schwimmendem Kriegsmaterial hatten die wenigen Minuten dem spanischen
Königreiche gekostet. Die Tabellen der Verluste der beiden
Flotten lesen sich wie eine Fabel. Vier gewaltige Panzer und zwei
Zerstörer hatte der Tag Spanien geraubt -- von den amerikanischen
Schlachtschiffen war kein einziges schwer beschädigt oder auch nur
so verletzt worden, daß es seine Gefechtsfähigkeit beeinträchtigt
hätte! Sechshundert spanische Matrosen waren im Kampf getötet worden
oder in den Fluten ertrunken, hundertfünfzig Schwerverwundete und
vierzehnhundert Gefangene, von denen viele verwundet waren, nahmen die
amerikanischen Schiffe auf.
_Die Amerikaner aber hatten nur einen einzigen Toten und einen einzigen
Verwundeten, beide auf der »Brooklyn«!_
Ein Märchen. Ein Wunder. Eine kaum glaubliche Merkwürdigkeit in der
Geschichte des Seekriegs, die gar nachdenklich stimmen mag. Nicht
Panzerwerte und Geschützzahl allein sind es, die eine Seeschlacht
entscheiden, sondern der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der
Kanone.
Zwei Monate später, als ich an Bord eines der letzten Truppendampfer,
die Santiago de Cuba verließen, staunend die Schönheit von Felsennest
und alter Burg und blauem Meeresgestade bewunderte, sah ich am Strand
des Felsentors den »Furor«. Wenige Minuten später kamen die Wracks der
»Viscaya« und des »Almirante Oquendo« in Sicht. Der »Cristobal Colon«
war einige Tage nach der Schlacht völlig gekentert. Die »Infanta Maria
Teresa« hatten die Amerikaner zwar gehoben und notdürftig ausgeflickt,
aber während des Transportes nach den Vereinigten Staaten war sie bei
den Bahamas gestrandet und gesunken.
Tropenfeuchtigkeit und Tropensonne hatten die armen Reste von
zerschossenem Stahl und zerfetztem Eisen, die nur wenige Meter über das
Wasser hervorragten, mit einem leuchtendroten Kleid von Rost überzogen.
Spitzige, zackige Stahlfetzen und Eisentrümmer überall. Unförmliche
verbeulte Stümpfe, die einst Schornsteine gewesen waren.
Schlechtes altes Eisen. Das war übrig geblieben von der
Gespensterflotte.
In den Schützengräben.
Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch die
Schützengräben. -- Die Meinung des alten Sergeanten. -- Ungeduld!
-- Der Humor der Front. -- Krankheit und Schwäche. -- Die
berühmten kubanischen Leibschmerzen. -- Fieber und Ruhr. --
Stimmungen und Verstimmungen. -- Ein Freudentag. -- Freund Billy
aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie
ich ein Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die Kapitulation
von Santiago de Cuba.
Die Armee auf den Hügeln jubelte.
Erst viele Wochen später, als Dampfer auf Dampfer Regiment auf
Regiment nach der amerikanischen Heimat zurückbrachte und die Männer
der Schützengräben sich gierig auf die alten Zeitungen stürzten, von
ihren eigenen Taten zu lesen, erfuhren sie zu ihrem großen Erstaunen,
daß die Ereignisse in den ersten Julitagen im Tal von Santiago de Cuba
den Leuten zuhause im Lande Gottes nicht nur glorreiche und höchst
übertriebene Siegesberichte gebracht hatten, sondern auch schwere
Sorgen.
Sie lasen verblüfft, daß General Shafter nach der Schlacht am San
Juan-Hügel am Abend des 2. Juli nach Washington gekabelt hatte, die
Stellung des Feindes auf seiner zweiten Verteidigungslinie sei fast
unangreifbar und die Lage außerordentlich ernst, denn ein Vorgehen
müsse schwerste Verluste bringen ------ Sie lasen schmunzelnd, daß
der General, der die amerikanische Gesamtarmee kommandierte, General
Miles, dem kranken und überpessimistischen Shafter noch in der
gleichen Nacht lakonisch geantwortet hatte, er möge vor allem -- den
spanischen Befehlshaber zur bedingungslosen Kapitulation auffordern!
Das Bombardement der Stadt androhen, wenn General Toral sich weigere!
Sie lasen lachend, wie glänzend dieser echt amerikanische Bluff
gelungen war: Zwar hatten die Spanier die Uebergabe abgelehnt, aber
Waffenstillstand trat ein am 3. Juli und es begannen Verhandlungen,
die den Anfang vom Ende bedeuteten. Sie lasen noch manches mehr. Oft
vielleicht mit einem recht unbehaglichen Gefühl. Wie der Hunger ihnen
in der Schlacht geholfen hatte, ohne daß sie es wußten, denn die armen
Teufel von Spaniern waren schon Ende Juni auf halbe Rationen gesetzt
worden, weil das verrottete spanische Regierungssystem auf der Insel
sich um die Kleinigkeit der Verproviantierung einer Armee zufällig
nicht gekümmert hatte. Wie gewaltig stark die Drahtverhaue der zweiten
spanischen Stellung waren. Wie furchtbar hoch die Krankenzahl in der
amerikanischen Armee.
Und sie fingen zu Hause an, viele Dinge zu begreifen, die sie nicht
begriffen hatten im Tal von Santiago de Cuba.
* * * * *
Ein Murren ging durch die Schützengräben.
Hundertmal, wenn wir Depeschen auf den Hügel brachten, wurden
Souder und ich von den schmutzstarrenden, verwahrlosten Gestalten
im Graben angehalten und mit Fragen bestürmt, ob denn nichts sich
rege im Hauptquartier und wie die Dinge stünden und wann endlich der
Waffenstillstand zu Ende sein werde. Der verdammte Waffenstillstand!
Da drüben war der Feind! Dort lag die Stadt, dort waren Häuser, in die
der Schandregen nicht eindringen konnte; dort gab es Betten, in denen
man schlafen, und Herde, auf denen man kochen konnte! Warum, weshalb im
Namen aller Vernunft verpfefferte man nicht drei Stunden lang das Gras
und das Gestrüpp da drüben mit allem, was Gewehre und Patronengürtel
nur hergeben wollten, und stürzte sich dann bergabwärts Hals über
Kopf auf die kleinen Männlein, die schon davonlaufen würden wie sie
davongelaufen waren von den Hügeln!
Ein alter Sergeant der 5. Regulären, der oft zu unserem Zelt kam, zu
schwatzen, verkörperte die Stimmung in den Schützengräben ausgezeichnet:
»Höll' und Teufel!« sagte er. »Ich werde nicht dafür bezahlt, mich mit
höherer Strategie zu befassen. Das überlass' ich dem jesuschristlichen
Dicken! Wenn mir befohlen wird, im Dreck herumzusitzen und mir alle
halbe Stunde die Jacke vollregnen zu lassen und so viel schlechten
Speck zu fressen, daß ich zeitlebens keinem anständigen Schwein mehr
ins Gesicht sehen kann, -- dann halt ich's Maul und gehorche. Aber
verdammt will ich sein, wenn ich's verstehe! Magazinfeuer, würd' ich
sagen -- Bajonett auf das alte Schießeisen -- und in fünfundzwanzig
Minuten wäre die alte Geschichte erledigt. Aber der Dicke muß es ja
wissen! Mir kann's recht sein. =Bye, bye=, Jungens! Laßt euch euren
Speck recht gut schmecken! Achtet auf eure Gesundheit!«
Worauf wir ihm ergrimmt Lehmklumpen nachwarfen. Wer in diesen Tagen von
Speck und werter Gesundheit sprach, der war ein Raufbold, der boshaft
an die wundeste aller wunden Stellen rührte, und forderte tätlichen
Angriff heraus.
So murrten die Männer in den Schützengräben.
Ungeduldig waren sie wie Kinder und frech wie Spatzen. Aber das
Schimpfen klang immer noch lustig, und niemals lag in ihm der Ton
der Auflehnung. Man lachte mitten im Gezeter und nahm die harten
Entbehrungen nicht ernst, wenn sie es auch im Grunde waren, die die
Ungeduld gebaren. Man mußte warten -- man begriff nicht, weshalb in
Kuckucksnamen man solange warten mußte -- aber es würde schon kommen,
oh, es würde schon kommen ... Rührend war es in Wirklichkeit, mit welch
prachtvollem, trockenem Humor diese Männer ein Leben ertrugen, das in
seiner Härte so gar nichts Humoristisches hatte, und wie sie aus Jammer
und Elend immer und immer wieder die lustige Seite herauszufinden
wußten. Droben in dem breiten Hauptgang hatten sie einen Wegweiser
aufgestellt, auf dem in derben Lettern stand:
»Revolver müssen beim Portier abgegeben werden (links -- Dreckstraße
Nr. 3), denn auf Befehl des kommandierenden Generals ist Schießen in
diesem Vergnügungslokal nicht gestattet! Nur Herren mit garantiert
anständigem und friedfertigem Benehmen haben Zutritt!« -- in blutigem
Hohn auf den Waffenstillstand.
Ein anderes Schild beim Eingang eines besonders sumpfigen
Schützengrabens besagte grimmig: »Warnung! Angeln ist hier verboten!!«
Im Hauptschützengraben hatten sie auf Brettchen von Munitionskisten mit
irgend einer schwarzen Farbe, die sie gottweißwo aufgetrieben haben
mochten, allerlei Sprüche gemalt und die Brettchen in die Lehmwand
hineingesteckt wie Gedenktafeln:
»Erzähle mir nicht, o Freund, daß du Bauchweh hast! Deine Symptome
interessieren mich nicht. Ich hab sie nämlich selber!« lachte ein
Spruch.
»Und der Herr schuf Regen und Sonnenschein ... Für Kuba hat er seine
Schaffensfreudigkeit verdammt übertrieben!« hieß es auf einer anderen
Tafel. Ihre Nachbarin sagte:
»Bist du schlechter Laune, so haue einen Insurgenten. Das ist gesunde
Bewegung für dich und macht aus dem Cubano vielleicht einen Menschen;
der Stecken lehnt hinten in der Ecke.« Das gab die Einschätzung, in der
Señor Insurgente bei der Armee stand, famos wieder!
