Allan McGrady fiel beinahe vom Stuhl --

»Heh? Sagen Sie das noch einmal!« schrie er.

»Ich habe mich im Presidio anwerben lassen. Ich wollte nun einmal nach

Kuba ...«

»Ist also kein schlechter Witz?«

»Nein.«

»Sie Dickschädel -- Sie ganz unglaublicher Dickschädel! Ich pflege mir

meine Entschlüsse gerade auch nicht vier Wochen lang zu überlegen, aber

das bricht doch den Rekord! Läuft das Söhnchen hin und wird Soldat!

Mir nichts, dir nichts! Weshalb sind Sie denn eigentlich nicht zu mir

gekommen? Hätten mir doch wenigstens sagen können, was Sie vor hatten!

So viel Vertrauen zu mir hätten Sie doch wenigstens haben können!«

Ich versuchte, ihm zu erklären, daß das alles sehr plötzlich gegangen

war.

»Verdammt plötzlich!« rief McGrady. »Verdammt unüberlegt. Sie haben

sich in die Nesseln gesetzt! Aber ich werde dafür sorgen, daß Ihnen

aus Ihrem Anstellungsvertrag mit dem Examiner keine Schwierigkeiten

erwachsen. Schließlich hat jeder Dickkopf das Recht, sich den Schädel

an derjenigen Mauer einzurennen, die ihm am besten gefällt!«

Er lachte und nickte vor sich hin. »Im Grunde verstehe ich Sie ja. Ich

glaube überhaupt, daß in mir ein besonderes Verständnis ist für -- nun,

sagen wir, unschilderbare Sausewinde Ihres Schlags; die Götter mögen

wissen, weshalb und woher. Also: Die Dummheit haben Sie nun einmal

gemacht, denn eine Dummheit ist es vom Standpunkte der Vernunft.

Eines möchte ich Ihnen aber sagen, mein Junge -- sorgen Sie dafür, daß

Sie so schnell als möglich wieder aus der Uniform schlüpfen, wenn die

Geschichte vorbei ist! Sie sind viel zu jung, als daß man auch nur eine

Ahnung haben könnte, was aus Ihnen noch werden wird, aber -- well, das

ist alles Unsinn! Lassen Sie von sich hören, =sonny=!«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mac.«

Und der gereifte Mann, der mir stets ein väterlicher Freund gewesen

war, schüttelte mir die Hand. Der Amerikaner hatte Verständnis für den

abenteuerlichen Drang und dessen Wert im Leben. In der alten Heimat

drüben hätten sie mich einen leichtsinnigen Narren genannt; mehr noch,

einen Verlorenen, der eine gesicherte soziale Stellung um einer Laune

willen wegwarf. Ich wollte aber auf meine eigene Fasson selig oder

unselig werden ...

»Uebrigens wollte ich auch als Soldat für den Examiner schreiben über

--«

Mac unterbrach mich. »Werden verdammt wenig Zeit und Gelegenheit dazu

haben! Lassen Sie aber von sich hören. Kommen Sie wieder, so wartet

hier ein Platz für Sie; gegen Zeilengeld im schlimmsten Fall.«

Noch ein Händedruck.

Ich habe Allan McGrady nie wieder gesehen.

* * * * *

=»B« Company= des ersten regulären Infanterieregiments war auf voller

Kriegsstärke und ich der einzige Rekrut. Meine Ausbildung drängte sich

in Tage zusammen, und wenn der Lausbub auch Lust und Talent gehabt

hätte, zu nachdenklicher Besinnung zu kommen, so würde er doch ganz

gewiß keine Zeit dazu gehabt haben.

Ein neues Spiel begann. Ein Wirrwarr neuen Lernens. Der alte Korporal

meiner »=squad=« wurde dazu abkommandiert, mich in seine besondere

Obhut zu nehmen. Zum Uniformdepot ging es zuerst, und in einer Stunde

war ich ein bewaffneter und uniformierter blauer Junge Onkel Sams

geworden. Hellblaue Hosen, knappe dunkelblaue Jacke, Mütze. Alles

neu, aus ausgezeichnetem Stoff, gut sitzend. Die Sparsamkeiten der

Alten Welt, deren Armeen ihre Uniformen von Soldatengeneration auf

Soldatengeneration vererben, liebt der Amerikaner nicht. Dafür bezahlt

er für seine kleine Armee ein Militärbudget, das fast so hoch ist

wie diejenigen der europäischen Mächte ... Mein Bett, die »=bunk=«,

wurde mir angewiesen im Mannschaftszimmer, mit nagelneuen Wolldecken

und nagelneuem Bettzeug. Dann marschierte mich der alte Korporal nach

einem einsamen schattigen Fleckchen in einer Eichenallee beim großen

Paradefeld des Presidio, und heiße Arbeit begann. Leibesübungen.

Kommandodrill. Gewehrgriffe. Arbeit von morgens bis abends, aber

Arbeit, die mir genau die gleiche Freude machte wie das Lernen auf der

Texasfarm und in der Texasapotheke und bei der San Franziskozeitung,

denn wie jenes weckte sie den Ehrgeiz, sich geschickt und rasch

auffassend zu zeigen. Und dann war's eine kleine Episode. Das

Große lag im Kommenden. Fabelhaft rasch ging's mit der Ausbildung.

