Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter

[Illustration: A Oehlenschläger]

Meine Lebens-Erinnerungen.

Ein Nachlaß

von

Adam Oehlenschläger.

Deutsche Originalausgabe.

Erster Band.

Leipzig

Verlag von Carl B. Lorck.

1850.

* * * * *

Vorwort.

Als ich das erste Mal mein Leben niederschrieb, geschah es in Folge

einer Aufforderung des Buchhändlers Max in Breslau, des Verlegers

meiner deutschen Schriften. Ich mußte mich beeilen; und obgleich dies

natürlich eine genaue Aufzeichnung vieler characteristischen Züge

unmöglich machte; wie es mich auch zwingen mußte Vieles zu übergehen,

das theils vergessen wurde, theils nicht ausgeführt werden konnte, --

so dachte ich doch: Etwas ist besser als Nichts. Ich erinnerte mich so

vieler Verfasser, die Nichts über ihre Erlebnisse hinterlassen hatten,

weil sie es während ihres Lebens von einem Tage zum andern aufschoben.

Damit dies nun nicht mit mir geschehen solle (theils wußte ich, daß

Viele meine Biographie wünschten, theils fühlte ich mich dazu durch den

dem Menschen eingegebenen Selbsterhaltungstrieb gedrängt), so schrieb

ich sie rasch nieder und übersetzte sie später in das Dänische. Sie ist

mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme gelesen worden. Aber wenn ich

diese Biographie jetzt lese, so finde ich sie so fragmentarisch und

unvollständig, daß sie mich selbst auf keine Weise zufrieden stellen

kann. Oft ist Das, was dort steht, nur die Ueberschrift zu Kapiteln, die

nicht geschrieben sind. Da nun das philosophische Gesetz: »Kenne Dich

selbst!« nicht anders befolgt werden kann, als indem man sich selbst

recht genau betrachtet, und sich in der Reihe aller seiner Handlungen,

Meinungen, Gefühle und Verhältnisse verfolgt; -- so ist ja eine solche

Aufzeichnung eine Pflicht für Den, welcher sie zu geben vermag, und sie

zu einem Nutzen und Vergnügen für Andere machen kann. Ich bin selbst

ein großer Liebhaber von Biographien, wenn sie gut geschrieben sind;

das heißt: wenn der Verfasser Das, was er erlebte, mit Geist und Herz

aufgefaßt hat, und Phantasie genug besitzt, um all' die kleinen Züge

darzustellen, die an und für sich unbedeutend erscheinen, aber zusammen

genommen die Linien und das Colorit hervorbringen, welche eine bestimmte

Physiognomie darstellen und den beachtenswerthen Menschen von der

einförmigen Menge unterscheiden.

Aber während wir nun also mit Lust und Offenherzigkeit ans Werk gehen,

begegnen wir auf dieser Rückreise des Lebens, ebenso wie auf der

Hinreise, manche Klippen, die umschifft werden müssen, und Berge, die

nicht überstiegen werden können, sondern die man umgehen muß.

Das Zartgefühl, die Bescheidenheit, die Schonung gebieten uns oft,

Verhältnisse mit Anderen nicht zu berühren, über deren Offenherzigkeit

wir kein Verfügungsrecht haben. In solchen Augenblicken fühlt man den

Nutzen des Romans, in welchem der Dichter viel Wahres, Geschehenes und

Erlebtes darstellen kann, das er sonst nicht mitzutheilen vermöchte,

weil persönliche Verhältnisse oder Schonung ihn dazu zwingen, die

Begebenheiten in den Schleier der Erfindung einzuhüllen. Wir sprechen

hier nicht von dem höhern Gewinne: die einzelnen Züge zu etwas Besserem,

zu etwas Zusammenhängendem und Vollkommenem zu idealisiren. Im Romane

muß die Göthe'sche Form: »Wahrheit und Dichtung«, befolgt werden. Hier

kann der Dichter die arme Wirklichkeit mit allen Reichthümern der

Einbildungskraft, des Gefühls und Gedankens verschönern oder ausmalen.

Aber in der Biographie selbst, scheint mir, darf dies nicht Statt

finden. Das höchste Verdienst und größte Interesse der Biographie

besteht gerade darin, daß sie eine wirkliche Lebensbeschreibung ist.

Das Geschehene gewinnt, je mehr der Verfasser im Stande ist, es mit dem

Gedanken, dem Gefühle und der Phantasie aufzufassen; aber hierin besteht

das Ideale; nicht darin, Erfindungen mit Ereignissen zu vermischen,

wodurch es weder das Eine noch das Andere wird, obgleich diese Mischung

wohl, wenn der Verfasser Genie besitzt, auch sehr interessant werden

kann. Und spricht man es, wie Göthe, offen auf dem Titelblatte aus, so

hat man ja Keinen hinters Licht geführt. Göthe meint, es sei unmöglich,

Etwas zu erzählen, ohne zu idealisiren. Sobald das Idealisiren in der

Darstellung und nicht in der Composition liegt, huldige ich ihm; dann

wird es zur »Wahrheit und Dichtung«, und so hat der große Dichter gewiß

auch -- bis auf einzelne Episoden -- sein Leben erzählt.

