glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu können,
das mein Freund Winckler bereits rühmlich bestanden hatte. Mein Vater
gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgärtners
Petersen's Kinder einen Lehrer, Herrn =Höisgaard=; dieser versprach, mir
täglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er übrig hatte,
Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.
* * * * *
[Sidenote: Herr Höisgaard.]
Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in
ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendstätte vom Morgen bis zum
Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte
vor all' diesen Freistunden, denn ich fühlte im Voraus, daß ich nicht
Gewalt genug über mich selbst haben würde, um mich freiwillig in einen
gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was
mich nöthigte. Was sollte ich außerdem thun, wenn ich das gearbeitet
hatte, was mir aufgegeben und mich für den nächsten Tag vorbereitet
hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte
ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich
so ziemlich; aber während ich in Munthes griechischer Grammatik das
Verbum [Greek: tuptô], ich schlage, auswendig lernte, wünschte ich mir
beinahe einige der Schläge, die ich in früheren Jahren in des Küsters
Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien
durchaus Fingerklapse gehörten. Es ist keine Frage, daß, wenn Knaben
mit lebhafter Phantasie und Gefühl die sogenannten =guten Fundamente=
bekommen, das heißt: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, daß
sie im Allgemeinen jedenfalls Prügel bekommen müssen, so wie die Thiere,
wenn sie Kunststücke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit
des Lehrers helfen. Der gute Herr Höisgaard war ein braver und
freundlicher Mann und ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er
war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man
zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangeführte Weise lernte.
Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil
gebildeten Menschen anwenden. -- Es war hart genug für mich, der ich ein
ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen
war, -- nun zu Höisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln
und tiefem Negligée, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank
seinen Thee aus großer henkelloser Tasse, aß sein Butterbrod in meiner
Gegenwart, und nannte mich »Er.« -- Aber dieses Pronomens bediente er
sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach
Demuth bemerkte er doch wohl genügend an meinem Blick und meinem ganzen
Wesen, daß ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es
währte übrigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch
gewann, daß ich Kenntnisse in mehreren Gegenständen, und einen Sinn für
Poesie zeigte, -- wenn wir die lateinischen Dichter übersetzten, -- den
er selbst nicht besaß. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen
Kameraden, und nie wechselten wir ein böses Wort. --
Erst mußte ich den ganzen langen =Justinus= mit ihm lernen, dann aber
ging es an _=Cicero de officiis=_, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch
im =Virgil=.
Auf diese Weise wäre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen,
wenn er mich auch hätte lateinisch schreiben lassen; -- aber --
sonderbar genug -- daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das
Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tuptô] gelernt, als
ich gleich Paulus' Briefe an die Römer und Corinther -- in's Lateinische
übersetzen mußte, das heißt: ich mußte täglich die lateinische Version
auswendig lernen. Das war eine Höllenarbeit, -- sie war mir so
überdrüßig und langweilig, daß ich wirklich die Römer und Corinther
lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zum _examen artium_
schien mir so schwer und holperig, daß ich immer mehr und mehr die
Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, daß Höisgaard, indem er mir
täglich Anecdoten von Eigenthümlichkeiten der Professoren und von den
Absonderlichheiten Einzelner erzählte, wie man sich benehmen müsse, um
gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich
vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so daß das Examen mir
zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der
ich eine große und langweilige Rolle hatte.
* * * * *
So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging
es den ganzen übrigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Südfelde,
im Gespräche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter
Unterhaltungslektüre zu -- d. h. ich machte mich mit der schönen
Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natürlichen
Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art
blutiger Sünde, als einen Müßiggang, und weinte oft, weil ich nicht
Kraft genug besaß, Höisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief
an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komödien und Wessel's
Liebe ohne Strümpfe vorzuziehen.
* * * * *
[Sidenote: Erste Regung der Liebe.]
Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen großen
Einfluß auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschluß
hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jünglingsalter. Sinn und Gefühl
für das schöne =Weibliche= fingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie
Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine
Frage, daß, als das Christenthum hier im Norden eingeführt wurde, viel
Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war
dies nöthig, damit allmälig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden
konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weiches Gefühl, das für eine
Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestörte, kräftige Phantasie für
die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrängte. Es
ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben
mußte, wenigstens ein Phantasiebild, für das er seufzen konnte.
