=Bauernmädchen= und die =verliebten Handwerker= vergessen, in denen
südliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.
[Sidenote: Lessing.]
Von =Lessing= spielte man =Minna von Barnhelm= und =Emilia Galotti=.
In dem ersten Stücke war =Rosing= ein vortrefflicher =Tellheim=, in
Emilia ein eben so guter =Marinelli=. Es war merkwürdig, wie der Mann,
der die reinen und edeln Gefühle eines Dichters wiedergeben konnte,
mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines
Hofmannes darstellte. Aber ein großer Schauspieler muß, wie ein echter
Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre
Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann
ihn nicht gründlich darstellen. Mit der schönen Unwissenheit eines
unschuldigen Mädchens kann der Künstler sich nicht begnügen, wenn er es
in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lächerliche zu begreifen,
begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich
das Edle nicht; ohne mich über Dummheiten zu ärgern, kann ich mich an
Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken,
Dummköpfe schlecht von Dummköpfen dargestellt. In dem Erhabenen muß ein
humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wärmeres Kolorit geben; und wenn
der Komiker gar keinen Sinn für das Edle hat, merken wir ihm diesen
Mangel bald an; und können trotz unserer Bewunderung ein Lächeln über
Molière's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurückhalten; während
wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen in =die
Wolken= und Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.
Auch =Lessing= liebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst,
sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und
seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack,
etwas Tüchtiges und Nährendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle
an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade
darzustellen; er haßt Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und
darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; für das
Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas
Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische
keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte;
denn diese besaß der witzige Denker in hohem Grade.
Seinem Mangel an Sinn für das Erotische konnte man es wohl zuschreiben,
daß er der Katastrophe in der sonst so herrlichen Emilia Galotti kein
besseres Motiv unterlegte; dies schadet dem Stück und sticht bedeutend
gegen die übrige Wahrheit in der Zeichnung ab.
In meiner Jugend fühlte ich die Schwäche dieses Motivs nicht. Ich
weinte, wenn Emilia von ihrem Vater durchbohrt wurde (ohne daß er vorher
einen einzigen Versuch zu ihrer Rettung machte), damit sie im Hause des
Kanzlers nicht zur Wollust verführt werden solle.
Und Alle weinten darüber, und der Norwegische Dichter =Zetliz= hatte
auch geweint, und hierdurch entstand einige Jahre vorher eine komische
Scene bei der Aufführung zwischen ihm und einem holsteinischen
Schiffscapitain, welcher =nicht= geweint hatte. Dieser Biedermann war
ins Theater gegangen, um sich nach des Tages Arbeit zu amüsiren, hatte
sich also vorgenommen, Alles lustig zu finden, was er auch sehen möge.
Daß es ein Trauerspiel war, daß stets von ernsten Dingen geredet wurde,
brachte ihn weder von seinem Vorsatze ab, noch aus seiner guten Laune
heraus. Er lachte über des Prinzen Achtung vor der Kunst, über Angelo's
Mordanschlag, über Appiani's Schwermuth und Marinelli's Schlechtigkeit.
-- Zetliz, welchen ein böses Geschick in die Nähe des Holsteiners
gebracht hatte, konnte dieses Lachen zuletzt nicht länger ertragen,
sondern wandte sich aufgebracht um und sagte: »Was zum Teufel lacht
Er denn immer? Merkt Er denn nicht, daß es ein Trauerspiel ist? Eine
ernste, wichtige, traurige Begebenheit, die uns rührt und betrübt? Wie
kann Er denn da allein mitten im Unglück lachen und sich freuen? Schäme
Er sich! und störe Er nicht das Gefühl anderer Leute, wenn Er selbst
keins hat.« -- Der große phlegmatische Holsteiner ließ sich von dem
kleinen hitzigen Norweger imponiren, schwieg ganz still und das Stück
wurde ohne Störung zu Ende gespielt. -- Aber gerade in der Scene, wo
Odoardo seine Tochter tödtet und Zetliz in Thränen zerfließt, fällt ihm
der unglückselige Gedanke ein: »Aber warum, zum Teufel, lacht denn der
Holsteiner jetzt nicht?« Er wendet sich um, um die Gemüthsbewegung
seines Nachbars zu beobachten; und als er nun den Seemann, blau im
Gesicht, mit einem Taschentuche im Munde fast erstickt vor unterdrücktem
Lachen dastehen sieht, so bricht er selbst in ein schallendes Gelächter
aus, in das der Andere einstimmt, da er sich nun nicht mehr zu geniren
brauchte. Und so endigte das Stück zur größten Verwunderung aller
Anwesenden, die nicht begreifen konnten, warum der Holsteiner und der
Norweger so vergnügt waren.
