Von den lustigen Einfällen des Canalinspectors Schiött entsinne ich mich

nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas

Possirliches zu sagen. -- Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner

Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: »Ei was,

Schiött, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strümpfen in

den Halbstiefeln.« »»Nehmen Sie sich in Acht, Ew. königl. Hoheit,«« --

rief Schiött -- »»es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den

Schäften.««

* * * * *

[Sidenote: Sommergenüsse.]

Im Sommer war es immer ein Festtag für mich, wenn mein Vater mich mit

auf den sogenannten =Entenhügel= im Friedrichsberger Garten nahm,

um Stachelbeeren zu pflücken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbüsche

in unserm kleinen Garten, und trotz der jährlich wiederkehrenden

Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein,

welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhügel wuchsen sie in Menge, da

Keiner hinüberkommen konnte, der nicht den Schlüssel zur fliegenden

Brücke hatte. Hier bekam ich die schönsten Stachelbeeren in Masse.

Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter

nie Erlaubniß, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des

Schloßberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank saß, kam der

Hofgärtner =Petersen= vorbei und sagte: »Adam, willst Du Stachelbeeren

haben?« -- »»Ja, gern.«« -- »Dann komme mit!« Ich folgte ihm den Berg

hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet

Stachelbeerzweige, voll der schönsten Früchte, abschnitt. Mit diesem

Strauß stürzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner

Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet hätte mich durch

seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tödtlicher Angst

wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach überstandener

Strafe und getrockneten Thränen setzte ich mich ganz getrost auf die

Thürschwelle beim Bogengang hin, und pflückte meine Stachelbeeren von

den Zweigen, so lange noch eine daran war.

* * * * *

[Sidenote: Vogelschießen.]

Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frühen Kindheit,

wo es mit mir leicht ein trauriges Ende hätte nehmen können. Es war

bei einem Vogelschießen im Südfelde. Diese Schützengesellschaft hatte

ihren Anfang unter den Küchenjungen gefunden, die Erlaubniß bekommen

hatten, auf dem Küchenhofe mit Armbrüsten nach einem an die Planke

befestigten Vogel zu schießen. Nun darf man unter den Jungen in der

königlichen Küche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies

waren Männer, die sich mehre Male in der Woche rasiren ließen. Einige

unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung

stammte aus alten Zeiten her. Diese jüngeren königlichen Köche hatten

also jene Gesellschaft gegründet; die älteren nahmen daran Theil; unter

ihnen waren einige, welche Aide-Köche hießen, Mundköche (die doch

nicht die einzigen waren, welche für den Mund kochten), und auch der

Küchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt

nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei,

da er doch für Menschen und dieser nur für Pferde sorgte. Als diese

Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran

Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der

Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloßverwalter

und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubniß,

im Südfelde zu schießen. Aber es währte nicht lange, ehe das in seiner

Entstehung Geringe zu größerer Pracht überging, was leicht begreiflich

ist, wenn man weiß, daß der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft

war, die Erlaubniß erhielt, auf königliche Rechnung Zelte aufzuschlagen.

Die Köche und der Conditor lieferten kalte Küche und Confect. Beinahe

hätte ich vergessen -- der Mundschenk, der über den Wein verfügte, war

auch dabei. Jeder suchte nach besten Kräften zu den Bedürfnissen der

Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im

Wallenstein:

Ging es nicht aus seinen Kassen,

Sein Spruch war leben und leben lassen.

In der glänzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter

bescheiden ausgetreten, während die Hofcavaliere sie mit ihrem Besuch

beehrten und einzelne Schüsse thaten, so wie die Mitglieder der

königlichen Familie in der dänischen Brüderschaft im Schützenhause. Zwei

vortreffliche, starke Armbrüste, die mit einer Maschine gespannt werden

mußten, vertraten den Büchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im

Südfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug

aus -- und wenn man hört, daß gerade mein Vater Schützenkönig war, und

mit einem grünen Band über dem Fracke voran ging, so kann man begreifen,

welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mußte; wir waren auch

geputzt und kurz bevor der Zug eröffnet wurde, nahm ich meine Schwester

in einen Winkel und sagte: »Hör' mal, Sophie, weißt Du was, wenn unser

Vater König ist, so müssen wir ja Prinz und Prinzessin sein.« »»Ja««,

sagte sie, »»das ist wohl nicht anders möglich.«« Indessen nahmen wir

uns vor, durchaus nicht hoffährtig zu werden, sondern alle mögliche

Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal

nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken

zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich

pflücken wollte, genug, ich vergaß Alles, kroch unter der Schnur weg und

wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinüberspazieren, als ein

eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorübersauste.

