Und nun sein vortrefflicher Almaviva im Figaro, wobei er sein Genie

gerade dadurch zeigte, daß er den Gegensatz seines natürlichen Gefühls

darstellte; die kalte herzlose Buhlerei eines Junkers, der bereits im

Verblühen ist; aber mit aller Politur des Hofmanns. Diese Feinheit

zeigte er noch größer, zu einem hinterlistigen, heimlichen Gift

sublimirt, in dem entsetzlichen Marinelli, aus dessen Eisbrust nur

zuweilen die Höllenflammen aufschlagen, so wie die Gluth des Hekla in

einer dunkeln Winternacht. Endlich sein ausgezeichneter Graf Gerhard

in Niel's Ebbesen, wo sein ganzes Wesen und Benehmen uns das Genie und

das geistige Uebergewicht ahnen ließ, das Gerhard erst hochmüthig und

zum Menschenverächter machte und ihn darauf in den Abgrund stürzte.

Wenn Rosing sagte: »Da liegen sie nun unbekümmert, daß sie morgen zur

Schlachtbank geführt werden! Und Dich Mensch, Dich sollte ich achten?

Deinetwegen ein Werk aufgeben, das die Bücher der Weltgeschichte

bewundern müssen? Sclaven, nur geschaffen, um einem blinden Triebe zu

gehorchen, -- um geschlachtet zu werden mögt ihr gut genug sein;« --

so ließ er uns ein tiefes Mitleid mit dem verblendeten Gerhard fühlen,

dessen große Gaben zu Grunde gingen, weil ihm die Liebe mangelte. -- Und

wie konnte er da rühren?

»Wer die Liebe nicht liebt, den kann die Liebe nicht lieben,« sagt

Lavater. Der kalte Haß, die herzlose Verachtung kann niemals rühren,

sie kann nur empören. Aber Rosing, ebenso wie Talma, fühlte, daß in

der inneren Tiefe aller großen Menschen eine schlummernde, vielleicht

sich selbst unbewußte Liebe ruhe. Freilich gestaltet sie sich zur

Eigenliebe; aber jemehr Genie ein Mann hat, desto mehr nimmt er von

Anderen in sich auf und liebt zuletzt, ohne es eigentlich zu wissen --

nicht nur sich selbst in der ganzen Welt, sondern die ganze Welt in

sich. Er glaubt, das Organ der Zeit zu sein -- und er ist es ja auch,

wenn er groß ist; denn Männergröße und Geistesgröße hängen leider nicht

immer mit moralischer Vollkommenheit und Klarheit der Seele zusammen.

Dieses schlummernde Gefühl rührt, wenn wir es in wichtigen Augenblicken

erwachen sehen. So liegt in Gerhard's Entrüstung über die Schwäche der

Menschen eine tiefe Unzufriedenheit darüber, daß der Mensch nicht mehr

ist, was er sein sollte; und dieß rührt, weil es ihn selbst trifft. Es

hat etwas Tiefergreifendes, eine große verirrte Kraft zu Grunde gehen zu

sehen. Was giebt es Rührenderes, als wenn Napoleon, indem er dem Thron

entsagt, umgeben von den alten Helden, den Adler an die Brust drückt und

ihn zum Abschied küßt? Dieses Gefühl wußte Rosing auf wunderbare Art zu

wecken und hierin besonders glich er Talma. Auch =Ryge= haben wir solche

Gefühle in =Hakon Jarl= und anderen Stücken lebhaft erregen sehen.

[Sidenote: Rosing und Rahbek.]

Als Knud Gyldenstjerne in Dyveke gab Rosing Torben Oxe's treuen Bruder,

Siegbrit's edlen, schonenden Feind unübertrefflich schön. Hier fällt mir

eine Anekdote ein, die ich erzählen will, da sie sowohl zu Rosing's als

zu Rahbek's Charakteristik beiträgt.

