Auch für Trinkgelage hatte ich nicht besonders Sinn; ein kleiner

traulicher Kreis war mir viel lieber. Einmal war ich mit Foersom und

Kruse an einem Ort, wo tüchtig getrunken werden sollte. Die Punschbowle

wurde dampfend auf den Tisch gesetzt, duftete sehr einladend,

und Foersom begann -- meiner Ansicht nach zu begeistert -- die

Vortrefflichkeit des Punsches zu loben. Ohne ein Wort zu sagen warf ich

mein Taschentuch in die Punschbowle. Foersom sagte: Das ist knabenhaft!

-- Ich nahm das ganz reine Tuch, welches leicht obenauf schwamm, wieder

aus der Bowle, zeigte es den Anderen und sagte: ich hätte es nur gethan,

um Foersom zu erschrecken, der Punsch habe keinen Schaden gelitten.

Darauf verbeugte ich mich und ging meines Wegs.

* * * * *

[Sidenote: Bernstorff und Suhm.]

Zwei große Männer starben damals kurz nach einander: Bernstorff und

Suhm. Eine große Volksmenge geleitete sie zum Grabe, und ich sang bei

der Trauerfeierlichkeit. Von Bernstorff's Verdiensten verstand ich noch

nichts, denn die Politik interessirte mich nur wenig; die französische

Schreckensperiode fiel in meine Kindheit, so daß ich nicht von einer

Schwärmerei erhitzt wurde, welche viele tüchtige Köpfe aus ihrem

natürlichen Gleichgewicht brachte. Zwar hörte ich oft meinen Vater und

seine Freunde von den blutigen Begebenheiten in Paris sprechen und die

Zeitungen lesen, das klang aber für mich so fremd, als ob es dem Sultan

und den Janitscharen in Constantinopel gelte.

Suhm kannte ich dagegen gut, obgleich ich ihn nie gesehen hatte. Die

ersten Theile seiner Geschichte Dänemarks, sein Buch von Odin hatte ich

wiederholt gelesen. Seine Todtenfeier wurde in Dreyer's Club abgehalten.

Als das Concert vorüber war, wurden Erfrischungen umhergereicht.

Kaum hatte ich ein Glas Punsch in die Hand genommen, als mir ein

freundlicher Mann entgegen kam. Ich erkannte gleich Rahbek, denn ich

hatte ihn einige Jahre vorher eine Rede in der Schule halten hören; sein

witziger geistreicher Zuschauer war meine wöchentliche, seine Minerva

meine monatliche Lectüre; seine Lieder und Erzählungen hatten mich oft

erfreut; ich wußte, daß er einen großen Einfluß auf den Geschmack und

die öffentliche Meinung besaß. -- Rahbek also kam lächelnd auf mich

zu und fragte: »Ist das nicht Oehlenschläger?« Und als ich diese Frage

bejaht hatte, sagte er: »Nun, dann wollen wir Brüderschaft trinken!«

-- Ich der achtzehnjährige Jüngling mit den »verborgenen Talenten« --

erstaunte sehr über diese Ehre, und ließ beinahe das Glas fallen, als er

mitten in dem großen Kreise Ernst damit machte. --

Später hörte ich, daß es seine Gewohnheit war, gleich mit den

Leuten Brüderschaft zu trinken, die er gut leiden konnte, um einen

vertraulichen Ton hervorzurufen, den er gern mochte, da er kein Freund

von Komplimenten war. Sein Name, seine Jahre, sein Geist und seine

Kenntnisse hielten die jungen Männer doch in einer ungezwungenen

Ehrerbietung.

* * * * *

[Sidenote: Sommertheater.]