[Sidenote: Das Trauerspiel.]
Von Trauerspielen wurde nur noch eine französische Bearbeitung eines
englischen Stückes =Beverley= in meiner Jugend gegeben, und Rosing
stellte den verzweifelten Spieler, der zuletzt den Giftbecher leert, mit
erschütternder Wahrheit dar.
* * * * *
Aus dem Vorhergehenden sieht man, daß Melpomene die dänische Bühne
damals nur selten besuchte, und daß kaum ein Mal im Jahre der »Geist im
Harnisch über die Bretter ging.« Der kräftige Norweger =Nordal Bruun=,
Verfasser eines unserer schönsten Volkslieder, hatte zwar in seiner
Jugend zwei Tragödien =Zarine= und =Einar Tambeskjälver= in gereimten
Alexandrinern nach französischem Zuschnitt geschrieben, ohne aber doch
die Grazie und das Feuer der französischen Werke zu erreichen. So hatte
er nur die Fehler nachgeahmt und den Mangel an dramatischen Handlungen
und Charakterzeichnungen konnten einzelne hübsche Stellen nicht ersetzen.
Nun wurde im Jahre 1796 =Samsöe's Dyveke= zuerst aufgeführt; das Stück
machte außerordentliches Glück und verdiente es zum Theil. =Sigbrit=
ist vortrefflich gezeichnet. In dem raschen, ehrlichen, warmen =Knud
Gyldenstjerne= hatte der Dichter seinen eigenen treuen Charakter
gezeichnet. =Christian= II. ist gut skizzirt, ohne der Wahrheit zu nahe
zu treten; =der Mönch=, =Frau Mönstrup= sind interessant, =Dyveke=
liebenswürdig und rührend. Aber sie ist zu gefühlvoll; in großen
Monologen weint sie stets wegen des Christian's, der nichts weniger,
als ein treuer Liebhaber ist. Man hat Mitleid mit ihr, aber dies wird
durch die Wiederholung ein und derselben Situation abgekühlt. Ihre Scene
mit Elisabeth ist schön. Das Stück hat in der Hauptsituation einige
Aehnlichkeit mit =Göthe's Egmont=. Aber wie verschieden ist das kräftige
Klärchen mit dem Colorit ihrer Zeit und ihres Landes von Dyveke, welche
an Lafontaine's Romane erinnert.
[Sidenote: Samsöe.]
Ein Stück, das bei alle dem so viele Verdienste hatte, mußte natürlich
dem dänischen Publikum, wie eine gut zubereitete geistige Nahrung nach
langem Fasten munden.
Die Neuheit übt auch ihre zauberische Macht aus: Die gothischen
Rittersäle, die Federhüte, die Mäntel, die Halskrausen und Brustpanzer!
Alle Rollen wurden gut gespielt. Madame Rosing war eine meisterhafte
Sigbrit, Rosing, Samsöe's Freund, ein ächter Knud Gyldenstjerne; --
und Dyveke wurde von =Marie Smidt= gespielt. Und nun -- das letzte
Mittel, welches allen Poeten nach einer wohlgeglückten Arbeit empfohlen
werden sollte, wenngleich es eine harte Kur ist, -- einige Tage vor der
Aufführung -- =starb der Dichter=!
