Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder

verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu

stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der

»Schule für die Nachwelt«, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte,

und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir

vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit

welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen

Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch

nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß

er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte

gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab.

Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag über in

die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten

machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen

Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen

schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt

und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine

Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem

Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie

besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb

das Zeichnen auf.

* * * * *

[Sidenote: Privatstunden.]

Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der

Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die

ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß

der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt,

täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle

in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: »Verstehen Sie

es nun Alle?« -- »Ja!« lautete die Antwort. »Sie auch, Oehlenschläger?«

»Nicht ganz«, entgegnete ich, »wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir

noch einmal zu übersetzen?« -- »Ach«, sagte er mit einem verächtlichen

Achselzucken, »ich sehe schon, wo es fehlt.«

[Sidenote: Dickmann's Unterricht.]

Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß,

wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. -- Kein Genie, das

ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein

schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! -- Ich lief

zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte,

ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande

und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. -- Mein

Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld

gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren. »Lieber

Oehlenschläger«, sagte er, »kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort,

mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen

nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.« Er brauchte nicht so viel

zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm

wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen

historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's

Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben

so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns

Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er

hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und

trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während

des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der

zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte

er: »Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal

vor!« -- Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte

die Feder schon früh führen gelernt. -- »Wahrhaftig, das ist mehr als

ich selbst machen könnte«, sagte er, und gab mir: »Ausgezeichnet gut!«

eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse

bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in

die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe

»ausgezeichnet gut!« bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es

stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte

sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets

Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein

kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte,

Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer

melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit

schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht

nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er

einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach

der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch

seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war

nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von

Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald,

Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. -- Aber Dickmann's

Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns

die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab -- riß mich

hin.

[Sidenote: Geschichts-Unterricht.]

Ueberall, wo die Humanität den Sieg gewann, oder wo das Heroische

sich auf eine edle, ungewöhnliche Weise äußerte -- da war Dickmann

begeistert, da flossen seine Thränen, da zitterte seine Stimme -- da riß

er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzückt

war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium,

als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und höchstes Streben

stets dahin gegangen ist, große Thaten und Charaktere zu idealisiren.

Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, -- so daß meine Lektüre

fast immer historisch gewesen, -- so fern war dagegen mein Geist der

prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte

mich an, je mehr sie zu einem bloßen Namen- und Jahreszahlenregister,

zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen

nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren größte Schultüchtigkeit

ein gutes Gedächtniß war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, daß

Professor =Abraham Kall=, dessen mächtiges Gedächtniß ihn, aber

auf Kosten des Gefühls und der Phantasie, sehr gelehrt machte --

Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als

bloßes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige

Darstellung der charakteristischen Züge, welche die Personen bezeichnen

und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern

Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum für

den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts

Anderes, als die kurze Erzählung einer einzelnen Handlung und deren

Beweggründe. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur

darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzählen und sie so

nach einander zu ordnen, daß diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge

gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel

unbedeutender Namen, einförmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen

das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese

Erinnerungsübungen mögen einem eiteln Gedächtniß schmeicheln und von der

Einfalt bewundert werden -- aber sie haben Nichts für das Herz und die

Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker muß zwar dies Alles

kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern öffnen muß, die er

trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren

Austerschalen verschonen.

* * * * *

[Sidenote: Mnemotechnische Uebungen.]

Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen

gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedächtniß behalten

zu lassen, nämlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort

nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei

einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies

vorzuziehen, meistens aber war es nicht möglich. In wie weit diese Art

der gewöhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen

Unterschied in den Organen für Namen- und Zahlengedächtniß gefunden.

Daß man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, muß

ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war,

wieder ganz aufgehört hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die

Zahlen gleich wieder vergaß. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor

Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn

die Anderen sie nicht wußten, so wandte er sich lächelnd an mich,

und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem

Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es

auszurechnen.

* * * * *

Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmüthig-Launiges

in seinem Wesen, das uns sehr amüsirte. Er scherzte, ohne sich etwas

an seiner Würde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, daß er that,

als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen könne, und uns nur

abwechselnd »Christoffersen« oder »Blokkus« nannte. Die Entstehung

dieser Benennungen weiß ich nicht. Aber deßhalb ging es doch gleich

ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre

Lectionen nicht wußten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht

gut, mittelmäßig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie »schlecht«

bekommen, nur zwei Mal »mittelmäßig« und selten »Nicht gut«. --

Dickmann liebte es, das Spießbürgerliche zu persifliren und erzählte

uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr

gravitätisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: »Meine Herren und

Branntweinmänner.«

[Sidenote: Der Mensch ein Lichtgießerschild.]

