Hunderte Male gellte es so. Und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn die
schneidende Stimme erklang.
General Shafter war ein Koloß. Aechzend lag die unförmliche Gestalt
in der Hängematte, auf viele Kissen zurückgelehnt, fluchend wie ein
Dragoner. Die Stimme gellte vor Wut und Ungeduld. Aber im nächsten
Augenblick konnte sie, wenn auch schrill und nervös, liebenswürdig zu
einem Adjutanten sagen: »Lassen Sie sich ablösen, lieber Jameson --
Jesus Christus, Sie müssen ja todmüde sein!«
Der General war entweder schon vom Fieber gepackt oder wenigstens
durch die tropische Hitze furchtbar mitgenommen. Seinen gewaltigen
Schädel bedeckte ein Handtuch, auf dem Eisstücke lagen, und neben der
Hängematte stand ein Kocheimer mit Eis gefüllt. Dennoch gönnte sich
Shafter nicht einen Augenblick Ruhe an jenem 30. Juni. Es war ein
Hetzen und Hasten, ein Kommen und Gehen. Stets umstanden Adjutanten
die Hängematte, Bleistifte und Befehlsformulare in den Händen, und
die hohen Offiziere des Generalstabs schienen fortwährend Vortrag zu
halten. Wir hörten häufig ganze Sätze herüberhallen und verstanden, so
schwer jede Kombination für einen Uneingeweihten auch war, daß es sich
um Meinungsverschiedenheiten handeln mußte. Es lag wie Elektrizität
in der Luft. Wie schwüle Spannung. Alle Augenblicke kamen Shafters
Adjutanten gelaufen mit Telegrammen an den Generalquartiermeister in
Siboney, die in schärfster Fassung Proviant und Munition verlangten.
Einmal hieß es ungefähr so:
»Kommandierender General befiehlt Herbeischaffung Proviants für Front,
ganz gleichgültig, ob Straße verstopft; Truppen müssen Straße freigeben
-- mitsendet energischen Offizier ...«
Schwer mußten Sorge und Verantwortung auf General Shafter liegen.
* * * * *
Major Stevens winkte von seinem Zelt. Ich sprang hinzu.
»Treten Sie ein,« befahl er. »So! Holen Sie sich unauffällig Karabiner,
Revolver und Feldstecher. Tun Sie, als ob Sie das Gewehr putzen
wollten. Gehen Sie langsam den Pfad aufwärts. Sie treffen mich etwa
hundert Yards weiter oben. Verstanden?«
»=Yes, sir.=«
»Sie sprechen mit Niemanden über diese Sache. Verstanden?«
»=Yes, sir.=«
Klopfenden Herzens wartete ich an der bezeichneten Stelle, bis der
Major aus dem Gebüsch trat.
»So! Es wäre mir lieb, wenn Sie mich auf einem kleinen Spaziergang
begleiten würden,« sagte er, »weil ich annehme, daß Sie nach Ihrer
zivilen Stellung Augen im Kopfe haben, die sehen können. Nun hören
Sie: Wir wissen im Grunde gar nichts. Wir wissen den Teufel, was da
vorne los ist. Ich will aber was wissen. Offiziell ist ein Vorgehen
über die Vorposten hinaus strengstens verboten. Wir gehen jetzt
zusammen spazieren und werden uns über die Vorposten hinaus verlaufen.
Verstanden?«
»=Yes, sir.=«
»Schön. Die Karte hier ist miserabel, aber immerhin geht daraus hervor,
daß hier -- sehen Sie? -- bei El Pozo -- das ist 'ne alte Zuckermühle
--, wo unsere Spitze steht und das eigentliche Santiagotal beginnt,
Plantagen sind, die ein Erklettern des Hügels da -- sehen Sie? --
gestatten sollten. Durch den Busch kämen wir nie hindurch!«
Da kam ich mir wieder kolossal wichtig vor ...
Wir marschierten in scharfem Tempo etwa zwei Kilometer weit den Pfad
entlang, kamen in einen Mangowald, kreuzten einen kleinen Bach,
passierten an Infanteriepatrouillen vorbei, wurden dutzende Male
angerufen. Dann bogen wir scharf links ab. Wir waren jetzt inmitten
hohen wuchernden Grases und mächtiger Baumgruppen. Hinter der zweiten
Baumgruppe schon trat ein Kavallerieleutnant hervor, mit dem der Major
leise sprach. Ich hörte den Leutnant sagen:
»Auf Ihre Verantwortung, Major. Meine Leute kann ich instruieren. Aber
wenn Sie den Rückweg verfehlen, riskieren Sie, von anderen unserer
Posten über den Haufen geschossen zu werden!«
Da kam ich mir noch viel wichtiger vor!
Nun begleitete uns der Leutnant.
Der lichte Wald wurde noch dünner, die Baumgruppen spärlicher. Vor uns
lag eine schmale Fläche niederen Grases. Drüben war Gestrüpp.
»Halt!« rief eine Stimme.
»Freunde ...« antwortete der Leutnant. »Einer vor!« rief die Stimme
wieder. Der Leutnant ging vor, um die Losung zu geben, die »Shafter und
Santiago« lautete, und dann sahen wir eine Soldatengestalt aufspringen,
die flach am Boden gelegen hatte. Der junge Offizier instruierte den
Posten, daß der Herr Major und der Signalmann rekognoszieren würden
und daß er auf unsere Rückkehr achten müsse. Wir würden am jenseitigen
Gestrüpprand laut »Washington« rufen und dann aufrecht über die
Grasfläche laufen.
