Ich betone dabei auch das Wort Rasse, denn ich bin, wie gesagt, nicht

der Ansicht, daß es in absehbarer Zeit eine Notwendigkeit oder ein

Vorteil für die Menschheit wäre, wenn grade die Rassenmerkmale sich

gegeneinander ausglichen. Wohl muß es geistige Kulturwerte geben,

die über allen Rassen stehen, und muß es eine Erziehung aller Rassen

geben, daß sie hier eine gewisse oberste Gesetzgebung der Menschheit

anerkennen. Auch der Begriff Nation selbst kann eine solche mehr

geistige Kultureinheit sein, unter der verschiedene gesunde Rassen in

treuer Gemeinarbeit zusammenhalten. Aber der Unterschied, wo er einmal

gegeben ist, braucht sich deswegen nicht zu verwischen.

[Illustration]

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Viel geheimnisvoller als dieses einfache Pendeln um den

körperlichen Gesundheitspunkt und Normalpunkt erscheint an unserm

gleichen menschlichen Körper aber schon ein tieferes Variieren,

das offensichtlich um unsere Organisation herumpendelt, wie sie

unsere Vorfahren von der Wende des niederen Tiers zum Menschen uns

hinterlassen haben.

Jeder von uns hat vom »Weisheitszahn« gehört, dem letzten unserer drei

menschlichen echten Backzähne, der erst spät kommt, individuell aber

auch sonst noch ein buntes Spiel treibt, bald gar nicht gebildet wird,

bald nicht durchbricht oder verkrüppelt bleibt. An und für sich möchte

das ein ziemlich gleichgültiges Variieren sein, da wir bei unserer

Kulturnahrung und etwas Zahnpflege auch mit einem Zahn weniger in

jeder Kieferseite auskommen und sogar der unruhige Geselle sich häufig

selber als ein Ausgangspunkt von Zahnverderbnis herausstellt. Aber

bei näherem Zusehen ergeben sich hier doch Überlegungen besonderer

Art. Das häufige Fehlen oder Verfallen des Zahns nimmt zu bei den

höchsten Kulturrassen, dagegen ab bei Negern und Mongolen, und bei den

urtümlichen Australnegern setzt es ganz aus. Die altweltlichen Affen

haben stets noch richtige drei Backzähne, während älteste Säugetiere

sogar noch vier besaßen; ab und zu kommt sogar beim Menschen selber

noch ein Rückschlag auf diese Viererzahl vor, und bei Menschenaffen

ist er noch häufig. Hier hat man den Eindruck, daß sich im Menschen

_noch unter unsern Augen etwas vollzieht_. Die zunehmenden negativen

Varianten des Weisheitszahns mit aufsteigender Kultur scheinen

anzudeuten, daß hier nach innerem Gesetz die Zahl der Backzähne bei

uns noch weiter im Abnehmen begriffen ist und wir über kurz oder lang

überhaupt nur noch zwei Backzähne von Natur besitzen werden. Wir

entfernen uns an der Stelle fortgesetzt noch vom Affen. Und wir sehen

auch einen Sinn der Sache. Was uns vom niederen Säugetier, aber auch

vom Affen immer entschiedener in unserm Skelettbau getrennt hat, ist

unsere gewaltige, dem Menschengehirn Platz schaffende Schädelwölbung.

