Stöhnen -- Schreie ----

Jetzt ein Brüllen, daß der Atem mir stockte. Ein wahnsinniges Aufheulen

-- und ein Mensch sprang empor wie ein Ball und wälzte sich im Gras vor

der Feuerlinie, sprang wieder auf und brüllte mit einer Stimme, die

nichts Menschliches mehr hatte:

»M -- mein L -- leib -- das bre -- ennt! -- oah.. oh ...«

Das furchtbare Ding tanzte und sprang und brüllte wie ein Tier -- und

dann gellte es auf einmal, so überlaut, so entsetzlich, als dränge alle

Höllenpein und aller Schmerzensjammer sich in einen einzigen Aufschrei:

»=K -- i -- ii -- ll me! K -- ii -- ll me!= Tötet mich -- Freunde,

tötet mich!«

Ich war auf die Knie geschnellt und hob den Karabiner, aber der Lauf

zitterte und wackelte wie ein Grashalm im Wind. Das fürchterliche Ding

vor mir schoß noch einmal auf, taumelte, brach zusammen und lag still

da. Viele Gnadenschüsse hatten seinen Jammer geendet.

»Ruhe!« kommandierte eine scharfe Stimme.

»Zur Hölle mit der Ruhe!« schrie es in Antwort.

Und plötzlich, als sei das ein Signal gewesen, sprach und schrie ein

jeder, daß das Stimmengewirr den Feuerlärm übertönte. Die überspannten

Nerven waren am Zerreißen, und die Spannung machte sich Luft.

»'ran an die Bande da drüben!« schrie einer links. »Hier ist 6te

Kavallerie.«

»Hier ist 1te Infanterie --«

»Bei Gott, sollen wir Reguläre uns hier verpfeffern lassen?«

Bajonette wurden herausgerissen und schnappten klirrend in die Federn

an den Gewehrläufen ein. Der Major zog seinen Revolver.

»Schnellfeuer!!« schrie irgend jemand.

Rasselnd rollte das Feuer mit furchtbarer Geschwindigkeit aus

dem Waldrand. Wie von selbst eine Pause nun. Da schrie der

Trompetersergeant gellend:

»Jungens -- Reguläre -- gebt ihnen -- Hölle --«

Und er sprang zehn, zwölf Meter weit vor und warf sich hin. Andere

folgten -- warfen sich hin -- weiter unten andere -- warfen sich hin,

feuerten ... Auf einmal lag ich ebenfalls ein Stückchen weiter vorne

und pumpte das Karabinermagazin leer. Noch weiter vorne sah ich den

Major. Dann rannte es neben mir, und ich lief mit, die Augen immer auf

dem Major, und holte ihn ein und warf mich hin, weil die anderen sich

hinwarfen, und feuerte, weil die anderen feuerten.

»Gebt -- ihnen -- Hölle!« brüllte es.

Ich stolperte über Stacheldraht, fiel, sah, wie der Major und Souder

wenige Schritte neben mir ebenfalls stürzten, griff in den Draht und

riß mir die Hände blutig, kam frei, sprang wieder vorwärts. Neben mir

Souder und der Major. Da, ganz in der Nähe, ragte es grasig steil auf,

und braune und blaue Flecke krabbelten an Händen und Füßen empor; -- da

-- brüllendes Geschrei ertönte, und vorwärts ging es mit den anderen.

In Grasbüschel krampften wir uns ein, und das niedrige Gestrüpp packten

wir und schoben und zerrten uns hoch. Plumps -- fielen wir in einen

Schützengraben, fluchten, kletterten wieder --

und _waren oben_ ...

Unten lag ein Tal voller Gestrüpp, und zwischen dem Gestrüpp sah ich

zwei, drei weiße Hüte auftauchen, weit weg, und feuerte blindlings

hinterdrein ------ auf die einzigen Spanier, die ich überhaupt deutlich

zu Gesicht bekommen hatte!

»Lassen Sie die Schießerei!« sagte der Major. »Wir haben hier überhaupt

nichts zu suchen und hätten gar nicht mitmachen dürfen. Jetzt aber

ist es höchste Zeit, an unsere Pflicht und unsere Station zu denken!!

Warten Sie hier auf mich!«

So wurde die Schlacht vom San Juan-Hügel gewonnen. Nicht von einer

Armee, nicht von Regimentern, nicht von Kompagnien einmal, sondern

von einem Haufen, nein, von Dutzenden von Häuflein einzelner Männer,

denen das anscheinend ergebnislose Schießen aus der Schützenlinie

auf die Nerven fiel. Dazu kamen die schweren Verluste, gegen die

man wehrlos war. Ich bin überzeugt, daß der arme Teufel mit dem

zerschossenen Unterleib, der schreiend in seiner Qual vor der Front

hin und her taumelte, sein gut Teil zu dem Siege beigetragen hat, zu

dem mühelosen Siege, denn jenes anscheinend so tollkühne Anstürmen

gegen den Hügel kostete nur wenige Menschenleben, so aufregend es war

während der kurzen zehn Minuten des Vorwärtsjagens. Von einzelnen

Männern wurde der Hügel genommen. Eine Feuerleitung existierte nicht,

noch irgendwelche höhere Führung, in der entscheidenden Phase. Nicht

aus Mangel an Disziplin, denn bei den Regulären wenigstens war die

Disziplin vorzüglich, sondern aus Mangel an Geführtwerden. Gab es doch

überhaupt keine Verbindung zwischen den einzelnen Verbänden. Man hatte

sorglos Regiment auf Regiment in den engen Waldweg hineingestopft ohne

eigentlichen Plan, und in natürlicher Notwendigkeit lösten sich die

Regimenter sofort in kleine Trupps auf, als sie in die Feuerzone des

schwierigen Terrains kamen, nach langem hilflosem Beschossenwerden im

Urwald. Von da aus arbeitete sich eben Trupp für Trupp und Häuflein

für Häuflein vorwärts; in echt amerikanischer Neugierde und in echt

amerikanisch leichtsinnigem Selbstvertrauen. Jeder Mann fühlte sich

als »weißer Mann« und Amerikaner von vornherein mindestens zwei

Spaniern, zwei »Dagos«, gewachsen. Ein Spanier ist ja für den echten

Sohn Onkel Sams nur drei Schattierungen besser als ein Chinese. Ein

verachteter =dago=. Die moralische Ueberlegenheit war da; leicht genug

einem Feind gegenüber, der sich auf die Defensive beschränkte und seine

Sache für eine verlorene zu halten schien.

Diese Ueberlegenheit, und nur sie, gab den Ausschlag.

Die spanische Verteidigungslinie auf den Hügeln mit ihren vorzüglich

angelegten Schützengräben war ganz ausgezeichnet und uneinnehmbar,

wären Männer gleichen Selbstvertrauens es gewesen, die sie besetzt

hätten. Der Spanier verfügte obendrein über ein besseres und

schnellerfeuerndes Gewehr als es das dänische Krag-Jörgensen auf der

amerikanischen Seite war, das deutsche Mausergewehr -- er kannte

alle Entfernungen -- alle Vorteile waren auf seiner Seite. So siegte

nur selbstvertrauender Leichtsinn in diesem exotischen Krieg des

Leichtsinns. Die Schlacht vom San Juan-Hügel gewannen schneidige,

leichtsinnige Jungens, die, auch die Regulären nicht, keine wirklichen

Soldaten im modernen Sinne darstellten trotz aller persönlichen

Tüchtigkeit, denn sie wurden nicht geführt wie Soldaten. Erst lange

nach der Entscheidung griffen die ordnenden Hände höherer Führer ein.

Im Hauptquartier herrschte furchtbarer Wirrwarr.

Gegen den Willen des Höchstkommandierenden eigentlich wurden

die Einzelkämpfe jenes Tags gekämpft und durchgeführt, dem die

Kriegsgeschichte den Namen der Schlacht vom San Juan-Hügel gegeben hat.

Der alte General Chaffee hatte in den Nachmittagsstunden des 30. Juni

ganz allein, nur von einem Adjutanten begleitet, das Gelände auf dem

äußersten rechten Flügel rekognosziert und das Dörfchen El Caney stark

besetzt gefunden. Mit dem Morgengrauen griff seine Brigade an, unter

ähnlichen Verhältnissen wie beim San Juan-Hügel später, und während das

heiße und langwierige Feuergefecht um das kleine Dorf tobte, erhielt er

General Shafters Befehl, den Kampf sofort abzubrechen und der Brigade

Hawkins bei den San Juan-Hügeln zu Hilfe zu eilen. Man fürchtete das

Schlimmste im Hauptquartier. Die starken Verluste im Fernkampf (20

Offiziere und 100 Mann tot, 70 Offiziere und 700 Mann verwundet),

zusammen mit Alarmmeldungen wie dem Versagen des 71. Regiments, hatten

den Stand der Dinge in sehr bösem Licht erscheinen lassen, und über

die Erfolge des Tages war niemand wohl erstaunter als der Generalstab.

General Chaffee zögerte. Er fürchtete den demoralisierenden Eindruck

eines Zurückgehens, das als Niederlage gedeutet werden mußte. Da machte

sich die Sache eigentlich von selbst. Kleine Trupps stürmten vor,

und er benützte diesen günstigen Augenblick, mit zwei Regimentern zu

stürmen. In wenigen Minuten war das alte Steinkastell genommen, das

Dorf besetzt und der Feind in wilder Flucht.

Gleichzeitig fast oder wenig später spielte sich der Endangriff

auf den San Juan-Hügeln ab, gleichfalls gegen den Befehl des

Höchstkommandierenden, der das Abwarten von Verstärkungen anbefohlen

hatte. In ähnlich selbständiger Weise wurde der Hügel rechts vom

Blockhaus von versprengten Truppen der Division Kent, der Hügel links

vom Blockhaus von den Rauhen Reitern, Regulärer Kavallerie und Teilen

des 1. und 9. Regiments unter Roosevelts Führung genommen. Alle fast

gleichzeitig. Um drei Uhr nachmittags war die gesamte Hügellinie, die

in weitem Bogen Santiago umschloß, im Besitz der Amerikaner.

* * * * *

Ich riß mein Flanellhemd herunter und wand es aus, wie eine Waschfrau

ein Stück nasser Wäsche auswringt. So naß war es von Schweiß, als ob

ich es nicht vom Leib, sondern aus dem Zuber Wasser gezogen hätte.

