lebenden Formen zeigt es. Ganz unten und früh hat das Prinzip zunächst
die Sonderung der tierischen Zellenstaaten von den pflanzlichen
bestimmt. Das Tier trat in seine straffe Einheitszucht ein, die
Pflanze blieb loserer Verband. Die Pflanze ist allerdings bis heute
in gewissem Sinne immer Nährapparat des Tiers geblieben und insofern
selber eine Art frei angegliederten Organs dort, so daß man sie nicht
ohne weiteres als Seitenast bezeichnen kann. Aber der Fortschritt
der Gesamtorganisation blieb fernerhin jedenfalls beim Tier als
Zentrallinie. In uralten Tagen ist offenbar ein erster Grundriß
dort entstanden, nach dem der Tierkörper nervös vereinheitlicht
werden konnte, -- als Grundlage alles weiteren. Die Anatomie der
vorhandenen Würmer verrät uns noch etwas davon, die entscheidende
Urweltsform selbst muß aber noch vor der Zeit gelebt haben, aus der wir
versteinerte Reste besitzen, also in der Gegend jener mehrerwähnten
Hundertmillionenziffer. Eine Weile gab es dann Variationsbreite.
Das Prinzip steigerte ein Stück weit scheinbar in mehrere Tiertypen
hinein, Gliedertiere, Stachelhäuter, Mollusken, endlich Wirbeltiere.
Im ersten Falle gab es eine Weile Fortschritt, im zweiten eine Art
Kreisbewegung, im dritten sehr früh auch einen kurzen Fortschritt.
Dann blieben diese drei Linien aber wieder starr stehen, und nur die
der Wirbeltiere begann unhemmbar aufzusteigen im weiteren Sinne des
Prinzips. Es bedarf nur schlichtester anatomischer Einsicht, um zu
sehen, daß das Bauchmark der Gliedertiere, das zerstreute Nervensystem
der Mollusken, das Ringmark der Stachelhäuter schlechtere Varianten
waren gegenüber der glänzenden logischen Lösung im Rückenmark des
Wirbeltiers. Man hat aus den verschiedenen Möglichkeiten grade hier
allerdings gern das Vorhandensein einer zentralen Steigerungslinie
zu leugnen versucht. Man zeichnete den Stammbaum so, daß alle vier
Typen von damals als gleich lange Äste bis zur Gegenwart reichen, und
meinte, das Wirbeltier sei doch nur ein Sproß neben andern in ihrer Art
ebenso hoch aufwachsenden fortan gewesen. Diese Form des Bildes ist
aber falsch. Sie übersieht, daß die drei Typen der Gliedertiere, der
Stachelhäuter und der Mollusken bereits in der ersten großen Epoche
der Erdgeschichte, der paläozoischen, alles erreicht hatten, was ihnen
an Organisationssteigerung beschieden war. Stachelhäuter und Mollusken
(diese im Tintenfisch) waren bereits an ihrem oberen Ziel, als für uns
der Vorhang der Lebensgeschichte aufging, und auch die Gliederfüßer
standen schon beim Krebs, und noch innerhalb der paläozoischen Zeit
erreichten auch sie ihren Gipfel, das Insekt. Von da ab, viele, viele
Millionen der Erdgeschichte bis heute, sind sie starr an ihrem letzten
Steigerungspunkt stehen geblieben und nur in eine zum Teil ungeheure
Formenbreite gegangen. Sie haben jenen Zustand, nicht der Degeneration
ohne weiteres, aber der lebendigen Versteinerung, Erstarrung
hinsichtlich einer echten Organisationssteigerung angenommen, der