»Los!« sagte der Major. »Ich wette meinen Kopf, daß innerhalb
fünfhundert Yards überhaupt kein Spanier ist, sonst wäre die Schießerei
schon längst losgegangen!«
Aber trotzdem verzichteten wir, ohne ein Wort darüber zu verlieren, auf
falsches Schamgefühl und krochen sehr vorsichtig auf dem Bauch durchs
Gras, uns innig und liebevoll an Mutter Erde anschmiegend.
»Sehen Sie was?«
»Nein, Major.«
Wir kamen der Gestrüpplinie näher und suchten Busch für Busch mit
unseren Feldstechern ab. Vorne links, dreihundert Meter vielleicht
entfernt, stieg ein Hügel empor, der erste einer sich weithin
erstreckenden langen Hügelkette. Auf den steuerten wir zu, immer auf
dem Bauche rutschend. Wir sahen nichts und hörten nichts. So gelangten
wir bis zum unteren Hügelrand. Wohl eine Viertelstunde lang lagen wir
hinter einem Baum und suchten den Weg durch die Gläser ab. Dann krochen
wir wieder vorwärts, uns mit Händen und Füßen einkrallend, denn der
Abhang war steil.
»Suchen Sie die Kuppe ab!« flüsterte der Major.
Ich machte einen Bogen hin, einen Bogen her. Sah nichts.
»Nichts?«
»Nein.«
»Großer Gott! Eine einzige spanische Batterie hier oben könnte uns den
Teufel zu schaffen machen!«
»Es ist unglaublich!« Er kauerte hinter einen Busch und schob
vorsichtig die Zweige auseinander. »So! ich kann sehen! Decken Sie mir
den Rücken und achten Sie auf jedes Geräusch!« Ewigkeiten schien mir
sein Schauen zu dauern. Auf dem Bauche liegend starrte ich um mich, daß
mir die Augen tränten, bis endlich der Major leise pfiff und aus dem
Busch zu mir kroch. »Nehmen Sie meine Stelle ein,« sagte er. »Sehen Sie
sich zuerst die Karte an. Wir sind im Santiagotal ... Dies hier ist
das San Juan Flüßchen. Auf diesem Hügel sind wir. Nun passen Sie auf:
Sie werden in viertausend Yards Entfernung etwa in ganz unbestimmten
Umrissen Gebäude sehen. Das ist Santiago de Cuba. Das Glitzernde
zwischen den beiden Waldlisièren ist das Flüßchen. Suchen Sie das
ganze Vorgelände ab, ob Sie Truppen oder irgend etwas Bewegliches
entdecken können.«
Ich kroch in den Busch, mich im Blattwerk deckend, und guckte zuerst
mit bloßen Augen, dann durch das Glas. Gestrüpp -- Wald -- helle Flecke
-- wellige kleine Hügel, die wie in Nebel eingehüllt zu sein schienen
-- ein grauer Streifen am Horizont, auf dem ich im Glas deutlich die
Rote Kreuzflagge unterschied. Dann suchte ich, zitternd vor Aufregung,
die hellen Flecke ab, und mir schien, als ob ich einmal oder zweimal
auf dem Grasfleck vor einem der kleinen Hügel ein Glitzern sähe.
»Bei den Hügeln dort -- dicht beim Flüßchen!« murmelte ich.
»Richtig!« sagte der Major. »Dort bewegen sich zweifellos spanische
Truppen. Aber suchen Sie vor allem das nähere Vorgelände ab!«
Ich suchte und suchte, Busch bei Busch, Fleck bei Fleck. Das schmale
Tal erstreckte sich, ein schwer übersehbarer Geländemischmasch von
Gestrüpp und wirklichem Wald und hellen freien Grasstrecken in fast
immer gleicher Breite von sechs-oder siebenhundert Metern, bis an den
grauen Streifen, der Santiago bedeutete. Seine Breite trennte uns von
unseren Vorposten, die drüben auf der welligen Talgrenze am Waldrand
standen. Das Flimmern dort vorne konnte ich wieder deutlich wahrnehmen.
Sonst sah ich nichts. Der Major war zu mir gekrochen.
»Noch etwas gesehen?«
»Nein, Major.«
»Wie weit schätzen Sie die Entfernung bis zu der Wellenlinie, wo Sie
das Flimmern sehen?«
»Dreitausend Yards.«
»Hm. Zweitausendfünfhundert!« brummte er. »Ich denke, wir haben genug
gesehen.«
Dann ging es zurück. Ich war jetzt gründlich nervös geworden und ich
glaube, dem Major ging es ebenso, denn im gleichen Impuls verzichteten
wir auf das langsame Kriechen und rannten in langen Sprüngen von Baum
zu Baum und von Busch zu Busch der auffälligen Gruppe von Mangobäumen
zu, die wir uns wohl gemerkt hatten. Am Gestrüpprand brüllten wir laut:
»Washington!«
»Freunde ...« hallte es herüber, und wir schnellten uns vorwärts im
Gras, so schnell uns nur die Beine laufen wollten, sehr froh, wieder im
Schutze der Vorposten zu sein.
»Prosit!« sagte der Major und reichte mir seine Feldflasche. »Bitte,
trinken Sie mit Andacht, denn das ist ewigalter Kentuckywhisky, und die
Götter mögen wissen, wann uns ein solcher Trunk wieder beschert wird.«
Er lachte ein unfröhliches Lachen. »Uebrigens haben wir unsere Hälse
umsonst riskiert. Die San Juan Verteidigungsstellung -- das ist dort,
wo wir das Flimmern sahen -- ist dem Hauptquartier bekannt. Halten
Sie nur den Mund über unseren Spaziergang, sonst werden wir auch noch
ausgelacht! Ich hatte gehofft, auf der Hügelkette da drüben Artillerie
zu entdecken -- na, und damit ist's Essig gewesen! Die Geschichte war
also umsonst.«
Da kam ich mir gar nicht mehr wichtig vor.