Zu jener Zeit hatten Foersom, Laurits Kruse, ich und einige Andere

den Plan gefaßt, ein Privattheater für die Sommermonate zu miethen,

und daselbst zu spielen; denn obgleich ich sehr bald des öffentlichen

Spielens müde wurde, so mochte ich es im Privatkreise doch noch immer

sehr gern. Ich hatte schon einen dramatischen Prolog geschrieben, mit

dem diese Uebungen beginnen sollten. Ich besitze ihn noch. =Heros= und

=Davus= sind auf der Probe und repetiren ihre Rollen. Heros soll über

die Kälte seiner Geliebten erbittert sein, er beschließt auch, kalt zu

erscheinen.

=Heros.=

Nein! lachen soll sie nun nicht länger meiner Schmerzen,

Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn.

Ja! Ihr Gedächtniß soll verschwinden aus dem Herzen,

Das sei für ihren Trug der wohlverdiente Lohn.

Die Brust, die einst geglüht, soll gleich dem Schnee erstarren.

Vergebens wünscht sie dann, sie würde wieder heiß;

Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren;

Dann bin ich eisig ganz! --

(Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.)

Mein Gott, mich quält der Schweiß.

=Davus.=

Das ist natürlich auch. Im Sommer spielen wollen,

Ist ganz unmöglich ja. Das liegt doch auf der Hand.

Der blöde Einfall kommt gewiß von einem Tollen! --

Im Winter hab' ich nicht unmäßig viel Verstand;

Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassen

Und alle Sinne dann verschwinden in der Gluth,

Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen,

So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut.

Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren,

Nein, zum Komödienspiel braucht man womöglich zwei.

Vor Qualm und Tollheit noch gewiß wir hier crepiren.

Gott gebe, =die= Saison wär' glücklich erst vorbei.

=Ich=, der ich lachen soll, ich muß vor Hitze weinen;

Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust,

Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen,

Verdruß und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.

Dieser Verdruß und diese Noth, die ich im Prolog voraussah, haben

uns bei näherem Nachdenken wahrscheinlich von weiteren Schritten

abgeschreckt, denn es wurde nichts aus dem Ganzen.

* * * * *

[Sidenote: Häusliche Verhältnisse.]

Aber es ist Zeit, daß ich Etwas von meinen häuslichen Verhältnissen

erzähle, die einen so großen Einfluß auf mein Leben und auf das der

Meinigen ausübten.

Als ich die Studien verließ, um mich der Kunst hinzugeben, versprach

mein Vater, mich jährlich mit hundert Reichsthaler zu unterstützen, bis

ich seiner Hülfe nicht mehr bedürfen würde. In meinem damaligen Alter

und meinen Verhältnissen mir dies Geld selbst geben, wäre dasselbe

gewesen, als es in den Brunnen werfen und mich im höchsten Grade

unglücklich machen; als guter Vater bemühte er sich also, mich für diese

Summe in Kost und Logis zu geben, ebensowie damals, wo ich die Schule in

Kopenhagen besuchte; denn er betrachtete mich noch als ein Kind, was ich

in meinem achtzehnten Jahre auch wirklich vollständig war.

[Sidenote: Die Pension.]

Das Glück war mir stets günstig, wenn ich mich auf diese Weise

einquartieren sollte; ich hatte es sehr gut bei Gosch, bei Laasbye,

ich war nicht minder wohl aufgehoben bei Madame Möller; und zehn Jahr

später in Paris war Madame Gauthier eine Mutter gegen mich. Bei Frau

Stael-Holstein aber in Coppet lebte ich wie Adam im Paradies.