Rahbek mußte stets eine Dame haben, in die er unglücklich verliebt

sein konnte. Dies versetzte ihn in seinen freien Stunden in einen

elegischen Zustand, der ihm lieb war, mit dem er aber niemals seine

Freunde belästigte; denn unter ihnen war er beim Glase Wein stets witzig

und erzählte gern scherzend, was er gehört und erlebt hatte. Rahbek

verliebte sich also gleich in seiner Jugend in Fräulein Olsen, die

bald Rosing's Gattin wurde. Rosing war sein Universitätsfreund, Rahbek

kam oft in dessen Haus, und hatte also hier, wie im Schauspielhause,

Gelegenheit genug, seine Gefühle zu nähren. Diese waren nun, wie Alle,

die Rahbek gekannt haben, wissen, so platonisch und super-petrarchisch,

daß sie nie Jemand auch nur im Entferntesten beunruhigen konnten. Rosing

war ein sehr schöner Mann und wurde von seiner Frau innig geliebt;

dadurch gestaltete sich aber die den gewöhnlichen Verhältnissen ganz

entgegengesetzte Situation so, daß Rahbek auf Rosing eifersüchtig

wurde und als Folge hiervon mehr als sonst geneigt war, ihn zuweilen

zu tadeln. Hierzu kam, daß sie aus verschiedenen Schulen waren.

Rosing hatte sich selbst gebildet; Rahbek bewunderte den verstorbenen

Schauspieler =Rose=; und hatte durch =Schröder=, =Jünger= und =Iffland=

Geschmack an dem bürgerlichen Idyll mit seinen stillen, feinen

Schattirungen gefunden; zu Rahbek's größter Verwunderung spielte auch

Madame Rosing vortrefflich in dieser Gattung von Stücken. Für das mehr

Heroische, welches reichere Phantasie und stärkeres Gefühl forderte,

hatte Rosing viel mehr Sinn; aber dies lag nicht so sehr in Rahbek's

Sphäre.

Als man nun Dyveke aufführen sollte und ein guter Freund Rahbek fragte:

»Wie glaubst Du, daß Rosing den Knud Gyldenstjerne spielen wird,«

-- antwortete er in übler Laune: »»Wie ein rasender Jakobiner, den

Christian der Zweite gleich hätte köpfen lassen, wenn er so vor ihm

hingetreten wäre!«« Diese Antwort hinterbrachte der gute Freund dem

Rosing, der gar nicht verletzt wurde, gute Miene machte, und Rahbek,

als sie sich wiedersahen, fragte, ob er Lust habe, der Probe zu Dyveke

beizuwohnen, und ob er ihm dann seine Meinung sagen wolle, wenn er Eins

oder das Andere geändert wünsche. -- Rahbek folgte mit Freuden dieser

Aufforderung. Die Probe ging vortrefflich und Rahbek war durchaus

zufrieden. Als sie von der Probe zusammen nach Hause gingen, sagte

Rosing lächelnd: »Gefiel Dir nun auch mein Knud Gyldenstjerne?« --

»»Vorzüglich!«« -- »Ich habe also doch nicht wie ein rasender Jakobiner

gespielt?« -- »»Wenn Du««, entgegnete Rahbek ohne verlegen zu werden,

»»nur einen Fingerzeig bekommst, so hast Du Alles, was Du brauchst!««

[Sidenote: Billardübungen.]

Ehe ich noch recht bekannt mit Rosings wurde, und als täglicher

Umgangsfreund in ihr Haus kam, ging ich viel mit einigen jungen

Leuten vom Theater um. Der rohe Ton, der unter ihnen herrschte,

mißfiel mir sehr. Indessen konnte ein Jüngling leicht nach und nach

verdorben werden, wenn mein guter Engel nicht über mich gewacht hätte.

Was mich im Laufe des Jahres, das ich auf diese Weise verbrachte,

besonders beschäftigte, war Billardspiel. Winckler und ich hatten uns

selbst dieses Spiel auf eine eigenthümliche Weise gelehrt. Auf dem

Friedrichsberger Schloß stand in unserer Kindheit ein Billard in der

schönen Gemäldegalerie, neben dem Speisesaal. Hier spielten wir, so

gut es eben ging, ohne daß uns Jemand die geringste Anweisung gab. Wir

wußten nun -- und das ist ja auch die Quintessenz des Spieles -- daß man

den einen Ball durch den andern in ein Loch stoßen müsse. -- Nun nahmen

wir Jeder unser Queue, und stießen dann auf die Bälle, -- natürlich

mit dem dicken Ende -- so gut wir konnten. Auf diese Weise gewöhnten

wir uns, zur Verwunderung unserer Mitspieler, als wir zur Stadt kamen,

daran, alle Bälle _par tournée_ zu machen. Winckler, mit seinem scharfen

Blick und seiner sichern Hand, wurde bald ein ebenso ausgezeichneter

Billardspieler, wie er in seiner Jugend ausgezeichnet im Steinwerfen

nach Wallnüssen, Vögeln -- und zuweilen nach mir war. Er wurde der beste

Billardspieler in der Stadt; später kam ihm seine Gewandtheit sehr

als Anatom und Chirurg zu gute. Ich selbst brachte es nicht weit im

Billardspiele mit meinem kurzen Gesicht und meiner noch kürzeren Geduld.