Korporal Jameson, der schnauzbärtige alte Kalifornier, verstand sein

Soldatenmetier von Grund auf und hielt sich nicht mit langweiligen

Wiederholungen auf, sobald er merkte, daß der neue Kompagnierekrut

begriffen hatte.

»=You're allright=,« sagte er. »Lesen Sie das Zeug selber!« Und gab mir

sein =Manual of Infantry-Drill=, das Infanteriereglement. Da suchte ich

mir die einfachen Anweisungen für den Kompagniedrill heraus, während er

gemütlich seine Zigarette rauchte, und dann probierten wir's praktisch.

Wenn ein einziger alter Unteroffizier sich Tag auf Tag einzig

und allein nur mit der Ausbildung eines einzigen jungen Soldaten

beschäftigt, der weder dumm noch faul ist, so können Wunder an

Schnelligkeit erzielt werden. Zehn Stunden und mehr im Tag wurde

gearbeitet. Zu dem Infanteriedrill kam während zwei Stunden des

Nachmittags Unterweisung im Signaldienst durch den Signalsergeanten

Hastings. In Flaggensignalen vor allem, denn so einfach auch der Code

des »Wiggelwaggelns« war, so erforderte es doch viel Uebung des Auges

und beim Gebrauch des Feldstechers. Aber es war sehr interessant.

Die großen Signalflaggen, zwei Meter beinahe im Quadrat und an einer

drei Meter langen Stange befestigt, bildeten die Buchstaben durch ein

Geschwungenwerden nach rechts und nach links. Die rechte Seite hieß

2, die linke 1. So bedeutete ein einmaliges Schwingen nach rechts

den Buchstaben =c=. Aber in der Signalsprache sagte man nicht =c=,

sondern 2. Alle Buchstaben waren Kombinationen dieser beiden Ziffern.

22, also ein zweimaliges Schwingen nach rechts, bedeutete a; 11, ein

zweimaliges Schwingen nach links, bedeutete n; 212, rechts -- links

-- rechts war =m=. Eine Pause, ein gerades Emporhalten der Flagge vor

dem Leib trennte die einzelnen Buchstaben. Ein gerades Niederschwingen

der Flagge auf den Boden zeigte das Ende eines Wortes an; ein

zweimaliges Niederschwingen den Schluß eines Satzes; ein dreimaliges

den Schluß der Depesche. Die Flaggen, die je nach der Witterung, der

Sichtigkeit und dem Hintergrund aus Rot mit weißem oder Weiß mit rotem

Zentrum bestanden, waren auf sehr große Entfernungen sichtbar. Wir

verständigten uns mühelos vom Presidiohügel nach dem Meeresstrand

hinunter, eine Entfernung von fast zwei Kilometern.

Noch viel mehr Freude machte mir der Heliographendienst, denn hier

konnte eine Geschwindigkeit erzielt werden, die dem Telegraphieren

wenig nachstand. Es war ein raffiniertes kleines Instrument, dieser

sprechende Sonnenspiegel -- zwei auf einer stählernen Querstange

angebrachte Spiegel, die sich durch ein Präzisionswerk von Schrauben

nach jeder Richtung hin einstellen ließen. Der eine Spiegel wurde

durch Korn und Kimme wie bei einem Gewehr scharf auf den Empfänger

einvisiert, der andere so, daß er die Sonnenstrahlen direkt auffing.

Die beiden Spiegel ergänzten sich und warfen nach den feststehenden

Regeln der Lichtspiegelung und ihrer Brechungswinkel zusammen ein

glänzendes Licht in Form einer großen künstlichen Sonnenscheibe nach

dem anvisierten Punkt.

Vor den Spiegeln stand eine Deckplatte, die durch leichten Fingerdruck

geöffnet und geschlossen werden konnte. Mit langen und kurzen

Lichtblitzen übermittelte man so die Buchstaben des Morsealphabets.

Daneben kamen Uebungen im Legen und Verbinden von Telegraphen-und

Telephonleitungen und das interessante Anzapfen, das »Melken« der

städtischen Drähte auf offener Straße mit unseren Taschenapparaten.

Der Signalrekrut wurde auf den Krieg vorbereitet.

Holtergepolterarbeit war es, mit viel Aufregung und mit vielem Lernen.

Und mir gefiel es immer besser im Soldatenrock.

Von meinen Freunden beim Examiner hörte ich nur ein einziges Mal.

Das war an einem Nachmittag, als ich auf Jamesons Kommandos voller

Eifer mit Holzpatronen »schnellfeuerte«. Da tauchten am Alleerand zwei

Gestalten auf, und als ich hinsah, erkannte ich Ferguson und Hayes.

Gemütlich kauerten sie sich unter eine Eiche und sahen zu.

»Wohl Freunde von Ihnen?« fragte der Sergeant leise. »Ja? Dann wollen

wir Schluß machen!« Wie alle Sergeanten witterte Jameson Bier!

»Weggetreten!« kommandierte er.

Zwei Stunden später brachte ich meine Freunde zum Fortausgang.