Zuerst wandte ich mich an meine schönen Italienerinnen in der
Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle
entgegenlächelten und sehr schön waren, fand ich es doch zu lächerlich,
sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem
halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwäche gestorben war!
Glücklicherweise blühte damals eine junge Schönheit, für welche die
Hälfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hörte einmal, daß im Scherz
gesagt wurde: in eine Schauspielerin dürfen sich alle Leute verlieben;
das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich
in die schöne Marie Smidt, später verehelichte Heger, welche die Rolle
der Dyveke und Kathinka im »Mädchen von Marienburg« spielte.
Man wird es also begreifen, daß all' mein Sehnen und Trachten dahin
ging, so oft als möglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein
paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem
Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und
jetzt nicht nothwendiger, als früher.
* * * * *
[Sidenote: Kotzebue.]
So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Römern und
Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. --
Zuvörderst hielt ich das »Mädchen von Marienburg« von =Kratter= für ein
Meisterstück, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich
ärgerte mich später, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein
satyrisches Verzeichniß über einige fingirte Gemälde las, die verkauft
werden sollten: »Czaar Peter der Große giebt dem Tragödienschreiber
Kratter eine Tracht Prügel.« -- Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schen
Stücke lieb, in denen gewöhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen
Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das
Affectirte im Gefühl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge übersah
der sechzehnjährige Jüngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit,
der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rührenden, das sich
nicht selten in den Situationen findet. »Ein Buch kann hundert Fehler
haben«, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield -- »und
doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.«
Es ist keine Frage, daß Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn
fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefühl hatte, als Scribe jetzt,
der correct und kalt, mit vieler Kunst größtentheils dasselbe Thema
variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswürdiger Dreistigkeit
in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manövrirt, daß er uns
dahin bringt, den beschränkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist
sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stücke zeigt uns das Leere und
Langweilige in denselben.
Was Kotzebue bei seinen Stücken besonders schadet, sind die Motive, die
oft schlecht genannt werden müssen. Nicht selten könnte ein Stück von
Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive veränderte. Ich will hier
nur von dem Stücke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm
zuerst einen Namen verschafft hat: =Menschenhaß und Reue=.
Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien
mit großem Beifall aufgeführt. War es lauter Verblendung und
Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben?
Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blühten,
und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die
deutsche Sprache am stärksten in Frankreich war, und doch gefiel es.
Warum? Weil dieses Stück trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von
großer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das
Schlechte besteht darin, daß ein Frauenzimmer, die vor nicht langer
Zeit wie ein leichtfertiges Geschöpf gehandelt hat, hier als ein edler,
unglücklicher Charakter dargestellt wird. Das Lächerliche darin, daß
Meinau, mit all' seinem Menschenhaß ihr gleich, von einer schlaffen
Sentimentalität bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht,
diese Ehepaare auf eine weniger empörende, eine verzeihlichere Art zu
trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schöne Scenen sind
dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhältniß in dem stillen,
bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe
und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenhaß
verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen
Bittermann und Peter.
[Sidenote: Iffland.]
Ich führe dieses einzelne Beispiel an, das auf viele andere, selbst auf
Iffland's Stücke, angewendet werden könnte.
Dieser Dichter galt in meiner Jugend dafür, solider, natürlicher und
wahrheitsliebender, als Kotzebue zu sein; und in einigen der Dramen,
die ihm besonders bei echten Kunstrichtern einen Namen verschafft
haben, ist er es auch. Die »=Jäger=« sind und bleiben zu allen Zeiten
ein vortreffliches dramatisches Idyll; eben so die zwei letzten Acte
der »=Hagestolzen=«, die eines Goethe würdig sind. In dem Charakter des
alten Studenten Waller im »Herbsttag« und an vielen anderen Stellen
zeigt Iffland sich als sehr guter Genremaler. Aber er war zu wenig Poet,
um viel Werke zu schreiben. Es waren dies nicht frische Wellen, die
aus einer reichen Castalia zu geistiger Erquickung strömten; es waren
matte Wiederholungen Eines und Desselben. Dazu kam, daß Iffland bald
ein Philister wurde: der Geist in den meisten seiner Stücke war eine
kleinliche Ehrerbietung vor dem Geschäftsfleiß und ein ewiges Losziehen
auf all' das Blühende und Kühne, das sich über den gewöhnlichen
Schlendrian hinauswagt. Einige seiner Stücke sehen aus, als ob ein
Comptoirchef oder ein Steuereinnehmer, der gegen die Poesie polemisirt,
sie geschrieben hätte. Auch die Liebe greift er gewöhnlich an, und kann
sie nie zahm und vernünftig genug bekommen. -- Er konnte mir also in
jener Periode bei Weitem nicht so, wie Kotzebue, gefallen.
