Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebäude in seinem hübschen Zimmer, vor

welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die

Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule

zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaßen mit zum Unterricht

gehörten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf

und hoffte, daß keiner meiner Kameraden mich überflügeln würde. Storm

gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dänemark durchgegangen

waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner

eigenthümlichen, herzergreifenden Stimme: »Nun kommen wir zu =meinem=

Vaterland, mein Kind!« Es währte nun nicht lange, so kam ich in die

Schule, als Storm fand, daß ich genug wisse, um gleich in die dritte

Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu groß und zu alt, um

mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse

ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrünen Rock

ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher.

Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant

und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere

Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amüsirte ihn mit seiner lustigen

Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich böse und auffahrend

zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprügelt zu haben,

was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Größern war; denn Schwarz

war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogar und lernte

dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende

Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.

* * * * *

[Sidenote: Naschlust.]

Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermögen von Friedrichsberg mit,

welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder höchstens vier Schilling

besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nämlich zu Hause die

Einrichtung getroffen, daß wenn wir Kinder eine kleine Büchse voll von

dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir

zwei Schilling bekamen. Ich gewöhnte mich nun daran, den Thee fast ohne

Zucker zu trinken (obgleich ich ein großes Leckermaul war), und dadurch

brachte ich es so weit, daß ich die kleine Zuckerbüchse voll schöner

blanker neuer Zweischillingstücke bei meiner Ankunft in Kopenhagen

hatte. Nun sollte man doch glauben, daß ich mit großer Sorgfalt bewahren

würde, was ich so mühsam und mit so großer Selbstverleugnung gespart

hatte, denn ich war keiner jener Milchbärte, die im Schlaf zu ihrem

Vermögen kommen und sich deßhalb auch mit aller Macht befleißigen, es

zu vergeuden, sobald sie mündig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht

mit saurem Schweiß, so doch mit süßem Mangel mein Eigenthum, wie der

Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den

ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhändler Violinen

für meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener

für mich selbst kaufte, meine Schachtel gänzlich geleert. -- Ich war

besonders ein außerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine

große Tüte davon gekauft hatte, pflegte ich gewöhnlich, indem ich die

erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Straße entlang zu

laufen, und ziemlich laut zu rufen: »O, glücklich' Land, das solche

Feigen hat!«

* * * * *

[Sidenote: Geheilte Verwegenheit.]

Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch --

damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besaß, gab ich

nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel übte ich, das mir leicht theuer

hätte zu stehen kommen können. Einmal, wie sie soeben in der vierten

Etage oben im Zimmer saßen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an

dem Strick hängen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich

war es, der mit dem einen Fuß in dem eisernen Haken stand, und mit dem

andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht

die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefährlich

aus. »Ja, das will noch gar nichts heißen«, -- sagte einer der Jungen

zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; -- »aber er geht nie die

Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das

Geländer hinab.«

Den Abend, nachdem das geschehen war, saßen wir Jungen mit Bruder Drees

am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete

hübsch. Er nahm ein Stück Papier, zeichnete eine Treppe mit einem

Geländer und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die

Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hände vor Verzweiflung. Er

reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach

in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem

Geländer.

* * * * *

[Sidenote: Sonderbare Garderobe.]

Mein Vater mußte auf alle mögliche Weise sparen, und sehen, wie er

mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der königliche

Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstücke verkauft, und so

ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den

steifen Stiefeln des Königs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte

man mir grüne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costüm reizte nun meine

Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hören

mußte, setzte es oft Püffe; man klagte mich bei Storm an, aber er,

im Vertrauen auf das fromme Gemüth, das er bei mir entdeckt zu haben

glaubte, antwortete ihnen barsch: »Das ist gelogen!« Ich erröthete,

denn ich wußte, daß es nur allzu wahr sei, ließ ihn aber doch in seinem

Glauben, weil ich es zu weitläufig und schwierig fand, ihm die Motive

zu dieser scheinbar bösen Handlung zu erklären. Aber endlich überzeugte

er sich eines Tages, da er mich und einen großen Jungen aus einer

höhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen.

Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter

meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst

ihn, als ruhigen Zuschauer mit den großen Augen entdeckte, ging es mit

wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Gärtner im Figaro,

weder Hand noch Fuß von dem Finger rühren, der in Koch's Haaren steckte.

Ich bekam ein »_clamamus_«, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und

war so unglücklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glücklich,

daß mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Hätte ich es

früher verloren, so würde Storm vielleicht geglaubt haben, daß ich das

Buch fortgeworfen hätte, um der Strafe zu entgehen, und dann würde ich

seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung

in meinem neuen Buche davon, »ich solle es besser in Acht nehmen«. --

Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, daß Storm mich in dem

Verdacht der Unredlichkeit haben könne.

* * * * *

[Sidenote: Der Lehrer Dickmann.]

In der dritten Klasse war nur ein Lehrer, =Spleth=, ein ausgezeichneter

Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft

still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der

den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besaß dagegen =Dickmann=

in hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse.

Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und

geistig genommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen,

daß man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie

hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen großen Einfluß auf

meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jünglings- und Mannesjahren

habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefühle kehrt

die Erinnerung wieder zu ihm zurück. Er war nicht groß von Wuchs,

aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schönen Gesicht, voller

Feuer, Gefühl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmüthig und ernst

aus. -- Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin

avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der

Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig große Achtung

vor ihrer Tüchtigkeit und ihren Talenten; aber -- obgleich sie Beide

Norweger, tüchtige Köpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch

Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche

Weise mit seinem Toupé und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm

ab, der mit seinen zurückgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder

Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held

war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war.

Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder

kräftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe

Menschengefühl; die Begeisterung für die Liebe und den Wein; -- all'

dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft

stand Storm weit über Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule

gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Genüsse und daran gewöhnt

hatte, sie wie eine _licentia poetica_ zu betrachten, die sich nicht

allein auf Poeten, sondern auf alle Schöngeister erstreckte. -- Aber

sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte,

daß die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern daß Alles durch

Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern überlassen werden müsse. Dies

war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitläufig. Als

wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade

nicht von der Art war, daß sie uns die Zukunft rosenfarben malte: »Es

ist eine Bestimmung hier in der Schule, daß die Zöglinge keine Schläge,

sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum

nicht können. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und für

Faulheit und Nachlässigkeit werde ich Euch niemals prügeln. Es ist

Euer eigener Schaden und davon müssen Eure Eltern Euch curiren. Aber

ich habe gehört, daß einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen,

die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich,

so bekommt Ihr Prügel! Dann ist es nämlich nicht der Lehrer, der den

Schüler schlägt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen

nicht beleidigen läßt.« -- »Habt Ihr's gehört«, sagte Dickmann -- und

wir hörten Alle sehr gut.

Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange

ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen,

dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht

damit gemeint. -- Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur

ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. -- Er kam einmal in

übler Laune in die Schule: »Setzt Euch auf Eure Plätze«, sagte er zu

den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter

einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar

wohlverdiente Ohrfeigen.

* * * * *

[Sidenote: Knabenstreiche.]

Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie

man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannte =Jürgensen=,

der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter

Eulenspiegel -- und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche

zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen

selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne

besondere Bildung, erzählte uns oft alles Mögliche von den langen

Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo

er in der Welt umher gewesen sei. »Ja«, sagte er, »hole mir eine Karte,

dann werde ich es Dir zeigen.« Nun eilte Jürgensen fort, holte eine

Karte von Seeland und sagte: »»Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut,

und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.««

* * * * *

Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache,

der =Svendsen= hieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller

Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder

liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was

wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast

Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal

sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät -- war

ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief

er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: »Was ist das?«

Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. »O, ich

bitte um Verzeihung!« rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren

und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines

hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem

Unterschiede in der Physik zwischen =Druck= und =Stoß= fragen wollen.

In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal,

während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in

die Augen zu sehen und auf Alles »Ja« zu sagen, was er ihnen erzählte,

die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern

schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren.

Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er

that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu

sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheit auf

uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller

Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und

waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben.

Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er

griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich

selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten

Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's

Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor

meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem

Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große

Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das

Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil

Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen

auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne

wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser

gesetzt wurde.

