meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst
eine Masse armer Leute, welche in der Fabrik des Meister Collin (der
Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten.
In Flicken und Lumpen mit hölzernen Schuhen kamen diese Jungen in die
Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden
und Tischen und Bänken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's
älterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war,
weil er alle Anderen an Jahren und Kräften überragte, schnitt tiefe
Rinnen in die Tische, mit Ausläufen an den Seiten; zuweilen nahm er
dann Bier mit, goß es in die Hauptrinne und nun saßen die armen Jungen
mit dem Munde an den Ausläufen, um etwas von dem Bier zu bekommen,
das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich saß oft im Winter auf einer
alten Lade, die in der Nähe des großen Kachelofens stand, und amüsirte
mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich
in der Tasche von der Straße mit hereingebracht hatte. In der Schule
ging unser Präceptor, =Lassen=, oder wenn er abwesend war, der Küster,
Herr =Wiebe= selbst, Beide dick, in Schlafröcken, mit Nachtmützen auf
dem Kopf und langen thönernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag
schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so daß
mein Vater oft alle Register, bis zum lärmendsten hinauf, welches zur
Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mußte, um ihn durch die Orgel
zu übertönen. Seiner Gemeinde machte der Küster Besuche in einem
hellgelben Fracke, mit schwarzen Knöpfen. -- Die Evangelien, Psalmen,
Pontoppidan's Erklärung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die
Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch
etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal
in mein Schreibebuch: _ora et labora_, was beweist, daß sowohl er wie
ich Latein verstand. Wenn der Bischof =Balle= oder der Probst =Bast= zur
Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als möglich geschmückt.
Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn
unsere Mentors, die außerhalb des Kreises saßen, dessen Centrum durch
den Bischof oder den Probst gebildet wurde, hier und da durch ein
leises In's-Ohr-Flüstern dem schwachen Gedächtniß oder der starken
Unwissenheit zu Hülfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, daß, als
der Probst mich einmal lächelnd fragte, was =trockenes Wasser= sei und
ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht
noch heute schuldig) der Küster flüsterte: »die Wolken.« Ich wiederholte
dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen
Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's »Weihnachtsstube«
fragen hören: »Gevatter, wollen Sie Sprüchwörter oder Sentenzen?« ohne
mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesübungen waren damals
sehr üblich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten
zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten
Documenten findet, und über die Holberg sich in Else David Schulmeisters
Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich
entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr
gut, die folgendermaßen lautete: »Drei Tugenden zeichneten diese hohe
Prinzessin aus: hohe Geburt, fürstliche Abstammung und königliche
Schwägerschaft.«
Bischof Balle war ein liebenswürdiger Mann, den wir bald wie eine
Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine große Gestalt
imponirte, sein Gesicht war voller Würde, Milde und Begeisterung. Die
Perücke, die Krause und der lange Priesterrock unterstützten diese
Eigenschaften. Es hätte mir einige Jahre früher leicht eben so gehen
können, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war,
in dem Glauben, daß der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim
Hinausgehen fragte: »Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark
auf die Kanzel?«
Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in
der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn
ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines
Fleißes zu erwerben, erfuhr es erst zu spät, und mußte mich daher mit
einem Stück Zuckerkant begnügen, welches er, in einem Stuhle vor dem
Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen
auch zur Visitation. Ich entsinne mich, daß er ein Bauermädchen fragte:
»Christus sagte: =Weib=, was habe ich mit Dir zu schaffen? -- War das
ein Schimpfwort? Sagte Christus im Zorn =Weib= zu ihr? Nein keineswegs!
=Weib= war ein Ehrenname und ist es auch noch heute.«
* * * * *
[Sidenote: Erste poetische Versuche.]
Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben,
welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts
einzuwenden, aber er tadelte, daß die Verse nicht die genügende Anzahl
Füße hätten, um gehen zu können. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten;
ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich
den Triumph, daß der Küster zugestehen mußte, gegen die Füße sei Nichts
einzuwenden.