So sah der Humor der Schützengräben aus. Grimmiger, harter, verkrustet
trockener Humor war es, der ahnen ließ, wie zäh und kraftvoll die
Männer sein mußten, die in Krankheit und Schwäche lachen und sich über
ihren eigenen Jammer lustig machen konnten. Denn krank waren sie alle,
zum mindesten nicht gesund.
Die Regenzeit Kubas hatte nun im Ernst begonnen. Tag für Tag,
dutzende Male oft in einem Tag, regnete es in tropischer Gewalt in
ungeheuerlichen Wassergüssen -- und der Viertelstunde klatschenden
Regens folgte ebenso ungeheuerliche Sonnenhitze, die mit der
verdampfenden Feuchtigkeit alle Miasmen aus dem Boden zog und Menschen
und Dinge in übelriechenden Dampf hüllte. Morgens und abends lagen
stundenlang dick und gelb zähe Nebelschwaden über dem Boden, kalt,
feucht und dumpfig. Selten verging eine Nacht ohne Regen, und dann
schliefen die Männer in den Schützengräben auf nassem Boden in nassen
Decken. Jetzt, in den Tagen der Waffenruhe, durfte zwar immer ein Teil
der Regimenter auf dem Gelände hinter den Hügeln Zelte aufschlagen,
aber die winzigen Soldatenzelte schützten nur wenig gegen diesen
Regen und gar nicht gegen Bodenfeuchtigkeit und Nebel. Die Kleider
faulten einem fast am Leib. Souder und ich schleppten zweimal im Tag
Wasser herbei aus dem San Juan und wuschen unsere Körper und irgend
ein Kleidungsstück, doch es nützte nichts. Seife hatten wir längst
keine mehr. Was das Ausrinsen im Wasser gut machte, verdarben wieder
in ein paar Stunden Regen und Schweiß. Starrer Schmutz war es, in dem
man lebte. Widerlicher Schmutz. Die Männer in den Schützengräben, die
nicht so viel Zeit und Gelegenheit zur Reinigung hatten wie wir, waren
noch schlimmer daran. Schmutz, Schmutz, überall Schmutz ... Die Nässe
verdarb rasch das Schuhzeug, so fest und derbe es war, und oft wurden
Patrouillen nach rückwärts zu den Hospitälern geschickt, um die Stiefel
der Schwerkranken und Gestorbenen zu holen.
Immer gleich blieb die Nahrung. Speck, Hartbrot, Speck. Man weichte
die harten Zwiebacke auf, tat Zucker hinzu und Speckstückchen und
briet sich den breiigen Mischmasch. Trank höllenstarken Kaffee dazu.
Einmal kam eine Sendung Büchsenfleisch, aber es war verdorben. Derartig
schlechte Behandlung läßt sich auf die Dauer kein Magen gefallen.
So rebellierten zuerst die Mägen. Langsam schlich sich Krankheit in
die Schützengräben. Kaum einen Mann gab es in der Front, der nicht
wenigstens an einer leichteren Form von Ruhr litt. Auch da noch half
der Humor, das Abschüttelnwollen körperlicher Schwäche, wie es in
junger Mannesart liegt. Die verschmutzten Männer lachten über die recht
unangenehmen und schmerzhaften Aeußerungen ihrer gestörten Verdauung
und machten lustige Witze, höchst unanständige Witze zumeist, über
das viele Aufgesuchtwerden der primitiven Stellen, die man in der
Zivilisation verengländert mit =W. C.= zu bezeichnen pflegt. Aber nach
und nach verspürte ein jeder immer kräftiger die üblen Folgen der
ewigen Magenbeschwerden und der Fieberanfälle, denen keiner entging.
Die schlechten Witze fingen an, gequält zu klingen. Das lustige
Lachen von gestern über das berühmte kubanische Bauchweh zog heute
nicht mehr. Die Gesichter wurden blaß, und der energische, springige
Gang der Regulären träge. Auf das Fieber hätte man schließlich
gepfiffen -- aber der Magen, der Magen! Bitter und gallig schmeckte
der schlechtgeröstete Kaffee, weil die halbzerstampften Bohnen ewig
lange sieden mußten. Der Speck schimmerte ölig und durchsichtig, denn
die Sonnenhitze hielt ihn ständig in schöner brühwarmer Temperatur.
Man konnte ihn bald nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Die
Schiffszwiebacke waren trocken kaum zu essen, und der fade Brei, der
sich höchstens aus ihnen bereiten ließ, wurde einem zum Ekel. Der
Magen, der Magen! Er war es, aus dem die üble Laune kam.
Und die Stimmungen!
Wenn ich in den Schützengräben nach dem General oder irgend einem
höheren Offizier suchte, schien es mir beinahe komisch, wie die sonst
so unverwüstlich derben und unverwüstlich lustigen Regulären nun auf
einmal Stimmungen unterworfen waren. Manchmal lagen sie faul und
apathisch da und ließen einen ruhig über ihre Leiber hinwegsteigen,
viel zu träge, sich zu rühren oder gar zu reden. Manchmal wieder konnte
das leiseste Gerücht, das Hoffnung auf Soldatenarbeit gab, oder der
unsinnigste Scherz sie blitzschnell aufrütteln. Als mich einmal ein
Korporal fragte, was denn los sei (ich trug ein Telegramm in der Hand),
antwortete ich ärgerlich:
»Es ist Dienstgeheimnis und du darfst es nicht weiter sagen: Washington
telegraphiert, daß ein Dampfer mit einer neuen Speckladung abgegangen
ist!«
»Pfui Deibel!« sagte der Korporal.
Die Männer links und rechts von ihm lachten wie toll und erzählten
den mageren Witz weiter, der nun richtig die ganze Linie entlang
schallende Heiterkeit auslöste.
Doch das Lachen war selten geworden. Ein jeder wußte, daß die Zeiten
bitterernst waren und ein grimmiger Feind die Hügel bedrohte, ein
schlimmerer Feind als die verachteten kleinen Männlein da drüben:
Krankheit, Fieber, Ruhr, Malaria. Und ein jeder gab sich Mühe, auf das
dumpfe Brausen in seinem Schädel frühmorgens im Nebel nicht zu achten
und auf die Schmerzen in Magen und Darm nach den Mahlzeiten. Weil
keiner krank werden _wollte_.
* * * * *
Souder und ich waren brummig oft, und übellaunig, und nicht weniger
ungeduldig als alle anderen. Weder ihm noch mir blieben die grimmigen
Leibschmerzen erspart, und er und ich wußten ganz genau, wie es
war, wenn einem nach übelriechender Nebelnacht die Fieberfliegen
im Kopf summten und man sich fluchend vom Sanitätssergeanten des
Brigadequartiers gewaltige Dosen Chinin geben ließ, die einem die
Ohren klingen machten. Aber die Linie, der Draht, das klappernde
kleine Instrument versorgten uns stets mit so viel Arbeit und so
starkem Interesse an Spannung und Erwartung, daß wir Kopfschmerzen und
Leibgrimmen prompt zu vergessen pflegten. Waren die Depeschen in diesen
Tagen auch selten wichtig, so wartete man doch wenigstens immer auf
eine, die wichtig sein würde.
Da kam der 7. Juli. Der vierte Tag des Waffenstillstandes. Die
Linie zu =S O 3= war wieder einmal schadhaft geworden und die Reihe
diesmal an uns, den Fehler zu suchen. Mißvergnügt machte ich mich mit
Ersatzdraht und Zwickzange auf den Weg und fand den Schaden bald.
Irgend ein Spitzbube in Uniform mochte zu irgend etwas ein Stückchen
Draht gebraucht haben und hatte einfach einen halben Meter der Linie
mit seinem Taschenmesser herausgesägt. Ich schimpfte, wie ein regulärer
Signalmann über so lästerlich infame Schändung schimpfen mußte, und
reparierte. Weil ich nicht weit von =S O 3= war, beschloß ich, bei der
Blockhausstation vorzugucken. Ich schlenderte den breitausgetretenen
Pfad hinter den Hügeln entlang, auf dem es von Soldaten wimmelte, denn
Zelt an Zelt reihte sich auf der Hügelseite. Hier kampierten die Rauhen
Reiter. Plötzlich blieb ich stehen, und heiß und kalt überlief es mich.
War -- das -- ein Traum -- ein Fiebergaukelspiel?
Eine klingende, metallische Stimme, eine liebe alte Stimme hatte mich
gerufen bei meinem Namen aus alten Zeiten. Klar und hell --
»Ed! Ha -- a -- llooh -- Ed!!«
Ich stand und starrte und wollte meinen Ohren nicht glauben.
»Halloh -- Ed!«
Von einem Zelt nicht weit vom Weg kam ein Rauher Reiter-Offizier
gelaufen, ein Leutnant. Unter dem graubraunen Feldhut mit dem
glitzernden Regimentsemblem von gekreuzten Reitersäbeln leuchteten
groß und lachend graublaue Augen -- die alten Augen ...
»Billy!« schrie ich. »Halloh, Billy -- Bi -- i -- illy!«
Und er sprang herbei, und wir schüttelten uns die Hände, denn sprechen
mochte keiner ein Wort, und dann lachten wir wie unsinnig und dann
schüttelten wir uns wieder die Hände und dann lachten wir wieder.
Billy war es, der alte Billy, der Billy aus Wanderzeit und
Eisenbahnfahrt.
Billy in der Uniform eines =First Lieutenant=, eines Oberleutnants
des Rauhen Reiter-Regiments. Gar kein Staunen verspürte ich über die
silbernen Streifen auf seiner Schulter. Dieser Mann war einer der
wenigen Menschen, die dazu geboren sind, zu führen und zu leiten unter
allen Umständen. Seien sie arm oder reich. Die vornehm sein müssen und
Herren über andere, mögen sie auch einen einzigen Rock nur ihr eigen
nennen. In der alten Welt hätte man freilich aus Billy keinen Offizier
gemacht. Sein Lebensgang wäre denn doch nicht einwandfrei genug gewesen
-- um die schöne Phrase zu gebrauchen. In Amerika sah man sich den Mann
an und -- griff zu. Billys Familie hatte ihm eigentlich gegen seinen
Willen das Leutnantspatent bei den Rauhen Reitern erwirkt. In der
entscheidenden Unterredung jedoch mit Theodore Roosevelt hatte Billy
klipp und klar erklärt, daß er erwähnen müsse, er sei vor noch nicht
langer Zeit als Tramp, oder als eine Art von Tramp zum mindesten, auf
den Eisenbahnen herumvagabundiert.