Je mehr sich dieser Oberschädel aber auswuchs, desto mehr verkürzten

sich die Kiefern. Das ursprünglich ausgedehntere und lückenhaftere

Gebiß wurde geschlossener zusammengedrängt. Für unsere Sprache war

diese Geschlossenheit zweifellos von großem Wert. Aber auf die Dauer

ergab sich dabei noch eine kleine Dissonanz. Wir hatten eigentlich zu

viel Zähne für eine solche Kieferform. Nun wäre es in wachsendem Maße

aber auch mit einem oder dem andern weniger gegangen. Die diluvialen

Menschen hatten für ihre offenbar sehr rohe Kauarbeit noch überhaupt

viel derbere Kiefern und Gebisse wie wir nötig. Jetzt haben wir

allgemein schon feineres Werkzeug hier am Leibe. Und da mag auch noch

ein Zahn weniger mit hingehen. Nun das Seltsame: wir ertappen unsere

eigene still waltende Innennatur dabei, wie sie da einen Zahn wirklich

durch zunehmendes Variieren nach der Seite des Nichtmehrkommens

allmählich eingehen läßt. Als setze sich hier eine noch immer

bessere »Balance« der Dinge durch, eine Anpassung des Zahnbaus noch

enger an den menschlichen Gehirnschädel, also eine kleine feine

Mehr-Vermenschlichung. Es geht nicht auf einmal, es spinnt sich langsam

so hin, aber doch unverkennbar zielgerecht. Immer mehr Varianten laufen

in gleicher Richtung. Eines Tages wird die Sache gemacht sein bis auf

seltene Rückschläge, die den dritten Zahn nur noch einmal sozusagen

als altes Gespenst vorbringen, so wie jetzt ganz selten noch einmal

der uralte, längst verflossene vierte auftaucht. Der Zahn ist also ein

Weisheitszahn nicht, weil er noch kommt, sondern weil er so verspätet

und oft gar nicht mehr kommt; er lehrt, daß der Kopf des Menschen auch

im Knochenbau immer »weiser« geworden ist oder auch, daß »Weisheit«

der Natur dabei ist, diesen Menschenkopf hier noch immer harmonischer

zu regeln. Wie die Sache innerlich läuft, ist ja gewiß in manchem auch

hier wieder recht rätselhaft. Die Varianten kommen offenbar nicht

regellos, sondern schon bestimmt in abnehmender Wirkung gerichtet,

als lenke sie bereits eine geheime innere Zuchtwahl. Vielleicht ist

es der Kampf der innersten Gerüstteile im Schädel selbst, die sich

harmonischer zueinander setzen. Andere mögen an Auslesevorgänge schon

in unsern Keimzellen denken, die doch jedesmal unsern Einzelmenschen

mit seiner Einzelvariante wieder schaffen. Und was der Theorien mehr

sind! Äußere Zuchtwahl ist es jedenfalls nicht, denn unser Lebensglück

oder Lebensunglück hat doch wohl nie am Weisheitszahn gehangen oder

hängt daran. Irgendwie aber zieht im Körper bei uns eine leise Strömung

hier fort, und zwar nicht diesmal bloß einfach auf dem ungefähr

Guten erhaltend, sondern im Feinsten doch wirklich auch fördernd,

gleichsam die Dinge innerlich noch besser ausbalancierend, indem ein

entbehrlich Gewordenes hinauskorrigiert wird. Und Spuren solcher feinen

Geheimarbeit kann man nun tatsächlich auch außerdem noch in Menge

in unserm Körper gewahren, -- Spuren, um das Wort auch allgemein zu

gebrauchen, noch immer fortschreitender innerer »Vermenschlichung«.

Deutlich sieht man hier, daß der Mensch wirklich noch jung ist, und

daß, man möchte vermuten, ein großer Ruck, den er erfahren, im engeren

an seinem Körper immer noch sachte weiter zurechtrückt. Bei unsern

Zähnen selbst sieht es fast schon nach noch weiterer Ausmerzung aus,

wie denn beispielsweise auch unser zweiter Schneidezahn im Oberkiefer

der Europäer schon öfter schwankt und ausbleibt. Im übrigen aber

hat wohl jeder schon von sogenannten »rudimentären Organen« bei uns

gehört, Organen, die bei unsern tierischen Ahnen ausgeprägt zweckmäßig

ausgebildet waren, für die der Forscher aber vergebens noch nach

einem weiteren Zweck im Naturhaushalt auch unseres Körpers sucht.

Als das Beispiel, das wohl am weitesten bekannt geworden ist, gilt

unser Blinddarm mit seinem berühmten Wurmfortsatz. Sicher ist, daß

bei rein pflanzenfressenden Tieren, z.B. bei Beuteltieren, die wohl

gewiß zu unsern Ahnen gehören, der ganze Blinddarm noch eine gewaltige

Rolle gespielt hat und oft riesengroß war; noch bei Halbaffen ist er

üppig, bei den Affen geht er aber herunter; Menschenaffe und Mensch

zeigen die bewußte Wurmfortsatzbildung. Die Sache sieht in diesem

Sinne auch nach Verkümmerung aus, und der Fortsatz variiert auch bei

uns auffällig stark hin und her, obwohl leider nicht rein negativ.