Für mich hat die arme ehrliche Wahrheit, und die Gabe, das Leben in

seiner Beschränktheit mit klarer Wahrheitsliebe auffassen zu können,

auch einen eigenen Reiz; sie gehört der Biographie, sowie der Geschichte

selbst an, und ich habe mich stets befleißigt, an ihr festzuhalten:

sollte dies in einzelnen Kleinigkeiten nicht geschehen sein, so ist mir

mein Gedächtniß untreu geworden.

Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man

gelebt hat, gestorben sind, deßhalb sind die Lebensbeschreibungen am

vertraulichsten und am wenigsten zurückhaltend in den Jugendjahren des

Erzählers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die

Zeit seiner letzterlebten Periode nähert. Was nun das betrifft, so sind

Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen;

ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt,

das sich erzählen läßt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern

jetzt eine weit vollständigere Selbstbiographie, als das erste Mal

mitzutheilen.

Aus einem Stammbuche, das von meinem Großvater und Vater deutsch

geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus.

Erst die meines Großvaters August Henrich Oehlenschläger.

* * * * *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Großvaters.]

Anno 1672 -- sagt er -- wurde mein seliger Vater Christoffer

Oehlenschläger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschläger's

Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, dem

Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb

mein Großvater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebündniß

mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715

den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing

durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein

jüngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December

Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21.

dito wurde er zu seiner Ruhestätte gebracht. Sein Leichentext war der

11. Vers des 84. Psalms: »Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser,

denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes

Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.«

Der Großvater meiner Mutter väterlicherseits hieß Marcus Gerdes, wohnte

in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Großvater mütterlicherseits, Peter

Hofemann, war auch Fischer. -- Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer

von Lübeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem

er schrieb, daß er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam

meldete er mir, daß er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien

zu gehen, daß er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen

wolle, der Ludwig Korn op de Kay hieß. In Amsterdam hat er einen

Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hieß. Ein späterer Brief meldete,

daß er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe

»Wickenburg« gegangen war, und daß er keinen unserer Briefe erhalten

hätte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wären. Aus

Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin

er meldete, daß er »op de Guarnisoncammer« angestellt sei, daß er die

Kinder des ersten Buchhalters informire, und daß er Hoffnung habe,

Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn mußten die Aufschrift haben:

»Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter

Christoffel Keulensläger«. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte

mein Vater Nachrichten über diesen Oheim mit dem veränderten Namen zu

erhalten, von dem das Gerücht ging, daß er ein reicher Mann in Batavia

geworden sei; aber wir hörten nie Etwas von ihm.

Mein Großvater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna

Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die

Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzählt mein

Großvater: »Anno 1747 den 12. Mai ließ ich mich mit meiner herzliebsten

Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht,

führe uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe

von Tag zu Tage, und füge es auch so mit uns, daß wir ihm allezeit

danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen müssen, Amen! Dazu

helfe uns der Herr Jesus! Amen!«

In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefaßt. Anno 1748

den 31. Juli wurde mein Vater =Joachim Conrad= geboren. Der geheime

Conferenzrath =Joachim Brockdorf= auf Nöer war sein Pathe, und nach ihm

ist mein Vater vermuthlich genannt worden.

* * * * *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Vaters.]

Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, daß

mein Großvater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein

Amt zehn Jahre lang »lobenswerth und als ein guter Christ« verrichtet

hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Großmutter sich wieder mit

=Marquard Bolt=, der das Amt meines seligen Großvaters bekam. 1765 kam

mein Vater nach Rendsburg zum Organisten =Rosenbaum=, blieb bei ihm

zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde

der siebenzehnjährige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen

zu dem damals in Dänemark allmächtigen Grafen Adam Gottlob Moltke

geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen

hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befördern.

[Sidenote: Meine Mutter.]

Daß mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein muß, kann ich

daraus wissen, daß er, wie er selbst erzählt hat, bei seiner Ankunft in

Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab.

Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen

Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach

abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren

es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen

Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen,

und erst die häßliche Lea nehmen mußte, ehe er die schöne Rahel bekam,

so mußten in jenen Tagen auch die Bürgerlichen oft im buchstäblichen

Sinne den Großen dienen, wenn sie von diesen befördert werden wollten.

Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten

unterwarfen. Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Hütten in

Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den

Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und

Theilnehmer an allen großen Festen, Lustbarkeiten und Genüssen zu sein;

gleichviel ob dies sitzend oder stehend, früher oder später geschah.

-- Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater,

ein Deutscher, war königlicher Bevollmächtigter. Meine Großmutter

mütterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bäckers Severin

in Kopenhagen. Mein Großvater mütterlicherseits hinterließ bei seinem

frühen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren

also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen.

Mir ist, als ob mein Vater mir erzählt hätte, daß meine Großmutter nach

dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland

machte; aber in der äußersten Noth zurückkehrte. Meine Mutter war in

ihrer frühesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem Verwalter

=Bruun= aus Herlufsholm, im südlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz

erzählen hören, daß, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen

Statt gefunden hätte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer

Schule ging, und später der bekannte Dichter =Thomas Christopher

Bruun= wurde, ein Paar hätte werden können. Von Bruun's kam sie als

Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit

außerordentlicher Güte und Achtung behandelte, und ihr Bücher, unter

andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's

Haus war ein Sammelplatz für ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewiß

viel zu der mehr als gewöhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen.