Den letzten Rest schmutzigen San Juan-Wassers trank ich aus meiner

Feldflasche und war glücklich, in meiner Tasche unter den Patronen noch

ein Stückchen steinharten Zwiebacks zu finden. Unterdessen feuerte

hie und da jemand. Die Spanier erwiderten das Feuer nur schwach, und

den Männern auf dem San Juan-Hügel wurde die Geschichte sehr bald

langweilig, wenn es ihnen auch nicht an Munition fehlte, da inzwischen

ein Maultiertransport mit Patronenkisten nachgekommen war. Sie waren

hungrig und durstig und müde. Und trösteten sich mit allerlei Spässen.

Witze flogen hin und her. Sie verloren den Humor nicht, diese zähen

Regulären, wenn sie auch völlig erschöpft waren und zur Kräftigung

nichts hatten als die jämmerlichen Reste verschmutzten Wassers in den

Feldflaschen, ein paar harte Zwiebacke, ein Stück Speck im Tornister.

Sie halfen sich selbst, wie sie unter höllischem Feuer sich selbst

geholfen hatten; kratzten sich neue Schützengräben aus gegen den Feind

zu mit ihren kurzen, breiten, praktischen Haubajonetten, und ruhten die

einen, während die anderen arbeiteten, im schwachen, unregelmäßigen,

abflauenden Gewehrfeuer. Dann eilten Offiziere hin und her und brachten

langsam Ordnung in die aus allerlei Regimentern zusammengewürfelten

Soldatenhäuflein und organisierten planmäßiges Arbeiten in den

Schützengräben.

Der Brigadestab hatte sich hinter dem Blockhaus auf der sanft

abfallenden Hügelkuppe versammelt. Während der Major mit den Offizieren

sprach, gingen Souder und ich zu den gefangenen Spaniern hinüber, die

in Trupps eben herbeigeführt wurden. Dreißig, vierzig Mann mochten es

sein im ganzen. Sie wurden von einem halben Dutzend Regulärer bewacht,

die ihnen die Mausergewehre, die Bajonette, und die Patronengürtel

abgenommen und auf einen Haufen geworfen hatten. Zuerst standen die

Spanier scheu da, als ob sie Mißhandlungen befürchteten. Als aber

einer ihrer Wächter betrübt seine leere Feldflasche beguckte, trat

ein Spanier vor und bot ihm die seine an. Das war in dem Augenblick,

als wir hinkamen. Der Mann im braunen Khaki betrachtete die Flasche

vergnügt.

»Wasser?« fragte er.

»=Bueno -- bueno!=« grinste der Spanier.

Der Infanterist setzte die Flasche an den Mund, tat einen tiefen Zug,

wurde krebsrot im Gesicht, tanzte auf einem Bein umher und hustete

gewaltig.

»Verdammt, verdammt, verdammt ...« brüllte er, »das ist ja Rum --

hättest's mir nicht sagen können, daß das klarer Rum ist?«

Da lachten die kleinen Männlein, und Leben kam in sie. Allerlei riefen

sie uns zu, und wir grinsten und sagten =bueno -- bueno=, wenn wir

auch kein Sterbenswörtchen verstanden; tranken aber mit um so größerem

Verständnis einen kräftigen Schluck des brennenden Jamaikarums und

ließen uns mit Vergnügen ein bißchen in die Feldflaschen schütten.

Dabei redeten die Gefangenen schnatternd auf uns ein. Sie waren alle

kleiner als wir und schienen sehr jung. Zuckerhutförmige, weiße

Strohhüte trugen sie und lappige Segeltuchschuhe und sonderbare

Uniformen aus weißem Baumwollstoff mit feinen blauen Streifen. Einer,

ein kleiner Bursche, ein Kind fast noch, stellte sich vor uns hin,

die Arme ausgestreckt, und erzählte in sprudelndem Wortschwall irgend

etwas. Wir begriffen sehr bald, denn der temperamentvolle Südländer

wußte sich in Gesten und Mienenspiel ganz ausgezeichnet auszudrücken.

Ein Ausdruck furchtbaren Entsetzens kam in sein Gesicht und seine Augen

sprühten.

»Bum -- bum, bum, bum --« machte er. »=Muy= bum, bum!«

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und tat als ob er stürze, und

deutete auf den Boden, und machte eine werfende Handbewegung, einmal,

zweimal, fünfmal ---- =sempre= bum, bum, bum ... und die Arme ahmten

die mähende Bewegung einer Sense nach. In seinem Schützengraben mußte

es bös zugegangen sein.

»Er meint die Gatlings,« sagte der Major, der hinzugetreten war.

»Maschinengeschützfeuer hat die Kameraden neben ihm weggemäht; kein

Wunder, daß ihm das auf die Nerven gefallen ist, dem armen Teufel!«

Er sagte irgend etwas zu dem Burschen, der in raschem Stimmungswechsel

lachend nickte und ein Päckchen Zigaretten hervorzog ... Zwei

Päckchen, drei Päckchen. Zigaretten! Mir traten die Augen beinahe aus

den Höhlen vor Neid. Teufel, die hatten Zigaretten, und in meiner

Tasche waren nur noch ein paar Krumen nassen, schlechten Tabaks! Der

Major mußte ähnliches empfinden, denn er nahm das Päckchen rasch

und zündete sich sofort eine Zigarette an, gleich darauf Souder und

mir eine anbietend. Ob ich zugriff! Ah -- welch ein Labsal das war,

so scharf die kubanische Zigarette auch schmeckte. Köstlich! Hunger

und Durst und Müdigkeit waren vergessen. Da drängten sich auch schon

die Gefangenen um uns und überschütteten uns mit Zigarettenpäckchen,

die sie in Hülle und Fülle besaßen. Das Silberstück, das der Major

dem jungen Burschen anbot, wurde zurückgewiesen. Er hielt es noch

zwischen den Fingerspitzen, als ein Kubaner herbeistürzte, laut auf

ihn einschreiend, und den silbernen Dollar mit der einen Hand wegriß,

während er mit der anderen dem Major einen gelben Papierfetzen

hinwarf. Dann rannte er Hals über Kopf davon und war verschwunden.

Ein verblüffteres Gesicht, als es der Major machte, hätte kein Mensch

machen können.

»=D -- d -- damn it!=« stotterte er. »Nix Papier, nix Papier, nix gut

Papier -- hat der Kerl gesagt. Was beim Kuckuck soll das nun heißen?«

Sein Gesicht wurde noch verblüffter, als ich den gelben Fetzen aufhob,

denn das nix gut Papier war ein nagelneuer, richtiger, korrekter,

amerikanischer Zwanzig Dollarschein.

»Was?« rief der Major.

»Ein Zwanzig Dollarschein!«

»Was?« Er sah die Banknote an. »Der Esel! Der unbeschreibliche Esel!!«

brüllte er, lachend wie nicht gescheit. »Will kein Papier -- hartes

Silber ist ihm lieber! Hat das Geld natürlich für irgend einen Dienst

bekommen -- Herrgott, was müssen diese Leute für schlechte Erfahrungen

mit spanischem Papiergeld gemacht haben ... Stecken Sie 'n ein, stecken

Sie ihn ein; trinken Sie Mumm extra dry dafür mit Souder, wenn wir

wieder im Lande Gottes sind!«

So kostete ihm die Schlacht vom San Juan-Hügel einen Silberdollar,

und uns brachte sie vier Flaschen Mumm =goût americain=, die wir im

Restaurant des Kapitols in Washington drei Monate später getreulich

tranken.

Da kam General Hawkins mit seinem Stab, und die spanischen Gefangenen

wurden in Reih und Glied aufgestellt, um befragt zu werden. Der Major

schloß sich dem Stab an.

»Wir müssen zurück,« sagte er, als er wiederkam. »Die Linie muß nach

vorne!«

Der Wald und der Schlammpfad nahmen uns wieder auf. Von den Hügeln her

hallte schwaches Gewehrfeuer.

* * * * *

Es war Nacht geworden. Das Ballon-Detachement, das in aller Morgenfrühe

nicht weit von der San Juan-Furt auf einer Walddichtung einen

Aufstieg versucht hatte, mit dem Resultat geringer Erkundung, einiger

Leichtverwundeter und eines zerschossenen Ballons, war bald darauf

zurückgekommen und hatte schon begonnen, die Linie nach der Front zu

legen. Wir kampierten beim El Pozo Hügel, auf der ersten Station, und

sollten mit dem Morgengrauen Drahttransport und Linienbau aufnehmen. An

Schlaf dachte lange niemand. Der Diensthabende am Instrument gab und

empfing fortwährend Meldungen, denn die telegraphischen Nachrichten aus

der Front wurden von unserer Station aus telephonisch weitergegeben.

Was die Adjutanten, die wenigen Meldereiter und die Ordonnanzen der

zweiten Station, die irgendwo im Wald steckte, an Depeschen brachten

und durch uns dem Hauptquartier übermitteln ließen, war fast nie etwas

anderes als lautes Drängen: Proviant -- Proviant -- Munition! Es fehlte

am Nötigsten in den Schützengräben. Aber um zehn Uhr oder elf Uhr

trampelte eine Karawane schwerbeladener Maultiere auf dem La Quasina-El

Pozo Weg daher, die =Mules= störrisch, die Treiber fluchend über den

furchtbar schlickigen Weg. Sie erkundigten sich bei uns, ob wir denn

nicht glaubten, daß auch sie Gelegenheit bekommen würden, »ein bißchen

mitzumachen«. Auch sie hatte das Schießfieber angesteckt.

In dem wunderschön handlichen Loch dicht bei der Station, das die neben

uns platzende Granate am Morgen gerissen hatte -- diese Granate und

dieses Loch werde ich nicht vergessen, wenn ich auch sehr alt werden

sollte! -- zündeten wir aus allerlei gesammeltem Reisig und dürrem

Holz ein gewaltiges Feuer an, kochten miserablen Kaffee und brieten

schlechten Speck. Viele Wolldecken hatten wir uns aufgelesen -- sie

lagen ja überall umher -- und saßen auf weichen Sitzen, Zigaretten

rauchend. In hohem Ansehen bei den Kameraden, nicht etwa, weil wir

hatten mit dabei sein dürfen, denn darüber machten sie nur schlechte

Witze, sondern weil wir Rum mitbrachten, der den dünnen Kaffee

merkwürdig verbesserte. Und Zigaretten! Wir sprachen nur wenig. Waren

viel zu müde dazu. Zwei, drei Feuer flackerten auf der Fläche zwischen

Hügel und Wald. Die Batterie hatte El Pozo schon längst verlassen, um

auf einem der eroberten Hügel Stellung zu nehmen.