für alle Seitenäste des Stammbaums so charakteristisch ist; nicht
die eigentliche Lebenskraft, wohl aber die Steigerungsenergie
scheint sie innerlich verlassen zu haben. Umgekehrt aber der Stamm
der Wirbeltiere. Schon neben ihrer kurzen Anstiegszeit in der
paläozoischen Epoche hatte er es zu drei Stufen hinauf gebracht, die
in der Nervenzentralisierung, im Gehirnbau, ihren Spitzen weit über
waren: zum Fisch, zum Amphibium, zum Reptil. Und von da ab durch
alle folgenden Millionen steigt und steigt nun dieser eine Stamm,
anstatt selber zu erstarren, fort und fort, -- er allein nicht bloß
zeitlich weiter wachsend, sondern fortgesetzt auch, was der kolossale
Unterschied gegen drüben ist, wachsend im Sinne von Steigerung. Ich
meine, es ist wirklich haltlose Spielerei, wenn einer ablehnen will,
daß dieses Wirbeltier die zentrale Linie war und bis heute blieb. In
der mesozoischen Epoche fällt in sie, während die Reptilien wieder in
die Variationsbreite gehen, der ungeheure weitere Ruck des Säugetiers,
-- des Säugetiergehirns, mag man ohne Umschweif sagen. In den Ausgang
der Kreidezeit fällt in diese Säugetiere der neue, offenbar abermals
ganz unerhört große Steigerungsruck der echten Plazentalsäuger. In
den Einzelgruppen ihrer Variationsbreite sieht man auch hier während
der Jahrmillionen der Tertiärzeit vielfach noch eine Weile gleichsam
die Steigerungsspannung dieses Rucks nachzittern; Marsh und Osborn
haben uns die famosen Gehirnausgüsse alttertiärer und spättertiärer
Huftiere gegeben, bei denen man deutlich verfolgt, daß auch in diesen
Nebengruppen die relative Gehirnmasse und die Gehirngestaltung noch
eine Weile leise anstieg. Man braucht aber nur eine Reihe Gehirne aus
der Primatengruppe, also von Halbaffen, Affen, Menschenaffen, daneben
zu legen, um abermals zu sehen, wo auch jetzt die zentrale Linie weiter
ging ohne anzuhalten, während dort wiederum bald Erstarrung eintrat.
Irgendwie in dieser Primatenfolge, jedenfalls aber auch hier nochmals
zentral der Steigerung nach, liegt dann als letzte, weit überbietende
Krone der Mensch selbst, was seit Linné, wie gesagt, zoologisch kein
Vernünftiger mehr zu bestreiten gewagt hat.
Dieses Durchhalten in der festen Richtung des Zentralnervensystems seit
so unermeßlichen Zeiträumen hat in jedem Betracht etwas Bedeutsames.
Karl Ernst von Baer, der alte verdienstvolle Begründer der neueren
Embryologie, hat gelegentlich gesagt, der Inhalt der Lebensentwicklung
sei der zunehmende Sieg des Geistes über den Stoff. Wenn man bei diesem
Geist sich nicht eine außernatürliche Macht denken will und sich auch
stets darüber klar bleibt, in wieviel Klammern der Instinkte usw.
das tierische Gehirnleben auf den untermenschlichen Stufen noch als
Geist liegt, so enthält dieser Satz die tiefste Wahrheit, die sich
vom Standpunkt des »Empor« über den Stammbaum des Lebens auf der Erde
aussprechen läßt. Für die Zukunft des Menschen ziehe ich aber ein paar
kurze Folgerungen aus der langen Rede.