»Freund, Sie sind ein großer Narr!« sagte Ferguson. »Aber wenn ich so

jung wäre wie Sie, hätte ich's vielleicht auch so gemacht. Viel Glück!«

Ich aber dachte: »Der Narr bist du, guter alter Ferguson. Du mußt in

San Franzisko bleiben -- und ich gehe nach Kuba!«

Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba.

Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden Majore. --

Eine kleine Vergeßlichkeit. -- Segenswünsche und Vorschußlorbeer.

-- Von lieben diebischen Mägdelein. -- Die Armee in Hemdärmeln. --

Das militärische Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische

Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von Santiago de

Cuba. -- Die Depeschenhölle. -- Roosevelts Rauhe Reiter ohne

Gäule! -- Auf dem Meer. -- Eine schwäbische Ueberraschung. -- Von

redenden Tuchfetzen und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. --

Beginn des Bombardements von Baiquiri.

Das Kriegsfieber schüttelte Amerika.

Ein guter Mann, so sagen kluge Frauen, muß wie ein Kind sein, in seinem

Tiefsten, Innersten, Wahrsten. Unter der männlichen Oberfläche, die

in der Welt draußen ein einheitliches Gefüge von Kraft und Arbeit

scheint, versteckt sich das große Kind mit dem Lachen und Weinen des

Kindes, dem aufstampfenden Trotz und der Weichheit, dem Begehren nach

Spielzeug, dem begeisterten Haschen nach allem Neuen, dem Leichtsinn,

den Ungezogenheiten. Dies Kindsein liegt tief in der Natur der Männer

des amerikanischen Reichs; tiefer als in irgend einem anderen großen

Volk. Das Draufgängertum, das Jungfrische, das Kindliche. Die Männer,

die später die Kosten des Panamakanalbaus um die Kleinigkeit von 500

Millionen unterschätzten, weil sie viel zu begierig nach dem neuen

Spielzeug waren, sich bei langweiligem Rechnen lange aufzuhalten,

sprangen mit gleichem Unbekümmertsein in Kriegstrubel und Kriegsgefahr.

In Tagen wurde eine Armee aus dem Boden gestampft. Der Miliz mit

ihrem ausgezeichneten Menschenmaterial fehlte es an Offizieren.

Da beförderten die amerikanischen Kinder ganz einfach fast jeden

Offizier der regulären Armee um einen, zwei, oft drei Grade, machten

die Leutnants zu Majoren, die alterfahrenen Sergeanten zu Leutnants,

und steckten sie in die Milizregimenter. Die Glückssoldaten holte

man herbei, die in den südamerikanischen Revolutionen Truppen

geführt und Pulver gerochen hatten. Ein Roosevelt pfiff auf sein

Ministerportefeuille und wurde aus dem Unterstaatssekretär der

Marine ein einfacher Reiteroberst, der Rauhe Reiter warb. Zeltlager

erstanden überall im Land. Millionen von Goldstücken wurden mit

vollen Händen hinausgeschleudert, den Kriegsbedarf über Nacht zu

schaffen. Es fehlte an Torpedojägern, an Depeschenbooten. Da kaufte

man für Unsummen die schnellsten Hochseeschlepper und die flinksten

Privat-Yachten der amerikanischen Häfen, armierte sie mit Geschützen

-- und die Flottenergänzung war fertig. Man verschwendete Millionen an

die Ausrüstung der Invasionsarmee -- und die großen Kinder vergaßen

ganz, ihr auch nur eine einzige Feldbäckerei, eine einzige Kaffeemühle

zu beschaffen. Schiffszwieback, fetten Chicagospeck, ungebrannten

Kaffee gab man ihr mit als Tropenkost! Hätten die Kämpfe um Santiago

nur drei Wochen länger gedauert, so wäre auch der letzte Mann von

Zwanzigtausend von der Speckruhr gepackt worden. Die leichtsinnigen

Kinder, die sich auf die deckende Macht an Menschen und Gold ihres

Landes verließen, rechneten ja gar nicht damit, daß der Feldzug länger

als einige Wochen dauern könnte. Gelandet -- gesiegt -- die Spanier

über den Haufen geworfen! So rechnete man! Beinahe -- _beinahe_ -- wäre

es anders gekommen!

Ein Krieg des Leichtsinns und des Optimismus.

* * * * *

General Shafter, der kommandierende General des Departements der

pazifischen Küste, war zum Höchstkommandierenden der Invasionsarmee

ernannt worden. Mein Oberleutnant Green zum Oberst und Chef des

Signaldienstes. Zwölf Stunden nach Eintreffen der Marschorder zogen

der Stab des Kommandierenden und das erste Infanterieregiment

durch das flaggenwimmelnde, jubelnde San Franzisko, und auf der

=Southern Pacific= ging es gen Süden und Osten, vom Stillen Ozean zum

Atlantischen Meer, nach Tampa in Florida. Dort konzentrierte sich die

Invasionsarmee.

Im Schlafwagen fuhren wir! Selten wohl ist eine Armee so teuer, so

bequem, so schnell befördert worden. An den Hauptstationen hatten die

begeisterten Bürger riesige Tische aufgestellt und sie mit guten Sachen

beladen, und wenn der Zug hielt, dann konnte man sich einfach nicht

retten vor händeschüttelnden Männern, die einem Zigarren in die Taschen

stopften, und alten Damen, die einen mit Delikatessen und frommen

Segenswünschen überschütteten. Es war wie eine Fahrt durchs Märchenland

inmitten von lauter Knusperhäuschen, die man nur anzubeißen brauchte.

