_examen artium_ vor, und ich sah voraus, daß, wenn ich auf =diese
Weise= fortfahren würde (was sicher der Fall war, =wenn= ich fortfuhr)
ich in einem Jahre nicht weiter kommen würde, als ich in diesem Jahre
gekommen war. -- Winckler hatte das Examen vor einem Jahre brillant
bestanden und war öffentlich ausgezeichnet worden. Wenn ich die Schule
für Bürgertugend hätte besuchen können, so hätte ich das Examen zu
gleicher Zeit mit ihm gemacht. Aber mein Vater hatte, wie gesagt, nicht
die Mittel dazu, weil ich nicht -- wie Winckler -- ein Haus in der Stadt
fand, wo ich frei wohnen konnte. So hängt das Schicksal eines Menschen
oft von Kleinigkeiten ab. Ich war im Grunde sehr betrübt darüber, daß
das Ganze diese Wendung mit mir genommen hatte; aber ich ließ es mir
nicht merken, nicht ein Mal vor Winckler. Ich schrieb vielmehr ein
scherzendes Heldengedicht: »Otto,« auf Veranlassung seines Examens,
und das Einzige, woran ein Menschenkenner vielleicht die Verstimmtheit
(doch fern von aller Mißgunst) hätte merken können, war die gezwungene
Heiterkeit, die sich darin aussprach. -- Das Gedicht war in verrückten
Hexametern geschrieben, die alle auf fünf Füßen einherhinkten, und fing
so an:
»Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen.
Keck und gefaßt verlacht zu werden, verhöhnet.
Lachet mein' immer, verhöhnt mich, ich werd's nicht beachten,
Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlüpfrigen Laufbahn.
Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen,
Daß mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen.
Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope,
Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen.
Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet,
Nichts doch bekümmert mich, freudig beginn' ich zu singen.«
Und nun wird erzählt, wie der Held Otto in der Morgenröthe auf seinem
Lager ruhte und zwei Wesen an seinem Kopfkissen standen und sich seiner
zu bemeistern suchten: das eine der =Fleiß=, das andere die =Furcht=.
Endlich siegte der Fleiß, die Furcht zog sich zurück, der Held sprang
auf und ging, und der Sänger folgte ihm:
»Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen.
Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen,
Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner Ferse
In einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.«
Dies war das Consistorium, in dem das Examen abgehalten wurde, und nun
kam eine scherzhafte Beschreibung der Pedelle und Professoren, die den
Helden Otto examinirten bis es vorbei war, und der »Dickwanst« (einer
der Pedelle) einen Folianten öffnete und schrie: »_laudabilis prae
ceteris._«
* * * * *
[Sidenote: Veränderter Lebensplan.]
Dieses _laudabilis prae ceteris_ stand mir selbst in meiner damaligen
Stellung so fern, daß es mir unerreichbar schien; mehrere Mal beschloß
ich, das Studiren aufzugeben, hatte aber doch nicht den Muth dazu.
Endlich eines Tages, -- ich entsinne mich dessen noch sehr gut, --
gerade wie ich die lateinische Version zum Brief Pauli an die Römer, 2.
Kap. 26., 27. und 28. Vers repetirte, -- legte ich das Buch entschlossen
hin, -- ging zu meinem Vater, erklärte ihm, daß ich zum Theater gehen
wollte, wenn er es erlaube, -- daß ich hoffe, dort mein Glück machen,
und ihm bald alle Kosten ersparen zu können. Er erlaubte es gleich,
sprach mit dem Oberhofmarschall, späteren Oberkammerherrn Hauch, und
dieser bestimmte mir einen Tag, an dem ich zu ihm kommen sollte. Nun
putzte ich mich, so gut ich konnte; meine Mutter lieh mir einen goldenen
Ring, um ihn, nach der damaligen Mode, auf das Halstuch zu schieben. Die
langen, schwarzen Haare wurden geflochten und mit einem kleinen Kamm
in den Nacken gesteckt. Aus falscher Schaam sagte ich meiner Schwester
nicht, was ich vorhabe, bis sie es von Anderen erfuhr; das schmerzte
sie; denn bisher war sie die Vertraute meiner Seele gewesen und ich
hatte ihr Nichts verschwiegen.