»=You are allright!=« war Roosevelts knappe Antwort gewesen.
* * * * *
»Komm' in mein Zelt!« sagte Billy.
Wir hockten uns auf die Wolldecke hin am Boden, und Billy holte
feierlich eine kleine Feldflasche aus einem Winkel hervor, erklärend,
daß es unter den Rauhen Reitern komische Käuze von Millionären gebe,
die sich durch ihre Privatyachten Zigarren und Whisky bringen ließen.
Wir tranken in Andacht den goldigbraunen Bourbon. Rauchten eine
Zigarette.
»Du bist also beim Signalkorps, eh?« begann Billy. »Haben sie nicht
genug Verstand gehabt dort, dich wenigstens zum Sergeanten zu machen?«
»Anscheinend nicht!« lachte ich. »Uebrigens habe noch nicht einmal
vorschriftsmäßig gegrüßt, Herr Leutnant!«
»Das ist allerdings schrecklich,« meinte Billy. »Kraft dieser schönen
silbernen Schulterstreifen also befehle ich dir nun, sofort zu
erzählen. In Colorado war's irgendwo, als du verschwandest -- und das
hat mich damals mehr Kopfschmerzen gekostet als du ahnst, mein Junge.
Drei Monate suchten wir nach dir, Joe und ich, bis wir es endlich
aufgeben mußten. Erzählen, erzählen!«
Da berichtete ich von der Fahrt nach St. Louis und dem Erleben dort
und von der Kupferhölle und vom Zeitungsdienst und von San Franzisko.
Von Frank und von Allan McGrady. Lachende Linien kamen in das
scharfgeschnittene, hagere, rassige Gesicht.
»Und bei dieser Geschichte hier in Kuba mußtest du natürlich auch dabei
sein!« rief er endlich und füllte lustig augenzwinkernd das winzige
Feldflaschenglas fingerhoch ... »Aber natürlich! Ich brauche dir wohl
nicht zu sagen, mein Junge, daß du ein Narr wärest, würdest du die
blaue Jacke nicht recht bald wegwerfen. Bleib du bei der Zeitung! Ich
wünschte, ich wüßte so gut wie du es von dir wissen solltest, was ich
zu tun hätte. Unter uns gesagt waren diese Schulterstreifen billig wie
Brombeeren. Es gehörte nicht viel mehr dazu, aus dem alten Billy einen
Leutnant zu machen, als sieben Wörtchen des alten Onkels van Straaten,
der im Kongreß sitzt. Wenn diese nachgerade langweilige Affäre hier
jedoch beendet ist -- dann adieu, Leutnant Billy!«
»Weshalb machten sie dich gleich zum Oberleutnant?« lachte ich.
»Bin ich vorgestern erst geworden!« berichtete er vergnügt.
»Telegraphisch. Von wegen der Schlacht. Teddy sorgt für seine Leute.
Weiß der Kuckuck, wo Jack (das ist mein Putzer) den Oberleutnantsstern
aufgegabelt hat. Aufgenäht hat er ihn mir jedenfalls auf die Jacke --
und meine Würde erdrückt mich beinahe!«
Erzählen -- erzählen ... Wir rechneten uns aus, daß wir beim Sturm auf
den San Juan-Hügel keine hundert Meter voneinander entfernt gewesen
sein konnten, und im Planters-Hotel in Tampa im gleichen Saal gegessen
haben mußten, ohne es zu ahnen. Wie groß die Welt war und doch wie
klein! Stunde auf Stunde verschwatzten wir, bis ihn und mich der
Dienst rief.
Wochen später, als ich auf der Insel des gelben Fiebers aus dem
Delirium erwachte und denken und verstehen konnte, gab mir der Arzt
einen Briefumschlag. Fünf gelbe Banknoten steckten darin, zu zwanzig
Dollars eine jede. Und ein Zettel:
»Lieber Ed. Unser Schiff dampft heute, den 30. Juli, nach dem alten
Land. Der Doktor schreibt mir, du würdest durchkommen. Wußte, sie
würden dich nicht unterkriegen, alter Junge. Das Geld kannst du
vielleicht gebrauchen. Gib es mir zurück, wenn es dir paßt. Hörte von
Major Stevens, du seiest zum Sergeanten ernannt worden. Auf Wiedersehen
-- Billy.«
Ich sollte ihn erst in einem Jahr wiedersehen, unter Verhältnissen, die
noch viel merkwürdiger waren als das Begegnen im Tal von Santiago.
* * * * *
Die Krankheitsziffern in den Schützengräben stiegen zu erschreckender
Höhe, und immer blasser und gelber wurden die Gesichter der Männer auf
den Hügeln. Unerträglicher schien die Sonnenglut von Stunde zu Stunde
fast und fürchterlicher die endlosen Regengüsse. Noch war die Zahl der
schweren Erkrankungen an wirklicher Ruhr und Malaria verhältnismäßig
gering, die Zahl der Leichtkranken jedoch ungeheuer groß. Den ganzen
Tag über umringten sie das Doktorzelt, und der Sanitätssergeant
verteilte im Schweiße seines Angesichts unablässig Chininpillen und
Opiumpräparate.
Die Befehle und Meldungen, die über unseren Draht gingen, zeigten zwar
nur einen winzig kleinen Ausschnitt der allgemeinen Situation, aber sie
ließen unschwer erkennen, daß die Führer der Truppen voll Besorgnis
waren und daß alles nach einer Entscheidung drängte. Am 8. und 9.
Juli gab es viel zu tun. Die Depeschen, die genaue Berichte über die
Krankenzahl einforderten, jagten sich. In den Antworten der einzelnen
Regimenter hieß es immer wieder: Allgemeiner Gesundheitszustand höchst
unbefriedigend. Chefärzte kamen vom Hauptquartier und untersuchten die
Truppen; lange Konferenzen fanden statt im Zelt des Generals.
Da telegraphierte am Abend des 9. Juli das Hauptquartier, daß mit
Mitternacht der Waffenstillstand ablaufe. Die Wirkung auf die
Truppen, die nun sofort in den Schützengräben konzentriert wurden,
war verblüffend. Die gedrückte Stimmung schien wie weggeblasen. Die
Aussicht auf Arbeit machte die Männer in den Schützengräben wieder
frisch und kräftig. Ueberall von den Hügeln erklang an jenem Abend der
Tingeltangelschlager, den die Soldaten im Uebermut des Sieges in der
Kampfnacht gesungen hatten. Er war zum Schlachtlied der kubanischen
Armee geworden --
=When the bells go tinge -- linge -- ling
We'll join hands and sweetly we shall sing --
There'll be a hot time
In the old town
Tonight, my Darling!=
»Heut abend ist der Teufel los im Städtchen ...«
Mit dem Morgengrauen begann das Kleingewehrfeuer auf der ganzen Linie.
Vom San Juan-Hügel her dröhnten Geschütze. Die Spanier erwiderten das
Feuer nur schwach. Ein unbedeutendes Ferngefecht war es -- wie auch am
nächsten Tag.
Mir ist dieser 10. Juli eine lustige Erinnerung. Im Laufe des
Nachmittags lief eine Depesche ein, in der Präsident McKinley unserem
General Bates seine Ernennung zum =Major General= anzeigte, der
höchsten militärischen Würde in den Vereinigten Staaten. Das war
natürlich ein großes Ereignis. Ich machte mich sofort auf den Weg
nach den Schützengräben, um dem General das Telegramm zu bringen.
Ueberall knatterte es vorne auf dem Hügel, und dann und wann pfiff
eine feindliche Kugel durch die Luft. Ich eilte durch den Hauptgang
und erfuhr von der Stabsordonnanz, daß der General im Schützengraben
rechts sei. Nach wenigen Schritten sah ich auch schon die Gruppe der
Stabsoffiziere. Und -- da packte mich eine ganz verrückte Idee ...
Ein Held wollte ich sein! Auszeichnen wollte ich mich -- auffällig
auszeichnen -- wunderbar tapfer sein ... Gedacht, getan. Mit einem Ruck
richtete ich mich auf und stand kerzengerade da, daß Kopf und Schultern
über die Brüstung des Schützengrabens hinausragten. Zischend surrte
eine Kugel an meinem Ohr vorbei. Eine zweite. A -- aah! So -- ooh! So
-- oo -- benahm sich ein Ritter ohne Furcht und Tadel im Kugelregen --
so -- olche Leute machte man zu Offizieren -- in meinem Kopf wirbelte
es von Tapferkeit und Todesverachtung -- =sans peur et sans reproche=
-- a -- aah -- =fais ce que dois, adviegne que pourra= -- =c'est
commandé au chevalier= ... und ganz langsam und bolzengerade stelzte
ich über die Beine der feuernden Infanteristen hinweg auf den General
zu. Begeistert war ich -- von mir selber. Ich kam mir wirklich wahrhaft
heldenhaft vor. S -- sss -- ssss ---- zischte es. Und ich reckte mich
noch höher auf und stellte mich stramm hin und meldete eiskalt:
»Depesche für =Major General= Bates!«
Der alte Herr, der im Graben kauerte, streckte die Hand nach der
Depesche aus und sah mich scharf an.
Mich aber überlief ein leichtes Zittern. Jetzt -- jetzt -- jetzt mußte
es kommen --
Der General sah mich noch immer scharf an und um seine Mundwinkel
zuckte es. Dann sagte er leise, aber sehr deutlich:
»=Get down, you fool!=«
»Duck dich -- du Narr!«
Da klappte ich zusammen wie ein Taschenmesser. Aus war's mit dem
Heldentum. Und zu meiner Ehre sei es gesagt, daß der Bruchteil einer
Sekunde mir genügte, um zu erkennen, welch furchtbar lächerlicher
Hanswurst ich soeben gewesen war.