Seit über hundert Millionen Jahren steht hinter dem Menschen also
ein zentraler, nie unterbrochener Lebensfortschritt, -- nicht bloß
ein einfaches Weiterleben, sondern eine unausgesetzte Steigerung im
Anschluß an die nervöse Zentralisierung, die noch jetzt der organische
Quell seiner Erfolge ist. Alle entschiedenen Steigerungswenden
tierischer Organisation liegen seit unfaßbar langen Zeiten in seinem
Stamm, dagegen keine einzige dauernde Erstarrung. Die letzte große
Wende (das ist sehr wichtig) liegt, nachdem in so viel Zeiten die
Steigerung nicht abgelassen hatte, erst verhältnismäßig ganz nah noch
hinter uns: der Ruck im Menschengehirn zur Kultur. Mag man ihn bis in
die Tertiärzeit schieben, so ist doch die Spanne seither im Vergleich
mit den früheren Zeiträumen winzig. Wir stehen also unzweideutig erst
grade wieder im _Anfang_ einer neuen Vertiefungsepoche, die an Kraft
der Steigerung, mit der auch sie eingesetzt hat, wahrlich nicht nach
»Nachlassen« aussieht; haben wir doch wohl mit Recht den Satz gewagt,
daß dieser Schritt im Menschengehirn zur Freiheit ungefähr noch einmal
als ebensoviel bezeichnet werden kann, wie alle Lebensentwicklung
zusammengenommen, vom grundlegenden ersten Zellenbau etwa abgesehen,
bis dahin geleistet hatte. Eine günstigere Wahrscheinlichkeit für auch
ferneren Lebensfortschritt überhaupt und dafür, daß dieser Fortschritt
auch weiterhin in der zentralen Linie des Menschen liegen werde, die
jetzt seit so endloser Zeit alle entscheidenden Steigerungstreffer
dort erhalten hat, kann nicht wohl aufgestellt werden.
* * * * *
Abermals doch knüpfen sich hier Fragen an, friedlichere auch jetzt,
nachdem die großen Drachen wohl etwas von ihren Schrecken eingebüßt
haben, aber Fragen. Wenn das »Erbe des Lebens« im Menschen also
vermutlich dazu führt, daß er wirklich auch weitergehen wird, so möchte
man gern wissen, inwiefern in dieses Weitergehen nun bestimmte Hilfen
noch weiter eingreifen könnten, wie sie früher die Entwicklung in Fluß
gehalten haben. Man könnte ja einen Augenblick denken, er braucht
nichts mehr von dem, was früher galt. Er hat doch jetzt seinen hellen
Verstand. Mit dem geht er überall frei aufs Ziel, braucht er keine
natürliche Zuchtwahl für sich mehr, wird er seinen Kulturfortschritt
selber fortan in die Hand nehmen. Neue Ideen wird er von hier erzeugen,
neue technische Erfindungen machen, neues von Sternen und Zeiten zu
sagen wissen, neue Ordnungen seines Zusammenlebens finden. Daran
glauben wir gewiß, an dieses wachsende Teil bewußter Selbstarbeit. Da
wir aber nach dieser Seite die nächsten Entdeckungen nicht nennen,
die nächsten Ideen nicht bezeichnen können (wir müßten sie ja selber
erst finden dazu, selber ein Stück Zukunft spielen), so wären wir hier
rasch am Ende weiterer Betrachtung. Inzwischen ist aber ebenso gewiß,
daß wir neben diesem hellen Felde im Menschen auch jetzt noch immer
ein tieferes, dunkleres haben, in dem zwar auch in ihm gearbeitet und
wohl auch Zukunftsarbeit grade getan wird, das aber seinem Bewußtsein
noch lange nicht so offen steht, sondern wo er immer noch auf tiefe
Naturhilfen von _Innen_ heraus auch im eigenen Selbst angewiesen ist,
nach wie vor. Wir haben solche Dinge erwähnt, die bei ihm doch auch
noch auf solches vom Verstand nicht unmittelbar erreichtes Innenland
wiesen: Triebhaftes, das nicht Instinkt war, doch aber unmittelbarer
tief heraus waltete, wie in Liebe, Gemütsdingen. Wir haben vom
geheimnisvollen »Es« gesprochen, mit dem die Kunst aus uns heraus
schafft, aber auch, wie die hier selbsttätig, traumartig auftauchende
Phantasie mit ihrem scheinbaren reinen Spiel von jeher Ideen, Einfälle
geliefert hat, die der Verstand selbst gebrauchen konnte auch für die
nüchternste »Wirklichkeit«. Hinter unsern größten Entdeckungen und
Erfindungen steht von je auch ein Stück solcher Phantasie. Diese Dinge
sollen alle auch keine »Wunder« sein im groben Sinne, sollen innerhalb
des Göttlich-Natürlichen, wie alles Obere schließlich auch, liegen;
aber sie bilden doch eine tiefere Unterschicht auch in uns hellen
Wesen dort. Dann ist da auch unser Intellekt selber als Instrument
sozusagen, mit dem wir oben so hell wirtschaften, wie wir wollen, der
aber zuletzt auch nach unten wieder an dieses Dunkle angewachsen ist,
von wo er zwar nicht Erfahrungsmaterial, aber Gesetze, Förderungen,
Schäden mitbekommen kann, die wir ihm nicht geben oder nehmen können.
