Wir starrten und starrten, und auf einmal regte es sich auf dem Wasser.
Die Dampfbarkassen der Kriegsschiffe schossen herbei, und Dutzende von
Booten, in denen es von Waffen glitzerte, huschten dem Lande zu. Die
landenden Truppen kamen alle von einem einzigen großen Transportschiff
... Souder sprang nach seiner Kabine und holte die Liste der Schiffe
und Truppen.
»Roosevelt ist's!« rief er. »Die Rauhen Reiter!«
* * * * *
So landete Theodore Roosevelt mit seinem Regiment als Erster auf
kubanischem Boden. Er hatte es durchgesetzt, daß ihm die Ehre der
Vorhut zugeteilt wurde. Man hat Roosevelt oft genug nachgesagt, daß
er auch als Reiteroberst der praktische Politiker geblieben sei, der
vortreffliche Regisseur, der sich und seine Leute geschickt in Szene zu
setzen wußte mit vollberechneten Effekten. Sicherlich zu unrecht. Der
Mann, der in sein Leben eine so gewaltige Fülle von Sehen und Schaffen
und Erfolg hineindrängte, wie wenige Männer seiner Zeit, und einer
der berühmtesten Präsidenten der Vereinigten Staaten werden sollte,
ahnte damals gewiß nicht, daß jeder Schritt auf kubanischem Boden ihn
dem Präsidentenstuhl näher brachte. Er lebte nur. Er lebte das tätige
Leben. Er war mit Leib und Seele Soldat. Der Name der Rauhen Reiter,
die erst für diesen Krieg angeworben waren, hatte in der Armee bereits
Märchenklang. In Tampa schon waren sie berühmt geworden. Selbst die
alten Regulären aus den Indianerkriegen hatten einen Heidenrespekt
vor dem Regiment, das sich aus den besten Reitern und den sichersten
Schützen des ganzen Landes zusammensetzte, den Cowboys, den westlichen
Grenzern und -- den Söhnen der amerikanischen Millionäre. Aber auch
die mußten »Qualitäten« haben. Kein Mann wurde aufgenommen, der nicht
vorzüglich ritt und besser schoß. Die jungen Millionäre warfen, und das
schien den alten Regulären am märchenhaftesten, links und rechts mit
Gold um sich, und wer in Tampa Tabak brauchte oder Durst hatte, der
ging nur geruhig ins Rauhe Reiterlager. Ein sonderbares Regiment ...
Um Roosevelt selbst kümmerte sich die Armee wenig. Berühmt machte ihn
erst seine Zahnbürste!
Als er eingebootet wurde, schrie ihm sein Bursche nach: »Wie ist das
mit Ihrem Gepäck, Herr Oberst?«
Roosevelt, der Brotsack und Offizierstornister umgeschnallt trug, wie
jeder Soldat, rief zurück:
»Was zum Kuckuck soll ich mit Gepäck? Doch -- eh -- gib mir meine
Zahnbürste!«
Diese nützliche Notwendigkeit eines reinlichen Menschen steckte Oberst
Roosevelt grinsend in das Band seines Rauhen Reiterhuts und bemerkte
dabei, das sei das einzig wirklich nötige persönliche Gepäck. Für alles
andere müsse schon der Herr Generalquartiermeister sorgen! Und fortan
trugen Kind und Kegel, Mann und Offizier der kubanischen Armee Onkel
Sams als besonderes Symbol im Hutband die Zahnbürste.
Der Mann mit der Originalzahnbürste und seine Leute aber machten
nicht nur ihrem Vorschußruhm große Ehre als tolle Draufgänger und
zähe Kämpfer, sondern hatten auch unverschämtes Glück, denn überall
waren sie dabei, wo es wirklich der Mühe wert war. Bei La Quasina,
in der ersten Schützenlinie der Schlacht vom San Juan Hügel, und im
Nahkampf um das Blockhaus. In den ersten Tagen dagegen entging das
Rauhe Reiter-Regiment nur mit knapper Not einer Katastrophe. Die
stürmisch vordrängende Roosevelt-Vorhut fiel in einen Hinterhalt wenige
Kilometer vom Strand und hatte schwere Verluste, ehe es ihr nach kurzem
Feuerkampf gelang, die Spanier zurückzuwerfen.
Den ganzen Tag über waren die Boote hin und hergefahren zwischen
Schiffen und Strand, in langen Ketten, von Barkassen geschleppt. Ein
Regiment nach dem andern wurde gelandet; reguläre Kavallerie, zwei
Infanterieregimenter. Bunt wie eine scheckige Kuh war die »Segurança«,
das Transportschiff des kommandierenden Generals, von Flaggenwimpeln
und flatternd geschwungenen Signalfahnen. Doch die Befehle galten stets
anderen Schiffen.
»6tes Kavallerieregiment ausbooten!«
»7te Infanterie an Land!«
Für uns aber kam kein Befehl. Mit brennenden Augen sahen Souder und
ich durch die Feldstecher und fluchten so grimmige Flüche, daß der
kleine Schwabenkapitän uns schmunzelnd erklärte, er könne ja auch
allerhand leisten, aber das sei der Limit! Wir verwünschten den
kommandierenden General zehntausend Klafter tief unter den Boden,
und seinem Generalstab flehten wir Pest und Verdammnis an den Hals.
Dasitzen müssen an Bord der alten Maultierfähre! Warten müssen, während
lumpige Freiwilligenregimenter an Land durften! Wir kochten vor Wut.
