Kurz, scharf, sacksiedegrob war seine Rede --

»=Baby=!« (Das war ich!) der »=Call=« (das war eine Morgenzeitung San

Franziskos) hat Ihre Geschichte über den Mann, der total betrunken

im Citygefängnis eingeliefert wurde und in dessen Taschen man 15

000 Dollars fand, ebenfalls gebracht. Das ist traurig und von Ihnen

unrecht. Wenn Ihnen ein Polizeisergeant -- welcher war es?«

»McBride.«

»Aha -- McBride. Wenn Ihnen McBride guten Stoff erzählt, so sorgen Sie

gefälligst dafür, daß er von da ab seinen Mund hält und vor allem den

Call-Leuten gegenüber nichts ausplaudert. Wie Sie das machen, ist mir

egal!«

»Aber Mac, Sie haben neulich doch geschimpft wie unsinnig, als ich dem

andern Sergeanten fünf Dollars gab, damit ---- «

»Ganz richtig, mein Sohn! Das macht man auch nicht mit Geld, denn Geld

ist rar, sondern mit Liebenswürdigkeit und Schlauheit. Mann, strengen

Sie ihren Witz an! Bin ich vielleicht eine Amme und in alle Ewigkeit

verdammt, Sie an dem Quell der simpelsten Weisheit lutschen zu lassen?«

Ich war tief beschämt.

»Na, die Sache ist übrigens bei uns besser als im =Call=. Johnny (das

war Chefredakteur Lascelles) läßt Ihnen sagen, die Geschichte sei fidel

und nicht übel ...«

Das war McGradys Art der Anerkennung.

So wurde allmorgendlich Spalte für Spalte der Arbeit des vorhergehenden

Tages durchbesprochen und einem immer wieder eingehämmert, daß es für

den, der im Reporterzimmer hausen wollte, nichts auf der Welt gab

und geben durfte als ein einziges Interesse und eine einzige Liebe:

Die Zeitung und die Interessen der Zeitung. Erstens die Zeitung und

zweitens die Zeitung und drittens überhaupt nichts als die Zeitung!

Der Lausbub fühlte sich in der Luft des Reporterzimmers bald so wohl

wie ein Fisch im Wasser. Weil er jung war und einen Schuß Enthusiasmus

im Blut hatte, schien ihm das, was in Wirklichkeit ernstes und hartes

Schaffen war, ein lustiges, kinderleichtes Spiel. Immer neu und

eigenartig. Immer lockend. Immer aufregend. Holtergepolter ging's mit

der Arbeit den ganzen Tag hindurch bis spät in die Nacht hinein. Das

Zimmerchen in der Donnellystreet bei Madame Legrange sah mich nur zum

Schlafen. Im Eifer merkte ich gar nicht, daß ich ein »hart gerittener

Gaul« war und beim Examiner in einem einzigen Tag mehr lernen mußte,

als das anspruchsvollste Professorenkollegium eines Gymnasiums in einem

ganzen Wochenpensum verlangt hätte ...

Denn der gute Wille und das bißchen Talent taten's noch lange nicht.

Eine ungeheure Menge von Material mußte ich verdauen und einen Wust

faktischen Wissens mir aneignen, vor dem ich entsetzt zurückgefahren

wäre, hätte ich auch nur eine Ahnung gehabt, daß ich ja gar nicht

spielte, sondern »büffelte«. Aber die Zeitung hatte ihre eigene

Art, zu lehren und lernen zu lassen. Sie appellierte an Ehrgeiz und

Ehrgefühl und Kraft, indem sie Vertrauen schenkte. McGrady ließ es

mich nie fühlen, daß ich Anfänger und Lehrling war, und seine leitende

Hand führte weiche Zügel. Vom ersten Tag an bekam ich wie alle

anderen meine Aufgaben zugeteilt und arbeitete in allen Abteilungen

des Nachrichtendienstes. Ich wurde aufs Polizeihauptquartier

geschickt und zu den einzelnen Polizeisergeanten, assistierte bei der

Berichterstattung in großen Kriminalfällen, wurde bei den lokalen

politischen Größen eingeführt und im Hafendienst verwendet. Ein

lächelnd gegebener Rat, wie von Gleichstehendem zu Gleichstehendem, als

wortkarge Selbstverständlichkeit hingeworfen, eine lustige Derbheit,

die niemals etwas Verletzendes hatte, ein Wort hier, ein Wink dort,

die stete Fühlung vor allem mit Männern, die ihre Arbeit kannten und

liebten und gute Kameraden waren, wie ich sie im Leben selten gefunden,

zeigten mir bald die richtigen Wege.

Das Problem war einfach genug. Wer Nachrichten einholen wollte, durfte

sich nicht auf Auge und Ohr verlassen, sondern mußte sehr genau wissen,

wer die Männer waren, die Nachrichten geben konnten, und was die

Nachrichten selbst bedeuteten.

»Die Hauptsache müssen wir immer schon wissen, ehe wir zu fragen

beginnen,« pflegte McGrady trocken zu sagen.

Das war das Grundprinzip und leicht zu begreifen. Wenn ich zum

erstenmal zu einem hohen Beamten der Stadt geschickt wurde, um eine

wichtige Auskunft einzuholen, so mußte ich wissen, wer der Mann war,

was er geleistet hatte, welche Tragweite die Angelegenheit in Frage

hatte. Das Wissen lieferte die Zeitung selbst. Man drückte auf einen

elektrischen Knopf, und einer der Pagen erschien. Der bekam einen

Zettel. Auf diesen Zettel hatte man zum Beispiel geschrieben: John

McAllister, Schatzmeister San Franziskos. Neubau der Wasserwerke. In

wenigen Minuten kam der Page zurück, mit zwei blauen Aktenmappen,

numeriert und überschrieben: Schatzmeister McAllister -- Wasserwerke.

Ihr Inhalt waren die Ausschnitte aus dem Examiner aus allen Nummern, in

denen Artikel oder Notizen über McAllister und die Wasserwerke gebracht

worden waren. Die überflog man und wußte nun über den Mann und die

Sache, was zu wissen war. Ein Hilfsmittel von unschätzbarem Wert war

diese ausgezeichnete Registratur, ein wahres Tischlein-deck-dich für

den Zeitungsmann. Ein Redaktionssekretär hatte tagaus tagein nichts zu

tun, als jede Zeitungsausgabe in ihren einzelnen Artikeln und Notizen

zu klassifizieren, zu registrieren, und die Akten in musterhafter

Ordnung zu halten. Nichts fehlte, von der großen Politik bis zu einer

Statistik aller Großfeuer. So wurde jede einzelne Arbeitsaufgabe zu

einer Quelle des Wissens. Man lernte jeden Tag, jede Stunde im Tag.

Die vielen Menschen, mit denen ich zusammenkam, und die vielen

Dinge, mit denen ich mich beschäftigen mußte, waren wie immer neu

vorbeihuschende, farbenbunte, lebenspackende Bilder. Die Zeitung wurde

zum Götzen; das Reporterzimmer zum Heim, in dem man oft aß, immer sein

Glas Bier trank, wo man sich wohl fühlte wie nirgends. Ich würde jeden

ausgelacht haben damals, der mir gesagt hätte, daß ich Zeitungsleben

und Zeitungsarbeit auch nur auf eine kurze Spanne Zeit freiwillig

aufgeben könnte. Und tat es bald darauf doch ... Es gibt noch stärkere

Reize. Aber sie sind selten. Wenige Arten tätigen Schaffens wohl

vermögen einen Menschen so mit Leib und Seele einzufangen wie der

Zeitungsdienst. Ein Wirbel tollen Lebens war es, in dem ich stand.

Wenn man arbeitete, hatte man die Wirklichkeit unter den Fingern; die

Menschen, wie sie lebten, und die Dinge, wie sie sich zutrugen; immer

neue Menschen und immer andere Dinge. Das Schauen und Erleben, das

andere Männer der Arbeit in kargen Freistunden suchen mußten, gab die

Zeitung im Dienst.

