findet man die Grenzlinie zwischen Ernst und Tand in
dem menschlichen Herzen, und wie oft hat nicht eine flüchtige Thorheit
den Menschen das Leben gekostet. Es ist doch sehr möglich, daß ich das
Leben des guten Freundes rettete. Er versicherte mir später oft selbst,
daß es sein Ernst gewesen sei; und er war ein junger Mann von Character.
[Sidenote: Tod meiner Mutter.]
Wie ich kurz darauf selbst verliebt wurde, aber glücklicher, als
mein Freund, werde ich bald erzählen. Zuerst aber traf eine traurige
Begebenheit ein, nämlich meiner geliebten Mutter Tod.
* * * * *
Meine Mutter hatte einen seltenen Verstand, ein starkes Gefühl,
das sich in ihrem Krankheitszustande doch etwas der Schwärmerei
näherte. In ihren letzten Jahren suchte sie meistentheils Trost in
der Religion, las viel in Schmolke's Andachtsbuch, in Gellert's und
den alten deutschen Psalmen. Besonders war »Jesus, meine Zuversicht«
ihr Lieblingspsalm. Auch las sie fleißig Predigten, wenn sie nicht
in die Kirche gehen konnte. Sie hatte sich stets bemüht, die Herzen
ihrer Kinder frühzeitig für fromme Gefühle zu stimmen. Wir setzten in
unserer Kindheit am Weihnachtsabend große Zinnteller auf den Tisch im
Staatszimmer und gingen in die andere Stube, wo wir das Evangelium lasen
und Weihnachtspsalmen sangen. Indessen hörten wir den Engel drinnen im
verschlossenen Zimmer die Teller mit Nüssen, Aepfeln und Confect füllen.
Mehrere Jahre glaubten wir wirklich, daß ein schön geflügelter Engel
vom Himmel herabkam und uns die Gaben brachte. Eines Weihnachtsabends
spielte ich vorher mit meiner Schwester auf dem Hofe; der Himmel war mit
Wolken bedeckt, nur ein kleiner klarer Fleck war von der blauen Luft
zu sehen. »Siehst Du«, sagte ich, »da ist das Loch! da kommt er gewiß
durch.«
Während nun vierschrötige, lustige Holsteiner, die mit Grützwaaren
und Käse nach Kopenhagen segelten, meinen Vater besuchten und mit ihm
von ihrer Jugend schwatzten: suchten in der letzten Zeit, als meine
Mutter schwächer geworden war, einige fromme Handwerksmeister von den
sogenannten Heiligen, sie für ihre Secte zu gewinnen. Sie brachten
Gebetbücher mit, und ich hörte sie viel von »des Lammes Blut« sprechen.
In den Gebetbüchern waren auch Kupferstiche, mit Lämmern darauf, welche
Siegesfahnen hielten. Nach einigen vergebens angestellten Versuchen
zogen die Frommen sich doch zurück und sollen gesagt haben: Bei der Frau
wäre vielleicht noch einige Hoffnung gewesen, aber mit dem Manne sei
kein Auskommen. Sie kränkelte nun mehr und mehr und näherte sich dem
Grabe. Sie hatte stets innigen Antheil an meinem Schicksale genommen,
hatte mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern es mir auch durch
mütterliche Pflege in einigen Kinderkrankheiten gerettet. Meine Mutter
liebte mich innig und ich glich ihr sehr. Das Gefühl der Wehmuth und
einen tiefen Ernst bekam ich von ihr, von meinem Vater Gesundheit und
Munterkeit. Einbildungskraft und Feuer hatten sie Beide, er mehr für
das Lustige; das Tragische erbte ich von meiner Mutter. Und doch sollte
sie keine Früchte meiner Muse sehen und sich darüber freuen! Kein
Lorbeerblatt sollte ich ihr bringen und es mit ihr theilen; nur auf ihr
Grab konnte ich es legen. Und wie groß wäre ihre Freude gewesen, wenn
sie nur eine Ahnung davon gehabt hätte, daß ihr Sohn etwas mehr, als das
ganz Gewöhnliche werden würde. -- Aber die hatte sie doch! Ich theilte
ihr meine ersten kleinen Jugendversuche mit, und diese erfreuten sie.
An dem Abend, wo ich zum ersten Male auf der Bühne auftrat, war mein
Vater im Theater gewesen, meine Mutter und Schwester waren aber zu
Hause geblieben. In dem kalten, dunkeln Winterabend, gerade in dem
Augenblicke, wo das Stück anfangen sollte, wurde meine Mutter so
unruhig, daß sie es nicht länger im Zimmer aushalten konnte; sie ging
in den Bogengang hinaus, weinte und betete für mich zu Gott. Hier traf
sie die Frau des Wächters, die ihre Gefühle mißverstand. »Ach, Madame«,
sagte sie, »weinen Sie doch nicht, er kann sich ja noch bekehren.«
Von dieser Bekehrung, welche die gute Wächtersfrau prophezeihte, war
meine Mutter doch noch Zeuge gewesen; und obgleich sie Nichts gegen mein
erstes Vornehmen gehabt hatte, so freute mein veränderter Lebensplan
sie doch nichts destoweniger, weil sie fühlte, daß mein schüchternes,
empfindliches Wesen der Freiheit und Ruhe bedürfe, wenn es sich recht
entwickeln solle.