Auch =Klopstock= kam dort ins Haus. Ich entsinne mich, daß meine Mutter

mir erzählt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh,

als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn übrigens nicht sehr, er

war ihr zu überspannt; =Gellert= sagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von

Cramer's aus wurde sie Kammerjungfer bei der Gräfin =Moltke=; und das

war in der damaligen Zeit für ein armes Bürgermädchen eben so viel, als

ob sie zur Königin käme und ihr Glück machte. Meine Mutter soll in ihrer

Jugend sehr schön gewesen sein. Mein Vater hat erzählt, daß mehre junge

vornehme Damen sie beneideten, weil sie weißere Hände, als sie hatte,

obgleich diese die ihrigen doch täglich mit Mandelkleie wuschen, und sie

nur mit grüner Seife. --

[Sidenote: Abstammung.]

Man sieht also, daß ich von väterlicher Seite durch mehrere Glieder von

angelsächsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner

Großmutter, von väterlicher Seite, =Tolstrup= war ein Jütländer, mein

Großvater mütterlicherseits, =Hansen= ein Hochdeutscher, und der Vater

meiner Großmutter mütterlicherseits, =Severin=, ein Kopenhagener. Weiter

weiß ich nichts Zuverlässiges von meinem Geschlechte zu sagen. Daß der

berühmte =Adam Olearius= oder Oehlenschläger, der die morgenländische

Reise mit =Paul Flemming= machte und ein seiner Zeit klassisches Werk

darüber herausgab, zu unserer Familie gehörte, ist wahrscheinlich. Sein

Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme,

könnte ich, sowie Göthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer,

sondern auch Schöngeist, konnte gut persisch und übersetzte Saadi's

Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und

Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner

Reise wieder nach Holstein zurückkam, ist es um so wahrscheinlicher,

daß er zu unserer Familie gehört. Zu den Patriciern Olenschlager in

Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere,

daß mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo

Verwandte leben sollten.

* * * * *

[Sidenote: Stellung meines Vaters.]

Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete

er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von

Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg. Meine Eltern wohnten zuerst in

der nach Friedrichsberg führenden Vorstadt »Westerbrücke« im Hause Nr.

53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt.

Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufällig noch jetzt

so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November

geboren.

Ein älterer Bruder desselben Namens, wie ich, der ein Jahr früher

geboren war, wurde nur 24 Stunden alt. Ein Jahr nach meiner Geburt

erhielt mein Vater die Stelle als Bevollmächtigter auf dem Schloß

Friedrichsberg bei dem Generalinspector Schmidt, einem sehr

tüchtigen Manne und gutem Kopfe. Mein Vater hatte Hoffnung, nach ihm

Schloßverwalter zu werden, wenn Schmidt seinen Abschied nahm und nach

Jütland zog, denn er war ein vermögender Mann. Aber als ein Verwandter

von Schmidt, ein junger Mann, Voigt, der die neue Gärtnerkunst in

England gelernt hatte, nach Hause kam, erhielt er das Amt. Erst viele

Jahre später wurde mein bei weitem älterer Vater, nach dem Tode des

Jüngern, Schloßverwalter. Voigt gestaltete den in der Zeit Friedrich's

V. angelegten Park »Söndermarken« (das Südfeld) nach neuestem Geschmack

um. Er war Gärtner mit Leib und Seele, zog bei den Gutsbesitzern in

Seeland umher, half ihnen Gärten anlegen, und überließ meinem Vater das

Schloß. Er erwies ihm all' die Achtung, die der Jüngere dem Aelteren

erweisen kann, obgleich er über ihm stand. Er hatte ein freundliches

Gesicht; wenn er mir in meinen Kinderjahren begegnete, so nannte er

mich stets »Master Adam!« Ich konnte nicht begreifen, wie ich schon

Meister geworden sei; erst viele Jahre später begriff ich, daß dies eine

Redensart war, die er von England mitgebracht hatte.

* * * * *

Schmidt wurde sehr alt, ich glaube gegen 90 Jahre. Ich besitze einen

Brief von ihm, den er in hohem Alter an meinen Vater mit kräftiger Hand

geschrieben hat, -- in welchem er ihm zu seinen Kindern Glück wünscht,

und aus dem ich sehe, daß dieser Greis Sinn für Poesie hatte.

* * * * *

[Sidenote: Meine Geburt.]

Bei meiner Geburt war ein berühmter Arzt Culpin, ein Deutscher, meiner

Mutter behülflich. Kaum war ich zur Welt gebracht, als Culpin, ein

flinker lustiger Mann, um meine Mutter, die ein Jahr vorher ein Kind

verloren hatte, zu trösten und zu erfreuen, mich bei den Beinen nahm,

ihr entgegenhielt und ausrief: »Meiner Seel' ein großer Junge!« --

* * * * *

Man hatte damals die üble Gewohnheit, welche vielen Menschen an Gliedern

und Gesundheit geschadet hat, die Kinder mit den Armen einzuwickeln.