* * * * *
[Sidenote: Eintritt in das Schauspielerleben.]
Der Oberhofmarschall hatte mich oft als einen halberwachsenen Jungen
auf Friedrichsberg umherlaufen sehen, und wunderte sich wahrscheinlich
darüber, daß dieser Junge bereits in seinem siebzehnten Jahre Cavaliere,
Helden und romantische Liebhaber spielen wollte. Er stellte mir all' die
Schwierigkeiten und Mühseligkeiten vor, die mit dem Schauspielerstande
verbunden waren; aber es half Nichts. Er sagte mir, daß ich im Anfange
nur sehr kleine Gage bekommen würde. Darum kümmerte ich mich nicht.
Da ich in meinem Gespräche mit ihm doch wohl etwas Geistiges und
Ungewöhnliches zeigte, so schien er endlich Lust zu haben, es mit mir
zu versuchen. Aber er sagte: ich müsse erst vor allen Dingen tanzen und
fechten lernen und mit Handschuhen gehen, weil ich zu rothe Hände hätte:
Rosing wolle er mir zum Instructeur geben.
Das war es gerade, was ich wünschte. Ich eilte gleich zu Rosing hin,
klingelte und er kam selbst und öffnete. Ich sagte ihm, was ich
wolle; er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, betrachtete mich mit
Kennermiene, und ich freute mich, weil ich in dieser Zufriedenheit zu
entdecken glaubte. Als Richter und Kunstverständigen hatte ich ihn noch
nie reden gehört; bisher hatte ich aus seinem Munde nur die Gedanken
Anderer vernommen, jetzt merkte ich, daß er selbst beredt und ein Denker
war, ein Mann von Charakter, fein, ohne Falsch, mit Selbstgefühl und
doch bescheiden. Daß er beim Tageslichte älter, bleicher aussah, einige
Runzeln hatte, und statt des gewöhnlichen Schmuckes auf der Bühne hier
in einem einfachen grauen Fracke ging, machte ihn mir noch merkwürdiger.
Seine Augen waren eben so schön, wie auf dem Theater, ja noch schöner;
denn man konnte in der Entfernung bei Licht nicht ihre seltene, blaue
Vergißmeinnichtfarbe sehen.
[Sidenote: Körperliche Ausbildung.]
Wie es nun geschieht, daß Menschen, die mit einander sympathisiren,
alsbald vertraut werden, so geschah es hier; und kaum hatte ich ihn ein
paar Mal besucht, so bildete sich das schöne Verhältniß zwischen uns,
wie zwischen Lehrer und Schüler, ja fast wie zwischen Vater und Sohn.
Rosing fand eben so wie der Marschall, daß ich der ritterlichen
Uebungen bedürfe; ich bekam einen Fechtmeister, einen Tanz- und einen
Gesanglehrer.
Der alte Fechtmeister =Ems= war ein langer, gutmüthiger Schlagetodt,
ein Preuße aus Friedrich's II. Zeit, der sein Handwerk verstand. Es
amüsierte mich, den Gebrauch der Waffen von ihm zu erlernen; doch
mochte ich lieber mit dem Säbel, als mit dem Stoßdegen fechten. Es
schien mir viel heroischer, ehrlicher, weniger grausam. Das Fechten
mit dem Stoßdegen kam mir hinterlistig und meuchelmörderisch vor. Ich
sollte meinen Feind betrügen, um ihm unerwartet den Todesstoß zu geben;
Gewandtheit und kaltes Blut gaben den Ausschlag. Beim Fechten konnte man
kräftiger, heftiger zu Werke gehen; und ich meinte, daß, wenn man sich
duellirte, man heftig sein müsse; denn ruhige Leute müßten vernünftig
sein, und vernünftige Leute müßten Frieden halten. Ich glaube auch
noch jetzt, daß weder Achilles, Siegfried, Stärkodder, noch Palnatoke
gestoßen haben, außer mit großen Spießen, sie haben mit dem Schwerte,
wie Thor mit dem Hammer Mjölnir geschlagen. Der Stoßdegen ist eine
Erfindung der neuern französischen Schule; und ich hoffe, daß selbst
weder Guesclin noch Bayard sich seiner bedient haben.