* * * * *
Die kriegerischen Ereignisse im Tal von Santiago de Cuba nahten rasch
ihrem Ende. Am 12. Juli begannen wieder die Verhandlungen. Am gleichen
Tag traf der Höchstkommandierende der amerikanischen Armee, General
Miles, in Siboney ein. Am 13. Juli hatten er und General Shafter eine
Besprechung mit General Toral, dem spanischen Kommandierenden. Am 14.
Juli kapitulierte Santiago de Cuba, und die spanische Armee gab sich
kriegsgefangen.
* * * * *
Es war um Mittag des 14. Juli. Zwischen den amerikanischen und
spanischen Linien, dreihundert Meter etwa rechts seitlich von unserem
Hügel, hundertundfünfzig Meter in Front, stand inmitten einer weiten
grasigen Fläche ein ungeheurer Mangobaum. Ein Riese. Der mächtige Stamm
zeichnete sich im grellen Sonnenlicht scharf gegen das Grün und Gelb
des Bodens ab. Die breitwipflige Krone ragte massig empor, wuchtig
in ihrem Dunkel wie ein Gebäude. Da erzitterten Trompetentöne. Der
Paraderuf, jedem Regulären wohlbekannt. Feierlich, gedehnt. Und die
Männer in den Schützengräben sprangen auf die Brüstungen, kauerten
sich hin und sahen schweigend zu, wie aus dem Bodeneinschnitt beim
San Juan-Hügel Reiter in langsamem Schritt hügelabwärts ritten dem
Baumriesen zu. Ich konnte durch mein Glas die Gestalten deutlich
erkennen. General Miles war es, General Shafter, einige Offiziere, zwei
Trompeter. Gleichzeitig glitzerte es drüben in den spanischen Linien
von Epauletten und goldenen Borten und Pferden und Reitern in dunklen
Umrissen.
Die beiden Reitertrupps kamen sich näher, hielten einen Augenblick.
Dann sprangen die Offiziere von ihren Pferden, und Ordonnanzen
brachten Feldstühle und stellten sie auf im Schatten des Mangoriesen.
In den amerikanischen Schützengräben war es mäuschenstill.
Fünfzehntausend Männer, sechzehntausend, siebzehntausend, warteten
in tiefem Schweigen. Drüben beim Feind tauchten aus Gestrüpp und
Dschungelgras in langer Linie weiße Strohhüte auf und Gestalten in
hellen Uniformen. Still war es. Ganz still. Zwanzig Minuten lang,
eine halbe Stunde vielleicht. Dann kam Bewegung in die Gruppe beim
Mangobaum. Pferde wurden herbeigeführt, Reiter stiegen in die Sättel,
und langsam ritten die beiden Trupps zu ihren Linien zurück. Die Männer
in den Schützengräben schauten noch immer. Niemand sprach. Nichts
rührte und regte sich.
Da blitzte ein Farbenfleck auf in dem tiefen Dunkel der Mangobaumkrone.
Rot -- blau ... Er wurde deutlicher. Breitete sich aus. Und ich
starrte und starrte, einer von Tausenden, und sah den Farbenfleck sich
entfalten in grelle Streifen und winzige Punkte.
Ueber dem Friedensbaum flatterte das Sternenbanner.
Eine Sekunde lang noch war alles still. Dann ergellte wie aus einer
einzigen Kehle brausend und donnernd ein furchtbarer Jubelschrei.
Santiago de Cuba war gefallen.
Nach Santiago de Cuba!
Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttäuschung der Männer
in den Schützengräben. -- Die verbotene Stadt. -- Wir werden nach
Santiago beordert. -- Das Legen der Linie. -- In den spanischen
Schützengräben. -- Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern.
-- In der Stadt. -- Die toten Gäßchen. -- Von Licht und Schatten.
-- Das Hauptquartier des Siegers.
Der Klopfer des Instruments überschüttete uns mit Punkten und Strichen.
»Noch mehr?« fragte Souder zwischen zwei Telegrammen bei =S O= 3 an.
»Massenhaft mehr!« kam die Antwort.
Sergeant Hastings saß am Schlüssel drüben auf der Blockhausstation,
der beste Sender des Korps, und unter seinen geschickten Fingern
wurde das mechanische Klicken des Messingstängchens zum lebendigen
Sprechen; so mühelos verständlich, daß der Sergeant und ich uns
zwischen Schreiben und Lauschen fortwährend unterhalten konnten, wenn
auch in abgerissenen Sätzen ---- und jeder Satz ungefähr würde uns ein
Kriegsgericht eingetragen haben, hätte der Generalstabsoberst, der »auf
Befehl des kommandierenden Generals« die Depeschen zeichnete, all die
Unverschämtheiten mit anhören können.
»Jawohl! Jaw -- oohll! Reiß' das Maul nur recht weit auf, mein Sohn!
Schrei' Befehle, daß dir die Hosenträger platzen! Denn du weißt es
ja, daß jetzo tiefer Friede herrscht in dieser schönen Gegend -- und
du verstehst dein Metier und du weißt es ja, daß alle Kriegskunst im
Frieden darauf hinausläuft, recht laut und recht viel zu kommandieren!
Auf daß jedermann möglichst chikaniert werde! Hol' dich der Teufel! --
Was sagt er?«
»Es ist mit Strenge darauf zu achten, daß alles Trinkzwecken dienendes
Wasser gehörig abgekocht wird --« klickte der Klopfer.
»Gehörig abgekocht wird!« höhnte Souder. »Du bist ja von vorgestern,
Oberstchen. Wer jetzt nicht schon die Cholera im Bauch hat, kriegt
sie nimmer. Kable lieber nach Washington und sorge dafür, daß sie uns
endlich gar nichts schicken als immer nur Speck und Speck und Speck! --
Was ist das?«
»Offizieren darf ohne Erlaubnis des kommandierenden Generals, der diese
Erlaubnis nur in besonderen Fällen erteilen wird, Urlaub nach Santiago
de Cuba nicht gewährt werden.«
»Aha! Die Schulterstreifen dürfen auch nicht hinein! Was dem Regulären
recht ist, muß dem Leutnant billig sein. Der Reguläre könnte sich
besaufen, und der Leutnant vielleicht auch, aber sicherlich der Herr
Oberst. Also geht nur der Herr Oberst ins Städtchen, damit er mehr
unter sich ist! Oh -- hol dich der Teufel!«
Dabei lag natürlich in den telegraphischen Befehlen zielbewußte
Vernunft, während die Kritik des Mannes hinter dem Gewehr purste
Unvernunft darstellte. Begreifliche Unvernunft jedoch. Dem
begeisterten Jubelgeschrei des Sieges war in einer kurzen Stunde
ganz gewöhnliches Geschimpfe gefolgt in den Schützengräben. Die
derben alten Regulären da droben auf dem Hügel drückten sich noch
viel saftiger aus als der lustige Signalsergeant. Als sie die Fahne
flattern sahen über dem Friedensbaum, hatten sie sich eingebildet, daß
es ein paar Stündchen höchstens dauern könne, bis der Befehl gegeben
würde, männiglich solle seine Siebensachen zusammenpacken zum Einzug
in die Stadt. Hei -- oh -- zum Marsch in die Stadt! So mancher mochte
zungenschnalzend kalkuliert haben, was für schöne Dinge die silbernen
Dollars in der Tasche alle kaufen konnten -- diese silbernen Dollars,
die so völlig wertlos und vergnügungsbar gewesen waren seit Wochen im
Drecklager.
Ausgerutscht!
Die Träume von netten Mahlzeiten, reinen Betten und dankbaren, vom
spanischen Joch befreiten Mägdelein zerrannen in völliges Nichts. Es
fiel dem Jesus-Christus-General gar nicht ein, seinen braven Truppen
im Namen des dankbaren Vaterlandes begeistertes Lob und dergleichen
zu spenden und sie einzuladen, sich doch Santiago gütigst anzusehen.
Sondern er telegraphierte kurz und grob, jeder Mann, der ohne Paß in
der Stadt angetroffen werde, würde vor ein Kriegsgericht gestellt
und schwer bestraft werden! Das Hauptquartier telegraphierte des
Ferneren, sämtliche Regimenter sollten sofort Zeltquartiere beziehen.
Rund um jedes Zelt seien Abzugsgräben für das Regenwasser zu graben.
Die Zeltgassen gehörig zu drainieren. Die Verpflegung der Truppen
habe von nun an wieder durch die Kompagnieküchen zu geschehen. Die
kommandierenden Offiziere wurden ersucht, für Reinigung der Wäsche und
Uniformen ihrer Mannschaften zu sorgen. Und so weiter und überhaupt!
Die braven Regulären aber, die so gern in der Stadt des Feindes
spazieren gegangen wären, fluchten abscheulich. Was wußten sie davon,
daß Santiago de Cuba ein Fiebernest war mit primitivsten sanitären
Verhältnissen und unmöglich als Quartier für tropenungewohnte Truppen,
ehe Ströme von Karbol den Unrat weggefegt hatten! Was wußten sie davon,
daß ein kommandierender General die Zügel der Disziplin fester in die
Hand nimmt, ehe er eine siegesübermütige Armee in eine eroberte Stadt
führt! Sie wußten nur, daß weiterkampiert wurde in Regengüssen und
Sonnenbrand ------ Sie sollten nicht in wirklichen Betten schlafen
können -- nicht auf wirklichen gepflasterten Straßen wandeln -- nicht
wieder Menschen sehen, die keine Uniform trugen -- nicht wirkliches
Brot sich kaufen können ----
Hei -- oh, wie wurde da geschimpft auf den Hügeln!
Wir schimpften mit.
Am nächsten Tag aber wandelte sich unser Schimpfen in freudige
Ueberraschung. Ein Diensttelegramm befahl dem Sergeanten Souder und dem
Signalisten Carlé kurz und bündig, sich sofort bei der Blockhausstation
zu melden. Zum Linienlegen nach Santiago de Cuba.