Das war das Geheimnis des =San Francisco Examiners=, und es ist und

bleibt das Geheimnis der Presse -- aller großen Zeitungen aller Länder

und Sprachen. Die Zeitung bannt die Männer, die ihr dienen, in einen

Zauberkreis. Sie verlangt Unerhörtes an Arbeitskraft und Hingebung,

aber Unerhörtes gibt sie auch. Sie schenkt ihren Männern brausendes

Leben und gewaltige Macht. Das flüchtig hingeschriebene Wort eines

Zeitungsmannes spricht zu Hunderttausenden. Es vermag hunderttausend

Meinungen zu beeinflussen, vermag Großes in Gutem und Bösem. Wem

ihre Spalten offenstehen, der ist Führer und Lenker und Erzieher von

Tausenden, ohne daß diese Tausende auch nur seinen Namen kennen --

»Wir sind Männer ohne Namen,« sagte Allan McGrady einmal lächelnd

in einer abendlichen Plauderstunde. »In jedem von uns steckt ein

Stückchen romantischen Narrentums. Wer kennt uns? Einige Verleger,

einige Redakteure, einige Freunde vom Bau. Die große Masse, zu der

wir sprechen, kennt uns nicht. Ob ich unter einen Artikel Allan

McGrady schreibe oder Hans Jakob Ypsilon, ist ganz gleichgültig -- von

tausend Lesern sieht kaum einer nach dem Namen. Wir könnten ebensogut

Nummern tragen. Die Zeitung verschluckt uns mit Haut und Haaren und

Persönlichkeit.« Er lachte. »Und das bißchen Geld? Du lieber Gott,

der Mann im Wolkenkratzer da drüben, der altes Eisen billig kauft und

teuer verkauft, verdient zehnmal mehr als wir alle zusammen. Und wenn

wir einmal alt werden und nicht mehr können, dann wirft man uns aus

dem Zeitungstempel und setzt uns auf die Straße. Deswegen sind wir im

Grunde alle Narren, liebe Kinder. Ich bin ein Narr, und du bist ein

Narr, Jack Ferguson, und du bist auch ein Narr, =baby=!«

»Würdest du deine Arbeit an der Zeitung aufgeben, Mac, wenn du eine

Million erbtest?« fragte grinsend Jack Ferguson, der älteste Reporter.

»Nein, natürlich nicht!«

»Siehst du!«

»=Well=, das ist eben das Narrentum!« brummte Allan McGrady.

»Oh nein,« sagte Jack Ferguson fast feierlich. »Es ist mehr. Es ist das

kuriose Etwas, das den Soldaten vorwärtstreibt. Es ist jenes sonderbare

Etwas, das hoch über Geld und Geldeswert steht ------ «

»Schrumm, schrumm,« sagte Allan McGrady. »Prosit Kinder!«

Das kuriose Etwas war die Begeisterung. In ihr wurde die Arbeit zum

Spiel. Zum Sport. Man tat eigentlich nichts anderes den ganzen lieben

Tag, als nach Arbeit zu suchen und sich der Arbeit zu freuen. Unser

Vergnügen sogar hing sicherlich irgendwie mit der Zeitung zusammen.

Wenn man im Reporterzimmer plauderte, unterhielt man sich über die

neueste Wendung in den politischen Verhältnissen oder über den letzten

Kriminalfall oder den schwebenden, noch nicht ganz aufgedeckten

Spitzbubenstreich der Stadtväter San Franziskos. Es war einem eben zur

Manie geworden, sich nur für das zu interessieren, was die Zeitung

interessierte.

* * * * *

Zu all der Arbeit in den Babyzeiten kam noch besonderes technisches

Lernen, das in sonderbarer Zufälligkeit meine nächste Zukunft stark

beeinflussen sollte. Ich lernte telegraphieren. Die Examinerleute

hatten damals die Marotte, die Sprache des Kupferdrahtes gründlich

zu erlernen, denn das konnte für die Zeitung sehr wichtig sein.

Unser Lehrmeister war ein liebenswürdiger amerikanischer Offizier,

Oberleutnant Green, der Chef des militärischen Signaldienstes im

Departement von Kalifornien. Drei, viermal in der Woche fuhren wir

zum Presidio, dem Fort beim Goldenen Tor, und arbeiteten dort im

Signalbureau, bald mit dem Leutnant selbst, bald mit Mr. Hastings,

einem alten Signalkorpssergeanten.

Nach den ersten Lektionen schon fesselten mich die Geheimnisse der

Teufelei elektrischen Stromes gewaltig. Der Mechanismus der Instrumente

war zwar sehr einfach. Die Wechselwirkung zwischen Taster, Strom und

Magnet hatte nichts besonders Wunderbares. Das mühselige Formen von

Buchstaben durch Punkte und Striche schien zuerst sogar langweilig.

Aber sobald ich eine gewisse Fertigkeit erreicht hatte, übte das

Telegrapheninstrument eine ganz merkwürdige Lockung auf mich aus. Denn

nun wurde aus den toten Punkten und Strichen lebendige Sprache.

Im Gegensatz zu der in Europa üblichen Art des Telegrammlesens vom

Papierstreifen oder durch Druckmaschine liest der amerikanische

Telegraphist fast nur durch Gehör. Das Klicken des Magneten spricht zu

ihm. Er schreibt das Gehörte nieder wie nach Diktat. Er erreicht dabei

eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 30 Worten in der Minute, die

sich bei Benutzung der Schreibmaschine auf vierzig, ja sogar fünfzig

Worte steigern läßt. Mein Ohr gewöhnte sich sehr rasch an die Sprache

des Telegraphen. Was zuerst ein mühsames Zählen der Punkte und Striche

gewesen war, um die einzelnen Buchstaben herauszuhören, wurde bald zum

Begeistertsein über eine neue, klare, deutliche Schrift. Ich hörte, wie

ein Telegraphist das lernen muß, nicht mehr die einzelnen Buchstaben,

sondern deutlich erklang das ganze Wort. Es war genau so wie Lesen

lernen. Zuerst mußte man sich um den Buchstaben mühen, um dann später

eine ganze Zeile in einem einzigen Bild in sich aufzunehmen. Ein

kleines Beispiel:

Wenn ein Telegraphist mit einem andern sich über den Draht hinweg

unterhält und lachen will, dann klickt er: ha -- ha -- ha. Im

Morsealphabet sieht das so aus --

.... .--ha .... .--ha.

Auf dem Papier sind die vier Punkte des h und der Punkt, Strich des

a etwas Totes und Nichtssagendes. Sobald wir sie aber im Instrument

erblicken, werden sie lebendig, sind charakteristisch, lösen sofort das

antwortende Gelächter aus.

Das Telegraphieren war ein famoses neues Spiel. Der empfindliche

Magnet reagierte so blitzschnell auf jeden Fingerdruck, daß sich

die anscheinend so komplizierten Morsebuchstaben schneller formen

ließen als auf dem Papier mit Tinte und Feder. Der Name Erwin in

Telegraphenschrift sieht sehr verzwickt aus:

.Pause . .. Pause .-- -- Pause .. Pause --. Wortpause

Telegraphieren läßt er sich in drei Sekunden!!

Nach drei Wochen bereits erwies mir der alte Sergeant Hastings das

Kompliment, mir lachend zu sagen, daß ich mich jetzt schon bald um eine

Anstellung bei der =Western Union= (das war die große amerikanische

Telegraphen-Kompagnie) bewerben könne. So vergnügt war er über seinen

Lehrmeister-Erfolg, daß er mich dann in die unterirdischen Kasematten

des Küstenforts führte.

»Aber 's ist strikt privatim!« mahnte er.

So sah ich den berühmten Minentisch der Küstenverteidigung San

Franziskos. Es war eine =camera obscura=. Auf eine ungeheure, in

winzige Quadrate eingeteilte Tischplatte in der Kasemattenkammer

reflektierten die Kameraspiegel ein Stück Meer. Es sah fast unheimlich

aus, wenn die Segler und die Dampfer im Spiegelbild über die schwarzen

Linien der Quadrate huschten, die alle Nummern trugen. Es _war_

unheimlich! Denn in Kriegszeiten bedeutete jedes Quadrat entweder eine

Torpedomine oder ein Schußfeld, auf das mehrere Geschütze sorgfältig

einvisiert waren. Glitt nun ein feindliches Schiff über Quadrat 39, so

drückte der Minenoffizier auf den elektrischen Knopf Nummer 39, und das

feindliche Schiff flog in die Luft, von einer Mine in Stücke gerissen

oder von riesigen Sprenggranaten zerfetzt. Theoretisch. Es sah sehr

schön aus.

Und dann gingen wir in die Kantine.

* * * * *

Das Zeitungsbaby lernte die ersten Griffe seines neuen Handwerks ...

Aber weit wichtiger als all das Praktische war der große Lebenswert,

den die Zeitung wie im Spiel schenkte: Die Begeisterung für die Arbeit!

Reporterdienst.

Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der =scoop=. --

Der verunglückte Dampfer Hongkong. -- Die Männer der schnellen

Entschlüsse. -- Wie ein Reporterstück inszeniert wird. -- Auf der

Jagd nach der Sensation. -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst

des Zuhörens ausübte. -- Der Dämon im Stahl. -- Zeitungskönig

Hearst. -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und der

Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag.

Das Leben des Amerikaners ist Hast und Hetze, nicht aus der

Lebensnotwendigkeit der Jagd nach dem Dollar nur, sondern weil Hasten

und Hetzen ihm von Kindesbeinen an gar nichts zu Beklagendes, sondern

etwas Wunderschönes bedeuten. =Hustle!= ist sein Motto -- rühr' dich,

rege dich, nütze die Zeit! Und =hustling= verlangt er auch von der

Zeitung. Der Mann, dem riesige Wolkenkratzer, donnernder Straßenlärm,

jagende Eile im Stadtbild eine Art Kulturbedürfnis sind, verlangt von

seiner Zeitung viel Lärm und gewaltigen Spektakel, und die grellen

Farben, die sein Auge im Tagesleben überall erblickt. Zwei Zoll hoch

müssen die Ueberschriften sein und gepfeffert in kräftigen Worten,

so wie seine eigene Ausdrucksweise es ist; übertrieben, wie er gern

übertreibt, der Mann, der sein Land das Land Gottes nennt, anstatt

bescheidentlich vom Vaterland zu sprechen wie andere Leute. Die

Eile, den raschen Entschluß, das schnelle Schaffen, die in seinem

persönlichen Leben rumoren, will er auch in seiner Zeitung sehen. Ihm

imponiert das Bild, die Tat, die große Schilderung, das Verblüffende;

weise Worte möchte er nur gelegentlich und dann mit Vorsicht genießen!

Rauschendes Leben muß an seinem inneren Ohr vorbeifließen, wenn er in

den weichen Polstern der Hochbahn New Yorks die Zeitung überfliegt, auf

daß seine Lektüre im Einklang mit dem Taktschlag seines Tages klinge.

So ist aus dem hastenden Amerikaner heraus und seiner Liebe für grelle

Lichter und lauten Lärm die amerikanische Zeitung entstanden.

Ihre Dollarjagd, ihre Hetzerei, ihr Sensationsdrang.

Sieht man aber näher zu und wühlt man sich durch den

marktschreierischen Wortkram der Ueberschriften und der Floskeln in den

Aufsätzen, so entdeckt man erstaunt, daß hinter der brutalen Sensation

eine gründliche, ehrliche, bewunderungswürdige Arbeitsleistung von

ganz gewaltigen Verhältnissen steckt und zwar häufig gerade da, wo

der als so leichtsinnig verschrieene Reporter gearbeitet hat. Dieser

Reporter, der so gut wie die Besten die jungfrische Kraft und den

Unternehmungsgeist und den Bienenfleiß des Dollarlandes repräsentiert.

Er ist es, der seiner Zeitung die großen Erfolge verschaffen muß, die

man in der Zeitungssprache =scoops= nennt. Sie allein machen Eindruck

auf den modernen Amerikaner; sie allein sichern dem Blatt ein rasches

Emporschnellen der Zirkulation, ein Wachsen im Ansehen.

=Scoop= heißt wörtlich eine große Schaufel. =To scoop in= bedeutet

einheimsen, einschaufeln, einsacken, und im übertragenen Sinne will

der spöttische Zeitungsausdruck besagen: Daß man eine hochwichtige

Neuigkeit ganz für sich allein, ganz zu allererst eingeheimst,

eingeschaufelt hat, während die betrübte Konkurrenz wehmütig dasteht

und den kahlen Boden vierundzwanzig Stunden später nach schäbigen

Resten absucht. Ich erlebte einen prachtvollen =scoop= beim Examiner.

Und half mit dabei.

* * * * *

Frühmorgens war es. Noch hatte die Arbeit nicht begonnen und die

Reporterfamilie auf der Jagd nach den Ereignissen des Tages sich

über die Stadt zerstreut, als McGradys Telephon, das von der

Examinerzentrale nur dann eingeschaltet wurde, wenn es sich um eine

sehr wichtige Mitteilung handelte, rasselnd erklingelte. Mac nahm den

Hörer ab:

»Examiner -- Nachrichtendienst.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Jawohl -- Leuchtturmwärter -- Station Goldenes Tor -- ja -- _wie_

heißt der Dampfer -- die Hongkong? -- jawohl! Anscheinend verunglückt,

jawohl Wird von einem Trampdampfer eingeschleppt?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Pause, lange Pause. Wir alle lauschten in atemloser Spannung. Dann

fragte Mac weiter:

»Der Dampfer ist nur durch ein gutes Fernrohr sichtbar, sagen Sie?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Haben Sie die Nachricht einer anderen Zeitung gegeben? -- Nein?

-- Schön. Erstatten Sie nur die Ihnen dienstlich vorgeschriebenen

Meldungen an die Behörden und benachrichtigen Sie keine andere Zeitung.

Ja? Danke. Sie erhalten von uns fünfundzwanzig Dollars. -- Schluß.«

Das Telephon klingelte ab.

Allan McGrady hängte langsam und bedächtig den Hörer auf, ging

zu seinem Schreibtisch, nahm sich eine Zigarette und zündete sie

umständlich an, während wir schweigend dastanden. Dann wandte er sich

um.

»Hayes! Telephonieren Sie doch, bitte, an die

Schleppdampfergesellschaft. Wir brauchen den schnellsten Schlepper, den

sie haben. Muß in einer halben Stunde unter Dampf sein. Examinerdienst,

üblicher Charter für einen Tag. Nein -- warten Sie. Nicht einen,

sondern zwei Schlepper brauchen wir.«

»Zwei Schlepper -- in einer halben Stunde!« wiederholte Hayes.

»Richtig.« Hayes ging zum Telephon und McGrady klingelte. »Ich lasse

Mr. Lascelles bitten,« befahl er dem eintretenden Pagen.

Von uns sagte keiner ein Wort, denn jeder wußte, daß es sich um etwas

Großes handelte; um rasches Denken, um schnelles Disponieren. Daß jede

Minute und jeder gesprochene Satz kostbar waren. Der Chefredakteur

kam augenblicklich. Wenn ein Redakteur den andern oder gar den Chef

»bitten« ließ, anstatt sich selbst zu bemühen, so bedeutete das: Eile,

Dringend, Expreß!

Die beiden Herren schüttelten sich die Hände.

»Guten Morgen, Lascelles,« sagte McGrady, der nie ruhiger und kühler

sprach, als wenn er sehr aufgeregt war. »Verzeihen Sie, aber wir haben

hier eine Sache, die keinen Aufschub duldet.«

Lascelles nickte nur. McGrady fuhr fort:

»Der Leuchtturmwärter von der Goldenen-Tor-Station telephoniert,

er habe soeben den Dampfer Hongkong der San Franzisko-China-Linie

gesichtet. Der Dampfer werde von einem kleinen Honolulu-Trampdampfer

eingeschleppt. Sie alle wissen, daß die Hongkong überfällig ist. Um

was es sich handelt, läßt sich ja allerdings noch nicht sagen. Mr.

Lascelles, ich habe zwei Schleppdampfer beordert --«

»Weshalb zwei?«

»Wir haben Eile. Ich möchte vorschlagen, daß wir die Nachmittagsausgabe

zwei Stunden früher erscheinen lassen mit zwölf bis zwanzig Spalten

Hongkong an erster Stelle. Ich persönlich bin dafür, alles andere

Lokale hinauszuwerfen. Nur Hongkong, wichtige Politik, Börse,

Vermischtes. In zwei Stunden frühestens hat der »=Call=« die Nachricht

von den Behörden, auf jeden Fall aber nach uns. Selbst wenn es sich nur

um eine Stunde oder auch eine halbe Stunde Differenz handeln sollte, so

haben wir doch Vorsprung, und die Leute vom =Call= kommen sicher nicht

auf den Gedanken, daß wir zwei Stunden früher erscheinen könnten!«

»Teufel -- das können wir aber doch nicht, Mac!«

»Ich meine, es müßte eben gehen,« sagte Allan McGrady nachdenklich.

»Wir lassen die Setzer und die Maschinenleute der Nachtschicht holen.

Was Manuskript anbetrifft, so soll der zweite Schlepper die ersten

Nachrichten übermitteln, sobald es nur irgendwie geht, und der Rest

muß eben auch im Handumdrehen da sein -- ich kann mich auf meine Leute

verlassen.« (Es geschah sehr selten, daß McGrady dergleichen sagte,

aber wenn es geschah, so hätten wir uns in Stücke zerreißen lassen für

ihn!!)