Das Stück machte Furore. -- Ich hatte es gelesen, aber noch nicht
gesehen, obgleich es bereits mehrere Male gegeben war. Aber ich mußte
Geduld haben, es war mir nicht möglich, ein Parterrebillet zu erlangen.
Ich hatte nur drittehalb Mark, aber wenn ich die einem Billetschacherer
anbot, so lachte er mir ins Gesicht und verlangte vier, fünf
Reichsthaler. Ich war der Verzweiflung nahe. Drei Mal wagte ich mich in
das Gedränge an der Thür, wo die Billetwucherer am kalten Wintertage,
wie warme Kartoffeln im Topf dampften; drei Mal schwebte ich in Gefahr,
daß mir die Brust eingedrückt oder Arme und Beine gebrochen wurden. Mit
Noth und Mühe kam ich mit heiler Haut davon.
Mein Freund Winckler wollte auch gern das Stück sehen, war aber zu klug,
um sich in diesen ungleichen Kampf einzulassen. Als ich zum dritten
Male aus dem Gedränge mit niedergetretenen Stiefeln und eingedrücktem
Hut kam, schlug er mir vor, ob wir nicht lieber an einen Ort hingehen
wollten, wo man, wie er gehört habe, eine große Portion vortrefflicher
Chokolade für sechs Schillinge bekomme. Da ich nun ganz marode geworden
war und die Hoffnung aufgegeben hatte, ein Billet zu bekommen, folgte
ich ihm resignirt, und tröstete mich damit, daß es doch wenigstens etwas
Gutes in der Welt gebe, das man billig kaufen könne.
Gegen die Chokolade war auch Nichts einzuwenden, sie wurde uns in großen
Tassen mit zinnernen Löffeln gebracht. Freilich war das Lokal nicht
comfortable und noch weniger fashionable. -- Als wir eintraten, rief der
Wirth, dem wir durch unsere gute Kleidung imponirten, zu dem Mädchen:
»Vorläufig zwei Lichter hereingebracht, geschwind!« Aber die zwei
Lichter erleuchteten ein kleines, schmutziges Zimmer. Gerade, wie wir
tranken, kam ein Straßenkärrner herein, während dessen Equipage draußen
auf der Straße hielt, und setzte sich neben uns. -- Ohne unsere Tassen
zu leeren, standen wir auf, bezahlten, gingen fort und fanden, daß die
Chokolade doch ein zu schlechtes Surrogat für Dyveke gewesen sei.
* * * * *
[Sidenote: Sander.]
Ein Jahr darauf wurde =Sander's= Tragödie, =Niels Ebbesen= aufgeführt.
Hier traten alle Schauspieler im Harnische, den Helm auf dem Haupte,
mit Schild und Speer auf, und alles ging auf Krieg und Kampf gegen
tyrannische Unterdrückung aus. Das Stück hat Werth. Der erste und
fünfte Act bedeuten nicht viel; im dritten Act wird man etwas zu sehr
durch Stig Andersen's und Niels Ebbesen's Reden an Antonius und Brutus
in Shakespeare's Julius Cäsar erinnert; Niels Ebbesen hat einige
Aehnlichkeit mit Götz von Berlichingen; aber der zweite Act, der Schluß
des dritten und der ganze vierte sind vortrefflich. Der Dichter hat
eine alte Kämpeweise benutzt; in welcher die Scene zwischen den Grafen
Gerhard und Ritter Ebbesen fast noch besser ist, als in der Tragödie.
* * * * *
[Sidenote: Abt Vogler.]
Ungefähr zu gleicher Zeit besuchte ein Mann Kopenhagen, der einen großen
Eindruck auf mich machte: Abt =Vogler=, der vortreffliche Orgelspieler.