Wir zappelten in kindischer Ungeduld und tanzten Tänze des Jähzorns auf
der Brücke. Endlich hielt es Souder nicht mehr aus. Gegen Abend, als
auf der Segurança eine Pause in dem ewigen Signalisieren eingetreten
war, rief er privatim ihren Signaldienst an:
»=Seg S O -- P P P= -- Segurança Signal Office -- Privat, privat,
privat ...« »Sergeant Hastings hat Dienst!« sagte er zu mir. »Guter
alter Junge, der Hastings. Wird uns schon sagen, was los ist --«
=Seg S O= antwortete prompt: »=I -- I= -- jawohl, jawohl!«
Worauf Souder flaggte:
»Privat! -- Wann -- geht -- Signalstab -- an -- Land?«
Und sofort kam die bissige Antwort: »=Hell knows -- we do not -- you --
go -- to hell -- no time -- to answer fools' questions.= -- Das weiß
die Hölle; wir nicht. Fahrt zur Hölle -- wir haben keine Zeit, jedes
Narren Fragen zu beantworten!«
Souder sprang kerzengerade in die Luft: »Ich bring Hastings um,« schrie
er, »wenn ich ihn erwische! Ich schieß ihn tot! Sieben Löcher mach ich
ihm in den Bauch! Aber ich hab es immer schon gesagt, daß Hastings ein
gemeiner Kerl ist!«
Zu dem Schaden aber hatten wir noch den Spott, denn jedes gesegnete
Schiff im Umkreis rief uns an und signalisierte: =ha -- ha --
ha!= Hahaha aber bedeutet auf telegraphisch ein ganz großes
Gelächter. Woraus ersichtlich ist, daß Soldaten in Kriegszeiten
keine Sonntagsschüler sind und sich nicht immer einer gewählten und
einwandfreien Sprache befleißigen; man spricht scharf und handelt
scharf in solchen Zeiten großer Aufregung. Und dann waren ja weder
Damen noch geistliche Herren anwesend.
Und wir warteten. Wir warteten scheußlich lange. Eine Nacht noch und
fast einen Tag. Während der Nacht aber konnten wir uns wenigstens --
auf dem Umwege über Blinklampen -- mit Hastings privatim unterhalten,
der besserer Laune geworden war. Teile der Blockadeflotte hatten, so
erzählte er, bei Cabañas und Aguadores in Scheinangriffen die Küste
ebenfalls bombardiert -- bei Cabañas waren sogar Truppen gelandet
worden, um die Aufmerksamkeit der Spanier von uns abzulenken -- die
Rauhen Reiter sollten auf spanische Schützenlinien gestoßen sein und
Verluste erlitten haben -- ebenso reguläre Kavallerie. Da wurden
wir natürlich noch zappeliger, und von Schlaf war gar keine Rede.
Gestiefelt und karabinerumhangen hockten wir auf der Brücke, wartend,
wartend, und tranken aus unseren Blechbechern die Flasche Mumm extra
dry, die der gute Kapitän uns zum Abschied spendierte, so gleichgültig,
als sei das edle Getränk Wasser gewesen.
Der Morgen verging. Der halbe Nachmittag noch. Souder und ich wurden
hysterisch. Knurrten wie bissige junge Hunde und suchten verzweifelt
uns die Augen fast aus dem Kopf nach dem Signal, nach dem verdammten
Signal. Da plötzlich hob sich an Bord der Segurança die rote
Korpsflagge mit dem weißen Innenquadrat wieder und rief uns an:
»Signaldienstbefehl -- Signalkorps an Bord Segurança!«
»=I -- I= -- jawohl, jawohl!«
Seine Abschiedsgrüße mußte uns der lachende Kapitän nachschreien, in
solch lächerlicher Geschwindigkeit sausten wir auf Deck und übers
Fallreep in das längst wartende Boot ------
Auf der Segurança gab uns Oberst Green seine Anweisungen:
»Vier Kilometer östlich von hier ist,« so erklärte er ungefähr, »von
der Marine das Haitikabel aufgefischt und die Verbindung mit Washington
hergestellt worden. Telegraphisten der Marine sind dabei, die Linie
unter Benützung der alten spanischen Leitung hierher zu verlängern.
Den Kabeldienst übernehmen Kabelexperten. Unsere Aufgabe ist es,
telegraphische und telephonische Verbindung mit der Vorpostenlinie
herzustellen. Im Einzelnen habe ich euch nur zu sagen: Ich verlasse
mich auf jeden von euch. Wir werden schwere Arbeit haben. Ihr werdet
ganz selbständig arbeiten müssen. Eure Befehle erhaltet ihr über den
Draht. Offizieren der Truppen werdet ihr im Notfalle sagen, daß ihr
strengsten Befehl habt, Anweisungen nur von euren Signaloffizieren
entgegenzunehmen. Depeschen dürfen nur angenommen werden, wenn der
aufgebende Offizier, ganz gleichgültig welchen Ranges, sie schriftlich
gibt und unterzeichnet. Mündliche Nachrichten werden unter keinen
Umständen weder über den Telegraphen noch übers Telephon befördert.
Kommandierenden Offizieren, denen ihr begegnet, werdet ihr melden, der
Chef des Signaldienstes lasse sie bitten, dafür zu sorgen, daß die
Truppen die Drähte nicht beschädigen. Das wäre alles. Noch eins -- ich
verbitte mir jede überflüssige Schießerei! Dazu seid ihr nicht da!«
Da kam sich der Lausbub kolossal wichtig vor.
* * * * *
Die See ging hoch, und längs des Strandes hatte sich eine ungemütliche
Brandungslinie entwickelt. Unsere Boote wurden umhergeschleudert,
als wären sie Eierschalen. Geradeaus am Strand zu landen war
unmöglich. So mußten wir uns der alten Landungsbrücke bedienen, und
die lag gute zwei Meter über dem Wasserspiegel. Es war jedesmal ein
Kunststück, sich von dem stampfenden Boot emporzuschwingen. Stunden
brauchten wir, um die Hunderte von schweren Rollen dünnen isolierten
Kupferdrahtes an Land zu schaffen, die Telephone, die kombinierten
Telephon-und Telegraphenapparate, die Trockenbatterien, die Flaggen.
Ein unbeschreiblicher Wirrwarr herrschte am Strand. Ueberall waren
Säcke, Kisten, Munition aufgestapelt, und zwischen diesen Bergen von
Kriegsmaterial rannten aufgeregte Offiziere umher, die den Proviant
für ihre Schwadronen und Kompagnien haben wollten. Wir errichteten
sofort dicht am Strand die Telegraphenstation mit einer Hauptbatterie
und waren kaum fertig mit Zeltbauen und Aufstellen des Apparats, als
urplötzlich die Dunkelheit hereinbrach und weiteres Arbeiten unmöglich
machte. Mit der Dunkelheit kam Regen. Nein, nicht Regen -- der Ausdruck
ist viel zu schwach -- sondern ein Wolkenbruch. Nein, nicht ein
Wolkenbruch. Sondern es regnete, wie es in den Tropen regnet. Das waren
nicht Wassertropfen, sondern dicke Wasserschnüre, Schnur an Schnur.