* * * * *
Die Pechfackel auf dem alten Zaunpfosten warf feuerrotes, flackerndes
Licht über die Zelte des Hauptquartiers. General Shafter saß auf einem
Feldstuhl, gegen die Zeltwand gelehnt, und sah mit seinen scharfen
grauen Augen von einem zum andern der Offiziere, die ihn umstanden. Auf
großen Kisten links und rechts neben ihm brannten in Flaschenhälsen
Kerzen. Um ein Uhr nachts übernahm ich den Hilfsdienst beim Instrument,
zusammen mit Souder, und wenige Minuten später brachte ich dem General
eine Depesche. Vom Generalquartiermeister in Siboney, der den Abgang
eines Maultiertransports mit Infanteriemunition meldete.
»Jesus Christus, was warten Sie noch, Mensch!« herrschte Shafter mich
an.
»Die Unterschrift, General.«
»Unterzeichnen Sie!« befahl er einem Adjutanten, der nun seinen Namen
in mein Depeschenbuch kritzelte. »Marsch, Signalmann!«
Ein sacksiedegrober Herr, der Jesus-Christus-General!
Eine Viertelstunde verging. Da kam der Major zu uns ins Signalzelt
gekrochen und sagte, gemütlich dahockend, auf den schwarzen
Schnurrbart beißend, wie das seine Art war: »Hm -- Souder -- Carlé --
nein, kann euch nicht brauchen -- sollt bei mir bleiben. Sie können
nachher Hastings wecken, Carlé, und ihn in mein Zelt schicken. Der
rechte Flügel, Kinder, greift bei Tagesanbruch an, und General Chaffee
braucht Flaggenmänner. Ich werde Hastings hinschicken und zwei Mann.
Wir werden ebenfalls bei Tagesanbruch losmarschieren und die Linie
im Santiagotal legen und bei Gott, ich glaube, wir haben das bessere
Teil erwählt wie Martha in der Bibel. Müßte mich sehr irren, wenn sich
die Hauptaffäre nicht bei unseren Hügeln« -- er zwinkerte mir zu --
»abspielt. Mund halten, Kinder! Ich bitte mir übrigens aus, daß morgen
flott gearbeitet wird!«
» ... Jesus Christus!« gellte es herüber vom Zelt des Kommandierenden.
Und dann brachte ein Adjutant eine Depesche, die merkwürdigerweise
nicht chiffriert war. So ungefähr lautete sie:
»Kommandierender General der Armee, Washington. -- Greife bei
Tagesanbruch an. Brauche Verstärkungen, Proviant, Hospitalschiff. --
Shafter.«
Da schien es uns, als wollten die Minuten so gar nicht vergehen,
und wir fluchten fürchterlich über den Kleinkram von Depeschen nach
Siboney, die alle mehr Proviant, mehr Munition forderten. Souder,
der ein Künstler im Bearbeiten des Tasters war, telegraphierte mit
fabelhafter Geschwindigkeit, wollte er doch die Arbeit loswerden und
schwatzen. Zwanzig Minuten lang hielt es der Sergeant in Siboney aus,
dann unterbrach er:
»=p p p= Privat. Höll' und Verdammnis, seid ihr verrückt geworden? Ich
komm' nicht mehr mit -- hab doch keine Schreibmaschine hier -- muß
bleistiftkritzeln -- lang -- samer!!«
»Arbeite, mein Sohn!« antwortete Souder. »Und sei nicht so verdammt
vertraulich. Wir sind in den Vorposten und du bist sicher vom Schuß --
also arbeite wenigstens, Freund!«
»Warte -- wenn ich dich erwische ...« kam es wütig klickend zurück.
Woraus hervorgehen mag, daß wir nicht etwa letztwillige Verfügungen
trafen und uns gegenseitig letzte Lebewohlbriefe an unsere Bräute
anvertrauten, wie das in frommen Bilderbüchern von Soldaten vor der
Schlacht berichtet wird, sondern daß wir uns einfach bodenlos freuten
-- wie kleine Jungens, denen die Mama gesagt hat: »In fünf Minuten
dürft ihr auf die Straße und Indianer spielen!«
* * * * *
Die tief heruntergebrannte Pechfackel loderte. Auf dem schlammigen
Weglein draußen zog es immerwährend, ohne Aufenthalt, vorbei von
Männern, so müde, daß sie gebeugt schritten. Regiment auf Regiment
passierte. Mann hinter Mann, so schmal war der Pfad. Graubärtige
Obersten -- Rekruten mit Kindergesichtern. Bodenlos war das Weglein
geworden, und die Füße der keuchenden Menschen machten bei jedem
Schritt und Tritt ein merkwürdig plumpsendes, saugendes Geräusch, wenn
sich die Stiefel aus dem zähhaltenden Schlick befreiten.
Regiment auf Regiment zog vorbei, dem Feind entgegen.
Die Schlacht vom San Juan Hügel.
Der Morgen der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im Nebel. -- Die
Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie nach der Front. -- Meine
erste Granate. -- Wie ich das Gruseln lernte. -- Wie andere das
Gruseln lernten. -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. --
Die Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am Waldrand. --
Wir schießen mit. -- Die Schützengräben im San Juan Hügel. -- Der
Gnadenschuß. -- Der Angriff ohne Befehl. -- Der San Juan Hügel
wird im Sturm genommen. -- Zusammenhänge der Schlacht. -- Bei den
spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am Lagerfeuer. --
Sie begraben die Toten.