An der Orgel war ich, so zu sagen, halb auferzogen, und obgleich mein
Vater mir nur wenig Unterricht in der Musik gegeben hatte, so liebte
ich sie doch außerordentlich, und ich componirte zu meinem eigenen
Vergnügen kleine Melodieen. Diese Liebe für Musik hat in späteren Jahren
eher zu, als abgenommen, und etwas gute Musik täglich ist mir fast eben
so unentbehrlich geworden, wie Essen und Trinken. -- Es erfreute mich
unendlich, den herrlichen Vogler zu hören, der so fertig und genial auf
der ernsten Orgel spielte, wo ich nur gewöhnt war, Psalmen und fromme
Präludien zu hören, daß seine Musik sogar zu muntern Flötenconcerten
wurde.
Auch das =Malerische=, das Vogler auf der Orgel darzustellen suchte,
machte mir Vergnügen. Wenn er mit beiden Armen mitten in der
herzergreifenden Musik die Tangenten herabdrückte, um den Klang von
Jericho's einstürzenden Mauern nachzuahmen, so schien es mir ein kecker
Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ich machte auch gern eine
Rheinfahrt mit ihm, lauschte dem Plätschern der Wogen und dem Schlagen
der Ruder. Freilich hörte ich ihn von Vielen einen Charlatan schelten;
aber ich war schon daran gewöhnt zu hören wie vorzügliche Meister von
Alltagsmenschen, die nicht werth sind, ihre Schuhriemen zu lösen,
gescholten und gehofmeistert wurden. Daß die Phantasie den guten Vogler
zuweilen recht weit trieb, war doch das allgemeine Urtheil, selbst bei
den Sachverständigen und Billigen. -- Einmal war er zur königlichen
Mittagstafel aus Friedrichsberg gewesen, hatte auch gut getrunken und
war recht munter. Mein Vater geleitete ihn zum Wagen; es war ein
mondklarer Abend. »Ja, Herr Abt,« sagte mein Vater, indem er ihm in den
Wagen half, »noch scheint der liebe Mond so helle, wie er durch Adam's
Bäume schien!« »Nein, mein Herr,« antwortete Vogler ziemlich langsam,
indem er einstieg: »darin hat Hölty Unrecht; der Mond hat sich seit
Adam's Zeit bedeutend verändert, denn sehen Sie -- --« Damit fuhr der
Wagen davon und mein Vater sah ihn nie wieder.
=Herrmann von Unna= wurde kurz darauf gegeben, und wie sehr entzückte
mich die Musik zu dem heimlichen Gericht, das ich hier zum ersten Male
kennen lernte!
* * * * *
[Sidenote: Der Schauspieler Bech.]
Mein Vater saß oft auf dem Schloßhügel, von wo aus man die
schöne Aussicht über Kopenhagen hat, und dort machte er zuweilen
Bekanntschaften. Unter Andern traf er da ein Mal einen großen Mann in
grauem Fracke. Der Mann hatte Locken hinter den Ohren, einen kleinen
dünnen Zopf im Nacken, einen Stock in der Hand, dicken Leib, dünne
Stimme, lebendige kleine Augen und eine witzige Munterkeit. Mein Vater
brachte ihn zum Frühstück mit herein; es war der Schauspieler =Bech=.
Bech kam nun öfter zu uns und brachte seine Töchter mit, deren Eine,
=Eline=, eine niedliche Blondine, voll liebenswürdiger Schalkhaftigkeit
und Grazie war. Diese Töchter wurden bald die Freundinnen meiner
Schwester, und ich -- der aufgehört hatte, für Marie Smidt zu seufzen,
als sie sich mit Stephen Heger (den ich noch gar nicht kannte)
verheirathete -- ich, der ich durch wiederholtes Verliebtsein zu der
Erfahrung gekommen war, daß eine ernste Liebe sich noch gar nicht zu
meinen Knabenjahren passe -- ich begnügte mich nun mit einem, wenn ich
es so nennen darf, muntern Vergaffen in die reizende Eline Bech. Wenn
es gestattet ist, das in manchen Beziehungen durchaus Verschiedene mit
einander zu vergleichen, so hätte ich große Lust, Philine im Wilhelm
Meister zu nennen, in der ich -- einige Jahre darauf, als ich diesen
Roman las -- in dem Aeußern, dem Characteristischen, Poetischen eine
frappante Aehnlichkeit mit Eline Bech fand. Denkt man sich nun eine
unschuldige und sittsame Philine, so muß sie gewiß eine außerordentlich
einnehmende Erscheinung werden, und das war Eline Bech.