Endlich ist außer diesen Dingen, die mehr oder minder alle um das
Gehirn liegen, auch noch unser übriger Körper vorhanden. Er stellt
im ganzen noch einmal wieder eine solche Geheimschrift für uns dar.
Noch ist unsere Stufe so, daß unsere tiefste Organisationseinheit
ihn zwar praktisch umfaßt bis in jede Faser, doch aber unser freier
Verstand noch lange nicht überall auch an ihn herankann. Äußerlich
beginnen wir ja auch damit schon lebhaft, große Forscher haben uns
über den Zellenstaat in uns bis zu gewissem Grade schon belehrt, der
Arzt schafft, wenn auch oft noch ein bißchen plump versuchend, an uns
und in uns herum, versucht den erkrankten Zellenstaat im Einzelfalle
als sozialer Helfer einzurenken, amputiert und immunisiert und so
fort. Eine gewaltige Zukunftsaufgabe wird auch hier der wachsende
bewußte, zweckdienliche Eingriff und Anschluß sein mit dem höchsten
Ideal, daß die Freiheit unseres Gehirns endlich auch zu diesem ganzen
Unterstock verfügende Macht bekäme, womit noch eine neue Stufe wohl
wieder erstiegen wäre in der Richtung der Vereinheitlichung durch das
Zentralnervensystem; unsere Enkel und Urenkel werden sicherlich auch
in dieser »Eroberung des Leibes« tatkräftig weitergehen, -- wer weiß
(im Traum gesagt), bis zu was für wunderbarem Ziel, wo Blutkreislauf,
Herzschlag, Verdauung usw. auch vom Gehirnbewußtsein her unmittelbar
beeinflußt werden könnten und der Kopf wirklich auf ganz normalem Wege
sozusagen hellsehend bis in die Eingeweide hinunter würde. Inzwischen
arbeitet aber bis auf weiteres unser unteres Zellenreich tatsächlich
noch in Ungezähltem wie eine Welt für sich, verwaltet sich nach altem
Naturbrauch weiter, bewährt ihr Automatisches und was sonst im alten
Naturerbe der alten Naturzüchtung steckt. An diesen Körper ist aber
auch noch wieder Fortpflanzung und Vererbung angeschlossen und ragt
mit ihm selber weit in das Dunkelgebiet, das wir einstweilen nur in
seinen Leistungen studieren, aber nicht selber umschrauben und lenken
können. Und in all diesen genannten Tiefenzonen unseres Menschenwesens
werden wir also auch weiter zweifellos noch das Walten der großen
unmittelbaren Entwicklungs- und Steigerungsgesetze des alten Lebens
erwarten müssen, die uns bis heran auf unsere Höhe gebracht haben.
Mag für ihre oberen Wege schon vieles neue, wie es die Kultur gibt,
in Betracht kommen: als innerlichste Mitspieler werden sie weder zu
umgehen, noch zu entbehren sein. Fragte sich, ob wir von _dieser_
Zukunftsarbeit nicht schon etwas gewahren könnten.