Einer nach dem andern wickelte sich in Decken und legte sich hin. Ich

hätte gern geschlafen, aber ich war so unruhig, so aufgeregt, daß

ich still am Feuer sitzen blieb und grübelte. An meinen Vater dachte

ich, der mit Leib und Seele Soldat gewesen war, und an die wenigen

Abende, an denen er sich herbeigelassen hatte, von Königgrätz oder

von Vionville zu erzählen; kurz, knapp, unpersönlich, wie das seine

herrische Art war. Wie er ganz sachlich davon gesprochen hatte, daß

Artilleriefeuer stark demoralisierend wirke -- _und ich dachte an meine

Granate_ ...

* * * * *

Da erklang es leise und zitterig irgendwo draußen in der stillen Nacht

-- tra -- lalalah -- tra -- lalaah ... tara -- rarah.... und die Wälder

fingen den leisen Trompetenklang auf und erstickten ihn langsam, daß es

noch leiser und noch wehmütiger schallte -- tara -- tara -- ta -- ra --

la -- ra -- la -- r -- aaaa ... dumpf austönend in wehem, weichem Moll.

Und zitternd erklang es wieder und wieder, da nun, dort jetzt. War eine

Trompete ausgeklungen in leisem Hallen, setzte traurig eine andere ein

-- tara -- lala ------ Immer und immer wieder zitterte er in die stille

Nacht hinaus, der Zapfenstreich, der heute traurig erzählte: Gefallen

auf dem Felde der Ehre!

Sie begruben die Toten.

Der Tag nach der Schlacht.

Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schützengräben. --

Nächtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur Front. -- Die

spanischen Scharfschützen. -- Der stille Wald. --

Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. -- Der Kopf. --

Bloßgelegte Gräber. -- Das Kommen des Grauens. -- Das

Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des linken Flügels. -- Die

Schützengräben auf dem Hügel. -- Heftiges Gewehrfeuer in der

Sternennacht. -- Mein Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim

Feind und dem Rätsel der Nachtattacke.

Kühl und frostig kam der frühe Morgen.

Das Lagerfeuer war am Erlöschen, zusammengebrannt zu einem Haufen

weißlich grauer Holzasche. Nur wenn ein Luftstoß daherstrich,

leuchteten rote Glutpünktchen auf, und feine rote Feuerschlangen

huschten wirr umher in dem kleinen Berge weißen Staubes. Zitternd

schoß da und dort ein schwaches Flämmchen auf, flackerte ein wenig

in rotgelbem Licht, löste sich los, schwebte sekundenlang über den

huschenden Feuerschlangen und ward aufgesogen von der rings alles

umhüllenden, schwarzen, tiefdunklen Nacht. Sekundenlang wurden die

Schläfer in den Decken dicht am Feuer in gespenstisch verschwimmenden

Umrissen sichtbar --

Dann und wann, wenn ein Windstoß die schweren Wolkenmassen zerriß,

tauchten die Bäume und der nahe Waldrand in ungeheuren zackigen

Schatten auf, scharf sich abzeichnend im matten, fahlen Licht des

Morgendämmerns. Still war es überall, totenstill. Kein Laut klang

in die Nacht hinein außer dem leisen, ganz leisen Klicken da drüben,

zwanzig Schritte weit weg. Ein winziger Lichtstreifen, der Schein

der Signallaterne bei den Instrumenten, zeigte undeutlich Gestalten

am Telephon und am Telegraphenapparat, über Taster und Membranbecher

gebeugt, eifrig schreibend.

Ich saß und lauschte. In dieser Nacht hatte ich kaum geschlafen. Das

Klicken, das von der Front kam und zum Hauptquartier ging, erzählte

in kurzen, knappen Meldungen an den kommandierenden General von

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sie hatten arbeiten müssen wie Maulwürfe in

dieser Nacht, die müden Männer auf den Hügeln. Tief in die Erde hatten

sie sich eingegraben, Kilometer auf Kilometer von Schützengräben

ausgehoben, Verschanzungen aufgeworfen. Hin und wider waren sie

marschiert, bis die einzelnen Verbände sich nach dem Wirrwarr des

Schlachttags wieder zusammengefunden hatten. Und in das Erzählen von

harter Arbeit klang, in den scharfen Befehlen vom Hauptquartier, die

Sorge --

Denn immer wieder befahl General Shafter neue Verschanzungen, und immer

von neuem schärfte er den Kommandeuren der Front ein, um jeden Preis

die Hügellinie zu halten und auf keinen Fall ohne ausdrücklichen Befehl

über sie hinaus vorzugehen.

Nein, ich konnte nicht mehr schlafen.

So ging ich zu den Instrumenten hin und hockte mich neben Souder, der

jetzt den Dienst am Fronttelephon hatte.

»Ist nichts Besonderes los,« brummte er. »Weshalb schläfst du denn

nicht?«

»Kann nicht ---- « murmelte ich.

Gedankenlos hörte ich zu, wie der Sergeant mit halblauter, monotoner

Stimme eine Meldung telephonisch weitergab -- dringend, dringend,

dringend. Vom Hauptquartier an die Generale Lawton, Kent, Chaffee,

Bates ... Da klatschte ein Wassertropfen auf meine Hand, ein zweiter

nun, ein dritter, und kaum war ich aufgesprungen, als es schon

herabbrauste in schweren Wassermassen.

»Die Instrumente!« brüllte Souder.

Fluchend rumpelten überall um uns Gestalten in die Höhe. Alles

rannte blindlings nach den aufgestapelten Tornistern, um tastend und

tappend in der Dunkelheit die Gummidecken hervorzusuchen. Aber sie

konnten nicht schützen gegen diese Fluten. Nach vieler Mühe gelang

es uns, wenigstens ein Zelt für die Station zu errichten und es mit

den Gummidecken halbwegs wasserdicht zu machen. Die Instrumente

funktionierten. Die Männer aber, die den Dienst hatten, hockten mitten

im Wasser, denn in Bächen kam es den Hügel herabgeschossen.

Es regnete und regnete. Nicht einzelne Tropfen fielen, sondern

schwer und geschlossen sauste es herab, wie ein Strom fast aus

geöffneter Schleuse. In die Haut drang uns das Wasser, und ins Mark

hineinzuschleichen schien sich die Kälte. Frierend und zähneklappernd

standen wir da und rührten uns nicht. Es wäre sinnlos gewesen, gegen

diese Wassermassen Schutz suchen zu wollen. Flüssiger, breiiger

Schlamm umspülte unsere Knöchel, und dampfig stieg es auf aus unseren

ekelfeuchten Kleidern. Und es regnete und regnete; eine Viertelstunde

lang, eine halbe Stunde.

Dann wurde es mit einem Schlage still. Ueber den Hügeln drüben tauchte

ein Lichtstreifen auf, wurde breiter, leuchtete heller, und froh

und warm ergoß sich der Sonnenschein übers Tal. Bald loderten die

Kaffeefeuer auf, und nasse Menschen umstanden sie in dichten Knäueln.

Der Dunst trocknender Kleider stieg muffig empor und mischte sich mit

den Bodengerüchen des tropischen Fieberlandes.

Major Stevens trat zu uns und verteilte aus einem Glasröhrchen

Chininpillen.

* * * * *

Es war um Mittag, und die Sonne brannte glühendheiß aus wolkenlosem

Himmel auf den Weg zum Wald hernieder, auf dem Souder und ich

dahinschritten, schwer bepackt ein jeder mit Taschenapparat, Flaggen,

Waffen, Tornister und Decke. Die südliche Station bei der Brigade Bates

auf dem linken Flügel -- das Ballondetachement legte die neue Linie --

war uns beiden zugeteilt worden.

Still lag der breite Lehmweg zum Wald da. Zu beiden Seiten, im Gras

und im lehmigen Schlamm, auf dem die Gluthitze schon harte Krusten

gebildet hatte, lagen noch in Haufen die Decken, die Tornister, die

Mäntel, verregnet und verschmutzt. Nicht weit vom Weg unter einem Baum

streckte ein totes Maultier in grotesker Starrheit die vier Beine in

die Höhe. Der furchtbar aufgedunsene Bauch des Tieres sah aus wie eine

große braune Kugel. Schwacher Verwesungsgeruch drang herüber; kaum

bemerkbar, wäre der Kadaver nicht zu sehen gewesen, aber doch schon

unerträglich in der eklen, heißen, überfeuchten Hitze.

Von den Hügeln her hallte unregelmäßiges Gewehrfeuer.

Es hatte mit Tagesanbruch begonnen und ununterbrochen den ganzen

Vormittag gedauert. Nur vereinzelte Schüsse waren es, mit langen

Pausen oft und seltenem lebhafterem Geknatter. Aus den Meldungen des

Vormittags wußten wir, daß es nur Feuer aus den Schützengräben war und

wahrscheinlich hüben wie drüben wenig Schaden anrichtete.

»Sagen sich gegenseitig Guten Tag!« brummte Souder. »Machen ein bißchen

Spektakel! U -- iih -- wie ist das heiß! An mir ist kein trockener

Faden mehr --«

Im gleichen Augenblick duckte er sich, denn eine Kugel zischte in

unangenehmer Nähe über unseren Köpfen dahin. Wir rissen beide die

Karabiner von den Schultern und spähten links und rechts in den Wald

hinein, Baum für Baum mit den Gläsern absuchend.

»Ich sehe nichts!« sagte der Sergeant leise. »Wo der Kerl nur stecken

mag?«

»Dort -- in dem Baum dort!« flüsterte ich.

