eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte,
brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von
Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da
ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und
dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war
mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm,
er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: »Hab' Dank, mein liebes
Kind!« -- Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital
gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die
Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer
mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl
zu sagen.
In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der
Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht
gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht,
tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns
unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um
Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei
und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu
setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe
erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut
machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn.
Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem
jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit
zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten.
Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein
Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte,
um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne.
Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath
Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der
Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns
heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns
die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu
sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen
zu: »Nörregaard hat uns frei gegeben!« -- »Adieu, Herr Lindrup!« rief
ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. --
Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch
näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er
faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.
Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir
eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche
über den Hof. »Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?« --
»Hier!« -- Wir folgten den Leichenträgern und waren somit das erste
Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt
wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male,
überließen uns unseren Gefühlen und gingen.
* * * * *
Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die
Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später
ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr
ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem
Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man
dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.
* * * * *
[Sidenote: Storm als Dichter.]
Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie,
sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene
Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es
zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht
glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen
bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung.
Sein »Erast« ist eine schlechte Komödie, sein »Bräger« ein schlechtes
komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich
nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter
Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache
zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den
Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch =Zinklar's
Weise=, =Jönndalen= und einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in
der dänischen Dichtkunst bewahren.
* * * * *
[Sidenote: Abermaliger Umzug.]
Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch
war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß das
berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele
Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der
_flûte douce_ spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in
einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der
Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns
her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen
von »Tausend und einer Nacht« umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder
hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir
Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der
Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie
war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die
sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen
wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich,
daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war,
mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte,
»ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der
Kukuk sei?« Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle,
bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel
Jahre er noch zu leben hatte. -- Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn
genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber
der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen
Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der
Kukuk rief lustig fort.
* * * * *
[Sidenote: Erste und letzte Jagdpartie.]
Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich
mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner
Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier
stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die
Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie früher auf der
Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir
bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach
Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. -- Heute aber war
unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen,
daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere
ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen
zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche
Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen,
die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber
zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte
ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der
Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die
Anderen folgten mir. »Na«, rief die Frau, »wie ist's gegangen, habt Ihr
eine glückliche Jagd gehabt?« Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf
meine Tasche. »Jesus, mein Herzensjunge!« rief sie, »Du hast ja so viel,
daß sie herausfallen.« Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter
getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.
* * * * *
[Sidenote: Erster Theaterbesuch.]
Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen
konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf
es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der
Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich
wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über
das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine
neue Silberader entdeckt. -- Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas
fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen
Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu
stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie
wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.
Das erste Stück, welches ich in meinem Leben sah -- ich war sieben bis
acht Jahre alt, -- hieß »die verliebten Handwerker«. Mein Vater nahm
mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag
auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefühle sehe ich
noch immer, wenn man dieses Stück spielt, dieselbe Decoration, welche
damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt
im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Häuser des
Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte
mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schöne Musik,
durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das
Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das
eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und
Liebe sich mit der täglichen Beschäftigung vermischen; der Gegensatz des
französischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers,
wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkäfer umherflattert, -- all'
Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik,
welches das Plumpste zu etwas Höherem idealisirte. Ich befand mich, wie
im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen dürfe, und
als er mir sagte, daß Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine
Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und
schlug in die Hände, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar
nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Häuser, Gärten und Straßen
gemalt hätten; denn ich glaubte, das würde immer gleich gemacht. Ich
fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch
keine deutliche Vorstellung davon.
* * * * *
[Sidenote: Der Schloßbrand.]