Denn das Beispiel ist grade hier doch wohl verwickelter. Die vielen

Krankheitsfälle scheinen anzudeuten, daß sich hier ganz grob etwas

mit unserer Kulturnahrung gegenwärtig nicht zu vertragen scheint. Wie

die Dinge liegen, wäre auch eine grobe äußere Auslese auf Leben und

Tod hier auf die Dauer beinahe nötig, die das Ding ausmerzte, wenn

nicht unser Intellekt schon unmittelbar und ohne Zuchtwahl abzuwarten

gleichzeitig operativ eingriffe. Es fragt sich aber, ob grade das ein

ganz reiner Fall ist und ob nicht etwa ein neuer Bakterienangriff, der

ganz wo anders hingehört, mit im Spiel ist. Jedenfalls haben wir aber

eine Menge unscheinbarer, aber dafür deutlicherer anderer Beispiele im

Menschenleibe, wo ein Organ langsam vergeht im Moment und die innere

reinliche Sichtung offenbar allein stark genug ist, es zu beseitigen,

während umgekehrt an andern Stellen die Dinge ebenso »progressiv«

steigen.

Der ausgezeichnete Anatom Wiedersheim in Freiburg hat im ganzen über

hundert solcher Stellen bei uns aufgezählt, wo zurzeit die stille

Ausmerzarbeit mehr oder minder waltet, also Organe »regressiven

Charakters« vorliegen. Um ein paar noch zu nennen, die uns gleich

dem Weisheitszahn offenbar nichts weiter tun, aber doch geheimen

Gleichgewichtsbesserungen langsam zum Opfer zu fallen scheinen oder

schon halb und halb gefallen sind, nenne ich: den menschlichen

Zwischenkiefer, mit dem sich Goethe schon beschäftigte, ob er noch

bei uns am Schädel zu erkennen sei oder nicht; die inneren (manchmal

sogar noch äußerlich als verspätete Variante auftretenden) Reste

des Schwanzes beim Menschen; unsere unteren Rippen, von denen die

dreizehnte schon fast verschwunden ist, die elfte und zwölfte

schwanken; die männlichen Milchbrustanlagen und bei der Frau die

abnorm nur noch ab und zu hineinvariierenden überzähligen Milchdrüsen

tierischer Ahnenstufen; die äußeren Ohrmuscheln, die immer mehr ihren

Zweck als Schallfänger schon verloren haben, sich platter dem Kopf

anlegen, längst das Spitzohr nur noch stark variierend eben andeuten

usw. Was der Mensch alles noch an Resten schleppt, zeigt z. B. die

Zirbeldrüse im Gehirn, die noch ein Stück des uralten doppelten

Scheitelauges (Parietalauges) der Reptilien ist. Doch muß man bei der

Aburteilung auch hier oft vorsichtig sein, da manche dieser Altorgane

von der geheimen Umarbeit im Körper nicht einfach auf den Aussterbetat

gesetzt, sondern für andere Gebrauchszwecke noch nachträglich wieder

umgestellt worden sind; das hat z. B. die Schilddrüse bewiesen, die

man für so ein zweckloses Rudiment hielt; als aber unser Intellekt

nachhelfen und sie gewaltsam entfernen wollte in Fällen, wo sie

erkrankt schien, zeigten sie so gräßliche Nebenwirkungen (Degeneration

des Gehirns der Operierten), daß man klärlich sah, hier hatte die

Innenarbeit anders eingestellt und ließ sich nicht dreinpfuschen.