»Unsinn, Mann! Was du siehst, ist nur ein heller Lichtfleck ...«

Wir waren gründlich angesteckt von der Scharfschützennervosität auf

der amerikanischen Seite, die in jedem Sonnenfleck in einer Baumkrone

einen spanischen Schützen sah. Nicht nur jeder Soldat, mit dem wir

gesprochen hatten, wußte von Hunderten unheimlicher Scharfschützen zu

erzählen, die sich hinter unserer Angriffslinie umhertrieben, sondern

eine besondere Depesche vom Hauptquartier hatte sogar befohlen, die

Wälder sorgfältig abzusuchen und die auf den Bäumen versteckten Spanier

zu finden und unschädlich zu machen. Die Armeefama übertrieb. Aber

doch war an den Gerüchten viel Wahres. So manchen Spanier hatten die

amerikanischen Regulären nach langem Suchen in den Bäumen entdeckt

und erbarmungslos herabgeschossen; denn die Truppen empfanden das

heimliche Feuern aus Verstecken innerhalb der amerikanischen Linien

als etwas Heimtückisches, Unerlaubtes. In Wirklichkeit befanden

sich diese spanischen Scharfschützen sehr gegen ihren Willen auf

verlorenen Posten. Sie hatten sich in dem Gelände vor der spanischen

Verteidigungslinie in Baumkronen eingenistet, als Späher und Vorposten,

ehe der amerikanische Marsch auf die Hügel begann. Dann waren sie durch

das rasche Vordringen der amerikanischen Regimenter abgeschnitten

worden.

Da blieben sie in ihren Verstecken. Höllenqualen der Angst müssen sie

ausgestanden haben. Blieben, wo sie waren, in Todesangst -- feuerten

wohl auch auf vereinzelte amerikanische Soldaten in halbem Irrsinn

-- statt herabzuklettern und sich gefangen zu geben. Sie fürchteten

sich zu sehr. Man hatte ihnen zu viel erzählt von den amerikanischen

Barbaren, die gekommen seien, die Insel zu stehlen, und Gnade und

Barmherzigkeit nicht kennten. Sie mochten bei der Madonna und allen

Heiligen fest daran glauben, daß der Yankee seinen Gefangenen den

Bauch aufschlitze, wie das die lieben kubanischen Insurgenten zu

tun pflegten. So warteten sie zitternd und feuerten blindlings auf

amerikanische Patrouillen und starben.

Trotz allen Spähens entdeckten wir aber nichts und stampften endlich

weiter.

Der Pfad war heute noch schlammiger und noch tiefer eingelöchert

von Tausenden von Menschentritten und Maultierhufen. Als wir um die

Wegkrümmung bogen, sahen wir unter den Bäumen, ein gut Stück im Wald,

ein großes weißes Hospitalzelt mit der Roten Kreuz-Flagge. Weiter vorne

am Pfad hockten überall Verwundete, die zum Erbarmen elend aussahen

mit ihren schlammbeschmutzten, blutbefleckten Verbänden und den über

und über schmutzigen Kleidern und den blassen Gesichtern. Sie mußten

warten, bis die Aerzte Zeit für sie fanden. An einem Busch war ein

Packmaultier angebunden, und sein Führer verteilte aus einer großen

Kiste Kautabak und Rauchtabak an die Soldaten.

»Mann, der Tabak ist gut!« hörten wir einen Verwundeten sagen. »Wenn du

jetzt noch ein bißchen Whisky hättest, würd' ich mir gern _noch_ ein

Loch in den Arm schießen lassen!«

Totenstille herrschte im Wald. Wo gestern die Kompagnien, die

Regimenter, die Menschenmassen in der rasenden Eile und dem schreienden

Drängen der Schlacht dahingestürmt waren auf dem schlammigen Pfad

und den grasverwucherten Lichtungen, wo Granaten geheult und Kugeln

gepfiffen hatten, da war es jetzt still und ruhig und friedlich wie

auf einsamem Buschweg. Hinter uns lag der Verbandplatz; vor uns in der

Ferne die Hügel. Auf dem Weg selbst begegneten wir keinem Menschen.

Dann und wann nur tauchten abseits in den Lichtungen Soldatengestalten

auf, die tiefgebückt mit Hacke und Spaten hantierten, und hie und da

ertönte leise abgedämpfter Trompetenklang, als letzte Ehrung über

einem Grab geblasen. Die verstreuten Toten, die ihr Schicksal auf

versteckter Stelle im Dschungel ereilt hatte, wurden aufgesucht und

begraben. Langsam tappten wir vorwärts. Der graugelbe Schlamm war oben

schon verkrustet und verstaubt in der Gluthitze, aber unter der dünnen

Schicht verbarg sich zähflüssiger Morast, in den man tief einsank

bei jedem Schritt. Durch das Baumlaub drangen heiß und stechend die

Sonnenstrahlen. Wie erstarrt schienen Bäume und Büsche. Kein Blatt

raschelte, kein Grashalm regte sich --

Ich blieb stehen und trocknete mir den Schweiß von der Stirne. »So heiß

haben wir's noch nicht gehabt!« murrte ich. »Herrgott, die Hitze ist

kaum zum Aushalten! Und wie dumpfig und sonderbar das riecht!«

Souder wechselte das schwere Telephon von der einen Schulter auf die

andere und sah sich bedächtig um. »Weißt du was?« sagte er. -- »Machen

wir, daß wir aus dem alten Wald hinaus und zu unserer Station kommen!«

Aber schon nach wenigen hundert Schritten blieben wir wieder stehen und

sahen uns an. Einer den andern. Keiner wollte mit der Sprache heraus.

In der Luft lag fade, faulend, süßlich, leiser Verwesungsgeruch.

»Irgendwo im Gestrüpp müssen noch Tote unbeerdigt liegen,« sagte der

Sergeant endlich. »Was es mit der Luft hier für eine Bewandtnis hat,

ist klar genug.«

»Aber ein Mensch kann doch nicht von gestern auf heute in Verwesung

übergehen,« wandte ich erstaunt ein.

»Warum denn nicht?« meinte der Sergeant achselzuckend. »Bei dieser

Gluthitze! Denk' doch an das Maultier, an dem wir vorbeigekommen sind,

dicht bei der Station vorhin! Das war gestern auch noch lebendig!

Wollen einmal nachsehen, wo der arme Teufel liegt --«

Der Weg war hier viel breiter und zerteilte sich in den lichten

Waldstellen in winzige, in das Gras hineingetrampelte Pfade,

voneinander getrennt durch niedriges Gestrüpp und kleine hügelige

Graswellen. Dazwischen ragten breite Mangos und schlanke Kokospalmen

mit ihren massigen Blättern, die wie große Fächer den Weg

überschatteten und nur da und dort einen gelbglänzenden, sengenden

Sonnenstrahl durchdringen ließen. Die Luft war heiß und dumpf und

dampfig, und in die Schwüle hinein drängte sich der Aasgeruch und

schien alles zu umschweben und an allem festzuhaften.

»Dort drüben muß es sein!« rief Souder.

Wir stapften durch den Schlamm, bogen seitwärts ab, kamen in hohes

Gras, und auf einmal trat ich auf etwas Weiches, Klebriges. Ich

glitschte aus, rutschte und schlug der Länge nach schwer hin, mitsamt

der Drahtrolle und dem Telephon, dessen Glocke leise klingend ertönte.

»Verdammt!« schrie ich wütend.

»Was gibt's denn?« rief Souder, der einige Schritte voraus war, und kam

zurück.

Er lachte laut auf, als ich mich brummend zwischen Draht und Instrument

und Tornister emporarbeitete, aber das Lachen verging ihm bald ----

»Mann -- du bist dem -- dem Ding da -- auf den Kopf getreten!«

stotterte er.

Aus der grasigen, welligen Erhöhung mit den verstreuten Lehmschollen,

da, wo ich gestolpert war, ragte ein menschlicher Kopf aus dem Boden.

Ein schwarzbehaarter Hinterkopf. Und mitten auf den armen Schädel

mußte ich getreten sein. Mein schwerer Stiefel hatte die halbverweste

Kopfhaut auseinandergerissen. Zwischen den schwarzen Haaren schimmerte

es blutigbraun von ekelerregender Flüssigkeit.

Ich sprang entsetzt zurück und tanzte wie besessen zwischen den

Grasbüscheln umher, mir krampfhaft die Stiefel abwischend. »Pfui

Teufel!« brüllte ich in maßlosem Ekel. »Pfui Teufel!«

»Der arme Kerl spürt nichts mehr,« sagte der Sergeant. Aber er machte

einen weiten Bogen um den Kopf, während er sprach, und kam zu mir

herüber. Ich fuhr immer noch mit den Stiefeln im Gras hin und her --

»Kann die verfluchte Bande denn die Toten nicht tief genug

hineinbegraben!« schrie ich außer mir.

Souder zuckte die Achseln. »Machen wir, daß wir weiterkommen!« sagte

er gelassen. »Schön ist's nicht, aber man muß sich nicht viel Gedanken

darum machen. Tot ist tot -- und lebendig ist lebendig. Zwischen einer

toten Katze und einem toten Mann ist nicht viel Unterschied. Beide

------ aber machen wir, daß wir weiterkommen! Uebrigens kann kein

Mensch was dafür. Wenn du gestern abend dazu kommandiert worden wärest,

die Gefallenen zu beerdigen, so hättest du auch keine sechs Fuß tiefen

Löcher gegraben in deiner Müdigkeit! Der Regen hat's getan! Der hat die

lose Erde weggewaschen -- man sieht's ja -- guck' nur hin!«

»Ich danke! Fällt mir gar nicht ein!!«

»Hab' dich nicht so!« brummte der Sergeant. »Weiter -- weiter!«

Und ich schämte mich über mein Getue, denn es schien mir unmännlich

und unsoldatenhaft -- jawohl, ich schämte mich! Aber ich ging mit sehr

vorsichtigen Schritten und machte einen großen Bogen um jede Erhöhung,

die ein Grab vermuten ließ.

Der Verwesungsgeruch war und blieb in der Luft.

Einmal sah ich einen Arm aus dem Boden ragen dicht am Weg, ein anderes

Mal einen bestiefelten Fuß, der in grotesker Steifheit aus der Erde

emporzuwachsen schien. Und der Aasdunst umfing uns fortwährend.

»Jetzt wird's mir aber bald auch zu viel ------ « sagte Souder, sich

sein schmutziges Taschentuch vors Gesicht haltend.

Kurz vor der ersten San Juan-Furt begegneten wir einem Korporal vom 5.