[Sidenote: Der tolle Busch.]
Nun besuchten wir auch Bech's in Kopenhagen und lernten die Mutter, eine
Frau mit Verstand und satyrischem Witz kennen. Sie war die Schwester
des vor Kurzem gestorbenen sogenannten =tollen Busch=; eines Malers mit
Talent und mit einem eingewurzelten Haß gegen den vornehmen Hochmuth,
der sich in jenen Tagen nicht wenig breit machte. Wo er konnte, suchte
er ihn zu demüthigen, oder zu verletzen; und ich zweifle nicht, daß
Eifer und seine eigne Eitelkeit ihn oft mitten in seinen Bestrebungen
zu weit geführt haben. Ich hörte verschiedene lustige Einfälle von
ihm. Ein Mal begegnete er einem jungen Offizier auf der Straße; Busch
hatte, nach den bekannten Gewohnheitsgesetzen der Trottoirbenutzung
in Kopenhagen, das Vorrecht; aber der Andere glaubte doch, daß er ihm
Platz machen würde. Dies geschah nicht, Busch blieb stehen. »Nun,« rief
der Offizier heftig, »wie lange will Er da stehen bleiben?« -- Busch
nahm ganz phlegmatisch seine Uhr heraus und sagte: »Ich habe bis drei
Uhr Zeit.« Ein Mal stand Busch im Reithause am Schlosse Christiansburg,
wo Pferdeauction war. Ein Junker war zugegen, den Busch nicht leiden
konnte. Er maß ihn häufig mit seinen beredten Augen. Der Andere wurde
zuletzt böse und fragte auffahrend: »Warum glotzt Er mich immer an,
will Er mich kaufen?« -- »Warte Er nur,« antwortete Busch ruhig, »seine
Nummer ist ja noch nicht aufgerufen.«
Man erzählte von diesem Eulenspiegel, seine Schelmerei wäre so weit
gegangen, daß er ein Mal einen Kopf von einem Schafe mit ins Parterre
genommen und ihn aus der Scheidewand zwischen Parterre und Parquet mit
dem Maule nach einem Kavalier zu aufgestellt hatte, den bereits Ewald
in seinen »brutalen Klatschern« gegeißelt, weil dieser Herr, nach
Busch's Ansicht, die Nase zu hoch gegen das Parterre trug.
Aber es ging nicht allein über den Adel, sondern auch über die
Geistlichkeit her, wenn Busch die schuldige Höflichkeit bei Seite
gesetzt glaubte. Auf dem Lande bei einem Gutsbesitzer malte er ein Mal
ein Thürstück, das eine Bauernstube vorstellte. Als er eben auf der
Leiter stand, kam der Gutsbesitzer mit dem Pastor des Orts herein, der
die Arbeit des Künstlers beurtheilen sollte. »Guten Tag, mein guter
Musjö Maler,« sagte der Pastor. -- Darein schickte sich Busch noch und
sagte trocken wieder: »Guten Tag!« -- Nun betrachtete der Pastor die
Arbeit mit einem Kennerblick und sagte: »Ja, es ist ganz gut; aber weiß
Er was, mein lieber Musjö Maler! Die Lade, die da steht, sollte roth
sein, versteht Er mich, Musjö Maler, roth sollte sie sein!« -- Nun
wandte Busch sich ganz phlegmatisch auf der Leiter um und antwortete:
»Und weiß Er was, mein lieber Musjö Pastor, die Lade, die da steht,
soll, hol' mich der Teufel, grün bleiben, versteht Er mich, Musjö
Pastor, grün soll sie bleiben!« --
[Sidenote: Bech's theatralische Versuche.]