Ist aber das Ausmerzen, wo es wirklich von innen her erfolgt, allemale

schon eine gewisse Besserung, so müssen doch daneben für jede

Zukunftsbetrachtung noch interessanter die wirklichen Körperecken

wirken, wo es im positiven Sinne noch ersichtlich vorwärts zu gehen

scheint. Von wesentlichsten Sphären unseres lieben Körper-Ich seien

auch hier genannt: die feinere Differenzierung und Ausgestaltung

unserer Daumenmuskeln; die allgemeine wachsende Leistungsfähigkeit

unserer Hand; noch mehr Raumgewinnung für das Gehirn bei der seitlichen

Schädelwand; Festigung des Gehfußes; Besserung des Beckens beim

weiblichen Geschlecht mit Rücksicht auf den riesigen Kopf schon des

kleinen Menschenkindes; feinere Ausgestaltung der Gesichtsmuskeln

bei Auge und Mund in Verbindung mit vergeistigtem Mienenspiel und

Sprache, im Gegensatz zu den wachsend verkümmernden Muskeln der

Ohrbewegung, -- mit den Ohren lernen wir immer weniger »sprechen«,

mit den Augen immer mehr; endlich Vervollkommnung der äußeren Nase,

die (nach Hans Friedenthals lichtvoller Deutung) bei Klettertieren

in staubfreier, feuchter Waldluft als Staubfilter überflüssig

war, beim aufrecht gehenden Menschen aber als Anpassung an rasche

Laufbewegung und Aufenthalt in staubiger Luft wieder sehr wichtig

wurde und von der Innennatur bei uns noch heute in zahlreichen

Versuchen offenbar weiter »ausbalanciert« wird. Friedenthal ist

der Ansicht, daß die vollkommenste Nasenform für diesen Zweck (mit

Nasenlöcherstellung, durch die der Luftstrom nach oben geht) in der

Richtung des griechischen Statuenideals liege, -- ein Hinweis, der

sehr lehrreich noch für sich ist. Er deutet darauf hin, daß der

_Künstlerblick_ von je es intuitiv verstanden hat, etwas schon vom

»Menschen der Zukunft« zu sehen auch im Sinne praktisch verbesserter

Harmonie der Körperteile. Wenn das griechische Schönheitsideal den

nackten Menschen mit nicht mehr vergrößertem, aber in sich noch weiter

durchgebildetem Kopf und mit etwas verlängerten Beinen, wenn es ihn

auch im männlichen Körper zwar voll nervöser Kraft, aber nicht mehr als

Muskelberg mit ungeheurem grobem Energieballast, sondern eher sogar

mit einem leise vermittelnden Zug zu den herbschönen Formen auch des

jungen Weibes gebildet hat, so folgt man gern diesem Hellblick, der

in seiner Weise vielleicht schon etwas von den wirklichen Naturwegen

zukünftiger Vervollkommnung geahnt hat. Und man glaubt den gleichen

Zug der Dinge, der mit stiller, uns unbewußter Naturarbeit die Muskeln

um unser Auge in ihrem Spiel noch immer verfeinert, wiederzufinden in

der Kunstverklärung der Augen, die uns aus Raffaels Madonna und ihrem

Christuskinde mit solcher heute noch fast übermenschlichen Herrlichkeit

anschauen. Wenn uns (im Traum wieder) spätere bewußte Eingriffe des

Menschen auftauchen, mit denen er noch selbständig nachschaffend das

Naturwerk auch am lebendigen Menschenkörper hier weitertreiben, diesen

Körper noch von manchem mangelhafteren Abstammungserbe bewußt befreien

und gleichsam zu immer höherer Idealmenschlichkeit hinaufbringen

könnte, so werden wir daran denken müssen, daß bei all diesen Versuchen

nicht nur der Arzt, sondern auch der Künstler eine entscheidende Stimme

wird haben müssen.

[Illustration]