Souder und ich hatten vorher schon unser winziges Soldatenzelt
aufgebaut, von dem er die Hälfte trug und ich die Hälfte, und kamen uns
sehr schlau vor, als wir bei den ersten Tropfen schleunigst unter Dach
krochen. Aber ach -- was war ein Zelt gegen diese Wassermassen! Der
angeblich wasserdichte Segeltuchstoff gab nach einer Minute schon den
hoffnungslosen Widerstand auf ...
»Teufel -- rück' ein wenig!« schrie Souder. »Mir läuft ein Bach, ein
richtiger, gesegneter Bach, am Hals herunter!«
»Reg' dich nicht auf um Kleinigkeiten,« erwiderte ich erbost. »Ich --
liege -- in -- einem -- See! Rück' du!«
Doch das konnte er ebensowenig wie ich. Wir füllten das winzige Zelt ja
bis zum letzten Winkel. Oben regnete es herein. Von vorne und hinten
kamen, klatsch, klatsch, die Güsse. Unten rieselte ein Bach.
»=Oh hell!=« sagte der Sergeant, sprang auf und warf dabei das Zelt um,
daß unsere stützenden Karabiner ins Wasser plumpsten. »Nässer können
wir doch nicht werden!«
Und ich sah erstaunt, wie er sich Rock, Hose, Stiefel, Gamaschen, Hemd
herunterriß und splitternackt dastand. »Ich nehme ein Bad!« grinste
er. »Gratis. Passende Gelegenheit. Ein kubanisches Brausebad --
=Shampooing= obendrein -- kost' sonst einen Dollar fufzig ... Wie nett,
daß der Regen hierzulande wenigstens warm ist!«
Ich machte es ihm schleunigst nach, und als kurz darauf unser Major
Stevens, im Gummimantel, eine Magnesiumfackel in der Rechten, in dem
Miniatursee einhertappte, riß er die Augen gewaltig weit auf.
»Eh -- wer ist das? -- eh, Souder -- Carlé -- seid ihr verrückt
geworden? -- na, Jungens, das ist nicht übel!« Wir splitternackten
Kubakämpfer standen ganz mechanisch stramm! »Rührt euch, rührt euch,
Kinder, bei allem was lustig ist! Und nun versucht eben, zu schlafen,
so gut es geht. Ich habe für uns alle Gummiponchos besorgt, und das
nächstemal seid ihr besser daran. =Good night!=«
Nach wenigen Minuten hörte der Regen auf, und erst als wir in unsere
triefenden Kleider krochen, fiel mir Esel ein, daß ich mir ja in Tampa
eine wundervolle, sündhaft teure Hängematte gekauft hatte! Aus Seide!
So dünn, daß ich sie bequem in der Tasche tragen konnte. Sie sollte mir
noch unschätzbare Dienste leisten. Später bekam ich heraus, daß in der
ganzen Armee außer mir nur der kommandierende General noch so schlau
gewesen war, für die so naheliegende Bequemlichkeit einer Hängematte zu
sorgen. Ich band das seidige Ding an zwei Bäumchen fest und kletterte
vergnügt hinein.
»Das ist Seide, nicht wahr?« fragte Souder, mich und meine Hängematte
mit seiner Signallaterne bedächtig ableuchtend. »Stark? Fest?«
»Unzerreißbar!« sagte ich stolz.
»=Very good!=«
Und im gleichen Augenblick war er zu mir hineingeklettert, so entrüstet
ich auch protestierte, und seine patschnassen, schwerbestiefelten Füße
suchten sich mit göttlicher Ungeniertheit ihre Ruhepunkte in der Gegend
meiner Ohren. So lagen wir und rauchten noch lange nassen Tabak aus
nassen Pfeifen. Ach, was waren das für schöne Zeiten! Täte ich heute
dergleichen, so würde ich mir wahrscheinlich keuchenden Husten, eine
schwere Bronchitis und eine tödliche Lungenentzündung holen. Ach, was
waren das für schöne Zeiten!!
Die Kavallerieschwadron im Dickicht nebenan leistete auch für uns die
Dienste einer Weckuhr.
=I can't get 'em up,
I can't get 'em up,
I can't get 'em up in the morning!=
»Sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf des
Morgens ...«
»Heiliger Moses!« keuchte Souder, als er hinplumpste.
»Großer Cäsar!« schrie ich und kollerte neben ihn.
Denn steif wie ein Stock war der eine wie der andere, er und ich; kaum
bewegungsfähig, wie nässeverschimmelt, wie verrostet. Die Kleider
mußten getrocknet sein über Nacht, aber sie waren schon wieder feucht
und klebrig geworden im Morgentau. Wir stampften umher und stellten mit
inniger Genugtuung fest, daß in nächster Nachbarschaft noch vierzehn
andere Gestalten täuschend ähnlich schwankten und stampften, der Major
darunter so gut wie der Leutnant. Geteilte Unbequemlichkeit ist halbe
Unbequemlichkeit. Wir sahen freilich nur die Oberkörper der Gestalten.
Ihre Beine sahen wir nicht. Die ahnten wir nur. Sie steckten wie
auch die unsern in den dickgelben Schwaden des Bodennebels, aus dem
stickige Moderluft heraufdrang, übelriechend, boshaft, giftig -- in
Rauch aufgelöste Pestilenz. Da kroch über das struppige Buschwerk ein
glühendroter Fetzen Sonne --
»Wer -- hat -- eine Kaffeemühle?« schrie der alte Sergeant Hastings.
»Deine Großmutter -- zu Hause!« war Souders prompte Antwort.
Aber das Lachen verging ihm bald, als wir selbander unsere Brotsäcke
und Tornister untersuchten und entsetzt den breiigen Inhalt beguckten.