»Herr Jesus, mein Kind!« schrie meine Mutter, welche auf einer Bank

in der Nähe bei einem Zelte saß. -- Mich hatte es nicht erschreckt,

ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle

ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein

theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um

mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden

hatte. Und während meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar

zum Himmel erhob, aß ich ganz gleichgültig mein Eis, und konnte nicht

begreifen, worüber sie so gerührt war.

* * * * *

[Sidenote: Ein Volksfest.]

Aber von einem wirklich großen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch

seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein

zur Freiheitssäule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures

Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem

Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. --

Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Säule sich erheben und mit

den schönen Statuen geschmückt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine

dunkle Idee von der Kunst.

Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns häufig und

sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der

Baumeister Professor =Harsdorf=. Ich sehe ihn noch, den freundlichen

Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem

spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem

kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich daß er oft, aber milde und

geduldig, über Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen

Eltern einige Kupferstiche für ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit

französischen Versen darunter, und _la bonne femme de Normandie_ von

Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. --

* * * * *

[Sidenote: Eine Räubergeschichte.]

Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir

einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs,

je älter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manövrire die ganze

Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu

viele, bald zu wenige. Doch stört dieses häufige Bewegen und Aufwachen

durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein.

In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen

geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich

mich bald wieder unbemerkt umdrehen könnte -- hörten wir, daß fern im

Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte

Herbstnacht. Die beiden alten Wächter lagen ziemlich fern von uns und

sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein

Vater fühlte nicht die Verpflichtung im bloßen Hemde hinauszulaufen,

um sich mit Räubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wären. Dies

war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getäuscht. In

diesem Glauben bestärkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehört

hatte, und -- wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin,

um einzuschlafen. -- Am nächsten Morgen entdeckten wir, daß, ganz

richtig, ein Einbruch in die Schloßkirche Statt gefunden habe. Ein Dieb

hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche

gestellt und einen großen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen.

Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall

und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es

bei Zeiten mitgetheilt. Es währte nicht lange, so kam ein Soldat und

wollte ein großes Stück Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde

festgehalten und gestand gleich, daß er den Leuchter in der Sandgrube im

Südfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stück war

abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem

andern in Verwahrung gebracht.

* * * * *

[Sidenote: Kindlicher Stolz.]

Ungeachtet meine Eltern sehr mäßig lebten, so kamen im Sommer doch viele

Leckerbissen aus der Küche und Conditorei des Königs zu uns. Wir bekamen

oft Eis in kleinen schönen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre,

ehe ich wußte, daß solches Eis eigentlich kalt sein müsse, da ich es

früher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem

Eis fast wie viele Jahre später mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben

wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewöhnt

war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu

lesen.

* * * * *

Die hübsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenüber in dem

andern Bogengang hatten, und in ihrer prächtig rothen Tracht, mit

gelben Unterkleidern, weißseidenen Strümpfen und Goldtressen jeden Tag

zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten

mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft

zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und

sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmöglich,

Geringschätzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich

ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu

begegnen lernte.

Meine Mutter sagte einst, ich könne mit den Pagen wohl auch einmal

spielen, wenn sie es wollten. »Kann ich denn auch =Du= zu ihnen sagen?«

fragte ich. »Nein, das geht nicht.« -- »Dann will ich auch nicht mit

ihnen spielen.« --

Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu

besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen dürfe. Ich antwortete

gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit führte ich ihn umher und erzählte

ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er maß mich mit einem

vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu

sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen,

und ich gab ihm einen Hieb über den Rücken, mit dem er seiner Wege ging

und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es währte nicht

lange, so kam der älteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur

Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den

ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den

schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und

dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz,

als mein Vater sagte: »Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht

einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so müssen Sie auch mit

in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich weiß nicht, wer Recht und wer

Unrecht gehabt hat.« Damit ging der Page, und als mein Vater hörte, daß

der Hieb als Strafe für Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen

Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.

* * * * *

Zu den Lehrern der Pagen gehörte auch der Dichter =Samsöe=; aber ich

kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich

ahnte nicht, daß mir gegenüber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre

darauf durch seine Tragödie Dyveke hinreißen würde. Und Samsöe ahnte

eben so wenig, daß der kleine Junge, der da drüben spielte, nach ihm

Tragödien schreiben würde.

* * * * *

[Sidenote: Bernd Winckler.]

Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, war =Bernt Winckler=,

aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und

gewöhnlich auch unsere Ansichten waren äußerst verschieden, was auch

die Ursache war, daß wir im Jünglings- und Mannesalter fast ganz aus

einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften

achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefühle

verschmolzen. Sein außerordentlicher Witz, sein vorzügliches Gedächtniß

und der bestimmte eigenthümliche Charakter übten ihre Macht auf mich

aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergnügten

uns immer prächtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf

einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich

hitzig wurde -- so war die Freundschaft für den Tag unterbrochen. Ich

äußerte meine Gefühle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine

Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der

Kritik zu finden glaubte, -- so wurde ich auffahrend und wägte nicht

länger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Versöhnungsbriefe.

Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, war meine Frage: »G. oder F.?«

(Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: »F.«, so

ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis

ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. -- Wir haben gewiß

einen viel größeren Einfluß auf einander gehabt, als wir selbst wissen;

denn indem wir beständig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns

unablässig Briefe schrieben, übten wir Mund und Feder.

* * * * *

[Sidenote: Meines Vaters Umgang.]

Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater,

dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunäus, Dr. genannt, eigentlich

nur Chirurg, und zuweilen dem Bäcker Kamphövener. Der alte Winckler

war ein rüstiger, flinker, großer, hagerer Schwede, ernst in seinem

Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemüth. Er war Gärtner gewesen,

stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prächtigen, gut

gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleißig als Gärtner und

Landmann. Er war ein großer Oekonom, und so sparsam und ordentlich,

daß er, um ein einziges Beispiel anzuführen, eine Stecknadel in seinem

Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfältig aufbewahrt

hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines

unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger

Schloß mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und

Drackenberger im Kupferstich über dem Büreau, besonders der Erste mit

seinem langen Bart, im Gefängniß mit seinen Mäusen spielend, stets meine

Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzählte gern von

Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte

ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor

seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging,

wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones

und Siegfried von Lindenberg waren seine Lieblingslectüre. Mein Vater

war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lärmend lustig, wenn

Winckler ganz ernst dasaß; aber mein Vater liebte auch das Rührende und

Schilderungen aus dem höhern Leben. Diese zwei Männer hatten einander

sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen

lebten. Ich entsinne mich eines hübschen Zuges in dieser Beziehung vom

alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begräbnissen;

Winckler, der einige Jahre älter, als er war, sagte einmal zu ihm: »Wenn

ich sterbe, sollen Sie nicht für mich spielen; Sie sollen mich dann

zum Grabe geleiten.« Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den

Jüngeren zum Grabe.

* * * * *

[Sidenote: Ideosynkratie.]

Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte

Berner und Hunäus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler

und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler.

Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer;

er besaß ein großes Haus, einen großen Garten, und wurde, da er auch

der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen

behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich

nicht, daß er jemals ein Wort mit mir gesprochen hätte. Hunäus war mit

einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger,

humoristischer Mann. In jüngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und

nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg

mit Feld und einem großen schönen Garten, und lebte theils von seinem

Grundstück, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Städtchens.

Wenn er Einladungen für den alten Berner zu einer Quadrillepartie

schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und

diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er

kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gern

einige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frühstück

aufgetragen wurde; wenn er von da zurückkam, war er noch ein Mal so

lustig, als gewöhnlich, und dann hieß es: der Doctor ist in der Stadt

gewesen.

* * * * *

Ich hatte ihn sehr lieb, obgleich er mir zuweilen Kinderpulver gab. Eine

eigene Geschichte muß ich in Bezug auf dieses Kinderpulver erzählen,

da sie von psychologischem Interesse ist. Mein Vater hatte vom Gärtner

Petersen »Malling's große und gute Handlungen einiger Dänen, Norweger

und Holsteiner« geliehen, theils um das Buch selbst kennen zu lernen,

theils um mich nach all' den Mährchen, Romanen und Schauspielen, die ich

verschlang, etwas Nützliches lesen zu lassen. Aber ein unglückseliger

Umstand machte, daß viele Jahre vergingen, ehe ich an diesem, in

mancher Beziehung vortrefflichen Werke Geschmack finden konnte. Ich

entsinne mich noch, wie gestern, daß es in einem grünen Bande Morgens

auf dem Tisch lag, wo Thee nach der neuen Mode getrunken wurde, nämlich

mit Butterbrot dazu, was Petersen bei uns eingeführt hatte und uns

eine herrliche Erfindung schien. Aber an diesem Morgen bekam ich kein

Butterbrot; denn ich hatte Kinderpulver eingenommen. Das Pulver lag

neben den großen und guten Handlungen; es war Etwas davon aufs Buch

geschüttet worden; als ich dies in die Hand nahm, roch es in seinem

grünen Einbande so stark nach Medicin, wie ein Patient in seinem grünen

Schlafrock im Friedrichshospital; und ich warf es von mir. Es vergingen

mehre Jahre, ehe ich mich dazu zwingen konnte, es zu lesen, und ehe

der innere Geruch des Kinderpulvers aus »Malling's großen und guten

Handlungen« verging.