In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die großen
Feuersbrünste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten
im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger
Schlosse saß und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen
Farbenkasten bekommen und es amüsirte uns, Papier zusammenzukleben und
uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dämmerung
zum Fenster hinaus: »Was ist das«, rief er, »steigt der Mond über
Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein?« -- Bald erfuhren
wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir
von der Marmorbrücke aus Zeugen des fürchterlich schönen Schauspiels
waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder
früher, noch später. Die Flammen waren erst in den Sälen eingeschlossen,
die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stückchen
angezündetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach,
schmelzte es, und mit den schönsten Farben stiegen die rothen, blauen
und grünen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler
Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkörper den
lüsternen Flammenküssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch
emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen
Krachen stürzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke
an war Alles Flamme, als ob die Hölle ihren Schlund geöffnet hätte, als
ob Vesuv oder Aetna auf den Schloßplatz hin versetzt wären; und ich bin
überzeugt, daß kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie
die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. -- Als ich mit meinem Vater
wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewiß noch eine
Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des
Schloßbrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsäule zog mit
dem Winde über das Südfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das
durch die Luft geführt wurde, fiel dort erst nieder. Man hatte gar
nicht geglaubt, daß das Schloß brennen könnte, und die Mauern brannten
auch nicht; aber die unzähligen Ofenröhre, welche durch das Gebäude
kreuz und quer, oft in der Nähe leicht brennbarer Wände liefen, sollen
die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzählte, daß die Leute im
Schlosse gar nicht hätten räumen wollen, und als die Matrosen kamen, um
zu retten, sagten Einige: »Wir dürfen nicht eher räumen, als bis wir
Ordre haben.« »»Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre««! riefen die
Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.
* * * * *
[Sidenote: Große Feuersbrunst.]
Im nächsten Jahre, 1796, wüthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die
ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefühl des Verlustes der
königlichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefühl über grenzenloses
Unglück verbunden. Es ging damals gerade über den Mann im Lande her,
welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das
historisch Merkwürdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz,
die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, daß die Burg sich
schöner aus der Asche erheben würde, und dies ist auch geschehen,
wenngleich ich aristokratische Seelen darüber habe klagen hören, daß
der Steinkoloß dadurch an seiner Großartigkeit verloren habe, daß er
auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geöffnet
worden, und daß der Thurm fort sei. -- Die Feuersbrunst der Stadt brach
mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen
sehen ließ, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer
weiter über den großen Körper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine
solche Straße hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher
nicht weit von mir herabfiel. -- Aber obgleich diese Feuersbrunst weder
poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, daß sie im Sommer
in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose
in ihren freundlichen Schoos aufnahm; wäre das Feuer im strengen Winter
ausgebrochen, so wären Unzählige grenzenlos unglücklich geworden.
Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schloßmauern war genügend,
um, ein wenig zugemauert, Zimmer für eine ganze arme Familie zu werden.
Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wären, um der Armuth
und der Genügsamkeit zu weichen. Daß die Verschönerung der Stadt eine
natürliche Folge dieses Brandes werden mußte, konnte freilich Diejenigen
nicht trösten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst
eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.
Als diese beiden Feuersbrünste überstanden waren, und die Trauer
sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's »fürchterliche
Feuersbrunstgeschichte« in die Hände, die ich mit großem Erstaunen und
Vergnügen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhältnissen die
Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom
Schicksal auserwählte Werkzeug, -- wie =Peer Syv= sagt: »zum lustigen
Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben«, -- und das Sonderbarste ist,
daß man -- aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genöthigt ist, seine
Narrheiten zu lesen, um individuelle Züge aus einer der traurigsten
Begebenheiten zu finden.
* * * * *
[Sidenote: Der Thiergarten.]
Ehe ich meine Kindheit verlasse, muß ich noch Etwas erwähnen, das theils
jährlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewöhnlichen
Lebens herbeiführte. --
Das jährliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer
auf einem großen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden
an einem schönen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde
voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen
Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen über, und wir fuhren fort. --
Diese Tour riß mich hin, obwohl ich daran gewöhnt war, in der Natur
und den schönen Gärten zu leben -- doch aber zwei Dinge vermißte,
die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und
der Buchenwald! -- Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die
schäumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen
die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch groß genug für den
armen Knaben waren, der nur daran gewöhnt war, den Wind den Kanal im
Friedrichsberger Garten kräuseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach
der Zollbude; aber hier draußen, in den Fischerdörfern war es doch viel
fremdartiger und schöner. Die armen Fischerhütten sah ich durch Ewald's
Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Genügsamkeit und
Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig
der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres repräsentirt eigentlich
den Dänen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den
mächtigen breiten Buchen, fühlte ich mich in Frigga's Heiligthum
versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die
ihr schönes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen
aus den Kämpeweisen herbei. Daß sich Scherz, Volksgewimmel und fremde
Gaukler in die große Natur mischten, daß der Tand des Augenblickes dem
Ewigen, Unvergänglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste,
Erhabene dadurch steigerte, daß es einen Gegensatz zu dem Lustigen,
Uebermüthigen, ja sogar Niedrigen bildete -- wirkte stark auf die
Phantasie des Dichterknaben. -- Aber wenn ich über Casperle und
Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich
ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich
erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlängelte.
Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn -- sonderbar genug -- auf
Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie
dort gesehen.
Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem großen Baume an der
Quelle zurückkehrten, wo unser Wagen hielt und unser Proviant auf einem
Tische uns erwartete -- dann währte der Jubel bis zur späten Nacht, und
in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. --
Sie sind verschwunden, die schönen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter,
Schwester, Freunde sind gestorben, -- aber der große Baum steht noch da,
in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch
unsere Zeichen hineinschnitten. In einer späteren Periode bin ich oft
mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die
Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der
doch nicht ganz fertig wurde.
* * * * *
[Sidenote: Beerdigung der Königin.]
Ein andres Ereigniß, das meine gewöhnliche Lebensweise unterbrach, war
die Beerdigung der Königin-Witwe =Juliane Marie= in der Roeskilder
Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der
Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Kälte,
und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich
durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den
prächtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Königin; ich sah zum ersten
Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewölbe, die ich in späteren
Jahren mehrfach besungen habe.
* * * * *
[Sidenote: Meine Konfirmation.]
Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der
letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich
erhielt eine Belohnung meines Fleißes und öffentliches Lob, und dennoch
hatte ich noch Zeit genug, um die erwähnten Wochenblätter für meine
Schulkameraden zu schreiben, und Komödie zu spielen. Einmal spielen wir
ein Stück: »Der Sklave in Tunis« bei dem vortrefflichen Schauspieler
und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der
in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Es war
eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich
spielte den armen Sklaven recht rührend, die Damen weinten, und Herr
Schwartz lobte mich. Das verdroß meine Spielkameraden; in einem großen
Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den
Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflüsterten. Aber
es half nichts! Ich empfand mein Unglück dadurch nur noch tiefer, und
dies paßte gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich
auf's Neue, als das Stück zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem
einige Jahre später gereiften Entschlusse beigetragen.
* * * * *
Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns
gegenüber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht
kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten.
Die Eine, mir gegenüber, war sehr hübsch, geschmackvoll und prächtig
gekleidet, und sehr gerührt. Es war damals Gebrauch, daß die Knaben nach
der Confirmation den Mädchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus
der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so große Lust dazu hatte, wagte
ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher
stehen, als weit draußen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo
ich mich über meine Verlegenheit ärgerte. Die Schöne wohnte in der Nähe
und saß oft in einem Lusthause, das nach dem öffentlichen Spaziergang
hinauslag. Da grüßte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorüber
ging. Erst viele Jahre später sprach ich mit ihr, und machte ihre
Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schönberg.
* * * * *
[Sidenote: Ich soll Kaufmann werden.]
Bei der Confirmation war, außer meinen Eltern, noch eine für uns
merkwürdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte,
und zum Theil die Feierlichkeit störte; aber man mußte inniges Mitleid
mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte
Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand
verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und
lächerlich geschmückt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers
und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze
zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.
* * * * *
Als ich confirmirt war, verließ ich die Schule. Was sollte ich nun
vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache
recht gut; ich schrieb eine hübsche Hand, zeichnete recht nett, und
hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand
ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem
Französischen ging es mittelmäßig. Mit einigen Wissenschaften, Physik,
Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflächliche Bekanntschaft
gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wußte ich,
und verstand einen leichten Autor.
So ausgerüstet sollte ich =Kaufmann= werden, ohne Geld, ohne ein Wort
Englisch zu wissen, ohne rechnen zu können, und ohne die geringste
Anlage für den Stand zu haben. Aber da ich nicht wußte, was ich sonst
werden sollte, ließ ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem
Kaufmann Herrn =Rabe Holm= gesprochen, der mich auf sein Comptoir
nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst
beschäftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum
Tode; mein einziger Trost war, daß der Kaufmann mich nicht annehmen
würde, wenn er bemerkte, daß ich keine besseren kaufmännischen
Kenntnisse habe; doch empörte sich auch mein Stolz gegen diese
Demüthigung. Glücklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt,
und Herr Rabe Holm ließ uns mit einer höflichen Entschuldigung wieder
gehen.
[Sidenote: Wiederaufnahme der Studien.]