Infanterieregiment mit sechs Mann, die Hacken und Schaufeln trugen. Der

Korporal war ein graubärtiger alter Regulärer.

»Verdammt, Sergeant,« sagte er knurrig, »Ihr Signalmenschen habt's

besser als wir!«

»Das verstehst du nicht, mein Sohn!«

»So! Eh? =Damn the whole damned= ---- Sieh mal her!« Er zog eine

Handvoll Blechmarken aus seiner Tasche, wie jeder Soldat sie zur

Identifizierung um den Hals trug. »Da! Siebenundzwanzig Mann haben wir

begraben! Und sie waren nicht schön, die siebenundzwanzig Leichen! Da

im Wald, dort im Wald, haben wir Löcher gegraben und die =stiffs= unter

die Erde geschaufelt. Waren wir an einer Stelle fertig, so erwischte

uns sicher hundert Schritt weiter ein Offizier, der uns an eine andere

Stelle schickte. Sie liegen überall -- und, Sergeant -- es waren welche

dabei -- die wir nicht anfassen konnten -- mit den Schaufeln haben wir

sie in die Löcher gestoßen ...«

»Wir haben auch welche gesehen!« erklärte Souder trocken, und wir

gingen weiter. Wir durchwateten die Furt, da, wo gestern die 71er

gefallen waren, und sahen eine Leiche im Wasser liegen.

»Teufel -- Teufel!« rief Souder und sprang in mächtigen Sätzen das Ufer

hinan. Und ich wußte, daß er das fühlte, was ich fühlte. Was zuerst

nur Ekel gewesen war, der Abscheu des lebendigen Menschen vor dem

fürchterlichen Geruch des toten Menschen, wurde jetzt zu einem Grauen,

zu entsetztem Grauen, was wohl die nächste Wegbiegung bringen konnte --

zu einer Angst, zu atembeklemmender Angst. Ich sprach kein Wort und er

sprach kein Wort. Aber ich sah, daß er scheu zur Seite blickte Schritt

auf Schritt, und er merkte es, daß ich wieder in Furcht und Grauen mir

jeden Fußbreit Weg, jedes Gestrüpp am Wegrand betrachtete. Der Pfad

war eng. Undurchdringlicher Busch begrenzte ihn auf der linken Seite,

während rechts niedriges Gestrüpp den Ausblick auf Baumgruppen und

Grasland erlaubte.

Und jetzt wurde der Verwesungsgeruch stärker und immer stärker. Wir

gingen ihm nach -- instinktiv -- ohne ein Wort zu sagen ------

Dicht hinter dem Gestrüpp lag ein Stück nackten, lehmigen Erdlandes,

auf dem kaum einige Grasbüschel wuchsen. Die kahle Fläche senkte sich

in sanfter Neigung zu einem Bächlein voll trüben, schmutziggelben

Wassergerinsels, das irgendwo in den San Juan fließen mochte. Ueber dem

Bach stieg wellig eine üppige Grasfläche an mit vielen Mangobäumen, die

scharfe Schlagschatten warfen im grellen Sonnenlicht. Das kleine Stück

weichen Landes, das einst ein Feld, ein Acker gewesen sein mochte,

war wie zerfetzt von Furchen und Rinnen und ausgetrockneten Tümpeln,

gegraben von dem Regenstrom der Nacht im Suchen eines Weges zum Bach

hinab. Auf diesem Stück Land waren gestern tote Männer beerdigt worden.

Der Regensturm hatte das weiche, gelockerte Erdreich weggewaschen --

Aus der Furche dort, keine fünf Schritte weit weg, ragten Finger

empor. Eine rostbraune, verwesende Hand mit einem Stück Aermel, an

dem gelbe Metallknöpfe schimmerten. Starr und steif reckten sich die

nassen verwesenden Finger gen Himmel, weit auseinandergespreizt,

wie anklagend, und an dem einen Finger schimmerte golden ein Ring.

Der Fuß mit dem Stiefel stak festgeklebt zwischen zwei Erdschollen.

Den Körper selbst bedeckte noch Erdreich. Wir waren entsetzt

stehengeblieben, starrend, sprachlos. Dutzende von Gefallenen mußten

in dem schrecklichen Leichenfeld da liegen. Eiförmig wuchsen die halb

bloßgelegten Leiber zwischen den Furchen, aus den Erdschollen empor.

Und der Geruch, der Pesthauch ... Finger sah man; man sah Hände,

Arme, Füße, Körper. Ein Ellbogen hier, sonderbar gekrümmt, verrenkt,

unnatürlich. Ein Hinterkopf dort. Der Hals über dem aufgerissenen Hemd

glänzte bläulich und man sah -- Herrgott, man glaubte wirklich, es zu

sehen und es mitzuerleben -- wie die Gluthitze ihre Verwesungsarbeit

verrichtete. Wie es faulte. Wie Haut und Muskeln und Sehnen

dahinschwanden. Eine braune Lache hatte sich gebildet, auf der es ölig

glitzerte, und der Hals war nur noch eine blaubraune, verfallende

Masse --

Drüben über dem Bach im Gras tauchte der Korporal mit seinen Leuten auf.

»Hierher!« brüllte Souder. »=For Gods sake= -- kommt hierher!!«

Der Korporal sprang herbei und prallte zurück, als die Verwesungsluft

ihm ins Gesicht schlug.

»Wo -- wo?« stotterte er.

Wir deuteten, und er sah die Greuel in der Erde.

»Schnell!« schrie er seinen Leuten zu. »Mein Gott -- schnell, Jungens!

Erde drauf!«

Und die Schaufeln der schweißbedeckten Soldaten fuhren in die Erde.

Dicht neben Leibern und Gliedern. Sie arbeiteten wie Wahnsinnige. Sie

arbeiteten für sich selber. Sie wollten befreit sein von dem Anblick,

von der Unerträglichkeit. Ein großer Lehmklumpen fiel hart geworfen,

schwer, klatschend auf den verwesenden Kopf nieder --

Da rannten wir zurück auf den Weg, der Sergeant und ich, und rannten

weiter und liefen noch ein gutes Stück weit -- bis uns der Atem ausging.

»Das -- das waren gestern noch lebendige Menschen!« keuchte Souder,

als wir einen Augenblick stehenbleiben und rasten mußten. »Junge --

lebendige -- Menschen -- =my God, my God=, so könnten wir jetzt auch

daliegen, du und ich! Und du müßtest dich vor mir ekeln, wenn ich es

wäre, und ich mich vor dir, wenn es dich getroffen hätte -- =my God=!«

Auf dem kurzen Weg zu unserer neuen Linie sahen wir noch vier halb

bloßgelegte Leichen. Alle dicht am Weg. Unter den Bäumen und im

Gestrüpp mußten noch Dutzende und Aberdutzende liegen; Hunderte

vielleicht, denn der Verwesungsgeruch lag schwer überall in der Luft.

So sah es aus auf dem Feld der Ehre -- am andern Tag ...

* * * * *

Dicht am Fuß des San Juan-Hügels trafen wir auf die Linie. Die

Ballonmannschaften waren bereits fertig mit ihrer Arbeit. Dem Draht

folgend, der straff von Baum zu Baum gespannt war, hatten wir bald

das Hauptquartier des linken Flügels erreicht und sahen zwischen den

Zelten das Ende des Isolierdrahts von einem dicken Busch baumeln.

Wir schalteten ein, meldeten uns und erfuhren, daß unsere Station

dienstlich Nummer 4 heiße -- =S O= 4. Die neue Blockhausstation war

=S O= 3, El Pozo =S O= 2, das Hauptquartier, das nicht vorgeschoben

wurde, sondern auf dem alten Platz verblieb, =S O= 1. Wir machten aus

unseren Zeltwänden und den Gummidecken ein geräumiges Zelt zurecht.

Umherliegende leere Munitionskisten gaben einen Tisch und Stühle.

Das Hauptquartier der Brigade lag auf einem schmalen Streifen Grasland

mit vielen Bäumen, dicht an die steil aufragende Hügelwand gedrängt

und binnen fünfzig Schritt vom San Juan-Flüßchen begrenzt, das in

weiter Krümmung hinter dem Hügel dahinfloß. Unser Zelt stand auf einer

schrägen Stelle dicht im Wasser, nicht weit von den beiden großen

Zelten des Generals und seiner Adjutanten. Dann und wann krachte oben

auf dem Hügel ein Schuß.

In die steile Hügelwand waren Stufen geschaufelt worden. Wir

kletterten hinauf, um den General zu suchen, der irgendwo oben in

den Schützengräben war, und uns bei ihm zu melden. Die rohe Treppe

verlief in einen breiten Gang, so tief ausgegraben, daß die hohen

Wände völligen Schutz vor feindlichem Feuer boten, wenn man sich ein

wenig duckte. Andere Gänge mündeten rechts und links ab. Die Kuppe

des Hügels war zerwühlt wie ein Ameisenhaufen. Der breite Hauptgang,

in dem wir standen, verlief schnurgerade zum Kuppenrand und mündete

dort in den eigentlichen Schützengraben, der sich weithin dehnte,

dicht besetzt mit hingekauerten Soldatengestalten. Gut zwei Meter

breit war der fast mannshoch ausgehöhlte Schützengraben. Eine breite

Erdstufe an der Vorderseite erlaubte den Schützen, bequem im Liegen

zu feuern. Sandsäcke in langen Reihen, markiert durch ausgestochene

Rasenstücke und Gezweig, verdeckten und sicherten die Schützenstellung.

Als wir den Kuppenrand erreicht hatten, kauerten wir uns vor eine der

schießschartenartig ausgehöhlten Oeffnungen in der Grabenwand -- sehr

vorsichtig, denn alle Augenblicke zischte es surrend über unseren

Köpfen dahin -- und spähten durch die Gläser auf das sonnenbestrahlte

Gelände.

Dort, halbrechts vor uns, in verblüffender Nähe anscheinend, lag

Santiago de Cuba. Klar, scharf, grell traten einzelne Gebäude hervor;

ein riesiges, langgestrecktes, schneeweiß glitzerndes Haus vor allem,

über dem die Rote Kreuz-Flagge wehte. Andere Gebäude sahen selbst

in meinem guten Glas undeutlich und nebelhaft aus. Ich schätzte die

Entfernung auf vielleicht anderthalb Kilometer. Eher weniger. Zwischen

Hügeln und Stadt erstreckte sich buschiges Gelände mit vereinzelten

Grasflecken und Baumgruppen. Die Hügelwand senkte sich vom Kuppenrand

dem Feind zu ziemlich steil in eine Niederung mit vielem Gestrüpp. In

einer Entfernung von zweihundert Metern waren im Gras und zwischen den

Büschen da und dort verdächtige Flecke zu sehen, bald gelblich hell,

bald dunkel und schwarz. Das mußte Erde von Schützengräben sein, und

dort mußte der Feind liegen.