Von den Härten kriegerischer Zeiten hat in jenen Tagen gewiß kein

einziger Mann der Zwanzigtausend, die auf Schnellzügen nach Florida

eilten, auch nur das Geringste verspürt. Nichts war zu gut und zu teuer

für die blauen Jungens.

Es gab Vorschußlorbeer in gehäuften Massen. Wer eine Uniform trug,

wurde verhätschelt -- besonders von der jungen Weiblichkeit. Onkel Sams

Töchter hatten es sich in ihrer glühenden Begeisterung in die Köpfchen

gesetzt, sich wenigstens kriegerische Trophäen unter die Kopfkissen zu

stecken und vom Krieg zu träumen, konnten sie selbst nicht kämpfen. In

Scharen überfielen sie unseren Zug an jeder Haltestelle und geizten

nicht mit Küssen und Versprechungen, für uns zu beten. Das war sehr

angenehm. Ich bin leider nie wieder in meinem Leben von so vielen

holdseligen Mägdelein geküßt worden.

Weniger angenehm jedoch war, daß die Frauenzimmerchen dabei stahlen

wie die Raben! Sie mausten die Patronen aus den Gürteln und schnitten

einem beim Küssen heimtückischerweise die blanken Knöpfe von der

Uniform. Am zweiten Tag hatte ich überhaupt keine Knöpfe mehr am Rock

und mußte mir Sicherheitsnadeln erbetteln, meine Blöße zu decken. Die

farbiggestickten Flaggen an den Aermeln, das Abzeichen des Signalkorps,

und die Messingflaggen an der Mütze gingen schon am ersten Tag heidi.

Aber es war dennoch sehr schön.

Knöpfe konnten ja telegraphisch nachbeordert werden.

So zogen wir gegen Tampa, den berühmten Winterbadeort der

amerikanischen Millionäre, und -- schnappten entsetzt nach Luft. Tampa

mochte ja ein Traum von Schönheit sein im Winter -- jetzt, im Sommer,

konnte man es ein Vorgemach der Hölle nennen. Wir zogen uns schleunigst

die Röcke aus und nahmen sie so bald nicht wieder in Gebrauch. Sobald

-- das heißt, vier Monate lang, denn kurz darauf in Kuba trug man

erst recht keinen Rock. Man nannte uns schwitzende Gesellen die Armee

in Hemdärmeln! Feuchtheiß war die Luft und heiß der gelbe Sand und

lauwarm das Wasser des Meeres am Strand. Sengende Hitze lagerte über

den Tausenden von Zelten, die das Städtchen umrahmten, und es mag

ungemütlich genug gewesen sein in den winzigen Segeltuchhütten. Dagegen

hatten wir vom Signaldienst das große Los gezogen. Wir wohnten vornehm

im Tampahotel, das sonst nur Millionäre beherbergte.

Im Privatbureau des Hotelbesitzers war der militärische

Telegraphendienst eingerichtet worden.

Dort hauste der Teufel der Aufregung.

Während der Tage des Wartens auf das Einschiffen lebten wir

Telegraphisten in ständigem Hasten. Das Signaldetachement bestand aus

Oberst Green, dem Major Stevens, vom Artillerieleutnant drei Grade

höher befördert, dem Leutnant Burnell, vom Signalsergeanten befördert,

sieben Sergeanten und vierzig Mann. Ich gehörte zu der Stabsabteilung

von sechzehn Mann unter Major Stevens. Die übrigen, von denen wir

völlig getrennt waren, bildeten das Ballon-Detachement. Wir Signalleute

waren sehr selbständig, denn die Offiziere wurden durch den geheimen

Nachrichtendienst, die Verhandlungen mit kubanischen Insurgenten,

das Dechiffrieren ganz in Anspruch genommen. Die Verantwortung

des eigentlichen telegraphischen Dienstes war uns ganz allein

aufgehalst. Das Arbeiten mit den vorzüglichen Apparaten und der gut

funktionierenden Linie bot freilich äußerlich keine Schwierigkeiten.

Aber man lebte in einer Luft furchtbarer Aufregung. Wir sechzehn Mann,

drei Sergeanten darunter, hatten vier Morseapparate und vier =long

distance= Telephone zu bedienen. Die Arbeit hetzte. Es schwirrte von

Depeschen aus Washington. Die Rapportmeldungen jagten sich, wurden

doch alle Telegraphenleitungen, nach dem Norden sowohl wie besonders

nach den kleinen Floridainseln, militärisch überwacht, um ein Anzapfen

des Drahtes durch Spione zu verhindern, und die Führer der Patrouillen

mußten sich in bestimmten Zeitabständen melden. Ein unbeschreiblicher

Wirrwarr von Ausrüstungsfragen, Personalangelegenheiten,

Chiffretelegrammen huschte über den Draht. Tag und Nacht arbeiteten wir

im Schweiße unserer Angesichter. Kaum Zeit zum Schlafen fanden wir.

Jeder Einzelne von uns war gewarnt worden, daß jede Nachlässigkeit im

Aufnehmen von Meldungen durch ein Kriegsgericht schwer bestraft werden

würde. Verrat von Telegrammen wurde mit Erschießen bedroht.