Hier ist nun freilich auch einstweilen ärgerlich, daß wir von dem »Wie«
der Umwandlung im tieferen Lebensbereich, dessen Spur wir hier an uns
selber wiederfinden möchten, so wenig ganz Sicheres wissen. So deutlich
wir jene zentrale Richtungsbahn im Stammbaum sowohl wie Umwandlungen
überhaupt sehen im Laufe der Vergangenheit, so wenig fest haben wir
noch heraus, nach was für einer Gesetzmäßigkeit sich jedesmal der
Umschwung selbst und vor allem die uns bedeutsamste Form dabei, die
eigentliche Steigerung, vollzogen hat.
Eine alte Idee meinte: es liegt nun einmal im Leben, daß es fort und
fort empor muß. Wie das Hühnchen im Ei aus einer kleinen Keimzelle
sich einfach gradeaus entwickeln muß zu einem fertigen Huhn mit all
seinen Organen, gepeitscht gleichsam von einem ehernen Gesetz, das
es in diese letzte Form schmieden soll, so werde auch der Stammbaum
der Arten im ganzen heraufgedrängt von einem solchen unentrinnbaren
Schicksalszug des »Empor«. Orthogenesis, zwangsweise Entwicklung nur
nach einer Richtung empor, könnte man das mit einem Fremdwort nennen.
Es ist richtig, der Gedanke ist auch besten Köpfen immer wieder so
aufgetaucht. Trotzdem will er uns, obwohl das Ergebnis schließlich
eines wirklichen großen »Empor« auch im Stammbaum vorliegt, in dieser
losen Form meist nicht recht genügen, er sieht so nach einem andern
Wort bloß ohne näheren Inhalt, den wir doch gerade suchen, aus.
Auch will das Stammbaumbild mit seinen stehenbleibenden Nebenästen,
gelegentlichen Variationsbreiten ohne Steigerung und ähnlichem, auch
wenn man an eine zentrale Linie glaubt, die immer emporgegangen ist,
trotzdem nicht ganz zu dem Bilde so passen. Schließlich ist das, wie
in unserm eigenen Alltagsleben mit dem Guten. Wir sehen es sich im
ganzen wohl durchsetzen, aber das geht doch nicht so wie in einem
einfachen Marsch aufs Ziel; daneben zeigen sich tausend Zickzackwege,
die doch auch einen Grund verlangen. Dahinein stellte sich nun
Darwins allbekannter Zuchtwahlgedanke. Das Leben habe allerdings
einen beständigen Zwang, sich zu verändern. Jede Art ergebe, anstatt
starr zu bleiben, was sie ist, in ihren Nachkommen immerzu gewisse
Varianten. Darunter seien bessere und schlechtere. Die besseren aber
erhielten sich im Lebenskampf auf die Dauer gegenüber allen andern,
und so könnte die Art steigen. Diese Lehre entspricht sicherlich
mehr dem wahren Stammbaumbilde, wo der Fortschrittsbaum beständig
aus einem breiten Variationsrasen zu wachsen scheint, -- ihr Weg ist
stets etwas loser. Zum Ziel muß sie aber natürlich auch kommen. Um
den großen Aufstieg zu erklären, muß sie annehmen, daß hundert und
mehr Millionen Jahre lang nach gewisser Richtung immer wieder bessere
Varianten dabei waren, die zum Siege kamen. In diesem Sinne haben
beide Lehren doch wieder eine gewisse letzte Ähnlichkeit, und wie
sollten sie nicht, da zuletzt die zu deutenden Tatsachen immer die
gleichen bleiben. Seit aber Darwins Idee in der Welt ist, hat man sich
auch immer wieder bemüht, ob man nicht doch in der Gegend der guten
Varianten zu einem noch etwas graderen Wege kommen könne. Eine Partei
hat immer wieder Gewicht auf Lernen und Übung der Einzelwesen gelegt.