Die hochfeinen =sandwiches= des guten Schwabenkapitäns hatten sich
in ihre Moleküle aufgelöst -- in Brei -- Brei -- fleischfaserigen
Brei. Doch ein hungriger Magen macht erfinderisch, und wir gingen zum
Bach. Der Brei schwamm fort. Als Niederschlag blieb, was sonst noch
im Brotsack geblieben war: die vier Pfund fetten Specks der eisernen
Ration, ihre zwei Dutzend Schiffszwiebacke, die selbst eine Nacht
im Brei nicht hatte erweichen können, und ihre grünen Kaffeebohnen,
ein halbes Pfund. Salz und Zucker dagegen waren beim Teufel. Wir
nahmen unsere Feldbratpfanne, rösteten vorerst den grünen Kaffee über
offenem Feuer (es wurde nichts Rechtes!) und unterhielten uns dabei
gegen alle Disziplin darüber, wer wohl der verantwortliche Schafskopf
sein könne -- verantwortlich dafür, daß einer eisernen Ration grüne,
ungeröstete Kaffeebohnen beigegeben wurden! Mit dem Rösten ging es ja
noch halbwegs. Aber die Kaffeemühle! Der verantwortliche Schafskopf
hatte obendrein vergessen, der Armee auch nur eine einzige Kaffeemühle
mitzugeben! Souder zerklopfte kurzentschlossen seine Bohnen im
Blechtopf mit einem Stein, und ich mußte anerkennen, daß es einen
besseren Ausweg nicht gab. So bereiteten wir vier Wochen lang das
unentbehrliche Getränk eines Soldaten im Krieg -- wir und die gesamte
Armee! Wenn die Flüche, die damals auf den =commissary general=, den
Chef des Armeeverpflegungswesens, herabgeflucht wurden, wörtlich in
Erfüllung gegangen wären, so hätten zwanzigtausend separate Teufel ihn
siebenmal zwanzigtausendmal separat holen müssen ... Wir brieten uns
Speck. Wir zerbissen die infam harten Zwiebacke.
Leutnant Burnell und sechs Mann blieben bei der Station zurück, um den
Kabelleuten entgegenzuarbeiten. Major Stevens und zehn Mann (dabei
waren Souder und ich) bildeten den eigentlichen Telegraphenbaudienst
der Armee -- elf -- _elf_ -- Mann! Ganze elf Mann!! Wir waren am
Aufbrechen, als ein Meldereiter für die Segurança herbeijagte, der
sich bei uns einen Augenblick verschnaufte und erzählte, daß bei La
Quasina, sechs Kilometer in Front etwa, gestern das erste Gefecht
stattgefunden hatte. Nach schweren Verlusten hatten die Rauhen Reiter
und reguläre Kavallerie unter General Young die Spanier aus ihrer
ersten Verteidigungsstellung geworfen. Die Vorposten standen jetzt eine
halbe englische Meile über La Quasina hinaus.
Wir brüllten uns heiser vor Begeisterung.
Der Major aber durchstöberte mit Hastings, dem dienstältesten
Sergeanten, all das aufgestapelte Material zum Linienbau; den
Haufen von Drahtrollen, die Telephone, die Kombinationsapparate, die
Trockenbatterien, die Eisenstangen für die Erdleitung.
»Wo sind denn die Werkzeuge?« fragte er kopfschüttelnd.
»Wir haben keine!« antwortete der alte Hastings.
»Was?« rief der Major, »keine Drahtzwicker? Keine Klemmzangen? Keinen
Gummi zum Isolieren?«
»Nix, Herr Major!« sagte Hastings. »Wir konnten in Tampa nichts
geliefert bekommen. Wir haben keine Werkzeuge. Ich persönlich besitze
eine Beißzange, die ich auf der Segurança -- hm -- gefunden habe ...«
»Na, hätten Sie da nicht noch mehr finden können?« brummte der Major.
Er kopfschüttelte immer mehr und betrachtete den Haufen von Drahtrollen
und rechnete mit den Sergeanten, wieviel Kilometer Draht wir elf
Mann außer den Instrumenten tragen konnten. Sechs bis acht Kilometer
höchstens. Transportmittel gab es ja nicht in diesem Krieg von
leichtsinnigen Kindern. Dann war er auf einmal verschwunden. Ebenso
plötzlich aber kam er wieder, im Schweiße seines Angesichts einen
großen Proviantkarren vor sich herschiebend.
»Los, Jungens!« keuchte er. »Los -- ehe sie uns erwischen!«
Denn: Der Herr Major hatte unten am Strand den Karren -- gestohlen!
Für die gute Sache! Von da ab hätten wir uns für diesen Mann
totschlagen lassen. Das war ein Mann! Vielleicht erzähle ich
später einmal, wie Major Gustave W. S. Stevens das Schatzamt des
Signaldienstes bemogelte, um das Geld für die ersten Flugversuche der
Armee zu schaffen, das der Kriegsminister und der Chef des Signalstabs
nicht hergeben wollten. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte.
Der Major zog seinen Uniformrock mit den schön glänzenden
Silberstreifen und den goldenen Adlern aus und arbeitete so hart wie
wir daran, die Instrumente und den kostbaren Draht auf dem Karren
zu verstauen. Unterdessen hatten Leutnant Burnell und seine Leute
die ersten fünfzig Meter Draht gelegt und die Verbindung mit dem
Stationsinstrument hergestellt.
Vorwärts ging es jetzt. Der Pfad, der den Hügel hinaufführte, war ein
armseliges Weglein kaum zwei Meter breit und so tief verschlammt vom
Regen der Nacht und den Fußtritten von Tausenden, daß man einsank
bis zu den Knöcheln. Und vollgestopft von Truppen. Infanteristen.
Batterien, deren Mannschaften langsam und mühselig Zoll für Zoll die
Geschütze vorwärtsschoben, denn die Gäule konnten es nicht schaffen.
Links und rechts aber vom Weg starrte der Buschurwald mit seinen
verrankten, verschlungenen, verdornten Gewächsen, die so fest waren wie
eine Mauer und uns keinen Schritt weit eindringen ließen.
»Platz!« schrie Major Stevens. »Spezialdienst. Signalkorps!«
Die Infanterie duckte sich an die Wegseite, und holtergepolter
jagten wir vorbei mit unserem Karren. Wir hatten uns lange Stangen
mit gabeligen Enden geschnitten und warfen den ausgezeichnet
isolierten Leitungsdraht einfach über das Urgebüsch, nur alle
hundert Meter spannend und festknüpfend. Rasch kamen wir vorwärts,
rascher als die Infanterie. Die marschierte nur, während uns die
Neugier vorwärtspeitschte. Dann kamen wir zu den Geschützen und wären
beinahe stecken geblieben, konnten doch die schweren Stahlmassen in
dem engen Pfad nicht ausweichen, wollten auch gar nicht, oder ihre
Herren vielmehr wollten nicht, denn Offiziere und Kanoniere spuckten
ohnehin schon Galle über den miserablen Weg und pfiffen natürlich auf
Telegraphendrähte und derlei Belanglosigkeiten. Wie es uns gelang,
an den Kanonen vorbeizukommen, ist mir heute noch ein halbes Rätsel.