Als eine Merkwürdigkeit muß ich anführen, daß Winckler's Rival im

Billardspiel damals in Kopenhagen -- der aber nie um Geld spielte -- der

später so berühmte Norweger =Christie= war, welcher das Grundgesetz für

Norwegens freie Verfassung entwarf.

* * * * *

[Sidenote: Umgang mit Schauspielern.]

Ich war zurückhaltend und blöde; daher machten die Schauspieler sich,

ehe sie mich kannten, einen falschen Begriff von meinem Charakter, und

glaubten, ich sei eine stille, furchtsame Natur. Es gelang mir bald,

ihnen diesen Irrthum zu benehmen, ja sogar mir durch humoristische

Scherze Freunde unter ihnen zu gewinnen. Eines Abends z. B. hatten

Mehrere vom Theaterpersonal sich bei einem Wirthe versammelt, wo man

für einen bestimmten Preis gut essen sollte. Unter Anderen war uns ein

köstlicher Hasenbraten versprochen. Es dauerte lange, ehe der Tisch

gedeckt war, die Gerichte wurden noch langsamer aufgetragen; -- nach

Mitternacht wurde ein trockener Rinderbraten statt des Hasenbratens

hereingebracht; und man entschuldigte sich damit, daß der Bäcker den

ihm gesandten Hasen nicht gebraten hätte. Alle, die eben noch lustig

gewesen waren, schwiegen nun verstimmt, und glaubten nicht an die

Entschuldigung. Ich, der früher geschwiegen und die Aelteren hatte

reden lassen, brach nun plötzlich aus: Ei, so soll doch der Teufel den

nachlässigen Bäcker holen. »Wo wohnt denn der Pfuscher?« -- »»Ach!«« --

entgegnete der Wirth -- »»er wohnt sehr weit von hier! Außerdem ist es

auch spät, kalt und ganz finster; jetzt kann er den Hasen doch nicht

braten.«« -- »Er hat uns zum Besten gehabt«, sagte ich. »Ich wecke ihn

aus seinem Schlafe! Er soll mir den Hasen geben.« -- Ohne weiter zu

hören, lief ich in die Stadt zum Bäcker und holte ihn aus dem Bette.

Er wußte von nichts, und hatte keinen Hasen bekommen. -- Mit dieser

Nachricht kam ich vergnügt zurück. Alle schlugen ein lautes Gelächter

auf; der Wirth mußte beichten und um Verzeihung bitten; aber ich hatte

bei dieser Gelegenheit einen Stein im Brett bei den Schauspielern

gewonnen, und der Rinderbraten schmeckte ihnen nun, da sie lustig waren,

eben so gut, als ob es ein Hasenbraten gewesen wäre.

* * * * *

[Sidenote: Meine Debüts.]

Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß Rosing mich ermunterte,

auf der Bahn fortzugehen, die ich einmal eingeschlagen hatte, obgleich

keineswegs weil er mich für untauglich dazu hielt; im Gegentheil, er

glaubte, daß ich mich auszeichnen könnte, wenn ich älter geworden und

bessere Manieren angenommen haben würde. Aber er fühlte, wie alle

ausgezeichneten Künstler seines Faches, das Drückende und Peinliche

seines Standes, und wollte mich wohl vor etwas Aehnlichem schützen.