Die Nacht ging zu Ende. Graugelbe Bodennebel flossen über die Lichtung
hin, in wellender, wogender Masse, wie Wasserfluten sich übers Land
ergießen. Menschen und Zelte standen auf einem Nichts; auf dampfigem,
zitterigem, schwadigem Rauch. Es war bitter kalt. In tiefer Stille
lag das Hauptquartier, in dumpfes, nächtliches Grau noch gehüllt.
Gleich trüben Schatten die Zelte. Totenstill war es. Nur in dem
mächtigen gelben Fleck dort bei dem großen Mangobaum, dem Zelt des
kommandierenden Generals, war schwaches Licht und lautloses Leben.
Gespenstisch leuchtete dort Kerzenschein durch die Zeltwände, immer
wieder unterbrochen von einem Schatten. Da drinnen ging ein Mann auf
und ab in rastlosem Hin und Her.
Das war General Shafter.
Langsam stiegen die Nebel. Schwaden auf Schwaden lösten sich, in
weißgrauen Dunst verwallend. Wie Dampf umhüllte es die Zeltmassen und
schwebte höher und höher. Wie dünner Regen fast fiel der Morgentau, und
frostig schlichen Kälte und Feuchtigkeit in die Haut.
Da leuchtete warm und rot ein Feuer auf, draußen am Lagerrand.
»Gott sei dank!« Souder nahm unsere Blechbecher und ging.
»Kaffee!« sagte er, als er wiederkam. »Wollen zuerst die Feldflaschen
füllen!«
»Gute Idee,« murmelte ich.
Ich holte noch zwei Becher. Der dampfendheiße Trank vertrieb uns rasch
das nasse, klebrige Gefühl und die Uebernächtigkeit. Wir aßen einen
Zwieback, zündeten die Pfeifen an. Immer mehr und mehr lichtete sich
das trübe Grau. Da -- da -- was war das? -- Souder und ich sprangen auf.
»Was war das?« flüsterte er.
»Still -- still!«
Kaum hörbar, wie aus ewigweiter Ferne, gespenstisch leise, erklang es
in dumpfem Schallen -- krang -- krang, krang ... tacktacktack.....
leise, ganz leise, als ob Erbsen auf einen Blechteller geworfen würden.
Ein wenig lauter nun, dann schwächer wieder, mit Pausen von Sekunden --
jetzt in vollerem Klang, und doch schwach und ferne wie abgedämpfter
Trommelwirbel. Gewehrfeuer. Deutlich erkennbares Geknatter. Nichts
regte sich um uns. Jeder schien zu stehen und zu lauschen.
Mäuschenstill war es. Bis die klare Stimme eines Offiziers schallend
rief:
»Das ist General Chaffee!«
Und im gleichen Augenblick, als folge dem Blitz der Donnerschlag,
ergellten schrill jauchzende Jubelrufe, geschrien von den Männern des
Hauptquartiers ... hei -- ih -- hei -- iiii -- ih!
Aus der Stille wurde Bewegung, Wirrwarr.
Offiziere eilten hin und her, scharfe Kommandorufe befahlen das Satteln
der Pferde. Unser Major kam gerannt, im Laufen eine Pappschachtel
aufreißend und sich die Revolverpatronen in die Taschen stopfend.
»Signaldetachement -- =attention=!« befahl er. »Myers und Bruning
bleiben hier. Myers, Sie überbringen dem Stabssergeanten den
Befehl, für unsere neue Linie gleichzeitig ein Telephon und einen
Taschenapparat einzuschalten, die je nach Funktionieren ausgewechselt
werden. Abtreten! Die übrigen -- attention!« Er inspizierte uns rasch
und lächelte, als er sah, daß wir uns alle Taschen mit Patronen für
unsere Karabiner und Revolver gefüllt hatten. »Jeder Mann trägt eine
Rolle Draht! Los!«
Und hinaus ging es auf den schlammigen Pfad, der jetzt öde und
verlassen dalag; im Laufschritt, in langen Sprüngen, immer vorwärts mit
dem Draht, den unsere Stangen hoch ins Gebüsch schleuderten. Nichts
behinderte uns. Die Truppen waren schon in Front. So ging es rasch
und glatt mit der Arbeit, und als wir nach den ersten tausend Yards
die Linie prüften, war alles in Ordnung; das Hauptquartier meldete
sich sofort. Weiter! Das dumpfe Geknatter des Feuergefechts in der
Ferne hörten wir kaum noch in dem Lärm der Arbeit, als es auf einmal
schrill und klar irgendwo vorne knallte -- kreng, kreng ... in scharfem
Gerassel -- kreng, kreng, kreng -- bing ...
»Vorwärts!« schrie der Major. »Vorwärts, Kinder -- wir wollen dabei
sein!«
Länger wurden die Sprünge. Keinem Menschen begegneten wir auf dem
Weglein, obgleich das Feuern aus nächster Nähe zu kommen schien. Der
Schlammpfad verbreiterte sich zu einem breiten Morast, in tausende von
Löchern und Erhöhungen zertrampelt von Tausenden von Tritten, um eine
Ecke ging es, und aus dem Halbdunkel, der Stille des Waldwegs wurde
flutende Helle, dröhnender Lärm.