Mein Vater hatte sich an einen alten Bekannten gewandt, um eine passende

Stelle für mich zu finden; dieser brave Mann, den ich selbst nur den

Namen nach, und weil wir uns grüßten, kannte, war Herr =Hvalsöe=,

der als Junge von meiner Wiege weggelaufen war, vor Schreck, daß ich

keine Arme hatte. Er sprach mit der Färberwitwe, Madame Möller, und

diese nahm mich gegen die sehr billigen Bedingungen bei sich auf. Ich

hatte ein hübsches Zimmer, das mein Vater möblirte, und bekam Alles so

gut, wie die Familie. Daß sie bei diesem Contract nicht Seide spann,

versteht sich von selbst; aber es lag ihr auch nichts an Seide; sie und

ihre Schwester Benedicte gingen in selbstgewebten Zeugen gekleidet,

aber sie war eine reiche Frau. Die Bauern kamen haufenweise und ließen

ihre wollenen Stoffe blau, grün, hochroth und violett färben, und die

Schürzen der Bäuerinnen druckte sie auf dunklem Grunde voll mit weißen

Blumen. Sie war von munterm, naivem Charakter und mochte sehr gern

junge Leute um sich haben, um sich ihrer mütterlich anzunehmen. Daran

fehlte es denn auch nicht. Das Parterrelocal ihres Hauses bestand aus

einem Zimmer nach der Straße, in das die Bauern häufig kamen, aus

einem tiefen Zimmer nach dem Hofe zu, in dem wir jungen Leute mit ihr,

ihrer Schwester und den Gesellen aßen. Im Anfange stutzte ich freilich

etwas darüber, daß diese mit dunkelblauen Händen bei Tische saßen,

aber ich gewöhnte mich sehr bald daran, wie an die grünen Gräten eines

gekochten Hornfisches. Der Werkführer war ein ächter Troels in Holberg's

Wochenstube oder Henrik im Kannegießer, nur mit dem Unterschiede, das

er nicht witzig war; aber er war lustig, naiv, durchtrieben und mochte

gern mit der Madame scherzen, sie auf alte Weise »Mutter« und »Ihr«

nennen, was sie nicht leiden wollte, wenn Fremde zugegen waren, weil sie

fürchtete, daß es mißverstanden werden könne. --

Da sie selbst aus Slagelse war, so hatte sie eine Vorliebe für die

Slagelsener, und hatte eine Art Stipendium in dem vordersten Zimmer für

zwei Studenten aus Slagelse errichtet; die dort immer freien Tisch,

obgleich nicht immer freie Arme hatten, wenn nämlich allzu große Haufen

farbelustiger Bauern mit ihrem Zeug hereinstürmten. Unter diesen stillen

ehrbaren jungen Leuten, welche eilig aßen und dann wieder gingen, ohne

ein Wort zu sagen, war auch ein gewisser Herr Rosenkilde. Ich hatte

nichts weniger geglaubt, als daß er als Schauspieler mir dreißig,

vierzig Jahre später das Zwergfell so sehr erschüttern würde. -- Das

war die Marschallstafel, wir Anderen, die wir zum echten Blute der

Familie gehörten oder zu ihr gezählt wurden, aßen an der eigentlichen

Familientafel in den inneren Gemächern. Madame Möller stand der

Färberei vor, ihre Schwester hatte das Küchendepartement übernommen,

und die Köchin bereitete die Speisen unter ihrer -- Aufsicht -- kann

man gerade nicht sagen; denn diese übrigens herzensgute alte Jungfer

hatte unglücklicher Weise die Schlafsucht; was dazu beitrug, daß die

Speisen, übrigens reichlich eingekauft, zuweilen mißglückten. Ich habe

sie in Tante Ursula, in den »Inseln im Südmeere« geschildert. Sie stand

wirklich am Heerde mit hellblauem Filzhut, den sie schräg über eine

große Tour gesetzt hatte, und in so vielen steifen Unterröcken, daß

ich glaube, sie konnte ohne Füße, ebenso wie die bekannten Nürnberger

Puppen, aufrecht stehen; dies ist ihr übrigens oft zu Nutzen gekommen

und hat sie von dem Lebendigverbranntwerden, wie die indischen Frauen

gerettet, welcher Tod um so trauriger gewesen sein würde, da sie niemals

verheirathet war.

Ein Krämer, der nicht weit von Madame Möller wohnte, besuchte uns oft.