8

Einstweilen bleibt es aber auch bei diesen unmittelbaren Naturwegen

offenbar dabei, daß sie zwar in bestimmter Richtung gehen, wesentlich

aber auch noch nicht _ganz_ Neues suchen, sondern nur das Gegebene noch

immer besser (um das Wort noch einmal anzuwenden, das hier als ein

technisches so wirklich gut paßt) ausbalancieren. Hier aber muß nun

wieder von neuem Interesse werden, wie es mit dem Variieren unseres

Gehirns und damit recht eigentlich erst unserer entschiedensten

Geistesgrundlagen selber sei. Zweifellos ja variiert auch dieses

Gehirn mit all seiner Freiheit, seiner Kultur im einzelnen. Nicht

bloß die Linien der Hand oder das Auftauchen oder Nichtauftauchen

des Weisheitszahns trennen jeden von uns individuell vom andern,

sondern auch die angeborene Geistesvariante. Unzählig sind gleich

auf den ersten Blick die verschiedenartigen gegebenen Mischungen

unseres Temperaments. Am Glück und Leid unseres persönlichen Lebens

haben sie schon reichlich ihr Teil. Immerhin würden sie sich im

Menschheitsbilde doch wohl immer ergänzend ausgleichen, wenn man

von oben auf den ganzen Maskenzug menschlicher Leidenschaften sehen

dürfte. Eine etwas stärkere Frage könnten schon die einfachen Plus-

und Minusvarianten des Verstandes sein, -- nach klügeren oder dümmeren

Menschen. Wir wissen ja, daß die Dummen nicht alle werden, hoffen

es aber im stillen doch auch von den Guten. In dieser Allgemeinheit

gibt aber auch diese Fragestellung schwerlich schon ein greifbares

Ergebnis. Viel wichtiger scheint mir dagegen das Auftauchen ganz

bestimmter erkennbarer Plus-Varianten bei uns in ganz bestimmte

einzelne Kulturwerte hinein. Hier ist hochbedeutsam, daß überhaupt

Plus-Varianten, also genau passende Treffer, in solche engeren Furchen

unseres obersten Menschentums sich immer wieder einsäen. Tatsächlich

gibt es von den oben gestreiften großen Menschenerrungenschaften keine,

in die wir nicht solche Treffer mit Regelmäßigkeit fallen sähen. Ich

meine jetzt, was man gewöhnlich Gaben oder »Talente« nennt. Man muß

das Wort Talent nur weit fassen. Da gibt es z. B. beständig bei uns

schon so und so viel angeborene verstärkte Plus-Varianten, die auf das

Mitleid entfallen. Wer kennte sie nicht unter uns aus, die von Jugend

an mit dem impulsiv gutmütigen Gemüt schon Gezeichneten, die ewig

Hilfsbereiten, ewig für Mitleid Wachen, denen, wo ein anderer zögert,

das Herz einsetzt mit einer unhemmbaren Naturgewalt. Ich sagte, Mitleid

wahre stets auch bei uns noch einen leise triebhaften Zug. Das wichtige

aber ist auch hier, daß es angeboren grade auch schon auftaucht in

der spezifisch menschlichen Oberform des Allgemeinmitleids, der

Menschenhilfe, Menschenliebe schlechtweg. Eine prachtvoll fördernde

Kulturvariante! Dann noch in anderm Sinn ethische Plus-Varianten:

ethische Charakter-Varianten in der Form angeborenen Talents für

entschiedenen Rechtssinn. Wer Kinder beobachtet, weiß, wieviel auch

da schon vor aller Erziehung liegt. Nicht, daß instinktiv hier schon

mit auf die Welt gebracht würde, was das rechte _ist_, -- also

bestimmte Moralsätze, die nur blind befolgt zu werden brauchten. Das

fiele ja zurück in starre tierische Instinktzüchtung, die stets das

Gegenteil allen Menschenfortschritts bleiben muß. Sondern ich meine,

daß innerhalb der Freiheitssphäre der feine Sinn für Recht und Unrecht

in der Wahl bei dem ethischen Talent angeboren verstärkt sei. Die

erlernte ethische Formel kann wechseln: das Instrument ihrer Anwendung

in jedem Falle aber ist bei hier Gezeichneten verfeinert. Auch hier

reicht die Variante offenbar nach der einen Seite schon in das echteste

obere Menschenwesen der freien Erkenntnis und Wahl von Gut und Böse

hinein, auf der andern aber ist das Feingefühl der Wahl auch schon

nicht bloß auf das grob Nützliche des Augenblicks gestellt, sondern auf

die Bevorzugung von höherem, Idealerem, eben Ethischem, das über den

einzelnen steigt, ohne daß es doch deshalb wieder grober Herdentrieb

würde. Wer fühlte nicht, daß der Volksgeist, der im Augenblick Tausende

und Tausende bei uns mit stolzer Bewußtheit in furchtbarste Gefahr,

ja in Qual und Tod ziehen läßt, im innersten Mark getragen wird

von der Zahl dieser ethischen Plus-Varianten bei uns und nicht vom

Herdeninstinkt.