* * * * *
[Sidenote: Lafontaine.]
Aber ein Mann, der Liebe von Anfang bis zu Ende war, der in Liebe
schwamm und sie gerade so darstellte, wie ich sie damals fühlte, nämlich
die kindliche, sanfte, wenn ich so sagen darf, milchbärtige Liebe --
dieser Mann, =Lafontaine=, war mein Abgott. Von ihm lernte ich auch
zuerst ordentlich deutsch lesen. Er war der erste Verfasser außerhalb
Dänemark, den ich auf eigene Hand rasch in der Ursprache las. Es ging so
leicht, daß es eine Lust war! -- und auch dies schmeichelte und erfreute.
* * * * *
[Sidenote: Schreckens-Geschichte.]
Zu dieser Zeit schrieb =Spieß= seine Gespenstergeschichten, seine Reisen
durch die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers. Ich verschlang
seine Schriften mit unersättlicher Gier, und Nichts entzückte mich in
jener Periode mehr, als ein belle horreur, bei dem die Haare sich auf
dem Haupte sträubten. Auch mochte ich zuweilen eine Kanne Wein mit =Veit
Weber= leeren; aber Spieß war doch der rechte Mann, zu dem ich stets
wieder zurückkehrte.
* * * * *
Auch in dem wirklichen Leben suchte ich dieses Gefühl zu entwickeln
und auszubilden. Es bot sich bald eine Gelegenheit, wie gerufen, dar.
Zwischen Kopenhagen und Friedrichsberg stand damals auf dem Westfelde,
gerade gegenüber dem Wirthshause zum Goldenen Löwen, die Richtstätte.
Pfahl, Rad und einen gemauerten Galgen sah man, an welchem letzteren,
wie man sagte, nur kopenhagener Bürger gehängt werden durften; die
Anderen müßten sich mit einem hölzernen Galgen begnügen.
In meiner Spieß'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher
hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester
und unserm Dienstmädchen in das Südfeld, um die Wallnüsse von den
höchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Gärtner sich beim Einsammeln
nicht die Mühe machen wollte, herunterzuholen. Das Mädchen war still,
verdrießlich und melancholisch. Es war schon spät, die Sonne ging
unter und die Dämmerung brach an. Plötzlich sagte sie nach einem
langen Schweigen: »Wollen wir auf's Feld gehen und den Sünder sehen,
der hingerichtet ist?« -- »»Ja!«« rief ich, und die Wallnuß, die ich
aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein
Wort weiter gesprochen, und wir gingen.
Als wir auf der Landstraße dem Hochgerichte gerade gegenüber standen,
wagten das Mädchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine
unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den
geöffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen,
und nun sprang ich über Gräben und Hecken, um mir den Weg zu kürzen.
Auf dem einsamen Felde näherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war
untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag über der Natur. Ich
wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grüne Erde, und es war
mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Füßen gleich Wellen wogten.
Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfähle dicht vor mir. Ich schlage
die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange;
darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein
kopfloser Körper mit herabhängenden Armen und wollenen Strümpfen an den
Füßen. Ein panischer Schrecken faßte mich; ich ergriff die Flucht. Es
war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er
mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstraße,
zu meiner Schwester und dem Mädchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir
selbst.
[Sidenote: Eine Spuck-Geschichte.]
Mein Vater dagegen hatte keine große Gespensterfurcht, was Folgendes
bezeugen kann: An einem späten und dunkeln Abend, als er von seiner
Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an
der Kirche vorüberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom
Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenältester that es ihm der
Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er
entschloß sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schließen.