General Bates, der Befehlshaber des linken Flügels, war im

Schützengraben weiter rechts, wie uns ein Korporal sagte, den wir

befragten. Wir liefen hinter den Schützenreihen entlang und meldeten

uns bei dem General. Der alte Herr, der mit einigen Offizieren im

Graben kauerte, grüßte dankend und sagte zu einem Adjutanten:

»Mr. Jameson, weisen Sie dem Signalsergeanten eine Ordonnanz zum

Ueberbringen von Meldungen zu. =Allright=, Sergeant, Sie können zur

Station zurückkehren. Senden Sie mir, bitte, sofort Nachricht, sobald

Sie Privattelegramme nach den Vereinigten Staaten annehmen dürfen.«

Kaum waren wir wieder beim Instrument, so lief die erste Depesche ein:

»General Shafter wird um fünf Uhr die Stellung besichtigen und ersucht

General Bates, einen Offizier zur Führung nach dem Blockhaushügel zu

senden.«

* * * * *

Es war nach acht Uhr abends und still überall. Souder und ich saßen

rauchend vor unserem Zelt, dicht am niederen Eingang; schweigend, damit

wir das leise Anrufen des Taschenapparats sofort hören konnten. Ueber

uns glitzerte und strahlte in unsäglicher Pracht der Sternenhimmel;

milchig, sprühend in weißer Glut in Milliarden von zitternden, bebenden

Lichtpunkten.

Da fiel ein Schuß. Ein zweiter, ein dritter ... In rascher Folge

knallte es scharf dröhnend in der stillen Nacht. Und mit einemmal

peitschte der Schall förmlich daher in donnerndem Klang, in Tausenden

von Schüssen, in schweren Salven, in rasselndem Schnellfeuer.

Der General stürzte aus dem einen Zelt, die Adjutanten aus dem anderen,

und Hals über Kopf rannten sie zur Hügelwand, zur Erdtreppe, laufend

wie Jungens. Ich saß mit offenem Munde da, so überraschend plötzlich

war der Höllenlärm gekommen. Hoch über meinem Kopf zischte es dröhnend,

surrend, brausend daher.

Zwei Armeen schossen aufeinander in tiefer Nacht. Die Spanier griffen

an. Ein schweres Nachtgefecht hatte begonnen.

Wir krochen ins Zelt und warteten in atemloser Spannung auf

Nachrichten. Das Gewehrfeuer dauerte in ununterbrochener Heftigkeit

fort. Souder griff wohl zehnmal nach dem Taster, zog aber immer wieder

die Hand zurück, denn er wagte es nicht, in so ernster Zeit der

Blockhausstation mit einer privaten Anfrage zu kommen. Endlich klickte

es nach einigen Minuten, und eine Depesche vom Höchstkommandierenden an

General Bates lief ein, mit dem Befehl, telegraphische Meldung über den

Stand des feindlichen Nachtangriffs zu erstatten. Fast gleichzeitig kam

ein Adjutant und brachte ein lakonisches Telegramm zur Weitergabe an

General Kent, an die Blockhausstation:

»Was -- bedeuten -- die -- Feuer?«

Als jedoch der Sergeant den Schlüssel öffnete und den Taster ergriff,

klickten die metallenen Stäbchen nur matt, tonlos beinahe -- _die

Verbindung war unterbrochen_! Mit einem grimmigen Fluch schob er den

Schlüssel wieder zu.

»=Break in the line=!« sagte er kurz. »Sind abgeschnitten! Bring' dem

General das Telegramm, melde ihm, daß die Linie nicht funktioniert, und

bitte um Orders!«

In langen Sätzen sprang ich die Erdstufen hinan, eilte durch den tiefen

Hauptgang und war in den Schützengräben. Dicht an die Wände gekauert

lagen die regulären Infanteristen in langen Reihen da, und in endlosem

Geknatter hallten ihre Schüsse in die Nacht hinaus. Offiziere rannten

ab und zu und befahlen immer wieder gellend:

»Niedrig halten -- niedrig halten, Leute! Zweihundert Yards -- auf die

schwarze Gestrüpplinie -- dort, wo es am dunkelsten ist -- niedrig

halten!«

Und über die Wälle der Gräben kam es in schweren Lagen vom Feind

dahergepfiffen, bald hoch in der Luft, wie es schien, bald verzweifelt

nahe. Feuerschein rötete den Sternenhimmel. Weit rechts von der

belagerten Stadt flammten am Himmelsrand wie glühende Sonnen gewaltige

Feuer an drei Stellen, höher das eine als die beiden anderen. Unten im

Tal leuchtete es dann und wann winzig auf wie Glühwürmchenschein ...

»=Fix bayonets!=« brüllte irgend jemand irgendwo, und klirrend fuhren

die Eisen auf die Gewehrläufe.

Am Ende des Hauptgangs fand ich den General. Er sah mich sofort und

fragte kurz:

»Nachrichten? Was gibt's, Mann?«

Ich überreichte die Depesche vom Hauptquartier und meldete die

Unterbrechung der Linie.

»Was? Der Draht funktioniert nicht?« rief der alte Herr scharf. »Sie

müssen sofort los und unter allen Umständen den Fehler finden. Die

Verbindung muß schleunigst wiederhergestellt werden. Können Sie das?«

»Ich glaube ja, General. Die Linie bis zur Blockhausstation ist nur

kurz und unschwer abzusuchen.«

»Im Dunkeln?«

»Wir haben Magnesiumfackeln.«

»Gut. Machen Sie sich unverzüglich an die Arbeit. Haben Sie Anschluß,

so senden Sie General Shafter diese Depesche.« Die Meldung an das

Hauptquartier, die mir der General nun diktierte, hatte ungefähr

folgenden Inhalt: Nordwestlich von Santiago brennen drei große Feuer

auf den Hügeln. Was diese Signale bedeuten, ist nicht bekannt. Das

feindliche Gewehrfeuer scheint von den spanischen Schützengräben zu

kommen. Wahrscheinlich steht ein Angriff bevor.

Ich kugelte beinahe die Erdstufen hinab, in solcher Eile war

ich, denn die allgemeine nervöse Erregung da oben auf den Hügeln

über das unheimliche nächtliche Gewehrfeuer hatte mich gründlich

angesteckt. Souder hatte das Tascheninstrument und Ersatzdraht

bereits hergerichtet. Dicht beim Adjutantenzelt stand, an einen Busch

angebunden, ein Maultier.

»Nimm das Maultier!« sagte der Sergeant. »Du kommst schneller vorwärts

dann!«

Und ich kletterte in den infam unbequemen hölzernen Packsattel,

schlug dem Tier die Hacken in die Seite, und los ging es. Es war

ein abscheulicher Ritt, wenn er auch nur eine knappe Viertelstunde

dauerte. Wir hatten nur noch eine einzige Magnesiumfackel in unseren

Tornistern gefunden, und die mußte aufbewahrt werden zur Arbeit

an der Bruchstelle. So ließ ich alle paar Schritte ein Zündholz

aufflammen und starrte in dem schwachen Lichtschein zur Linie hinauf,

ob sie noch straff gespannt war. Dabei bockte das Biest von einem

Maultier fortwährend. Obendrein war der eckige Holzsattel das reine

Folterinstrument. Auf einmal --

»Halt! Ha -- aalt!«

»=Friend=!« schrie ich.

»Losung!«

Zum Teufel -- ich hatte die Losung nicht! In meiner Verwirrung dachte

ich darüber nach, was ich antworten sollte ... da knallte es, und eine

Kugel pfiff dicht an meinem Kopf vorbei.

»Du verdammter Lümmel!« brüllte ich in unbeschreiblicher Wut. »Wenn du

noch einmal schießt, hau' ich dir alle Knochen kaputt, =you son -- of

-- a -- gun= -- du ballernder Sohn einer alten Kanone! Hier -- ist --

Signalkorps! Bei der Arbeit! Hörst du, du Narr!«

Und auf dem ganzen Ritt hörte ich Kugeln pfeifen. Auf den Hügeln wurde

geschossen, vom Feind her kam es, und hinter den Hügeln schoß man erst

recht. Das nächtliche Feuern hatte die Menschen verrückt gemacht. Sie

verloren den Sinn für Richtung. Sie witterten einen Feind in jedem

Geräusch, ob das nun vor ihnen war oder hinter ihnen, und blafften

schleunigst darauf los. Mindestens sechs, sieben Mal ist auf mich und

das alte Maultier geschossen worden in jener Nacht.

Ziemlich in der Nähe der Blockhausstation erst fand ich den Bruch an

einer niedrigen Stelle, zwischen zwei Büschen. In drei Minuten war der

Schaden ausgebessert, und ich gab meine Meldungen auf. Klickend kam es:

»Von General Kent. -- Feind greift nicht an. Nichts Neues.«

»Von General Lawton. -- Nichts Neues. Falscher Vorpostenalarm.«

»Vom Hauptquartier. -- Was -- bedeuten -- Feuer? Sofort Bericht!«

Langsam begann das Gewehrfeuer abzuflauen. In gestrecktem Galopp jagte

ich zur Station zurück ------

* * * * *

Was die flammenden Holzstöße auf den Bergen bei Santiago bedeutet

hatten, erfuhren wir erst viele Wochen später. Es waren verabredete

Signale, die die Ankunft von 3000 Mann Verstärkungen für die Spanier

unter General Escario bedeuteten. Die Frage, ob es sich bei dem

heftigen Feuer in der Nacht zum 3. Juli nur um nervöses Geschieße oder

um den wirklichen Versuch einer Nachtattacke der spanischen Truppen

handelte, ist nie gelöst worden.

Der Untergang der spanischen Flotte.