Zwischen drei und vier Uhr nachmittags brachen wir von der
Blockhausstation auf, der Major Stevens, ein Kabeltelegraphist von
Siboney, drei Sergeanten und zwei Signalisten. In fünfzehn Minuten
hatten wir den Draht vom Hügelgipfel zum Friedensbaum gespannt. An
diesem Tag kümmerte sich keiner von uns darum, daß die Sonne einem
glühendheiß auf den Schädel brannte und das schweißige Hemd patschnaß
am Leibe klebte und der Atem in kurzen Stößen kam und ging. Vorwärts,
nur vorwärts! Nach Santiago de Cuba! Wir liefen nicht mehr mit den
schweren Drahtrollen, sondern wir rannten. Mir war nicht wohl zumute
dabei. Aber ich pfiff auf das sonderbare Flimmern vor den Augen und
die eigentümliche Schwere und Benommenheit im Kopf. Mochten sie doch
rumoren, die Magenkobolde und die Fieberteufel! Ich hatte an andere
Dinge zu denken. Ich hatte Eile. Wir rannten. Durch das Gestrüpp der
Hügelniederung, der gelben Linie zu, die die Straße nach Santiago de
Cuba bedeutete.
»Links -- links!« keuchte der alte Sergeant Hastings, der neben mir
lief. »Nach dem Baum dort. Und ein bißchen langsamer. Ich bin mir in
meinem Leben noch nicht so ausgepumpt vorgekommen. Sie sehen übrigens
extra miserabel aus!«
»Mir fehlt nichts,« sagte ich.
»Na, mir auch nicht,« brummte er, »aber ich könnte gerade nicht
behaupten, daß ich jünger und gesünder geworden bin!«
Weiter -- weiter. Wir arbeiteten in kleinen Gruppen von je zwei und
zwei Mann. In dem offenen Gelände mußte der Draht sorgfältig von Baum
zu Baum gespannt werden. Ich erkletterte zwei Bäume, und sauer genug
wurde mir das Steigen, so bequemen Halt auch die vielen Aeste der
Mangos boten. Ein halbes dutzendmal fehlte nicht viel und ich wäre
gefallen. Nein, gesünder war ich nicht geworden!
Da tauchten bei einer Baumgruppe Gestalten in amerikanischen Uniformen
auf und eine laute Stimme befahl uns, zu halten. Der Leutnant, der den
Posten von fünf Mann kommandierte, kam herbei, und wir mußten einige
Minuten warten, bis der Major, der weiter hinten die Linie prüfte,
erschien und dem Offizier unsere Pässe vorwies.
»Die spanischen Regimenter haben die Schützengräben verlassen,«
meldete der Offizier, »und kampieren auf der Straße nach Santiago
entlang, links und rechts vom Weg. Sie werden binnen wenigen hundert
Schritten auf das erste spanische Lager stoßen, Herr Major. Ich habe
Befehl, passierenden Offizieren und Mannschaften eine Anordnung des
kommandierenden Generals zu übermitteln --«
»Weiß schon, weiß schon,« nickte der Major. »Signaldetachement --
=attention=!«
Wir stellten uns erwartungsvoll in Reih und Glied. Der Leutnant las:
»Der kommandierende General befiehlt, daß jede herausfordernde Haltung
den Spaniern gegenüber vermieden wird. Die Entwaffnung der spanischen
Armee und die Besetzung von Santiago findet erst in einigen Tagen
statt. Spanische Offiziere sind zu grüßen wie die eigenen Vorgesetzten.
Besuch von Restaurants oder Wirtschaften in der Stadt ist verboten. Sie
sind übrigens geschlossen.«
Der Major betrachtete uns vom Kopf bis zu den Füßen und sagte
dann schmunzelnd: »Sergeanten und Signalisten! Ich habe in meiner
militärischen Laufbahn noch niemals eine so verwahrloste und klapprige
Gesellschaft gesehen wie euch. Sergeant Hastings -- aus Ihrem rechten
Stiefel guckt Ihr Zeh! Im übrigen weiß ich nicht, wer am schmutzigsten
und abgerissensten ist. Ich bitte mir aus, Hastings, daß Sie als
ältester Sergeant das in Ordnung bringen. Sie werden in der Stadt
irgend einen englischsprechenden Kubaner auftreiben, es gibt deren
genug, und ihn auf meine Kosten als Putzer für das Detachement
anstellen. Die nötigen Einkäufe an Wäsche und so weiter besorgen Sie
ebenfalls auf meine Kosten, Sergeant. Jeder Mann nimmt zweimal täglich
ein Glas Whisky mit einem Chininpulver -- für den Whisky und das Chinin
werde ich sorgen. Achtet auf eure Gesundheit, Leute! Ich bin sehr
zufrieden mit euch.«
Weiter ging's. Mit verdoppelter Schnelligkeit. Wie mir ging es wohl
jedem andern: Das Wasser lief einem einfach zusammen im Munde, wenn
man an dieses Dorado von frischer Wäsche und kubanischem Putzer und
Reinlichkeit dachte!
Wenige hundert Schritte nur hatten wir die Linie weitergelegt, als
uns eine angenehme Ueberraschung wurde. Da, wo die eigentliche Straße
begann, die in scharfem Bogen von Osten herkam, lagen im Gras eine
umgestürzte Telegraphenstange und verwickelter Kupferdraht. Einige
Meter weiter begann die Stangenreihe. Soweit wir es durch die Gläser
erkennen konnten, war die Leitung dort intakt.
»Anschließen!« befahl der Major vergnügt. »Das Ding scheint zwar aus
uralten Zeiten zu stammen, wird aber wohl funktionieren. Die Linie wird
bei jedem zehnten Pfosten geprüft.«
So ging es sehr rasch vorwärts. Dicht hinter dem Gestrüpprand zweigten
rechts und links von der Straße die spanischen Schützengräben ab. Sie
waren viel flacher gegraben als die unsrigen auf den Hügeln und boten
wirksamen Schutz eigentlich nur liegenden Truppen. Das Wunderbare aber
war, wie die Spanier jede Baumgruppe, jede winzige hügelige Welle
zu einer kleinen Festung gestaltet hatten. Wo Bäume standen, war
inmitten der Baumgruppen der Boden tief ausgehöhlt worden, so, daß ein
halbes Dutzend Schützen in der Höhlung kauern konnten. Viele Reihen
stacheligen Drahts verbanden Baum mit Baum. Stacheldraht war überall.
Scharfschützen in diesen Löchern mußten fast unerreichbar gewesen
sein für Infanteriefeuer und hätten Dutzende von Angreifern, die der
Stacheldraht behinderte, wegschießen können. Der Major schüttelte
fortwährend den Kopf, und einmal platzte er heraus:
»Das wäre eine nette Bescherung gewesen ---- «
Die Straße wurde breiter, der Boden ebener, wie festgestampft. Wir
hörten Stimmen aus dem dünnen Gebüsch, das den Weg einsäumte, und ein
spanischer Offizier trat auf die Straße; eine schlanke Gestalt in
schneeweißer Uniform mit Goldlitzen an den Aermeln und am Kragen. Er
blieb überrascht stehen, salutierte den Major in straffer Haltung,
wandte sich rasch und verschwand wieder im Gebüsch. Einen Augenblick
nur hatte ich in das tiefernste junge Gesicht gesehen, aber der
Schmerz, der Haß in diesen Augen machten gewaltigen Eindruck auf mich.
Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, was ich wohl empfinden würde,
wären wir besiegt worden. Was war mir Amerika! Mir, dem Fremden, der
sein Leben zu Markte getragen hatte im Spiel! Und ich wußte, daß ich
bitterunglücklich gewesen wäre, läge das Sternenbanner im Staub. In
fröhlichem Uebermut und tollem Abenteurerdrang nur war das Spiel
gespielt worden, aber es hatte Stärkeres ausgelöst, wie gutes Spiel
es muß. Zusammengehörigkeit. Seit den Tagen im Tal von Santiago ist
mir die Flagge der Vereinigten Staaten viel mehr gewesen als ein
gleichgültiger Fetzen in Rot und Blau wie all die vielen anderen, die
mich als Deutschen nicht kümmern. Es gibt Spiele, die man nicht vergißt.
In einem sonderbaren Gefühl von Mitleid beinahe und doch brennender
Neugierde sah ich mich um. Das Gebüsch an den Wegseiten wurde lichter
nach wenigen Schritten. Gestalten tauchten auf im Gezweig und tiefen
Gras; helle Uniformen, Zelte. Mitten zwischen spanischen Truppen
marschierten wir nun, und wenn wir hielten, um die Linie zu prüfen,
umdrängten die Soldaten uns in Haufen.
Sie sahen alle bleich und abgemagert aus. Die dünnen Uniformen waren
schrecklich abgerissen. Die meisten hatten keine Stiefel an den
Füßen, sondern Segeltuchschuhe mit Sohlen aus Stricken. Sie trugen
keine Waffen. Ihre Gewehre waren nicht ordentlich in Kompagniereihen
zusammengestellt, sondern in großen Pyramiden aufgestapelt mit Haufen
von Bajonetten daneben. Die Zelte waren erbärmlich; Stücke Segeltuch,
an einen Baum oder einen Busch gebunden und dachartig schräg gegen
den Boden gespannt. Viele Spanier lagen gleichgültig da, Zigaretten
paffend. Andere schnatterten aufeinander ein mit vielem Gestikulieren.
Manchmal sah uns einer finster an, aber die meisten schienen lustig
genug und winkten uns zu. Wieder prüften wir die Linie. Ein spanischer
Unteroffizier, an seinem Aermel wenigstens war eine schmale goldene
Tresse, trat an mich heran und zog mir eine Patrone aus dem Gürtel.
Dafür gab er mir einen Rahmen mit fünf Mauserpatronen.
»=Pour souvenir!=« sagte er in gebrochenem Französisch.