* * * * *
Mit Wincklers war ich oft draußen im Felde bei der Ernte; ihre Felder
lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darüber,
verschiedene Pfosten an den Gitterthüren von Wallfischzähnen verfertigt
zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Größe
dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zähne noch.
Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. --
Wincklers hatten einen großen Schober auf dem Hof, in dem viele
Feldmäuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze
spielen und die Mäuse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit.
Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir
nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen
sollten, ergriffen wir die Mäuse, schlugen sie auf den Hacken unserer
eisenbeschlagenen Stiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald
gefüllt waren. Das Merkwürdigste war, daß ich, sonst mitleidig und
ängstlich vor Mäusen, bei dieser Jagd, sowie die Großen bei den Kessel-
und Parforcejagden, jedes andere Gefühl verloren hatte, so daß ich nur
daran dachte, die Mäuse zu ergreifen und sie zu vernichten.
* * * * *
[Sidenote: Wintervergnügen.]
Eine meiner größten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh
zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise
hinrutschen sah, dachte ich, es müsse auch ganz hübsch sein. Ich bewog
meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu
klein und drückten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie
nicht wieder hergeben zu müssen; ich hatte oft gehört, daß man Schuhzeug
austreten könne und hoffte, daß sie sich schon nach dem Fuße dehnen
würden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine
Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mußte ich nach Haus
hinken und ein Vergnügen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft
war.
* * * * *
Es amüsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frühjahrs, wenn es
zu thauen anfing, auf großen Stücken Eis auf dem Gemeindeteiche
umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser
und wäre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glücklich
heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern
versehen wurde, so daß die Aeltern, die darinnen saßen und Quadrille
spielten, Nichts davon erfuhren.
* * * * *
[Sidenote: Freuden in der Stadt.]
Wie der Mensch sich nach Veränderung sehnt, und oft das Schlechtere
dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewöhnlich ist, habe ich
mit mir selbst in meiner frühern Kindheit erfahren. Da war eine alte
Nähmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns
kam; sie hieß Mamsell =Kjöbel=. Sie hatte eine Freundin, die mit einem
Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen
wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in
seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dänischen Dichter Hegelund
abstammte, weiß ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater über
Holberg, was das für ein großer Dichter sei, und führte zum Beweis dafür
die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora öffnete ihr purpurfarb'nes Thor,
zum Frühstück holt sie Brot, in Fett =getaucht= hervor. Besonders dieses
»=getaucht=« bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er,
würde gesagt haben: »mit Fett =belegt=, oder mit Fett =beschmiert=.«
Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schön ausgedrückt: »in
Fett =getaucht=.« Ich hörte auf diese ersten ästhetischen Vorlesungen
mit großer Andacht, und habe später oft ähnlichen beigewohnt, wenngleich
in ganz anderer Einkleidung und nach höchstverschiedenen Theorieen.
Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der
Nähmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heißesten Sommer. Und was waren
alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den
Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des
Seilers entgegenströmte, während das Auge auf den glänzenden Messern,
Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhändlers ruhte? Selbst
der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das
ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewöhnt war. Nun kamen
wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in
die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht!
das war etwas ganz Anderes, als das ewige tägliche Bild von der Ostsee,
Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thürmen, den Schiffen,
dem Südfeld, von den Mühlen und dem Vieh auf dem Felde. In einem engen
Kreise von Fleischbänken, wo das Fleisch in prächtigen Stücken mit der
reichen Blume und mit künstlichen Würfelschnitten hing, erhob sich
höchst romantisch die wunderliche Säule mit der Inschrift: »Zu ewiger
Schmach, Spott und Schande für den Landesverräther Corfitz Ulfeldt.«
Es setzte mich auf eine eigenthümliche Weise in das Mittelalter
zurück, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und
meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, daß rund um die Säule
Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun
einen Blick zurück in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll
der schönsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst
in ihrer liebenswürdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge
konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem
grünen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude,
als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den
einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die
sich mir erst in den Hundstagen nächsten Jahres wieder öffnen sollte,
»wenn wir so lange lebten,« wie die alte Nähmamsell sehr vorsichtig
hinzufügte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.