»Die Möglichkeit des Gelingens ist da,« antwortete Lascelles rasch.

»=Allright=, Mac. Disponieren Sie. Sie wissen, daß wir gute tausend

Dollars Extraausgaben riskieren und der alte Mann uns die Hölle heiß

machen wird, wenn die Sache schief geht. Verfrühte Ausgabe also. Wissen

Sie was? Es ist neuneinhalb Uhr. Um zwölf Uhr, oder sagen wir halbeins,

lassen wir ein Extra verteilen: Die Hongkong hilflos eingeschleppt.

Eines der größten Schiffe der kalifornischen Chinalinie mit knapper Not

dem Untergang entgangen. Eine Tragödie der See. Siehe ersten Bericht im

Nachmittags-Examiner. Oder so ähnlich ...«

»Ausgezeichnet!« sagte Mc Grady. »Wenn wir den Anschluß erwischen,

ist es eine große Sache. Meine Herren, der gesamte Stab geht auf den

Schleppdampfer mit Ausnahme von Hayes. Hayes -- weinen Sie nicht, Sie

haben schwierige und verantwortungsvolle Arbeit genug; Sie müssen auf

die Frisco-China-Linie und zu den Versicherungsgesellschaften. Orders

kann ich Ihnen kaum geben, meine Herren. Ferguson als der Aelteste wird

disponieren. Nur ganz allgemein: Wir wenden die natürliche Methode an.

Die Ereignisse werden photographisch geschildert. Die Schilderung

beginnt von dem Augenblick an, in dem Sie den Schleppdampfer betreten.

Diesen ersten Teil soll Ferguson machen. Hetzfahrt und so weiter. Die

Hongkong wird gesichtet -- Beschreibung, bitte, wie der Kasten aussieht

-- man klettert an Bord« -- (er lachte) »und wenn einer der Herren

dabei ins Wasser fallen sollte, wär' das eine schöne Sache --«

Schallendes Gelächter.

»-- und wenn einer der Herren so gütig sein würde, dabei im

Dienste des Examiners zu ertrinken, so wär' das noch viel schöner

vom Zeitungsstandpunkt aus!« (Das war Macs gruselige Art von

Humor.)»Passagiere schildern also -- sie interviewen -- Kapitän,

Offiziere interviewen -- sehen, was los ist -- sperrt sich der

Kapitän, so wird ihm unter die Nase gerieben, daß der Examiner und die

Öffentlichkeit sich nicht bluffen lassen -- die Wahrheit kommt doch an

den Tag. Los, meine Herren! Ich bitte mir aus, daß flott gearbeitet und

beim Schreiben auf der Heimfahrt keine Zeit an stilistische Künsteleien

verplempert wird. Das nötige Zurechtdeichseln besorgen Lascelles und

ich hier auf der Redaktion. Los!«

»Einen Augenblick!« rief Lascelles. »Zeitungen mitnehmen! Ist gute

Reklame. Die Passagiere werden sich freuen, nach sechzehn Tagen wieder

eine Zeitung aus dem Lande Gottes zu sehen!«

Eine Minute später stürmten in Holtergepoltereile zehn Zeitungsmänner

zum Hafen, und fünfundzwanzig Minuten darauf jagten in sausender

Fahrt die Hochseeschlepper Furor und Golden Gate durch das

Schiffahrtsgewimmel der inneren Bai dem Goldenen Tore zu. An den

Flaggenstangen im Heck flatterten die Hausflaggen der Zeitung

mit ihrer grellroten Inschrift auf weißem Grund: =San Francisco

Examiner=. Das Fahrttempo war viel zu schnell für die innere Bai,

aber der Examiner durfte bei seinen Beziehungen zur Hafenpolizei eine

kleine Gesetzesübertretung schon riskieren. Die Schiffe, denen wir

begegneten, wurden aufmerksam, und mehr als einmal schallten brüllende

Megaphonfragen zu uns herüber, was in Dreikuckucksnamen denn eigentlich

los sei. Unser Kapitän antwortete gewöhnlich: »Erkundigt euch beim

nächsten Polizisten!« Oder grimmiger:

»Sind -- in Eile -- haben ---- keine Zeit ---- euch -- was vorzulügen!

=Goodbye=!!«

Alcatras Island, die winzige, mit Kanonen gespickte Felseninsel im

Zentrum des Hafens, huschte vorbei; die schmale Bai wurde breiter,

die Wogen gingen höher. Das Häusermeer verschwand im Dunstkreis. Die

Fischerflottillen in der äußeren Bai waren bald überholt. Die nackten,

felsigen Ufer schoben sich näher zusammen.

Wir dampften durch das Goldene Tor. Ferguson hatte, auf einen

Decksessel hingekauert, schon längst zu schreiben begonnen. Nun sah er

auf und gab uns seine Instruktionen, die auf eine genaue Verteilung

der Arbeit hinausliefen. Mir wurde die Beschreibung des Maschinenraums

zugeteilt, während Ferguson selbst das Interview mit dem Chefingenieur

der Hongkong übernahm. Aber der blinde Glückszufall hatte mir, dem

Jüngsten, eine lohnendere Aufgabe gegeben als ihm, dem Alterfahrenen

... In einer Viertelstunde wurden Rauchwolken sichtbar am Horizont,

und bald darauf tauchte die schwarze Masse eines Riesenschiffes

auf, geschleppt von einem winzigen Dampfer. Das war die fünf Tage

überfällige Hongkong.

* * * * *

Die elektrischen Lampen glühten im Maschinenraum, aber die gewaltigen

Feuerlöcher der Kessel lagen grau und leblos da und Stille herrschte.

Ich kletterte mühselig von Plattform zu Plattform auf den schmalen

stählernen Leitern.

»'n Morgen,« sagte unten ein alter Mann mit weißen Haaren im blauen

Maschinistenkittel. Er betrachtete mich vergnügt aus blinzelnden Augen

und schob bedächtig den Pfeifenstummel aus dem linken Mundwinkel in den

rechten, während er mit der einen Hand die Lagerung eines sausenden

Dynamos prüfend betastete und mit der andern ein frischgewaschenes Hemd

näher an die Feuerung des kleinen Hilfskessels hielt. »Guten Morgen!«

»Erzählen Sie mir alles!« sagte ich.

»Zeitung?«

»Ja -- Examiner.«

»Dacht' ich mir,« grinste der Alte. »Ich bin der dritte Ingenieur

dieses gesegneten Schiffes, und wie Sie sehen, beschäftige ich

mich damit, ein bißchen elektrische Kraft zu fabrizieren und die

Familienwäsche zu trocknen. Mann, hier ist nichts los! Der Laden ist

zu. Wir haben das Geschäft aus Mangel an Betriebskapital aufgegeben.«

»Weiter!« bat ich geduldig.

»Weiter nichts.«

»Propellerbruch, wie ich höre, nicht wahr?«

»Propellerschaftbruch, junger Mann, fachmännisch ausgedrückt,« sagte

der Alte und drehte seine trocknende Familienwäsche nach der anderen

Seite. »Das heißt, daß ungefähr in der Mitte zwischen hier und Honolulu

in zweitausend bis dreitausend Meter Tiefe auf dem Grunde des Meeres

ein Propeller, ein drei Meter langes Stück Propellerschaft, ungefähr

sechs Heckplatten mit Zubehör, dreiviertel eines Steuerruders und noch

verschiedene andere belanglose Kleinigkeiten liegen, alles zusammen

etwa achtzigtausend Pfund schwer und etliche hunderttausend Dollars

wert. Das is' alles!«

-- -- -- -- -- -- --

»Wie das passiert ist?« Er spuckte kräftig auf den Boden. »Junger Mann,

ich bin siebenundzwanzig Jahre lang Maschinist, und trotzdem weiß ich

das ebensowenig wie Sie. Sehen Sie, ein Propellerschaft ist sozusagen

'n Luder! 'n dickes, langes Stück Stahl, das vor jeder Ausreise von

einem halben Dutzend Ingenieuren und mindestens drei Behörden Zoll für

Zoll abgeklopft und untersucht und begutachtet wird. Das wir während

der Fahrt pflegen und hätscheln, ölen und salben, als wär's 'n Baby. 'n

Stück Stahl, das eine Krafteinwirkung von sechstausend Pferdekräften

und Wasserwiderstände von achtzehntausend Pferdekräften auf seinem

runden Buckel aushalten muß. 'n Stück Stahl, dem die Kräfte und die

Widerstände hie und da -- es kommt nicht häufig vor, dem lieben Gott

sei Dank -- zu viel werden. Dann geht's knax, und der Teufel ist los!«

»Was passiert dann?«

»Oh, nichts von Bedeutung.« Er lachte schallend auf und schlug sich

aufs Knie. »Es passiert das, was uns passiert ist. Ungefähr das,

was geschieht, wenn man einer kleinen Katze plötzlich den Schwanz

abschneidet -- der Schwanz fällt herunter, nicht wahr, und die kleine

Katze gebärdet sich ungewöhnlich lebendig und aufgeregt. Na, unser

Propellerschwanz mit einigem Zubehör, das er im Vorbeigehen mitnahm,

liegt -- =well=, zwischen hier und Honolulu. Die Katze ---- «

»Die Maschinen?«

»-- jawohl -- die Maschinen! -- die Maschinen wurden aufgeregt. Das ist

ungefähr so, als wenn vier Pferde aus Leibeskräften an einem schweren

Sandwagen zerrten und plötzlich rissen sämtliche Stränge. Worauf die

vier Gäule übereinanderpurzeln und mit den Beinen strampeln würden ...