Im Augenblick folgten andere seinem Beispiel, und ein Handelsgeschäft
mit Patronen entwickelte sich. Die Leute hatten alle Hunger! Das wußten
wir und hatten uns auf der Blockhausstation Tornister und Taschen mit
Speckstücken und Zwiebacken vollgestopft, die es im Ueberfluß gab. Die
stets hungrigen armen Teufel von =Cubanos= waren ja wie besessen hinter
einem Stück Hartbrot her. Als Trinkgelder und Dolmetscher hatten uns
die Rationen Onkel Sams in Santiago dienen sollen. Nun wanderten sie in
die Mägen der spanischen Soldaten am Weg. Die Spanier rissen uns die
Speckstücke und die Zwiebacke aus den Händen, so schnell wir sie nur
aus den Feldtaschen hervorholen konnten, drängten uns Zigaretten und
kleine Flaschen mit Rum auf dafür und bissen verhungert in das Hartbrot
hinein, als sei es ein köstlicher Leckerbissen.
An Regiment auf Regiment kamen wir vorbei. Pfade zweigten ab links
und rechts, und zwischen den Bäumen leuchteten grelle Farben im
Sonnenschein, weiße und gelbe und blaue, die ersten Häuser Santiago de
Cubas. Dann verschwanden die Bäume, und aus dem Weg wurde eine breite
Straße, die zwischen hölzernen Hütten hinführte, in denen die Aermsten
von Santiago wohnten. Da und dort an einer Ecke lungerten Männer und
Weiber in zerfetzten Kleidern, aber sie schlichen scheu davon, als
wir näher kamen. Splitternackte Kinder mit schrecklich aufgedunsenen
Bäuchen rannten schreiend in die Hütten.
Die alte Drahtlinie führte schnurgerade den Weg entlang in eine schmale
Gasse von Steinhäusern. Dröhnend hallten unsere schweren Schritte auf
dem holperigen Pflaster. Flache Dächer hatten die Häuser und klein und
niedrig waren sie und grell und bunt angestrichen. Aber sie sahen uralt
aus trotz der leuchtenden Farben. Die Steinstufen an den Toren waren
tief ausgetreten.
Totenstill und verlassen lag das Gäßchen da. Was es an Leben barg,
versteckte sich hinter massigen Türen mit bronzenen, kastilischen Löwen
als Klopfern und vergitterten Fenstern. Auf die grellen Häuserwände
warfen die Sonnenstrahlen blendendes Licht, und schwer und schwarz lag
der Häuserschatten auf dem Pflaster. Aus den alten Mauern schien dumpfe
Moderluft zu quellen. Still war es, so still, daß man leiser auftrat.
Die Gäßchen und die Häuser schienen zu schlafen. Dunkel war es fast.
Was die glühende Sonne an Lichtfreudigkeit auf die gelben und weißen
Wände zauberte, löschten die vielen dunklen Schatten wieder aus, die
lang und spitz und breit und stumpf in totem Schwarzviolett sich über
die Gasse hinzogen und über Türen und Fenster krochen. Zwischen den
spitzen Pflastersteinen wucherte Gras, und auf dem Fußsteig trat man
in tiefe Löcher. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Kein Gesicht zeigte
sich hinter all den Gitterfenstern.
Mehr schmale Gäßchen. Mehr gelbe, blaue, weiße Häuserchen, alle alt und
alle verwittert. Ueber einem flachen Dach ragte in der Ferne fein und
zierlich der Kathedralenturm in das tiefe Blau.
An der Ecke, bei einem Brunnen, in dessen Steinwände viele Jahre
und viele Wassertropfen große Löcher gefressen hatten, stand ein
amerikanischer Kavallerist, Karabiner im Arm, und deutete nach
vorwärts, wo das Gäßchen sich verbreiterte. Und bald wurde aus der
Stille Lärm. Zwar sahen die kleinen Häuser noch immer über alle Maßen
alt und verträumt aus, und vor Fenstern und Türen lagen hölzerne Läden,
mit schweren Eisenstangen fest verschlossen. Aber Inschriften in gelben
und goldenen Lettern über Türen und Schaufenstern zeigten, daß hier
doch noch lebendige Menschen wohnen mußten, die arbeiteten und kauften
und verkauften. Weiter oben standen sie, die lebendigen Menschen,
in dichten Gruppen; einem knallgelben Haus gegenüber. Sie trugen
spitze Strohhüte und dünne Hosen und Jacken, bald braun, bald weiß,
bald farbig, aber immer zerfetzt. Weiber waren dazwischen mit wirrem
Haar und kurzen Röcken, unter denen die braunen Beine hervorguckten,
und neben ihnen kauerten nackte Kinder. Alle schrien und zeterten.
Sie schrien nach Brot, denn unter der armen Bevölkerung von Santiago
herrschte arge Hungersnot. Spanische Gendarmen drängten sie zurück.
Vor dem knallgelben Haus scharrten und wieherten viele Pferde, von
amerikanischen Regulären gehalten. Offiziere kamen und gingen. Es war
das Hauptquartier des Siegers.
Im Kabelbureau.
Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach. -- Wir
requirieren Wäsche. -- Der wundersame Patio. -- Das große Baden. --
Der brauchbare Antonio. -- Wir rüsten ein Mahl. -- »=Caballeros
telegraphistas!=« -- »Oh, der verdammte Speck!« -- »Man muß
ein Loch in die Uhr schießen!« -- Das Feuerrad. -- Im Dunkel.
Der Lehrer der französischen Sprache an dem bayrischen Gymnasium von
Burghausen an der Salzach, in dem dickschädelige bayrische Bauersöhne
in glänzenden schwarzen Hosen sich die erste wissenschaftliche Reife
ersitzen und leichtsinnige Münchner Früchtchen gezwiebelt werden --
Monsieur würde sich gewundert haben, hätte er gewußt, daß in diesem
Augenblick der hinausgeschmissene Lausbub ihn im Kabelbureau von
Santiago dankbar segnete. Mein Burghausener Französisch war zwar ein
grammatikalisches Gerippe nur, aber es genügte. Bei Gott, es genügte!
Wir waren im Kabelbureau von Santiago de Cuba. Der Major stand
breitspurig da, biß sich auf den Schnurrbart und bemühte sich offenbar,
höflicher zu sein, als ihm der Sinn stand. Ihm gegenüber tänzelte ein
kleines Männchen von einem lackbestiefelten Bein aufs andere. Sie
waren das Schönste an ihm, diese prächtigen Lackstiefel, wenn auch der
schneeweiße Leinenanzug ihnen einige Konkurrenz machte. Das Männchen
war der spanische Telegraphendirektor. Der zappelige Spanier fuhr mit
wohlgepflegten, ringgeschmückten Händen beschwörend auf den Major zu.
»Ich weiche der Gewalt!« sagte er. (Auf Französisch -- daher mein
Segnen!)
»Es handelt sich hier nicht um Gewalt, mein Herr,« antwortete der Major
in einem sehr verständlichen aber entschieden gräßlichen Französisch,
»sondern um eine ausdrückliche Abmachung der Kapitulation, wonach die
Telegraphenlinien vorläufig zu militärischen Zwecken von uns übernommen
werden. Wo sind Ihre Beamten, mein Herr?«
Die schönen Hände beschrieben wilde Kreise:
»Sie wichen der Gewalt.«
»Dann werden Sie selbst so freundlich sein müssen, mein Herr, mir die
verschiedenen Verbindungen zu bezeichnen!«
»Ich -- ich -- habe schriftlich ...« stotterte das Männchen und deutete
auf die Tische mit den Telegraphentastern. An jeden war ein Zettel
gehängt, auf dem die Verbindungen und die Anrufszeichen angegeben waren.
»Sehr schön!« knurrte der Major mit einer ironischen Verbeugung. »Oh --
hier haben wir ja die Santiagotal-Linie. Hastings, rufen Sie doch =S O=
3 an!«
Der Sergeant beguckte brummig den schweren, altmodischen Taster, der
unseren modernen leichten Morseinstrumenten gegenüber so verächtlich
war, wie es ein Mistwagen für ein Automobil sein würde, und begann zu
klopfen. Die Blockhausstation meldete sich sofort.
»Es ist gut,« sagte der Major. »Ich mache Sie dafür verantwortlich,
mein Herr, daß alle Apparate sich in Ordnung befinden. Die Instrumente
des Kabels nach Jamaica werden gegenwärtig von meinem Kabelexperten
geprüft ...«
»Ich lehne alle Verantwortung ab!« schrie der nervöse
Telegraphendirektor.
»Aber durchaus nicht,« meinte der Major freundlich. »Sie werden im
Gegenteil so liebenswürdig sein, sich heute abend um neun Uhr im
Hauptquartier einzufinden. Dann werden wir festsetzen, unter welchen
Bedingungen die Beförderung von Telegrammen und Kabelgrammen in
spanischer Sprache übernommen wird. Ich mache Sie jetzt schon darauf
aufmerksam, mein Herr, daß wir Ihrer und Ihrer Beamten für den Dienst
bedürfen werden.«
»Ich gehorche der Gewalt,« zeterte das Männchen.
»=Très bien=,« sagte der Major. »Auf Wiedersehen also heute abend um
neun Uhr im Hauptquartier!« Und der Herr Telegraphendirektor trippelte
mit wutgerötetem Gesicht der Türe zu.
»Der verdammte Narr!« platzte der Major heraus. »So, Jungens. Ich muß
ins Hauptquartier. Die Apparate im Kabelzimmer gehen euch vorläufig
nichts an. Befördert werden von euch heute abend nur die Telegramme an
=S O= 3, die ich durch Ordonnanzen sende. Richtet euch so gut ein als
möglich, damit ihr mir morgen frisch seid, denn wir werden Arbeit in
Hülle und Fülle haben. Stadturlaub gibt es heute noch nicht. Ihr habt
hübsch hier zu bleiben. Das Nötige schicke ich euch.«
Dann ging er.
Wir aber waren schon außer Rand und Band, kaum daß der Major die
Türe hinter sich geschlossen hatte. Karabiner, Revolver, Tornister,
Feldtaschen schmissen wir in eine Ecke, daß es krachte, und lachten und
schrien und spektakelten. Weil wir ein richtiges Dach über uns hatten
und in einem wirklichen Zimmer waren; wieder einen Tisch sahen und
Stühle zum Draufsitzen.