Jubel in den Schützengräben. -- Der Hafen von Santiago de Cuba. --

Das Felsentor. -- Castillo del Morro. -- Das Warten, das Lauern! --

Die Heldentat des Leutnants Hobson. -- Durchbruch des spanischen

Geschwaders. -- Die Seeschlacht. -- Die Hölle der fünfunddreißig

Minuten. -- Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer in den Grund.

-- Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. -- Der Mann

im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. -- Was von der

Gespensterflotte übrig blieb.

Um elf Uhr nachts wurde es still oben in den Schützengräben und drüben

beim Feind. Das Instrument klickte leise und perlte in eiligen Punkten

und Strichen Wort auf Wort und Satz auf Satz hervor -- Anfragen

vom Hauptquartier, ob über die Bedeutung des Feuerscheins etwas

bekanntgeworden sei; Befehle, die Vorposten zu verstärken und in keinem

Fall die Schützengräben zu verlassen.

»Leg dich hin! In drei Stunden wecke ich dich!« brummte Souder.

In wenigen Minuten war ich eingeschlafen -- und dann weckte mich

der Sergeant -- und dann träumte ich vor mich hin und die Stunden

vergingen, ohne daß wir angerufen wurden -- und dann weckte ich

wieder ihn -- und so trieben wir es bis in den hellen Morgen hinein,

glückselig, endlich einmal gründlich schlafen zu können.

Die Ordonnanz hatte uns Kaffee und gebratenen Speck und Zwiebäcke vom

Kochfeuer des Stabs geholt. Die unteren Wände unseres kleinen Zelts

schlugen wir hoch, Luft und Sonne hereinzulassen, denn prachtvolles

Tropenwetter hatte dieser Sonntag Morgen gebracht, hell und sonnenfroh

mit kräftigem Wind, der das Feuchte und Dumpfige der Hitze wie zaubernd

hinwegfegte.

»=hr hr hr!=«

Wir beugten uns beide über den Apparat und lasen staunend die Depesche

vom Hauptquartier, die kurz befahl, die Feindseligkeiten einzustellen,

da der Höchstkommandierende Santiago zur Kapitulation aufgefordert und

das Bombardement der Stadt angedroht habe! -- Souder rannte nach dem

Zelt des Generals.

Nun verging Stunde auf Stunde in gespanntem Warten. Da, Mittag mochte

es sein, klickte es scharf und eilig -- =S O 4 -- S O 4= ----

»=hr -- hr -- rrrrrssssss ---- hr!=«

Und die Augen traten uns fast aus dem Kopf, denn das surrende Sausen im

Magneten bedeutete, daß der Geber drüben auf =S O 3= in fieberhafter

Ungeduld den Taster tanzen ließ, und es sagte so deutlich, als hätte

er es uns in die Ohren geschrien: Wichtig -- aufpassen, aufpassen --

wichtig über alle Maßen!

»Sie haben kapituliert!« flüsterte Souder.

Ganz langsam und klar kam es:

»General Bates. -- Flottenmeldung. Das spanische Geschwader ist

vernichtet. Cervera gefangen. Sämtliche feindlichen Schiffe sind

zerstört. Die amerikanischen Geschwader haben weder Schiff noch Mann

verloren. -- Shafter.«

Wir starrten uns an und waren sekundenlang wie gelähmt von dem

gewaltigen Eindruck der wenigen gewaltigen Worte. Dann riß der Sergeant

das Telegrammformular an sich und sprang in mächtigen Sätzen zum Hügel,

zum General, der kurz zuvor das Quartier verlassen und sich in die

Schützengräben begeben hatte. Ich blieb im Zelt und wartete krampfhaft

auf den nächsten Anruf. Aber der Klopfer rührte und regte sich nicht.

Da erklang es leise wie fernes Brausen in dumpfem, undeutlichem Klang

und doch machtvoll und stark, daß es einen im Innersten packte und

klopfenden Herzens lauschen ließ. Lauter wurde der Schall und immer

näher kam er. Und mit einem Male ergellte es droben auf unserem Hügel

in furchtbar schrillendem Stimmenklang aus Tausenden von Männerkehlen

in hellem Jubel -- das wilde amerikanische Hurra, den Indianern

abgelauscht in seinem schrillen Klang:

Ii -- iii -- iih ...

Urgewaltig. Furchtbar. Minutenlang dauerte das Gellen und das Gebrause.

Der Siegesjubel der Männer in den Schützengräben. Ich stand vor dem

Zelt und brüllte mit, wie betrunken, was Brust und Kehle nur hergeben

wollten.

* * * * *

Die Einfahrt zum Hafen von Santiago de Cuba ist einer der schönsten

Flecke der Welt. Ungeheure Felsenmassen ragen aus tiefblauem Meer

in tiefblauen Himmel empor, steil abfallend, und spalten sich in

winziger Enge, einem Meeresarm Durchlaß zu gewähren, so schmal, daß

zwei große Seeschiffe nicht nebeneinander die Einfahrt wagen können.

Es sieht aus, als hätte das Meer einst in Arbeit von Jahrhunderten

seinen Weg hineinfressen müssen in die Felsen und sich die lange

schmale Wasserstraße bahnen, die erst nach vier Seemeilen sich zu der

gewaltigen Bucht weitet, an deren Ostrand Santiago de Cuba liegt.

Droben auf den Felsen bei der Einfahrt klebt in schwindelnder Höhe

ein uraltes, spanisches Festungswerk, das Castillo del Morro, mit

altertümlichen Bastionen und Felsentreppen und verwitterten Mauern.

Jetzt dröhnten um Felsennest und alte Burg und blaues Meeresgestade

seit Wochen schwere Schiffsgeschütze.

In der Bucht von Santiago hatte das spanische Geschwader des Admirals

Cervera Anker geworfen und ergänzte krampfhaft seine Kohlenvorräte

aus den kümmerlichen Hilfsmitteln der verlotterten spanischen

Hafenverwaltung, während in den Maschinenräumen die Ingenieure

fieberhaft klopften, hämmerten, reparierten. Draußen aber vor

der Felsenenge lagen Tag und Nacht die Panzer des amerikanischen

Geschwaders -- wartend, lauernd -- lauernd, wartend ... Denn jeden

Augenblick konnte die spanische Flotte zwischen den Felsenwänden

hervorbrechen. Noch war die Gespensterflotte eine ständige Drohung und

eine stete Gefahr.

Die Hafeneinfahrt zu erzwingen schien unmöglich. Wenn auch die

altmodischen Geschütze des alten Kastells nicht viel taugten, so

schützten die Einfahrt doch zwei moderne Batterien auf den Felsen und

zahllose Seeminen. Die Amerikaner begnügten sich damit, die dicken

Mauern des alten Forts und die Batterien immer wieder zu bombardieren,

aber ohne viel Schaden anzurichten. Freilich machten sie schon in

den ersten Tagen der Blockade einen tollkühnen Versuch, die schmale

Hafeneinfahrt so zu versperren, daß dem spanischen Geschwader ein

Passieren unmöglich würde.

Der Plan wurde von dem Marineleutnant Hobson erdacht und durchgeführt.

Ein großer Kohlendampfer, der »Merrimac«, ein hundertundzwanzig Meter

langes Schiff, sollte der Türriegel des Felsentors werden. Seine

Unterwasserventile und besonders gebohrte Löcher unter der Wasserlinie

wurden nur leicht geschlossen und durch hölzernes Hebelwerk so

schwach gestützt, daß die Erschütterung einer schweren Explosion die

Verschlüsse wegfegen und das Schiff sofort zum Sinken bringen mußte. Im

Schiffsraum am Bug wurden Sprengladungen angebracht, die von der Brücke

aus elektrisch entzündet werden konnten. Hobson wollte den »Merrimac«

mitten in die Felseneinfahrt steuern, wenden, und das Schiff in der nur

hundert Meter breiten und wenig tiefen Einfahrt sinken lassen. So daß

es wie ein Querdamm die schmale Wasserstraße sperrte. Das Unternehmen

mußte aller Voraussicht nach das Leben der Männer kosten, die diesen

schwimmenden Türriegel lenkten.

Am 3. Juni kam der waghalsige Plan zur Ausführung. Der »Merrimac«

mit Leutnant Hobson und sieben Freiwilligen bemannt, fuhr in voller

Fahrt der Felsenenge zu und erhielt furchtbares Feuer von Morro, den

Batterien auf den Felsen und dann, als er die Einfahrt erreichte, auch

von zwei spanischen Kreuzern, die in einer Krümmung der Wasserstraße

verborgen waren. Nur ein einziger Schuß traf. Aber dieser eine Schuß

zerschmetterte das Steuerruder des »Merrimac« in dem Augenblick, als

Hobson die Mine springen ließ. Die Wendung, die das sinkende Schiff

ausführen sollte, wurde dadurch unmöglich, der »Merrimac« trieb

noch ein Stück weit dem Felsenufer zu und sank dicht am Strand, die

Fahrtrinne freilassend. Der Plan war mißglückt. Leutnant Hobson und

die Mannschaft waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben und

konnten in das Boot springen, das der »Merrimac« mit sich schleppte.

Aber ein Entkommen war unmöglich, und sie mußten sich der Pinasse eines

spanischen Kriegsschiffs gefangen geben.

Wieder begann das Warten und das Lauern, das Lauern und das Warten ...

Nach der Schlacht vom San Juan-Hügel wurde die Lage des spanischen

Admirals unerträglich. Siegten die amerikanischen Truppen zu Lande, so

mußte die Kapitulation von Santiago de Cuba die unrühmliche Uebergabe

seines starken Geschwaders nach sich ziehen, ohne daß es sich ernstlich

mit dem Gegner gemessen hatte.

Admiral Cervera beschloß den Durchbruch.

Als im Morgengrauen des 3. Juli das Morrokastell meldete, daß das

amerikanische Schlachtschiff »Massachusetts« verschwunden sei und der

Panzer »New York«, das Flaggschiff des amerikanischen Admirals Sampson,

nach Osten dampfe, hielt er die Gelegenheit für günstig.