Aber mit keinem Zeitungskönig hätt' ich getauscht!

Denn keiner in der Armee außer den höchsten Offizieren konnte dem

Pulsschlag der Ereignisse so lauschen wie wir Signalleute.

Unsere gierigste Neugier galt den Telephonen. Ueber sie kamen die

wichtigsten Depeschen, telegraphisch abgeklopft zur Vorsicht, mit einem

Bleistift am Schallbecher, im Armeecode, der sich vom üblichen Morse

etwas unterschied. Die Meldungen der Flotte.

In den Tagen des Hangens und Bangens in Tampa galten alle Hoffnungen

und alle Befürchtungen den Nachrichten vom Meer. Die spanische Flotte

in Westindien war verschwunden. Man wußte, daß kurz vor Ausbruch

des Krieges in den kubanischen Gewässern nur einige Stationsschiffe

gewesen waren, ein starkes Geschwader aber unter Admiral Cervera

auf hoher See kreuzte. Nach diesem spanischen Geschwader suchten

seit vielen Tagen in nimmerendender Jagd die gesamten atlantischen

Seestreitkräfte der Vereinigten Staaten. Torpedoboote und Torpedojäger

huschten von kubanischem Hafen zu kubanischem Hafen. Die Linienschiffe

patrouillierten den Ozean weithin ab. Cervera und seine Flotte

blieben verschwunden -- und waren doch wieder gegenwärtig wie ein

aus dem Nichts drohendes Gespenst. Die Kenntnis ihrer Stellung, ihre

Vernichtung war der Angelpunkt, um den alles sich drehte. Schien

doch ein Transport von zwanzigtausend Mann in ungeschützten Schiffen

selbst unter stärkster Flottenbedeckung ein =va banque= Spiel,

solange die Gefahr bestand, daß Cervera die in sich selbst wehrlosen

Truppenschiffe angreifen würde. Bis eine Seeschlacht geschlagen war,

konnten alle Transportschiffe gesunken sein!

Tag für Tag kamen und gingen die Gerüchte und die falschen Meldungen.

Da telephonierte ein Torpedojäger von einer der winzigen Floridainseln,

siebzig Seemeilen südlich seien starke Rauchwolken gesichtet worden;

Bericht folge. Drei Stunden später kam zum Herzbrechen enttäuschend

die Aufklärung: Englischer Kohlentramp! Beschlagnahmt! Oder es hieß:

Gestern gemeldeter Radius abgesucht. Erfolglos ...

Von Stunde zu Stunde stieg die Aufregung in Tampa. In dem kleinen

Vorzimmer des Telegraphenraums warteten ständig Offiziere des

Generalstabs auf die neuesten Drahtmeldungen, und selten verging ein

halber Tag, in dem nicht die unsinnigsten Gerüchte umherschwirrten.

Bald sollte ein spanisches Torpedoboot unweit Tampas gesichtet worden

sein -- bald gar eine entscheidende Seeschlacht geschlagen ... Draußen

aber in Port Tampa an den riesigen Kais harrten in langen Reihen die

schwarzen Kolosse der Transportdampfer, ständig unter Dampf.

Bis das Gespenst beschworen wurde.

An einem heißen Sonnenmorgen kam, wieder von einer der kleinen Inseln

bei Key West, eine Depeschenboot-Meldung der Flotte übers Telephon:

_Gesuchtes Santiago!_

In den Hafen von Santiago de Cuba hatte sich die spanische

Westindienflotte geflüchtet, um zu kohlen und zu reparieren. Und saß in

der Falle! Jener Hafen lag weit inland, und seine Einfahrtstraße war

so schmal, daß zwei Schiffe sie nicht gleichzeitig passieren konnten

-- vor dem Hafen aber lag nun das starke atlantische Geschwader der

Vereinigten Staaten. Die spanische Flotte konnte nicht heraus. Die

amerikanische nicht hinein. Die Spanier durften den Durchbruch kaum

wagen, hätten sie sich doch einzeln Schiff für Schiff angreifen lassen

müssen; die amerikanische Einfahrt hinderten Seeminen und die Kanonen

des Morrokastells am Hafeneingang.

Sergeant Souder hatte die Depesche dem Kommandierenden gebracht. Eine

Viertelstunde später stürmte ein Generalstabsoffizier herein, schloß

vorsichtig die Türe und erklärte uns halblaut, daß derjenige um seinen

Kopf rede, der auch nur den Namen Santiago de Cuba erwähnen würde. Als

er gegangen war, sahen wir uns mit glänzenden Augen an, und der alte

Sergeant Hastings ließ eisige Limonade bringen mit sehr viel Sodawasser

und sehr wenig Sherry, denn er und wir alle wußten, daß jetzt harte

Arbeit kam. Es dauerte auch nur Minuten, bis Oberst Green erschien

und den telegraphischen Befehl an alle Hauptstationen gab: Draht nach

Washington frei bis auf weitere Order! Damit war aller Privatverkehr

und jeder amtliche Verkehr der Zwischenstationen ausgeschaltet. Eine

Depesche konnte wenige Minuten nach Abgang von Tampa schon im Weißen

Haus in Washington vom Präsidenten und vom Kriegsminister gelesen

werden.

