Er lachte. »Und Sie, Souder?«

»Wenn der Herr Major gestatten -- ich finde, es ist eine verdammte

Gemeinheit, da im Wald stecken zu müssen und beschossen zu werden und

nicht ein einziges Mal selber schießen zu dürfen. Und ich bin froh, daß

ich über dem Wasser bin!«

»Ich auch -- Teufel, ich auch!« lachte der Major. »Na, Kinder, ich bin

zufrieden mit euch und ich werde noch viel zufriedener sein, wenn ihr

möglichst wenig plaudert. Wir hätten eigentlich schon längst zur Linie

zurückkehren sollen und haben hier gar nichts zu schaffen. Ich muß mir

da erst eine faustdicke Lüge ausdenken, um -- na ja. Wollen uns noch

ein bißchen umgucken!«

Und er lachte. Ein Spitzbubenlachen ...

Verschwunden waren die harten, energischen Linien aus seinem

scharfgeschnittenen Gesicht, das der dichte schwarze Schnurrbart älter

erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war, und verschwunden die

abwehrende Würde des Aelteren und Befehlenden. So jung ich war, so

begriff ich doch, daß in ihm das Gleiche vorging wie in mir; daß die

Neugierde ihn plagte bis zum Bersten und die jungenhafte Sehnsucht,

dabei zu sein. Ein Junge war er jetzt wie ich -- wie Souder ---- ein

Junge, der es ebenfalls als eine »verdammte Gemeinheit« empfand, da im

Wald zu stecken und -- _nicht sehen zu dürfen_.

Fortgesetzt pfiff es über uns dahin.

Der Schlammweg war noch da, aber im Walddunkel blitzten helle

Strecken auf im Sonnenlicht. Es wurde immer lichter. Die Bäume wichen

auseinander und bildeten Gruppen, und scharfausgeprägte Lichtflecke

im Gesichtskreis ließen freies Grasland ahnen. Da fuhr ich auf einmal

zusammen, denn in das Knattern hinein dröhnte es in rasselnder

Fürchterlichkeit.

»Die Gatlings!« schrie der Major. »Jungens, wir sind da!« Er riß das

Glas hervor. »Rechts! Vorwärts -- vorwärts!«

Wir stürmten zwischen den Bäumen dahin, stolperten über Wurzeln und

Ranken, tappten im tiefen Gras und waren am Waldrand, mitten in langer

Schützenlinie, umtost von einer Hölle dröhnenden Geknatters.

Mit blitzartiger Geschwindigkeit warfen wir uns zu Boden, denn jetzt

pfiff es nicht mehr angenehm hoch oben in den Bäumen dahin, sondern

dicht an den Ohren vorbei. Ich befühlte verstohlen meine linke

Ohrmuschel -- n -- nein -- es war nichts -- aber es mußte scheußlich

nahe gewesen sein! Dann räkelte ich mich und streckte mich und bohrte

mit meiner Körperschwere, um mich der schützenden Erde so nahe

anzuschmiegen, als es nur irgendwie möglich war.

Rechts lag der Major, links Souder. Schienen sich auch recht wohl zu

fühlen am Erdenbusen, lagen wenigstens sehr flach da! Ich hob den Kopf

ein wenig und sah -- nichts. Dicht vor meiner Nase war eine winzige,

wellenartige, grasbewachsene Bodenerhöhung, was mir sehr zweckmäßig

schien, aber -- zum Kuckuck, ich wollte doch etwas sehen! Langsam

streckte ich die Hand vor, jeden Augenblick erwartend, daß eine Kugel

hineinfuhr, und kratzte mir einen runden Ausschnitt in die schützende

Deckung. Und nun vergaß ich auf einmal die wiedergeborene Angst und

starrte wie gebannt in die Sonnenhelle hinaus. Zehn Schritte vor mir

lag ein toter Regulärer, auf dem Rücken, zusammengekrümmt, das Gewehr

noch in den Fäusten über dem Leib. Sein Schädel war eine einzige

Blutmasse.

Vor mir konnte ich eine weite, freie Strecke überblicken. Gras,

Gestrüpp, ein paar Bäume. Dahinter erhob sich, dreihundert Meter etwa

entfernt, ein massiger Hügel, an den links und rechts sich andere Hügel

anschlossen. Es war der San Juan-Hügel. Ich sah durch das Glas. Auf

dem Hügel rührte sich nichts, aber ich konnte braune Linien entdecken,

über denen Dunstfäden schwebten. Das waren Schützengräben. Dunst von

rauchschwachem Pulver. Oben auf der Kuppe des Hügels, im Gestrüpp,

stand ein Blockhaus.

Neben mir schoß etwas vorwärts; der Major war es, der in zwei Sätzen

zu dem Toten sprang, sich neben ihn hinwarf -- ah, jetzt griff er nach

dem Gewehr in seinen Händen und hakte ihm den Patronengürtel aus, dann

eilig mit seiner Beute zurückkriechend ... Da schob ich den Karabiner

vor -- bang -- auf die braune Linie dort im Hügel -- bang -- bang.

Neue fünf Patronen. Auch der Major und Souder gaben Schuß auf Schuß

ab. Ich feuerte und feuerte. Und unaufhörlich kam es herangesaust und

schlug dumpf ein irgendwo.

Mein Karabinerlauf war heiß geworden. Ich sah um mich. Die Männer der

Schützenlinie lagen im Gras nach links und nach rechts den Waldrand

entlang, so weit man sehen konnte. In dichten Haufen hier, vereinzelt

dort, feuernd, was die Gewehre hergaben. Links, zwanzig, dreißig

Schritte vor mir, hockte hinter dem dicken Stamm eines Mangobaums ein

Trompetersergeant, der mit rasender Schnelligkeit schoß. Die glänzende

Signaltrompete auf seinem Rücken leuchtete wie flackerndes Licht. Und

Lärm überall --

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3) · 第 19 / 26 题