Von der Kuppe des Hügels da drüben schossen weiße Dampfwolken, und
dumpfes Gekrache erschütterte die Luft. Nun Stille. In grellem
Sonnenlicht lag breit der Weg da, frei und offen auf einer Strecke von
mehreren hundert Metern, dann in dunkler Waldlinie sich verlierend.
Grasland säumte ihn; ein Busch, ein Mangobaum hie und da. Dicht an
der Wegbiegung floß träge ein Bach von schmutziggelbem Wasser, das
San Juan Flüßchen. Zwei Bretter führten über das Wässerlein zu einem
engen Pfad durch niedriges Gebüsch auf den Hügel. Rechts bog der breite
Weg ab, das Tal entlang; links führte der Fußpfad zum Hügel. Zwischen
beiden, ganz im Vordergrund, erhob sich verwittertes altes Gemäuer mit
allerlei Maschinen, die Ueberreste der alten Zuckermühle von El Pozo.
Im nächsten Augenblick jagten Reiter an uns vorbei auf das Gemäuer zu,
sprangen ab, rissen Karten aus den Taschen. Das war der Generalstab.
Bang! krachte ein Geschütz auf dem Hügel.
»Ruhig, Kinder -- ruhig!« sagte der Major. »Der Draht wird von dem
Mangobaum dort über den Bach gespannt ---- in dem Einschnitt drüben
errichten wir die Station -- Carlé, bringen Sie das Telephon hinüber
und stellen Sie die Verbindung her!«
Ich nahm den Apparat und ging zum Steg. Auf den Brettern zauderte ich
einen Augenblick, denn ich war wie ausgetrocknet vor Durst, hatte
ich doch den Kaffee in der Feldflasche schon längst ausgetrunken und
brannte ja die Sonne so glühend heiß herab trotz des frühen Morgens,
daß der Schweiß in Strömen an mir herunterlief. Aber das Wasser
da unten, pfui Teufel, nein, das Wasser da unten sah denn doch zu
schmutzig aus. Ich zauderte -- zauderte ---- und der Durst siegte glatt
mit sieben Längen über Appetitlichkeit und Vernunft, denn der Lausbub
beugte sich schleunigst nieder, Blechbecher in der Hand; tauchte ein,
lüpfte den gefüllten Becher empor und sah in maßlosem Erstaunen, daß
aus den beiden Seiten dünne Wasserstrahlen spritzten. Links ein Loch,
rechts ein Loch; eingebeult das eine, ausgebeult und zerfetzt das
andere. Da -- da war ja eine Kugel durchgefahren! Ich starrte verblüfft
den Becher an und blieb wie angenagelt stehen. Eine Kugel durch meinen
Becher gefahren! Während er an meiner Brottasche hing! Und ich hatte
nichts gemerkt!
»Schmeiß 'n weg -- taugt nichts mehr!« rief Souder, als ob ich das
nicht selber gewußt hätte.
Nachträglichen Schrecken aber empfand ich nicht und auch dann noch
nicht, als es über meinem Kopf gellend daherfuhr, doch unwillkürlich
duckte ich mich. Denn was das unheimliche Sausen da oben bedeutete,
verstand ich sofort, und jeder andere hätte es verstanden -- s --
ss -- sss -- surrr -- ssss -------- N -- nein, es läßt sich nicht
wiedergeben, dieses sausende unheimliche Schwirren, dieses Surren,
dieses gellende Dahergepfiffenkommen. Aber ich fürchtete mich ganz
bestimmt noch nicht, sondern trug behutsam das schwere Telephon an
seinen Platz, wenn ich auch gar zu gern auf irgend etwas losgeballert
hätte, damit auch andere Leute es sausen und schwirren hörten. Ich nahm
meinen Karabiner von der Schulter. Der Major sah mir lächelnd zu und
zerkaute seinen Schnurrbart.
»Warten, warten!« sagte er leise. »Hat noch gar keinen Sinn. Wir kommen
schon noch daran.«
Im gleichen Augenblick fror ihm das Lächeln fest und seine Augen
wurden starr. Aber er blieb kerzengerade stehen. Ich fühlte, wie ich
totenblaß wurde. Mit gellendem Geheul kam da etwas herangejagt, etwas
Fürchterliches -- sss -- ssss -- hui. iih.. iiiiih ... schrillend
wie eine Dampfpfeife -- entsetzlich -- ich glaubte den Luftdruck zu
verspüren -- ich hatte so fürchterliche Angst, daß ich am liebsten
hinausgebrüllt hätte in Furcht und Grauen wie ein wildes Tier,
hätte ich nur gekonnt. Aber ich konnte nicht. Der Hals war mir wie
zugeschnürt. In meiner Kehle steckte ein großes rundes Ding, das mich
würgte und drosselte und ersticken wollte, während eine eiserne Faust
mir auf den Schädel schlug. Ich -- wollte -- schreien -- ich -- konnte
nicht!
Und es war herangeheult und schlug krachend ein. Flammen sprühten auf,
und ich wurde zu Boden geschleudert ...
Ich spuckte die Erde aus.
»Pfui Deibel,« sagte der Major und diesmal lachte er nicht, »das war
eine Granate!«
»F -- f -- furchtbar!« stotterte ich.