* * * * *

Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht

sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater,

einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war,

ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch

in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn

zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. --

Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen

Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger

Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske

las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische

Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen,

ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine

Excerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde

hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen

Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er

mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte,

welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste

leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als

nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer

klebrig fand, sagte er mit Ekel: »Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen

Leichen gewesen.« (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine

Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in

seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun

mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.

* * * * *

Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die

Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: »Wo sondert sich der Speichel

ab?« »»In den Nieren,«« antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß

Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab

ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter

den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die

Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit

Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend

eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu

legen.

* * * * *

Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen

Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als

sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend

nach ihr um, und sagte ganz ernst: »Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst

Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.« Dadurch imponirte

er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging

mit seinem Apfel von dannen.

* * * * *

Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule.

Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den

kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen

hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen

Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.

* * * * *

[Sidenote: Der König von Island.]

Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem spätern Leben fort und sein

Königthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach

einem größeren Maßstabe, der ihm indessen leicht den Kopf hätte kosten

können.

* * * * *

[Sidenote: Poetische Versuche.]

Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch

schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergnügen. In Storm's dänischer

Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften

heraus, die »Mittwochspost« in der dritten, und »Balder« in der zweiten

Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.

Ich fing auch an Komödien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester

und Winckler im Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt

war, im königlichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzuführen.

Gewöhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule »für

Bürgertugend« ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der

nicht viel Sinn für solche dramatische Uebungen zu haben schien und

gewöhnlich einschlief. Winckler hatte eine außerordentliche Fertigkeit

im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten

äußersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war,

-- wir spielten ein Stück von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin

ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht

um ihre Mildthätigkeit zu prüfen und sie dann belohnt) sagte Winckler,

um die Illusion nicht zu stören: »Ach entschuldigen Sie, ich habe noch

einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen muß.« Damit nahm er

einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer

mitten auf die Stirn, so daß er erwachte und das Stück mit größter

Aufmerksamkeit bis zu Ende anhörte.

* * * * *

[Sidenote: Theaterspiel.]

So wußte Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende

Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte,

mir oft durch einen glücklichen Handgriff in der Noth beizustehen.

Eines Tags führten wir zum Beispiel ein großes Stück von mir auf, an

dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den

Vater spielte, hatte eine der alten Perücken meines Vaters auf, und

sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine

Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht

gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte

Vater, der seine Rolle nicht wußte, konnte dagegen alle Parenthesen und

Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfällt,

sagt er ganz ruhig: »Indessen sind sie ihr behülflich und bringen sie

wieder zu sich.« Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wußte.

Aber glücklicher Weise stand Winckler in der Thüre und warf ihn mit

einem äußerst gewandten Stoße in den Rücken wieder mitten auf die

Bühne, so daß das Stück von Neuem in Gang kam; denn der Stoß hatte eine

magnetische Wirkung auf den Schauspieler, und die vergessenen Repliken

erwachten alle wieder in seinem Gedächtniß.

Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte

scherzend zu mir: »Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter

als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht

Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen

in einem.« -- Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich

Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon.

Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung

von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. »Bilden Sie

Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,« sagte er ein Mal in übler Laune,

»daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein

tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,« (hier nannte

er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte

und sehr elegant wohnte.) »Solch Einer,« sagte er, »können Sie werden,

aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.« -- »»Es ist möglich,«« sagte

ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah

dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200

Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.

* * * * *

Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so

hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen,

Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.

Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem

Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig

Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu

erlernen.

* * * * *

Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich

selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche,

wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut.

Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es

wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie

studiren zu lassen.

* * * * *

[Sidenote: Anatomische Studien.]

Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter

blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden

(dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein

Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und

ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh

in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht

erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht

ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen

erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen

des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber

wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner

Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.

* * * * *

In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ

mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der

Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich

mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf

ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede

lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer

unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's,

Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne

Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hübsch gekleideten

Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich

in ein Zauberschloß. -- Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das

Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen.

So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott

nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er

mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne

es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine

nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm

auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit

den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all'

meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere

Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging,

die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und

glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter

und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit

mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.

* * * * *

[Sidenote: Besuch der Kunstakademie.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 4 / 20 段