»Meinetwegen kann's jetzt Niagarafälle vom Himmel herunterregnen!«
schrie Sergeant Souder und ließ sich mit voller Wucht in einen Stuhl
fallen. »Hoh! Das also ist ein Stuhl! So sieht ein Stuhl aus? So sitzt
es sich in einem wirklichen ehrlichen Stuhl -- oah ...« Und er räkelte
sich und reckte sich und streckte die Beine gewaltig lang aus, der
Sergeant Souder.
Schreiend phantasierten wir einander vor, was wir in den nächsten
vierundzwanzig Stunden alles essen wollten. Ungeheuerliche Genüsse
dachten wir uns aus. Aber bald wurden wir des Spektakelns müde und
gingen als gute Soldaten daran, die Oertlichkeit zu rekognoszieren.
Den langen Telegraphentischen und den klobigen Instrumenten schenkten
wir kaum einen Blick -- die würden wir schon noch kennen lernen. Den
Kabeltelegraphisten, der jetzt aus dem Nebenzimmer kam und uns erzählen
wollte, daß die spanischen Kabeleinrichtungen durchaus nicht seinen
Beifall fänden, schrien wir einfach nieder.
»Morgen! Morgen, mein Sohn, wollen wir dein gesegnetes Kabel
beschnüffeln -- heute nicht!« knurrte der alte Hastings. »Heute müssen
wir herausbekommen, wo man sich waschen kann und wie man etwas zu
essen auftreibt und -- o Lord, so viele schöne Dinge, wie ich sie alle
notwendig brauche, gibt es überhaupt gar nicht! Jungens, dies Ding hier
sieht aus wie eine Kirche!«
Kein übler Vergleich. In mattem Halbdunkel nur ließen die hohen, schwer
vergitterten, buntbeglasten Fenster gedämpfte Lichtstrahlen in den
riesigen Raum einströmen. Aus steinernen Fliesen war der Boden, und
sonderbar hoch wölbte sich in vielen spitzen Bogen die weiße Decke.
Alt und verträumt wie die Gäßchen draußen, war auch das Haus hier.
Uralt schien alles. Die kunstvollen, eisengeschmiedeten Gitter, die uns
von dem schmalen Schalterraum abschlossen, das buntbemalte Kruzifix
in der Ecke, die sonderbaren eisernen Tintenfässer auf den Tischen,
das Kupferschmiedewerk der Lampen, die aussahen wie Ampeln. Sogar die
vielen an den Wänden angenagelten Verordnungen schienen aus einer
anderen Zeit zu stammen mit ihrer schnörkeligen, verzierten, pretiösen
Schrift.
An der einen Seitenwand des Raums waren vier Türen. Souder riß die
erste auf und schrie: »Hierher, Jungens! Da steht ein Waschstand und da
ist Seife, bei meiner armen Seele, und hier hängen Handtücher. =Glory
be to God.= Könnt ihr euch überhaupt noch vorstellen, wie Handtücher
aussehen?«
Wir stürzten herbei und jubelten.
Dann ging's zur nächsten Türe. Hinter ihr war eine Art Wandschrank,
in dessen Fächern drei große Pakete lagen. Ritsche -- ratsche -- riß
Hastings das dünne Papier von dem einen ... und seine Augen wurden groß
und größer.
»Und führe uns nicht in Versuchung!« sagte er. »Kinder, es ist traurig,
doch ich muß euch daran erinnern, daß das Zeug auf keinen Fall uns
gehört, gehöre es, wem es mag. Finger weg!«
Aber wir hatten ihm die Stücke schon aus den Händen gerissen und
tanzten begeisterte Kriegstänze. Es war ja nicht zu glauben -- es war
zu schön, um Wirklichkeit zu sein. Wäsche hielten wir in den Händen.
Reine Wäsche -- frisch von der Waschfrau! Seidene Wäsche darunter gar!!
Hemden und Hosen und Kragen und Strümpfe und feine Leinenanzüge ...
Irgend ein spanischer Telegraphenbeamter, der ein höchst verwöhntes
und sehr feines Herrchen sein mußte, hatte sich aus irgend welchem
Grunde seine Wäsche ins Bureau schicken lassen. Nein, nicht einer nur.
Mehrere. Die Wäschestücke waren verschieden groß.
»Sie passen mir tadellos,« grinste Souder, der ein Paar Hosen prüfend
vor sich hinhielt.
»Zum Teufel -- laß das Zeug liegen,« rief Hastings. »Es ist
Privateigentum.«
»Schrei nicht so,« antwortete Souder gemütlich. »Ich weiß schon, daß
du hier Rangältester bist. Aber sag einmal, Freund, soll ich in diesem
blutigen Krieg nicht einmal ein reines Hemd und eine saubere Unterhose
erbeuten dürfen?«
»Wir können uns doch Wäsche _kaufen_!« knurrte Hastings.
»Ganz richtig -- vorläufig kaufe ich mir diese hier --«
»Und wenn der Major ------ «
»Laß mich zufrieden!« schrie Souder. »Wenn der Major so dreckig wäre
wie ich, so würde er sich die feine Wäsche hier mit der gleichen
Gemütsruhe stehlen, wie ich das zu tun gedenke. Pardon -- requirieren
würde sie der Major. Zum Kuckuck, wir sind doch keine Sonntagsschüler!«
Sergeant Hastings hielt ein Hemd in der Hand und sah es lange und
liebevoll an.
»Ich habe eine Idee!« sagte er endlich. Er ging zum Tisch, nahm ein
Telegrammformular und schrieb: »Die hier fehlenden Wäschestücke habe
ich mir aus Gesundheitsrücksichten für mich und meine Kameraden
angeeignet. Der Eigentümer erhält Bezahlung von mir. Hastings,
Signalsergeant.«
Dieses merkwürdige Schriftstück legte er in den Schrank an Stelle der
fehlenden Pakete und schloß ihn sorgfältig wieder zu, nachdem wir uns
ein jeder ausgesucht hatten, was wir brauchten.
»Die Sache ist =allright=!« meinte der alte Sergeant schmunzelnd. »Ohne
den Fetzen Papier wär's Plünderung -- mit dem Fetzen Papier ist's
dienstliche Requisition.«
»Vielleicht gibt's noch mehr zum Requirieren!« lachte ich.
Die dritte Türe barg einen Aktenschrank mit allerlei Formularen.
Die vierte ging in einen großen Raum, der nur durch das Türoberlicht
vom Bureau her erleuchtet wurde. Er war gänzlich kahl und leer. Nur
an den Wänden standen Ballen mit zusammengeschnürten Papieren. Eine
offene Tür gegenüber zeigte ein kleines Gemach mit allerlei Gerümpel
und einem Herd in der Ecke. Helles Licht strömte aus einer hohen und
breiten Oeffnung in der Mauer. Ausgetretene steinerne Stufen führten
zu einem kleinen Hof hinab, versteckt und still und wundersam. Von
maurischen Hufeisenbögen getragen, gestützt von schlanken weißen Säulen
neigte sich ringsum weit in den Patio hinein der dachartige Vorsprung.
Verträumtes Plätschern klang rieselnd in die Stille. Rankenversponnen
waren die Wände, und da und dort leuchteten blaue und rote Blüten
aus dem tiefen Grün. In der Mitte stand der Springbrunnen mit einem
gewaltigen Löwen von sonderbar eckigen Formen, aus dessen Maul ein
dünner Strahl in das marmorne Bassin fiel. Uebergroß, schwarzdunkel
sah das Brunnenbild aus im kühlen, gedämpften Licht der untergehenden
Sonne. Aus roten Ziegelsteinen war der Boden. Rechts und links guckten
flache Dächerreihen über die Mauern herein, und gegenüber ragte eine
graue Häuserwand mit kreuzweis vergitterten Fenstern empor.
»Es geht nicht,« brummte Souder kopfschüttelnd und sah zu den Fenstern
hinauf. »Nee -- es geht nicht!«
»Was geht nicht?« fragte ich.
»In den Springbrunnen da hineinzusteigen, wie ich es gern möchte.
Die Kleider herunter und hinein in den Brunnen! Aber die =ladies=
könnten's übelnehmen ...«
Da guckte ich mir den Brunnen an, und in meiner Seele stieg ein großes
Wünschen auf nach einem großen Bad. Aber während ich noch guckte, wurde
drüben in der grauen Häuserwand ein Fensterladen ein wenig geöffnet,
und ein Frauengesicht sah neugierig auf uns herab, sofort wieder
verschwindend, als ich lustig hinaufwinkte. Nein, es ging wirklich
nicht! Aber es fiel mir ein, daß ich in der Küche in einem Winkel eine
Art Zuber gesehen hatte. Den holte ich und warf ihn in den Brunnen, und
Souder und ich holten ihn zusammen heraus, wassergefüllt.
»Halleluja!« rief der alte Hastings. »Ihr müßt aber ja nicht glauben,
daß die alte Badeanstalt euch beiden allein gehört. Vorwärts, marsch,
hinein mit der Badewanne ins Zimmer ...«
Und ein großes Baden hub an in dem leeren Gemach neben dem Bureau.
Einen fürchterlichen Spektakel machten wir dabei. Im Nu hatten wir uns
ausgezogen und kugelten übereinander; fünf Männer, die sich pufften
und stießen, um in einem mittelgroßen Zuber und einer ziemlich kleinen
Waschschüssel möglichst schnell, möglichst gründlich und möglichst
gleichzeitig zu -- baden.... Der Kabeltelegraphist, der ein langsamer
Geselle war und sich beim Auskleiden nicht gesputet hatte, mußte
auf allgemeine Einschreierei seine Hosen wieder anziehen und in der
Waschschüssel ohn' Unterlaß frisches Wasser herbeischleppen. Den Zuber
zerrten wir ein halbes dutzendmal zur Küchentüre und stürzten ihn
einfach um. Das Wasser würde ja schon irgendwohin ablaufen. In fünf
Minuten waren die Küche und das Nebengemach ein kleiner See. Wir aber
badeten. Wir spritzten wie nicht gescheit. Wir zankten uns um das
einzige Stückchen Seife -- und tanzten umher unter allerlei Kapriolen
und pfiffen und schrien und schwelgten in Wasser und Seifenschaum. Ein
Zuhörer würde uns reif fürs Tollhaus gehalten haben.