Ich sah sie also hinsinken, nachdem sie einen zärtlichen Abschied von
uns Allen genommen hatte. Ich sah ihre Augen, die den meinigen so sehr
glichen, erlöschen und brechen. Die Hände, die mich so oft gehegt und
gepflegt hatten, griffen unstet nach dem Bettzeug, und die kalten
Fingerspitzen berührten einander in dem gewöhnlichen Todesspiele. Und so
schlummerte sie ein; mein Vater drückte ihr die Augen zu, und Gellert's
Psalmen, die sie im Leben so begeistert gesungen hatte, legte er auf
ihre Brust. Nun ruht sie auf dem Friedrichsberger Kirchhof, wohin mein
Vater und meine Schwester ihr folgten, wo Camma Rahbek ruht, und wo auch
ich einmal zu ruhen wünsche.
* * * * *
[Sidenote: Christiane Heger.]
Gleich nach dem Tode meiner Mutter machte ich auf dem Hügelhause
die Bekanntschaft der Schwester der Frau Rahbek, einer Tochter des
Justizraths, späteren Etats- und Conferenzraths Heger; =Christiane
Georgine Elisabeth Heger=: ein sehr hübsches Mädchen von siebzehn
Jahren, gesund und kräftig, mit großen, blauen Augen, schneeweißer Haut,
Rosenwangen und mit einer Haarfülle, wie ich ihres Gleichen nie gesehen
habe; denn wenn sie die langen blonden Haare herabfallen ließ, so konnte
sie sich ganz darin einhüllen. Als ich sie zum ersten Male sah, band
sie einen Kranz von Kornblumen, ich habe den Kranz aufbewahrt, und
einige der abgefallenen Blätter blieben lange Zeit blau. Jetzt sind auch
sie gebleicht. Sie ist nicht mehr! --
Wie gern ich also zu Rahbek's »Hügelhause« ging, begreift man leicht.
Nach einem schönen Spaziergange traf ich dort einen launigen Dichter,
eine lustige, witzige Freundin, eine seltne Gastfreundschaft und ein
schönes Mädchen, die sehr ruhig bei ihrer Handarbeit saß, in deren
Augen ich aber doch, wenn sie von der Arbeit aufblickte, eine gewisse
Aufmerksamkeit für mich zu lesen glaubte.
Nun ging es ganz vortrefflich mit lustigen Erzählungen und Gesprächen
den ganzen Abend. Frau Rahbek hatte eine eigne Art, sich Freunde und
Anhänger zu erwerben: sie neckte sie unaufhörlich, lauschte ihnen ihre
Eigenheiten und kleinen Schwächen ab, hatte sie auf die liebenswürdigste
Art von der Welt zum Besten, machte mit unendlichem Witz ihre
Persönlichkeiten nach (denn sie hatte, wie alle Hegers, das Talent,
die Stimme und Bewegung anderer Menschen höchst treffend nachzuahmen),
und gab ihnen Spitznamen, und Keiner, der zu ihr kam, wurde von ihr
bei seinem rechten christlichen Namen genannt. Mich nannte sie den
=Adagiospieler=, weil ich einem Adagiospieler gleichen sollte, den sie
gekannt hatte; ihre Schwester nannte sie =Atair=, weil Christiane einmal
diesen Stern genannt hatte, und weil Camma (eine Zusammenziehung von
Karen-Margaretha) fand, das sei zu viel Astronomie für ein so junges
Mädchen. Rahbek, der etwas diogenisch in seinen Manieren war, mußte sich
als liebes Kind darein finden, viele Namen zu haben. Meine Schwester
nannte sie =Oder so was=, weil Sophie, wenn sie sprach, diese Worte oft
wiederholte. Mein Vater hieß =Pole=, weil er mit seiner weichen, raschen
Zunge größtentheils Polekum, statt Publikum sagte.
Auch Freunde wurden von dieser Anabaptistin umgetauft; und dann konnte
es zuweilen wohl nach Verdienst treffen, daß die Satyre etwas geißelte.
Uebrigens wußte sie stets mit Grazie und Feinheit, Achtung und Schonung
mit ihrem Uebermuthe zu vereinigen; so daß sich Jeder sogar einen
solchen Beinamen von ihr wünschte.
Da nun alle diese Benennungen eine historische oder allegorische
Bedeutung hatten, so bildete sich nach und nach unter uns auf dem
Hügelhause eine Art Mythologie, in die man eingeweiht sein mußte, um die
Kunstwerke solcher Laune und Munterkeit zu genießen, zu der wir Anderen
auch unser Schärflein beitrugen. Ein Fremder hätte nicht ein Wort von
unseren täglichen Scherzen verstanden.
[Sidenote: Meine Verlobung.]