Von hier sollte der Fortschritt doch, wenn das Spiel einmal im Gange
war, noch unmittelbarer beeinflußt worden sein, indem eine Art, die
etwa ein Organ besonders eifrig übte, schon immer mehr gute Varianten
in dieser Richtung (mit bereits verfeinertem Organ) hervorgebracht
hätte. Im Verfolg haben viele hier sogar das ganze Fortschrittsprinzip
sehen wollen; andere haben bestritten, daß Übung und Lernen so auf
die Nachkommen unmittelbar fortwirken könnten; noch andere haben
verwickelte dritte Erklärungen gesucht, um das letztere (Nichtvererbung
einer erworbenen Organverbesserung) zu halten und das erste doch nicht
ganz zu umgehen. Der Streit ist hier noch ungeschlichtet.
Unterdessen haben aber noch andere versucht, das »Gut« und »Schlecht«
der neuen Variationen ohne solche Übungsvererbung an sich vertiefter
zu fassen. De Vries hat gelehrt, neben den kleinen besseren und
schlechteren Varianten habe es zeitweise immer einmal größere
Umwandlungen, »Mutationen«, gegeben, die, am betreffenden Fleck bei
vielen Individuen zugleich auftretend, das ganze Artbild ruckweise von
innen heraus zu einer neuen Einheit gestaltet hätten; sei solche neue
Einheit besser gewesen, so habe sie sich gleich so durchgesetzt, und
alle Umwandlung der Arten sei nur über solche Mutationen gegangen.
Hier ließe sich, wenn die Sache genau stimmt, doch noch wieder manches
überdenken. In der Linie zum Menschen, die seit hundert Millionen
Jahren jetzt immer Wandel und Fortschritt gezeigt hat, müßten also in
all der Zeit immer wieder solche großen Mutationen, und zwar stets
gute, steigernde dabei, gelegen haben. Hier könnte zu denken geben,
daß wir doch in dieser zentralen Linie das Gewicht schon aufwachsende
Einheit in der Organisation legten. Sie bedingte uns die eigentliche
Steigerung überall. Sind nur diese eigentlichen Steigerungen Werke
der Mutationen, während vielleicht die gewöhnliche Wechselbreite der
Artentfaltung Ergebnis des einfachen kleinen Variierens wäre, das
den Stammbaum in der Breite reicher macht, aber nicht am »Empor«
arbeitet? Das wäre schon interessant. Man könnte sich denken, daß
grade das Zentralnervensystem mit seinem Einheitszug einen besonderen
Zug zu Mutationen hatte. Wieder aber von da schweift der Gedanke. Ob
in den Mutationen nicht doch ein »orthogenetisches«, unmittelbareres
Fortschrittsprinzip verkappt stecken könnte. Nach de Vries können sie
zwar bald gut, bald schlecht sein, obwohl stets mit innerer Einheit,
also sozusagen als ganze Kerle in ihrem Fall, ganze Engel, ganze
Teufel, nicht Halbwerk. Wenn es aber von je doch auch schon Mittel
und Wege in der Entwicklung gegeben hätte, den Mutationen bestimmte
Richtungen zu geben? Jener Einfluß von Gebrauch und Nichtgebrauch
eines Organs könnte hineingespielt haben, ihn einmal zugegeben. Im
gewöhnlichen Sinne verfeinerte er bloß das viel geübte Organ bei den
Nachkommen. Zog er aber auch Mutationen heran, und zog sie gleichsam
in seine Folge nach irgendeinem Geheimgesetz, so konnte Gewaltiges
erfolgen: das Organ konnte nach ganz neuer verbesserter Zweckeinheit
stoßweise umgeschaffen werden und wohl noch weiter ein ganzes
Organsystem so auf eine neue höhere Stufe mit einem Ruck gebracht
werden. Die Nutzanwendung wieder auf das Zentralnervensystem, von
dem die ganze übrige Körpereinheit abhing, liegt auf der Hand, --
hier hätten bestimmt gerichtete Fortschrittsmutationen stets die
gesamte Organisation auf eine neue verbesserte Grundlage heraufreißen
müssen; man denkt unwillkürlich an den Ruck vom Reptil etwa zum
Säugetier oder -- wir reden ja doch auf ihn immer wieder hin -- vom
ursprünglichen Primaten zum Menschen. Schwere Fragen, -- ja, wer will
die einstweilen lösen? Mag man alles, was man »mystisch« zu nennen
pflegt, d. h. alle Eingriffe und Gängelbänder von außen in dem großen
heiligen Selbstvorgang der natürlichen Lebensentfaltung folgerichtig
ablehnen, -- zugeben wird man müssen, daß wir in diesem »Natürlichen«
durchaus auch noch im Lande der »unbegrenzten Möglichkeiten« sind.