Er trug eine gepuderte Zopfperrücke, hatte einen dicken Leib und etwas,

wie soll ich es nennen, nobel Elephantisches in seinen Bewegungen. Er

sprach nur kurz, aber oft, dann stets im Lapidarstyl, und lagen auch

nicht viel gute Gedanken darin, so hatte er doch selbst um so bessere

Gedanken davon. Ich mußte oft an Ludwig XIV. oder wenigstens an Ludwig

XV. denken, wenn ich ihn mit der Würde ankommen sah, die über seinem

ganzen Wesen ausgebreitet lag. Er hatte das eigenthümlichste Talent,

jeden Augenblick etwas Einfältiges auf eine pikante und imponirende

Weise zu sagen.

Einen kleinen, dummen, spitznasigen Schulmeister hatte das Schicksal

neben ihn als scharfen Gegensatz zu seiner behaglichen Rundung gestellt.

Alles, worin sie sich glichen, waren ihre Geistesgaben und die Perücken.

Aber der Krämer war ein Herr »vom Leder,« wie man es in den deutschen

Bergwerken nennt, der Andere »von der Feder.« Jener konnte mit gutem

Profit Waaren verkaufen, Dieser lebte durch sein Latein und sprach von

grammatikalischen Fehlern, wie von Handlungen, durch die man sich für

ewig prostituiren könne.

Ein fremder Färber, der Madame Möller besuchte, vereinigte Gelehrsamkeit

mit dem Handwerk; er hörte Kratzenstein's Vorlesungen über die

Experimentalphysik. Am ersten Abend, wo ich mit ihm zusammen war, wollte

er mir seine Fertigkeit im Latein zeigen, und da die Rede davon war, das

Licht mitten auf den Speisetisch zu setzen, sagte er: »Wir wollen es in

_centrum gravitatis_ setzen,« hob es dann auf und ließ etwas Docht auf

die Decke fallen.

[Sidenote: Eine erfreuliche Bekanntschaft.]

Einer unserer eigenen Färbergesellen sah sehr weich und wehmüthig

aus; er betete immer sehr lange, wenn man zu und von Tische ging, mit

gefalteten dunkelblauen Händen. Er war ein Verwandter des sel. Etatsrath

Prof. Börge Risbrigh, der ihn zu Madame Möller in die Lehre gebracht,

»weil er« -- sagte er -- »keinen Kopf zum Studiren hat.« Hierüber wurde

Madame Möller, die ihr Geschäft nicht allein als Handwerk, sondern auch

als Kunst hochachtete, etwas verletzt, und bemerkte, daß auch Kopf

dazu gehöre, Färber zu werden, welches Risbrigh als guter Philosoph

nach genauer Ueberlegung durchaus nicht bestreiten konnte, so daß er

Mühe hatte, sich gut heraus zu ziehen. Später lud er den Verwandten ein

Mal auf folgende Weise zu sich: »Du kannst den ersten Osterfeiertag zu

mir kommen und bei mir essen; wenn Du gegessen hast, eine Tasse Kaffee

trinken, und dann kannst Du Deiner Wege gehen.«

[Sidenote: Die Gebrüder Oersted.]

Dies waren also die wichtigsten Planeten in unserm Sonnensysteme. Oft

kam noch eine kleine Ceres, Pallas oder Juno, die dem Ganzen entsprach;

denn es wimmelte von Tanten und Cousinen. Ich wende mich nun zu den

Kometen, die zwar dem Mittelpunkte sehr nahe kamen, aber nur um dann in

kühnen Ellipsen in weite Fernen zu eilen. Unter diesen -- zu denen ich

selbst mich zu rechnen wage -- war einer, der vor Kurzem seinen langen

hellen Schweif, -- ich meine seinen langen, blonden Zopf -- verloren

hatte, der ihm den Rücken entlang hing; es war dies der Brudersohn der

Madame Möller, ein junger Langeländer, der vor nicht langer Zeit Student

geworden war. Sein um ein Jahr älterer Bruder hatte dunkles Haar, ebenso

wie ich, doch nicht ganz so schwarz; -- ob er eben so schönes Haar

hatte, wie der Blonde, davon meldet die Geschichte Nichts.