* * * * *
Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere
Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhändlern Colstrup
und Böhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt
gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Böhling, der Weinhändler Bolten,
hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon,
daß es vielleicht auch ihnen glücken könne. Der Handel war in jenen
französischen Revolutionsjahren außerordentlich vortheilhaft. Mein Vater
hatte dem Böhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in
sein Geschäft gegeben, von denen er großen Gewinn hoffte; aber es ging
unglücklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen
dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein
geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften
herrschte viel Munterkeit, Böhling war ein lustiger Mann, aber der
früher erwähnte Canalinspector Schiött machte besonders viel Scherze und
leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen
ein Bildhauer oder Bildschnitzer Köpke dorthin, welcher den Eremiten im
Südfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Hütte erhob,
wenn man auf ein Brett an der Thüre trat. Er sowie der verstorbene
Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser
Zeit bei.
* * * * *
[Sidenote: Reinecke Fuchs.]
Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen
besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen.
Wir selbst besaßen die dänische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs.
Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke
Fuchs. Aber dies reuete mich doch später, der Holzschnitte wegen, wo der
Löwenkönig und die Königin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die
Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bären
Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht
und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder
machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie
jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.
* * * * *
Der älteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller
Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid,
daß ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, deßhalb nahm er mich
zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er
fing an, mich etwas Geographie zu lehren, und schenkte mir einen Atlas,
den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.
* * * * *
[Sidenote: Die Schule in der Stadt.]
Ich war zwölf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran
gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler,
dessen Vater reich war, kam in die Schule für »Bürgertugend« in
Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm
unmöglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung für mich in
Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter
gedacht; es hieß, daß ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine
Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet
war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber
ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hörte, daß ich Kaufmann
werden sollte, sagte sie spöttisch: »Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine
Violine ohne Saiten.« Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam.
-- Glücklicherweise traf mich der Dichter =Eduard Storm= einmal im
Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und
er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslägtsskole (»Schule für
die Nachwelt«). Gleich während seines ersten Besuchs bei meinen Eltern
gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen
Frack und einem breitkrämpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem
runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die großen
blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem
Guldbrands-Thale und ein ächter sokratischer Charakter. Nur über dummen
Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und
Humanität selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren
Fleiß und erzählte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen
Fräulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad
gesehen und ihn gefragt hatte, was das für ein Ding sei, worauf er
geantwortet hätte: »Ein Bratenwender, meine Gnädigste!« So kam ich also
in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr
billige Bedingungen in Kost.
* * * * *
[Sidenote: Krankheit meiner Mutter.]
Aber außer Storm hatte ich gewiß noch einem andern Manne mein Glück zu
verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht
und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen hätte, so wäre es kaum
geschehen. Dieser Mann war der Maurermeister =Lange=, Major und Chef der
Bürgerartillerie. Er war ein großer, starker, wohlgewachsener Mann, mit
einem schönen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung,
welche vorzügliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch
den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermögen. Er hatte meine
Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter
gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen,
ich muß noch hinzufügen, daß seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes,
Bolt, Tode von Schleswig herüber und in das Haus zu uns kam. Es war
eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte
sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es währte lange, ehe wir
Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach
nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als daß
sie großen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit
gedämpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: »Hat er die
Slötel?« Sie meinte den Kammerherrnschlüssel. Sie war ungefähr fünf Jahr
bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar
gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter
schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege,
wie ich bereits erwähnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches
erst zu begreifen anfängt, und mußte also in der ganzen Zelt gepflegt
werden. Dies und manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen
kummervollen, schwermüthigen Zustand, -- es schwächte ihre Kräfte, die
sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu stärken suchte, --
und diese herrliche Natur ging allmälig für uns verloren. In lichten
Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und
der Tüchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah
noch die Ueberreste der frühern Schönheit. Mein Vater sagte oft in
Augenblicken der übertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen
Aeußerungen der Ungeduld folgten: »Sie hat mehr Verstand in ihrem
kleinen Finger, als ich im ganzen Körper.«
* * * * *
[Sidenote: Meiner Mutter Verwandtschaft.]