Ich weiß nur, daß der Major fluchte und puffte wie ein Hausknecht,
daß wir den Draht und die Instrumente abluden und sie im Laufschritt
vorwärtsschleppten, daß wir den gestohlenen Karren auseinanderlegten
und ihn stückweise über die Köpfe der Artillerie hinwegtrugen. Dagegen
weiß ich noch ganz genau, daß ich an einer Ecke einem unverschämten
Artilleristen, der mich absichtlich behinderte, eine schwere Drahtrolle
gewaltig um den Schädel schlug ... Wie roh das war! Wie leid mir das
tut in der Erinnerung! Aber -- ach, was waren das für schöne Zeiten!
Jetzt brannte die Sonne kerzengerade hernieder, als hätte sie sich
das Weglein und nur das Weglein zum Heizen ausgesucht, und dampfende,
ekelfeuchte Hitze hüllte uns ein, vermengt mit giftigen Modergerüchen
aus dem tausendjährigen Dschungel zur Seite, dem Hexenkessel mit
seinen häßlichen Dämpfen aus faulender Feuchtigkeit und schwärzendem
Heißsein. Dicht, starr, stand der Urwald. Der Gedanke stieg in mir auf,
wie es überhaupt möglich sein konnte, in dieser eingekeilten Enge einen
Feind anzugreifen oder von einem Feind angegriffen zu werden; eine
Schützenlinie zu entwickeln, vorwärtszustürmen. Da ich zwanzig Jahre
alt und neugierig war, befragte ich den Major darüber, als er neben mir
schritt. In Tampa hatten wir ihn kaum zu Gesicht bekommen. Aber die
wenigen Stunden schon auf kubanischem Boden hatten zwischen ihm und
uns jene eigentümliche Verbindung des Vertrauens hergestellt, die von
Mann zu Mann überspringt nur in Zeiten männlicher Höchstleistung, wenn
jeder, der Führer und der Geführte, hergibt, was in ihm ist. Er war
unser und wir waren sein. Darüber redete man nicht. Das fühlte man. Man
stand zusammen und man fiel zusammen. In unserem Schneid und unserer
Arbeit lag seine Hoffnung auf Glück und Ehren -- und aus seinen Händen
nur konnte unser Lohn gegeben werden.
Die Disziplin litt nicht darunter, wenn auch die äußerlichen
Unterschiede zwischen Mann und Offizier sich als äußerlich und
belanglos verwischten.
»=Well=,« sagte er lächelnd, »es ist eine scheußliche Gegend, wie Sie
ganz richtig bemerken. Ich bin von Hause aus Artillerist und kann mir
lebhaft vorstellen, daß es höllisch unangenehm wäre, würden wir jetzt
mit Schrapnell überschüttet!«
Ich wurde puterrot. »Ich hatte -- aber -- durchaus -- nicht Angst!«
stammelte ich.
»Nein, mein Sohn. Weiß ich. Nebenbei bemerkt gibt es keinen Menschen,
der unter Schrapnellfeuer nicht Angst haben würde. Und weiterhin
nebenbei bemerkt sind wir nach meiner Karte in einer Viertelstunde aus
dem Busch heraus. =Well= -- haben Sie eigentlich Tabak? Ich muß vorhin
mein Etui verloren haben --«
In Bächlein rannte der Schweiß an uns herab, und ich war kaum weniger
naß als nach dem Wolkenbruch in der Nacht vorher. Wir segneten den
schlauen Major und seine Karre aus dankbaren Herzen und schmissen
alles, was nicht niet und nagelfest war, auf das Vehikel; Brotsäcke und
Röcke und Tornister und Wolldecken und Telegraphenapparate. Aber es war
noch immer zu heiß. Einer machte den Anfang, als wir einmal hielten und
Luft schnappten, und die andern machten es ihm schleunigst nach: Ein
schamhaftes Verschwinden hinter einen dicken Baum! Und -- Strümpfe?
Ueberflüssig, weg damit. Unterhemd? Lächerlich, weg damit. Unterhosen?
Unglaublich bei dieser Hitze, weg damit. Jetzt war uns wöhler! Instinkt
hatte uns wie zwanzigtausend anderen Simplizität in der Vereinfachung
der Felduniform gelehrt, die in Zukunft aus Stiefeln, Gamaschen,
Reithose, blauem Flanellhemd, Schlapphut bestand, und sonst aus nichts.
Das war genug und übergenug! Viele von den Offizieren ließen sich die
Schulterstreifen aufs blaue Flanellhemd nähen ... Nur keinen Rock in
dem Backofen!
Jeder einzelne Mann tat sein Bestes. Sicherlich stellte es eine
respektable Leistung dar, beim Linienbauen die marschierenden Truppen
weit zu überholen. Der Draht funktionierte ausgezeichnet. Wir setzten
uns jede halbe Stunde in Verbindung mit Leutnant Burnell in Baiquiri,
der uns an Neuigkeiten meldete, daß der Hauptlandungspunkt von nun an
Siboney sei, wenige Kilometer westlich von Baiquiri. Er lasse zwei Mann
zum Stationsdienst zurück und werde mit den übrigen von Siboney eine
Drahtlinie zum Kreuzungspunkt der beiden Straßen bei La Quasina legen.
Da weitete sich das Weglein, und der Busch wurde niedriger, dürftiger,
bis plötzlich der Schlick des Pfades sich in weichen Moosboden
verwandelte. Rings um uns reckten sich schlanke braune Stämme mit
fächerigen Wipfeln empor; ein Hain von Kokospalmen.
»Teufel!« sagte Major Stevens.
»Tausend Teufel!« -- sagten wir ...
Denn die luftige Schönheit machte auf uns nicht den geringsten
Eindruck, sintemalen sie schwere und langwierige Arbeit bedeutete.