Ein kleiner Junge, der uns gegenüber am Eingange zur Allee wohnte, kam

einmal herüber, um mich in der Wiege zu sehen, lief aber gleich wieder

erschreckt nach Hause, und rief seiner Mutter zu, die ihn fragte, warum

er so schnell zurückkomme: »Mutter! das Kind hat keine Arme.« Dies war

der jetzige Herr Justizrath =Hvalsöe=. Ich hatte viel vornehme Pathen

in der Friedrichsberger Kirche; die Gräfin Moltke hielt mich über die

Taufe. Als sie meine Mutter fragte: »Wie soll das Kind heißen,« und

meine Mutter geantwortet hatte: »Adam Gottlob,« sagte sie: »Das will ich

hoffen.«

Der Sohn, den meine Eltern ein Jahr vorher gehabt hatten, hieß auch

Adam Gottlob. Er wurde, wie gesagt, nur 24 Stunden alt. Mein Vater, ein

munterer, launiger Mann, pflegte oft, wenn er von seinen Kindern sprach,

zu sagen: »Ja, mein ältester Sohn, der war ein ganz anderer Kerl, als

dieser Poet.«

* * * * *

Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mädchen hereinkam,

und meinem Vater und mir sagte, die wir in einem Bett mit grünen,

wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im

Schlosse, schliefen, daß meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war

damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen großen Nagel

in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im

Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine große Eule gefunden hatte,

die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das

Fenster öffnen und die Eule über die Bäume auf dem Schloßberg wegfliegen.

[Sidenote: Erste Jugendthat.]

Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgeführt zu

haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich

sehr lieb hatte. In dem gewölbten unterirdischen Gange, der vom Schloß

zur Küche führt, sind zwei Luft- und Lichtlöcher, beide jetzt bedeckt,

und das eine im Garten der Königin verborgen; aber damals waren beide

zugänglich, unbedeckt und nur von einem Geländer umgeben. -- Zu dieser

Zeit war im Schloßgarten ein Handlanger, der Schulz hieß, mit einem

großen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflößte. Vielleicht

um mich vor den Löchern in dem geheimen Gange einzuschüchtern, hatte man

mir gesagt, daß dieses unterirdische Gewölbe »Schulze's Kirche« sei.

Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war,

bekam ich den tollen Einfall, -- nicht um dem Hunde zu schaden, oder

weil ich böse auf ihn war; ich streichelte und küßte ihn im Gegentheil;

-- ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor

bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, daß der Hund

daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, daß er bald

zurückkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzählen könne.

Ich eilte also aus allen Kräften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen

war, und warf ihn hinab. »Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?«

»Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen.« -- »Folge mir!« --

ich mußte mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort

meinen Liebling jämmerlich zerschmettert und todt fand, erfüllte ich

das Gewölbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mühe, um

mich von der Höhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich

wieder lebendig küssen wollte.

* * * * *

[Sidenote: Die Leibgarde.]

Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu

einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren hätte, indem

ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe

Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect,

denn sie sah wie eine Narbe von einem Säbelhiebe aus, den ich in einem

Duell bekommen hätte.

Was ich in dieser frühen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte,

war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienruß

überstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen

Entfernung von den Soldaten auf dem Schloßhofe und präsentirte nach dem

Commando der Offiziere. Der Kronprinz, später Friedrich VI., sah mich

daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht

da war, gefragt haben: »Aber wo bleibt denn Adam heute?« -- Wenn ich

mich zuweilen dem Offiziere nähern durfte, und er mir erlaubte, seinen

Säbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fühlte ich mich

von dem feierlichsten Gefühle durchdrungen. Die schöne blanke und blau

angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner

Hand schwang, glaubte ich, müsse stets siegen und erobern. Wenn die

königliche Familie im Herbst nach der Stadt zurückkehrte, so spielte

die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch,

als den gewöhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche

folgte, und am Hügel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren

Thränen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie

in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen,

deren dort immer viele standen. Wir wuschen sie aus und spielten mit

ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste

durch einen Fund überrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war

ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame

von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der

Conditorei.

* * * * *

[Sidenote: Wintervergnügen.]

Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen

gehörte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden

hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schloßthore, daß ich meinen

Schlitten an ihren Wagen binden dürfe; und wenn sie es mir erlaubten, so

fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. -- Ein Mal wollte ein schlechter

Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich

schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, daß er

los ließ. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten

selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.

Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der

Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schloßhof zusammensah, fragte

mich einmal freundlich, als er an uns vorüberging: »Adam, wie heißt

Deine Schwester?« »Sie heißt Sophie,« antwortete ich. »Sie sollte Eva

heißen,« meinte der Kronprinz.

* * * * *

Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief,

wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen

und ich machte einen meiner gewöhnlichen Schneemänner auf dem Hofe;

die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam

mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam

einen -- meiner Ansicht nach -- köstlichen Einfall. Das eiserne Gitter

des Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele

Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben

dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstraße hinaus und im

Zimmer stand ein großer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den

Tisch mit Schneebällen, sowie ein Bäcker seine Fächer mit Pfannenkuchen,

mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung

aus die Bauern, während sie vorüber fuhren, mit Schnee in den Nacken.

Von ihnen hatte ich Nichts zu fürchten, denn erstens konnten sie nicht

herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und

Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mächtigen Bundesgenossen

gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir

unerwartet in den Rücken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr

Vater, der die Thür der Festung öffnete, und meinen Rücken mit einem

Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte,

ohne sich im Geringsten durch das Inventiöse der Ausführung und das

Lustige der Situation bestechen zu lassen.