Da öffnete sich knarrend eine Türe und eine krähende Stimme rief:
»=Caballeros!=«
»Still!« sagte Hastings. »Da ist jemand!«
»=Señores!!=«
»Oh, es ist nur ein =Cubano=,« lachte Souder und schrie laut: »Fahr'
zur Hölle -- dies Bureau ist geschlossen!«
»Nix Hölle!« meckerte die Stimme in gebrochenem Englisch. »Mich
geschickt von =Señor Capitano= mit einem Brief, =Señores=!«
Gleichzeitig schob sich eine Gestalt in die Türe, und ein kleiner
Kubaner stand da, uns listig anfunkelnd aus den Fuchsaugen in dem
mageren braunen Gesicht. »Ich Antonio!« erklärte der Magere. »Mich
Generalagent sein für die =caballeros telegraphistas=!«
»Was?« schrie Hastings.
Der Kubaner grinste und gab ihm einen Brief.
Brummend wischte sich der splitternackte Sergeant den Schaum aus den
Augen und las laut:
»Sergeant Hastings!« begann der Brief. »Der Ueberbringer heißt Antonio
und ist ein Spitzbube. Aber er kann ein bißchen Englisch und wird
Ihnen alles besorgen, was Sie brauchen. Inliegend zwanzig Dollars.
Sehen Sie Antonio auf die Finger! -- Stevens.«
Antonio mochte ein Spitzbube sein, aber für uns war er ein Juwel. Er
hatte einen Sack mitgebracht, den er nun in die Küche schleppte und
ausleerte. Ich guckte, faselnackt noch immer, neugierig zu, wie aus dem
Sack allerlei Bratpfannen und Töpfe rollten und allerlei Proviant in
Armeeverpackung: Zucker, Salz, Mehl.
»Mich fein kochen!« erklärte Antonio stolz. »Mich überhaupt alles!!«
»=Bueno!=« nickte ich -- kletterte in eine seidene Unterhose und
schlüpfte, o Wonne über Wonne, in ein batistenes Hemd. Die ganze Welt
hätte ich umarmen können, so glücklich kam ich mir vor, wenn ich auch
merkwürdig müde war und alle Glieder mich schmerzten. Zunächst äußerte
sich meine Glücksstimmung darin, daß ich Antonio einen Silberdollar
schenkte, den er mit einer tiefen Verbeugung und einem »=gracias,
Señor=« grinsend einsteckte. Wahrscheinlich hielt er mich für verrückt.
Aber Antonio war diesen Silberdollar unter Brüdern wert und ganz gewiß
auch die fünfzig Prozent Spitzbubentaxe, die er ohne Zweifel auf jeden
Einkauf draufschlug.
Ein Juwel war er, ein Wunder, ein Genie, das im Augenblick die
Situation erkannt und es instinktmäßig begriffen hatte, daß den
=telegraphistas= die Silberstücke locker saßen, so man sich ihnen nur
nützlich zu machen wußte. Und Antonio setzte in ganz unspanischer
und unkubanischer Weise seinen Intellekt und seine Beine in rapide
Bewegung. Er zog ein Rasiermesser und einen Streichriemen aus der
Tasche, erklärte, daß er in friedlichen Zeiten Barbier sei, wenn es
auch jetzt mit dem Geschäft sehr faul stehe, und hatte im Handumdrehen
uns alle ausgezeichnet rasiert. Er kam und ging, verschwand und war
wieder da. Er schleppte bauchige Flaschen herbei voll schweren Rotweins
und viele Zigaretten und viele Zigarren -- und wir priesen dankbar die
Güte der Götter, die uns in ein Land geführt hatten, in dem man für
wenige Dollars so viele schöne Dinge bekommen konnte. Er brachte uns
Arme voll =alpergatos= zum Aussuchen, und wir steckten unsere Füße in
die wonnige, weiche Tuchbekleidung, auf deren Stricksohlen es sich
so leicht ging, und wunderten uns, daß die Dinger kaum einen halben
Dollar kosteten. Er brachte Holz und brachte Kohlen und machte Feuer
an im Küchenherd und zauberte Eier herbei und rupfte Hühner, die er
gottweißwo aufgetrieben hatte -- und wenn's dem Herrgott in Frankreich
gut gegangen ist, so ging es uns armen Signalisten besser noch im
kubanischen Land.
Antonio war überall. Er hatte auch seine Frau herbeigezaubert, die
fünfmal so dick war wie ihr Gatte. Sie briet jetzt Hühner und rührte
Omelettes, während er, allgegenwärtig, Uniformen mit Benzin putzte und
unsere Flanellhemden wusch und doch sofort mit einem Zündholz da war,
wenn man sich eine frische Zigarette nahm.
Oh, es ging uns ausgezeichnet; wir hatten es über alle Maßen gut!
Lümmelig saßen wir da auf den bequemen Stühlen, streckten unsere Beine
lang aus auf die Telegraphentische und waren sehr zufrieden.
»Antonio, eine Zigarre!«
Antonio flog.
»Antonio -- ein Zündholz!«
»=Si, si, Señor.=«
»Antonio! Mach' die Tür zu ...«
Wie Granden von Spanien kamen sie sich vor, die =caballeros
telegraphistas= ------
* * * * *
Als das Essen auf den Tisch kam, geschah etwas Sonderbares -- wir aßen
fast nichts. Ausgehungert hätten wir uns auf die allererste anständige
Mahlzeit seit langen Wochen stürzen müssen, aber einsilbig saßen wir da
und stocherten mißgestimmt auf den Tellern herum. Und der Kubaner hatte
sich so große Mühe gegeben! Ein Tischtuch hatte er herbeigezaubert und
wirkliche Teller und wirkliche Bestecke. Auf großen Platten prangten
die Hühner und die Omeletten. Purpurrot schimmerte der schwere Wein in
den Gläsern.
»Ihr eßt ja nichts!« brummte Hastings.
»Du ja auch nicht,« knurrten wir.
»Weiß der Teufel, was das ist,« sagte Souder.
Der Kabeltelegraphist legte Messer und Gabel vor sich hin. »Ich
glaube, ich weiß, was es ist,« sagte er. »Als ich noch bei der
Western-Union-Telegraphen-Company war, schickten sie mich einmal in
ein verdammtes Nest in Arizona, wo es nur halbvergiftetes Wasser zu
trinken gab, Wasser, das mehr Alkalisalze enthielt, als für einen
Christenmenschen gut war. Vier Monate später wurde ich in St. Louis
sehr krank -- weil mir das Alkaligift fehlte, an das mein Magen sich
gewöhnt hatte. Der Doktor hat mir das gesagt. So geht's uns auch jetzt.
Unsere Magen sind auf den verdammten Speck eingefuchst und können
anständiges Essen noch nicht vertragen!«
»Der verdammte Speck!« brummte Souder.
Mißmutig saßen wir da, verdrossen und übler Laune. Da stand nun auf
Platten und Tellern, wonach man sich wochenlang gesehnt ------ ja, der
verdammte Speck!!
Um wenigstens etwas Leben und Freude in die gräßliche Mahlzeit zu
bringen, brachten wir ein Hoch auf den Major aus und zerschmetterten
unsere Gläser an der Wand, wie amerikanische Offiziere es tun in ihren
Messen bei großen Toasten. Aber es war auch da kein rechter Zug in der
Sache.
Antonio räumte kopfschüttelnd die Herrlichkeiten wieder ab.
* * * * *
Die anderen spielten Poker an dem runden Tisch in der Ecke. Ich war
zu müde. Allein saß ich in der anderen Ecke, den Spielern gegenüber,
auf einem Stuhl, den ich schräg gegen die Wand gelehnt hatte, um recht
bequem zu sitzen. Es schien mir, als sei mir der schwere Wein in den
Kopf gestiegen, so wenig ich auch getrunken hatte. Ein Glas nur oder
zwei.
Furchtbar müde war ich, aber gar nicht schlafensmüde, eher überwach.
Gliedermüde nur. Die Glieder schmerzten mich so. Die Arme und die
Beine schmerzten mich, als ob irgend etwas in ihnen zerre und reiße.
Dann wieder wurden sie mir bleiern schwer, und es kostete mich Mühe,
die Zigarette zum Munde zu führen. Wie sonderbar sie schmeckte, diese
Zigarette! Nach gar nichts, rein nach gar nichts. Weg damit!
»Antonio!«
»=Si, señor.=«
»Eine Zigarre, bitte ...«
Er schnitt die Spitze ab und gab mir Feuer, geräuschlos verschwindend.
Ich rauchte und schüttelte den Kopf, denn auch die Zigarre schmeckte
nach gar nichts ...
Wie die Uhr an der Wand gegenüber glitzerte und funkelte! Sie hatte
ein gelbmetallenes Zifferblatt, und die glänzende Scheibe schien alles
Licht im Zimmer an sich zu saugen und wiederzustrahlen. Sie blendete
mich. Aber es war doch nicht der Mühe wert, aufzustehen. Und der Pendel
der Uhr schwang immerwährend hin und her und der bestand auch aus einer
glänzenden kleinen Scheibe und der leuchtete auch. Ich mußte immer
wieder hinsehen.
Tik -- tak -- tik -- tak ...
Laut wie Gehämmer war der Pendelschlag.
Dazwischen hörte ich deutlich meinen eigenen Pulsschlag in der Schläfe
und der großen Halsader: eins, zwei, drei, vier -- eins, zwei, drei,
vier -- vier Pulsschläge immer auf einen Pendelschlag ... Ach was,
dummes Zeug. Wenn ich nur nicht so bleiern müde wäre ...
»Ich habe vier Könige, meine Herren! Das Geld ist mein!« sagte eine
Stimme ganz weit weg.
»Vier Könige sind viel!« dachte es in mir.
Tik, eins, zwei, drei, vier -- tak, eins, zwei, drei, vier ... Wie doch
die infame Scheibe da drüben glitzerte und blendete! Ich machte die
Augen zu, aber selbst mit geschlossenen Lidern sah ich Fluten von Licht.
Man mußte ein Loch in diese Uhrscheibe schießen -- mitten hinein -- und
das gab dann einen dunklen Punkt -- und dann konnte sie nicht mehr so
leuchten ...