Diese beiden Brüder kamen mir gleich am ersten Tage freundlich entgegen,

wir schütteten unsere Herzen vor einander aus und theilten uns unsere

Gedanken und Ansichten mit. Ich war ganz entzückt darüber, so viel

Weisheit in einem Färberladen bei so jungen Leuten zu finden. Wie sie

hießen hörte ich auch, vergaß es aber gleich wieder, da es mir immer

schwer wurde, fremde Namen zu behalten. Ich schrieb daher in mein

Tagebuch am nächsten Morgen: »Ich habe gestern Abend die Bekanntschaft

der jungen Herren (hier war ein offener Raum, um die Namen auszufüllen,

wenn ich sie wieder hörte) gemacht. Es sind ein paar vortreffliche

Menschen; ich bin überzeugt, daß wir die besten Freunde werden.« -- Am

nächsten Tage bei Tisch sah ich sie wieder und es war mir auffallend,

daß der Blonde fast einen ganzen Eßlöffel Salz in seine Suppe warf.

Ich fragte nun meinen Nachbar flüsternd, wie denn der junge Student

eigentlich heiße, und die Antwort war: =Anders Sandöe Oersted=. Der

Bruder, der mit dunklem Haare, hieß =Hans Christian Oersted=. -- Nun

vergaß ich sie nicht wieder. Ich wußte, daß es zu Holberg's Zeiten einen

Schauspieler gleichen Namens gegeben, der ihr Großonkel gewesen war;

und daher kam es vielleicht, daß Madame Möller kein Vorurtheil gegen

die Schauspielkunst hatte; ich danke es vielleicht den Manen des sel.

Oersted, daß ich in das Haus seiner Nichte gekommen und so früh ein

Freund seiner Nachkommen geworden bin.

Es währte nicht lange, bis wir vertraute Freunde wurden und ich richtete

folgendes Gedicht an sie:

Freundschaft, schönste du der Himmelsgaben,

Ach, den Glücklichsten erscheinst du kaum.

Oftmals träumt' ich, einen Freund zu haben,

Doch er schwand, zugleich mit meinem Traum.

Eigennutz, ein flüchtiges Empfinden,

Laune -- wurden Freundschaft oft genannt,

Und da sie die Herzen nie verbinden,

Löste bald sich das geknüpfte Band.

Zweifel schon erfüllt' mich, daß hienieden

Uns bescheert sei diese Seligkeit,

Hier, wo uns so wenig Lust beschieden,

Wo uns trifft so vieles herbe Leid.

Doch da fand ich Euch. Kein Zweifel kränkte

Nun mein Herz. An Eurer warmen Brust

Fühlt' den Trost ich, den der Himmel schenkte

Uns, den armen Sterblichen, zur Lust.

O Ihr Edlen! Laßt mich immer fühlen

Diesen Trost, der meinen Geist durchdringt.

Lasset bösen Neid das Band nie kühlen,

Das uns warm, und fest und treu umschlingt.

Reine Freuden wollen wir genießen

In des Lebens heitrer Frühlingszeit;

Thränen wollen wir vereint vergießen,

Thürmt in Wolken sich das trübe Leid.

Und als Männer laßt uns einig streben,

Laßt uns wirken mit verschiedner That.

Einigkeit wird Kraft und Stärke geben,

Freundschaft leiten uns mit weisem Rath.

Froh dann, an des Grabes dunkeln Stufen

Steigen wir hinab, sobald es Zeit,

Wenn des Todes Engel uns gerufen,

Lächelnd, zu der ew'gen Seligkeit.