Um drei Uhr nachts ist es passiert. Ich hatte die Wache, Hand an der

Drosselung. Drei Sekunden nach dem großen Krach hatte ich abgedrosselt

und fünfzig Sekunden später das hintere mechanische Sicherheitsschott

geschlossen. Die drei Sekunden jedoch genügten den Maschinen

vollkommen, um übereinanderzupurzeln -- Lagerungen verballert,

Hochdruckzylinder verbogen, Kolben schief, als wären sie besoffen, alle

Verbindungen gelockert, alle Schrauben heidi -- ein Jammer, junger

Mann, ein trauriger Jammer. Zum Weinen! Aber das verstehen Sie nicht --

sind ja kein Maschinenmensch ...«

»Und dann?«

»Schloßen wir den Laden. Ließen Dampf ab, dichteten das

Kollisionsschott, pumpten das Stück pazifischen Ozean aus, das in den

Maschinenraum gedrungen war, und stützten unsere armen Maschinen mit

allerlei Gebälk. Mann, sehen Sie nur hin! Der Hochdruckzylinder sieht

aus wie 'n Baugerüst -- pfui Deibel! Das erledigt, warteten wir auf

die göttliche Vorsehung und den dreckigen Trampdampfer, der mit seinem

bißchen Schleppen ein Riesenvermögen an uns verdient.«

»Darf ich den Maschinenraum ansehen?«

»Kommen Sie! Sie werden sich wundern! Er sieht ungefähr so aus wie ein

Zwischendeck mit siebenhundert seekranken Chinesen am dritten Tag der

Ausreise von Hongkong. To -- tal ver -- saut!!«

Seufzend hing er das schon beinahe getrocknete Hemd über eine blanke

Kupferröhre und führte mich in das Allerinnerste der Hongkong. Ein

beschwerliches Kriechen war es, schmale Gänge entlang und unter den

Leibern stählerner Ungeheuer durch. Ein Gewirr von Balken stützte

die einzelnen Teile der Riesenmaschinen, die der furchtbare Stoß der

im Augenblick des Bruchs entfesselten widerstandslosen Kräfte völlig

unbrauchbar gemacht hatte; zerbrochene, verbogene Röhren, geknicktes

Gestänge, schiefe Stahlsäulen, abgesprungene Harteisenstücke, weißgrau

an den Bruchrändern, lagen umher.

»Hübsch, nicht?« sagte der alte Mann. »Nun stellen Sie sich, bitte,

vor, daß ein winzig kleiner Fehler, ein völlig unsichtbarer,

unentdeckbarer Riß in einem runden Stück Stahl von zwanzig Zoll

Durchmesser ausreichte, um für eine halbe Million Dollars Maschinen in

drei Sekunden über den Haufen zu werfen!!«

Da beschloß der Lausbub, seinem Teil des Berichts die Überschrift zu

geben: Der Dämon im Stahl!

Er fand das sehr schön!!

Während der Furor in einer Wolke von schwarzquellendem Rauch hafenwärts

sauste, schrieb ich und schrieb und schrieb, denn es war ja so

leicht. Hatte mir doch das Glück das Schönste und Packendste in einem

großen Zeitungsereignis bescheert -- den grimmigen düsteren Humor der

Wirklichkeit ...

Unser =scoop= gelang glänzend. Mit flammenden Überschriften und

sechzehn Spalten Hongkong erschien der =Examiner= zwei Stunden vor

dem =Call=. In einer Gesamtzeit von sieben Stunden vom Einlaufen der

Meldung bis zur Ausgabe der fertigen Zeitung war ein für die Hafenstadt

unendlich interessantes Ereignis lebendig und exakt geschildert

worden, in der Ausführlichkeit einer graphischen Darstellung von

über dreitausend Zeilen Länge. Nichts fehlte. Das Aussehen der

Hongkong -- der Bericht des Kapitäns -- die Schilderung der Leute des

Schleppdampfers -- die Szenen des Schreckens der Unglücksnacht.

Es war einer der großen Tage der Zeitung gewesen.

* * * * *

Der Hongkongbericht war in gekürzter Form nach New York und Chicago an

das New York-Journal und die Chicago-Dispatch telegraphiert worden,

denn wir und jene beiden Blätter arbeiteten stets Hand in Hand.

Gehörten »wir« doch einem gemeinsamen Eigentümer, dem Verleger des New

York-Journal, William R. Hearst. Als wir uns am nächsten Morgen im

Reporterzimmer einfanden, hielt uns Mac lachend eine Depesche entgegen.

Wir lasen:

»Examiner, Frisco. -- Komplimente, Mac. Gute Arbeit. Erwarte

ausführlichen Bericht. -- Hearst.«

Das war bezeichnend für William R. Hearst, dem nichts zu klein war im

Zeitungsdienst, um sich nicht persönlich darum zu bekümmern, und nichts

zu groß, sich mit seinen Zeitungen nicht daran zu wagen. Ich sah Hearst

erst Jahre später. Aber im Reporterzimmer wimmelte es von Anekdoten

über den »Alten«. Als Hearsts Vater, der Besitzer des New York-Journal,

gestorben war und ihm die Zeitung hinterlassen hatte, wurde aus dem

bedeutungslosen Jungen, der bisher nur durch modische Kleidung und

grelle Kravatten aufgefallen war, mit einem Schlage ein Arbeiter. Er

erklärte den redaktionellen und geschäftlichen Leitern seiner Zeitung,

daß in Zukunft er der Herr sei und sonst niemand. Die wollten sich

totlachen.

Dann kam das Entsetzen.

Der junge Hearst gönnte sich nicht einmal die Zeit zum Essen -- und

anderen Leuten erst recht nicht. Zu schlafen schien er überhaupt nicht.

Er war der Schrecken der Metteure. Er nächtigte im Setzersaale und

schrieb bis aufs letzte -- i -- Pünktchen die Schriftarten vor, die die

Ueberschriften der einzelnen Artikel anziehend machen sollten für Seine

Majestät das Publikum.

Sein Leben gehörte seiner Zeitung. Das folgende wahre Geschichtchen

illustriert seine Manier vortrefflich. Er gab ein Souper, das sich

lange ausdehnte. Um drei Uhr morgens brachte ihm ein Bote die erste

Kopie der Morgenausgabe des Journal, das soeben zur Presse gegangen

war. Hearst sprang nach einem Blick auf die Zeitung wütend auf,

ohne seinen verblüfften Gästen auch nur ein Wort der Erklärung zu

geben, und rannte in die Nacht hinaus. Nach Luft schnappend, kam er

im Journalgebäude an, ließ die Presse stoppen und telephonierte den

Chefredakteur herbei.

Alles -- weil die Überschrift des Leitartikels Hearst nicht zugkräftig

genug war!

Er pflegte stundenlang der Länge nach ausgestreckt in seinem

Privatkontor auf dem Teppich zu liegen, die Riesenseiten des Journal

vor sich ausgebreitet, um die Wirkung der »Aufmachung« zu studieren.

Den großen Eindruck brauchte er -- für die große Masse. Die war sein

Götze. Er gab Unsummen aus für Spezialdrähte, mietete einen Privatdraht

zwischen New York und Washington, um die Kongreßdepeschen früher

zu haben, gewann Generäle und Minister als Mitarbeiter. Er schlug

die Zeitungen New Yorks wieder und wieder in der Schnelligkeit und

Ausführlichkeit wichtiger Nachrichten. Der Erfolg bei der großen Masse

kam fast augenblicklich. Die Auflagenziffern des New York-Journal

schnellten zu verblüffender Höhe empor, und aus der einen Zeitung wurde

ein Zeitungssyndikat in New York, Chicago und San Franzisko, mit Hearst

als Alleinbesitzer. Damals entstand das Wort von der Gelben Presse.