* * * * *

[Sidenote: Die Schule.]

Sie brachten mich zu einer verdrießlichen alten Frau in die Schule, wo

ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mußte. Wir mußten

stets auf den Bänken still sitzen, und unser einziges Vergnügen bestand

darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu

machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf

den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stücke Brennholz,

wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich weiß noch, wie ich die

Hühner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da draußen in freier Luft

umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden.

Unsere Lehrerin hieß =Madame Bergau=, ihr Mann war Maler gewesen; in dem

Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mit Palette und Pinsel saß;

dies betrachtete ich häufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich

aus, während seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen

konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit.

Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas später

kam, wollte ich quer über den offenen Platz, welcher sich damals vor

dem Schulhause befand, gehen. Quer über diesen Platz lief ein Graben,

den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das

konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief

vorwärts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hüften im

Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde

und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, während meine Beinkleider

gewaschen, getrocknet und geplättet wurden, und mußte so den ganzen

Vormittag sitzen zum Spott und Hohn für Knaben und Mädchen, die es nicht

unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald

weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.

* * * * *

Mein Trost war Hübner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen

gelernt hatten, bekamen wir Erlaubniß, ein Stück daraus zu lesen. Jeder

hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe,

von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir

Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen

Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Gräfin Moltke war. --

Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blättern konnte Hübner's Geschichte

gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer gähnend auf dem Rücken,

und streckte die unzähligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon

u. s. w., u. s. w. heraus.

* * * * *

Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein

Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens

bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame

Bergau selbst nicht konnte.

* * * * *

[Sidenote: Tragische Geschichte.]

Zu dieser Zeit ungefähr muß folgende tragische Begebenheit eingetroffen

sein, die einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte.

Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern

besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee,

und war seelenvergnügt, als es mir einfiel ihn zu fragen: »Was ist Dein

Vater?« -- »»Landrichter!«« -- »Landrichter!« rief ich, »pfui!« und

sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte große Augen und konnte nicht

begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme.

Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Höker an einem Weidenbaume

in der Friedrichsberger Allee gehängt. Mein Vater nahm mich mit, damit

ich ihn sähe. Der Höker hing ganz niedrig, so daß die Füße fast den

Erdboden berührten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben

eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrücke.

Gerade gegenüber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch

mit feinen Nägeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, daß er sich

aufgehängt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei

Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine

Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein

Dornenreis, und für ihren Buhlen bestimmt. -- Von all' Dem verstand ich

nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehängten

hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrühren,

bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt hätte, um

die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er

berührte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnitten wurde. --

Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines

Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als daß

er ein Mann sei, der Leute abschneiden müsse, die sich selbst aufgehängt

hätten.

* * * * *

Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwören hören und fand, daß

es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden

Augenblick zu meiner Mutter: »Nein, das thut Adam weiß es Gott nicht.«

Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: »Nein, das thut

Adam gewiß nicht.« Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das

Schwören zu unterlassen.

* * * * *

Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu

kneipen und zu sagen: »Bist Du nicht meine Canaille?« -- Eines Tages,

als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, stützte

beide Hände in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut:

»Bist Du nicht meine Canaille?« Zuerst bekreuzte man sich über den

kleinen, schon so früh verlorenen Sohn; aber als man hörte, daß es eine

Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man

um so mehr.

* * * * *

[Sidenote: Die Schule des Küsters.]

Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Küsters, wo

=Bernt Winckler=, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthümers und Gärtners

in der Stadt und ich Kameraden mit den Straßenjungen wurden. Wenn wir

dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit

Anschlagens, am häufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den

Eingang zum Schloßgarten bildete. Hier saß ein alter Mann, der Brot, Aal

und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte, kaufte

ich wohl ein Brot und ein Stück gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub

darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause.

Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verführen, auch

einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der

Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor

hereinkam. Vor Schreck verschüttete ich den Branntwein: glücklicher

Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorüber; aber die Furcht

hatte mich davon curirt, dieses gefährliche Experiment zu wiederholen.

* * * * *

[Sidenote: Naturgenüsse.]

In dem von Voigt angelegten Südfelde hatte ich täglich ein Bild von

englischer Natürlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von

französischer Regelmäßigkeit und zwischen Beiden das italienische Schloß

voll schöner Zimmer und Gemäldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer

und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es draußen

von Menschen, von schönen geputzten Damen; der ganze Hof war dort,

schöne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag

hören. Von einer Galerie aus konnten wir die königlichen Herrschaften

bei Tische sitzen sehen. -- Das Südfeld dagegen war meist unbesucht, da

es nur für den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlüssel,

und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glücklich, wenn

wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie

zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische

Haus, wo die große Natur im Kleinen täuschend nachgeahmt war; den

Eremit in seiner Hütte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen,

einer Zauberhöhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen großen

Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit

Klumpfüßen; und den Glöckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten

und erklangen.

Einmal im Sommer machten wir gewöhnlich eine Wallfahrt nach dem

Thiergarten, den schönen Strandweg entlang, oder über Ordrup, wo dann

die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen

zu genießen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den

Seiltänzer und Kasperle, aßen im Grase und schnitten unsere Namen in

eine dicke Buche, die sie noch trägt.