Während der nächsten zwanzig Stunden war das Telegraphenzimmer

eine Hölle. Schweißtriefend saßen wir vor den Apparaten, uns jede

halbe Stunde ablösend, und sandten und empfingen die endlosen

Chiffretelegramme.

Die Würfel der Entscheidung waren im Rollen.

* * * * *

Shafters Armee sollte Santiago de Cuba angreifen. Wenn diese Festung

fiel, war die spanische Flotte den vereinigten amerikanischen

Streitkräften zu Wasser und zu Lande ausgeliefert.

Revolver umgeschnallt, den Krag-Jörgensen Karabiner zur Hand, Tornister

neben uns, so arbeiteten wir bis zur letzten Minute, während die Armee

sich einschiffte. Als die letzten gingen wir an Bord. Je zwei von

uns waren auf ein Transportschiff zum Signaldienst während der Fahrt

kommandiert worden. Den Namen meines Dampfers habe ich vergessen, das

Schiff aber und seinen Kapitän nicht. Es war eines der kleinsten,

vollbepackt mit Maultieren, die zum Lastentransport verwendet werden

sollten; den einzigen Vierfüßlern der Invasionsarmee außer ganz wenigen

Pferden für den Stab.

Die Pferde der Kavallerie mußten auf Shafters Befehl in Tampa

zurückgelassen werden, weil unsere Kundschafter gemeldet hatten, daß

Kavallerie in dem Kriegsgelände keine Verwendung finden könne. Teddy

Roosevelt und seine Rauhen Reiter von Cowboys stellten sicherlich ein

Kavallerieregiment dar, nach dem jeder Kavalleriegeneral sich die

Finger geschleckt hätte, und ihren Weltruhm haben er und sein Regiment

ehrlich und ernsthaft verdient. Aber komisch bleibt es doch, daß der

berühmte Rauhe Reiter Name mit Gäulen so gar nichts zu tun hat. Als

Infanteristen kämpften sie und fluchten sehr, weil der kurze Karabiner

viel schlechter schoß als das Infanteriegewehr.

Sergeant Souder und ich kletterten über den schmalen Laufsteg an

Bord unseres Dampfers und suchten, wie das selbstverständlich war,

sofort den Kapitän auf. Während wir die Treppe zur Kommandobrücke

hinaufstiegen, gellten die Dampfpfeifen, und die Transportflotte setzte

sich in Bewegung.

»Runter mit euch!« schrie der Kapitän. »Hab keine Zeit! Auf der

Kommandobrücke habt ihr überhaupt nichts zu suchen!«

»Ein nervöser Herr!« lächelte Souder, und wir stiegen wieder auf Deck.

Eine Stunde später -- wir beobachteten durch unsere Feldstecher das

majestätische Schauspiel der dahindampfenden Truppenschiffe und

Kreuzer, über fünfzig an der Zahl -- kam Mr. Kapitän auf Deck und

sprach uns ungnädig an:

»Signalkorps?«

»Jawohl.«

»Auf meiner Kommandobrücke habt ihr nichts zu suchen -- mein

Signalisieren kann ich selber besorgen. Verstanden?«

Souder grinste.

»Ich fürchte, Sie irren sich,« sagte er gelassen. »Ich und mein

Kamerad sind für den militärischen Signaldienst auf diesem Schiff

verantwortlich und müssen schon bitten, auf die Kommandobrücke

zugelassen zu werden. Vom Deck sind Flaggen nicht sichtbar. Sie haben

doch sicherlich entsprechende Befehle erhalten, Herr Kapitän?«

»Hier kommandiere und signalisiere ich!« schrie der cholerische Herr.

In mir aber war ein großes Lachen, hatte ich doch den deutschen Akzent

herausgehört und freute mich über den deutschen Dickschädel.

»Weshalb sind Sie eigentlich so wütend, Kapitän?« fragte _ich_ ganz

ernsthaft in deutscher Sprache.

»Jesses noi!« schrie er. Das kleine Männchen war wie umgewandelt.

»Jetzt isch der Aff von 'm Signaliste au no deutsch -- noi! Wo kommet

denn Sie her?«

»Das ist eine furchtbar lange Geschichte,« sagte ich, wieder sehr

ernsthaft. »Aber seien Sie doch friedlich. Wir tun hier nur unsere

Pflicht. Es wäre Ihnen doch sehr unangenehm, wenn wir uns mit dem

Flaggschiff in Verbindung setzen und uns beschweren müßten. Sie sind

doch benachrichtigt worden, daß das Signalkorps den Signaldienst

übernimmt?«

»Ha -- freili! Wisset Se, i ha' ja auch nix dagege'! I bin nur aus 'm

Häusle g'wese, weil die Offizier' mi chikaniert habe. Ha! Signalisiere

Se, soviel Se wöllet! Ha! 's freut mi!«

Um die Geschichte kurz zu machen -- Mr. Kapitän war ein Württemberger,

auf allerlei Umwegen in die Dienste einer New Orleans'er Reederei und

jetzt als Kapitän des gecharterten Dampfers in die Dienste Onkel Sams

geraten. Fortan aber schliefen Souder und ich in der besten Kabine

und wurden genährt wie zwei Herrgötter in Frankreich -- einschließlich

gelegentlicher Flaschen Sekt. Der Lausbub hatte wiederum Glück gehabt!