Und schämte mich nicht zum Sagen, als die klaren harten Augen des
Majors mich scharf ansahen, denn ich hatte, als echter Junge, eine
bodenlose Angst, er könne mir die blasse, schlotternde Furcht angemerkt
haben. Heutzutage würde ich mich schleunigst und gänzlich =sans gêne=
tief in Mutter Erde einkratzen, wenn Granaten in der Nachbarschaft
umherheulten -- aber -- aber mir scheint, Krieg läßt sich doch
am besten führen mit Zwanzigjährigen und den Urimpulsen, die vom
Urmenschen her in junger Männlichkeit schlummern. In den nächsten
dreißig Sekunden müssen gewaltige Erregungen an meinen jungen Nerven
gezerrt haben. Ich weiß noch ganz genau, daß ich an allen Gliedern
zitterte und am liebsten geheult hätte. Daß ich krampfhaft nach Luft
schnappte. Daß mir zum Erbrechen übel war. Daß aber die Eitelkeit in
mir sich auf einmal wehrte, und daß ich mich bolzengerade aufrichtete,
als es wieder heulend daherkam -- und doch war es nur eine Komödie,
die ich mir selber vorspielte -- denn ich fürchtete mich wirklich! Ich
fürchtete mich schandbar!! Die Granate schlug ein. Ziemlich weit weg
von uns diesmal.
Da kam der Umschwung.
Bang -- bang -- krachten die Geschütze der amerikanischen Batterie auf
der Hügelkuppe dicht vor uns.
Fünfzig Meter hinter den Geschützen am Kuppenrand lag ein alter
Stall, oder was das Ding sein mochte, ein halbzerfallenes, niedriges
Holzgebäude jedenfalls, und auf dem flachen Dach drängte sich eine
Menge halbnackter Kubaner, die bei jedem Schuß der Batterie ein
infernalisches Freudengebrüll ausstießen und mit Händen und Beinen
zappelten in unheiligem Vergnügen. Einen greulichen Skandal machten
sie. Ich sah ganz mechanisch hin (dennoch schlotterte in mir die
Angst!) und empfand ebenso mechanisch die Abneigung des weißen Mannes
gegen derlei südländische Hanswurstiaden. Während ich guckte, kam
es wieder dahergeheult und -- schlug feuerspeiend und dampfsprühend
mitten in das Dach, mitten in die gestikulierenden, tanzenden,
schreienden Söhne der Perle des Südens hinein ... und den Bruchteil
einer Sekunde später sah das Dach genau so aus wie das gute alte
Sprungbrett im Ungererbad in Schwabing, wenn an heißen Augusttagen wir
Jungens uns zum Sprung drängten: Die Señores hopsten. Sie machten die
erstaunlichsten Kopfsprünge. Sie schienen in geradezu wahnsinniger Eile
den interessanten Ausblicksort zu verlassen. Es schlenkerte nur so in
der Luft von kubanischen Freiheitskämpfern. So schnell ist nirgends in
der Welt jemals eine randalierende Galerie geräumt worden!
Da lachte ich, daß mir die Tränen in die Augen kamen, und lachte und
lachte, und lachen hätte ich müssen, wenn auch der heulende Dämon
aus der Maschine mit seinem grimmigen Kriegshumor zwanzig zeternden
Hampelmännern den Garaus gemacht hätte. Merkwürdigerweise war aber
nicht ein einziger der Spektakler verletzt worden, wie uns zehn Minuten
später ein Artillerieleutnant lachend erzählte. Der Major lachte
auch. Das ganze Detachement lachte. Und in diesem Lachen starb meine
schlotternde Furcht eines rechtzeitigen Todes; man kann nicht lachen
und sich fürchten zugleich. Aber in meinem Hals brannte und würgte
etwas, und die Kehle war mir wie ausgedörrt. Ich sprang die wenigen
Schritte zum Bachufer hin, warf mich in den zähen gelben Lehm auf den
Bauch, steckte den Kopf ins Wasser und trank gierig wie ein Tier in
langen Zügen das schmutzige, lauwarme Zeug --
»Carlé!« rief der Major scharf.
Ich trank und trank.
»Carlé! Lassen Sie den Unsinn! Sie holen sich bestimmt das Fieber!«
Er schüttelte mißbilligend den Kopf, als ich ein wenig beschämt
zurückkam, mir den Schmutz von Hemd und Hosen reibend, und brummte
irgend etwas über die verdammte Wassersauferei. Aber in seinen Augen
war ein Lächeln ...
Die Batterie droben feuerte jetzt nur selten, vereinzelte Schüsse in
langen Zwischenräumen, und die spanischen Geschütze schwiegen ganz.
Hie und da summte und surrte es über unseren Köpfen. Im Wald knallten
vereinzelte Schüsse.
Den schmalen, steilen Hügelpfad herab kamen Kanoniere, halb kletternd,
halb rutschend, irgend etwas mit sich zerrend; ein graues bündeliges
Etwas. Als sie die Krümmung im Gestrüpp erreicht hatten, wo der
Pfad breiter und ebener wurde, hoben sie das graue Bündel auf ihre
Schultern und schritten langsam näher, behutsam, als trügen sie eine
schwere Last. Der eine, ein Korporal, salutierte den Major: »Kanonier
von der Batterie Grimes, =sir=,« meldete er. »Kanonier Johnson,
=sir=. Herzschuß. Ich habe Order, =sir=, den Toten am Hügelrand zu
begraben.« Er schlug die Zipfel des Bündels zurück, und da lag in der
grauen Armeewolldecke ein toter Mann. Aus dem bläulichen, furchtbar
verzerrten Gesicht starrten weitoffen tiefbraune Augen, als könnten
sie noch sehen. »Herzschuß, sir,« sagte der Korporal. »Stand neben
mir. Sprang in die Luft und war tot.« Sie hatten dem Toten Jacke und
Hemd aufgerissen, und der Korporal deutete feierlich auf den winzigen
schwarzen Punkt unter der linken Brustwarze, der sich scharf von der
weißen Haut abhob. Wir grüßten stumm, während die Kanoniere ihre Last
wieder aufnahmen und im Gebüsch verschwanden.