Es hatten übrigens manche Verhältnisse zu ihrer Betrübniß und zur
Schwächung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt,
einen sehr hübschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte
die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich kürzlich berührte,
des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, daß, wenn das
folgende Unglück nicht eingetroffen wäre, Hansen es eben so weit
gebracht haben würde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem
Wirthshause in die Hände von Werbern, wurde Soldat und später war es
keine Möglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lösegeld
für ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen
mit Rudolf in »=Dina=« dichtete. Die älteste Schwester, meine Tante,
die wohlhabende Kaufmannsfrau, muß wohl nicht im Stande gewesen sein,
etwas für ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre
Mutter in einer öffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung
verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmädchen, bekam zwei
Kinder -- und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekämpft und war
gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe
einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie,
weder früher noch später, eine solch' unendliche Noth gesehen hätte. Es
war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu
erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester weiß
ich einen schönen und edeln Zug, der viele Jahre später eintraf, und den
ich bei dieser Gelegenheit erzählen will, um ihn nicht zu vergessen.
Eine der Töchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mädchen, sollte
einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte
sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und
Staatsgericht war, jedoch nichts übrig hatte, weshalb er in den ersten
Jahren den Studirenden täglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um
Friederiken so viel als möglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie
in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich
nicht vorstellen, welch ein schönes Verhältniß zwischen der Frau und der
Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten,
herrschte. Nie überschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre
Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte
sie mit der edelmüthigsten Liebenswürdigkeit, und trug durch Gespräche
und Bücher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu
machen. Später verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.
Da nun das unglückliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange
schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schloß
die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner
Mutter von ihrem unglücklichen Bruder gesprochen hatte -- so gewann
er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu
retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der
obengenannten Schule.
* * * * *
[Sidenote: Ich werde Pensionair.]
Nun ging eine große Veränderung in meinem Leben vor; als ich nach
Kopenhagen zum Packhausverwalter =Gosch= kam. Dieser Mann war in
seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in
Europa umhergereist, er besaß mehr als gewöhnliche Bildung und einen
vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er
hielt Blätter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die
Presse unter hübsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing
eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes
eines Schwertfisches entsinne, das ich mit großer Aufmerksamkeit
betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnüsse von
Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Crusoë kennen gelernt,
und war sehr begierig auf ihre süße Milch; aber sie entsprachen nicht
der Erwartung. -- Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte,
sondern warten mußte, bis das Examen vorüber war, that Herr Gosch Alles,
was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben,
Verwandten von Gosch, mußte ich mich im Schreiben üben. Einmal, wie wir
so da saßen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin,
der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem
seiner Freunde durch das Zimmer. »Können Sie meinen Namen schreiben?«
fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. »Das ist ganz
richtig«, sagte er, »wenn Sie nur ein R hinzusetzen.« Es war dies der
verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit,
um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schloß zu
hören. Sie amüsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und
die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefüllten Glase mit Neugier und
Schauder. Aber wie groß damals schon die Lust bei mit war, das Theater
zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als
ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen
über den Königsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebäude näherten,
sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: »Ich glaube, ich gehe heute
in die Komödie, Adieu!« Er ging. Mit schmachtenden, sehnsuchtsvollen
Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten;
er öffnete die Thür, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale
schimmern sah. »Gott, der Glückliche! und eine solch' himmlische Freude
mußt du entbehren.« -- Ganz betrübt und muthlos folgte ich Herrn Gosch
an der Reiterstatue auf Königsneumarkt vorüber in dem dunkeln Abend nach
Hause.
* * * * *
[Sidenote: Eintritt in die Schule.]