War es doch nun vorläufig zu Ende mit dem wunderschön bequemen und
schnellen Aufwerfen des Drahts auf den dichten Busch. Den Draht einfach
auf den Boden zu legen, ging nicht. Die nachmarschierenden Truppen
hätten ihn zertrampelt, zerrissen. Und nicht einmal Klettereisen hatten
wir!
»Nun, dann klettern wir eben so!« sagte der Major. »Souder, holen Sie
mir doch aus dem Baum da ein halbes Dutzend Kokosnüsse -- und Sie,
Hastings, telegraphieren, bitte, dem Leutnant Burnell, daß wir frische
Kokosmilch trinken und lebhaft bedauern, ihn nicht einladen zu können.«
Schallendes Gelächter. Die gute Laune war wieder da.
Es läßt sich außerordentlich schwer vorstellen, was es heißt, als
todmüder, abgearbeiteter, hitzeerschöpfter Mensch mit schweren
Drahtrollen Kokospalmen hinaufzukrabbeln; ich wenigstens packte mit
Händen und Füßen und Knien ums liebe Leben zu und war schlapp wie ein
nasses Handtuch nach dem dritten Baum. So lernten wir die relative
Wichtigkeit der Werte für die Bedürfnisse des Augenblicks fein
unterscheiden und waren entsprechend froh, als der dreckige Schlamm
und der stinkende Dschungel wieder kamen. Bedeuteten sie doch flottes
Vorwärtskommen für uns. Lichter aber war es. Man konnte wenigstens
sehen. Man hatte Ausblick über den niedrigen Busch und das wuchernde
Gras hinweg auf üppige Baumgruppen tiefen Grüns und sanftansteigende
Hügel im Vordergrund.
In dem Schlamm des schmalen Weges aber, bei einem Grasbüschel hier,
in einer kleinen Bodensenkung dort, an Baumstämmen glitzerten
gelbmetallisch blanke Patronenhülsen und mehrten sich zu vielen
Hülsenhäuflein, als wir uns vorwärtsarbeiteten. Unser Lachen und
Geschwatze war plötzlich verstummt. Ein zertrampelter grauer Schlapphut
lag am Weg -- dort eine Wolldecke -- dort ein Tornister, von dessen
Segeltuchbraun tiefdunkel und bedeutungsvoll rostfarbene große Flecke
scharf abstachen. Und da leuchtete aus tiefem Gras und dornigem
Gestrüpp blanke Erde, frisch aufgeworfen, und aus den lehmigen
Erdschollen ragte Griff und Klinge eines Offizierssäbels. Ungeschickte
Hände hatten das Soldatengrab mit Steinen und Holzstückchen umrahmt.
Man sah der Arbeit die hastende Eile an. Ein zweites Hügelchen
frischer Erde kam, ein drittes; Dutzende jetzt auf einmal. Ein Hut
lag auf dem einen, ein Reiterhandschuh auf dem andern, ein Symbol zum
Wiedererkennen auf jedem ...
Feierlich und langsam erhob der Major die Rechte zum Hut und grüßte,
hochaufgerichtet, kerzengerade, als sei er auf Parade, die Männer, die
da unter dem Boden lagen, gestorben für ihr Land. Ein jeder von uns
verstand. Alle Hände hoben sich zum Salut für die toten Rauhen Reiter.
Wir waren bei La Quasina.
Dicht bei den Gräbern kampierten wir in dieser Nacht. Im
Dämmerungsgrauen, als ich die Wache beim Instrument hatte, meldete der
Draht: »Der kommandierende General wird morgen sein Hauptquartier in
die Vorposten verlegen. Das Signaldetachement erwartet den General auf
der Straße von La Quasina-El Pozo, an einem Punkt, der telegraphisch
mitgeteilt werden wird. Die Linie ist bis tausend Yards über La Quasina
hinaus fertigzustellen.«
Ich weckte den Major.
»Das hätte Zeit gehabt bis zur Reveille ...« brummte er.
* * * * *
»=Señor!=«
»=Señores!=«
»Ich -- Kohlenmann -- Keywestdampfer ... drei Jahr, =damn= -- ich fein
Englisch sprechen ---- «
»Ein klein Biskuit, =señor=, please!«
»=Eviva el Cuba Libre= und gut' =Americanos=« -- und eine Skeletthand
steckte mir eine kohlschwarze Riesenzigarre in den Mund.
»=Plenty= Hunger -- Biskuits =bueno=, aber nix gut die amerikanisch'
Speck ... =damn= Speck --«
Sie zeterten und schrien und kreischten und gestikulierten. »Piff,
piff!« zischte der eine, mit den Händen die Gebärde des Anlegens
und Zielens machend, »hé -- piff, piff, piff, piff ... o -- hé.
=Espagnoles= dort« (er deutete in den Busch) -- =Americanos= piff,
piff, 'urrah, viel 'urrah, viel laufen, =Espagnoles= weg. =Plenty
bueno!=« Ein anderer brüllte: »Da -- da vorne -- =Señores= werden sehen
-- der =commandante= -- der große Garcia -- =el liberator= ...«
Wir standen und starrten. Das also waren kubanische Insurgenten, und
so sahen begeisterte Freiheitskämpfer aus und so schnatterten sie, die
Heroen, die den Tod dem Knechttum vorzogen. Achtundvierzig Stunden
später überzeugten wir uns, ein wie erbärmlich feiges und faules
Gesindel diese berühmten, todesmutigen Freiheitskämpfer in Wirklichkeit
waren. Aber wenn ich schaudernd an die traurigen Gestalten denke, so
möchte ich die überharten Worte bedauern, mit denen wir vollsaftigen,
kraftvollen Männer damals die ausgehungerten Männlein überschütteten.
Sie taugten ja nicht zum Kämpfen und Arbeiten. Das waren keine Menschen
mehr. Nicht einmal Tiere. Sondern wandernde Skelette. Sie hatten sich
ein Lager in den Busch hineingehauen und aus Zweigen ein dürftiges
Obdach zusammengeflickt. In Fetzen schlotterten ihnen die Jacken und
die Hosen aus schmutziggrauem, dünnem Baumwollstoff um die abgemagerten
Glieder, und viele hatten nicht einmal eine Jacke, sondern liefen mit
bloßem Oberkörper umher. So winzig, so krank, so schwach sahen die
kleinen Männlein aus, die viele Monate lang Tag für Tag gehungert
hatten, daß ich mir dachte:
Ein einziger Faustschlag, und nicht einmal ein kräftiger, und =Señor
Insurgente= ist außer Gefecht gesetzt!