* * * * *

[Sidenote: Leben im Winter.]

Kam nun der späte Herbst, und zog die königliche Familie zur Stadt, so

wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine

Spaziergänger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf

dem Schloß und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten,

Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit

den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine

Lebensweise der großen schönen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt

den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthümlichkeiten ab, und sah

zu, wenn die Gärtner säeten, pflanzten oder Bäume pfropften. -- Mit

Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem großen Schlosse

mit zwei Wächtern und zwei großen gelben Hunden ganz allein. Das ganze

Schloß gehörte dann uns, und ich ging in die königlichen Zimmer,

betrachtete die Gemälde und baute Luftschlösser. Wenn gutes Wetter

war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um

Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Büchern in ein blaues

Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem

Rücken getragen, kam ich dann in der Dämmerung wieder nach Hause. Wenn

wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so

kümmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater saß dann

im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder

ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Crusoë nach

ihren Inseln, schwärmte im Feenlande mit Aladdin umher, oder amüsirte

mich mit Tom Jones und lachte über Siegfried von Lindenberg. Die meisten

von Holberg's Comödien wußte ich halb auswendig.

* * * * *

[Sidenote: Eine Hundegeschichte.]

Ich habe eine Hundegeschichte erwähnt und muß noch zwei erzählen. Wir

hatten ein Dienstmädchen die nicht viel taugte, die aber doch den

kleinen Present sehr liebte. Als sie nun fortzog und in Kopenhagen

in Dienst trat, verschwand der Hund eines Tages, alles Suchen war

vergebens, er war nicht zu finden; das rief große Trauer in der Familie

hervor. Ich und meine Schwester beweinten den kleinen verschwundenen

Freund, und glaubten, er sei todt. Die schmerzliche Wunde fing bereits

an zu verharrschen, als ich vierzehn Tage darauf mit meinem Vater nach

Kopenhagen ging. Zufälligerweise begegneten wir dem Mädchen mit dem

Hunde unter dem Arm. Kaum sieht sie mein Vater, so geht er ihr gerade

auf den Leib, und mit den Worten: »Ei du Canaille! hast Du meinen Hund

da?« faßt er den kleinen Present ganz ruhig in den Nacken und reicht

mir die Beute. Mehr Worte wurden nicht gewechselt. Aber mit welchem

Entzücken ich den Hund nach Hause trug, und mit welcher Freude wir

empfangen wurden, läßt sich nicht beschreiben.

* * * * *

Ernster, aber doch nicht so schlimm, wie sie hätte werden können, ist

die zweite Geschichte: Ich kam eines Tages den beiden großen Doggen,

die im Hofe angekettet waren, zu nahe. Der eine biß mir ein Stück aus

dem Aermel und die Spur seiner Zähne saß in meinem Arm. Kaum sah meine

Mutter dies, als sie die Wunde sorgfältig auswusch; darauf ging sie zum

Wächter und sagte: »Er schießt mir gleich den Hund todt!« -- »»Gott

bewahre, Madame, das ist ein königlicher Hund, von großer Seltenheit,

ein Geschenk von einem vornehmen Herrn für das Schloß, das wage ich

nicht.«« »Er schießt mir gleich den Hund todt,« fuhr meine Mutter

fort, »jetzt fehlt ihm Nichts, aber er könnte vielleicht toll werden;

er hat meinen Sohn gebissen und ich muß für die Rettung meines Kindes

sorgen. Das Kind einer Mutter ist mehr werth, als ein Hund. Ich nehme

Alles auf mich!« -- Der Hund wurde erschossen, und die Eigenmächtigkeit

nicht gemißbilligt, obgleich die mütterliche Sorge ohne Zweifel eine

übertriebene Vorsicht veranlaßt hatte.

* * * * *

[Sidenote: Ein Meteor.]

Wenn mein Vater die guten Freunde im Städtchen Friedrichsberg besuchte,

so spielten sie Quadrille, bis wir Kinder in Schlaf fielen, und wir

wurden erst dann wieder geweckt, wenn wir nach Hause gehen sollten. Ich

mußte gewöhnlich die Laterne tragen, und entsinne mich noch eines sehr

kalten dunkeln Winterabends, wo wir durch den Garten zum Schloß gingen.

Plötzlich wurde es ganz hell, ein schöner Mond schwebte langsam über den

Himmel dahin und verschwand. Meine Kniee zitterten, ich glaubte der Mond

sei herabgefallen und ich wunderte mich darüber, daß mein kleines Licht

in der Laterne noch brenne. Nun erzählte mein Vater mir allerlei von

Sternschnuppen und Nordlichtern, was er in »Gottsched's Weltweisheit«

gelesen hatte. Ich habe später nie ein so großes und schönes Meteor

gesehen.

* * * * *

[Sidenote: Kunsteindrücke.]