Zufälliger Weise kam gerade ein Gärtnergehülfe vorüber, den er in
seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle?
-- Der Gehülfe schämte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte
ihm mit beklommenem Herzen. Erst öffnete mein Vater die Kirchhofsthüre
mit dem Hauptschlüssel, dann gingen sie über den Kirchhof und kamen zu
einer kleinen Hinterthüre, der einzigen, welche er mit diesem Schlüssel
öffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: »Wir müssen
die Thür offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schloß nicht
öffnen.« Der Gärtnergehülfe sperrte die Thüre so weit, wie möglich
auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe
hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schloß das Fenster. Aber wie
sie nun wieder zurückgehen wollten, hörten sie einen entsetzlichen Lärm
unten in der Kirche. »Herr Jesus!« rief der Gärtnergehülfe, »nun geht's
los!« -- »»Nein!«« antwortete mein Vater verdrießlich, -- »»nun steht's
leider erst recht fest. Der Wind hat die Thür ins Schloß geworfen, und
von Innen kann ich sie nicht aufschließen!«« -- »Ach Du mein Heiland
und Schöpfer!« rief der erschreckte Gehülfe und rang seine Hände, »was
haben wir gethan, wozu haben Sie mich verführt? Sollen wir nun die
ganze Nacht in der Kirche bleiben?« -- »»Das ist freilich unangenehm««,
sagte mein Vater, »»aber fassen Sie nur Muth. Ich höre den Wächter
unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthüre
steht offen, dann werde ich ihm den Schlüssel hinunterwerfen, und er
kann uns die kleine Thüre von Außen öffnen.«« -- »Ach!« entgegnete der
Gehülfe, »das thut er gewiß nicht. Glauben Sie, daß der Wächter ein
so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.«
Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein
Vater rief dem Wächter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um
Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen,
als er in größter Eile Fersengeld zahlte. »Verdammt!« sagte mein
Vater, »nun müssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.«
Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlüssel ins Loch und
drehte und drehte lange vergebens, während der kalte Angstschweiß dem
Gärtnergehülfen auf der Stirne stand. Endlich glückte es, und die Thür
ging auf. Aber solch' einen Sprung -- versicherte mein Vater oft später
-- habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehülfe über drei, vier
Gräber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thür geöffnet war.
* * * * *
Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner ästhetischen Lectüre
zurück. Mit den =Schröder='schen und =Jünger='schen Stücken hatte ich
vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schröder solider als Kotzebue
war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Kälte, nicht so gut. Der große
Mann war viel mehr Schauspieler als Poet. =Jünger= fiel mir schon damals
recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten für Meisterstücke und ich
ließ sie dafür gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefühl stets
hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze
und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie
sie dafür galten.
* * * * *
[Sidenote: Ewald und Wessel.]
Von =Ewald= spielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie
jetzt. »Balder's Tod« von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur
Aufführung gekommen. Die Diction in diesem Stücke kann neben die
in Göthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in
Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntniß und
die reife Künstlerbildung, wie in Göthe's Werken fände; ich meine nur
mit Rücksicht auf das schöne begeisternde Gefühl, das sich gedankenvoll
in originalen Bildern ohne rhetorische Weitläufigkeit und Pracht in
einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem
kräftigen Fluge hat der große Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den
dramatischen =Stoff= ließe sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu
einer Kritik über Ewald's Werke wäre.
* * * * *
Wessel's »Liebe ohne Strümpfe« spielte man in jenen Tagen oft. Der
Dialog fließt darin eben so leicht und natürlich, wie unnatürlich und
schwerfällig in: »Harlekin, der Patriot.« Das Stück wurde immer mit
Beifall gegeben, wenn auch die Leute im Allgemeinen die Parodie nicht
begriffen, und -- was merkwürdig ist -- obgleich der italienische
Componist Scalabrini, der eine schöne Musik dazu geschrieben hatte,
kein Wort dänisch verstand. Man hatte ihm nur flüchtig die einzelnen
Musiknummern übersetzt und ihm den Inhalt des Stückes erzählt. Die
schönen italienischen Melodieen, die unter naiver Einfalt schelmische
Ironie verbergen, vereinigen sich recht gut mit der nordischen Satyre;
sowie Oel und Essig, ohne zusammen zu rinnen, einem erfrischenden Salat
doch einen guten Geschmack geben. Das Beste war noch, daß Wessel, in
den Lehren der französischen Schule auferzogen, große Achtung vor den
Meistern hegte, welche er, ohne es selbst zu merken, lächerlich gemacht
hatte, indem er nur glaubte schlechte Nachahmungen zu parodiren. Eine so
durchgreifende Ironie mußte natürlich eine große Wirkung hervorbringen.