Wie arme verkrüppelte Kinder sahen sie aus, die Krieg spielten -- die
man bemitleiden mußte ob des Gewichts des Säbels, den sie an einem
Strick umgeschnallt trugen. Eine schwere und furchtbare Waffe war
dieser Säbel, Machete genannt; eine Art zum Säbel verlängerten Messers,
das nichts ähnlicher sah als dem biederen Küchenmesser deutscher
Hausfrauen, freilich ins Riesenhafte vergrößert. Ein gerader Säbel
mit plumpem Holzgriff und breiter Klinge, haarscharf geschliffen.
Vorzüglich waren auch die Gewehre dieser Jammergestalten: Moderne
Mauserschnellfeurer, deutsches Modell 88, und amerikanische Winchesters
mit kupferumhüllten Geschossen. Die Männer aber hinter diesen Gewehren
waren sicherlich nichts wert.
Die armen, armen Teufel!
Sie bissen gierig in die steinharten Schiffszwiebacke, die wir ihnen
schenkten, und schnatterten dabei über Hunger und Elend. Eine Handvoll
Reis, ein Brotfladen waren Seltenheiten gewesen monatelang; von
Früchten und Beeren hatten sie sich ernährt.
Ein Weib schlich herbei, mit gekrümmter Hand um einen Zwieback
bettelnd. Um ihren Körper war rockartig ein Fetzen schmutzigen
Baumwollstoffs geschlungen, die bloßen Brüste hingen schlaff und
verdorrt weit herab, die hungrigen Augen lagen tief in den Höhlen. An
den Rockfetzen aber klammerte sich ein fürchterliches menschliches
Wesen.
Ein nacktes Kind, ein Mannkind, drei Jahre alt vielleicht, das -- auf
den dürren Zündholzbeinen des Elends einen fürchterlichen Falstaffbauch
trug. Winzige Glieder, ein spitziger, magerer Kopf, und ein
Zuckerhutleib, der in seiner Aufgedunsenheit den Nabel weit vordrängte.
Ein Monstrum, ekelerregend, Mitleid heischend.
»=Nix bueno= -- Mangobauch!« erklärte die Mutter.
Der Major, der Spanisch verstand, schenkte dem Weib einen blanken
Silberdollar und sprach mit ihr. Er erklärte uns das Monstrum. Die
Fruchtnahrung, die auf Erwachsene abmagernd wirkte, führte bei Kindern
zu schweren Verdauungsstörungen, weil nur ungeheure Mengen den steten
Hunger sättigen konnten. Daher der Bauch, das Aufgedunsensein.
Obendrein war die häufigste Frucht, der orangenartige Mango, stark
terpentinhaltig und wurde von einem kindlichen Magen schwer verdaut.
Daher der Name Mangobauch. Zu Hunderten sahen wir später um Santiago
die mißgestalteten kleinen Geschöpfe, die so ausgehungert waren,
daß sie fraßen wie Tiere und an unseren Lagerfeuern Mahlzeiten
hinabschlangen, die ein ausgewachsener hungriger Mann nie hätte
bewältigen können.
Noch lange kreischten sie uns nach, die kubanischen Insurgenten:
»=Eviva los Americanos -- Cuba Libre!=«
Das arme Kind aber heulte zum Steinerweichen in gellenden Mißtönen.
Verschwanden doch mit uns die schönen, schönen Biskuits; infam harte,
kaum genießbare Schiffszwiebacke für uns, köstliche Leckerbissen für
das im Walde gezeugte Geschöpf des Jammers.
* * * * *
Der Pfad war wieder das alte verschlammte, schmale Weglein, eingerahmt
von undurchdringlichem Gestrüpp. Wir konnten den Draht wieder mit
unseren Stangen aufwerfen und kamen rasch vorwärts. Da erschallte
dumpfes Pferdegetrappel und drei Reiter trabten herbei.
»Der kommandierende General!« meldete der führende Korporal kurz, einen
Augenblick seinen Gaul einzügelnd.
Bald darauf kam das Hauptquartier. General Shafter, der
Höchstkommandierende, saß in einem winzigen Wägelchen, das zwei
Maultiere zogen und ein Kavallerist lenkte. Der Stab ritt hinterdrein
im Gänsemarsch, denn so schmal war der Saumpfad, daß zwei Pferde, die
Reiter trugen, kaum nebeneinander schreiten konnten.
Die Kolossalgestalt des Generals lehnte erschöpft im Sitz. Auf Shafters
Knien lag eine Karte. Der Wagen hielt, als der Major vortrat und seine
Meldung erstattete:
»Ein Offizier, drei Sergeanten, sieben Mann des Signaldetachements.
Linie von Baiquiri bis hierher vollendet und in guter Ordnung.«
Der kommandierende General nickte und sagte mit einer Stimme, die so
kinderartig hell und schrill war, daß sie weithin gellte:
»Sehr -- gut -- Major. Bei Jesus Christus -- das -- haben -- Sie -- gut
-- gemacht, Major. Sie folgen, Major, und bleiben -- im Hauptquartier
-- bis -- auf -- weitere Orders -- Jesus Christus!«
Und das Wägelchen rollte weiter. Ein halber =troop=, eine halbe
Schwadron der 6ten Regulären Kavallerie bildete die Eskorte des
Höchstkommandierenden.
So sah ich zum erstenmal den Jesus-Christus-General.
Beim Jesus-Christus-General.
Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter,
Höchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im Spiel. -- Proviant
her! -- Ein sogenannter Spaziergang. -- Die spanische
Verteidigungslinie. -- Die Nacht vor der Schlacht. -- Das
Telegramm nach Washington. -- Die Regimenter ziehen dem Feind
entgegen.
Auf einer Strecke von kaum einer halben englischen Meile passierte uns
Unglück auf Unglück. Mit einemmal funktionierten die Apparate nicht
mehr, als wir wieder Baiquiri andrahten wollten, und der Major mußte
Hastings und zwei Mann zurückschicken, nach dem Schaden zu suchen.