Zwischen Bech und Busch war kein gutes Vernehmen. Bech war ein
mittelmäßiger Schauspieler; seine beste Rolle war Kilian in =Ulysses von
Ithacien=. Es war lange eine Spannung zwischen den zukünftigen Schwagern
gewesen; aber als Bech nun seine Schwester geheirathet hatte, wollte
Busch doch einen Tag nach der Hochzeit hinaufgehen und ihm gratuliren.
Bech empfing ihn gravitätisch im Schlafrock, worüber Busch gleich
ungeheuer lachen mußte, »Kilian im Schlafrocke« zu sehen! -- Und damit
war gleich Visite und Liebe zu Ende. --
Eigentlich besuchte ich nur die Damen dort im Hause. Der Mann war nicht
nach meinem Geschmacke. Er war ein nicht viel größerer Dramendichter,
als Schauspieler. Unter Anderem hatte er eine Komödie, »die Quarterne,«
geschrieben. Darüber schrieb ein junger norwegischer Poet Weyer, der
in seinem zwanzigsten Jahre starb und auf den Rahbek große Hoffnungen
gebaut hatte, folgendes Epigramm:
Daß nied're Stücke stets auf nied'ren Schuhen gehn
Das glaub' ich gerne.
Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich muß's gestehn,
Von der Quarterne.
Doch, lieber frommer Bech, Du mußt's erlauben
Mit guten Mienen,
Daß wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben,
Du trägst Pantinen.
Und geh' in Gottes Namen immer so, doch laß'
Dich nicht verlocken,
Daß unter'm Schutz der Direction Du kommst fürbaß
In bloßen Socken.
Auch bei Rosenstand-Goiske, der damals das »dramatische Journal«
herausgab, hatte Bech nicht viel Trost gefunden. -- »Wissen Sie, was
man von Hansen (einem anderen Schauspieler) sagt?« fragte Bech einmal
Rosenstand. -- »»Nun?«« -- »Man sagt, wenn man ihn einmal kämmen würde,
so fiele seine ganze Action fort.« -- »»Und wissen Sie, was man von
Bech sagt?«« -- »Nun?« -- »»Man sagt, daß wenn man ihm ein reines
Hemde anzöge, so fiele seine ganze Action fort.«« Hansen hatte nämlich
die Gewohnheit, sich hinterm Ohre zu kratzen, aber Bech schuppte sich
unablässig, wenn er spielte.
Bech zeigte mir seine Manuscripte und ich bewunderte das Voluminöse
der Hefte. Ich schrieb damals auch Komödien aller Art, Iffland'sche,
Kotzebue'sche, Ewald'sche, Wessel'sche, ließ mir aber nicht die Zeit,
so viele Bogen auf ein Mal voll zu schreiben. Ein Stück im Wessel'schen
Geschmacke, Gertrude, war für mein Alter gar nicht so schlecht, und ich
habe es viele Jahre darauf als eine Curiosität in meiner Monatsschrift,
Prometheus, abdrucken lassen.
Rahbek hatte Bech auch auf dem Halse. Dieser pflegte das Motto von
Voltaire vor seinen Arbeiten anzuwenden:
»_Pour former une oeuvre parfaite
Il faut droit se donner au diable._«
Rahbek rieth ihm einmal, Voltaire's Vers durch folgende Zeile zu
ergänzen:
»_Et c'est ce que je n'ai pas fait._«
Das that er denn auch später immer zum Trotz und rächte sich an Rahbek,
indem er dessen erste schwache Jugendarbeit, »der junge Darby,«
recensirte.