Jeder fand dort, was er suchte, und was eigentlich doch nicht darin
war. Aber die Hauptsache war vorhanden: Spott über vornehme Gemeinheit,
welche die Schneidernatur mit Purpurlappen behängt und sich mit
hochtrabendem Unsinn brüstet.
* * * * *
[Sidenote: Thaarup.]
Zum Einzuge hatte =Thaarup= »das Erntefest« geschrieben. In einem
schönen Idyll schildert er das dänische Bauern- und Seemannsleben, die
Freude über die Aufhebung der Leibeigenschaft, und die Begeisterung des
Volkes bei der Vermählung des Kronprinzen. Das Stück hat dramatisches
Leben, obgleich die Handlung unbedeutend ist; eine herrliche Musik von
=Schulz= setzt Alles in ein klares und reizendes Licht. Er componirte
kurz darauf auch Thaarup's »Peter's Hochzeit,« eine würdige Fortsetzung
des Erntefestes. Schulz tritt in Monsigny's und Gretry's Fußstapfen; mit
reizenden originellen Melodieen rührt er das Herz, weckt Begeisterung
und ergreift das nationale Gefühl. In seiner Kirchenmusik zeigt er einen
hohen Geist, voll von Andacht und Gefühl; und obgleich er es noch nicht
verstand, die Blaseinstrumente so zu gebrauchen, wie man es später von
Haydn und Mozart gelernt hat, so hört man an seinen Compositionen doch
den gründlichen Contrapunctisten aus der Bach'schen Schule.
Diese lieblichen, in einer schönen Sprache gedichteten Thaarup'schen
Idyllen, voll herrlicher Melodieen, machten auf mich, den Jüngling,
einen starken Eindruck; noch mehr aber die Schulz'schen Melodieen,
welche viel zu meiner Bildung beitrugen.
* * * * *
[Sidenote: Bühnen-Repertoire.]
In dem Komischen und Launigen hatten sich in meiner ersten Jugendzeit
mehrere vaterländische Dichter ausgezeichnet und erquickten meinen
Geist: =Der Virtuos=, =der Einzug=, einige Scenen aus den =Chinafahrern=
und aus =die Herren Von's und die Herren Van's=, von P. A. Heiberg,
das =Findelkind=, von Falsen, die =Golddose=, von Olufsen gehörten zu
den Lieblingsstücken, in denen Knudsen das Herrlichste und Wahrste,
das ein komischer Schauspieler je dargestellt hat, leistete. Welcher
Humor, welche Charakterzeichnungen, welche warme Gutmüthigkeit und
Naivetät! -- Selbst seine Uebertreibungen waren geistvoll, wenngleich
die Kritik sie nicht billigen konnte. Ganz anderer Art war Gjelstrup, er
war kalt, schelmisch und ironisch, -- die echte witzige Satyre, aber er
verstand es doch nicht immer so gut, Natur und Ironie zu verbinden, wie
=Frydendahl= in dem herrlichen Künstlerleben seiner späteren Epoche.
* * * * *
Von englischen Stücken gefielen mir besonders =die Lästerschule=, und
=Goldsmith's Irrthum auf allen Ecken=. An den vornehmen französischen
Conversationsstücken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber an
=Molière's: Kranke in der Einbildung= und seinem =Geizigen=. Ganz
besonders gefielen mir die reizenden Singstücke =Zemire und Azor=,
=der Grobschmied=, =der Faßbinder=, =der König und der Pächter=, =die
beiden Geizigen= (wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glänzten), =die
beiden Savoyarden= und vor Allem =der Deserteur=, ein herrlicher Stoff,
von Monsigny eben so schön componirt, wie viele Jahre darauf =der
Wasserträger= von =Cherubini=, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes
warmes Herz zeigte.