Es war sonderbar still geworden; nur dann und wann kam das
peitschenartige Schallen aus dem Wald. Ich sah mich um. Jede Farbe,
jeder Gegenstand, jeder Schatten trat klar und scharf hervor im grellen
Sonnenlicht; knallgelb der breite, verlassene Weg, hellgrün das
üppige Gras am Wegrand, dunkler die mächtigen Wipfel der Gruppen von
Mangobäumen, leuchtend dazwischen am Weg und im Gras allerlei bunte
Flecke, blau und weiß und grau. Das weiße Segeltuch der Tornister
und das Grau der Soldatendecken und das Blau der Uniformröcke, die
überall umherlagen am Weg entlang. Die zur Front eilenden Truppen
hatten alles weggeworfen, was sie irgendwie entbehren konnten, und
mehr. Beim Gemäuer der alten verfallenen Zuckermühle, deren rostige
Maschinenreste rot glänzten in der Sonne, standen in kleinen Gruppen
die Generalstabsoffiziere, über Karten gebeugt. Ein Pferd wieherte
leise. Weiter weg graste friedlich ein Maultier und wedelte krampfhaft
mit dem geschorenen Schwanzstummel, sich die Fliegen zu verscheuchen.
Da kam es wieder herangeheult und schlug in Dampf und Flammen ein,
keine zwanzig Schritt weg von der nützlichen Mißgeburt aus Pferd
und Esel, die ihre berühmte Indolenz sogar im Granatfeuer glänzend
bewährte. Denn Mr. Maultier wedelte eifrig weiter mit dem Schwanz und
ließ sich nicht eine Sekunde lang in der angenehmen Beschäftigung des
Grasens stören.
»Bravo!« rief Souder. »Das is 'n richtiges, approbiertes,
Geschützfeuer-stubenreines, verdammt famoses, altes Onkel-Sam-Maultier
-- hurräh -- schert sich den Teufel um die alten Granaten -- hurräh!!«
Schallendes Gelächter.
Oberst Green kam von der Zuckermühle herbeigeschritten, begrüßte
unseren Major, flüsterte mit ihm und breitete eine Karte auf den
Knien aus, hier und dorthin deutend. Ich verstand: »-- spanische
Batterie feuert mit rauchlosem Pulver -- noch nicht entdeckt -- jawohl,
überhaupt nur ein einziger Weg -- natürlich verstopft -- nein, Major,
hat vorläufig noch gar keinen Sinn -- Sie kämen wahrscheinlich gar
nicht durch mit Ihren Leuten -- wie meinen Sie? -- Hm ...« Dann sprach
der Major eifrig auf ihn ein, und der Oberst nickte und ging wieder.
»Achtung!« befahl der Major laut. »Sergeant Ryan -- Sie übernehmen die
Station! Sie bleiben unter allen Umständen beim Apparat und sind mir
für alle Meldungen verantwortlich. Den Befehl zur Verlängerung der
Linie bis zum Waldrand dort erhalten Sie von Oberst Green persönlich
und lassen dann den Draht von drei Mann über die Mangobäume den Weg
entlang legen. Ich werde nun den geeigneten Platz zur Anlage der
nächsten Station in der Feuerlinie feststellen. Mit mir kommen --« und
suchend glitt sein Auge von einem zum andern.
Da sahen wir ihn hungrig an wie gierige Hunde, die lechzend darauf
warten, wem wohl von ihnen der Herr den Brocken zuwirft.
»Mit mir kommen Souder und Carlé. Eine Signalflagge, Karabiner,
Revolver, Feldflasche, Glas -- sonst nichts!«
»=Oh hell= ...« murmelte einer der Enttäuschten.
* * * * *
In zehn Minuten hatten wir den Waldrand erreicht und marschierten nun
wieder auf dem alten Dreckpfad, der uns schon so vertraut geworden war.
Die starre Gebüschwand freilich war verschwunden, denn links und rechts
lag zwar rankenversponnener Urwald, verwuchert von Schlinggewächsen,
aber ein Stück weit wenigstens konnte man hineinsehen. Da und dort im
Schlamm steckte ein Tornister, eine Wolldecke, ein Hut. Wir sprangen
vorwärts, so rasch es gehen wollte in der dörrenden Hitze. Immer noch
knallten nur vereinzelte Schüsse. Nach einigen hundert Metern kamen
uns Verwundete entgegen mit blutigen Verbänden um Köpfe und Glieder,
langsam zurückstolpernd, aber wir sahen kaum hin, denn brennende
Neugierde und hetzende Ungeduld trieben uns vorwärts. Ein Toter
lag am Wegrand, die Knie emporgezogen, die Arme lang ausgestreckt.
Die glasigen Augen schienen starr in den Schlamm zu blicken. Der
Pfad krümmte sich. An der Ecke, aus den Bäumen, flatterte die Rote
Kreuzfahne, und am Boden kauerten stöhnende Gestalten, zwischen denen
Aerzte hin und her eilten. Die Verbände glänzten grell weiß. Wir
eilten weiter. Das Gewehrfeuer wurde heftiger und schien von überall
zu kommen; von vorne und von links und von rechts; über unseren Köpfen
sauste es zischend und surrend und dumpf aufklatschend in Laub und
Bäumen. Ein Verwundeter blieb stehen, salutierte täppisch und riß die
Kleider auf, uns in groteskem Stolz eine winzige Schußstelle im Bauch
unter dem Nabel zeigend.