Des weiteren kommen die eigentlichen »Talente« im strengeren

Sinne, die reinen Intellektbegabungen für bestimmte Arbeitsgebiete

unseres Kulturverstandes. Es sind die ausgesprochenen Begabungen

für Einzelfächer, die besonders auf unsern höheren Schulen jedem

einsichtigen Erzieher, der sich des individuellen Guten freut, wo es

sich gibt, und nicht bloß Normales herauspauken will, so deutlich

werden und oft so erstaunlich die Arbeit erleichtern. »Talent für

Mathematik« gehört dahin als allbekannte Erscheinung. Es gibt aber

auch solche entgegenkommenden Plus-Varianten, die sich beim deutschen

Aufsatz, bei Sprachen usw. bewähren. Bei Musikstunden kommt (nicht

aus der reinen Verstandessphäre) musikalisches Ohr und Taktgefühl so

entgegen. Auch hier ist es beileibe nicht so, daß Tatsachenmaterial

schon angeboren überliefert würde. Der Lehrsatz des Pythagoras wird

nicht schon mit auf die Welt gebracht oder fertige Feuilletons.

Das wäre ja wieder Rückfall in böseste Instinktform. Bei jedem

besseren Zusehen wird ersichtlich, daß es sich auch hier stets um

Intellektvarianten als solche handelt, von denen diese allerdings mehr

so, jene mehr so methodisch entgegenkommt. Der Intellekt variiert

sozusagen als Feinmechanik seines Instruments bald mehr für die

mathematische Art der Verknüpfung, bald mehr für bildliche Assoziation,

bald mehr für Beherrschen gedanklich nicht verbundener Reihen. Kein

Zweifel: in all diesen Dingen, die jeder sich leicht selbst weiter

durchdenken kann, haben wir nicht regellose Varianten aus einem

indifferenten Dunkelgrunde auch über uns fort, -- sondern wir haben

sozusagen unsere Kultur selber schon auch unten, die Treffer wirft. Wie

man sich die Entstehung dieser Richtungs-Varianten denken will? Nun,

da mag wieder jeder seine biologischen Theorien anlegen. Nahe genug

liegt wahrlich, daß eben doch fortgesetzte äußere Übung auch schon

das innere Instrument bessert, und wer will sich verhehlen, daß diese

Auslegung pädagogisch erfreulicher ist, da sie uns den inneren Gewinn

nicht als Zufallstreffer, sondern als Erfolg grade unserer rastlosen

oberen Edelarbeit erkennen läßt. Gewiß aber ist auf jeden Fall: auch

diese Varianten haben alle einen Zug zur Erblichkeit. Ferner sind sie

durchweg im letzten Erfolg äußerst nützlich, werden in jeder Weise in

unserer Kultur begünstigt, haben also eine Tendenz, sich zu erhalten,

zu vermehren, wenn sie einmal da sind. Auf die Dauer muß auch durch sie

das allgemeine Kulturniveau in seinem besten Geistesinhalt unbedingt

gesteigert werden. Durch wachsende Ausbreitung dieser »Talente« zeigt

sich eine schöne Zukunftsmöglichkeit, daß allmählich die Mehrzahl der

Menschen oder alle verstärkt würden in ihrer impulsiven Gemütskraft,

in ihrem veredelten Rechtsbewußtsein, in der Feinarbeit ihres

Intellekts für gewisse einzelne Tagesaufgaben der wissenschaftlichen

Kultur, in ihrem musikalischen Gehör und so fort. Auch alle diese

Anlagen geben nichts schlechtweg Neues, sie spiegeln ja nur schon

unsere Arbeit selbst. Aber sie verbreitern die Basis des Kulturellen

unablässig, heben die Masse, erleichtern, vereinfachen die Handhabung

des wachsenden Kulturstoffs, setzen auch geistig das Vorhandene dort

für uns in eine immer glattere Balance, -- so die beste Bahn für ein

_wirklich Neues_ ebnend.

Das aber erwarten wir nun hier _auch_, -- auf der geistigen Seite. Wir

erwarten es vom Intellekt, der in der Folge mit dem immer besseren

Instrument neue Welten nach außen auftun mag. Aber ich meine, wir haben

es doch auch schon in der andern Form ebenfalls -- nicht täglich, aber

doch regelmäßig bisher im großen Menschentag -- von Innen, von der

Seite des geheimnisvollen Variierens dabei. Die Tatsache der ungeheuren

Variante, die im _Genie_ liegt, ist es, die ich meine. Auf sie möchte

ich -- als auf den allergrößten sichtbaren Fortschrittswert der

Menschheit -- zum Schluß hier noch den Blick einstellen.

* * * * *

Der Mensch der Zukunft · 第 7 / 9 段