Mein Tanzlehrer war Herr =Dahlén=, und später Herr =Berg=. So wie ich
bei Ems das Hauen dem Stechen vorzog, so liebte ich hier die Menuet mehr
als die Ecossaise. Die Menuet lehrte mich edle Stellungen und den Körper
mit Grazie bewegen; es schien mir eine stumme Liebesscene zu sein, in
welcher der Jüngling und das Mädchen sich voller Sehnsucht einander
nähern, dann sich wieder ängstlich und bescheiden trennen, sich wieder
entgegenkommen, einander die Hand reichen, sich flüchtig umarmen,
dann wieder einander fliehen, sich freundlich und höflich grüßen und
auf derselben Stelle stehen bleiben, wo sie angefangen, wie dies bei
den meisten flüchtig Verliebten der Fall ist. Die Ecossaise lernte
ich nicht: das Walzen konnte ich nicht vertragen; und so habe ich,
merkwürdig genug, nie in meinem Leben mit einer Dame auf einem Balle
getanzt.
[Sidenote: Musikalischer Unterricht.]
Der Gesanglehrer war Herr =Zinck=, ein ehrlicher, launiger Deutscher,
guter Clavierspieler und gründlicher Theoretiker aus der Bach'schen
Schule; auch als Componist hat er Talent und Gefühl gezeigt. Aber als
Lehrer für junge Sänger und Sängerinnen war er zu theoretisch; es
wurde zu viel gesprochen, zu wenig gesungen. Sein Streben, Alles durch
Definitionen populair zu machen, kostete viele Zeit. Und wenn er es den
jungen Sängerinnen begreiflich machte, daß jeder Mensch die natürlichen
Notenlinien bei der Hand habe (nämlich die Finger), und daß man nur den
Zeigefinger der rechten Hand über, zwischen oder unter einen Finger der
linken Hand zu setzen brauche, um sich jede Note klar zu machen; so
konnten wir Anderen uns nicht des Lachens enthalten. Später bekam ich
einen italienischen Gesanglehrer, Feretti, der eine gute Methode hatte,
und bei dem ich einige Fortschritte machte. Er hatte mich gern, aber er
mochte es nicht leiden, daß ich zuweilen seine Stunde versäumte, wenn
ich in der Sonnenhitze nach der Vorstadt auf Oesterbroe, wo er wohnte,
hingehen sollte. Darum sagte er auch in seinem halbdeutschen Patois:
»Ah, _Olanslagero magno ingenio_, aber Faullenzer!« Zuweilen wollte er
mich durch die Aussicht auf größere Gage ermuntern, und sagte: »Singe
Sie! Solle Sie Geld kriege.« Einmal sprachen wir von der nordischen
Mythologie: »Ah«, sagte er, »da habe Sie ja nur Othinus und seine Frau,
und weiter Nix.« Nun kramte ich all' meine nordisch-mythologische
Weisheit aus, und glaubte, seine Unwissenheit damit recht zu demüthigen;
aber mit einem zärtlichen Vaterlächeln legte er nur die Hand auf meine
Schulter, und sagte mit einem Ausdruck des Beifalls, als ob ich zum
Examen bei ihm gewesen wäre: »_Bravo, Olenslagero!_« Er war ein sehr
gutmüthiger riesengroßer Mann, mit einem langen schwarzen Zopf über dem
grauen Frack. Seine Tochter Doris, schon etwas bei Jahren, und seine
alte Frau mit dem kleinen Hunde auf dem Schoos, saßen im Nebenzimmer im
Dunkeln und applaudirten, wenn man sang.
[Sidenote: Der neapolitanische Singemeister.]