Wenn uns Darwin die entscheidende Frage in die Varianten gelegt hat,
so war das gewiß ein Schritt weiter. Aber nun steht die Schlachtlinie
wieder dort. Sind die Varianten schon auf Richtungen beeinflußt, sind
die wahren Steigerungsvarianten ruckweise Mutationen, sind diese
Mutationssteigerungen selber schon bestimmt gerichtet, -- Fragen,
starke Fragen, wert als Erkenntnisnüsse ersten Ranges geknackt
zu werden, aber, Hand aufs Herz, grade in der untermenschlichen
Welt des Lebens zurzeit ungeknackt oder doch nur mit losen
Denkwahrscheinlichkeiten vorläufig hier und da durchleuchtet. Statt den
Menschen von hier zu enträtseln, werden wir fast mehr geneigt sein,
von ihm aus rückwärts nach dort hinunter noch etwas mehr verstehen
zu lernen. Und nur ein Fingerzeig mag uns doch eben auch bei ihm
gegeben sein, daß wir gegenüber all jenen Dunkelgebieten in ihm unser
Augenmerk darauf richten, ob und wie auch dort das _Variieren_ selber
sich äußere. Wenn an diesem Variieren aller nicht vom freien Intellekt
erzielte Fortschritt von je irgendwie gehangen hat, so müssen wir doch
annehmen, daß auch in allem tieferen Menschentum, das der Intellekt
zwar verwerten und kulturell ausgestalten, aber nicht selber bisher
erzeugen oder beeinflussen kann (erinnern wir uns noch einmal an das
alte Bild, daß der Mensch zwar den Baum der Erkenntnis, aber noch nicht
den des Lebens besitzt!), dieses natürliche Variieren fortgesetzt eine
gewaltige, ja entscheidende Rolle spielen müsse. Obwohl die meisten
Menschen, die bei Zukunft der Menschheit an Gott weiß was für kühne
Utopien denken, diesem schlichten Punkt kaum eine Beachtung zu schenken
pflegen, scheint er mir doch der zurzeit allerbedeutsamste und wirklich
lehrreichste zu sein.
Vorweg vom menschlichen Körper, wie er vorhin in einen gewissen
Gegensatz zu unserm Großhirngeist gebracht ist, ist ja schon ganz
oberflächlich gesehen kein Zweifel, daß er individuell ganz
unverkennbar auch jetzt noch _unausgesetzt variiert_. Jeder von uns
ist Zeuge dessen mit seinem persönlichen Gesicht, aus dem dich aus dem
Spiegel nicht die Menschheit, auch nicht bloß deine Rasse, dein Volk
anschauen, sondern eben noch einmal du, deine persönliche Variante
dort. Wie weit das aber bis in die kleinsten Maße, Verhältnisse,
Muskelzüge und Organeinzelheiten geht, davon wissen sowohl unsere
Kriminalbeamten, wenn sie jemand genau wiedererkennen wollen, zu sagen,
wie auch unsere Handwahrsagerinnen, die zwar nicht viel Schicksal aus
der Hand lesen werden, aber doch das eine jeden lehren mögen, daß zu
seinem Schicksal auch seine Hand mit persönlichen Variationslinien
gehört. Unzähliges sieht auch hier wie ziemlich belangloses Spielen
aus, das wir im Geistesleben lose Phantasie nennen würden und das die
ewigen Kreuzungen noch ins Unendliche weitertreiben. Daneben erscheinen
aber auch schon Dinge, die doch nicht ohne Belang sind. Wir sehen von
Geburt an widerstandsfähigere, gesündere Varianten neben schwächeren,
harmonisch schönere Körper neben häßlicheren, reinere Rassentypen neben
verwischteren. Und auch über dem Schicksal dieser Varianten, dieser
Plus- und Minusvarianten, walten entschiedene Auslesen in Darwins Sinn.