Das spanische Geschwader bestand aus den vier großen Schlachtschiffen

»Infanta Maria Teresa«, »Almirante Oquendo«, »Viscaya« und »Cristobal

Colon«, sowie den beiden schnellen Torpedobootzerstörern »Pluton« und

»Furor«. Die beiden amerikanischen Geschwader der Admirale Sampson und

Schley aus den großen Schlachtschiffen »Massachusetts«, »New York«,

»Iowa«, »Indiana«, »Oregon«, »Texas«, »Brooklyn« und einer Reihe von

Hilfsschiffen. Die »Massachusetts«, die nach Guantanamo gedampft war,

um ihre Kohlenvorräte zu ergänzen, und die »New York«, die Admiral

Sampson zu einer Besprechung mit General Shafter in Siboney landen

sollte, kamen für den Kampf vorläufig nicht in Betracht.

Vor der Felseneinfahrt lagen, zwei Seemeilen entfernt, in ungeheurem

Bogen die amerikanischen Schlachtschiffe. Um halb zehn Uhr morgens

erschien die »Maria Teresa«, das Flaggschiff des spanischen Admirals,

in der Felseneinfahrt. In Abständen von 800 Metern folgten die übrigen

spanischen Schlachtschiffe und viel später erst, aus irgend einem

unerklärlichen Grunde, die beiden Torpedobootzerstörer. Sie brachen

in rasender Fahrt hervor. Der Kesseldruck war vor dem Auslaufen

durch künstliche Mittel aufs äußerste gesteigert worden, während die

amerikanischen Schiffe unter kleinen Feuern dalagen, wie sie gelegen

hatten seit vielen Wochen. In langer Linie wandte sich die spanische

Flotte nach Westen und eröffnete sofort das Feuer.

* * * * *

Der Kampf, der sich nun abspielte, liest sich in unseren Zeiten der

Dreadnoughts und des sorgfältigen Abwägens von Schiff gegen Schiff,

Geschütz gegen Geschütz, Gefechtswert gegen Gefechtswert wie ein schwer

zu glaubendes Märchen. Mag der Kriegswissenschaftler auch einwenden,

daß die spanischen Schlachtschiffe vom Maschinenraum bis zu den

Geschützen sich in einem Zustand schlimmer Vernachlässigung befanden,

das Märchen bleibt. In seiner Gesamtheit war das Ende des Kampfes

vielleicht vorherzusehen -- in seinen erstaunlichen Einzelheiten

niemals.

Die spanische Flotte ließ das amerikanische Geschwader bald weit

hinter sich zurück, und nur ein einziges amerikanisches Schiff,

die »Brooklyn«, hatte Dampf genug, zu folgen. Eine Viertelstunde

lang schien es, als sei der waghalsige Durchbruch geglückt. Die

»Brooklyn« ertrug das gesamte Feuer der vierfachen Uebermacht allein,

und die Schüsse der anderen amerikanischen Schiffe mußten auf so

große Entfernungen abgegeben werden, daß sie sehr wenig wirksam

waren. Aber der künstlich gesteigerte Dampfdruck der Spanier ließ

bald nach, während in den amerikanischen Maschinenräumen fieberhaft

gearbeitet wurde. Langsam verringerten sich die Entfernungen, und die

Schlacht begann. Die »Oregon« kam an die feindliche Linie heran,

dann die »Texas«, und ein furchtbarer Granatensturm fegte über die

spanischen Schiffe. »Maria Teresa« und »Almirante Oquendo«, die von

ihren Genossen, der »Viscaya« und dem »Colon«, überholt worden waren

und nun als letzte in der Linie dampften, standen in zwanzig Minuten

lichterloh in Flammen, schwer getroffen, kampfunfähig. Treffer in

den Geschütztürmen hatten ein entsetzliches Blutbad unter ihren

Mannschaften angerichtet. Die beiden Schiffe waren verloren.

Langsam wandten sie sich der Küste zu und liefen auf den Strand,

zerfetzt, zerschossen, brennend.

Das war fünfzehn Minuten nach zehn Uhr. Fünfunddreißig Minuten hatten

den gewaltigen Kriegsmaschinen den Garaus gemacht. Fünfunddreißig

Minuten in einer Hölle von Flammen und Verderben. Viele der spanischen

Matrosen sprangen in ihrer Todesangst über Bord und versuchten, an Land

zu schwimmen. Doch kubanische Insurgenten, die in der Nähe des Strandes

kampierten, waren herbeigelaufen und feuerten erbarmungslos auf die

Unglücklichen im Wasser, bis ein amerikanisches Schiff Mannschaften

landete und die Bestien mit dem Bajonett vertrieben wurden.

* * * * *

Zwanzig Minuten nach den vier spanischen Schlachtschiffen waren die

beiden schnellen Torpedobootzerstörer »Pluton« und »Furor« zwischen den

Felsenwänden erschienen und von den amerikanischen Schlachtschiffen

»Iowa« und »Indiana« beschossen worden, die aber ihr Hauptaugenmerk

auf die großen spanischen Panzer richten mußten. Die Zerstörer wurden

schwer beschädigt, waren aber nicht kampfunfähig. Vernichtet wurden sie

durch -- ein winziges, ungepanzertes, amerikanisches Schifflein, eine

kleine Yacht, die eine einzige Granate zerfetzt hätte.

_Admiral Plüddemann_ schreibt in seinem Werk »_Der Krieg um Kuba_«:

»Immerhin lag die Gefahr vor, daß sich die Zerstörer vermöge ihrer

großen Schnelligkeit dem Feuerbereich der Schiffe bald entziehen

würden. Da trat die »Gloucester« in Aktion. Dieses Fahrzeug war vor dem

Kriege eine Privatyacht mit Namen »Corsair« gewesen, es hatte eine hohe

Geschwindigkeit und war durch Armierung mit Schnell-Lade-Kanonen in

einen, sozusagen, Hilfstorpedobootszerstörer verwandelt worden.

Als die ersten Schiffe in der Hafeneinfahrt erschienen, dampfte

»Gloucester« mit mächtiger Fahrt darauf zu und ließ den Dampfdruck hoch

gehen, da das Erscheinen auch der Zerstörer mit Sicherheit zu erwarten

war. Als diese etwa zwanzig Minuten später herauskamen, dampfte sie mit

17 Knoten Fahrt darauf zu, engagierte die schon durch die Panzerschiffe

schwer Beschädigten dann auf nahe Entfernung und zerschoß sie, ohne

selber getroffen zu werden, dermaßen, daß der »Furor« 15 Minuten nach

dem Auslaufen bei einem letzten Versuch, die Hafeneinfahrt wieder zu

gewinnen, in sinkendem Zustande auf den Strand gesetzt wurde, während

der »Pluton« wenige Minuten später in tiefem Wasser sank. »Gloucester«

rettete, was noch an Menschenleben zu retten war und mit den Wellen

kämpfte, und folgte dann den Panzerschiffen.«

Das Wunder war geschehen. Eine kleine ungeschützte Yacht, die trotz

ihrer Schnellfeuerkanonen den Namen eines Kriegsschiffs nicht

verdiente, und von der niemals mehr erwartet worden war, als das

Aufbringen von Handelsschiffen mit Kontrebande, hatte zwei spanische

Zerstörer in den Grund geschossen, die ihr einzeln schon in jeder

Beziehung weit überlegen waren.

So hatte eine kleine halbe Stunde zwei Schlachtschiffe des spanischen

Geschwaders und zwei schnelle Zerstörer von hohem Gefechtswert

vernichtet. Uebrig blieben die Schlachtschiffe »Viscaya« und »Cristobal

Colon«.

Der »Cristobal Colon« schien als einziges spanisches Schiff dem

Verderben zu entrinnen, denn seine Geschwindigkeit wurde immer größer,

und bald war er außer Gefechtsweite weit draußen auf dem Meer. Auf die

unglückliche »Viscaya« aber konzentrierte sich nun das Feuer von drei

amerikanischen Panzern: »Brooklyn«, »Oregon« und »Texas«.

Binnen wenigen Minuten kam das Ende, wie es kommen mußte. Das schwer

verwundete Schiff schleppte sich brennend dem Strande zu und lief

auf. In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, die das

vordere Drittel der »Viscaya« in Fetzen zerriß. Ein Torpedo entweder,

der schußbereit im Lancierrohr lag, oder eine Munitionskammer war

von einer amerikanischen Granate getroffen worden. Die gräßlichen

Szenen beim Stranden der »Infanta Maria Teresa« und des »Almirante

Oquendo« wiederholten sich. Halbverbrühte, schwerverwundete Männer,

die beinahe wahnsinnig geworden waren in der Todesangst dieser Minuten

in der Hölle, kämpften zu Hunderten in den Fluten -- und aus den

amerikanischen Feinden wurden warmherzige Lebensretter, die Hals über

Kopf die Boote bemannten. Nicht nur fischten sie die Unglücklichen in

den Wellen auf, sondern sie holten unter schwerster Lebensgefahr die

armen Verwundeten aus den brennenden spanischen Schiffsräumen, deren

Munitionskammern jeden Augenblick in die Luft fliegen konnten. Admiral

Cervera, schwer verwundet, wurde unter feierlicher Stille an Bord eines

amerikanischen Panzers geleitet und mit militärischen Ehren empfangen.

Mannschaften und Offiziere salutierten stumm, als er seinen Degen dem

Sieger hinreichte. Sämtliche Kommandeure der spanischen Schlachtschiffe

waren verwundet worden; zwei, der Kommandant der »Maria Teresa« und der

Chef der Zerstörerflottille, hatten den Tod gefunden.

* * * * *

Unterdessen war in jagender Fahrt die »New York« mit Admiral Sampson

auf dem Kampfplatz erschienen. Sie folgte der »Brooklyn«, der

»Oregon«, und der »Texas«, die Oel feuerten und in immer größerer

Geschwindigkeit dem »Cristobal Colon« nachjagten. Ueber zwei Stunden

dauerte die Verfolgung. Um 12 Uhr 50 Minuten waren die »Brooklyn« und

die »Oregon« so nahe an den Feind herangekommen, daß das Feuer eröffnet

werden konnte. Der Kapitän des »Colon« sah, daß das Schicksal seines

Schiffes besiegelt war. Um den »Colon« dem Feind zu entziehen, ihn zu

vernichten und doch die Mannschaft zu retten, wandte auch er und lief

in sausender Fahrt auf den Strand. Der »Cristobal Colon« sank in sieben

Meter tiefem Wasser.

So war die Seeschlacht von Santiago de Cuba geschlagen und das

spanische Geschwader bis auf das letzte Schiff zerstört.

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3) · 第 20 / 26 题