Er litt es gern, daß ich mit ihm scherzte. Einmal, als er mich

unterrichtete, drückte er sich etwas undeutlich aus, als er mich auf die

Harmonie der körperlichen Grazie aufmerksam machen wollte, und sagte:

»Der kleine Finger und die große Zehe müssen zusammenhängen!« -- »Ja!«

-- entgegnete ich, und hob den Fuß zur Hand auf, um Zehe und Finger in

Berührung zu bringen. -- »Du bist ein Eulenspiegel!« rief er. -- Wir

hatten King's Rolle in Tode's »Seeoffizieren« zu einem meiner Debüts

gewählt. King ist ein braver Kerl, der gut für sich spricht, und das,

meinte Rosing, würde ich schon können; aber King ist etwas langweilig

und predigt zu viel; und das Männliche, welches er haben mußte, konnte

mein knabenhaftes Wesen nicht durch eine Kunst ersetzen, in deren

Besitz ich damals eben so wenig war. Indessen hörte man bei diesem

Auftreten, daß ich ein gutes Organ und eine gute Diction hatte. Das

Ritterliche im Torben Oxe, den ich auch spielte, konnte ich natürlich

auch nicht darstellen, und die Schüchternheit und Furcht erlaubten mir

nicht, Gefühl zu äußern, was übrigens auch in den kurzen Scenen dieses

unglücklichen Liebhabers mit der Dyveke, die ihn nicht liebt, schwierig

ist. Erst im Cederström in Kotzebue's »Armuth und Edelsinn« ließ ich

mich in den zärtlichen Scenen mit der liebenden Luise gehen -- und

erntete lauten Beifall.

* * * * *

[Sidenote: Ewald's Fischer.]

Aber ich fühlte bald, daß ich keinen Beruf zur Schauspielkunst habe.

Das Vorurtheil, welche dieselbe noch zu bekämpfen hatte, genirte

mich durchaus nicht; sie reizte im Gegentheil meinen Stolz zu Trotz

und Verachtung; aber zwei Dinge waren mir zuwider: die Subordination

und das Auswendiglernen. Es war mir unerträglich, langweilige Rollen,

in schlechter Sprache geschrieben, auswendig zu lernen; ich wollte

im Grunde am liebsten ganz frei sein, die Anderen spielen sehen, und

mich damit amüsiren, als Zuschauer ins Theater und in die Singschule

unter den Haufen junger Leute und hübscher Mädchen gehen, -- kurz: Es

drängte den werdenden Dichter, das Theater, wie ein Baumeister seine

Maurer und Zimmerleute, kennen zu lernen. Aber dessen war ich mir damals

noch nicht bewußt. Ich ließ mich gern von Rosing unterrichten, um nur

in seiner Gesellschaft sein zu können. Er erzählte mir, daß er Ewald

gekannt habe. Rosing hatte zuerst =Balder's Tod= und =die Fischer= auf

die Bühne gebracht; er spielte selbst die Rolle des Hother im Balder und

des Knud in den Fischern. Zur Aufführung des letzteren Stückes hatte er

die wirklichen Fischer von Hornbeck, welche mit größter Lebensgefahr

die edle That ausgeführt hatten, welche Veranlassung zu diesem Stücke

gewesen, eingeladen. Die historischen Helden des Stückes saßen während

der Aufführung in einer Loge und sahen die scenische Darstellung ihrer

That. Als es zu Ende war, kamen sie auf die Bühne. »Nun« -- fragte

Rosing den Knud, dessen Rolle er gespielt hatte -- »war es ungefähr so,

wie Ihr es damals gemacht habt?« »»Ja««, -- antwortete Knud ernsthaft,

-- »»grad' so war es; nur sangen wir nicht!««

* * * * *

[Sidenote: Peter Heger.]