Es that ihm leid, als ich ihn verließ. Später erwischte er Foersom,
und wollte ihn zum Sänger ausbilden; aber da dieser auch keine Lust
hatte, und es vorzog, Schauspieler zu werden, so wurde der heftige
Neapolitaner ärgerlich, und rief zuletzt erbittert: »Nun so gehe Sie,
gehe Sie, und werde Sie nur miserabile Comediante!« Vor dieser Zeit war
Foersom ihm bei verschiedenen Gelegenheiten behülflich gewesen. Sie
gingen einmal zusammen aus, um Wohnungen anzusehen. Auf der anderen
Seite der Straße stand ein armselig gekleidetes Frauenzimmer, aber keine
Bettlerin. Feretti schritt gravitätisch zu ihr hinüber und drückte ihr
einen Kupferschilling in die Hand. Sie wurde verletzt und wollte ihn
nicht haben; er aber glaubte, es sei Bescheidenheit, winkte großmüthig
mit der Hand und ging weiter. Nun kamen sie in ein Haus hinein und
sahen Wohnungen bei Leuten an, die noch dort wohnten. Feretti trat mit
bedecktem Haupte mitten ins Zimmer und betrachtete mit stolzem Lächeln
die kleine Wohnung. Drauf sagte er: »Für ein Bauer ist es zu viel, für
ein Bürger ist es genug, für _il profossore del Feretti_ ist es zu
wenig«, und damit ging er wieder. -- Er war übrigens, wie gesagt, ein
sehr freundlicher Mann, fleißig und brauchbar in seinem Berufe, aber die
Neapolitanernatur konnte er nicht verleugnen.
* * * * *
[Sidenote: Musikalische Zustände.]
Fürs Erste hatte ich weiter nichts zu thun, als in die Singstunde zu
gehen und in den Chören mitzusingen; das war eine sehr interessante
Beschäftigung. So lernte ich das Theater auch von der Kehrseite kennen
und im Anfange ging es mir damit, wie in meiner Kindheit mit dem
Besuche in der Stadt, wo ich den Ulfeldtsplatz Friedrichsberg vorzog.
Die Musik habe ich nächst der Poesie immer am höchsten von allen Künsten
geliebt und hier schwamm ich in Musik von Monsigny, Gretry, Schulz und
Kuntzen, Païsiello und Cimerosa. Das Ohr des Publikums war damals noch
nicht verwöhnt oder erschlafft, und es bedurfte nicht eines großen
Lärmens, in dem so oft Melodie und Character vor übertriebener Pracht
in der Harmonie weichen müssen, und wo nur leidenschaftliches Geschrei
Effect macht. Damals übte noch die weiche Stimme des Herzens ihre
Wirkung aus, man fand den herrlichen Schulz noch nicht langweilig, und
-- obgleich der zweite April des Jahres 1801 noch nicht das Volk für
das Heroische begeistert hatte, fühlte man doch mit Vaterlandsliebe
das Idyllische und Ideale im »Erntefest« und »Peters Hochzeit.« Aber
Rosing spielte auch den Halvor in diesen Stücken und er zwang die
Zuschauer zu empfinden. Er würde es noch jetzt thun, wenn man ihn sehen
und hören könnte. Doch ich will die Zeit nicht besser machen, als sie
war; jede Zeit hat ihre Fehler und ihre Vollkommenheiten, darum muß die
vergangene Zeit die kommende theils lehren, theils warnen. -- Mozart
kannte man noch gar nicht; obgleich er schon vor zwölf Jahren gestorben
war. Daran waren die Italiener schuld, welche ihn beneideten. All' das
dumme Geschwätz, daß der melodiereichste aller Componisten unmelodiös
sei, daß er seine Musik für Orchester und nicht für Sänger geschrieben
habe, wurde auch hier hergebracht und -- geglaubt! Ja es half nichts,
daß man sein _Cosi fan tutte_ aufführte. Die Musik wurde mit anderer
italienischer Musik in eine Brühe geworfen. Daß der Text unter aller
Kritik war, konnte Jeder beurtheilen; daß die Musik göttlich schön war,
konnten nur Wenige empfinden, und dieses himmlische Meisterstück --
wurde ausgepfiffen. --
[Sidenote: Mozart's _Cosi fan tutte_.]