»Teufel,« sagte er. »Es tut gar nicht weh! Wo is -- mm -- das
Hospital?«
Ich deutete rückwärts. Und grinsend schritt der Schwerverwundete dahin,
nachdem er sich noch Feuer für seine Pfeife von Souder hatte geben
lassen ... »=Good God!=« sagte der Major leise.
Ah -- und nun fing der Tanz an -- racktacktacktack -- rack -- kreng,
kreng ... schweres rollendes Feuer irgendwo da vorne, klar und hell
dazwischen Salven. Ueberall um uns schlug es ein in die Bäume. Zu sehen
aber war nichts -- gar nichts ... Doch! Wieder krümmte sich der Weg,
und zwischen den Bäumen schimmerte es blau und stählern von Truppen und
dröhnte von Lärm und Geschrei.
»Laufschritt -- Laufschritt ...« rief der Major.
Ein Leutnant hinkte herbei, eine blutige Binde um den Fuß.
»Schwer verwundet?«
»Nein, Herr Major. Knöchel kaputt.«
»Tut mir leid, tut mir sehr leid. Was sind das für Truppen?«
»71tes Freiwilligen-Regiment. Das New Yorker Regiment, Major.«
»Ich danke sehr.«
Und weiter ging es im Laufschritt, und nach drei Minuten waren wir
mitten -- in einem Tollhaus. Unter Wahnsinnigen, unter Menschen, die
Waffen trugen und jung waren, und dennoch kreischten in fürchterlicher
Angst wie Weiber. Sie stießen sich und drängten sich und schrien und
duckten und hielten die Hände schützend vor die Köpfe, irgend eine
unsichtbare Gefahr abzuwehren. Der Weg war völlig verstopft. Ein
panikgeschüttelter Menschenhaufe wogte hin und her, den Offiziere
vergeblich vorwärts zu treiben versuchten. Eine Kette hatten sie
gebildet, die Kapitäne und Oberleutnants und Leutnants, und fluchten
und schrien und hieben mit den flachen Säbeln drein. Ich starrte.
Irgend etwas war da -- irgend etwas ...
»Pack, Pack -- verfluchtes Pack!« zischte der Major.
Da warf dicht vor uns ein Korporal mit gellem Schrei die Arme empor,
stürzte schwer zu Boden, und die Soldaten um ihn wichen entsetzt
zurück. »Revolver 'raus, Kinder!« schrie der Major. »Mir nach!«
»Platz!! _Platz!!! Zurück in die Bäume!!_!«
Was alle Drohungen und alles Gebrüll der eigenen Offiziere nicht
vermocht hatten, erzielte das messerscharfe, schrille Kommando mit
seiner klaren, bestimmten Weisung. Links und rechts von uns taumelte es
in die Bäume, und langsam wurde der Weg frei.
Ich sah tiefen Schlamm -- sonnenfunkelndes Wasser ... Wir drängten
uns vorwärts. Der Pfad senkte sich abschüssig und verlor sich in
einen breiten Bach schmutzigen Wassers. Mitten im Wasser lag ein
toter Soldat, und dicht am Bachrand kauerten Leichen -- drei -- fünf
-- sieben ---- im Knäuel, hingeschleudert von den Geschossen; das
Flüßchen war unter scharfem feindlichem Feuer. Die New Yorker zeterten.
Hinter uns kam es herangerasselt, und in scharfem Tempo jagte die
Maschinengeschütz-Abteilung herbei, Reguläre im Laufschritt, drei
Gatlingkanonen vorwärtsschiebend und stoßend und zerrend. Hop -- hinein
ins Wasser -- hop -- waren sie hinüber, ohne einen einzigen Mann
verloren zu haben. Wir mit ihnen. Drüben ertönte eine laute Stimme:
»Re -- gu -- läre! -- auf mein Kommando -- zu Zweien reiht euch ein --
im Laufschritt -- vorwärts marsch ... marsch -- eins, zwei -- eins,
zwei -- eins, zwei ...«
Und in scharfem Takt trippelte, als sei sie auf Parade, eine halbe
Kompagnie regulärer Infanterie heran, geführt von einem blutjungen
Leutnant, trippelte im gleichen Takt hinein ins Wasser, trippelte
heraus -- Das panikbefallene New Yorker Regiment aber steckte immer
noch unter den Bäumen.
Der tückische Zufall des Kriegs hatte es gefügt, daß scharfes,
indirektes spanisches Feuer sich auf die von überall völlig unsichtbare
San Juan Furt im Walde konzentrierte, gerade in dem Augenblick, als
die New Yorker Freiwilligen ins Wasser marschierten. Die ersten waren
weggefegt worden, in einem Haufen, und da und dort noch im Regiment
stürzten Getroffene. Die Spitze drängte zurück und die Panik war da.
Die Soldaten, die im Gedräng nichts mehr sehen, den unsichtbaren Feind
nicht erblicken konnten, wurden wie toll vor Angst.
Der Major war stehengeblieben und kaute auf den Schnurrbart. »Sie
erinnern sich doch,« sagte er, »an das Flüßchen, das wir gestern vom
Hügel aus sahen?«
»Jawohl, Major.«
»Na, das hier ist's. Haben Sie eine Ahnung, ob wir links abgekommen
sind? Ich glaube, ja. Die erste Wegkrümmung war nach links, die zweite
ebenfalls, nicht wahr?«
»Jawohl. Die Hügel, die wir sahen, müssen schräg vorne rechts sein.«
»Glaub' ich auch. Hm. Sagen Sie einmal, wie ist Ihnen zumute?«
»Ich -- ich möchte etwas sehen!« stotterte ich.