Ueber seine Entstehung habe ich von amerikanischen Zeitungsfreunden

folgendes Geschichtchen erzählen hören:

Als der deutsche Kaiser der gelben Gefahr sein Zeichentalent widmete

und die Völker Europas warnte, ihre heiligsten Güter zu wahren, kam

der Karikaturist einer Washingtoner Zeitung auf die hübsche Idee, die

kaiserliche Zeichnung, die in Amerika großes Aufsehen und bei der

Abneigung gegen die gelbe Rasse starken Beifall erregt hatte, polemisch

zu verwerten. Er zeichnete in einem Bild einen messerschwingenden

Chinesen, in einem andern Bild daneben den das Journal schwingenden

Hearst, umgeben von tanzenden Teufelchen, die alle schrien: Sensation!

Sensation!! Sensation!!! Das eine Bild trug die Ueberschrift: Die Gelbe

Gefahr Europas! das andere: Die Gelbe Gefahr Amerikas! Die politische

Welt der Vereinigten Staaten lachte und nannte den Zeitungsmann den

gelben Hearst und seine Zeitungen die gelben Zeitungen. Die Gelbe

Presse!

Wie nun das bissige Wortbild auch entstanden sein mag, es kennzeichnet

mit seinem Vergleich mit der krassesten aller Farben, dem schreienden

Gelb, den Hunger nach Sensation vorzüglich. Tut auch Unrecht, wie

alle Schlagworte. Hearst hat starken Einfluß auf die Entwicklung der

amerikanischen Presse ausgeübt und dem modernen Nachrichtendienst

unvergeßliche Dienste geleistet. Und lange vor Roosevelt schon kämpfte

er gegen die Trusts. Seine politische Stellung als einer der Führer der

demokratischen Partei wird von Jahr zu Jahr stärker.

* * * * *

Nur einen einzigen Tag in jenen Monaten versäumte ich den

Zeitungsdienst.

Das war an jenem Tag, als frühmorgens Madame Legrange klopfte und mir

einen Brief brachte, einen Brief aus Deutschland. Ich freute mich

gewaltig. Mein wortkarger Vater schrieb mir nur selten, aber zwischen

den Zeilen der wenigen Briefe konnte ich lesen, daß meine jungenhafte

Begeisterung im Dienste der Zeitung und mein naives Schildern des

Lebens um mich ihn freuten. In knappen Worten sprach der Freund zum

Freund. Nur dann und wann blitzte ein Rat, eine Warnung auf. »Du wirst

vielleicht nie nach Deutschland zurückkehren, aber vergiß dein Land

nicht, denn seine Art bleibt deine Art!« schrieb er mir einmal. »Du

hast es sehr schwer, denn du bist niemand Verantwortung schuldig als

dir selbst ...« hieß es ein andermal. Vor allem aber verblüffte mich

die genaue Kenntnis der amerikanischen Verhältnisse, die aus diesen

Briefen sprach; eine weit gründlichere und tiefere Kenntnis als die

meinige, der ich doch im Lande lebte und schaffte. Das flößte mir

gewaltigen Respekt ein. Wenn das deutsche Heimweh über mich kam, und

das tat es manchmal, nahmen die Sehnsucht und die Träume die Form an,

daß ich es mir erträumte, dem Vater einst als erfolgreicher Mann wieder

gegenüberzutreten. Der Erfolgreiche dem Erfolgreichen. Der Freund dem

Freund. Der Gleichberechtigte dem Gleichberechtigten.

Und nun las ich und saß erstarrt auf meinem Bett. Mein Vater war tot.

Gestorben an einer fürchterlichen Krankheit, nach jahrelangem Siechtum,

das mir auf seinen Befehl verheimlicht worden war. Sie hatten ihn vor

Wochen schon begraben.

An jenem Tag der Verzweiflung begann ich zu ahnen, was Alleinsein

im fernen Lande in Wirklichkeit war und was die Bande des Bluts

bedeuteten, aber Jahre sollten noch vergehen, bis ich verstand, daß

in dem Grab im Münchner Nordfriedhof mein Allereigenstes lag. Daß aus

meinem Vater meine Kraft und mein Leichtsinn und meine Art stammte, und

daß ich dem Mann, der als kriegsinvalider Offizier nach den Feldzügen

der Jahre 1866 und 1870 frisch und kraftvoll nach einem neuen Leben

gegriffen und sich als nationalökonomischer und wirtschaftlicher

Geistesarbeiter einen reichen Wirkungskreis geschaffen hatte, alle

Zähigkeit des Wollens und Willens verdankte.

Das Kommen des Krieges.

Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die

Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. --

Die Glückssoldaten in Viriginia. -- Gespannte Beziehungen zwischen

den Vereinigten Staaten und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die

kubanische Junta und New York. -- Der Untergang der Maine. -- Der

Racheschrei. -- Kriegserklärung. -- Meine große Idee! -- Die große

Idee funktioniert nicht! -- Aber ich muß unbedingt nach Kuba ...

Schweres Kriegsgewölk überschattete im Jahre 1898 die Neue Welt. Unten

im Süden auf der Insel Kuba tobte seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen

Herren und Knechten, zwischen einer Rasse, die sich im Niedergange

befand, und bösem Mischblut; zwischen Spaniern und Kubanern. Die reiche

Insel, das Tabaksland, das Zuckerland war bitterarm geworden unter

spanischer Mißwirtschaft, und unerträglicher Steuerdruck lastete auf

ihm. Die spanisch-indianischen Mischlinge, die westindischen Neger

und Halbneger, nie Freunde harter Arbeit, wurden durch das unfähige

spanische Beamtentum mit seinem die Hände in den Schoß legenden

=mañana=-Glauben noch gründlicher verdorben, als sie von Mutter Natur

aus schon waren. Korruption war überall im Land. Hungersnot folgte auf

Hungersnot. Bitteres Elend herrschte seit vielen Jahren. Da schlugen

sich die Mischlinge in die Büsche, und langsam wuchs unter Führung von

Abenteurern die national-kubanische Erhebung; ein Guerillakrieg, der

von beiden Seiten mit einer Wildheit und einer Grausamkeit geführt

wurde, die dem benachbarten Amerika den Atem stocken ließ und ihm eine

altschmerzende Episode ins Gedächtnis rief, die in den Vereinigten

Staaten böses Blut gemacht hatte: Das Sterben der Männer der Virginia.

Vor einem Jahrzehnt, denn solange schon wütete der Kleinkrieg zwischen

Spaniern und Insurgenten, waren amerikanische Glückssoldaten in dem

Schooner Virginia gen Kuba gesegelt und im Süden gelandet, sich in den

Reihen der Revolutionäre Ruhm und Glück zu erkämpfen. Ein spanisches

Kanonenboot fing den Schooner ab. Vierundzwanzig Stunden später

knallten die Schüsse der spanischen Pelotons, und die Glückssoldaten

der Virginia waren tot. Amerika zitterte vor Entrüstung, wenn auch

das amtliche Washington sich wohl oder übel auf den Boden des

internationalen Rechts stellen und erklären mußte, jene amerikanischen

Abenteurer hätten den Schutz des Mutterlandes verwirkt, als sie sich

auf ihre ungesetzliche Unternehmung einließen. Vergessen aber wurden

die Männer der Virginia nie.

Schon zu Ende des Jahres 1897 waren die Beziehungen zwischen den

Vereinigten Staaten und Spanien gespannt, denn Washington hatte

wiederholt energisch darauf hingewiesen, daß in der Tabak-und

Zuckerindustrie Kubas Millionen amerikanischen Geldes steckten und die

unhaltbaren Zustände auf der Insel den wirtschaftlichen Interessen

der Vereinigten Staaten schadeten. Da wurde der spanische General

Weyler als Generalkapitän auf die Insel gesandt, und der Kampf gegen

die Insurgenten begann im großen Stil. Der grimmige Soldat ersann das

System der Blockhauslinien. In Fächerform wurden von den militärisch

stark besetzten Zentren aus kleine Blockhäuser in das Innere des Landes

vorgeschoben, um in stetig fortschreitender, geschützter Angriffslinie

die Revolutionäre zusammenzudrängen und das Land Meile für Meile von

ihnen zu säubern. Quer über die ganze Breite der Insel schob sich

die =trocha=. Eine gewaltige Kriegsmaschine war es: Undurchdringbare

Drahtverhaue verbanden die Blockhäuser. Vor diesem Gürtel kleiner

Festungen lief eine zweite Linie von Wolfsgruben und Sprengminen, die

eine bloße Annäherung an die =trocha= schon zu einem tödlichen Wagnis

machten.