Rosing war auch ein Freund von Thaarup. Thaarup war von Natur

entsetzlich faul, aber Rosing hatte ihn dahin gebracht, das Erntefest

zu beendigen, indem er ihn scherzend auf einem Zimmer in seinem Hause

mit Schreibmaterialien bei einem guten starken Kaffee einschloß. Im

Sommer wohnten Rosings auf Friedensburg. Ich war oft ihr Gast, und

machte hier mit meinem zukünftigen Schwager Peter, oder wie wir ihn

nannten, Peer Heger, Bekanntschaft, einem raschen, hübschen Seemann, der

als Steuermann mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht hatte,

und mit Rosings zweiter Tochter verlobt war. Die älteste Tochter, ein

schönes Mädchen, war mit einem Sohne des älteren Drewsen, dem Besitzer

der großen Papierfabrik: »die Strandmühle«, versprochen. In dieses Haus,

wo Wohlstand und Geschmack herrschten, kam ich oft zum Besuch und lernte

hier Frau Drewsen kennen, deren Schönheit, Grazie, Verstand und Bildung

allgemeine Bewunderung erregten. Sie war eine vertraute Freundin der

ein paar Jahr jüngeren Christiane Heger, meiner zukünftigen Frau. Peer

Heger hatte mich lieb, aber da er ein ausgezeichneter Gymnastiker war,

der oft, wenn er ganz ruhig im Zimmer saß, plötzlich im Sopha auf dem

Kopfe stand -- hatte er immer sehr viel an meinem Wesen auszusetzen, das

ihm zu unbeholfen war, und dies ging soweit, daß wir zuletzt uneinig

wurden. Einmal wollte er zur Strandmühle reiten, und lud mich ein, ihn

zu begleiten. Obgleich ich noch nie zu Pferde gesessen hatte, außer

einige Augenblicke, wenn ein Reiter meinen Vater besuchte, und ich

Erlaubniß erhielt, einige Schritte hin und her zu reiten, -- so nahm

ich doch die Einladung an. Ich miethete mir nun ein Pferd, und folgte

ihm mit lustiger, ruhiger Miene wie ein alter, geübter Reiter. Es ging

nach der Strandmühle hinaus. Heger fing zu traben an; aber ich, der

den Trab zu beschwerlich und stoßend fand, galloppirte ihm nach. Nun

begann auch er zu galloppiren; sein Pferd warf mir Sand in die Augen,

weil das meine immer dicht hinter ihm war. Um nun nicht die Augen voll

zu bekommen, machte ich sie zu, galloppirte darauf los, und befahl mich

in Gottes Hand, der sie auch über mich hielt. Ja, ich hatte sogar, die

Satisfaction, daß Peer, der mich den ganzen Weg über ausgelacht hatte,

auf dem Hofe, als er vor den Damen Kapriolen machen wollte, vom Pferde

fiel; ich dagegen blieb fest im Sattel sitzen.

* * * * *

Ich las Peer Heger oft meine Geistesproducte vor, und er hatte eine

große Meinung von ihnen, aber ich konnte die Art und Weise, in der er

mich beherrschen wollte, nicht ertragen. Er war mir zu stolz, und im

Gefühle seiner größeren Körperkraft zu gebieterisch. Diese Mißstimmung

kam einmal eines Abends auf der Strandmühle zum Ausbruche, gerade als

wir zusammen zu Bette gehen wollten. Wir kamen in einen Streit über

Geschmackssachen, ein Wort gab das andere, Peer appellirte an seine

Fäuste, und obgleich dies wohl nur eine Drohung war, wollte ich mich

doch nicht noch öfter einer Citation vor ein solches Gericht aussetzen.

So spät es war, beschloß ich, nach Kopenhagen zu gehen, um nicht mit

ihm zusammen zu schlafen. Ich ging, und war bereits eine Viertelstunde

von der Strandmühle entfernt, als die Kälte der Nacht und der Gedanke,

was Frau Drewsen am nächsten Morgen sagen würde, daß ich so in der

Nacht fortgegangen sei, mich bewog, wieder umzukehren, und mich,

ohne ein Wort zu reden, neben Peer hinzulegen. Er verspottete mich;

der Sohn Drewsen's, der in demselben Zimmer lag, lachte, ohne sich

übrigens in die Sache zu mischen. Ich schwieg -- nahm am nächsten Morgen

Abschied und sah die Strandmühle erst -- dreißig Jahre später wieder,

als ich Christian Drewsen besuchte, der mich zuvorkommend einlud und

freundschaftlich der verschwundenen Jugendzeiten gedachte.

* * * * *

Die Versöhnung dürfte wohl zu Stande gekommen sein, wenn Peer nicht kurz

darauf nach Westindien gereist wäre. Die älteren Drewsen's zogen nach

Kopenhagen, wo ich sie besuchte, als ich mit Christiane Heger verlobt

war. Peer Heger starb kurz darauf in Westindien, ehe er erfahren konnte,

daß ich mit seiner Schwester versprochen sei. Ich bin überzeugt, daß

diese Nachricht den braven Seemann sehr erfreut haben würde, und daß wir

wieder die besten Freunde geworden wären.

* * * * *

[Sidenote: Strenge Disciplin.]