Souder entweder oder ich, alle beide meistens, waren Tag und Nacht

auf der Kommandobrücke. Wären wir nicht so begeistert, so aufgeregt,

so gierig nach Nachrichten gewesen, so hätten wir wahrscheinlich

furchtbar geflucht über das Unwesen des Signalisierens der Marine.

Nie ließen die Flaggen einem Ruhe! Ich weiß nicht, wie das bei

anderen Flotten gehalten wird, aber die Amerikaner jedenfalls waren

darin ekelhaft. Entweder wollte man von uns wissen, wie's um die

Gesundheit der Maultiere stünde, oder man wiggwaggelte unter dem

dringenden Alarmsignal, der Dampfer habe wenigstens fünf Meter zu wenig

Kielabstand, oder irgend jemand sandte seine Komplimente und wünschte

zu erfahren, weshalb das Antwortssignal auf die Depesche vorhin nicht

prompter gegeben worden sei. Außerdem sausten beständig die flinken

Torpedoboote um uns herum und trompeteten alle Augenblicke irgend

etwas Ueberflüssiges durch ihre Megaphone, um auch ihren Senf dazu zu

geben. Der cholerische Schwabe wurde beinahe verrückt vor Wut. Wir aber

lernten Geduld und Humor und ärgerten gelegentlich das Flaggschiff,

indem »=Souder, 1st class sergeant U. S. Signalcorps= im Auftrage des

Kapitäns in Kommando des Truppenschiffs so und so« Anweisungen für die

Behandlung eines fiktiven kranken Maulesels erbat, dem wir natürlich

die scheußlichsten Symptome andichteten. Dann lachte die gesamte

Flotte und signalisierte (durchaus unoffiziell zwar) schlechte Witze

und gänzlich unausführbare Ratschläge. Die Kinder, die gute Männer doch

sein sollen, wollten ihr Spielzeug haben, selbst in ernstesten Zeiten.

In hetzender Fahrt jagte die Transportflotte gen Süden.

Vier Tage lang dauerte die Meerfahrt, und jede Stunde der vier

Tage war Aufregung und nichts als Aufregung. Mit jeder Minute

geizten Souder und ich, die wir nicht oben auf der Brücke zubringen

konnten; mit Essenszeit und Schlafensstunden. Jede Flagge, die an

den Signalleinen emporstieg, war ein nervös erregendes Ereignis,

das von unbeschreiblicher Wichtigkeit sein konnte, und jeder bloße

Dienstrapport stellte eine bittere Enttäuschung dar, weil man ständig

in atemraubender Gier auf das Große wartete.

Märchenhaft schienen mir die bunten Tuchfetzen der Signalflaggen. Sie

sprachen und erzählten. Sie befahlen und lachten. Sie waren es, die

den starren Schiffsmassen Leben einhauchten und der schwimmenden Stadt

auf dem Meer die Gesetze diktierten. In den Nächten aber leuchtete und

funkelte und glitzerte es tageshell in Fluten von Licht. Kein dunkles

Fleckchen ließen die gewaltigen Scheinwerfer der Kriegsschiffe auf dem

weiten Wasserkreis, in dem wir schwammen, und in unablässiger Bewegung

hoben und senkten und kreuzten sich die weißen Lichtbündel, um dann

auf einmal kerzengerade nach oben sich auf eine Wolke zu richten. Dann

sprach die Wolke. Sie blitzte grell auf -- lang -- kurz ------ kurz

... kurz ... lang ... -- und aus dem Aufleuchten formten sich, so

leicht lesbar wie Schrift, die Buchstaben, die Worte, die Sätze, die

Depeschen. Und wir starrten in das Licht um uns und suchten angstvoll

nach dem tiefroten Aufglühen an den Schiffsmasten, das nach dem

Geheimcode Gefahr bedeutete.

Nur einmal während der Fahrt wurde das nächtliche Alarmsignal gegeben.

Souder schlief und ich hatte die Wache, als spät nach Mitternacht

plötzlich fünfhundert Meter etwa vor uns die drei Gefahrlaternen wie

winzige glühende Punkte aufflammten.

»Alarm!« schrie ich, und der Kapitän stürzte aus dem Steuerhaus.

Da begann der Scheinwerfer zu reden:

»Langsamste Fahrt -- Indiana -- Ponton verloren -- Kollisionsgefahr --«

»Teufel --« schrie der Kapitän, und gellend hallten seine schrillen

Kommandos in die Nacht, den Ausguck zu verdreifachen, während der

erste Offizier auf der Brücke den Befehl zum Abstoppen der Maschinen

hinunterklingelte.

Lange Minuten des Harrens. Wir alle wußten, um was es sich handelte.

Der Kreuzer Indiana schleppte einen ungeheuren Landungsponton aus

schweren Balken, der zum Ausschiffen der Geschütze benützt werden

sollte. Oft genug hatten wir über das ungefüge Anhängsel des

Kriegsschiffes gelacht. In dem hohen Seegang war die Schlepptrosse

gerissen, und irgendwo inmitten der Flotte trieb nun die Holzmasse des

Pontons, mächtig genug, im Zusammenprall ein Schiff leck zu stoßen.