Ein furchtbares Gemetzel begann. Tier kämpfte gegen Tier, denn

die halbverhungerten, verzweifelten, geächteten Menschen in den

Wäldern waren zu Tieren geworden, die mit ihren Macheten jeden der

verhaßten spanischen Soldaten, der ihnen in die Hände fiel, grausam

abschlachteten, und die erbitterten Spanier zeigten sich nicht weniger

grausam als jene. Sie schonten weder Weib noch Kind. So tobte der

Kleinkrieg. Immer wieder wurden die =trocha= da und dort in Kämpfen

bis aufs Messer von den Insurgenten durchbrochen; hatten doch diese

menschlichen Gerippe, die wenig mehr besaßen als ihre Waffen, nichts

zu verlieren und alles zu hoffen. Gefangene wurden von den Spaniern

ohne weiteres erschossen; zu Dutzenden, zu Hunderten. In New York

aber sorgte eine kubanische Junta, eine Vertretung der Insurgenten,

getreulich dafür, daß die amerikanische öffentliche Meinung in Schrift

und Bild jede Greueltat der spanischen Soldaten erfuhr, während über

die Schandtaten der Revolutionäre klüglich geschwiegen wurde. Grelle

Schilderungen von Hunger, Jammer und brutaler Unterdrückung aber

verfehlen ihre Wirkung auf den Amerikaner nie.

Alles drängte zur Einmischung der Vereinigten Staaten. Der langsam

erwachende Imperialismus, der eine Ausdehnung der amerikanischen Macht

forderte und Taten verlangte; das Kapital und starke wirtschaftliche

Interessen, die nicht nur ihre Geldanlagen auf der Nachbarinsel retten

wollten, sondern auch von einem amerikanischen Kuba sich goldene Berge

versprachen; der Zug der öffentlichen Meinung endlich, die die blutigen

Greuel im Nachbarhause nicht mehr mit ansehen mochte.

Die Stimmung war gespannt zum Platzen.

Da flog am 15. Februar des Jahres 1898 abends 9 Uhr im Hafen von

Havana der große amerikanische Kreuzer Maine in die Luft und sank

augenblicklich. Die gesamte Besatzung von über sechshundert Mann ging

zugrunde.

Jetzt jagten sich die Ereignisse.

Ein Schrei der Entrüstung gellte über Amerika. Rache für die Maine!

durchbrauste es die Zeitungen; =Remember the Maine!= donnerte es in den

Massenmeetings. Denn für jeden Amerikaner war es selbstverständlich,

daß ein heimtückischer spanischer Torpedo die Maine und ihre 600

Amerikaner in die Luft gesprengt hatte.

Die kubanischen Insurgenten wurden von der Regierung der Vereinigten

Staaten als kriegführende Partei anerkannt. Scharfer spanischer

Protest in unziemlichen Ausdrücken. Kurzer Notenwechsel, der die

Lage nur verschärfte. Am 25. April erklärte das amerikanische

Repräsentantenhaus, der Senat und der Kongreß, den Kriegszustand mit

dem Königreich Spanien.

Am selben Tage noch erhielt das amerikanische Geschwader in Ostasien

unter Admiral Dewey telegraphische Instruktionen. Nach fünf Tagen war

die spanische Philippinenflotte in der Seeschlacht von Manila am 1. Mai

1898 vernichtet.

* * * * *

Der Lausbub wäre nicht das Menschenkind voller Unrast und

tiefgewurzeltem Drängen nach grellem Erleben gewesen, hätte sich

nicht inmitten des Kriegslärms sein abenteuerliches Blut geregt. Das

Soldatenblut vielleicht auch vom Großvater und Vater her, den alten

Offizieren.

Ich verschlang die sich jagenden Nachrichten und brüllte mit in Jubel

und Freude, als Lascelles mit der Depesche vom Siege bei Manila ins

Reporterzimmer stürzte. Kein Stockamerikaner hätte begeisterter

sein können! Wieder jagten sich die Ereignisse. Mit immer größerer

Bestimmtheit trat die Nachricht auf, daß eine Amerikanische Armee

von der Insel Kuba Besitz ergreifen sollte und -- ich wurde sehr

nachdenklich, ohne eigentlich zu wissen warum. Ich wurde zappelig.

Wie schal und gleichgültig schien auf einmal das begeisternde

Reporterleben! Ich wurde unzufrieden. Was scherte mich die Zeitung,

wenn es Krieg gab! Krieg!! Blutigen Krieg! Kämpfe im tropischen Land!!!

Ich sah mich zwei Nächte hintereinander im unruhigen Traum als kolossal

tapferen Offizier, der seine Leute im Sturm zum Siege führte ... Und

am nächsten Morgen kam mir die große Idee! Man mußte die Gelegenheit

beim Schopfe packen! Die Möglichkeiten des Berufs mußten ausgenutzt

werden bis zum letzten! Kriegskorrespondent wollte ich sein -- aber

selbstverständlich -- _Kriegskorrespondent_!!!

Ich drückte mich im Reporterzimmer herum, bis die Kollegen alle

fort waren. Kaum war der langbeinige Ferguson mit seinen polternden

Schritten als letzter aus der Türe gestiefelt, als ich schon auf den

Schreibtisch in der Ecke zuschoß --

»Mac, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte gern in

einer persönlichen Angelegenheit ...«

»Natürlich, mein Sohn,« unterbrach er mich lachend. »=Allright=!

Wieviel brauchen Sie denn nun eigentlich?«

»Es -- es handelt sich nicht um Geld, Mac,« stotterte ich.

»Nun, und wo brennt es dann?«

»Krieg -- Kuba ...«

»Kuba, eh? Was in der Hölle haben Sie denn mit Kuba zu tun?«

Aber ich ließ nicht locker. »Glauben Sie wirklich, Mac, daß wir in Kuba

einfallen werden?«

Er nahm seine goldene Brille ab und putzte sie bedächtig.

»Nun, ich bin nicht der Kriegsminister!« meinte er. »Aber Sie können

immerhin Ihren letzten Stiefel darauf verwetten, daß die Insel ein

bißchen besetzt wird von uns, denn sie ist die große Wurst, um die

man sich zankt. Die Geschichte wird übrigens so ziemlich in Ruhe und

Frieden ablaufen, denke ich mir. Die Spanier wären Narren, wollten sie

uns ernsthaften Widerstand entgegensetzen. Na, es kann auch anders

kommen. Vor allem aber reden Sie jetzt ruhig heraus, lieber Junge! Was

wollen Sie eigentlich, zum Teufel? Was haben Sie sich da wieder in den

Kopf gesetzt??«

»Ich will nach Kuba!«

»Dachte ich mir, =sonny=!«

Ich wußte, daß ich puterrot geworden war und merkte, daß ich

ungeschickt stotterte in der Aufregung, aber jetzt hieß es reden,

reden, reden ... »Mac -- helfen Sie mir, Mac! Sie wissen ja nicht,

wieviel mir daran liegt!! Mein Vater war Offizier -- und ich wollte als

Junge immer schon Offizier werden und -- Sie verstehen mich vielleicht

...«

Allan McGrady nickte ernsthaft vor sich hin.

»Legen Sie ein gutes Wort für mich ein beim Alten, Mr. McGrady! Ich

will gewiß kein Geld verdienen dabei. Nur mitkommen --«

»Pfui, wer wird auf die Preise drücken!«

»Oh, Mac, Sie wissen doch, wie ich es meine.«

»Ich weiß, ich weiß. Und nun Vertrauen gegen Vertrauen, Sie Mann

der Tollheiten. Zwanzig Jahre bin ich im Zeitungsdienst. Mein Name

ist nach meiner besten Ueberzeugung etwas wert in der Zeitungswelt

und beim Alten. Nun sehen Sie: Ich würde drei Finger meiner linken

Hand hergeben, wenn ich damit erreichen könnte, von Hearst nach Kuba

geschickt zu werden! Drei Finger, mein Junge! Mit Vergnügen!! Mit

wonnevoller Wonne!!!«

»Aber --« stotterte ich, aus allen Wolken gefallen. »_Sie_ können das

doch erreichen!«

Er lachte. »Es ist nett von Ihnen, mir das Unmögliche zuzutrauen.