Indessen war statt des Oberhofmarschalls der Generalmajor Waltersdorff

erster Director geworden. Dieser wackere Mann hatte sich früher wenig

oder gar nicht mit solch undiplomatischen Geschäften abgegeben. Er

ließ Thaarup und Baggesen, und diese ließen wieder Schwarz und Rosing

walten. Indessen hatte das Ganze doch einen Anstrich von militairischer

Subordination, die die Schauspieler nicht vertragen konnten. Ich

entsinne mich noch, wie der joviale Saabye, als der Generalmajor auf

der Probe an ihm vorüberging, sich wie ein Landsoldat richtete, und

zu seinem Nachbar in seeländischem Dialecte sprach: »Hör' mal Du! der

Dienst ist heuer streng!«

* * * * *

Saabye war in seiner Jugend ein schöner Mann gewesen, und er war noch

hübsch, mit seinen braunen Augen und dem blonden Haar. Er hatte auch

eine schöne biegsame Rede- und Singstimme, aber nicht viel Verstand.

In gefühlvollen Rollen wurde er leicht affectirt und übertrieben; in

naiven, munteren Rollen war er vortrefflich, z. B. als Plumper in »Er

mengt sich in Alles«, und als Liebhaber in den kleinen französischen

Singstücken; dagegen war er entsetzlich als Wenzeslaus in »Herrmann von

Uma«. Seine letzte Rolle war Hakon Herdebred in »Axel und Valborg«, die

er gar nicht verstand.

* * * * *

Mit meinem späteren zweiten Schwager =Stephen Heger= wurde ich bald

bei dem Theater befreundet. Er war seiner Stellung durchaus müde, und

beklagte es in hohem Grade, Schauspieler geworden zu sein. Dies trug

auch zu meiner Verstimmung bei.

* * * * *

[Sidenote: Das Inquisitionsgericht.]

Noch ein anderes Ereigniß traf ein, das mich ärgerte. Knudsen war ein

vortrefflicher Schauspieler, nicht allein in dem Burlesken, sondern

auch in dem Rührenden, und besonders wo beide Elemente sich begegneten,

wie z. B. in Falsen's »Findelkind«, wo er den armen Schuhmacher

unvergleichlich gab. Einmal spielte er den Juden im »Einzuge«, und

da bildete er sich ein, daß ich -- der ihn stets bewunderte, -- ihm

als Bauerjunge im Chor einen unverschämten Stoß gegeben hätte. Er

klagte mich bei der Direction an. -- Ohne das Geringste zu ahnen,

wurde ich eines Morgens vor das Inquisitionsgericht gerufen. In einem

großen Saal, in dem Hause des Generalmajors Waltersdorff, saß er

selbst nebst Thaarup und Kjerulf, als Mitdirectoren, an einem grünen

Tische. Von Kjerulf, Professor bei der Universität, habe ich erzählt,

daß er mich, als ich die Schule verließ, eine ganze Stunde zu seiner

vollkommenen Zufriedenheit in der Geschichte examinirte. Hier beim

Theater sprach er niemals mit mir, und ich auch nicht mit ihm. Thaarup

war ein wahrheitsliebender Mann, aber ziemlich stolz, größtentheils

ohne Kenntniß von dem, was beim Theater vorging, und liebte sehr zu

hofmeistern. Bei meinem Eintritt hielt er mir gleich eine lange Rede

über meine vermeintliche Unart, und verlangte, daß ich Knudsen um

Verzeihung bitten solle. -- Als er fertig war, antwortete ich kurz:

»Das ist nicht wahr!« -- Nun begann er wieder, mir eine moralische

Vorlesung zu halten, und ich entgegnete wieder eben so kurz: »Das ist

nicht wahr!« Die Directoren sahen einander bedenklich an, und Thaarup

äußerte: Noch nie habe ein Schauspieler in einem solchen Tone zur

Direction zu sprechen gewagt. -- Nun fing die Sache an bedenklich zu

werden; die Thränen traten mir in die Augen, ich wandte mich zum Chef

und sagte: »Was soll ich antworten, wenn ich mich ganz unschuldig fühle?

Ein Anderer muß es gethan und mich bei Knudsen verleumdet haben. Er

selbst hat ja mit dem Rücken nicht sehen können, wer ihn gestoßen habe.