Man sieht aus dem Tone, der in diesem Gedichte herrscht, daß ich nicht

zufrieden war. Aber Viel Schuld trägt auch der damalige herrschende

Geschmack in der Poesie, der elegisch war und ein gewisses sentimentales

Wimmern über seinen Zustand forderte. Hierin war besonders Rahbek uns

mit einem übeln Beispiele vorangegangen. In einer Elegie, die er in

seinem siebzehnten Jahre geschrieben haben soll, beweint er die gute,

alte, entschwundene Zeit und die nie mehr wiederkehrenden Freuden.

* * * * *

Die Gebrüder Oersted lebten übrigens sehr einsam. Den ersten Winter,

wo ich sie kennen lernte, gingen sie in langen Mänteln, die ihnen wie

Schlafröcke, fast bis an die Knöchel reichten. Arm in Arm klammerten

sie sich fest und hielten sich an einander, so daß sie beinahe

einem zusammengewachsenen Zwillingspaare glichen. Aber vor allen

Mitstudirenden strahlten sie wie Dioscuren, selbst ältere Gelehrte

merkten bald, was in ihnen lebte. Die Früchte ihres Geistes und ihres

Fleißes zeigten sich in Preisabhandlungen und gewonnenen Goldmedaillen.

Nun besuchte ich sie oft in Ehler's Collegium -- und wie verschieden

war diese Umgebung von meiner früheren. Das war nicht mehr das lustige

Friedrichsberg, die lustige Schule, das lustige Theater, die lustige

Mittags- und Abendgesellschaft bei Madame Möller. Wie in einer dunkeln

Mönchszelle saßen Oersteds hier stumm und studirten! -- Hier wurde es

mir erst klar was es eigentlich hieße: mit Anstrengung, ernstlich,

aus Liebe zur Wissenschaft zu arbeiten. Da ergriff mich ein tiefes,

wehmüthiges Gefühl! Ich hatte die innere starke Empfindung, daß auch ich

zu einem echten Musensohn geschaffen sei, und nun trieb ich mich umher

und wurde Nichts! Rosing war zwar überzeugt, daß ich es als Schauspieler

weit bringen könne, aber die meisten Anderen nicht; ich fand keine

Aufmunterung, es kam mir keiner meiner Vorgesetzten freundlich entgegen.

Und außerdem -- wenn auch Alles glückt -- war ich bereits dieses

Lebens, dieser Kunst müde, die von so vielem Fremdartigen abhängig ist.

Meiner Natur war es Bedürfniß, sich in höherem Schwunge auszudrücken,

in selbstbewußter Ahnung der Fähigkeiten, die noch nicht entwickelt

waren, weßhalb meine Bekannten mich auch zum Spott den »Mann mit den

verborgenen Talenten« nannten.

[Sidenote: Wiedererwachende Lust zum Studiren.]

Aber was sollte ich anfangen? Mit dem Studiren glaubte ich, sei es zu

spät. Ich verbarg meine Verzweiflung im eignen Busen, nicht einmal

meinen Freunden Oersted vertraute ich den Kummer an. Hans Christian war

Bibliothekar im Collegium, das eine schöne, große Büchersammlung in dem

großen Saale gerade gegenüber dem Auditorium hatte, -- wo ich zehn Jahre

später als Professor meine Vorlesungen begann und sie sechsundzwanzig

Jahre fortsetzte. In dieser Bibliothek stand ich einmal einsam da und

stellte traurige Betrachtungen an. Ich starrte auf die vielen Bände,

besonders auf die alten Folianten, wie auf Schätze, die mir ewig

verschlossen waren. Die Thränen strömten über meine Wangen herab. In

diesem Zustande fand mich der ältere Hans Christian, tröstete mich

und versicherte mir, daß es durchaus noch nicht zu spät zum Studiren

sei, wenn ich es wolle. Er brachte mich zu seinem Bruder, der gleicher

Ansicht war. Wir wurden darüber einig, daß ich etwas mehr Latein lernen

und das lateinische juridische Vorbereitungsexamen ablegen solle; dann

wollte Anders Repetitorien mit mir halten, und wenn ich dann das Examen

gemacht hätte, sollte ich eine Probe als Advokat ablegen und vor die

Schranken des höchsten Gerichts treten. Das war nun herrlich! Indessen

beschloß ich doch mit dem Abschiede vom Theater zu zögern, bis die

Saison vorüber war. Aber als ich einmal neben anderm Verdruß in Strafe

genommen wurde, weil ich mich in einer kleinen Rolle mit einem Worte

versprochen hatte -- wurde ich ärgerlich und dachte, es ist am Besten,

das Ding gleich abzumachen, worauf ich am nächsten Tage der Direction

schrieb:

»Gründe haben mich bewogen, das Theater zu verlassen. Die erste

und letzte Freundlichkeit, die mir die Direction beweist, wird darin

bestehen, mir je eher je lieber meinen Abschied zu geben.«

[Sidenote: Abschied vom Theater.]

Es währte noch eine Zeitlang, ehe ich loskam. Vermuthlich hielt man

meinen Brief für eine Uebereilung, die mir bei kälterem Blute leidthun

würde. Baggesen kam eines Tages auf dem Theater ganz freundlich zu

mir und sagte, daß mein Brief ihm aus zwei Gründen auffallend gewesen

sei: erstens habe er seit langer Zeit nicht eine so schöne Handschrift

gesehen, zweitens sei ihm noch kein Brief an die Direction, in diesem

Ton geschrieben, vorgekommen. Ich antwortete ihm: daß Alles einmal zum

ersten Male geschehen müsse, und daß die Direction mich selbst zu diesem

Tone gestimmt habe.

Da der erste Brief Nichts half, schrieb ich einen zweiten, in welchem

der Ton noch schroffer war, und nun bekam ich meinen Abschied. -- Als

ich zum letzten Male mit Steffen Heger auf dem Theater stand, sagte er:

»Nun sollst Du Deinen Fuß nicht eher, denn als Director hieher setzen!«

-- Das wurde ich nun freilich nicht; indessen setzte ich meinen Fuß erst

zehn Jahre darauf, bei der Probe von Axel und Valborg dorthin, nachdem

man zwei Jahre zuvor Hakon Jarl und Palnatoke gespielt hatte.

* * * * *

[Sidenote: Das Examen.]

Nun begann ich in meinem neunzehnten Jahre wieder fleißig zu studiren,

d. h. Latein zu lesen und zu schreiben; denn von dem Uebrigen, das

ich zum Vorbereitungsexamen, eine Verschmelzung des _examen artium_

und _philosophicum_, gebrauchte, konnte ich bis auf das Griechische

fast Alles. -- Doch mußte ich noch Risbrigh's Logik und Gamborg's

Thelemathologie lernen. Jene langweilte mich und ich konnte nicht

begreifen, warum man, um gesund und ordentlich zu denken, die Gedanken

in ein so steifes Schnürleib spannen müsse. Indessen war der alte

Risbrigh ein gelehrter, geistreicher Mann, und ich zweifle nicht, daß

der Fehler in meiner Jugend und in meinem Temperamente lag. Das Einzige,

dessen ich mich aus seiner Logik noch entsinnen kann, und das ich nie

vergesse, ist der folgende, sehr richtige Gedanke, den jeder Richter und

namentlich jeder Kunstrichter stets vor Augen haben sollte:

»Um nicht ein falsches Urtheil zu fällen, muß man zuweilen sein

_judicium_ suspendiren.«

»=Rath=«:

»Um nicht immer sein _Judicium_ zu suspendiren, muß man sich _primo_

einen Vorrath von Kenntnissen, _secundo_ Klarheit in selbigen erwerben.«

Ich hörte keine Vorlesungen bei den Professoren, bezahlte ihnen auch

Nichts, und doch ging es recht gut mit meinem Examen; nur erhielt ich

keine öffentliche Auszeichnung, was ich doch gehofft hatte, da ich mehr

anzugeben vermochte, als nothwendig war.

[Sidenote: Professor Sander.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 11 / 20 段