Ich könnte mir jedoch mit der gleichen Aussicht auf Erfolg es in

den Kopf setzen, heute abend um sechs Uhr Präsident der Vereinigten

Staaten sein zu wollen. Mann, Sie ahnen nicht, was es bedeutet,

Kriegskorrespondent zu sein. Da schickt man die Auserlesensten der

Auserlesenen hin. Leute von unermüdlicher Tatkraft, glänzende Federn

-- Männer, die in jeder Lage einen Ausweg zu finden wissen -- Männer

mit militärischen Kenntnissen ersten Ranges -- ach du lieber Gott.

Gibt es da unten wirklich ernsthafte Kämpfe, so sind die Hälfte der

Kriegskorrespondenten für den Rest ihres Lebens gemachte Männer. Die

Namen der Glücklichen -- Glück gehört auch dazu! -- werden beinahe

so berühmt werden wie diejenigen der siegreichen Generale. Schlagen

wir's uns aus dem Kopf, mein Junge! Für unsere Zeitungen gehen

selbstverständlich Davis und McCullock nach Kuba, kommt es so weit;

Davis, der ein großer Schriftsteller und Hearsts Freund ist, und

McCullock, der beim tollen Mullah im Sudan war! Das ist gar keine

Frage!«

Da trat Lascelles ein.

»=Good morning=, Mac!« rief er. »Denken Sie mal, der Teufel ist endlich

los! Washington telegraphiert die Mobilmachung der =National Guard=!

Bedeutet natürlich, daß Onkel Sam nach Kuba marschiert. Und ich würde

drei Finger drum geben, stände ich in McCullocks Schuhen!!«

Mac blinzelte mir zu.

Als wolle er sagen: »Siehst du! Da ist noch einer! Einer, der schon

hoch geklettert ist auf den Sprossen der Zeitungsleiter und trotzdem

das nicht erreichen kann, was du dir in den dicken Schädel gesetzt

hast. Du blutiger Anfänger ... du!!«

* * * * *

Ich schlich mich fort. Miserabel schlecht arbeitete ich an jenem Tag,

denn in meinem Kopf rumorte und lärmte und hämmerte es: Kuba -- Kuba --

Krieg ...

Kreuz und quer lief ich durch das flaggengeschmückte San Franzisko.

Unter aufgeregten Menschen, die von nichts sprachen als vom Krieg

und von Kuba. Teufel -- Teufel ---- Und immer lauter rumorte in mir

das trotzige blinde Wollen des Augenblicks, wie es noch hundert Male

rumort hat in meinem späteren Leben, zum Glück manchmal, manchmal

zu meinem Unglück. Später, wenn man die wirkliche Kraft gefunden und

sich rückschauenden Humor eingefangen hat, denkt man gern an solche

Augenblicke der Tollheit. Hat man sie doch auf Heller und Pfennig

bezahlt in der Münze des Lebens und das Recht auf fröhliche Erinnerung

erworben, mag auch die Vernunft sich wehren mit ihrem: Es wäre doch

besser gewesen, wenn ...

So lief ich umher in den Straßen.

Einem neuen Spielzeug nach, das hüpfende Teufelchen vor mir baumeln

ließen und das ich nicht erhaschen sollte und das vielleicht nur

deshalb so begehrenswert schien. Die Sehnsucht gestaltete sich zur

fixen Idee. Sie wurde zum harten Wollen.

Der Lausbub dachte also nach. Dachte angestrengt nach, vernünftig.

Ueber die Vernünftigkeit dieses Nachdenkens aber würde jeder andere

Mensch sich krankgelacht haben: Es bestand im Wesentlichen darin,

daß ich fortwährend dasselbe dachte -- »Ich will aber nach Kuba! Zum

Teufel, ich will aber doch nach Kuba!!«

Die kleinen Affären des Lebens, die links und rechts neben Kuba,

und die schleierhafte Zukunft, die hinter Kuba lag, kümmerten mich

furchtbar wenig. Sie waren nebensächlich. Erstens wollte ich mit in

diesen Feldzug, und zweitens mußte ich mit, und drittens ging ich

überhaupt auf jeden Fall mit! Darüber war ich mir nun klar, und damit

schien mir die Angelegenheit erledigt.

Ich -- mußte -- unbedingt -- nach -- Kuba!!

Der Lausbub wird Soldat.

Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschluß. -- Beim

Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde angeworben!

-- Abschied von Allan McGrady. -- =B Company= des 1.

Infanterieregiments. -- Korporal Jameson. -- Wiggelwaggeln. --

Der sprechende Sonnenspiegel. -- »Ich gehe nach Kuba!«

Daß meine Verhältnisse sich völlig ändern würden, der mühsam

erarbeitete erste Lebenserfolg völlig über den Haufen geworfen wurde,

die Zukunft sich anders gestalten mußte -- an meine ganze schöne

Lebenslinie dachte ich auch nicht einen Augenblick lang. Her nur mit

dem praktischen Trotz, der törichte Wünsche in Wirklichkeit umsetzt!

Ich ging zum Oberleutnant Green ins Presidio.

»Hoffentlich kommen Sie nicht in beruflicher Angelegenheit,« sagte

er lächelnd, als ich in das kleine Signalbureau im Adjutanturgebäude

trat, »denn nicht ein Wörtchen könnte ich Ihnen in diesen Zeiten sagen.

Befehl von Washington!«

»Das wäre an und für sich schon eine Neuigkeit im Zeitungssinne!«

lachte ich. »Aber ich komme mit einer persönlichen Bitte ...« Und ich

erzählte ihm, was ich mit Allan Mc Grady gesprochen hatte und erklärte,

daß ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt hätte, den Feldzug

mitzumachen. Der Offizier hörte aufmerksam zu.

»Sie wollen also Soldat werden?«

»Ja.«

»Und Ihr Beruf?«

»Auf den pfeif' ich!«

»Hm. Haben Sie sich da in Ihrer Enttäuschung über die

Kriegskorrespondentengeschichte nicht in eine Idee verrannt, deren

Tragweite Sie nicht übersehen? Würden Sie sich unter allen Umständen

anwerben lassen, auch wenn ich nicht helfe?«

»Ja, unter allen Umständen.«

»Schön. Wie alt sind Sie?«

»Zwanzig Jahre und drei Monate.«

»Hm. Das Gesetz schreibt zwar ein Alter von 21 Jahren vor, aber um

der paar Monate willen wollen wir uns nicht streiten. Ich will Ihnen

helfen. Sie scheinen ja ernstlich genug zu wollen, und des Menschen

Wille ist sein Himmelreich. Unter den besonderen Umständen wird Ihnen

übrigens eine kurze Dienstzeit in der blauen Jacke Onkel Sams gar nicht

schaden. Nun hören Sie, bitte, genau zu. Was ich Ihnen jetzt sage, ist

vertraulich: Wir könnten Sie im Korps gebrauchen, und das wäre wohl

auch das Beste für Sie, schon weil die Arbeit sehr interessant ist.

Telegraphieren können Sie ja schon. Der Haken ist nur der, daß ich zur

Anwerbung nicht autorisiert bin. Der Signalkorpsdienst der Vereinigten

Staaten besteht augenblicklich nur aus etwa dreißig Offizieren und

etlichen fünfzig Sergeanten. Mannschaft haben wir vorläufig gar nicht.

Ich erwarte jedoch von Stunde zu Stunde die Order, die ein Signalkorps

im größeren Stil für den Krieg organisiert. Sie lassen sich also jetzt

für das hiesige Regiment, das 1. Infanterieregiment, anwerben. Ich

werde dafür sorgen, daß Sie sofort zum Telegraphendienst abkommandiert

werden, und sobald das neue Signalkorps autorisiert ist, werde ich Sie

versetzen lassen. Abgemacht?«

»Ja.«

»Schön. Sie müssen sich auf drei Jahre verpflichten, aber eine

vorherige Entlassung würde keinen besonderen Schwierigkeiten begegnen,

wenn Sie eine solche nach Beendigung des Feldzugs wünschen.«

Ich horchte auf, denn das war es gerade, was ich wollte!

»Abgemacht?«

»Ja.«

»=Well=, ich hoffe, daß Sie den Schritt, den Sie heute unternehmen,

nicht bereuen werden. Und nun wollen wir die Sache ins Reine bringen.

Warten Sie hier einen Augenblick, bitte. Ich werde den Adjutanten

verständigen, der Sie formell anwerben wird.«

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3) · 第 14 / 26 题