Ungefähr dreißig Jahre später suchte ich das Meiste dieser schönen Musik
durch das kühne Unternehmen zu retten, daß ich ihr einen andern Text
unterlegte. Einzelne Zuschauer, die wohl theils historische Kenntnisse
von _Cosi fan tutte_ früherem Schicksal besitzen mochten, theils einen
Haß auf mich hatten, wollten da anfangen, wo die Vorfahren aufgehört
hatten; aber der Beifall siegte, das Stück wurde mehrere Male bei vollem
Hause gegeben; -- und obgleich eine solche Arbeit, deren einziges
Streben dahin gerichtet war, ein anderes Kunstwerk vor der Vergessenheit
zu retten, keinen bedeutenden eigenen Werth haben konnte, so würden sich
doch gewiß noch jetzt manche Musikliebhaber darüber freuen, Mozart's
schöne Musik mit Worten zu hören, die das Gefühl nicht stören, sondern
es begleiten und es in Worte kleiden.
Wenn ich nicht irre, so trug auch eine andere Begebenheit dazu bei, das
Publikum zu verstimmen, als das Stück zum ersten Male aufgeführt wurde.
Die Liebhaber im Stück sollten sich umkleiden, um ihre Geliebten glauben
zu machen, daß sie nun andere Menschen seien. Diese Liebhaber wurden
von Frydendahl und Ovist gespielt. Frydendahl machte ein Versehen und
kleidete sich zu früh um, und Ovist ahmte nach, was er Frydendahl thun
sah. Als sie nun auf die Bühne hinaus wollten, machte der Regisseur
sie auf ihr Versehen aufmerksam. Frydendahl wurde ganz verblüfft, zog
an der Commandoschnur des Maschinenmeisters und rief: »Laßt herunter!«
er meinte nämlich den Vorhang, aber die Maschinisten oben glaubten,
die Scene sollte geändert werden und das Zimmer, in dem Knudsen gerade
spielte, verwandelte sich in einen Wald, worauf Knudsen, der, sonderbar
genug, noch die Illusion bewahren zu können glaubte, ausrief: »Welche
Gaukelei!« das Parterre schlug ein lautes Gelächter auf, und man mußte
wieder von vorn anfangen.
* * * * *
[Sidenote: Die Theaterdirection.]
Ich sah nicht nur die Kehrseite des Theaters und der Schauspieler,
sondern auch die der Dichter. Thaarup und Baggesen waren
Theaterdirectoren geworden, wozu sie sich durchaus nicht eigneten, um so
weniger, als sie nicht nur Censoren, sondern zugleich, mit Waltersdorf
als Chef, administrirende Directoren sein sollten. Hauch hatte sich in
diesen Jahren zurückgezogen. Baggesen war übrigens in seiner Stellung
angenehmer, als Thaarup. Er hatte keinen Ehrgeiz, was die Administration
betraf. Er besuchte uns auf der Bühne in seinem gelben Ueberwurf, auf
dessen Rückseite die eingebrannte Spur eines Plätteisens deutlich
zeigte, daß man ihn in der Eile ein Mal zum Plätttuch gebraucht habe.
Er schnupfte immer sehr viel Taback. Ich entsinne mich noch sehr gut
des ersten Tages, wo er uns besuchte, und wo Saabye gar nicht aufhörte,
das Bild auf seiner Schnupftabacksdose zu rühmen, welches seine erste,
selige Sophie vorstellte, die er selbst gemalt hatte. Wenn Baggesen
nicht zum Neid und zur Eifersucht gereizt wurde, war er gutmüthig und
unterhaltend. Hier beneidete er Niemand, ließ Rosing und Schwarz walten
und amüsirte sich selbst damit, über das Hohle in einigen Versen zu
scherzen, die er in den letzten Jahren hatte drucken lassen. Thaarup
that sehr vornehm, ernst und hofmeisternd. Er glaubte, daß er Alles
vortrefflich verstünde. Wenn er im Foyer einem der Jüngeren etwas zu
sagen hatte, so wandte er ihm gewöhnlich den Rücken, ballte die Fäuste,
steckte die Zeigefinger in die Höhe, pustete erst ein paar Mal -- darauf
heftete er seine Augen auf Herrn oder Madame Rosing, wenn sie zugegen
waren, -- wo nicht auf einen Andern der Aelteren um ihren Beifall oder
ihre etwaige Bewunderung seiner Rede zu beobachten -- und dann hielt er
die Rede an den, der hinter ihm stand und der gewöhnlich fortging, bevor
er fertig war.