In dem Bech'schen Hause brachten meine Schwester und ich viel frohe
Stunden zu. Mutter und Töchter waren lebensfrohe Menschen, und wir
machten mit ihnen bisweilen Waldpartien. Es wunderte mich oft, daß
Madame Bech so munter sei; ihre Betriebsamkeit, die Familie in Wohlstand
zu versetzen, erstreckte sich nicht allein darauf, Putzsachen für
Lebende zu machen, sondern sie schmückte auch die Todten! -- doch das
machte nicht mehr Eindruck auf sie, als wenn ein Chirurg sich mit der
Anatomie beschäftigt.
* * * * *
[Sidenote: Privattheater.]
Wenn wir jungen Leute im Speisesaal auf dem Friedrichsberger Schloß
zusammenkamen, so spielten wir gern Komödie und Winckler war auch dabei.
Wir mochten ihn seiner witzigen Munterkeit wegen gern und er war auch
gern dabei um zu scherzen und sich mit uns zu amüsiren; aber es war bei
ihm doch keine ernste Lust, so wie bei mir und Eline Bech, ordentlich
Komödie zu spielen.
* * * * *
[Sidenote: Leistungen in der Decorationsmalerei.]
Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich, als ich noch in die Schule
ging, bei einem von Winckler's Schulkameraden, Böttcher, dessen Vater
Verwalter des Laurvig'schen Eisenmagazins war, ein Privattheater
eingerichtet hatte. In der Abwesenheit des Vaters erlaubte die Mutter
uns gern, in dem großen geräumigen Zimmer zu spielen. Ich bildete eine
kleine Truppe aus Böttcher, seiner Schwester, Winckler und einigen
Anderen, und nun spielten wir vor einigen unserer Schulkameraden. Hier
zeigte sich nun recht mein Eifer für das Dramatische. Zuerst mußte ich
an Decorationen denken. Ich kaufte mir ein Buch Packpapier und einige
Düten voll gelber, rother und schwarzer Farbe, sowie einige Pinsel.
Neun Bogen Packpapier nähte ich zum Hintergrunde zusammen, der eine
Stubenwand mit einem Fenster in der Mitte vorstellte, unter das ein
Tisch gesetzt wurde. Je drei Bogen bildeten eine Coulisse, an jeder
Seite mit Thüren. Nun band ich Besenstiele und Stangen an Stuhllehnen
an und daran befestigte ich die Coulissen. So war mein Zimmer fertig.
In diesem Zimmer mußten wir nun Alles spielen. Das Erste war der
politische Kannengießer, worin ich Hermann von Bremen, das Nächste Jeppe
vom Berge, oder der verwandelte Bauer, wo ich Jeppe spielte. Wenn die
Maschinerie nicht Stich hielt, so mußte die Phantasie zu Hülfe kommen.
Da ich zum Beispiel keinen Galgen hatte, an dem ich als Jeppe aufgehängt
werden konnte, hing ich mich mit den Armen an die Thür nach dem Zimmer
der Zuschauer; da diese geöffnet wurde und ich des Hängens müde war,
sprang ich herunter, ohne in der Scene oder im Spiele zu stocken, als
wenn gar nichts Wunderliches passirt wäre; und hierdurch rettete ich
auch die Illusion für die Zuschauer. Winckler gab den Henrik und Jacob
Schuhmacher; aber ich konnte ihn nie dazu bewegen, ordentlich zu sein;
er spielte stets mit dem Spiele.
Das that er nun auch, wenn wir auf Friedrichsberg mit Eline Bech
spielten, und es war reizend zu sehen, wenn das junge, schöne Mädchen
ihn ausschalt, weil er »unartig« sei -- das heißt: weil er sich nicht,
wie wir, in die Rolle versetzte und ernsthaft mitspielte.
Endlich wurde der Ernst bei Eline Bech so groß, daß sie wirklich
Schauspielerin wurde. Sie debütirte in Hermann von Unna als Ida, erwarb
sich außerordentlichen Beifall, und dies trug nicht wenig zu meinem
darauf folgenden Entschlusse bei.
* * * * *
[Sidenote: Studien bei Herrn Höisgaard.]