* * * * *

[Sidenote: Ewald und Wessel.]

Der Gärtner Petersen lieh uns auch Ewald's und Wessel's Schriften.

Besonders die Kupfer in diesen Werken waren es, die meine

Aufmerksamkeit zuerst anzogen. Mit Bewunderung betrachtete ich Ewald's

Bild. Er sah krank und arm aus und ich erstaunte darüber, daß all' die

schönen Dinge aus der Krankenkammer eines so unglücklichen Schwächlings

gekommen sein sollten. Er sah gefühlvoll, gedankentief und freundlich

aus. Die Haare waren, wie bei einem Bauer, von der schönen Stirn nach

hinten gestrichen. Nun öffnete ich das Buch und fand mich plötzlich

in das Paradies versetzt, das ich aus Madame Bergau's und des Küsters

Schule sehr gut kannte. Es war mir sehr lieb, die nähere Bekanntschaft

der Engel zu machen, denn ich hatte noch keinen rechten Begriff von

ihnen gehabt. Nun sah ich sie, freundlich oder zürnend, mit Blitzen und

Wolken in den Abildgaard'schen Zeichnungen. Ein kleines Versehen fand

Statt, da wo Adam eilends herbeiläuft, um Eva an dem Essen des Apfels

zu hindern; ich glaubte nämlich, weil er so wild und rasend aussah, mit

hoch erhobenen Händen fechtend, daß es der Satan sei, bis ich besser

unterrichtet wurde. Der liebe Harlequin, den ich so gern mochte, und

im Thiergarten neben Kasperle sah, waren auch hier. Die Bataille auf

dem Fußboden mit dem Schreiber war gerade nach meinem Geschmacke. --

Der Herausgeber macht eine Entschuldigung, daß =Chodowiecki= das Stück

mißverstanden, und Harlequin in seiner Harlequinstracht dargestellt

habe; dies konnte ich natürlich nicht verstehen, und habe es auch

später nicht verstanden. Ein Stück wie Ewald's Harlequin der Patriot,

welches keine objective Wahrheit enthält, sondern dessen Werth in der

satyrischen Fiction liegt, wo die Hauptperson eine lyrisch-komische

Mythe, kein natürlicher Charakter ist, -- ein solches Stück gewinnt

gerade dadurch, daß Harlequin seine Maske eben so wie in den alten

italienischen Komödien behält.

In Ewalds Rolf Krage öffnete die nordische Sage zum ersten Mal ihre

Grabhügel vor mir, zeigte mir ihre Aschenkrüge und beschwor ihre

Geister herauf. Auch hier waren es zuerst die Bilder, welche meine

Aufmerksamkeit fesselten. Das eigenthümlich Geheimnißvolle in dem Walde

mit den Lusthäusern und den Lampen; die Schildjungfrauen mit dem Helm

und den langen Haaren; der wunderliche barbarische Trotz verbunden mit

dem Gefühlvollen in den Gesichtern.

Wessel's Portrait war nun wieder ganz verschieden von Ewald's; es sah

höchst launig aus, und der satyrische Spott in den starken Augenbrauen,

die sich wie Bogen wölbten um die Pfeile des Witzes abzuschießen, wurde

durch einen gewissen freundlich melancholischen Ausdruck in dem ganzen

Gesicht gemildert.

* * * * *

Winckler zog Wessel, ich den Ewald vor, und wir stritten oft darüber,

wer von diesen Dichtern der größte sei. Ueber Holberg fiel es uns

niemals ein, zu streiten. Uebrigens hatte Winckler stets mehr Sinn für

das Lustige; das Gefühlvolle wollte ihm nicht recht munden, bis er

Lafontaine's Romane las, wo dann das Erotische sich in ihm zu entwickeln

begann. Es war ihm leicht, Etwas lächerlich zu finden, wo man es am

Allerwenigsten hätte erwartet haben sollen. Wenn ich ihn zuweilen mit

hinauf in die königlichen Zimmer nahm, wo wir von einem dunklen Saale

aus unbemerkt die Abendtafelmusik hören konnten, und ich entzückt

über die schönen Töne dastand, amüsirte ihn nichts Anderes, als die

allertiefsten Töne des Fagotts und des Waldhorns, welche ihn durch die

sonderbarste Ideenassociation von der Welt dahin brachten, die Zunge

halb entzwei zu beißen, um nur nicht vor Lachen zu bersten. Endlich

steckte er mich auch damit an, und wir mußten fortlaufen, um nicht

gehört zu werden.

* * * * *

[Sidenote: Des Küsters Schule.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 2 / 20 段