[Sidenote: Baggesen's »Erik der Gute«.]
Er hatte besonders sehr viel damit zu thun, die Costüme zu dem
Singspiele Eveline zu besorgen, in welchem alle Choristen in feine weiße
Casimirbeinkleider gekleidet wurden. In Baggesen's Abwesenheit sorgte
er auch für die Costüme zu dessen =Erik dem Guten=; die dänischen und
julinischen Helden wurden in Harnische von unechtem Silberbrocat mit
Goldtressen gezwängt. Von =Erik Eiegod= wurden viel Proben veranstaltet.
Es machte mir Freude, Kuntzen zu sehen, der wirklich ein ausgezeichneter
Componist war, wie er da zwischen all den Menschen saß, die sich nun
vereinigten, um sein Werk aufzuführen. -- So jung ich war, so fühlte ich
doch, daß das Stück nur wenig von nordischer Kraft und Färbung hatte;
das konnte schon ein fleißiger Leser und Bewunderer Ewald's erkennen.
Wenn die Julinerinnen sangen:
»Keine Ketten uns umschlingen.
Kühl' den Haß im Blute!
Selbst im Tode noch wir singen
Erik hoch! der Gute!«
so konnte ich den im Blut gekühlten Haß nicht mit der Güte vereinen;
und daß sie es im Spott sagen sollten, um Erik zu ärgern in demselben
Augenblick, wo sie ihn um Vergebung baten, konnte ich auch nicht
begreifen. -- Wenn der alte Uller -- der mir am meisten gefiel -- zum
Schluße sang:
»Von hundert der Jahre gebleicht
Dank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, --«
so schien mir dies ein des edlen Greises unwürdiges Selbstlob; -- aber
wenn er sang:
»Vielleicht eh' die Sonne entweicht
Begrüß' ich Dich jung in Walhalla! --«
so drängte sich eine Thräne in mein Auge, und ich fand den Gedanken
schön. Daß Uller, als Wende, sich weder zur nordischen Lehre bekennt,
noch an Valhalla glaubt, entging mir, so wie es dem Dichter entgangen
war, der überall, sowohl hier, wie früher in seinem Holger Danske und in
Allem deutlich zeigte, daß er niemals altnordische Sitten oder nordische
Geschichte studirt hatte.
[Sidenote: Singspiel-Repertoire.]
Kuntzen's herrliche »=Weinlese=« und sein kleines munteres Stück
»=Das Geheimniß=« wurden auch aufgeführt. In beiden war Knudsen
unübertrefflich als Küster und Landrichter. Ich sah noch Gjelstrup in
seiner besten Zeit Jeppe vom Berge spielen, den Sattler in »Nicht mehr
als sechs Schüsseln« und mit Knudsen einen der zwei Geizigen in Gretry's
Singspiel u. s. w. In Païsiello's =Müllerin= zeigte Frydendahl schon,
daß er mit Glück die burlesken Italiener auf dem Hoftheater studirt
hatte. Seine Frau hatte von Natur eine der schönsten Stimmen, die ich
gehört habe; aber sie war nicht genügend durch die Kunst ausgebildet.
Sie hatte auch (was nicht immer bei guten Sängerinnen der Fall ist)
ein schönes Organ, außerdem ein schönes Gesicht und eine muntere
Gutmüthigkeit, war aber sonst kein bedeutendes Talent und von kleiner,
untersetzter Gestalt.
Schwarz war ein vortrefflicher »würdiger Vater.« Er hatte ein schönes,
beredtes Gesicht und ein gutes Organ. In früheren Jahren hatte er gewiß
eben so viel Humor in lustigen Rollen gezeigt, wie jetzt Gefühl und
Würde in den ernsten. Aber Helden konnte er nicht darstellen, jedoch
spielte er Niels Ebbesen, der sich nur wenig von dem bürgerlichen
ruhigen Vater unterscheidet.