Im Winter 1789 wurde unsere einförmige Lebensart eines Nachmittags

unterbrochen, indem mein Vater und ich mit dem besten Freunde meines

Vaters Winckler im Schlitten nach Kopenhagen fuhren, um die Illumination

zu sehen, welche auf Veranlassung der Rückkehr des Kronprinzen aus

Norwegen veranstaltet war. Ich wunderte mich über all' die Lichter in

der großen Stadt und glaubte mich in die Feenmährchen Tausend und einer

Nacht hin versetzt. Ich bildete mir sogar ein, daß der Schnee auf den

Straßen, dem die vielen Lichter einen gelben Schimmer gaben, Sand sei,

der auf das Pflaster gestreut war, um das Fest zu schmücken. Noch mehr

wunderte ich mich im nächsten Jahre beim Einzuge über all' die schönen

Sinnbilder und Ehrenpforten.

* * * * *

Ich ging übrigens nicht auf Rosen in meiner Kindheit, denn meine

Eltern waren arm und litten an Nahrungssorgen. Dazu kam, daß meine

jüngste Schwester Christine Marie mit einem Wasserkopf geboren wurde,

und fünf Jahre in der Wiege lag, ehe sie starb, mit einem Körper

wie ein Säugling, und einem Kopfe, größer als der eines erwachsenen

Menschen. Ueber dieses große Unglück verfiel meine Mutter in eine

tiefe Melancholie und war endlich für uns Alle und für sich selbst

verloren. Aber der kindlich leichte Sinn tröstete mich, ich eilte

rasch von dem Drückenden hinweg zu dem Schönen, wo ich mich meinen

Träumereien hingab, die als Dichterknospen in der Phantasie des Knaben

keimten. Das herrliche Schloß mit seiner gesunden frischen Luft, mit

seiner schönen Aussicht vom Berge, seinem lustigen Menschengewühl im

freundlichen Garten, seiner romantischen Einsamkeit in dem stillen,

dunkeln, hüglichen Südfeld, Architectur und Malerei entzückten mich. Ich

studirte die Bilder aus dem Schlosse täglich. In der kleinen Galerie

machten die schönen Italienerinnen einen tiefen Eindruck auf mein Herz.

Die Römerin in Bauerntracht, welche sitzt und näht; die Schöne, welche

von der Maskerade mit der Maske unter dem niedlichen dreieckigen Hute

kommt; die Blondine mit dem purpurfarbenen Mieder; die Schöne mit dem

Tuche über dem Haar, und der schlanken Gestalt in dem grünen geschnürten

Seidenkleide u. s. w. Als Gegensatz hing dort der starke Gustav Adolph

mit seinem ehrlichen derben Rittergesicht. Auf den Plafonds sah ich die

griechischen Götter; hier saßen sie alle bei der Tafel, dort fuhr

Juno mit ihren Tauben, hier kamen Venus, Thetis, Neptun, Merkur zum

Jupiter. Dort floh der finstere Haß mit den Fackeln in den Händen vor

dem Frieden. Die herrliche Copie von =Lorenzen= nach einem von Rubens

Meisterstücken, wo sie das Weib zu Jesus bringen, welcher sagt: »Wer

sich ohne Schuld unter Euch fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie,«

machte besonders einen außerordentlichen Eindruck auf mich, und macht

ihn noch jetzt. Nie habe ich seitdem ein Gesicht von Jesus gesehen,

das mir ihm so sehr gleichen zu müssen schien, wie dieses. Dies Gefühl

kommt wohl daher, daß ich ihn so zum ersten Male gemalt sah; aber der

Kopf Jesu in diesem Rubens'schen Gemälde ist auch voll großer Schönheit,

Adel, Klarheit, Milde, Verstand und Gefühl. Das kastanienbraune Haar

ist vielleicht etwas zu röthlich, das Gesicht etwas zu sanguinisch

blühend; es fehlt das tief Mystische, das eigentlich Göttliche! aber

=wer= könnte das auch wiedergeben? könnte es wohl selbst =Raphael=?

könnte es =Thorwaldsen=? -- Ich stelle diesen Jesuskopf von =Rubens=

über den strafenden Jesus des =Giovanni Bellini= in der Dresdner

Galerie, von =Carlo Dolci's= süß sentimentalem Christus nicht zu reden.

Der Pharisäer und Saducäer Rubens, sind im höchsten Grade meisterhaft;

welche vortreffliche Composition ist das Ganze! Der Pharisäer in der

goldbrokatenen Kopfbedeckung mit dem prächtigen Bart, ein höchst

merkwürdiges Gesicht! Man sieht, daß es ein Mann ist, der es vermag, die

Ansichten seiner Zeit mit Energie zu beherrschen, und ihre Vorurtheile

zu befördern. Man liest Bosheit, Strenge, Grausamkeit, Frechheit in dem

verzogenen Lächeln, in den starrenden, tückischen Augen! Und nun der

Saducäer -- der nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und deshalb seinen