Sie fanden ihn zum Glück bald: ganz in der Nähe des Insurgentenlagers
war der Draht zerrissen. Dann kamen fünfmal hintereinander lichte
Waldstellen, die langwieriges Klettern und Drahtspannen erforderten.
So wurde es Nachmittag, bis wir endlich das Hauptquartier inmitten der
Vorposten erreichten, erschöpft, todmüde. Oberst Green mit dem ihm
persönlich attachierten Signalsergeanten kam uns entgegen.
»Schlafen, Leute!« befahl er. »Myers, holen Sie Kaffee, da hinten beim
Kochfeuer. Und dann wird sofort geschlafen!«
Das Signalzelt war bereits errichtet und das Instrument drinnen
aufgebaut worden. Den Dienst übernahm der Sergeant Oberst Greens. Wir
anderen aber tranken gierig heißen Kaffee, wickelten uns in unsere
Decken und legten uns Mann neben Mann dicht um die Außenwand des
Zeltes; in unseren feuchten, durchschwitzten Kleidern, den patschnassen
Stiefeln, in die der Schlamm trotz allen festen Geschnürtseins
eingedrungen war. Ich war so müde ... »Stiefel ausziehen!« rief
die scharfe Stimme des Majors -- »runter mit den Stiefeln!« Und
widerwillig zog ich sie aus. Ich war so ------ Die Augen konnte ich
kaum offenhalten und nicht der Mühe wert war es mir, den Wirrwarr um
mich zu betrachten. Da standen riesige Zelte und Pferde wieherten im
Hintergrund und viele Offiziere kamen und gingen und ... schlafen, nur
schlafen! Ich schob mir den Tornister unter den Kopf und wickelte mich
fest ein. Da begann das Instrument drinnen zu sprechen in scharfem
Ticktack. Klick, klick, klick -- klack, klack -- kurz, kurz, kurz, --
lang, lang -- aber die klingenden Punkte und Striche flossen in ein
nichtssagendes Geklapper zusammen für mein müdes Hirn -- klick, klick,
klack ... da war ich eingeschlafen.
* * * * *
Das Hauptquartier lag dicht am Weg, an dem ewigen Schlammpfad, den
keiner der Männer von Kuba je vergessen wird. Gegenüber ragte der
dornige Busch. Die Zelte standen in einer Lichtung, in der einmal
ein Haus gewesen sein mußte, denn verwittertes Gebälk lag umher,
und gegen das Weglein zu trotzte noch ein Stück Zaun aus verfaulten
Pfosten und verrostetem Stacheldraht. Das Signalzelt war dicht beim
Eingang aufgebaut. In Linie, nicht weit davon, schimmerte weißgrau
das Dutzend Zelte des Stabes, und hinter ihnen erhoben sich die
winzigen Segeltuchhütten der trooper der 6ten Kavallerie. In der Mitte,
fünfzig Schritte vor uns, stand das Zelt des kommandierenden Generals.
Zwei Pfostenpaare waren kreuzweise in den Boden geschlagen und eine
Hängematte an ihnen befestigt. In dieser lag krank und mürrisch General
Shafter, der Befehlshaber der Armee, der alte Indianerkämpfer, der
Mann, den der amerikanische Reguläre niemals anders nannte als den
»Jesus-Christus-General«. Es sind später viel Steine geworfen worden
auf diesen Mann; einen Zauderer hat man ihn genannt und Schlimmeres
in seinem Land. Ein Zauderer war er. Aber die Schimpfer vergaßen,
daß auf seinen Schultern und nur auf seinen Schultern die ungeheure
Verantwortung für das Leben von vielen Menschen und die Ehre einer
Flagge ruhten, die gar arg bedroht waren durch den Leichtsinn, der
in Hast und Aufregung die Sorge für eine Armee sehr leicht genommen
hatte. Doch das verstand ich erst später. Wenn ich von General Shafter
in diesen Seiten erzähle, so darf der Leser nicht vergessen, daß ich
versuche, ganz einfach zu schildern, was der Lausbub im Soldatenrock
damals sah -- das wirkliche Sehen und Hören. Der Jesus-Christus-General
hatte für mich Zwanzigjährigen im Lager damals und im Feld später
nicht viel von der Glorie des Leiters einer kämpfenden Armee, sondern
ich sah mit meinen jungen Augen nur das Allzumenschliche des Kranken
und Uebererregten. Der Mann heute versteht. Daß jene Tage in Kuba dem
amerikanischen Invasionsheer keine Katastrophe brachten sondern Siege,
ist für den nüchternen Beurteiler ein Wunder. Und Shafter wußte das!
Als einziger vielleicht. Er wußte, daß kein Proviant da war -- er
wußte, daß alle Vorteile des Geländes auf der Seite des auch numerisch
starken Gegners lagen. Er wußte recht gut, weshalb er zauderte. Dennoch
gebe ich meine Eindrücke ungeschminkt wieder, denn über das Persönliche
weit hinaus zeigen sie etwas einzig Dastehendes in der modernen
Kriegsgeschichte: Eine Schlacht, einen Feldzug, der nicht von Generalen
gewonnen wurde, sondern von einzelnen Häufchen tapferer, zäher
Männer, die in jungenhafter Begeisterung fröhlich drauf losgingen,
ohne sich viel um Befehle zu scheren. Das Männliche, das Tüchtige des
Einzelnen war Trumpf und gewinnende Karte in dem riskanten Spiel dieses
sonderbaren Krieges.
* * * * *
Dutzende Male brachte ich dem General Shafter Depeschen an jenem 30.
Juni des Jahres 1898, und jedesmal sagte er mit der gleichen dünnen,
schrillen Falsettostimme, die einem durch Mark und Bein drang:
»Jesus Christus -- was gibt's?«
Es ist kaum möglich, das Scharfe, Ungeduldige wiederzugeben, das in
dem ewig wiederkehrenden Ausruf lag, der dem General seinen Beinamen
eingetragen hatte. Frömmlern gab es später nach dem Kriege, als von
Shafters Eigenheiten erzählt und geschrieben wurde, Veranlassung, ihn
als gotteslästerlichen Frevler zu verdammen.
»Lasse Oberst Green bitten -- Jesus Christus -- marsch, Mann -- halten
Sie sich nicht mit Salutieren auf -- Jesus Christus!«