Teils begünstigt der Intellekt das Bessere und merzt das Schlechtere
aus, teils bleibt doch auch hier ein Teil einfacher Zuchtwahl im Spiel,
die den körperlich gesünderen, edleren, echteren Typus im allgemeinen
weiter kommen läßt, als den geschwächten. Zwar gibt unser kulturelles
Wirtschaftsleben hier viele Verschiebungen hinein und scheint oft einer
rechten Zuchtwahl des körperlich Besseren gradezu entgegenzuarbeiten.
Doch wirken soziale Besserungen dem auch umgekehrt wieder entgegen,
über deren Fortschritt mit unserer Kultur doch auch kein Zweifel
ist. Einzelne speziell menschliche Zuchtwahlfragen wird der Verstand
in der Folge noch ganz besonders hier zu regeln haben, er sieht sie
dafür aber auch schon jetzt. So ist unser allgemeines Mitleid, diese
herrliche Blüte grade unseres edelsten Menschentums, doch immerfort
auch ein leiser Anlaß zu einer Art »negativer Zuchtwahl«, indem sie
auch den körperlich Minderwertigen durchs Leben zu helfen sucht.
Nun kann man zwar sagen, daß viele sonst körperlich Schwache doch
geistig noch vieles, selbst Großes leisten können, -- man denke nur
an den kranken Spinoza als riesengroßen Denker, und daß sich hier oft
schon ein Ausgleich für das Menschheitskapital im ganzen ergeben
wird; auch ist Mitleid selber so hohe Gotteskraft in uns, daß es
sich auf alle Fälle durchsetzen muß. Aber eine gewisse Verschiebung
der Auslese zum Besseren liegt hier körperlich gewiß vor, die unser
Kulturverstand im ganzen noch wird wieder korrigieren müssen. Ich sehe
auch da einen Hauptfortschritt im Sozialen, das der gesunden Variante
immer mehr freie Bahn schafft, sie immer vollkommener zur Entfaltung
kommen läßt; dann können wir schon manches Minderwertige um Gottes
Lohn mitschleppen, wenn nur das Tüchtige Luft und Licht in jedem Fall
bekommt. Vergessen wir nicht, daß auch im Kriege nach der einen Seite
eine gefährliche »negative Auslese« dieser Art liegt, das Opfer grade
zahlloser körperlich bester Elemente; auch hier muß uns eine tiefe
Mahnung liegen, daß auf jeden Krieg, auch den sieghaftesten, eine
Zeit verdoppelter sozialer Hilfsarbeit folgen muß, die dem Volke erst
wieder auf sein Gleichgewicht heraufhilft, indem sie _jedem_ tüchtigen
Element, wo immer es sich bietet, verdoppelt Licht und Raum schafft.
Im ganzen aber wird man, wenn man auf alle diese Dinge blickt, sagen,
daß aus diesem individuellen Körperspiel mit seinen kleinen Plus- und
Minusvarianten doch noch nicht eigentlich Änderungen oder gar große
Fortschritte bei uns herauszusteigen scheinen, sondern es macht den
Eindruck, daß es sich dabei im letzten Ausgleich immer nur um eine
gewisse Erhaltung des Bestehenden auf einem ungefähr guten Fuß handelt.
Wir müssen an dieser Stelle zufrieden sein, daß sich eine ungefähr
gesunde, nicht unedel gebildete, ihre alten Körperfügungen in Rasse und
sonst mehr oder minder rein ausdrückende Menschheit im ~status quo~
behaupte.