Oft wenn er in Gedanken und seufzend da saß, sagte er scherzend, wenn

er sah, daß wir's bemerkten: »Ach ja! was sind wir Menschen doch

weiter als Lichtgießerschilde und Käse!« Das erste Gleichniß hatte er

von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn

seufzen hörte: »Ach ja! was sind wir Menschen«, sagte: »»Ja, was sind

wir wohl anders als Lichtgießerschilde!«« »Lichtgießerschilde?« fragte

Dickmann verwundert. »»Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht überlegen,

so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir müssen uns ja nichts

einbilden.«« »Ich bilde mir gar Nichts ein«, sagte Dickmann, »und will

sehr gern gestehen, daß wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade

Lichtgießerschilde?« -- »»'s hilft Nichts, Herr Dickmann, daß man sich

Honig um den Mund schmiert, wir sind, weiß Gott, nichts Anderes!«« Es

dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse

erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: »»Was sind wir anders?

Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein

Lichtgießerschild?«« Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichniß

vollständig zu machen, fügte er »Käse« hinzu, weil wir nach unserem

Tode ganz so, wie der Käse, von Würmern verzehrt werden.

* * * * *

[Sidenote: Aufenthalt bei Gosch.]

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die

stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern

deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der

so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht.

Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den

Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu

seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: »Ach Paul, gehe hinein und hole für

N. N. ein Kopfkissen!« Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte

einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er

nicht gethan hatte. »Warum hast Du Das nicht gethan?« fragte er nun in

Aller Gegenwart. -- »»Ich meinte«« -- »Du sollst nicht meinen!« -- »»Ich

dachte«« -- »Du sollst nicht denken!« -- »»Ich glaubte!«« -- »Du sollst

nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.«

Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein

anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam

ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen

anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester,

meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem

fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als

gewöhnlich erforderte, -- lag ich eines Tages im Bette, weinte und

verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht

gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem

Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte

ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich

sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach

Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähten

zurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er

stammelte immer etwas): »Ach! ha -- ha -- hat Po -- Po -- Polly eine

kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe -- Per -- Perücke abreißen!«

Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene

trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald

erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg

hinaus.

* * * * *

[Sidenote: Eine neue Heimath.]

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam

nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der

Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter;

er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz

unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der

Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf

die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden.

Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer

großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen,

und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie

meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen

Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und

ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was

mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft

am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne

Nutzen geschmolzen war.

* * * * *

[Sidenote: Mein Pflegevater.]

Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu

Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie

hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier

kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser

Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle

Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft

zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht,

welche die Schule besuchen -- der Unterschied in der Bildung hebt die

Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich -- so

ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte

_flûte douce_ mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte,

die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete

sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht

wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und

es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz

und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand

ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit -- und im Ganzen galt ich

für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen

wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund,

der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch

danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbum _s'en aller_,

den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein

Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem

kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu

machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte,

von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit _Marmontel's

Contes moreaux_ und mit _Fénélon's Telemaque_, wie in frühern Jahren mit

»Malling's großen und guten Handlungen.« -- es verging lange Zeit, ehe

ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese

Bücher lesen wollte.

* * * * *

[Sidenote: Fortschritte in der Schule.]

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr

Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung

hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem

ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande,

wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die

Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der

alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar

griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch

roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten

nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige

Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule

eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde

doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier

auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er

sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für

einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur

bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht

darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen

hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule

»für Bürgertugend« war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule »für

die Nachwelt« gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte

Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere

Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch

selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde;

durch Winckler, der in die Schule »für Bürgertugend« ging und starke

Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat

meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen

Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim

Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich,

was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, daß ich

einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für

mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis

geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein

Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der

Schule zu profitiren.

* * * * *

[Sidenote: Die französische Revolution.]

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche

Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei

empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele

Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie

Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen

Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der

Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter

Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht

recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus

der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der

Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und

heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies

schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen

Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage

hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs

Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne

Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) -- »Sie nannten ihn Ludwig

Capet, nun ist er Ludwig Caput!«

* * * * *

Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein

Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte,

und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten,

ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich

Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete:

»Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen

wir einen solchen wählen.« Diesem Obersten mußte nun die Republik

unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu

wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie

später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich

auch ein Mal gegen ein Heer der Schule »für Bürgertugend« aus, und wir

beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus,

sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.

* * * * *

[Sidenote: Storm's Tod.]

Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf,

war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm,

und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector

ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; --

denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu

diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich

einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges

Stück geschrieben, welches »Erast« hieß und allgemein mißfallen

hatte; -- ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen

war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus

nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne

Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die

Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die

unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. -- Dieses Amt würde ihm gewiß

viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch

selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb,

da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch

gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu dem ersten Theaterdirector

gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider

Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte,

erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim

Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und

das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der

gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: »Ja, es war

gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder

waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: »Scheußlich!« --

»Wie, Ew. Excellenz?« fragte ich verwundert. -- »Ja!« fuhr Hauch fort,

»ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In

denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ

fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre,

antwortete »Scheußlich!« und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er

hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.«

* * * * *

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 5 / 20 段