Madame Preisler hatte ihre Rolle auf der Bühne und im Leben ausgespielt,
ehe ich kam; ich entsinne mich noch sehr gut eines warmen Sommertages,
wo ich mich mit einer großen Menge Menschen in eine Wohnung
hinaufgedrängt hatte, wo ihre Leiche ausgestellt war.
* * * * *
[Sidenote: Michael Rosing.]
Wer sich meine größte Bewunderung beim Theater zuzog, wen ich mit der
ganzen Wärme des Jünglings liebte, wer mich besonders zur Bühne hinzog
und über dessen Umgang und Vertrauen ich mich noch mehr freute als
über die Kunst selbst -- war =Michael Rosing=. -- Rosing war ein echt
poetischer Schauspieler, er besaß Begeisterung, Phantasie, Gefühl,
Verstand, Geschmack in einem selten hohen Grade. Er war ein Norweger
und bewahrte bei all seiner Weltkenntniß und Vielseitigkeit die
größte Liebe für sein Vaterland und für alles Altnordische. -- Ich
habe in Talma Aehnlichkeit mit ihm gefunden; Talma's Talent war in dem
Tragischen, das Rosing selten zu üben Gelegenheit hatte, ausgebildeter,
aber dieser stand ihm gewiß nicht im tragischen Genie, so wenig wie in
rascher männlicher Würde und Gluth nach.
Er war in Röraas, bei jenem melancholischen Kupferbergwerk zwischen
Schneebergen in einem abgelegenen öden Winkel geboren. Hier war sein
Vater ein armer Prediger. Als Knabe kam Rosing in die Schule nach
Drontheim. Er hatte eine schöne Discantstimme, und sang mit hoher
Begeisterung in der St. Olafs-Kirche, im großen Chore, der noch jetzt
der Nachwelt erhalten ist; Rosing lebte mit seinen Phantasieen in der
alten Zeit der Sagen. -- Der später so bekannte Staatsrath =Treschow=,
der erst jüngst nach einem bis zu seinem Todestage gesunden und
kräftigen Leben gestorben ist, war vor 60 Jahren Rosing's Rector in
Drontheim, aber Treschow kam sehr jung zu diesem Amt und war nur sechs
Jahre älter, als sein Schüler. -- In den Wissenschaften zeichnete
Rosing sich nicht aus; er ging nach Kopenhagen, wurde Student, besuchte
das Theater, verliebte sich in Fräulein =Olsen=, seine spätere Frau,
fühlte sein Talent erwachen und wurde seiner Stimme wegen beim Theater
angenommen. Aber nun mußte er sich darein finden, ein ganzes Jahr ohne
Umgang mit seinen Landsleuten zu leben, um sich den norwegischen Accent
abzugewöhnen, den er als Drontheimer in hohem Grade hatte, und auch
nie ganz ablegte; aber er kleidete ihn gut, da er gemildert und mit
der Sprache seiner Umgebung verschmolzen war. Er debütirte als Orosman
in Voltaire's Zaire, von Tode in schlechten schleppenden Alexandrinern
übersetzt. Indessen machte er gleich Glück. Von keinem Schauspieler
habe ich die Liebe zum Weibe so tief, so wahr, so schön und rührend
darstellen sehen, als von Rosing. Daher kam es, daß man in jedem Stücke,
in dem eine Liebesscene vorkam, aus welcher nur irgendwie Etwas zu
machen war, eines schönen Genusses sicher sein konnte, wenn Rosing die
Rolle spielte. Vieles, das man sonst langweilig fand, wurde durch die
Art und Weise poetisch, wie Rosing es auffaßte. Nie gab er sich einer
hohlen, schreienden Declamation, einer egoistischen Eitelkeit hin; er
lebte und athmete in dem angebeteten Gegenstande, vergaß sich selbst,
sein schwimmendes, blaues Auge auf sie gerichtet, ganz ihr gegenüber;
aber die Zuschauer vergaßen ihn nie.