Die Truppenschiffe kamen zum Stillstand, und die Torpedojäger und

Depeschenboote sausten im Scheinwerferlicht umher, nach dem Durchgänger

zu suchen. Die Minuten vergingen. Dann auf einmal wimmelte es wieder

von Signalen: Dem Befehl zur Weiterfahrt. Man gab den Ponton verloren,

froh genug, daß er schon weit hinten im Kielwasser schwimmen mußte und

wenigstens keine Gefahr mehr bedeutete.

* * * * *

Frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang am fünften Tag tauchte, ein

gelbgrauer Streifen, die Küste Kubas auf. Wir rannten wie besessen nach

unseren Kabinen, Waffen und Tornister auf die Brücke zu holen, um jeden

Augenblick zur Ausschiffung bereit zu sein. Doch die Eile war sehr

überflüssig. Noch achtundvierzig Stunden lang kreuzte die Flotte an

der Santiagoküste, untertags so nahe, daß die hellen Sandstreifen und

die dunklen Wäldermassen klar zu unterscheiden waren; in den Nächten

weit draußen im Meer. Am dritten Tag aber in der Frühe dampfte die

Schiffsmasse in nächste Nähe der Küste, die Kriegsschiffe weit voran.

Immer näher kamen wir.

»Anker werfen! Transportschiffe in Kiellinie!« befahlen jetzt die

Flaggen.

Auf den Kriegsschiffen aber wurde es lebendig. Bunte Wimpel stiegen an

den Masten empor, nur der Marine verständlich. In ungeheuren Kreisen

dampften die Linienschiffe und die Kreuzer, Schiff dicht hinter

Schiff, die Küste entlang. Umruderten uns, um sich in Gefechtsstellung

zu entwickeln, kehrten wieder zurück. In ganz langsamer Fahrt. Ich

suchte mit dem Feldstecher den Strand ab. Glatt und ruhig spielte das

Meer an der schmalen, gelben Sandlinie, von der Hügel mit dichtem

Buschwerk aufstiegen bis an den Horizont. Im Vordergrund überspannte

eine eiserne Brücke eine kleine Schlucht von grellgelbem Gestein. Ihr

Gittergefüge sah sonderbar zierlich und gebrechlich aus und schien zu

schwanken, zu zittern in der flimmernden Sonnenglut. Auf der Brücke

stand ein Frachtwagen, hoch beladen mit Felsblöcken. Links daneben

ragte aus dem Buschwerk ein winzig kleines Häuschen.

Kreis auf Kreis zogen die Kriegsschiffe.

Da -- eine weiße Dampfwolke schoß aus einem großen Kreuzer, und ein

furchtbares Krachen ließ mich zusammenfahren ...

Auf kubanischem Boden.

Die Küste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und seine

Zahnbürste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen Fluchens. --

Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen. -- Meine Hängematte. --

Nachtruhe =à deux=. -- Hunger und Arbeit -- aber ach, was waren

das für schöne Zeiten! -- Der Major stiehlt einen Karren. --

Telegraphenbau-Arbeit. -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten

Rauhen Reitern von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der

Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General.

Dichter Rauch und greller Feuerschein quoll aus allen Kriegsschiffen.

Ohrenbetäubend war das Krachen. Der Schiffsboden, auf dem ich stand,

bebte und zitterte, trotzdem wir mehrere hundert Meter entfernt lagen.

Schuß krachte auf Schuß. In das dumpfe Dröhnen der schweren Geschütze

rasselte grell der hellere Klang der Schnellfeuerkanonen; wie grausiger

Donnerschlag und hallendes Stahlklirren, als ob Riesenschmiede auf

überirdischem Amboß hämmerten. Man konnte nicht denken -- man mußte

nur stehen und starren. Aus dem Dröhnen heraus gellte es schrill in

scharfen Mißtönen; ein Surren, ein Zischen, ein Gebrause. Schuß --

Schuß -- Schuß -- Dutzende, Hunderte von Explosionen ... Schuß --

Schuß ------ und die Minuten wurden zu Ewigkeiten. Heulend jagten die

Stahlmassen durch die Luft und stürzten sich auf den Sand und das

Buschwerk da drüben, die so still dalagen wie ein wehrloses Ding, das

ein Starker zu Boden geschlagen hat und nach Gefallen zerhämmert.

Nichts regte sich. Nirgends war Bewegung an Land. Nur das Buschwerk

duckte und zitterte und wand sich wie ein Getreidefeld im Hagelschauer

unter dem Sturm von Geschossen. In ungeheuren Rissen zerfetzten

die Granaten den Buschwald, und blanke Erdstreifen tauchten auf im

schwarzen Busch, wenn Dampf und Staub der Explosionen verweht waren.

Aeste wurden durch die Luft geschleudert. Erdmassen spritzten empor.

Ueberall, an vielen Stellen zugleich.

Und dann wurde es mit einem Schlag still, und schwere Rauchschwaden,

weiß und grau und fahlgelb, wälzten sich übers Meer, daß einem der

beißende Pulvergeruch giftig und atembeklemmend in Augen und Lungen

drang. An Land regte sich nichts.

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3) · 第 16 / 26 题