Ich achte sein Genie, unsere Kunst und die Würde der Bühne zu hoch, als

daß ich mich zu einer solchen Grobheit herablassen solle. Aber ich bitte

ihn auch nicht um Verzeihung! Meinetwegen mögen Sie mich in Arrest

werfen, oder mir den Abschied geben!« -- Statt ihn zu erzürnen, gewann

ich den Generalmajor durch diese Antwort, und er sagte: »Sein Sie ganz

ruhig! Ich bin vollständig von Ihrer Unschuld überzeugt. Knudsen muß

sich getäuscht haben.« -- Von diesem Augenblicke an konnte Waltersdorff

mich gut leiden. Knudsen und ich sprachen gar nicht über die Sache, und

später wurden wir, wie gesagt, gute Freunde.«

* * * * *

[Sidenote: Der Schauspieler Foersom.]

Zu der Zeit war Foersom, ein tüchtiger Student und Predigerssohn von

Jütland, auch Schauspieler geworden. Wir gingen täglich mit einander

um; er wohnte in einem, dem Einsturze nahen Hause auf Christianshafen,

wo ich ihn oft besuchte; aber ich glaube, daß er daselbst frei wohnte;

denn der Wirth, ein junger Handwerksmeister, hatte große Vorliebe für

die dramatische Kunst im Allgemeinen und für Foersom im Besonderen.

Man sagte im Scherz, daß dieser mit dem Regenschirm Nachts im Bette

läge, wenn es regnete, so viel ist gewiß, daß das Haus kaum noch

zusammenhalten konnte, und ich kletterte selten die Treppe hinauf,

ohne die erste Zeile eines alten Psalmes zu summen: »David's morsche

Hütte wankt auf ihren letzten Pfeilern.« Uebrigens dachte ich nicht

weiter daran, als nur um darüber zu scherzen. In jenen Jahren ist

das Herz nicht empfänglich für Sorgen. Ich lag sogar oft halbe Tage

dort knieend auf dem Fußboden und malte Coulissen, die wir zu unserm

Privattheater gebrauchen wollten. Mein Maler-Atelier befand sich in

einem eigenthümlichen Hinterzimmer, wo die Decke gestützt war, und

herabgefallene Steine in allen Winkeln lagen.

* * * * *

[Sidenote: Laurits Kruse.]

Durch Foersom machte ich mit Laurits =Kruse= Bekanntschaft. Er

gab damals ein Wochenblatt heraus, welches er »Almeenläsning«

(Unterhaltungsblatt für Jedermann) nannte, und dessen Inhalt

größtentheils aus Uebersetzungen bestand, doch enthielt es auch

originale Arbeiten und Gedichte. Ich hatte eine solche Schreiblust, daß

ich fast das ganze Blatt für ihn schrieb, ohne meinen Namen zu nennen

und ohne Etwas dafür zu verlangen, nur um meinen Trieb zu befriedigen.

Ich schrieb damals auch mehrere Dramen in der Iffland'schen und

Kotzebue'schen Manier, ohne aber doch Etwas drucken zu lassen; Alles

nur zur eigenen Unterhaltung. Freilich mußten meine Freunde herhalten;

und wenn ich -- wie Tode sagt -- meine Muse gepeinigt hatte, so plagte

ich meinen Freund, indem ich ihm schlechte Nachahmungen mittelmäßiger

Originale vorlas. Kruse hatte ein Stück geschrieben: »=Die Emigranten=«,

das zur Aufführung angenommen war. Das gab ihm ein gewisses Uebergewicht

mir gegenüber, und ich glaubte nicht, daß mir jemals ein solches Glück

zu Theil werden könne. Er neckte mich, weil ich so viel und so rasch

schrieb, nannte meine Fabrik die Wassermühle, und wenn wir uns sahen,

fragte er stets: ob die Wassermühle wieder gemahlen hätte? Im Ganzen

genommen hatte mein Wesen damals noch einen starken Anstrich vom

Kindlichen, ja beinahe vom Kindischen. Es amüsirte mich gar nicht, den

Liebhaber auf dem Theater zu spielen; damals kannte ich die Liebe noch

nicht recht, und als ich sie kannte, schien es mir unmöglich, das zu

spielen, was so vollkommen Ernst und von so schüchterner verschämter

Natur war, daß ich meinte, die Liebe könne eben so wenig ihr Incognito

verlassen, ohne vernichtet zu werden, wie die Flügel des Schmetterlings

ihre schönen Farben bewahren können, wenn eine rauhe Hand sie berührt

hat.

* * * * *

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 10 / 20 段