Körper recht gemästet hat, bevor die Würmer ihn verzehren; mit gemeiner

phlegmatischer Ruhe blickt er auf Jesus; aber heimtückischer Zorn über

das Ideale, das Göttliche, das sich geltend zu machen wagt, schwebt auch

auf seinem feisten Antlitz. Auch die Sünderin ist gut; die Lust, welche

Rubens hatte, blühende Weiber zu malen, war hier an ihrem Platze. Sie

schämt sich; ihr Gesicht ist halb verborgen; schöne Züge, welche die

Fülle bereits zu verwischen beginnt, zeugen von einem Weibe, das mehr

Körper als Seele ist. Es ist nicht Reue, sondern nur Verschämtheit, die

sich bei ihr äußert. Der Vater, der ihr gleicht und neben ihr steht,

hat ihr bereits vergeben. Der Erlöser zeigt ihr auch keine besondere

Aufmerksamkeit, sondern nimmt nur von ihren Verhältnissen Veranlassung,

eine allgemeine Lehre für den Menschen zu entwickeln, indem er sie von

einem entsetzlichen Tode rettet. -- Was Wunder, daß ein solches Bild

einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machen mußte? Ich

machte durch dieses zuerst Bekanntschaft mit der religiös-historischen

Malerei, und nach Allem, was ich später Herrliches und Großes in fremden

Galerien gesehen habe, kehrt die Erinnerung doch oft dankbar zu Dem

zurück, welches mir den ersten Eindruck gab.

* * * * *

Die herrlichen Landschaften von =Poulsen=, welche in demselben Saale

hängen, wirkten auch stark auf mich ein. Ich lernte aus ihnen zuerst

=Norwegen= kennen. Besonders stand ich immer staunend und betrachtete

den schäumenden Sarp. Der Weg an den jähen engen Felsenklüften entlang,

wo ein Pferd die Cariole hinunterzieht, indem es mit den bis zur Erde

eingebogenen Hinterbeinen hinabgleitet, gefiel mir ganz besonders. --

Fügte ich nun die Vorstellungen, welche mir diese Gemälde erweckten

mit dem norwegischen Hause im Südfelde zusammen, das ich täglich

besuchte, so bekam ich keinen ganz schlechten Begriff von Norwegen,

wovon ich mich viele Jahre später überzeugte, indem ich das Original mit

meiner kindlichen Vorstellung verglich. -- Ein Bild in dem sogenannten

Rosen- oder Maskeradensaal beschäftigte mich auch sehr. Dort sitzt ein

berauschter junger Herr, mit weißseidenen Pantalons, einem Ritterhute,

und einem Lächeln im Gesichte, das der Rausch fast zur Maske verwandelt,

obgleich er die Maske abgenommen hat. Er hat ein großes Glas Rheinwein

in der Hand, das er im Begriff ist zu verschütten. Ihm zur Seite stehen

nüchterne Musikanten, die für's Brod arbeiten, während er trinkt. Der

Türke (wahrscheinlich Friedrich IV.) lüftet die Maske der schönen Türkin

etwas, mit der er neben mehreren anderen Schönen spricht. Wenn ich in

meiner stillen Winterruhe ein Mal ein recht munteres Freudenfest mit

glänzendem Gewimmel aller Stände haben wollte; -- so ging ich blos in

den Maskeradensaal hinauf, und stand und starrte dort empor, bis mir der

Nacken steif wurde; -- dann hatte ich mir ohne die geringsten Kosten das

prächtigste Fest angerichtet.

* * * * *

Malerei und Musik trugen früher, als die Poesie dazu bei, meinen

Dichtergeist zu wecken. Das Altarbild in der Schloßkirche und die

Gemälde in der Friedrichsberger Kirche versetzten mich in die heilige

Geschichte. Ich sah Christus als schönes, reines Kind vor den heiligen

drei Königen und sah den entseelten Körper des Erlösers, vom Kreuz

herabnehmen und einwickeln von den treuen Hinterbliebenen. Oben in den

vergoldeten Wolken lag phantastisch das Lamm mit der Fahne auf dem Buche

mit den sieben Siegeln. Durch ein kleines Schiff, welches in der Kirche

zum Andenken an einen dort begrabenen Seemann hing, bekam ich den ersten

Begriff von der Einrichtung eines Schiffes.

* * * * *

Die Musik wirkt mächtig auf das kindliche Gefühl ein, und ich hatte

Musik von jeder Art; von Pfeifen und Trommeln der Leibgarde an, bis

zu den frommen heiligen Tönen der zwei Orgeln. Die Tafelmusik konnte

ich jedesmal hören. Die Blaseinstrumente waren höchst unterhaltend,

aber wenn zuweilen Concert war, und das Saitenspiel dazu kam, so

wurde es erst ein rechter Genuß. So hörte ich zeitig schon viele gute

Compositionen.

* * * * *

[Sidenote: Unser Prediger.]

Und die Töne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mädchen

sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen.

Manches lustige Gesellschaftslied hörte ich, wenn Fremde bei meinen

Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector

zu uns, der =Schiött= hieß, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der

im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine

Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. später

Prof. =Schmidt=. Sein Buch über die »Bestimmung der Thiere« las ich mit

großer Freude, als ich es später einmal als Prämie in der Schule bekam.

Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, Herrn =Bruun=

gehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er

predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute

sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der

unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mußte mein Vater, wenn er

Schmidt recht amüsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:

Ich wollt' um tausend Thaler nicht,

Daß mir der Kopf ab wär';

So lief ich mit dem Rumpf herum,

Säh' Niemand, wer ich wär'.

Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',

So geh ich und schneid' Besen ab;

Und lauf' die Straße auf und ab,

Und rufe, kauft mir Besen ab!

Damit ich Geld zum Saufen hab'.

* * * * *

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 · 第 1 / 20 段